Keine politische Blüte: eine kleine Bilanz
Nach der letzten Erfahrung mit "pro Deutschland" überwältigt mich die Erkenntnis, die "Lage der Nation" wird sich in Deutschland in absehbarer Zukunft nicht verbessern.
Es
gibt zurzeit wohl nur ein - einziges - politisches oder zumindest
semipolitisches Milieu, von dem man sich als Jude in Deutschland eine
Kleinigkeit erhoffen kann: Das sind die "Jungle World"-Leute und der benachbarte Kreis der sog. Antideutschen,
die in puncto Israel sich nicht verwirren lassen und gegen den
Zeitgeist fest an der Seite der Kultur stehen. Allerdings haben sie,
was das Deutsche angeht, normalerweise recht wenig bis gar nichts
anzubieten.
Von der sonstigen Linken (sofern die Antideutschen
überhaupt zur Linken zu rechnen sind) ist nichts mehr zu erwarten,
steckt sie großteils seit Jahrzehnten in einer dezidiert antijüdischen
Tradition, zu der auch die Entführung und Selektion jüdischer
Flugzeugpassagiere gehört haben. Ganz zu schweigen von Leuten, die
sogar heute noch im Bundestag sind, wie etwa Hans-Christian Ströbele,
die sich 1991 in Israel einen Namen machte, da er es für ganz nötig
hielt, Deutschland, aber auch den dortigen Juden zugleich zu erklären,
sie seien an den Raketenangriffen durch den Massenmörder Saddam Hussein
selber schuld. Kurzum: Je linker man in Deutschland ist, umso tiefer
ist dann die ideologische Vorbelastung, umso schlimmer auch die sich
nur noch psychopathologisch erklärende Blindheit für bestimmte
Sachverhalte. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Als Privatperson
ist Herr Ströbele (2009 übrigens mein Büronachbar) ziemlich
uninteressant, besorgniserregend ist vielmehr die Tatsache, dass er
dank eines Direktmandates (!) im Bundestag sitzt.
Haben die
Linken jedoch - zumindest theoretisch gesehen - irgendwelche
"Prinzipien", die in der bürgerlichen Gesellschaft als Warnsignale
dienen, so ist es in der von Union und FDP beherrschten "Mitte" noch
viel schlimmer. Da hat man inzwischen eine grundlose Objektivität zum
selbstgerechten Dogma erhoben und sich somit in moralischer Hinsicht
auf dieselbe Stufe erniedrigt wie die UNO (die ihr kulturförderndes
Potenzial übrigens längst erschöpft hat, Weiteres dazu in der "Welt").
Denn
jene sich gerne nützlich machenden Linken, die jährlich im öffentlichen
Hetz- und Hassumzug, den man fälschlicherweise noch immer "al-Quds-Tag"
nennt, unter dem Slogan "gegen Zionismus und Antisemitismus" [sic]
mitmachen, versuchen ihre Sympathie fürs Böse immerhin nicht zu
verheimlichen. Wirklich gefährlich sind hingegen diejenigen, die sich
einer vermeintlichen "Mitte" zuschreiben und sich sehr viel Mühe geben,
um beiden Seiten mit "Verständnis" zu begegnen, während die Geschäfte
mit dem rasant nuklear werdenden Iran in ihrer Verantwortung auch
weiterhin blühen dürfen.
So bleibt einem nur noch das rechte
Spektrum, von dem man schon erwarten dürfte, zwischen Kultur und Unkultur
klare Grenzen zu ziehen, ja sich noch überhaupt an den Kulturbegriff zu
halten. Doch was für Gründe gibt es, dort eine gewisse Blüte zu
vermuten? Zu beobachten sind nun schon einige Anzeichen:
In der Jungen Freiheit
erscheint der Bruch mit Hitler glaubwürdig vollzogen. Vielleicht ist
Stauffenberg, der unter Hitler ziemlich lange mitmachte, keine perfekte
Identifikationsfigur; doch wenn das Bundesministerium der Verteidigung
in der nach Stauffenberg umbenannten Bendlerstraße residieren will und
die deutschen Staatsträger am dortigen Denkmal jährlich einen Kranz
niederlegen, darf sich die JF allemal ebenfalls dieses Erbes annehmen.
Dieter Stein und seine Leute sind zwar keine Freunde Israels, aber
verglichen mit anderen, sogar "salonfähigen" Zeitungen wie FR, taz u.
dgl. kann man sich kaum über die JF beschweren (und nebenbei: der
deutsche Salon - ein No-Go-Area?). Jedoch besteht vermutlich eine große
Diskrepanz zwischen den Zeitungsmachern und deren Lesern.
Die meistens anspruchsvoll gemachte Zeitschrift "Sezession"
sowie die sonstige Tätigkeit im Antaios-Verlag rund um Götz Kubitschek
bezeugen m. E. den Willen, fürs heutige Deutschland ein neues
Gedankenfundament zu schaffen, das sowohl dem aktuellen Stand gerecht
wird als auch intellektuelle Erwartungen zu erfüllen sucht. So weit, so
gut, nur glaube ich nach vielen Recherchen, langen Beobachtungen und
manchen Gesprächen in diesem Milieu, dass es den Sezessionisten
innerlich und insgeheim doch lieber gewesen wäre, wenn Hitler den Krieg
gewonnen hätte. Damit will ich nicht behaupten, sie möchten jetzt noch
einen neuen Hitler großziehen, aber faschistische, weil Staatsmacht und
Kampfschmiede verherrlichende Tendenzen sind nicht zu übersehen. Ferner
führt man da, allgemein gesprochen, eine ziemlich komplizierte, von
Neid bestimmte Beziehung zum Jüdischen: einerseits wird gegen die Juden
Groll gehegt, weil sie aus dem letzten Krieg eine nationale Renaissance
schöpfen, während den Deutschen nur noch Selbstverachtung gegönnt wird;
andererseits bewundert man gerade angesichts dieses Wunders das heutige
Israel, dessen "Unverschämtheit" die Sezessionisten wohl am liebsten
auch hierzulande ausleben würden. Trotzdem widerstehen sie nur viel zu
selten der Versuchung, die Geschehnisse im Namen Osten zu missbrauchen,
um Israel mal wieder an den Pranger zu stellen und sich selbst zu
"beweisen", dass die Juden "es" anderen doch auch antäten.
Heutzutage
fungieren ja nicht nur die Druckmedien, sondern vermehrt auch das
Internet als die Agora, auf der Gleich- oder zumindest ähnlich Gesinnte
zueinander finden und eine gewisse "Bewegung" entstehen lassen können.
In dieser Hinsicht zeichnet sich z. b. Politically Incorrect
(PI) durch islamkritische und proisraelische Positionen aus. Beobachtet
man die große Resonanz in der deutschen Blogosphäre, so scheint PI zu
einem wichtigen Spieler geworden zu sein, der bald vielleicht auf in
der internetmedialen "Bundesliga" auftreten würde. Dabei höre ich in
meinem Umfeld immer wieder, den PI-Leuten gehe es nicht wirklich um
Israel, sondern sie würden das Thema Israel nur zu ihren Gunsten
nützen, nämlich um sich selbst als anti-rassistisch darzustellen. Dass
hinter solchen Sprüchen wirklich etwas stünde, ist eher zweifelhaft.
Auf proisraelischen Kundgebungen lassen sich immer wieder auch
PI-Sympathisanten treffen. Allerdings figuriert PI fast nur medial;
richtig politisch werden traut man sich da anscheinend noch nicht.
Dafür
macht sich auf dem realpolitischen Feld seit einigen Jahren "pro
Deutschland" präsent, und zwar mit bundesligamäßigen Aspirationen. Doch
von einem dortigen Bruch mit dem Antisemitismus kann leider keine Rede
sein - meinen Erfahrungsbericht findet man bekanntermaßen hier.
Also
bleibt man verzweifelt dastehen und spürt, wie einem sich die Frage
aufdrängt: Wo ist der deutsche Geert Wilders, der auf dem politischen
Spielfeld israelsolidarisch proabendländische Positionen mit Anstand
und Würde vertreten könnte? Unterstützung gäbe es schon, auch von
erwachten Linken, die momentan auch kein politisches Zuhause haben.
Dabei denke ich etwa an einen Freund, einen gewesenen 68er, dessen
Freundeskreis später teilweise in der Bewegung 2. Juni landete und
Juden entführte. "Wenn Israel fällt," erklärte er mir letzten Winter in der Berliner Deponie, "steht nichts mehr zwischen uns und
der Barbarei."
Man schaut sich also - auch und gerade als Jude - in Deutschland um und weiß nicht mehr, wohin. Die Auswahl ist groß und umso schwieriger fällt einem die Entscheidung: Ist man bei den linken, den rechten oder den islamischen Antisemiten am besten aufgehoben?
Na gut, hier wird vermutlich zu viel verlangt; denn mit welcher Wahrscheinlichkeit hätte schon ein Deutscher, der in Israel lebt, eine geistig-politische Heimat? ...wobei ich da wiederum nicht wenige Deutsche kenne, die sich bei den einen oder anderen Juden doch ganz wohl fühlen.
Vielleicht ist
das für Deutschland noch zu früh. Seit Kriegsende sind ja kaum sieben
Jahrzehnte vergangen. Vielleicht darf man einfach nicht so viel
erwarten, vielleicht ist die politisch-intellektuelle Verkrüppelung
geradezu geboten.
So bleibt noch die Frage, ob es in Deutschland
auf diesem Gebiet je zu einer positiven Wende kommen könnte. Ob es hier
eines Tages überhaupt genug Menschen gäbe, die beides zu tun verstehen:
sich sowohl des Holocaust-Erbes annehmen als auch sich des deutschen
Erbes erbarmen. Wäre eine "kritische Masse" hiervon überhaupt denkbar?
Wahrscheinlich nicht. Und wenn es bei den Wenigen bleibt: Ob es dann
doch in Richtung Vergeistigung geht,
ob aus den Wenigen im Laufe der Zeit eine proisraelische, prodeutsche
"Gelehrtenrepublik" entsteht, welche die deutsche Substanz in geistiger
Form zu bewahren weiß? Vielleicht wären mit etwas so Mildem auch die
Antideutschen "einverstanden".
Nun also darf man zum Abschluss
den unzähligen Polizisten, die an diesem Samstag die bürgerliche
Normalbevölkerung vor den "Qudstag"-Marschierenden schützen werden,
viel Erfolg wünschen. Hoffentlich werden sie diesmal nicht so
rückgratlos sein wie früher, als sie, von den marschierenden Fanatikern
gehetzt und selber beängstigt, in private Wohnungen eindrangen und
Israel-Fahnen beschlagnahmten, damit sich auf Kosten von
ach-leider-doch-nicht verfassungsgeschützten Grundrechten die
islamische Masse wieder beruhigen ließ. Hier ein berühmtes Beispiel,
auf das seinerzeit auch eine offizielle Entschuldigung folgte. Und hier ein anderes, das dieselbe Polizei offenbar nicht verhindern konnte: Deutschland, 1939-2009. Doch
liebe Polizisten: Spart euch heuer die Entschuldigung. Denn ihr tragt
nicht alleine die Schuld. Euer Staat hat kläglich versagt - und wird es allem Anschein nach auch in Zukunft tun. Bleibt stark.
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"Man schaut sich also - auch und gerade als Jude - in Deutschland um und weiß nicht mehr, wohin. Die Auswahl ist groß und umso schwieriger fällt einem die Entscheidung: Ist man bei den linken, den rechten oder den islamischen Antisemiten am besten aufgehoben?"
Bedürfen Sie einer Heimat, die außerhalb von Ihnen liegt? Ich denke, das WORT der Toten ist lebendiger als das Wort der Lebenden.
Yoav Sapir, als Berliner sollte man vieleicht mal vor die Haustör gucken.
Das Land Brandenburg baut grade Stück für Stück und ganz pragmatisch, in vielfältiger Weise seine Kontakte zu Israel aus.
http://www.europa.brandenburg.de/...b1.c.171234.de
erst im April war er ja mit Schülern aus Ostbrandenburg und Unternehmen aus Brandenburg da.
Hoch spannend, was da derzeit passiert.
http://www.stk.brandenburg.de/...d=bb1.c.149096.de
Man sollte bei allem immer auch die Zukunft im Augen behalten..