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Der Holocaustkult: Skizze einer Analyse

von Yoav Sapir, 08. März 2008, 00:10

Inwiefern ist die Holocaustaufarbeitung in den letzten Jahrzehnten Religion bzw. Zivilreligion geworden?

Vorbemerkung: Bei diesem Gedankenexperiment gehe ich nicht der Frage nach, wie das hier besprochene Phänomen zu bewerten ist. Als Sohn eines Überlebenden bin ich der Ansicht, die intensive Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Judenvernichtung ist völlig am Platze. Nichtsdestoweniger verdient das Phänomen auch eine kritische Betrachtung, die es begrifflich zu erfassen sucht. 

Der Sinn der obigen Fragestellung besteht also nicht darin, über ihren Gegenstand zu urteilen, geschweige denn auf eine negative Art und Weise; die zentrale Bedeutung des Holocaust fürs heutige Abendland halte ich für gerechtfertigt. Nichtsdestoweniger - wenn nicht gerade deswegen - tut es aus meiner Sicht Not, diese Bedeutung, ja diese fundamentale Funktion in all ihren nur scheinbar jeweils alleinstehenden Manifestationen begreiflich zu machen, nämlich als ein Phänomen.

Handelt es sich um ein zivilreligiöses Phänomen, so muss dieses Phänomen durch entsprechende Merkmale charakterisierbar sein. Die öffentliche Vergangenheitsbewältigung weist m. E. folgende Charakteristika auf, die auf eine solche Entwicklung in Richtung Zivilreligion hinweisen:

1. Kultstätten bzw. Heiligtümer: Museen, Gedenkstätten, Mahnmale etc., in denen man sich zum Holocaust bekennt bzw. sein Bekenntnis durch passive Teilnahme bestätigt (in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem brennt im Einklang mit Tempeltraditionen sogar eine ewige Flamme).

2. Theologische Seminare: Unzählbare Forschungsinstitute, Lehrstühle usw.

3. Credo: Während im Christentum die Dreieinigkeit die zenrale Rolle spielt, steht im Mittelpunkt des Holocaustkultes die (offensichtlich aufgerundete) Sechs-Millionen-Zahl, die in allen Heiligtümern, aber auch anderwärts, etwa in Gedenkreden bzw. Predigten u. Ä. postuliert wird.

4. Märtyrer und Heilige: Anne Frank, Selma Meerbaum-Eisinger, Henryk Goldszmit bzw. Janusz Korczak und, und, und... Darunter auch Deutsche wie Otto Weidt, die vom jüdischen Volke posthum offiziell als Gerechte unter den Völkern anerkannt worden sind. Durch die beim Opferkult stattfindende, rituell verfestigte Identifikation mit solchen Gestalten integriert man sich in das Narrativ der "guten" Opfer bei gleichzeitiger Selbstabgrenzung von den "bösen" Tätern.

5. Kanonische Texte: Jede Menge, sogar in filmischer Form (etwa Claude Lanzmanns Shoah, Frankreich 1985).

6. Festtage: Offiziell wird der Holocaust als zentrale Erscheinung des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar (Befreiung von Auschwitz) gefeiert. Insbesondere in Deutschland kreist das Jahr auch um den 9. November (Reichskristallnacht). In Berlin wird sogar der 28. Februar (Fabrikaktion) festlich begangen. Mit den Festtagen hängt das Ritual eng zusammen.

7. Gaben: Die Heiligtümer und die theologischen Seminare müssen ja finanziert werden, sei es durch Steuergelder oder auch durch freiwillige Spenden.

8. Geistlichkeit: Und zwar hierarchisiert, von den Wärtern in den Heiligtümern über die Guides als Vermittler des Katechismus bis hin zu den oberpriestlichen Forschern und Dozenten. Der ganze Klerus lebt praktisch von den Gaben, die die Gesellschaft dem Holocaustkult entrichtet.

9. Monopol auf die legitime Interpretation: Wie überall geht es auch bei dieser Religion vornehmlich um Macht, die die Priester- und Levitenzunft nicht zuletzt auch zur Bewahrung der finanziellen Basis benötigt. Anders Denkende werden mithin, wie damals von der katholischen Kirche, zum Schutze des eigenen Kultgegenstandes durch dogmatische Gesetzgebung verfolgt (vgl. David Irving, Ernst Zündel).

10. Internationalismus bzw. Ökumenismus: Im Gegensatz zu nationalstaatlichen Zivilreligionen ist die Ausbreitung des Holocaustkultes nicht geographisch - und schon gar nicht ethnisch oder konfessionell beschränkt. Ganz im Gegenteil: Der Klerus erhebt Anspruch auf "Katholizismus" im wahrsten Sinne des Wortes (alle betreffend, alles umfassend); der Kult wird demzufolge immer weiter verbreitet; es entstehen dort neue Heiligtümer, wo es bis vor kurzem noch keine gegeben hat (z. B. in Washington D.C., Paris, Berlin, Warschau, Budapest, Japan und an zahlreichen anderen Orten); seine heiligen Texte erfreuen sich, insbesondere in filmischer Form, grenzüberschreitender Rezeption; und auch seine Feste, vor allem der 27. Januar, werden international gefeiert.

11. Kritikscheu: Der numinose Charakter, der dem Gegenstand des Holocaustkultes anhaftet und ihn zu umgeben scheint, führt, wie es etwa in Fall "Binjamin Wilkomirski" ersichtlich wurde, oft zur Aussetzung des kritischen Umgangs mit dem, was zu diesem Gegenstand gerechnet wird und demzufolge implizit als sakrosankt gilt.

12. Narrative Bedeutung: Der Gegenstand des Holocaustkultes ist wichtiger (im Abendland sogar fundamentaler) Bestandteil unseres heutigen Weltbildes. Der Holocaustkult vermittelt uns bereits bei der Sozialisierung die angeblichen notwendigen Koordinaten zur Deutung unserer politischen und historischen Umgebung in einer Welt, die aus dem Zweiten Weltkrieg hervorgegangen ist. In diesem Narrativ bildet die nationalsozialistische Judenverfolgung und -vernichtung "a negative myth of origin for the post[-]war world" (Avishai Margalit and Gabriel Motzkin, "The Uniqueness of the Holocaust", Philosophy and Public Affairs 25 (1996), pp. 65-83, here 80-81). Ähnliches meint auch mein früherer Betreuer, Moshe Zimmermann: "Daß die Shoah zum Fundament der Welt geworden ist, kann man nicht bestreiten." ("Globalisierte Erinnerung", in: Zeichen, 2/2000; verfügbar auch im Internet)

Fazit: Diese Problematik stellt für die Forschung eine Herausforderung dar. Genau so, wie die Geschichte des Christentums nicht identisch ist mit der Geschichte des Lebens Jesu, der noch nichts vom "Christentum" wusste, gehören zur Geschichte des "Holocaust" eher die Manifestationen dieses Begriffs (sinngemäß außerhalb des nationalsozialistischen Herrschaftsbereiches bzw. nach dem Untergang dieses Regimes) als die tatsächlichen Geschehnisse an einem beliebigen Tag in diesem oder jenem Ghetto. Eine Chronik des Phänomens "Holocaust" darf daher grundsätzlich keine Chronik der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -vernichtung mehr sein (zur Differenzierung zwischen Chronik und Geschichte siehe den Beitrag "Was heißt eigentlich 'Geschichte'?").

 

Soweit die Skizze. Und jetzt: eure Kritik daran?

 

 





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