Die Prominenz der neuen Juden
von Yoav Sapir, 28. Mai 2009, 17:06
Wer beobachtet, dem fällt es auf: In Deutschland gibt es sehr viele neue Juden.
Ob angehende oder schon amtierende Rabbiner und Kantoren, Religionslehrer, Professoren und sonstige Funktionsträger: Nicht nur, aber besonders in der jüdischen Prominenz, d.h. unter den "Berufsjuden", sind hierzulande gerade diejenigen deutlich überrepräsentiert, die mit sonstiger Volkszugehörigkeit geboren, aufgewachsen und sozialisiert sind. Selbst in der jüdischen Blogosphäre in deutscher Sprache sind die meisten Blogger m. W. keine geborenen Juden, sondern Israel erst als Erwachsene beigetreten (was ich natürlich ganz in Ordnung finde und hier keineswegs negativ bewertet wird).
Zum jüdischen Volk, jüdischer Politik, jüdischem Denken etc. haben von jeher auch Proselyten beigetragen. So sollen etwa Schma'aja und Awtaljon, zwei frührabbinische Weise, Proselyten gewesen sein (was allerdings umstritten ist). Ab einem gewissen Punkt stellt sich aber die Frage: Wer assimiliert sich eigentlich in wen? Die neuen in die Eingeborenen oder eher umgekehrt? Denn gerade im Hinblick auf die unaufhörliche Konstruktion jüdischer Identitäten spielt die regionale sowie die überregionale Prominenz eine entscheidende Rolle.
Irgendwann hört man also auf, die Prominenz der neuen Juden als eine lustige Anhäufung von Zufällen beiseite zu schieben. Es zeigt sich dann ein Phänomen, und zwar ein anscheinend spezifisch deutsches, das es in anderen Ländern (etwa in den USA, Frankreich, England etc.) entweder nicht gibt oder sich dort erst langsam abzuzeichnen scheint (Polen, Rumänien u. Ä.).
Ein anderer Aspekt dieses Phänomens ist die relativ sehr hohe Zahl von Nichtjuden, die sich an den Universitäten den jüdischen Studien widmen. Da bilden nämlich die nichtjüdischen Studierenden die Mehrheit, m. W. überall in Deutschland, wo das Fach angeboten wird. Dass die Nichtjuden in diesem Lande sowieso die Mehrheit bilden, ist eine Korrelation, die noch keine Kausalität bedeutet: Auch in den USA sind die Nichtjuden die eindeutige Mehrheit, doch sind es da vor allem Juden, die sich diesem (eigenen) Themenbereich widmen, sowohl als Studenten wie auch später als Forscher und Dozenten.
Das heißt natürlich nicht, dass all diese deutschen Studenten gleich dem jüdischen Volk beitreten wollen (obwohl nicht wenige in diesem Fach ihre Identität suchen odar gar einen intimen Wunsch nach Übertritt zum Ausdruck bringen). Es deutet aber auf großes Interesse hin, das hierzulande ausnahmsweise gerade bei Nichtjuden besteht. Von diesen Deutschen, die sich (ob im Rahmen des Studiums oder sonstwie) für diese Thematik interessieren, treten manche dann tatsächlich über. Mir liegt natürlich keine Statistik vor, aber ich habe den Eindruck gewonnen, dass es hierzulande im Vergleich mit anderen Ländern überdurchschnittlich viele Übertritte gibt. Die Auffälligkeit der Neuankömmlinge in der jüdischen Prominenz lässt sich zwar nichr nur, aber vielleicht auch vor diesem zahlenmäßigen Hintergrund erklären.
Als solches hat dieses Phänomen nichts mit Spiritualität zu tun. Diese ist bei vielen, hoffentlich sogar den meisten Übertritten ein wichtiges Moment, aber sie vermag nicht zu erklären, warum es dieses große Interesse gibt - und warum dieses Interesse relativ oft nicht Privatsache bleibt, sondern in die Öffentlichkeit führt.
Und nicht zuletzt fragt man sich auch, was jene neuen Juden, die es trotz des Übertritts erst als Erwachsene ausgerechnet in die Öffentlichkeit zieht, von denjenigen erwarten dürften, in deren Mitte sie nach dem Übertritt aufgenommen werden wollen. Ob es dabei aber überhaupt um die Eingeborenen geht?
Diese irritierenden Fragen kann ich nicht beantworten, sondern nur zwei analytische Ansätze skizzieren, die sich bei meinen Gesprächen mit anderen Beobachtern dieses Phänomens herauskristallisiert haben. Der eine Ansatz ist wohlwollender, der andere eher kritischer Natur:
1. Der Drang zur Wiedergutmachung
Diese Hypothese geht davon aus, dass das Jüdische als eines der Fundamente der abendländischen Kultur auch nach seinem Verschwinden spürbar bleibt, und zwar eben in seiner als schmerzvoll empfundenen Abwesenheit. Inbesondere dort, wo die Juden viel leisteten und von wo aus deren Verfolgung ausging, erzeugt das Fehlen dieses lebenden Kulturgutes ein tiefes, unbewusstes Unbehagen (man denke in diesem Zusammenhang an das vom deutsch-kanadischen Soziologen Michal Bodemann entwickelten Konzept von "ideological Labor", die die Juden als solche im heutigen Deutschland zu leisten haben). Dieser empirisch freilich unerfassbare Missstand wird dann von manchen Deutschen als Defizit empfunden.
Das vom kollektiven Unbewussten gesendete Signal wird empfangen - und bewegt nicht nur zum Übertritt, sondern auch zur Teilnahme am öffentlichen Diskurs. Es geht also darum, den Verlust der jüdischen Elite zu kompensieren, in dem man das, was man als intelligenter Mensch beitragen kann, eben nicht als das beiträgt, was man nun mal (gewesen) ist, sondern als Jude.
Der Übertritt ist dann ein zwangsmäßiges Resultat daraus; der Weg, den man beschreiten muss, um dem geistigen und kulturellen Defizit, das man in seinem Land spürt, als Berufsjude entgegenzuwirken.
2. Der Drang zur Selbstdarstellung
In Deutschland scheinen gerade neue Juden "prominenter" zu sein als Eingeborene. Vermutlich verfügen die prominenten Übergetretenen nicht nur über einen besseren Sinn für Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache, sondern sie haben in erster Linie auch ein relativ sehr hohes Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit, welches sie dorthin drängt, wo eine solche Begabung sich vorteilhaft auswirken kann.
In diesem Fall handelt es sich also um Selbstdarstellung, und zwar vor den eigenen Landsleuten, unter denen man als Deutscher aufgewachsen ist und welche in diesem Fall auch weiterhin eine für die eigene Person extrem wichtige Bezugsgruppe bilden. "Kein Prophet gilt etwas in seinem Vaterland", hat in Israel vor zwei Millennia ein junger, seitdem ziemlich berühmt gewordener Jude gelehrt. Wenn man aber trotzdem im eigenen Lande eine Autorität werden will, kann man sich geschickt entfremden, indem man für sich eine Position in Anspruch nimmt, die in seinem Lande als fremd empfunden wird.
Gute Erfolgsaussichten hat man auf diesem Weg allerdings nur, wenn die Minderheit, der man beitreten will, einerseits qualitativ gewichtig genug ist ("ideological Labor"?), damit man seine Geltungssucht überhaupt auf dieser Bühne verwirklichen kann, und andererseits quantitativ nur spärlich vorhanden ist, damit man auf dieser Bühne noch genug Platz findet. Mit dem Jüdischen in Deutschland erfüllen sich beide Voraussetzungen, sind also beide Seiten dieser Medaille vorhanden. Somit stellt auch diese zweite Möglichkeit ein spezifisch deutsches Moment dar, das bei diesem spezifisch deutschen Phänomen eine Rolle spielen kann.
In diesem Erklärungsansatz erscheinen die Eingeborenen, in deren Reihen man als Proselyt übergehen will, mithin als die notwendige Kulisse, ohne die die eigene Show vor der angeblich alten, aber vielleicht doch noch eigentlichen Bezugsgruppe nicht möglich wäre.
Nun darf man natürlich nicht davon ausgehen, dass diese beiden Momente in exklusiver Weise vorkommen. Denn sie schließen sich gegenseitig nicht aus, und selbst wenn sie bei einer beliebigen Person gemeinsam wirken, kann das eine Moment stärker sein als das andere.
Welcher der obigen Motivationstypen eher auf einen zutrifft bzw. ob diese für einen überhaupt von Bedeutung sind, können jedoch höchstens die Prominenzproselyten selbst wissen.
Sicherlich gibt es unter den prominenten Proselyten auch solche, die sich bei ihrem Aufstieg in der regionalen oder gar überregionalen Öffentlichkeit sozusagen "nichts gedacht haben". Das dürfte allerdings die Minderheit sein, denn sonst wäre dieses Phänomen gar nicht zustande gekommen - oder es würde sich um eine sehr seltsame Anhäufung zahlreicher Zufälle handeln.
Noch wichtiger ist es aber zu bedenken, dass selbst bei einer Person, die ganz stark von den oben skizzierten Momenten bewogen wird, nichtsdestoweniger auch die ganz "normalen" Momente vorhanden sein können, nämlich das nationale und das spirituelle. In Israel beginnt heute weltweit Schawuot, das jüdische "Pfingsten", an dem das Buch bzw. die Buchrolle Rut gelesen wird:
"[W]o du hingehst, dort gehe ich auch hin, und wo du weilst, dort weile ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!", soll die Moabiterin (das Beitrittsverbot für Ammoniter und Moabiter - s. Deut. 23:4-7 - gilt demnach und im Einklang mit der biblischen Betonung des väterlichen Stammbaums nur für männliche Angehörige dieser beiden Völker) ihrer israelischen Schwiegermutter gesagt haben. Dein Volk ist mein Volk - und erst demzufolge - dein Gott ist mein Gott: Selbst der kultisch-ideologische Aspekt soll bei der Motivation zum Beitritt zweitrangig bleiben.
Von dieser vorbildlichen Proselytin soll sogar König David gestammt haben (und folglich auch der künftige Messias). Ich glaube, dass dieses Vorbild auch in jenen Proselyten nachwirkt, die es - natürlich im Gegensatz zu anderen - vielleicht doch auch mit der zweiten der oben skizzierten Motivationsarten in die jüdische Prominenz zieht: Denn ohne Wahrhaftigkeit kann wohl keiner lange dort bleiben, wohin man sich hochgearbeitet hat.
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