Vom Eise befreit...
Zwischen dem Passah und dem Pascha, Ostern und Pessach: einige Überlegungen zum umstrittenen Jesu.
Schwierig ist der Umgang Israels mit dem Volksgenossen Jesu (und ich sage hier bewusst nicht: Jesu Christo). Wohl noch schwieriger als der Umgang jener Volksfremden, die sich dennoch zu Jesu bekennen, also der Heidenchristen. Früher habe ich hier ein paar mal die Usurpation Jesu durch das Heidenchristentum erwähnt; eine Herausforderung, um die kein richtiger, sich von Überholspuren fern haltender Christ herumkommt. Doch was kann Jesus für seinesgleichen bedeuten?
An dieser Stelle taucht die Frage der Authentizität auf. Denn während sich Heidenchristen oft ruhigen Herzens auf heidnische Einflüsse verlassen oder diese zumindest hinnehmen können, ist Israel bei dieser Problematik ausschließlich auf jene Botschaften angewiesen, die wirklich von Israel stammen. Welche Teile der Überlieferungen zu Jesu kann, darf, soll man also für authentisch erachten?
Auf diesem Gebiet bin ich zwar kein Experte, aber "die Wahrheit" wird man in dieser Frage wohl sowieso nie erfahren. Mich dünkt daher, dass es hier einer Faustregel bedarf, d.h. eines nicht nur logisch, sondern vor allem auch historisch einleuchtenden Leitgedankens:
Je enger ein Jesu zugeschriebener Spruch mit dem Jüdischen zusammenhängt, umso authentischer ist dieser Spruch.
Authentisch also deswegen, weil jüdisch. Denn: Ob der jeweilige Spruch von Jesu als historischer Person oder aber von Jesu als literarisch-philosophischer Figur stammt, d.h. ob von ihm selbst oder vielleicht von einem anderen in seinem jüdischen Gefolge (wie dies bei den älteren Propheten wohl üblich war), ist eine andere, eigentlich zweitrangige Frage. Ausschlaggebend ist hingegen die Unterscheidung zwischen dem, was von Israel stammt, und dem, was wohl von Fremden hinzugefügt worden sein darf, die entweder von vornherein Heiden waren oder aber (gleichsam Saul bzw. Paulus) auf den innerjüdischen Diskurs verzichteten. Deswegen muss man zunächst feststellen (sofern das überhaupt möglich ist), ob bzw. inwiefern der jeweilige Spruch im Jüdischen verankert ist, wobei ich mit dem "Jüdischen" natürlich das meine, was seinerzeit als jüdisch galt, d.h. Israels damaliges Gedankengut.
Diesen Leitgedanken möchte ich nun anhand zweier Beispiele erläutern:
1. "Der Menschensohn ist ein Herr über den Sabbat" (Matt. 12:8, vgl. auch Mark. 2:28 sowie Luk. 6:5)
Hier wird mit einem Begriff - dem "Sabbat" - gearbeitet, den man im Hinblick auf die Zeit Jesu ohne Bedenken als urjüdisch bezeichnen darf. Dieser Begriff war zu jener Zeit im Wandel begriffen und wurde schließlich - wenn auch erst im Laufe der Jahrhunderte - nach pharisäischen Vorstellungen umgestaltet. Nun gerät Jesus in eine Auseinandersetzung mit irgendwelchen Pharisäern und in diesem Zusammenhang wird von ihm oder in seinem Namen eine alternative, gleichberechtigte Perspektive über diese Frage bzw. diesen jüdischen Kernbegriff geboten (wie man sie nun liest und versteht, ist natürlich eine ganz andere Frage).
Die Chancen, dass ein Fremder, der nicht mit diesem innerjüdischen Diskurs vertraut war, trotzdem in der Lage gewesen wäre, sich zur im seinerzeitigen Israel hochaktuellen Frage des Sabbats zu äußern, und zwar so selbstbewusst wie es hier der Fall ist, erscheinen mir folglich sehr gering. Daher bin ich der Meinung, dass man diesen Spruch als authentisch-jüdisch erachten und sich auf dieser Basis mit demselben auseinandersetzen muss.
2. "Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur!" (Mark. 16:15 etc., vgl. auch Matt. 28:19 ff. sowie Luk. 24,47)
Hier tritt eine Vorstellung hervor, die mit den damals in Israel herkömmlichen kaum zu vereinbaren ist. Den biblischen Propheten, in deren Tradition Jesus allem Anschein nach gestanden ist, schwebte nämlich genau das Gegenteil vor: Auch zur Endzeit bleibt Israel nach wie vor im Mittelpunkt der Schöpfung stehen. Die Völker, die Israels Gottheit nunmehr erkennen können, pilgern alsdann nach Jerusalem bzw. zu Israel hin, um Israels Gottheit anzubeten (vgl. etwa Sacharja Kap. 14). Laut des obigen Missionsbefehls aber soll die Bewegung in der völlig umgekehrten Richtung stattfinden: Weg von Israel und zu den Völkern hin.
Dass diese Stelle dem jüdischen Text - ob vor oder erst nach dessen Verschriftlichung - von Fremden aufgezwungen wurde, liegt umso näher, wenn man bedenkt, dass sie - und eigentlich erst sie - die theoretische Grundlage bildet, die für die Entstehung des von Jesu selbst wohl gar nicht geahnten Heidenchristentums erforderlich war.
Zum Schluss möchtet ihr bestimmt noch wissen: Und die Auferstehung?!
Nun ja... Die Auferstehung kann man als Vorstellung eigentlich keinesfalls ablehnen, zählte diese Kompetenz der israelischen Gottheit doch zu den Grundauffassungen der pharisäischen Sekte, aus deren Reihen Jesus gestammt zu haben scheint. Da war sie nicht nur im eschatologischen, sondern auch im "innerhistorischen" Sinne vorhanden (vgl. etwa im Babylonischen Talmud, Traktat Megillah 7b). Doch schon lange vor den Pharisäern ist das Bild der Totenauferstehung bekannt gewesen, etwa im Gleichnis des im babylonischen Exil befindlichen Hesekiel über die Wiederauferstehung Israels und dessen Rückkehr ins Verheißene Land (vgl. ebd. 37:1-14). Als eines der Endzeitmerkmale kommt die Vorstellung von der Totenauferstehung m. W. erstmals in Daniel (12:2, 12:13), danach in II. Makabäer (7:14) vor.
Demgegenüber befasste sich das hellenische Gedankengut, soweit ich mich entsinnen kann, kaum mit dieser Vorstellung. Es erübrigte sich nämlich, weil der hellenische Diskurs, sofern dort (wie etwa bei Sokrates und Platon, im Gegensatz zu Aristoteles) vom Fortbestand der Seele die Rede war, den Körper eher negativ bewertete und den Tod als Befreiung der Seele von ihren körperlichen Fesseln interpretierte, sodass die Hoffnung auf die Wiederauferstehung des Körpers und die Wiedervereinigung der Seele mit demselbigen kaum Sinn ergeben hätte.
Mit anderen Worten: Die Wiederauferstehung ist eigentlich eines der "jüdischsten" Merkmale an den Überlieferungen über Jesum. Ob er aber selbst auferstanden sei, kann ich natürlich nicht wissen. Diese Ungewissheit wird wohl auch weiterhin ein Stein des Anstoßes zwischen Israel und dem Heidenchristentum sein.
Desgleichen übrigens die Jungfrauengeburt und die damit zusammenhängende Vorstellung von der nicht nur geistigen, sondern auch biologischen Gottessohnschaft: Das Bild von Gott als Vater war seinerzeit in Israel weit verbreitet und steht immer noch tief in der besonderen, exklusiven Beziehung Gottes zu Israel verwurzelt. Doch kein Jude, der heutzutage zu seinem "Vater im Himmel" betet, kommt auf Idee, seine Mutter wäre bei seiner Geburt noch Jungfrau gewesen... Dieses Stück können den jüdischen Überlieferungen daher nur fremde Metaphysiker aufgenötigt haben, die einerseits in hellenistischen Traditionen, wo diese Vorstellung verbreitet war, standen und sich andererseits mit dem innerjüdischen Diskurs, in dem Jesus tätig war, nicht gut genug auskannten (in Jes. 7:14 ist bekanntermaßen von einer "jungen [d.h. ehereifen] Frau" die Rede). Darum: Jesus als Sohn Gottes, Gott als Vater? Ja, denn Jesus war Jude. Jesus als "leiblicher" Sohn Gottes, Maria als Jungfrau? Nein, denn Jesus war kein Hellenist.
Immerhin ist der heurige Ostersonntag am "richtigen" Sonntag gefallen - und das ist ja auch was. In diesem Sinne: Frohe Oster-, Pascha- bzw. Pessachtage noch!
PS. Wer sich in diese Thematik vertiefen möchte, dem kann ich von den nicht wenigen Werken, die zu dieser Frage vorliegen, v. a. Schalom Ben-Chorins berühmten Trilogieteil "Bruder Jesus. Der Nazarener in jüdischer Sicht" empfehlen. Erstmals erschien dieses Buch, das natürlich aus Ben-Chorins eigener Perspektive geschrieben ist, 1967 bei Paul List in München. Nicht zu vergessen ist aber Josef Klausners bahnbrechendes Werk "Jesus von Nazareth", in dem er 1922 die Zugehörigkeit Jesu in den intimen Rahmen des jüdischen Volkslebens darlegte (diese gilt heute - leider nicht überall - als selbstverständlich, aber dazu ist es erst durch die Auseinandersetzung mit dem Thema angesichts der europäischen Judenvernichtung gekommen).
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