Die Gottessohnschaft wieder besucht
Christen werden vor allem deswegen an den Pranger gestellt, weil sie in Jesu den Sohn Gottes erblicken, Teil einer dreifaltigen Gottheit. Ob aber die Anbetung Jesu nicht gerade im Hinblick aufs Jüdische verstanden werden kann?
Was in beinahe jedem christlichen "Gotteshaus" zur Schau gestellt wird, ist schließlich nichts anderes als die Abbildung eines sterbenden Juden (und oft sogar der Leiche des hingerichteten Juden). Man bekennt sich zu diesem Juden, der im Glaubensbekenntnis zu Gottes Sohn und sogar selbst Gott wird. Nicht nur der schöpfende Gott, sondern vor allem auch der Jude wird angebetet.
Von außen betrachtet, scheint diese Struktur auf eine gewisse Obsession hinzudeuten, die insofern auch verständlich ist, als das Heidenchristentum das Jüdische im Allgemeinen und diesen Juden im Besonderen als Fundament heranzog. Aber heutzutage ist das im Grunde genommen nur noch Tradiertes. Man muss sich also fragen, wie es beim Übergang ins Heidenchristentum dazu gekommen ist, dass die Heiden Jesum vergöttlichten. Dies wird oft damit erklärt, dass es im Hellenismus üblich war, Geistesgrößen nachträglich als Söhne von Gottheiten anzusehen. Aber soweit ich weiß, wurden die großen Philosophen in der Hoch- und Spätantike nicht selber als Götter angebetet. Mir scheint also, dass dieser Entwicklung noch ein Moment zugrunde gelegen sein dürfte.
Dass Jesus selbst sich als Gottes Sohn erachtet haben mag, ist aus jüdischer Sicht natürlich vollkommen verständlich. Die geistige Gottessohnschaft Israels bzw. die Beziehung Israels zu seiner Gottheit als einem Vater ist zu Zeit Jesu tief im Jüdischen verwurzelt. Die (von Paulus natürlich stark beeinflusste) Neuerung des Heidenchristentums bestand darin, dass man diesen Attribut nicht auf sich selbst bezog, sondern auf Jesum beschränkte, wodurch möglich wurde, den Attribut überhaupt biologisch zu interpretieren.
Diese wesentliche Änderung ist wiederum vor dem Hintergrund erklärlich, dass es den ersten Heidenchristen durchaus bewusst war, dass sie keine Juden sind und - im Gegensatz zum bisherigen Verlauf - auch keine Juden werden. Dies mag insofern problematisch gewesen sein, als das Heidentum noch nicht mit monotheistischen Vorstellungen vertraut war, sondern auch zur hellenistischen Zeit vor allem Orts-, Landes-, Stammes- und Völkergottheiten kannte. Die ersten Heidenchristen mussten also einen gedanklichen Abgrund überbrücken: sich zur jüdischen Gottheit zu bekennen und diese anzubeten, ohne zur eigentlichen Gemeinschaft dieser Volksgottheit anzugehören.
Diese Spannung wurde überwunden, indem man sich zu Jesu bekannte. Der Jude, Gottes Sohn, fungierte wohl als die Brücke, die die Heidenchristen zur jüdischen Gottheit verhalf. Dieser Mechanismus wirkt bis heute: Die Verehrung nicht irgendeines Bildes, sondern gerade des Bildes eines Juden bzw. die Anbetung dieses Juden berechtigte die Heidenchristen - wenn auch eher unbewusst - dazu, sich zum himmlischen Vater der Juden und natürlich auch dieses Juden zu bekennen. Jesus erfüllt mithin die Funktion eines Mittlers: Als Sohn Gottes wird er - nicht irgendein zufälliger Jude, sondern der Jude schlechthin, der vermeintliche Rex Iudaeorum - selber zu Gott, damit durch das Bekenntnis zum Juden auch die Beziehung zum himmlischen Vater der Juden bzw. zum jüdischen Gott ermöglicht und gebahnt wird.
Besonders deutlich wird dieser Mechanismus am Beispiel der Eucharistie. Dabei erreicht der Heidenchrist die (angeblich) höchste Stufe auf dem Weg zur jüdischen Gottheit. Praktisch gesehen geht dies vonstatten, indem er des Juden Leib, ggf. auch sein Blut verzehrt und verinnerlicht (bei den Reformierten erfolgt der Ritus zwar im symbolischen Sinne, ist aber wegen der neuen Interpretation nicht weniger zentral, im Gegenteil). Somit eignet sich der Heidenchrist, wie in totemistischen Kultformen, die Attribute des Verzehrten an, d.h. der außenstehende Heide wird gewissermaßen selber jüdisch - und dadurch zu einem Insider, also einem Christen. Allerdings muss die Aneignung immer wieder bestätigt werden, indem das Ritual, genauso wie im Totemismus, von Zeit zu Zeit wiederholt wird.
Ebenfalls interessant finde ich die Paralelle zur mystisch-kabbalistischen Interpretation des Juden als Teil Gottes, als eine Art Emanation Jahwes in menschlicher Form. In dieser Tradition jüdischen Gedankenguts, deren gedankliche Wurzeln sich übrigens in die Antike verfolgen lassen, befindet sich auch die Sichtweise, die den Menschen als die höchste Stufe innerhalb der Schöpfung, d.h. als das höchste aller Geschöpfe ansieht, während der Jude hingegen die niedrigste Stufe im komplexen Wesen des Schöpfers bilden würde. Somit steht das Heidenchristentum bei der Vergöttlichung des Juden nicht alleine da.
Mir ist natürlich klar, dass man nicht erfahren kann, inwiefern dieser Erklärungsansatz zutrifft, solange man nicht in der Lage ist, in die Zeit der ersten Heidenchristen (zu denen eigentlich auch Paulus zu zählen ist) zurückzureisen und dann irgendwie ins Unbewusste der willigen Rezipienten hineinzublicken. Nichtsdestoweniger darf dieser Ansatz m. E. auf die christliche, ja bereits frühchristliche Judenfeindlichkeit Licht werfen. Denn vor diesem Hintergrund lässt sich diese Feindlichkeit als das Ergebnis einer mehrfachen psychologischen Not verstehen, die erst durch die Substitutionslehre - die ultimative "Vergeltungswaffe" - behoben werden konnte.
Beim Vergeltungsdrang darf es sich um Empörung über das Fehlen einer jüdischen Bestätigung der Anbetung Jesu gehandelt haben (wie wirksam dieses Bedürfnis auch heute noch ist, lässt sich an der Karfreitagsfürbitte erkennen); um Zorn über das doch gar nicht göttliche und daher extrem störende Vorhandensein von Jesu eigenen Leuten (auch heute noch weist die Kritik am Staat Israels auf irreale Erwartungen hin); und vielleicht auch Schuldgefühle wegen des rituellen Verzehrs des Juden, die ein erfolgreicher Abwehrmechanismus in den Vorwurf des Gottesmordes umwandelte.
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