Diskriminierung erlaubt?
Seit kurzem weht in manch deutschen Medien ein frischer Wind, den man hier normalerweise kaum zu spüren bekommt. Angeregt durch den islamisch motivierten Anschlagversuch am zweiten Weihnachtstag und die neu entbrannte Nacktscannerdabatte wird nämlich das Thema Terrorismus aus beinahe realistischer Perspektive besprochen.
So stehen etwa auf der Website der "Welt" - eine der wenigen Zeitungen, die ich hierzulande für lesbar halte - seit vorgestern zwei für deutsche Verhältnisse ziemlich mutige Texte (s. hier und hier), welche die Problematik nichtdiskriminierender Anti-Terror-Maßnahmen auf den Punkt bringen. Zwar noch schüchtern, aber immerhin.
In dem einen Text geht es darum, was man von Israel lernen kann (und soll):
Terrorismusforscher Ariel Merari vom Interdisciplinary Center in Herzlija sagt, es wäre „einfach dumm“, nicht nach ethnischen Gruppen zu unterscheiden. „Sie wollen mir doch nicht ernsthaft erzählen, eine achtzigjährige Überlebende des Holocaust stelle ein potenziell ebenso großes Risiko dar wie ein junger, muslimischer Mann?“
Der amerikanische Anti-Terror-Experte Leonard Cole meint, auch hier müssten die USA und Europa von Israel lernen: „Israel bleibt eine Demokratie, und am Ende müssen die arabischen Bürger diese Unannehmlichkeiten akzeptieren, denn sie dient ihrer eigenen Sicherheit. Auch wir sollten nicht alle Leute gleich behandeln, ob es sich um eine Oma im Rollstuhl oder einen jungen Muslim handelt. Das tun wir, weil wir jeden Anschein von Diskriminierung vermeiden wollen. Aber es bleibt eine Tatsache, dass zwar nicht jeder junge muslimische Mann ein potenzieller Attentäter ist, dass aber fast alle Flugzeugattentäter in letzter Zeit junge muslimische Männer waren, und nicht alte Damen aus Bayern.“
Und im anderen Text, einem Kommentar, wird über die ethischen Aspekte reflektiert:
Solche Methoden stoßen schnell an ihre Grenzen. Denn sie zeigen das Paradoxon auf, vor dem eine liberale Gesellschaft steht, die Sicherheit zum wichtigsten Wert erhebt: Jene Mechanismen, die die Freiheit des einzelnen bewahren sollen, könnten sie, wenn auch unbeabsichtigt, am Ende aufheben.
Notgedrungen werden Raster entwickelt, die sich an Ethnien, Hautfarben oder religiöser Zugehörigkeit ausrichten. Das stellt alle Bemühungen um Gleichheit, Selbstverwirklichung und Freiheit auf eine harte Prüfung. Doch diesem Dilemma können Gesellschaften, die sich schützen wollen, nicht entkommen. Sie müssen sich ihm offensiv stellen.
Ja, es ist ein Paradoxon, und damit ist die "Welt", wenn auch noch nicht die Welt, nur einen Schritt davon entfernt, die eigentliche Problematik zu erkennen: Nicht die ungewollte, aber notwendige Einschränkung unserer liberalen Prinzipien - wie Freiheit und Gleichheit - ist es, was in abendländischen Gesellschaften zur Aufhebungen dieser Prinzipien führen könnte, wenn die Mitte der Gesellschaft sich ansonsten doch zu diesen Prinzipien bekennt und dieselben nach wie vor aufrechterhalten will. Vielmehr leistet gerade die uneingeschränkte, weil unüberlegte Umsetzung solcher Prinzipien die größte Hilfe an den Feind, der die Freiheit und Gleichheit ausnutzt, um sie durch seine Unmoral zu ersetzen. Wer sich also in der Gegenwart weigert, dort die unerwünschte Diskriminierung zuzulassen, wo sie notwendig ist, hilft mit, einer Zukunft den Weg zu ebnen, in der nicht die liberale Moral, sondern die Unmoral des Feindes vorherrschen würde und die Diskriminierung keine Ausnahme, sondern die Regel wäre.
Ob im Gaza-Streifen oder im Tel Aviver Flughafen: In surrealen Situationen, wo Schulen zu Raketen-Abschussplattformen gemacht und Flugzeuge im Himmel zersprengt oder in Hochhäuser gefahren werden, ist es unmoralisch, so zu tun, als ob das alles noch irgendwie normal wäre und unsere Moralpraxis unangepasst weiterhin gelten könnte. Eine vernünftige Kriegs- oder Kampfmoral verbietet, moralische Prinzipien wie etwa das Diskriminierungsverbot selbst dann anzuwenden, wenn diese Prinzipien, auf die man sonst so stolz ist, zu Achillesfersen werden, welche gerade die Zielsetzungen des Feindes vorantreiben und somit selbstzerstörerisch wirken.
Weil ich hier schon mal über dieses ethische Paradoxon geschrieben habe, möchte ich jetzt die tiefer gehenden Erörterungen nicht wiederholen. Wer sich dafür interessiert, wird v. a. in "Von Moral und Kriegsmoral. Teil III: Wenn die Moral zur Achillesferse wird" sowie in "Offener Brief an die Bundestagsfraktion Bündnis 90 / Die Grünen" fündig.
Mich dünkt aber - und darauf kommt es im Endeffekt an -, dass der heutige Westen langsam begreift, dass seine zivilisatorischen Errungenschaften alles andere sind als eine selbstverständliche, aus der Natur "des Menschen" vermeintlich zwangsläufig resultierende Entwicklung, die früher oder später alle Kulturen utopisch einverleiben und zum ewigen Multikulti-Weltfrieden führen würde. Diese Entwicklung ist vielmehr die historische Ausnahme, die extrem wackelig ist und, wie es auf Erden nun mal so ist, von anderen Kulturen früher oder später überwunden wird. Doch lieber später als früher: Gerade deswegen, weil unsere Errungenschaften im brutalen Dschungel der Weltgeschichte zerbrechlichen Porzellanfiguren gleichen, müssen wir sie vor uneingeschränktem Gebrauch behüten.
Nachtrag [9.1.2010]: Im Kommentarbereich laufen zwei Diskussionen. Die eine befasst sich tatsächlich mit einem Teil des obigen Textes, nämlich mit dem heutigen Umgang mit deutlichen Risikogruppen auf unseren Flughäfen. Die andere ist ein indirekt entstandener Exkurs zur Ethik der Folter (Fall Wolfgang Daschner etc.), der sich nicht auf die Flughafenfrage bezieht und vom Thema her eigentlich in einen eigenen Blog-Beitrag gehört. Leider ist in den Kommentaren gerade meine Schlussaussage zur historischen Relativierung unserer abendländischen Errungenschaften (nicht nur, aber auch im Hinblick auf unsere Moralvorstellungen) und zu deren Auffassung als einer historischen Ausnahme (noch?) gar nicht aufgegriffen worden. Aber so ist das nun mal im Leben.
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