Das Ende der Nacht

28. November 2009 von Stefan Oldenburg in Lesestoff

Erst vor zwei Wochen erschien ein Buch zum Thema "Lichtverschmutzung", auf das ich direkt hinweisen möchte, weil es sich um ein rundum hervorragendes Werk handelt. Passend zum Ausklang des Internationalen Astronomiejahres 2009 – IYA 2009 – liegt nun erstmals eine Publikation vor, welche sich dieser Form der Umweltzerstörung umfassend widmet und neben den in Astonomenkreisen hinreichend bekannten Folgen die vielfältigen ökologischen Konsequenzen künstlichen Lichts beleuchtet. Zu viel, beziehungsweise falsch verwendet, ist die allnächtliche Lichtflut für massenhaftes Sterben von Tieren verantwortlich, und eine der Ursachen für das Verarmen der Artenvielfalt bei Fauna und Flora.

Astronomen waren die ersten, deren Arbeit durch zunehmende "Lichtverschmutzung" – so die missverständliche Bezeichnung dieser globalen Umweltzerstörung – eingeschränkt wurde; einer der Gründe dafür, weshalb Observatorien heute in entlegenen Regionen der Erde bzw. im Erdorbit betrieben werden, und sich wohlhabende Amateurastronomen (ein Oxymoron?) Tickets für Namibia-Flüge kaufen. Inzwischen sehen zwei Drittel der Menschheit nachts statt strahlender Milchstraße nur einen grauen Milchglasscheibenhimmel. Längst aber haben auch Biologen oder Mediziner die schädliche Seite des Lichts im Fokus.

Das nun ganz frisch vom Wiley-Vch Verlag vorgelegte Buch mit dem schönen Titel "Das Ende der Nacht" greift dies auf, und widmet sich der Thematik der Lichtverschmutzung in ihrer ganzen Bandbreite. Aspekte rücken ins Blickfeld, die – so ist zu hoffen – vielen Lesern die Augen öffnen für einen bewussteren Umgang mit künstlichem Licht. Das Werk ist nicht nur sehr informativ, zudem auch ausgesprochen anschaulich gestaltet und eindrucksvoll illustriert. Es basiert auf einer von ARTE und ZDF produzierten, sehenswerten Dokumentation von Anja Freyhoff und Thomas Uhlmann zum Thema "Lichtverschmutzung", die unter dem Titel "Die dunkle Seite des Lichts" Anfang 2009 ausgestrahlt wurde.

Der Leser des großformatigen Buchs geht auf eine Reise in die Finsternis, die sprichwörtliche dunkle Seite des Lichts. Umfassend informieren einzelne Kapitel, die von zwei Astronomen, einem Insektenkundler, einem Ornithologen, mehreren Meeresbiologen und einem Schlafforscher verfasst sind, über Folgen übermäßigen künstlichen Lichts auf Fauna, Flora und Mensch. Den Anfang macht eine äußerst lesbare Einführung des Herausgebers dieses Buchs, Thomas Posch, zur Geschichte und technischen Grundlagen des künstlichen Lichts. Der Leiter der Fachgruppe "Dark Sky" beim VdS, Andreas Hänel, vertieft im zweiten Kapitel die technischen Grundlagen und bietet einen guten Überblick zu Messmethoden der aufgehellten Atmosphäre und Entwicklungen der Lichtverschmutzung in Mitteleuropa. Vieles hiervon dürfte Amateurastronomen bereits bekannt sein, umso schöner, diesen Beitrag in diesem Buch an prominenter Stelle zu sehen, waren und sind es doch gerade Astronomen, die seit vielen Jahren gegen Lichtverschmutzung kämpfen.

Es folgt ein außerordentlich engagiert verfasster Beitrag des Insektenforschers Gerhard Eisenbeis über die Auswirkungen künstlichen Lichts auf nachtaktive Insekten. Um eine wahrlich erschreckende Zahl zu nennen: Dem künstlichen Licht fallen alleine in Deutschland pro Jahr cirka 150 Milliarden nachtaktive Insekten zum Opfer. Viele Arten der Nachtfalterfauna sind akut vom Aussterben bedroht oder bereits verschwunden. Die Folgen für Ökosysteme liegen auf der Hand, ohne diese Insekten fehlt Vögeln und Kleintieren die Nahrungsgrundlage, Pflanzen fehlen die Bestäuber. Übrigens: Keine von Menschen ersonnene Technologie kann jemals diese systemerhaltende Arbeit der Bestäubung übernehmen.

Neben Insekten haben auch Vögel keine Lobby, auch daher empfehle ich ebenfalls einem jeden die Lektüre des folgenden Kapitels. Weshalb Vögel durch Licht desorientiert werden, weshalb Leuchttürme oder hell beleuchtete Hochhäuser zu regelrechten Vogelfallen werden, das sind nur einige Aspekte, welche der Ornithologe Ommo Hüppop fundiert erklärt.

Die beiden Meeresbiologen Christin Borgwardt und Tony Tucker widmen ihr Kapitel den Folgen künstlichen Lichts auf Meeresschildkröten, die bereits durch geringste Lichteinwirkung in der Auswahl des Brutplatzes gestört werden. Für gerade geschlüpfte Jungtiere ist Kunstlicht besonders verheerend: Sie finden nicht vom Strand ins schützende Meer und werden auf ihren Irrwegen von natürlichen Feinden gefressen oder sterben auf andere Weise. Hoffnung machen einige im Text erläuterte Projekte, die durch Vermeidung bzw. Modifizierung künstlichen Lichts an Stränden zum Artenschutz beitragen.

Hochinteressant – und für mich voller neuer Aspekte – ist das Kapitel der drei Meeresbiologen Kristin Tessmar, Tobias Kaiser und Juliane Zantke über das Mondlicht als natürlichem Zeitgeber für die Meeresfauna. Ganz offenkundig fungiert das Licht des Mondes als essentiellem Zeitgeber für die Rhythmen mariner Organismen, wenngleich die Wirkungsmechanismen noch weitgehend im Dunklen liegen. Im Rahmen dieses Buchs ein wichtiger Beitrag, zeigt er doch, wie bedeutsam und subtil die Wirkungen von Licht auf Lebewesen sind, selbst jenes des Mondes, der sich wie eine trübe Funzel ausmacht im Vergleich zu global verwendeten Kunstlichtern.

Die Texte lesen sich durchweg kurzweilig, rütteln manchmal auf und sind stets hoch informativ. Einige der bildreich umrahmten Fakten erschrecken selbst "alte Hasen" dieser Thematik. Und einige der abgedruckten Bilder haben durchaus den Charakter jener Aufnahmen auf britischen Zigarettenschachteln, welche Krebskranke auf derboffene Weise zeigen. Es sind Bilder, die einem ohne Vorwarnung Tränen in die Augen treiben können, Fotos von durch Kunstlicht desorientierten und überfahrenen Wasserschildkröten. Oder die Röntgenaufnahme einer Singdrossel, die – ebenfalls durch Licht getäuscht – an einem Bauwerk zerschellte. Ja, dieses Buch rüttelt auf.

Die Problematik der zunehmenden Lichtverschmutzung und ihrer gravierenden ökologischen Konsequenzen lässt sich nur interdisziplinär betrachten – und auf allen Ebenen angehen. "Das Ende der Nacht" beschreitet hierzu einen wichtigen ersten Schritt. Der Leser erhält viel Hintergrundwissen sowie eine Menge guter Argumente zur Beurteilung und Vermeidung von Lichtverschmutzung.

Letztlich gefährdet sich die Spezies Mensch übrigens selbst, wenn sie die Nachtseite der Erde zu einer Lichtorgel macht: Noch jung sind Erkenntnisse der biologischen und gesellschaftlichen Auswirkungen künstlichen Lichts auf den Menschen, die im abschließenden Kapitel des Schlafforschers Christian Cajochen "Licht auf die innere Uhr" eindrucksvoll beschrieben sind. So zeigen Forschungsergebnisse der Chronobiologie, wie der über Jahrzehntausende an den Wechsel von Tag und Nacht sehr gut angepasste Rhythmus des Menschen (der sog. zirkadiane Rhythmus) durch künstliches Licht aus dem Lot geraten kann. Von der WHO bestätigte Studien aus den USA und Israel, die im Buch näher erläutert werden, zeigen gar, dass ein Leben gegen die innere Uhr das Krebsrisiko beim Menschen erhöhen kann und künstliches Licht ein durchaus ernstzunehmender gesundheitsgefährdender Faktor für unsere Spezies ist.

Dieser überzeugenden Publikation, für die 29 Euro ein angemessener Preis ist, wünsche ich eine weite Verbreitung! Möglichst auch bis auf die Schreibtische sämtlicher Entscheidungsträger weltweit, welche mit dem Thema "künstliches Licht" in irgend einer Weise befasst sind, beziehungsweise befasst sein sollten.

Clear & Dark Skies. Stefan Oldenburg

Thomas Posch, Anja Freyhoff, Thomas Uhlmann (Hrsg.): Das Ende der Nacht. Die globale Lichtverschmutzung und ihre Folgen. Wiley-Vch Verlag, Weinheim, 2009. 151 Seiten, gebunden. ISBN 978-3527409464. 29,00 EUR


Ein Kommentar zu “Das Ende der Nacht”

  1. Flug Antworten | Permalink

    Vielen Dank für den tollen Buchtipp! Das wäre bestimmt eine tolle Geschenkidee für meinen Lebensgefährten, der sich sehr für dieses Thema interessiert!

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