Die teilweise Verstorbenen melden sich zu Wort

7. April 2013 von Dierk Haasis in Film

Zombies sind immer noch die beliebtesten Monster des Horrofilms. Sie haben damit den Vampir abgelöst, dessen romantische Seite längst die bedrohliche in den Schatten gedrängt hat. Ohnehin gibt es in der Filmgeschichte nur wenige Monstervampire. Die bis heute überzeugendste Darstellung in dieser Hinsicht ist Max Schrecks Graf in Nosferatu, der fast im Nachttopf des Urheberrechts verschwunden wäre. Spätere Interpretationen Graf Draculas [unter welchem Namen auch immer] konzentrierten sich immer stärker auf seine magnetische Ausstrahlung auf Frauen.[1]

Der moderne Zombie, Mischung aus Wiedergänger und Besessenem, wie er von George Romero Ende der 1960er erfunden wird, ist im Grunde die bürgerliche, die Arbeiterversion des Vampirs. Letzterer ist die adlige Version des Wiedergängers – in gewisser Weise der Versuch, die vergangenen Tage des Feudalismus auferstehen zu lassen. Vom Schrecken der Pest, die in alten Legenden sowie in Bram Stokers Dracula und Nosferatu den Subtext bildet, ist der Byron’sche Vampir der Hammer-Studios, meist von Christopher Lee verkörpert, meilenweit entfernt.

Der Vampir saugt vornehm am Hals, meist dem junger [und jungfräulicher!] Frauen. Er hat Diener, tierische und menschliche, kleidet sich altmodisch, aber untadelig, hat gute Manieren, ist ein angenehmer Umgang. Der Zombie frisst hingegen, was ihm vor die Zähne kommt, Manieren hat er keine, seine Kleidung sind verrottete Lumpen, er hat kein Ziel, keine Untertanen. Er ist purer Trieb.

Der gerade verstorbene Roger Ebert war kein großer Fan des Zombies

We almost never get inside the rotted mind of the zombie or see things from the zombie point of view. They're forever penned in as the Big Metaphor.

Und trotz der schieren Menge an Comics, Filmen und Serien, die es inzwischen dazu gibt, hat er nicht ganz Unrecht. Sehr oft sind Zombies vor allem eine Bedrohung, mit der man umzugehen hat. In den meisten Fällen durch das erneute Töten jener, die bereits gestorben sind. Man erschlägt seine Vergangenheit.

George Romero dienen die Untoten als satirische Reflexion unser selbst, besonders deutlich in Dawn of the Dead, in dem sie weniger Bedrohung sind als die Nichtzombies. Sie wandeln durch ein Einkaufscenter, ihr Leben unterscheidet sich dabei kaum von ihrem früheren. Edgar Wright treibt dies in Shaun of the Dead auf die Spitze, wenn wir an zwei Morgen Simon Peggs Weg durch seine Vorstadt folgen – und er keine Unterschiede wahrnimmt [nicht zuletzt, weil er selbst wie ein Untoter durch den Tag wandelt].

Im Zuge einer Gamification von [Action]Filmen, der Übernahme von Erzählstrukturen und Ästhetik von Computerspielen, sind Zombies sehr oft leider nur noch bloße Ziele. Sie schlurfen oder laufen auf die handelnden Figuren zu und werden in den Kopf geschossen, gestochen, gehackt. Die Tragik des Zombies wird kaum noch gezeigt.

Vergessen wir nicht, Zombies sind unsere gestorbenen Eltern, Großeltern, Freunde. Die besten Momente der TV-Serie The Walking Dead sind jene, in denen die Hauptfiguren ihre zombifizierten Verwandten erlösen müssen – eine Sterbehilfe, die allen schwer fällt. Gerade in der ersten Staffel, ganz besonders in der Pilotfolge, war das Thema ‘Endgültig Töten als Erlösung von Leid’ sehr präsent, verschwand aber bald.

Eine kleine englische Serie, der bisherige Dreiteiler In the Flesh, geht weg von der Zombicalypse selbst, hin zu der Zeit danach. Privat organisierte Nachbarschaftswehren haben einen Krieg gegen die Wiedergänger geführt, die Regierung einen Heilplan entwickelt.

Die Serie wird aus der Sicht eines jugendlichen Zombies gezeigt, der durch Medikamente, Make-up und ein wenig Psychotherapie von seinem Trieb nach Fleisch und Hirn gesunder Menschen geheilt ist. Er wird aus der Klinik entlassen und kehrt zurück in die Kleinstadt zu seinen Eltern. Wir lernen die Menschen dort kennen, wir erleben ihre Ängste, wir hören und sehen Details aus der Zeit der Zombicalypse.

Selbstverständlich nutzte Autor Dominic Mitchell die Serie auch als Gesellschaftskritik, spießt Entwicklungen im Großbritannien der letzten 20 Jahre auf.[2] Aber im Kern geht es um Menschlichkeit. Um Fragen, die immer wieder von uns beantwortet werden müssen, z.B. wie wir mit Neuem und Ungewohntem umgehen.

Ich möchte hier nicht zu weit ins Detail gehen, aber die Themen, die verarbeitet werden, funktionieren auch ohne übernatürliche Elemente. Die PDSS – Partially Diseased Syndrome Sufferers – ermöglichen aber, eine unterhaltsame Geschichte zu erzählen, statt den erhobenen Zeigefinger dem Zuschauer direkt ins Auge zu stechen.

Die drei Teile In the Flesh sind in den letzten Wochen bei der BBC ausgestrahlt worden. Ob es eine Fortsetzung geben wird, steht noch nicht fest, aber angelegt ist das Ganze darauf. Dominic Mitchell ist es gelungen, eine abgeschlossene Handlung zu schaffen, die viele Möglichkeiten für weitere Episoden offen lässt. Der Zuschauer möchte mehr, hängt aber am Ende nicht in der Luft.

 

 

[1]Der großartige Guillermo del Toro erfindet für Blade 2 eine neue Art von Vampir, die wieder Schrecken verbreitet.

[2]Wie übrigens sehr viele aktuelle britische Serien, z.B. die achtteilige Krimiserie Broadchurch, die auch im Kleinstadtmilieu spielt.

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