Gegen-Steuern

27. April 2013 von Dierk Haasis in Gesellschaft

Vor einigen Tagen verfolgte ich auf Twitter einen Austausch über die Überflüssigkeit des Staates. Auch wenn die Begrifflichkeit manchmal etwas unscharf war, ging es wohl vorwiegend um das, was der durchschnittliche Boulevardredakteur darunter versteht: die Verwaltungsinstanzen des Gemeinwesens, hauptsächlich die Exekutive.

Der Grundgedanke der Twebatte war, diesem Staat nicht zu geben, was er von einem verlangt, solange dessen Handlungen den eigenen ethischen Vorstellungen entgegenstehen. Das ist keine neue Idee [das war den Diskutanten auch bewusst], sie geht in dieser Form auf den US Amerikanischen Transzendentalisten Henry David Thoreau zurück.

Romantisch

Wie die europäischen romantischen Bewegungen, war der Transzendentalismus eine Reaktion auf Rationalismus, Skeptizismus sowie rigide Religionsvorstellungen. Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Welt sich nur unmittelbar durch das Individuum im direkten Austausch mit der Natur offenbart.

Der nordamerikanische Kontinent bot Mitte des 19. Jahrhunderts noch viel Platz für Zurück-zur-Natur-Philosophen, selbst in den länger durch Europäer besiedelten Neuenglandstaaten gab es viel Natur und wenig Zivilisation. Ideal um zu beweisen, wie hervorragend eine individualistische Philosophie praktisch umsetzbar ist.

Thoreau zog sich für 2 Jahre an einen kleinen See in Massachusetts zurück, fand Bäume toll und wanderte gerne durch die Gegend. Eines Tages stellten Steuereintreiber fest, dass er seine Steuern nicht bezahlt hatte. Thoreau weigerte sich weiterhin zu zahlen

That government is best which governs not at all.[1]

und ging dafür ins Gefängnis. Aus dem er am nächsten Tag wieder entlassen wurde, da jemand für ihn die Steuern bezahlt hatte.

Regierungslos

Ergebnis dieser Anekdote war eines der berühmtesten und im 20. Jahrhundert einflussreichsten politischen Essays: Resistance to Civil Government [später: Civil Disobedience oder On Civil Disobedience]. In ihm erläutert Thoreau, dass er eine Regierung bestenfalls als Tradition dulden könne.

This American government, - what is it but a tradition, though a recent one, endeavoring to transmit itself unimpaired to posterity, but each instant losing some of its integrity?

Im Großen und Ganzen hält er Regierungen für hinderlich,

It does not keep the country free. It does not settle the West. It does not educate. The character inherent in the American people has done all that has been accomplished; and it would have done somewhat more, if the government had not sometimes got in its way.

da sie kein Gewissen haben, sondern – in Demokratien – den Mehrheiten folgen.

But a government in which the majority rule in all cases cannot be based on justice, even as far as men understand it.

Sklaverei und Krieg

Ganz konkret störte Thoreau die Haltung der Bundesregierung zur Sklaverei in den Südstaaten – man wollte nichts dagegen tun, um die Einheit der Union nicht zu gefährden. Für Thoreau war diese wirtschaftlich-politische überlegung nicht akzeptabel, da sie seiner Moral nicht entsprach. Dazu kam der Mexikanisch-Amerikanische Krieg, dessen imperialistischen Impetus Thoreau ebenso ablehnte, wie den Gedanken, dass ein weiterer Sklavereistaat entstehen würde.

Practically speaking, the opponents to a reform in Massachusetts are not a hundred thousand politicians at the South, but a hundred thousand merchants and farmers here, who are more interested in commerce and agriculture than they are in humanity, and are not prepared to do justice to the slave and to Mexico, cost what it may.

There are thousands who are in opinion opposed to slavery and to the war, who yet in effect do nothing to put an end to them […] who even postpone the question of freedom to the question of free trade […] They will wait, well disposed, for other to remedy the evil, that they may no longer have it to regret. At most, they give only a cheap vote […]

All voting is a sort of gaming […] a playing with right and wrong, with moral questions; and betting naturally accompanies it. The character of the voters is not staked. […] I am willing to leave it to the majority. […] Even voting for the right is doing nothing for it. [Das in diesem Absatz evozierte ‘Ich’ ist nicht Thoreau, sondern der Wähler, dessen Position Thoreau einen Moment lang einnimmt, um die moralische Absurdität des Wählens deutlich zu machen.]

Falls jemandem die Rhetorik bekannt vorkommt, wir finden sie heute bei jenen wieder, die wenig mit Martin Luther King, jr. oder Mohandas Ghandi gemeinsam haben – außer der Liebe zu Thoreaus Essay. Es sind libertäre Kräfte, die Regierung nur dann gutheißen, wenn sie ihnen persönlich Nutzen bringt. Einen Schaden durch staatliche Eingriffe für sich sehen sie bereits dort, wo der andere einen Nutzen hat, aber ich nicht.

Interessanterweise fordert Thoreau sogar staatliches Eingreifen, wenn es um die Durchsetzung seiner Ethik geht. Es störte ihn, dass der Bund nicht bereit war, ein Gesetz gegen die Sklaverei der Südstaaten zu erlassen. Das ist aber genau ein ’government […] which governs not at all.

Wie sähe das heute bei der leider immer noch aktuellen Frage nach einer brauchbaren Waffenkontrolle aus, oder wenn es um Abtreibung geht, Gesundheitsversorgung? Alles Bereiche, die gerade libertäre Kräfte in den USA [und nicht nur dort] nicht durch die Regierung in Washington geregelt sehen will.

Steuern

Thoreaus Lösung ist selbstverständlich keine gewalttätige, als Pazifist lehnt er Gewalt nicht nur durch den Staat, sondern auch gegen den Staat ab. Da ist er immerhin konsequenter als manch europäischer Anarchist seiner Zeit.

If a thousand men were not to pay their tax-bills this year, that would not be a violent and bloody measure, as it would be to pay them, and enable the State to commit violence and shed innocent blood. This is, in fact, the definition of a peaceable revolution, if any such is possible.

For my own part, I should not like to think that I ever rely on the protection of the State. But, if I deny the authority of the State when it presents its tax-bill, it will soon take and waste all my property, and so harass me and my children without end. This is hard. This makes it impossible for a man to live honestly, and at the same time comfortably, in outward respects. It will not be worth the while to accumulate property; that would be sure to go again.

Dies ist das Herzstück eines zivilen Ungehorsams, wie ihn Thoreau versteht, keine Steuern zahlen, solange der Staat damit Dinge tut, die dem eigenen moralischen empfinden widersprechen. Er geht soweit, nicht für mögliche Besitztümer zu kämpfen, die ihm die Regierung wegnehmen könnte, ja, er lehnt Besitz sogar komplett ab. Das kleine Anwesen, in dem er zwei Jahre am Walden Pond verbrachte, gehörte nicht ihm, sondern seinem Freund Ralph Waldo Emerson. Immer gut, wenn jemand für einen einspringen kann.

Konsequenz

Am 16. Oktober 1859 überfiel ein Trupp Terroristen ein Waffenlager der US Armee in einem kleinen Flecken in Virginia. John Browns Angriff auf Harpers Ferry sollte einen Aufstand der Abolitionisten und Sklaven herbeiführen. Nach wenigen Tagen war das Arsenal in Harpers Ferry durch die Armee zurückerobert, John Brown und viele seiner Anhänger gefangen genommen oder im Kampf getötet worden. Erreicht hatte er nichts.

Thoreau war damals vielleicht nicht der einzige, aber der lauteste Fürsprecher John Browns, der auch von wohlwollenden Stimmen als Irrer gesehen wurde – und sei es nur, weil sein überfall strategisch unsinnig war. Für Thoreau war er ein ehrlicher und hochmoralischer Mann, der Waffen einmal so eingesetzt hat, wie es sich gehört. Nur eine Dekade hatte der Transzendentalist benötigt, um seinen Pazifismus - für die gute Sache - an den Nagel zu hängen.

Noch vor Thoreaus Tod begann ein Krieg, dessen Ziel – Abschaffung der Sklaverei – ihn begeistern musste. Aber wie kann er für einen Krieg sein, in dem unzählige Menschen sterben werden, weil eine Regierung ihnen das befiehlt? Und wie sieht es mit denen aus, die in der Konföderierten Armee waren und nicht der Regierung Lincoln, sondern Jefferson Davis? Wie sieht es aus, wenn Südstaatler überzeugt für die Sklaverei kämpfen, während vielen Unionisten die Schwarzen in Ketten völlig egal waren?

So schön Thoreaus Idee der Steuerhinterziehung als Widerstand gegen ein Regierung, die einem nicht gefällt, im ersten Moment klingt, so fällt sie schnell auseinander. Egal wie groß einen Gemeinschaft ist, ob 100-200 Menschen sich zu einem Stamm sammeln oder hunderte Millionen einen Staat bilden, sie wird Regeln brauchen und Kompromisse schaffen.

Wenn jeder einzelne nach seiner Façon leben würde, wäre ein Gemeinwesen nicht möglich, da die teils inkompatiblen moralischen Ansichten vieler Einzelner in beständigem Streit ständen. Der eine zahlt keine Steuern, weil sie für Autobahnen ausgegeben werden. Der nächste stört sich an Zuschüssen für Bahnen im Nah- und Fernverkehr. Ein dritter möchte kein Geld für eine Armee hergeben, ein vierter gar komplett auf Sicherheitsbehörden verzichten.

Bildung, Gesundheit, Kommunikation, Kultur und und und. Kein Bereich wäre finanzierbar, ja, es würde nicht einmal klar sein, was denn überhaupt aus Steuergeldern finanziert werden dürfte. Falls jemandem das bekannt vorkommt, dies sind ganz wesentliche Streitpunkte, derentwegen Demokratie überhaupt existiert. In jedem Land, für jede demokratische Regierung geht es darum, Gelder der Allgemeinheit sinnvoll für die Allgemeinheit auszugeben. Egal, was der Einzelne von einzelnen Ausgabenpunkten hält.

Da hilft es auch nicht, dass Thoreau und seine modernen Wiederkäuer Wählerbeschimpfung betreiben. Es ist eine allgemeine Faustregel, dass alle anderen blöd sind, keine Ahnung vom Wahlsystem haben und nur man selbst genau weiß, was richtig für alle und die Zukunft ist.

 

[1] aus Henry David Thoreau. Resistance to Civil Government. 1849. [zuerst als Vortrag On the Duty of Civil Disobedience, 1848, später Civil Disobedience oder On Civil Disobedience] Text online: Gutenberg.org, Panarchy.org, Thoreau.eserver.org.


5 Kommentare zu “Gegen-Steuern”

  1. DH Reply | Permalink

    Demokratie

    "da sie kein Gewissen haben, sondern – in Demokratien – den Mehrheiten folgen."

    Da täuscht er sich , in Demokratien folgen Regierungen Mehrheiten , aber mit großen Einschränkungen , etwa verfassungsbedingten.
    Vor allem aber kann die Mehrheit auch umgekehrt aufhören , der Regierung zu folgen.

    Diktaturen leben viel mehr von der Mehrheit als Demokratien und sind sehr darauf bedacht , diese ruhig zu halten , Diktatoren haben immer auch durchaus Angst vor dem Volk , siehe Stalin.

  2. Erbloggtes Reply | Permalink

    Apologie Thoreaus

    Diese Interpretation wird Thoreau nicht gerecht. Natürlich ist er ein lucky guy, der sich schrullige Widerständigkeit leisten konnte, weil seine wohlhabenden und einflussreichen Kumpel ihn im Zweifel rausgehauen haben.

    Du stellst es nun so dar, als ob er dazu aufruft, dass man keine Steuern zahlen soll, wenn es einem missfällt, dass der Staat davon Nah- und Fernverkehr bezuschusst. Das ist nicht der Fall, und auf dieser Basis wäre sein Aufruf zu Civil Disobedience auch nicht zu einem der im 20. Jahrhundert einflussreichsten Texte geworden. Eine entscheidende Stelle lautet laut Wikipedia so:

    "Wenn aber das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann, sage ich, brich das Gesetz. Mach' dein Leben zu einem Gegengewicht, um die Maschine aufzuhalten. Jedenfalls muss ich zusehen, dass ich mich nicht zu dem Unrecht hergebe, das ich verdamme."

    Die Bedingung des Ungehorsams ist also das Unrecht. Die Frage, was Unrecht eigentlich ist, ist vielleicht die Grundfrage der Rechtsphilosophie. Denn die Antwort, dass eben das, was laut niedergeschriebenem Gesetz verboten ist, Unrecht sei, widersprach nicht nur im Fall der Sklaverei den Intuitionen quasi aller Gruppen, die Legitimität aus etwas anderem als aus schierer Macht ("Recht des Stärkeren") ableiteten.

    Gustav Radbruch formulierte in dem Aufsatz "Gesetzliches Unrecht und übergesetzliches Recht" 1946 die Radbruchsche Formel, um Juristen darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich zwar an das vorliegende Gesetz halten müssen, dass dies aber eine Grenze hat:

    "wo Gerechtigkeit nicht einmal erstrebt wird, wo die Gleichheit, die den Kern der Gerechtigkeit ausmacht, bei der Setzung positiven Rechts bewußt verleugnet wurde, da ist das Gesetz nicht etwa nur ‚unrichtiges‘ Recht, vielmehr entbehrt es überhaupt der Rechtsnatur." (wieder nach Wikipedia)

    Und tatsächlich sind zwar Juristen heutzutage quasi allesamt Rechtspositivisten (die also ein Widerstandsrecht gegen geltende Gesetze ablehnen), das jedoch nur, weil das Naturrecht oder Vernunftrecht (auf das Thoreau sich beruft) in der Rechtslehre heute mit eingebaut ist: Menschenrechte gelten über einfachgesetzliche Vorschriften hinweg, und zwar (nicht nur) durch ihre Festschreibung in den Grundrechten des Grundgesetzes. Das müssen Richter heute bei ihrer Rechtsprechung berücksichtigen, sonst werden sie eben letztlich vom BVerfG korrigiert.

    Und tatsächlich ist die Bedeutung des BVerfG heute so groß (und für den Innenminister so ärgerlich), weil das BVerfG immer wieder aufs Neue den Irrglauben widerlegt, eine parlamentarische Mehrheit könnte nach Belieben Unrecht in Recht umwandeln. Thoreaus Kritik am Staat ist damit in weiten Teilen umgesetzt.

    Dennoch können natürlich Residuen bleiben, in denen der Einzelne das Gesetz brechen muss, um seinem Gewissen zu entsprechen. Ein plakativer Fall (der heute den meisten einleuchtet) ist die Wehrdienstverweigerung. Die ist tief in unser Rechtssystem integriert, sogar so tief, dass zuletzt die Wehrpflicht abgeschafft wurde. Menschen zu erschießen ist in Deutschland nur noch auf freiwilliger Basis üblich, nicht mehr unter Zwang.

    Sogar ein Widerstandsrecht gegen die Exekutive ist im Grundgesetz (Art. 20, Abs. 4) verankert, sofern die Exekutive versucht, die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen, und andere Abhilfe nicht möglich ist. (Glücklicherweise funktioniert die Abhilfe durch das BVerfG recht gut, siehe oben.)

    Damit komme ich zum Ausgangspunkt zurück, zur Steuerverweigerung: Thoreau sagt, wenn der Staat so ungerecht ist, dann mach nicht mit. Konkret: Wenn der Staat Sklaverei gutheißt, dann mach nicht mit: "Under a government which imprisons any unjustly, the true place for a just man is also a prison".

    Dieser Konsequenz kann man sich auch im Rechtspositivismus nicht entziehen. Denn wenn du Sand im Getriebe des ungerechten Staates bist, hast du das gesetzliche Recht darauf, ins Gefängnis gesteckt zu werden. Dort bist du nicht mitverantwortlich für das vom Staat begangene, von den Bürgern (per Wahl und Steuern) unterstützte Unrecht.
    Du hast natürlich kein "Recht" darauf, Widerstand gegen den Staat zu leisten oder Steuern nicht zu bezahlen, in dem Sinne, dass dein Tun juristisch gerechtfertigt wäre und du nicht dafür bestraft werden könntest. Aber du hast ein Recht darauf, nach Recht und Gesetz behandelt zu werden, wenn du Widerstand leistest. Und damit ist es moralisch auch schon weitgehend gerechtfertigt, keine Steuern zu zahlen, sofern du eben bereit bist, die gesetzlich vorgesehenen Folgen in Kauf zu nehmen.

  3. Martin Holzherr Reply | Permalink

    Thoreau,US-Anarchismus, Antietatismus

    Thoreau ist nur eine besonders herausragende Person aus einer Vielfalt von Individualisten verschiedenster Prägung in den frühen bis heutigen USA. Bestimmte Formen des Liberalismus (von denen es mehrere gab in den USA), des Anarchismus oder auch des Kommunitarismus haben viele Berührungspunkte und gemeinsame Ideen mit denen Thoreaus und im Wikipedia-Artikel Anarchism in the United States wird Thoreau sogar explizit aufgeführt. Dort liest man über ihn: "Although Thoreau never labeled himself an "anarchist," he has been regarded to be an individualist anarchist"
    Thoreau stellt tatsächlich die Extremform des individualistischen Kauzes dar. Das ist aber nur das eine Ende eines grossen Spektrums von sozialen Bewegungen, Gruppierungen und Sekten in den USA, die den grossen und mächtigen Staat und damit den Etatismus ablehnen und ihr Heil in kleinräumigen Strukturen suchen. Die Kommunitaristen beispielsweise glauben, eine aktive Bürgergesellschaft sei nur weitgehend selbstverantwortlich möglich und lehnen Wohlfahrts- und Diensteleistungsgesellschaft ab.

    Auch in der breiteren US-Gesellschaft ist heute noch ein antietatistisches Moment festzustellen. Das äusserst sich in einem tief verwurzelten Misstrauen gegenüber dem Staat, was sich unter anderem in der weiten Verbreitung von Verschwörungstheorien bemerkbar macht oder auch in Survivalgruppen. Das Recht eine persönliche Waffe zu tragen wird wohl aus solchen Gründen von vielen US-Bürgern als wichtig betrachtet. Auch die vielen Kirchen und Sekten in den USA gehören zu diesem Bild.

    Logische Widersprüche im Weltbild findet man in all diesen Gruppen, nicht nur bei Thoreau.
    Natürlich gibt es solche Gruppen auch in Europa, aber sie haben hier keinen Platz im Allgemeinbewusstsein, während den meisten US-Amerikanern ein solches Denken sehr vertraut ist. Das lässt sich teilweise mit der Geschichte erklären. Viele Einwanderer in die USA verliessen Europa weil sie dissidente religiöse oder weltanschauliche Ideen hatten. Heute haben Thoreau-hafte Figuren, Bewegungen wie der Kommunitarismus und Sekten aber immer noch eine grosse Attraktivität in den USA. Wahrscheinlich gerade als Gegenreaktion auf die Realität eines übermächtigen US-Systems.

  4. chris Reply | Permalink

    Sogesehen kann man solcherart Maßstab an den Staat inzwischen wieder als hochaktuel erkennen. Tendenziel immer weniger Leistung seitens des Staates, aber immer mehr Abgaben erheben. Der Rückzug des Stattes per Privatisierungstendenz aus der allgemeinen Versorgungsdienstleistung (Energie-, Wasser-und Abwasserversorgung, Nahverkehrsdienstleistungen...usw). Im Gegenzug scheint sich der Staat subjektiv gesehen auf eine Art Beobachter und Sicherheitsorganisator zu konzentrieren und eben noch das Sozialsystem am letzten Ende der Sozialgefüge (die absolute Grundversorgung von Desintegrierten -> Sozialhilfeleistungen). Und Bildungssysteme - das wars auch schon. Renten sind nur noch teilweise Staatliche Leistungen (oder sollen mal sein).

    Also, .... stellt sich die Frage, was der Staat mit der immer häher werdenden Steuerquote anstellt? (außer solch imaginäre Leistungen, wie versprochene Sicherheit).

    An Thoreau´s Szenario (die überlieferten Geschichten) fand ich weniger die Frage nach dem Widerstand gegen den Staat faszinierend, sondern die von ihm selbst bewiesene Tatsache, dass es schon in beginnend industrialisierten Zivilisationen keine Alternative mehr zum hochorganisiertem Staatssystem und seine Folgen mehr gibt. Denn sein Experiment ist auch ohne die Tatsache, dass Grund und Hütte nicht sein Besitz waren, misslungen - auch, wenn die detailierten Dokumentationen scheinbar schlüssig scheinten (betreffend des unabhängigen Lebens).

    Und die Tatsache, dass ihm das Land nicht gehörte, zeigt aber auch, dass es im fortgeschrittenen Zivilisationen sogesehen keinen Lebensraum für weitere Menschen (unsere Nachkommen) gibt. Ein Grund, warum nordamerikas Menschen aus Europa fortgegangen sind - und zu Thoreau´s Zeit schien schon der Traum von Freiheit unmöglich geworden zu sein. Alles besiedelt, alles erschlossen (naja, vieles).... und jeder Meter Land gehörte inzwischen irgend jemandem oder dem Staat.

    Ich als Großstädter habe damals die Idee Thoreau´s fasziniert betrachtet, sich aus der Gesellschaft ... oder mehr aus der Enge der totalen Organisation (und der städtischen Überbevölkerung) zurück zu ziehen. Ich hatte schon vor der Lektüre Thoreau´s parallel zu allen anderen Zielsetzungen/Lebensalternativen den Gedanken aus den Ballungsgebieten der Menschheit zu verschwinden. Mein Beruf und meine sonstige Situation haben mich solches aber nie konkret werden lassen. Und nach Thoreau´s Lekture war mir irgendwann klar, dass es gar nicht mehr geht. Mann entkommt heute der Zivilisation nur noch, wenn mann in die lebensfeindlichsten Landschaften dieser Erde geht. Ein Stadtmensch ist auf solcher Art Lebensmstände aber nicht mehr vorbereitet genug - zivilisatorische Lebensunfähigkeit muß man sowas nennen - und die ist bei mir sogar noch wenig ausgeprägt.

    Mit bestimmter Perspektive ist die Krtitik im Kontext am (Rechts)Staat und Demokratie durchaus gerechtfertigt. Nämlich immer wenn derart öffentzliche Wahrnehmung und reale Situation bezüglich der Freiheit des Individuums auseinander laufen, das aber niemand bemerkt.
    Interessant nämlich ist die Perspektive, dass ein durchaus wohlwollendes Rechtsstaatskonstrukt im Ergebnis aber die Beteiligung am selben zur Pflicht macht (machen muß), auch wenn direkt weiter kein (Vertrags)Verhältnis zwischen Subjekt und Institution besteht. Das Subjekt kommt unweigerlich zu schaden, auch wenn es sich defensiv verhält. Eine möglicherweise eintretene Einschränkung der Freiheit aufgrund einer Gefängnisstrafe sei dabei tatsächlich noch das kleinste Übel und geringste Einschränkung der Freiheit. Im Kern des Verhältnisses zwischen Subjekt und Staat steht eine eindeutig bestehende Erpressung des Individuums. Sowas hört man zwischen den Zeilen öfter mal von reicheren Bürgern (wegen seiner hohen Steuern) und das, wo doch der Reiche in modernen Staatsgebilde am freiesten ist. Da sollte das bischen Geld nicht dem Lebensglück im Wege stehen. Mutmaßlich sei dass, weil man über Geld am berfreitesten Meckern kann. Der eigendliche kernpunkt seiner Unzufriedenheit steckt an anderer Stelle - über (hohe) Steuern jammern ist Sublimierung. Der Reiche ist nur reich, weil die Infrastruktur vom Staat errichtet wurde, die ihm die Anreicherung des Reichtums ermöglichte. Der Staat ist (heute?) des Reichen bester Supporter. Und da meckern alle über (Sozial)Schmarotzer - wer sein denn einer, wenn man diese Perspektive einnimmt?
    Und weil einige Reich sind und es bleiben wollen, "muß" ich ..... (irgendwas) tun? (am Bildungssystem teilnehmen, mich etwa dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stellen, ehemals Wehrdienst leisten (weil im Verteidigungsfall eben auch Reichtum verteidigt wird), mich identifizieren und am Wohnort als Anwohner melden, ... usw.) Und zur genialen Lösung des Problems gibt es so tolle Sprüche wie: Kannst ja das Land verlassen.... oder in den Knast gehen....

    Das Bashing im Artikel gegen Thoreau ist unnötig und völlig überflüssig. Die Vision, die er mit seiner Geschichte aufgemacht hat, ist als Utopie (zur besseren Erkenntnis über unsere Wirklichkeit) absolut notwendig und sollte anders besprochen werden. Es ging nur scheinbar um Steuern und Gegenleistung. Wie gesagt: Über Geld jammern ist Sublimierung.

  5. Wegdenker Reply | Permalink

    Der Fall Thoreau

    1. Meines Wissens wurde Thoreau wegen Steuerhinterziehung verurteilt, weil er sich wegen des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges weigerte Steuern zu zahlen.
    Falls die Version, die hier vorgetragen wurde, stimmt, ist der Fall sogar noch absurder und mehr zugunsten Thoreaus! Woher hätte der gute Mann in seinem autarken Paradies "Walden" denn Steuern zahlen sollen? Er war in erster Linie Selbstversorger, soll aber durchaus auch Handel mit der lokalen Dorfbevölkerung getrieben haben, ob die über Tauschhandel hinausging kann ich nicht sagen.
    2. Ziviler Ungehorsam qua der Weigerung Steuern zu zahlen sollte man nicht so ohne weiteres abtun. In den USA hat das Thema natürlich besondere Brisanz, war doch "No Taxation without representation" eine der Slogans des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges.
    Das Problem an diesem "moralischen Gebot" dürfte doch eher sein, dass man es nicht den Gewissen eines Individuums überlassen kann, weil Regierung so nur auf Basis des kleinsten gemeinsamen Nenners möglich wäre. Andererseits bleibt kaum eine andere Begründung als das individuelle Gewissen, wenn man sich nicht auf Göttliches Recht oder Naturrecht berufen will. (Göttliches Recht verbietet sich in einer säkularen Gesellschaft; Naturrecht ist philosophisch heikel zu begründen und würde unter Anhängern und Gegnern zu noch größeren Differenzen führen als einfach jeden zu gestatten seinem individuellen Gewissen zu folgen.) Sonst kann man ein Gesetz oder die Auslegung eines Gesetzes gar nicht mehr als moralisch oder unmoralisch beurteilen - das wäre eine These, die selbst von Rechtspositivisten in Frage gestellt wird.
    3. Man muss meines Erachtens - wenn man keinen moralischen Historismus oder "Hobbesianismus" anhängen will - zugeben, dass manchmal wenige moralische Exzentriker richtungsweisende Impulse gegeben haben. Auch im Widerstand gegen den Rest der Gesellschaft, inklusive des Staates.
    Das hilft allerdings niemanden weiter, weil natürlich jede Partei sofort für sich reklamieren wird, auf Seite des moralischen Fortschritts zu stehen.
    4. Die Gewaltfrage ist vielleicht der wichtigste Punkt in dem Artikel. Hier wird Thoreau (scheinbar?) eine Inkonsequenz nachgewiesen.
    Allerdings fehlen mir zur genauen Beurteilung der Situation einige wichtige Informationen: Erstens ob er zwischendurch seine Meinung geändert hat (kann ja sein, dass er später vom Pazifismus abrückte)? Zweitens ob er die Methoden von John Brown selbst gutgeheißen hat oder nur seine Ziele, Absichten und Werte. Er könnte sich als Intellektueller berufen gefühlt haben, die Ziele des Aufstands als moralisch gerechtfertigt darzustellen, auch wenn er die Mittel selbst ablehnen würde, sonst könnte noch ein Anti-Abolitionist auf die Idee kommen, über den Fall Brown die ganze Sache des Abolitionismus zu verurteilen. (Aber das sind nur Spekulationen, ich weiß nicht mal, welche Rolle Intellektuelle in der damaligen amerikanischen Gesellschaft hatten und welche speziell Thoreau.)
    5. Ich denke, man muss zwischen solchen "Partikular-Verweigerern" wie Thoreau und den radikaleren Ausprägungen wie Anarchisten unterscheiden, wenn man die Sache sachlich beurteilen will... Am Ende ging es Thoreau um bestimmte Werte, ohne die mit ihn offenbar "kein Staat zu machen war", nicht um die Abschaffung des Staates mit öffentlicher Krankenversicherung, Kommunikation usw.usf.

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