Dem Wunder die Hand hinhalten

3. Februar 2015 von Kirsten Baumbusch in Allgemein

IMG_2143So viele tausend Kilometer von Deutschland entfernt im peruanischen Arequipa kommt mir immer wieder der Satz der Heidelberger Lyrikerin Hilde Domin in den Sinn: Dem Wunder die Hand hinhalten wie einem Vogel. Das hängt mit den Kindern und Jugendlichen von Casa Verde zusammen. Gerade schreibe ich am Jahresbericht für die Spenderinnen und Spender, die erfahren sollen, was in den Heimen in Arequipa und Cusco im zurückliegenden Jahr so passiert ist.

Bei den 30 bis 40 Jungen und Mädchen im Alter von vier bis 18 Jahren handelt es sich um so genannte "aufgegebene Kinder". Das heißt, es sind zumeist nicht Waisen im klassischen Sinn, die Vater und Mutter verloren haben, sondern sie waren schlimmster Vernachlässigung und Misshandlung ausgesetzt und wurde aus ihren Familien herausgenommen. http://www.blansal-casaverde.org/

Es ist gut, dass der peruanische Staat diese Aufgabe zwischenzeitlich ernst nimmt und auch kontrolliert, wie es den Kindern in den Waisenhäusern geht. Schlimm ist jedoch, dass es dafür keinerlei finanzielle Unterstützung gibt. So sind die 1500 Mädchen und Jungen, die allein in der knapp eine Million Einwohner zählenden Stadt Arequipa, ins solchen Heimen leben, auf Unterstützung aus aller Welt angewiesen.

Ich bewundere die Männer und Frauen, die sich als Betreuer, Erzieher und Lehrkräfte für wenig Geld ihrer annehmen. Sie wollen ihnen helfen, Kraft zu tanken, die Verletzungen zumindest vernarben zu lassen und eine Perspektive für ihr Leben zu entwickeln. Das ist ein schwieriges Unterfangen, denn körperlicher Mangel sowie physische und psychische Gewalt haben tiefe Spuren in Körper und Seele hinterlassen.

Während die meisten der Kinder schnell wieder das Lachen lernen, sich freuen, einen in den Arm nehmen und die kleinen Freuden des Alltags genießen können, fällt das Lernen schon viel schwerer. Bei den Allermeisten ist die Schulbildung viel zu kurz gekommen, Konzentrationsstörungen und die Spuren der Mangelernährung kommen dazu. Umso wichtiger, dass in Casa Verde darauf geachtet wird, dass sie, wenn sie mit 18 Jahren das Haus verlassen müssen, schon erste Erfahrungen im Berufsleben gesammelt haben.

Eines Tages, das ist Volker und Dessy Nacks größter Wunsch als Gründer von Casa Verde, sollen sie ihren Kindern gute Väter und Mütter sein, sie sollen ihren Lebensunterhalt verdienen und verlässliche Bindungen aufbauen können. Dafür ist vor allem Stabilität wichtig, auch deshalb ist es gut, dass die Tutoren, wie sie hier heißen, oft über viele Jahre da sind. Einmal in der Woche treffen sich alle, die mit den Kindern zu tun haben, zu einer Versammlung. Dort wird vehement um den richtigen Weg gerungen. Wie viel Autonomie brauchen die Kinder? Wie strikt müssen die Regeln und Grenzen sein? Manchmal geht es auch darum, dass ein Kind das Heim verlassen muss. Das war im letzten Jahr der Fall, als ein Neunjähriger die Jüngeren sexuell zu nötigen begann. Das sind schwere Stunden, ist doch jedem klar, dass das Kind nur auslebt, was es selbst erlitten hat.

Und dann gibt es da noch einen Fall, der selbst mich als Journalistin, die sich bereits vor 25 Jahren mit dem Thema sexueller Gewalt in Familien auseinandergesetzt hat, im Innersten berührt. Ein 14-jähriges Mädchen wurde vom Ministerium zugewiesen. Kurz zuvor war sie von ihrem Baby getrennt worden, weil sie sich nicht darum kümmern konnte. Ganz langsam nur fasst sie Vertrauen zu den Betreuerinnen. Die Amplituden zwischen Aggression und Depression waren gewaltig, der Umgang mit ihr schwierig.

Nach mehreren Monaten bat sie dann um ein Gespräch und erzählte folgende Geschichte: Nicht aus der Vergewaltigung durch einen Fremden war das Kind entstanden - das hatte sie vor Gericht ausgesagt - sondern durch ihren eigenen Vater. Aber nicht nur dieser, sondern auch ihr Onkel, ihr Schwager, ihr Stiefbruder hatten sie sexuell misshandelt. Eine Schwester war bereits bei einer misslungenen Abtreibung ums Leben gekommen. Ihre Stiefmutter drohte, sie bei lebendigem Leib anzuzünden, wenn sie je mit jemandem darüber sprechen würde.

Mittlerweile hat sie in Casa Verde Cusco ihren 15. Geburtstag gefeiert, macht eine Ausbildung zur Friseurin und auf den Fotos lacht ein junges Mädchen. Verheilen werden ihr Wunden wohl nie so ganz, aber jetzt hat sie eine Perspektive.

Deshalb möchte ich ihr, den anderen Kindern und deren Betreuern

Hilde Domins Worte widmen:

Nicht müde werden

sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.


3 Kommentare zu “Dem Wunder die Hand hinhalten”

  1. Reiner Antworten | Permalink

    Hallo ihr beiden, ich hoffe es geht euch gut. Ich werde ab jetzt fleißig mitlesen und die spannenden und aufschlussreichen Geschichten verfolgen. Liebe Grüße aus der Heimat, habt viel Spaß und bleibt gesund. Ich denke immer Mittwochs beim Laufen an euch!

  2. Maggie Antworten | Permalink

    Liebe Kirsten,
    dieser Artikel geht absolut unter die Haut. Zeigt er doch auf abschreckenste Weise, wohin Armut und mangelnde Bildung in einem Staat führen, der sich nicht um seine Bürger kümmern kann (will?) Werd nicht müde, solche Dinge kund zu tun und ich wünsche dir und euch allen in Casa Verde, dass ihr durch solche Veröffentlichungen nicht nur Missstände aufdeckt und Mitgefühl weckt, sondern auch Menschen dazu bringt, euch finanziell zu unterstützen.

  3. Günter Antworten | Permalink

    Hallo Kirsten und Frank
    Im Euro-Lauftreff reden wir häufig über euch und wie es euch wohl geht. Hoffentlich gut. Unglaublich, was Menschen alles aushalten und weiterleben. Sehr berührende Schicksale von denen du schreibst.
    Viel Kraft und Ruhe für eure weitere Arbeit und trotz allem viel Freude dabei.

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