Waterloo – couldn’t escape if I wanted to

18. Juni 2012 von Eva Bambach in Kriegerdenkmal

Heute vor 197 Jahren verloren 12 000 Soldaten in dem großen zentraleuropäischen Gemetzel von Waterloo ihr Leben. Vor zehn Tagen wurde einer von ihnen gefunden – skelettiert und noch genau in der Position, in der seine Kameraden ihn offensichtlich hastig mit Erde bedeckt hatten. Die Fotos von den Ausgrabungen zeigen seinen Brustkorb mit der Kugel, die ihn getötet hat. 

Es handelt sich vermutlich um einen etwa 20-jährigen Briten, der hier am 18. Juni 1815 im Kampf gegen die französischen Truppen gestorben ist. Er wurde bei Bauarbeiten an einem neuen Besucherzentrum gefunden, ganz in der Nähe des Löwenhügels, eines Denkmals, das auf dem Schlachtfeld nahe der belgischen Stadt Waterloo errichtet wurde.

Waterloo Denkmal Löwenhügel
Der Löwenhügel auf dem Schlachtfeld von Waterloo hat einen Umfang von mehr als 500 Metern (Foto © C. Recoura)

Bei diesem weit über die Landschaft aufragenden Denkmal handelt es sich um ein ganz eigenartiges Konstrukt. Victor Hugo beschrieb es in seinem 1862 erschienenen Roman „Die Elenden“ so:

Die Wellenlinien der verschieden geneigten Ebenen, auf denen die Begegnung Napoleons und Wellingtons stattfand, sind, das ist allgemein bekannt, nicht mehr dieselben wie am 18. Juni 1815. Indem man diesem Feld des Todes, um ihn ein Denkmal zu errichten, sein bisheriges Bild nahm, hat man ihm sein wirkliches Relief genommen, und die davon verwirrte Geschichte kennt sich nicht mehr aus. Um seinen Ruhm zu verewigen, hat man es entstellt. Als Wellington zwei Jahre später Waterloo wiedersah, rief er: „Man hat mir mein Schlachtfeld verändert“. Da, wo heute die große, von dem Löwen überragte Erdpyramide steht, war ein Kamm, der zur Straße nach Nivelles hin sich als leicht betretbare Rampe senkte, aber auf der Seite der Chaussee nach Genappe fast steil abfiel. Wie schroff diese steile Böschung war, lässt sich noch heute an der Höhe der Erdhügel der beiden großen Gräber ermessen, die die Straße von Genappe nach Brüssel eindämmen; des englischen Grabes links, des deutschen Grabes rechts. Ein französisches Grab gibt es nicht. Für Frankreich ist die ganze Ebene ein Grab. Dank den tausend und aber tausend Karren Erde, die für den hundertundfünfzig Fuß hohen Denkmalshügel mit seinem Umfang von fünfhundert Fuß verwendet worden sind, ist heute die Hochfläche von Mont-Saint-Jean in sanfter Steigung zugänglich. Am Tage der Schlacht war sie, …, rauh und schwer zu erklimmen. …

(zitiert nach der Übersetzung von Paul Wiegler und Wolfgang Günther, Artemis & Winkler, 1998)

Der große Löwenhügel ist mit Abstand das aufwendigste Denkmal auf dem Areal. Für die Gefallenen der unterschiedlichen Länder wurden sehr viel kleinere Gedenksteine gesetzt. Das alles beherrschende Monument wurde von dem niederländischen König Wilhelm I. an der Stelle errichtet, an der sein Sohn in der Schlacht an der Schulter verwundet, aber nicht getötet worden war. Es ist als 41 Meter hoher Tumulus, als Grabhügel, angelegt. Der nach Frankreich ausgerichtete Löwe auf dem Gipfel des patriotischen Denkmals symbolisiert den Sieg über die französische Herrschaft.

Das Schlachtfeld wurde schon sehr bald von den unterschiedlichen Kriegsteilnehmern in ihrem Sinne vereinnahmt, zum Beispiel auch als Wundmal für den Untergang bonapartistischer Ideale oder als Symbol europäischer Solidarität und den Sieg der Monarchie. Noch im Jahr der Schlacht setzte auch ein reger Tourismus ein, der sich der Faszination durch das Grauen des Massensterbens ebenso verdankt wie dem Bedürfnis nach Heroisierung. Noch heute wird die Schlacht alljährlich mit weit über tausend Laienschauspielern als großes Spektakel nachgestellt.

Waterloo Bivouacs Napoleoniens
Eine Szene aus dem "Bivouac Napoléonien" des Jahres 2010. Alljährlich wird die Schlacht von Waterloo am Originalschauplatz nachgestellt. (Foto © M. Fasol)


4 Kommentare zu “Waterloo – couldn’t escape if I wanted to”

  1. Cruzcampo Antworten | Permalink

    Laienschauspieler

    Liebe Eva,

    nur eine Ergänzung zu den "Laienschauspielern". So könnte es schon bezeichnet werden, wenn... ja, wenn nicht die große Mühe und akribische Recherche hinter all den Kostümen und Ausrüstungsgegenständen der Beteiligen und beteiligten Gruppen stehen würde. Mitunter kennen sich diese Leute besser im Alltagsleben "ihrer Zeit" aus als die damit befaßten Wissenschaftler. Das ist keine Leistung, es liegt lediglich in der Natur der Sache. Wie heißen diese Leute denn nun?
    Landläufig hat sich der Begriff "Reenactment" für das Nachspielen eines historischen Ereignisses und der Begriff "Reenactor" die Leute, die es nachvollziehen. Nicht liegt ihnen, und ich kenne einige davon, das Ereignis zu glorifizieren. Das Nachstellen desillusioniert recht schnell, auch ohne Sterben und Blut.

    Mit vielen Blogergrüßen
    Isí

  2. Eva Bambach Antworten | Permalink

    Laien

    Der Begriff "Laie" ist an sich nicht abwertend - und so soll auch den Laiendarstellern beim Reenactment weder Sachverstand noch Schauspieltalent abgesprochen werden. Aber wichtig ist es ja schon zu wissen, dass hier keine professionellen Schauspieler am Werk sind (dann wären es ja so etwas wie "Waterloo-Festspiele").

  3. Cruzcampo Antworten | Permalink

    Nun, der Begriff "Laienschauspieler" wird schon oft im abwertenden Sinne gebraucht. Aber darum geht es mir nicht. Auch bei Karl-May-Festspielen, Störtebecker sind neben den Profis auch Laien beteiligt, anders geht es gar nicht. Selbst auf großen Opernbühnen haben sie im Chor mitunter Laien ...

    Im Theater(und Film, selbst Dokus (leider)) gelten aber andere Maßstäbe, das ist eine Inszenierung, oft auch den Vorstellungen der Regie und der Ausstatter unterworfen, kein Reenactment. Beim Reenactment geht es darum so nah wie möglich dem tatsächlichen Geschehnis zu kommen. Mitunter gibt es dabei auch schauspielerische Einlagen (mitunter auch von Profis) oder "Erklärbären". Der jeweilige Veranstalter möchte auch dem Publikum "etwas bieten". Andere Reenactments scheren sich gar nicht um mögliches Publikum, sondern fahren ihre Veranstaltung abseits der Öffentlichkeit. Andere gefallen sich in "Museumsbelebungen". Freilichtmuseen werden oft mit Laiendarstellern aus Reenactmentgruppen bestückt. Um zum Thema des Blogs den Bogen zu spannen. Reenactors sind sozusagen lebende Denkmale.

    Mit denkerischen Malgrüßen
    Isí

  4. Franziska Franke Antworten | Permalink

    Wasserloch (das heißt es doch sicherlich

    Zuerst habe ich über die Überschrift gerätselt, aber dank Google habe ich den ABBA-Bezug erkannt :-)

    Vom ätherischen Standpunkt gesehen, ist der "Tumulus" von Waterloo jedenfalls zeitloser als das Völkerschlacht-Denkmal bei Leipzig, auch wenn mir dieser Schlachtentourismus reichlich suspekt ist. Aber er boomt! Bei dem vergeblichen Versuch, in Rouen ein Hotelzimmer zu reservieren, musste ich erfahren, dass die Stadt gern als Ausgangsort für die Schlachtfelder des 2. Weltkriegs verwendet wird und auch in Verona geriet ich Anfang des Monats unvermittelt den Kanonendonner einer Revolution.

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