“Früher war die Zukunft auch besser” – Teil 1: Ausrede-Mechanismen

28. Dezember 2013 von Reinhold Leinfelder in Allgemein

Das Verständnis des Anthropozäns wäre viel zu kurz gegriffen, wenn wir diesen Term - wie es derzeit häufig geschieht -  nur als neuen Sammelbegriff für alle menschengemachten Umweltkrisen dieser Welt sowie ihrer Wechselwirkungen untereinander verstehen würden. Immer noch nicht hinreichend, wenn auch dringend notwendig für eine Charakterisierung des Begriffs Anthropozän ist die Hinzunahme von historischen Analysen, um zu erklären wie es überhaupt zu einer Anthropozän-Zeit kommen konnte. Erfreulicherweise wird dies derzeit kräftig von Historikern sowie Kultur- und Sozialwissenschaftlern aufgegriffen und untersucht. Tatsächlich ist das Lernen aus der Vergangenheit gerade für das Anthropozän von überaus großer Bedeutung. Es geht um nichts weniger als das Verständnis der Wechselwirkungen von Mensch und Natur, der Abhängigkeit der Etablierung unserer Gesellschaftsformen von  "Kulturrevolutionen", wie der neolithischen oder der industriellen Revolution, die aber ihrerseits wiederum von den sehr stabilen holozänen Umweltbedingungen sowie der verbesserten technologischen Erschließbarkeit von Naturressourcen abhängig sind. Auch das Konzept der Shifting Baselines, welche zunehmend die Kenntnis von urnatürlichen Vorgegebenheiten zunichte macht oder die Analyse der wachstumswert-basierten großen Beschleunigung sowohl innerhalb der Soziosphären als auch - damit korreliert -  der Natursphären sind wichtige Forschungsbereiche für das Anthropozän. Das bessere Verständnis von Komplexitäten, Wechselwirkungen, Wahrscheinlichkeiten und unterschiedlichen raumzeitlichen Skalierungen, also ein fundiertes systemisches Verständnis, erscheinen unabdingbar, um die Zukunft meistern zu können. "Alles hängt mit allem zusammen und umgekehrt" ist ein Spruch aus den Anfängen des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen WBGU, der die wissenschaftlichen Herausforderungen durchaus zutreffend beschreibt (Abb. 1).

 

Abb. 1: Alles hängt mit allem zusammen, hier am Beispiel nachwachsender und geologischer Ressourcen

 

 

Damit sind wir aber bei der Frage der Zukunft, dem vielleicht wichtigsten Teil des Anthropozän-Ansatzes. Das Anthropozän als lange erdgeschichtliche Epoche gestalten zu können (und eben nicht als kurzen erdgeschichtlichen Event nur passieren zu lassen), dazu soll ja die Anthropozän-Metapher besonders anregen, also dürfen wir auch vor Zukunftsbetrachtungen nicht zurückschrecken. Der Mensch ist - überwiegend unreflektiert - zum Erdsystemfaktor geworden. Warum sollte er nicht wissensbasiert, reflektiert, nachsteuernd, Wissenslücken ernst nehmend, also differenziert, aber eben doch „proaktiv“ die Zukunft "wissensgärtnerisch" gestalten können, gerade um nachfolgenden Generationen auch weiterhin vergleichbare Entwicklungschancen und Selbstbestimmungsmöglichkeit auf diesem Planeten zu ermöglichen?

Wenn es aber vom Wissen zum Handeln kommen soll, tun sich gro?e Widerstände auf. Hat hier der bayerische Komiker und Realphilosoph Karl Valentin recht mit seiner Aussage, dass früher die Zukunft auch besser war?  Sicherlich nicht, aber sein Satz drückt dennoch viele Wahrheiten aus, die für die Gestaltung des Anthropozäns Bedeutung haben. So sinnieren wir gerne darüber nach, wie es mit uns und der Welt weiter geht, wir sind also an der Zukunft durchaus interessiert. Schließlich ist diese für jeden von uns die einzige Gewissheit, die wir haben: es geht unweigerlich in die Zukunft, nirgendwohin sonst. Gleichzeitig haben wir Respekt und Befürchtungen vor dieser Zukunft. Sie erscheint wolkig, unbestimmt,  eher unbeeinflussbar, und sie scheint fast wie ein Naturphänomen auf uns zuzukommen. Gerne flüchten wir uns daher in das Vertraute und Bekannte, in die Vergangenheit, picken uns die Dinge heraus, die uns besonders vertraut und angenehm waren. Die Romantisierung der Vergangenheit gehört zu den besonders beliebten Fluchten. Bei wissenschaftlicher Betrachtung sieht es allerdings, das weiß eigentlich jeder selbst, ganz anders aus. Hunger, Kriege, Krankheiten, kürzere Lebenserwartung, schlechtere Arbeitsbedingungen, viele soziale Ungerechtigkeiten waren zumindest in unseren Regionen deutlich ausgeprägter als heute. Und nie kamen so viele Entwicklungsländer in so kurzer Zeit so rasch voran, auch wenn die Schere zwischen einer superarmen einen Milliarde Menschen und dem sechs Milliarden Personen großen Rest der Menschheit leider deutlich weiter aufgegangen ist.

Viele, wenn nicht fast alle Verbesserungen sind der Wissenschaft und den Technologien zu verdanken, auch wenn wir heute wissen, dass Technik eben nicht nur Lösung für vieles, sondern - gerade wegen der zu geringen wissenschaftlichen Durchdringung ihrer "systemischen" Wechselwirkungen – auch oft zum großen Problem geworden ist. Immerhin besteht die große Hoffnung, dass neue Technologien nun auch wieder zu einem Teil der Lösung werden könnten. Wissenschaftliche und technologische Lösungen (etwa zur Energiewende, zu umweltverträglichem Bauen, zu Kreislaufwirtschaft, zu nachhaltiger Fischerei etc.) sind entweder schon vorhanden oder zumindest in rasanter Entwicklung - warum scheuen wir uns dann, sie anzuwenden, warum bleiben wir wie die Lemminge in den vertrauten Pfaden, die geradewegs in eine unumkehrbare Unnachhaltigkeit führen und uns vermutlich vieler Zukunftschancen berauben? Trotz Wissen kein Handeln? Sind es nur Lobbyisten und wirtschaftsbasierte Verschwörungen, die den Wandel verhindern? Muss es erst noch weher tun, damit wir uns zu ändern? Warum haben die wissenschaftsbasierten Lösungsvorschläge, wie sie der WBGU, aber auch viele andere vorschlagen, immer noch zu geringe Wirksamkeit? Ein großes Feld von Fragen, die Antworten sind teils einfach, teils komplex, auch noch ungenügend erforscht. Nur weniges davon möchte ich nachfolgend etwas vertiefen:

Das Anthropozän sind wir

Zur Gestaltung eines zukunftsfähigen Anthropozäns gehört es meines Erachtens auch, sich selbst einen Spiegel vorzuhalten, oder mit anderen Worten, uns selbst als interessantes Forschungsobjekt mit zu entdecken. Sind wir nur zu brav oder ist es vielleicht auch aus wissenschaftlicher Sicht unmöglich, sich zu transformieren? Sind indirekte und lange zeitverzögerte Wirkungsketten einfach zu abstrakt, zu global? Solche indirekten, meist zeitverzögerten Wirkungsketten treten etwa beim Klimawandel, bei der Akkumulation von Giftstoffen in der Umwelt, beim langsamen Verschwinden wichtiger Ressourcen (wie z.B. Phosphaten oder den Fischen in den Ozeanen), oder bei den Niederschlagsmustern auf? Ist eine gesamtverantwortliche Weltgesellschaft, selbst bei Anerkennung und Berücksichtigung aller regionaler  und kultureller Unterschiede einfach nicht denkbar? Hört unsere eventuelle Verantwortungsbereitschaft für Raum und Zeit beim Hab-und-Gut unserer Familien, bei der materiellen Vorsorgebereitschaft für die nahe Zukunft für überschaubare Gruppen (Familie, Interessengruppen, evtl. Region oder Nation) auf? Ist die Spendenbereitschaft der Bevölkerung nach Naturkatastrophen gar nur ein Ablasshandel, um dann gewissensberuhigt wie bisher weitermachen zu können? Verweisen wir immer nur auf „die da oben, die etwas tun müssen“, obwohl wir genau wissen, dass "die da oben" meist auch nur das tun, was wir hier unten wollen, schon damit sie ggf. wiedergewählt werden?

Hier eröffnet sich ein großes neues interdisziplinäres Forschungsfeld, welches der WBGU (2011, 2013) als Transformationsforschung bezeichnet hat und bei dem so verschiedene Fächer wie Psychologie, Soziologie, Evolutionsbiologie, Anthropologie, Ethnologie, Geographie, Architektur, Museologie, Pädagogik-, Kommunikations-, Politik-, Geschichts-, Technik- und weitere Geistes- und Naturwissenschaften zusammenarbeiten müssen. Vieles ist in Einzelergebnissen sektoral erarbeitet, aber zu einem großen Ganzen wurde noch kaum etwas zusammengefügt  und v.a. blieben die Ergebnisse innerhalb der Wissenschaften, welche sektoral, bestenfalls multidisziplinär, kaum schon interdisziplinär und schon gar nicht transdisziplinär aufgestellt ist, also die Adressaten und Betroffenen (d.h. Gesellschaft,  Firmen,  Politik, eben die "Stakeholder") bisher nicht oder nur wenig mit einbeziehen. Und neben der Erforschung dieser „Bedingungen der Möglichkeiten“ muss das Wissen dazu auch weitergegeben werden. Oder noch besser: Bildung und Forschung sollten sogar  partizipativ und transdisziplinär ineinander greifen, denn gerade hier geht es ja um uns, um jeden einzelnen. Jeder Forscher wäre gleichzeitig Versuchsobjekt, jeder Bürger könnte gleichzeitig auch Erforscher seiner selbst werden und damit zum Gesamtverständnis beitragen.

Ein kleiner Selbstversuch dazu sei angeregt. Ich möchte, sicherlich sehr pauschal, Vorbehalte gegen Umsetzungen von Wissen in Handeln auf drei unterschiedlichen Ebenen skizzieren. Dies basiert weniger auf einer umfassenden wissenschaftlichen Bewertung, auch wenn dazu publizierte Forschungsergebnisse vorliegen, sondern vor allem auf persönlichen Erfahrungen in langjähriger eigener Tätigkeit gerade auch als Wissensvermittler.

 

Ebene 1: Ablehnung wissenschaftlicher Ergebnisse

Politik und Gesellschaft brauchen Beratung, dafür haben sie auch die Wissenschaften als Dienstleister (Abb. 2): Klassischerweise produziert die Wissenschaft Ergebnisse, welche Kommunikatoren, wie etwa Pressedienste der Wissenschaftsorganisationen oder besser natürlich unabhängige Journalisten dann unter die Leute bringen. Speziell für die Politik gibt es Zirkel wissenschaftlicher Beratung, etwa den Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung („die fünf Wirtschaftsweisen“), wissenschaftliche Akademien, oder für globale Bewertungen eben auch den Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) oder den Weltklimarat (IPCC). In der wissenschaftlichen Politikberatung geht der Dienstleistungsauftrag etwas weiter als bei der reinen Wissenschaft: Neben der wissenschaftlichen Kompilierung relevanter wissenschaftlicher Ergebnisse zu bestimmten Problemlagen sowie deren Bewertung hinsichtlich Vollständigkeit und Differenziertheit sollen daraus Szenarien entwickelt werden (unter bestimmten Annahmen, etwa Business as usual respektive Einhaltung der Zwei-Grad-Leitplanke), die unter gewissen, ebenfalls wissenschaftlich begründbaren Wahrscheinlichkeiten eintreten können, woraus dann noch Handlungsempfehlungen - am besten gleich mehrere - abgeleitet werden können. Über letztere sollte dann die Politik / Gesellschaft befinden, also die ihnen geeignet erscheinenden Maßnahmen auswählen und umsetzen.

Soweit so gut, aber zur Umsetzung kommt es eben in aller Regel nicht oder nur in sehr eingeschränktem und zeitgestreckten Maße. Um genau diese Verzögerung zu erreichen, wird das Vorgehen der Wissenschaft bzw. der wissenschaftlichen Beratung oft schon mal regelrecht zerlegt (zumindest angeblich): solange es noch gewisse Uneinigkeiten in Teilaspekten der untersuchten Problematik gäbe, etwa solange noch 5% der Klimawissenschaftler nicht vollständig überzeugt seien, dass die Menschheit das Klima ändere, werden wissenschaftliche Ergebnisse dann von manchen einfach weggewischt, bzw. als noch nicht fundiert genug angesehen. Das ist etwa so, als wenn ein Krankheitsbefund (z.B. 95% Wahrscheinlichkeit der Bösartigkeit eines Tumors) schlichtweg ignoriert würde (- dass mancher trotz einer 95%igen Wahrscheinlichkeit hier vielleicht auf eine Therapie verzichtet, ist damit nicht gemeint, denn dies ist zumindest eine aktive Entscheidung). Noch ein Beispiel: Eine Wahrscheinlichkeit von 1% Absturzgefahr bei Flugzeugen würde vollständig ausreichen, dass niemand mehr fliegen würde (denn jeder 100ste Flug würde ja verunglücken), Eine globale Absturzwahrscheinlichkeit von 95% genügt uns aber nicht, um eine Transformation global umzusetzen?  Für das Relativieren der Ergebnisse gibt es unterschiedlichste Beweggründe, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll (siehe dazu z.B. den Klimalounge-Block von Stefan Rahmstorf). Wirtschaftliche Lobbyisten, journalistische Zuspitzungsmittel durch isolierte Gegenmeinungen, Eitelkeiten von Wissenschaftlern, unsere Freude an David-gegen-Goliath-Erzählungen, aber natürlich auch die dann darauf basierende Hoffnung vieler, dass alles doch nicht so schlimm sei, wenn sich die Wissenschaft schon nicht einig sei, sollen als Hinweise hier genügen.

 

wisswertschoepfung

Abb. 2: Die Wertschöpfungskette der Forschung sollte eigentlich im grünen Bereich liegen, wird allerdings gerne in den roten Bereich gezerrt.

Die aus den wissenschaftlichen Ergebnissen resultierenden Szenarien, welche man eben besonders ungern wahrnimmt, sind damit natürlich auch weggewischt, gerne wird dabei auch noch Alarmismus vorgeworfen und unterstellt, dass es eigentlich nur darum ginge, dass bestimmte Wissenschaftsgruppen mehr Forschungsgelder haben möchten. Bei der Diskreditierung von Handlungsempfehlungen hört man immer wieder auch die völlig unreflektierten "Totschlagargumente" wie „Ökodiktatur“ oder „Missioniererei“. Dem gegenüber könnte man das Wort der „Diktatur des Jetzt“ von H.J. Schellnhuber stellen, was zum Ausdruck bringt, dass unser derzeitiges Handeln zukünftigen Generationen aller wissenschaftlichen Voraussicht nach überhaupt keine Spielräume, keine Entscheidungsfreiheiten mehr lässt, sondern sie sich nur mit den negativen Altlasten früherer Generationen reaktiv herumschlagen müssten, sofern wir uns nicht vom Business as Usual Pfad wegbewegen. Übrigens gibt es auch unter wissenschaftlich vergleichendem Blick viele Ähnlichkeiten in der Bewertung der Motivationen und Argumentationsmuster von Klima- und Umweltproblemleugnern sowie Evolutionsleugnern. (Natürlich ist ggf. wissenschaftliche Skepsis an den wissenschaftlichen Befunden zwingend notwendig, das wissenschaftliche Qualitätssicherungs- und Innovationssystem funktioniert genau so. Diese wichtige wissenschaftsbasierte Skepsis, welche von den vorhandenen wissenschaftlichen Befunden ausgeht, ist aber hier nicht gemeint, denn sie bezieht sich auf Verbesserung und nicht pauschaler Ablehnung des vorhandenen Wissens. Außerdem verwenden wissenschaftsbasierte Skeptiker wissenschaftliche Methoden und Ansätze, keine Pseudoargumente).

Tatsächlich sind  zumindest bei uns die wenigstens Menschen Leugner unseres negativen Einflusses auf den Klimawandel oder auf die Umwelt (vgl. WBGU 2011). In der EU stehen der Solarenergie 80%, der Windenergie 71% (Mehrfachnennungen waren möglich) grundsätzlich sehr positiv gegenüber, bei Erdöl und Kohle sind dies nur 27% bzw. 26% (Eurobarometer 2007, in WBGU 2011). Genügt dies nicht, um zu handeln? Offensichtlich immer noch nicht nicht. Denn hier gibt es noch weitere Mechanismen, die teils auf Gruppenebene, teils ganz individuell funktionieren.

 

Ebene 2: Die Abwarter

Gerade weil uns die Zukunft so unvertraut ist, greifen angebliche Begründungen für derzeitiges Nichtstun besonders gut (Abb. 3). So meinen zwar viele, dass man etwas tun müsse, aber doch bitte nicht im Sinne einer „Verspargelung“ oder „Verspiegelung“ der Landschaft durch Windkraft bzw. Solarenergie. Geben wir doch lieber der Wissenschaft den Auftrag, was „ordentliches“ zu entwickeln, darauf warten wir dann gerne. Vielleicht doch noch Kernfusion? Oder können wir nicht etwas erfinden, um Überschussenergie einfach in den Weltraum entweichen zu lassen? (das habe ich letztens auf einer Podiumsdiskussion tatsächlich gehört). Essen werden wir künstlich aus dem 3D-Drucker produzieren, die Welt insgesamt engineeren, das klappt schon alles, aber noch nicht jetzt, also erst mal abwarten.

fatalisten

Abb. 3: Die Abwarter: Technologiefatalismus, Apokalypsefatalismus, Geofatalismus

Andere flüchten sich in apokalyptische Szenarien. Es sei eh schon viel zu spät, wir werden das Steuer nicht mehr herumreißen können, das 2-Grad-Ziel sei eh nicht mehr zu halten, wir gehen alle unter oder müssen uns halt irgendwie an apokalyptische Zeiten anpassen. Leider sind viele frustrierte Umweltschützer der ersten Stunde schon dieser Kategorie zuzuordnen, auch wenn sie vielleicht noch den einen oder anderen Hoffnungsfunken aufblitzen lassen.

Die dritten sind wiederum ganz gechilled und meinen ihre Beruhigung aus der Erdgeschichte ableiten zu können. Die Erde sei doch sowieso viel stärker als wir, Vulkane spuckten mehr Treibhausgas aus, als wir produzieren (stimmt nicht!), gegen Tsunamis und Erdbeben könnten wir auch nichts machen (stimmt, aber gegen deren Auswirkungen können wir etwas tun), vielleicht fällt auch ein Meteorit auf uns (hier genügen plötzlich minimalste Risiken als Begründung anderes nicht zu tun), und das Klima hat sich eh schon immer geändert (ja, aber...!), also was soll das bisschen zusätzliche anthropogene Klimaänderung! Dieser Blick verkennt insbesondere die Skalenunterschiede komplett, so bietet die Erdgeschichte eine Fülle von kurzskaligen Beispielen zu Umweltveränderungen mit dramatischen und globalen, Millionen von Jahren andauernden langen Folgen. Korallenriffe etwa sind tatsächlich mehrfach aufgrund globaler Umweltkrisen ausgestorben, es dauerte aber meist mehrere Millionen Jahre, einmal sogar 140 Millionen Jahre, bis sich vergleichbare Flachwasserkorallenriffe wieder verbreitet gebildet hatten. Kein Trost für den Verlust an Ökosystemdienstleistungen und -gütern, aber auch an fantastischer Natur, wenn wir die heutigen Korallenriffe zum Absterben bringen.

Alle drei Sichtweisen sind in gewisser Weise fatalistisch, weil sie begründen, derzeit nichts tun zu können. Technologiefatalismus bedauert, dass wir derzeit noch keine „wirklich sinnvollen“ Technologien hätten, aber eben nicht mit halben Sachen anfangen dürften; Apokalypsefatalismus ist irgendwie besonders bequem, denn man wird darin bestätigt,  ja schon alles gewusst zu haben; und Geofatalismus ist schlichtweg zu „naturfürchtig“ und verschließt die Augen vor der Tatsache, dass der Mensch schon längst zu einem bedeutenden, in vielen Bereichen dominierenden geologischen Faktor geworden ist.

Ebene 3: Die Selbstentschuldiger

Als weitere Ebene bzw. Kategorie sehe ich drei sehr persönliche Selbstentschuldigungsmechanismen (Abb. 4). Sie helfen das Gewissen derjenigen zu beruhigen, die eigentlich davon überzeugt sind, etwas tun zu müssen, aber eben doch nichts tun.

Ich sehe hier zum einen die latent Misstrauenden. „Ich würde ja etwas tun, aber nur wenn die anderen mitmachen. Ansonsten profitieren ja die anderen davon“. „Wenn ich mein Reihenmittelhaus besser isoliere, hat auch der Nachbar eine geringere Heizkostenrechnung“, „wenn ich mein Geld bei einer nachhaltigen Bank anlege, bekomme ich weniger Rendite als mein Schwager“, „wenn ich anfange Müll zu trennen, schmeißt bestimmt der andere seinen Müll unsortiert dazu“. Der bloße Verdacht, dass sich „der andere“ nicht an die neuen Spielregeln halten könnte, genügt schon, selbst nichts zu tun - das klassische „Tragik der Allmende“-Dilemma.

selbstentschuldiger

Abb. 4: Die Selbstentschuldiger

Wieder andere wollen etwas tun, sind aber einfach nur mutlos und fühlen sich zu klein. "Ich bin doch nur ein sieben milliardstel der Menschheit, das bringt doch unter dem Strich überhaupt nichts, wenn ich mich ändere." Hier sollte man erklären, was  notwendige und was hinreichende Bedingungen sind. Klar ist es nicht hinreichend für die globale Energiewende, wenn nur ich meinen persönlichen CO2-Ausstoß herunterregele, aber es ist notwendig, dass ich diesen Teil dazu beitrage, denn wenn keiner dies machen würde, werden auch alle sonstigen Anstrengungen dieser Welt, auch politischer Natur  nicht hinreichend sein können.

Und dann gibt es noch diejenigen, die sich nicht entscheiden können, was für sie die richtige Maßnahme sei. Solaranlage aufs Dach oder auf elektromobiles Auto umsteigen? Beides bringt erst mal Kosten mit sich, nur eine Maßnahme erscheint vielleicht daher finanzierbar. Weil ich mich nicht entscheiden kann, was besser ist, mache ich gar nichts. Das ist dann wie in der Parabel von Buridans Esel, der vor zwei ihm vorgesetzten Heuhaufen verhungert ist, weil er sich nicht entscheiden konnte, welchen er zuerst fressen sollte. (Für eine etwas umfassendere Ausführung zu diesen Themen siehe Leinfelder 2013)

 

Fazit (Teil 1)

Na, haben Sie sich irgendwo ertappt? Ich mich schon. Ist auch gut, finde ich, denn zum derzeit besonders angesagten Selbstfindungs- und Selbstverwirklichunghype sollte doch auch der Aspekt gehören, wie jeder von uns selbst mit Zukunftsverantwortung umgeht. Wäre es nicht wichtig, derartig reflektierendes auch in den Schulunterricht, in Weiterbildungen, in Coachingkurse zu bringen? Vieles davon stammt sowieso aus dem Managementbereich. Nur geht es diesmal nicht um ein einzelnes Unternehmen, oder um ein paar Mitarbeiter, sondern um das genossenschaftliche Unternehmen „Zukunft dieser Erde“ mit dem Mitarbeiterstab Ganze Menschheit. Der Einsatz für dieses Weltunternehmen beginnt sicherlich auch dort, sich selbst dafür fitzumachen, also sich aufzustellen, seine eigenen Befindlichkeiten und Reaktionsmuster zu erkennen, sich vielleicht darüber aufzuregen oder auch zu lachen und dann offen und ohne schlechtes Gewissen sich dem Neuen in positiver Weise zuzuwenden. The future is wild, die Paläontologen haben sich getraut, mit der BBC einen Film darüber zu produzieren, wie die Welt in 5, 100 oder 200 Millionen Jahren aussehen könnte. Viel wichtiger ist es aber, sich vorzustellen (und auch dafür etwas zu tun), wie die Welt in 50, 100, 500 oder 1000 Jahren (sind auch nur ein paar Generationen) aussehen könnte.

Dies bedeutet allerdings auch, dass wir genau dies trainieren müssen, nämlich uns die Zukunft etwas besser und ohne Ängste vorstellen zu können. Grafische Kurven zur Großen Beschleunigung oder zu IPCC-Szenarien helfen uns da alleine eher wenig weiter. Dumm, dass es kein Fernrohr in die tatsächliche Zukunft gibt, denn die müssen wir ja erst gestalten, aber das ist ja vielleicht auch eine große Chance! Zuerst geht es also um bessere Vorstellungsmöglichkeiten von Szenarien und Lösungsansätzen, um Erfahrungs- und Probierräume und um das Herausfinden und Bewerten persönlicher Visionen. Dann ist die Zukunft morgen vielleicht eben doch besser als früher. Willkommen im Anthropozän! Dazu demnächst mehr in Teil 2 (Wissensgesellschaft) und 3 dieses Beitrags....

Reinhold Leinfelder, 28.12.2013

Nachtrag vom 18.1.2014: Ein Vortragsvideo (sowie die zugehöriger Voragsfolien) welche auch dieses Thema behandelt gibt es bei der UN-Dekade Bildung für Nachhaltigkeit: http://www.bne-portal.de/aktuelles/jahresthema-2014/leinfelder-alles-haengt-mit-allem-zusammen/
Denselben Vortrag gibt es als Video mit integrierten Folien hier: http://www.youtube.com/watch?v=4-4cOuriGpU

 

Zitierte Literatur (auch für weitere):

Leinfelder, R.R. (2011): Wissenschaft und Wissenschaftskommunikation in vernetzten Forschungsmuseen: Beispiel des Konsortiums „Deutsche Naturwissenschaftliche Forschungssammlungen“ .- Herbsttagung Braunschweig 2007: Wissenschaft und Forschung im Museum.- Natur im Museum – Mitteilungen der Fachgrupe Naturwissenschaftliche Museen im Deutschen Museumsbund, Heft 1, 66-67, Osnabrück.

Leinfelder, R. (2013): Assuming Responsibility for the Anthropocene: Challenges and Opportunities in Education.- In: Trischler, H. (ed.), Anthropocene - Envisioning the Future of the Age of Humans, RCC-Perspectives, 2/2013, 9-18, Rachel Carson Center, Munich. (> online hier)

WBGU (Schellnhuber, H.J., Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R., Nakicenovic, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R.) (2011): Welt im Wandel. Gesellschaftsvertrag für eine große Transformation.- Hauptgutachten, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 420 p. (WBGU, Berlin) (> online hier)

WBGU (Schellnhuber, H.J., Messner, D., Leggewie, C., Leinfelder, R., Nakicenovic, N., Rahmstorf, S., Schlacke, S., Schmid, J. & Schubert, R.)(2013): Welt im Wandel. Menschheitserbe Meer.-Hauptgutachtens. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, 385 S. (WBGU Berlin) (> online hier)

Zalasiwicz, J. (2008): The Earth After Us. 251 pp, Oxford Univ. Press

(Hinweis: kleine stilistische Änderungen sowie eine Ergänzung am 28.12., 20.30)


17 Kommentare zu ““Früher war die Zukunft auch besser” – Teil 1: Ausrede-Mechanismen”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Nur geht es diesmal nicht um ein einzelnes Unternehmen, oder um ein paar Mitarbeiter sondern um das genossenschaftliche Unternehmen „Zukunft dieser Erde“ mit dem Mitarbeiterstab Ganze Menschheit.

    Wenn es schon um derartige Vergleiche geht: Bei der bekannten Theoretisierung (ca. + 0,3 C / Dekade bis 2100, wenn eine durchschnittliche Erwärmungserwartung auf die Szenarien bezogen erstellt werden darf) und deren Repräsentation in der Datenlage (ca. +0,06 C / Dekade seit 1880/01) wird kein Wirtschaftsunternehmen auch nur annähernd so reagieren, wie es zurzeit politisch und auf den Klimawandel bezogen getan wird.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Passend dann gerne auch an Sie kurz diese Frage:

      Es hat zwischen 1880/01, die bekannten Oberflächentemperaturdaten des GISS [1] betreffend, und 2013/11 eine Zunahme der terrestrischen Oberflächentemperaturen von ca. +0,8 C gegeben, was einem durchschnittlichen Anstieg von ca. 0,06 C / Dekade entspricht, Sie sind der Überzeugung, dass dieser Anstieg durchschnittlich 0,3 C / Dekade bis 2100 erreichen wird, korrekt? (Quelle)

      [1] siehe Quelle

      • Reinhold Leinfelder Antworten | Permalink

        Ich verstehe den Zusammenhang Ihrer Frage mit meinem Blogpost nicht. Dieses Thema ist ja von mir gar nicht angeschnitten worden, da es in voller Breite bei Stefan Rahmstorfs Klimalounge diskutiert wurde, wie Ihnen ja bekannt ist. Dem habe auch ich nichts hinzuzufügen. Es gibt kein signifikantes grundsätzliches Auseinanderklaffen von gemessenen Temperaturen und Modellierungen gleich um den Faktor fünf oder sechs, wie Sie dies in anderen Blogkommentaren schon behauptet haben, aber natürlich gibt es beim Klimathema Variabilitäts- und Trägheits- sowie Beschleunigungsaspekte (Stichwort The Great Acceleration, seit ca. 1950).

        Sie fragen mich nach meiner Überzeugung: Ich bin Wissenschaftler. Bloße gefühlte Überzeugungen oder gar Glaubensdinge haben ja nichts mit Wissenschaft zu tun. Die Definition von Wissenschaften der National Academie of Sciences lautet "The use of evidence to construct testable explanations and predictions of natural phenomena, as well as the knowledge generated through this process."

        Also, natürlich akzeptiere ich damit selbstverständlich die wissenschaftlichen Befunde und Szenarien, wie sie der IPCC zusammenträgt oder auch der WBGU, solange keine Argumente gegen diese bestmöglichen und wissenschaftlich abgesicherten Erklärungen stehen, was bislang nicht der Fall ist. Ich akzeptiere auch die Evolution, das Vorhandensein von Elektronen und Atomen oder das Existieren der Gravitation. Mit Überzeugung in einem Glaubenssinne hat dies alles nicht zu tun. Wissenschaft kann nie beweisen, aber bestmöglich und objektiv erklären.

        Ich möchte keinesfalls unterstellen, dass Sie mir ein Fallbeispiel für meine Ebene 1-Diskussion liefern, sondern nehme Ihre eventuelle Skepsis ernst und betrachte sie einer für Sie vielleicht noch nicht vollkommen nachvollziehbaren wissenschaftlichen Erklärung geschuldet. Also wie gesagt, bitte bei Stefan Rahmstorfs Klimalounge, den WBGU-Gutachen, bei Realclimate (z.B. http://www.realclimate.org/index.php/archives/2008/01/uncertainty-noise-and-the-art-of-model-data-comparison/) oder bei vielen anderen Ressourcen nachlesen, dort steht wirklich alles was man zu natürlichen Variabilität, Beschleunigungen, Modellierungen, Rolle der Ozeane und der Wolken weiß oder ggf. auch noch nicht.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Lieber Herr Leinfelder,
          Ihr Kommentatorenfreund hat sich durch diesen, wie er findet: ausgezeichneten Vergleich ('...das genossenschaftliche Unternehmen „Zukunft dieser Erde“ mit dem Mitarbeiterstab Ganze Menschheit. Der Einsatz für dieses Weltunternehmen...') eingeladen gesehen das Vorhaben aus Sicht eines Anteilseigners oder Steuerbürgers ein wenig mitzukommentieren.

          Und für diesen Anteilseigner stellen sich vielleicht diese Fragen: 1.) Wie ist die direkt erfasste Datenlage? (dazu kommt "Keeling") 2.) Wie ist die Theoretisierung? 3.) Wie die Prognostik? (Verdoppelung des atmosphärischen CO2-Gehalts soll zu einer Temperaturzunahme von +2,5 C bis +4,5 C führen, zurzeit 400 ppm CO2 bei einer Steigung von ca. +20 ppm / Dekade) 5.) Wie ist die historische Datenlage, die sich indirekt ableiten lässt? (u.a. prähistorisch: ca. 180 ppm CO2) 6.) Wie ernst ist die Lage? 7.) Welche Maßnahmen bieten sich an?

          Und diesbezüglich wird der Verdacht gehegt, dass die Erwärmung vielleicht ein wenig zu hoch vorhergesagt wird.
          Zudem springen für den wirtschaftlich kundigen Anteilseigner einige Maßnahmen, die das Mitmachen aller erfordern, ins Auge.

          MFG
          Dr. W (der Sie nicht weiter belästigen wird, zudem auch kein "hartgesottener" Klimaskeptiker ist, sofern dies hier von Belang sein sollte)

          • Reinhold Leinfelder | Permalink

            Lieber Anteilseigner, ja vielen Dank! Das Anthropozän bedeutet eben auch, dass noch nicht festgelegt ist, wohin die Reise genau geht, dass dies alles verhandelt werden muss und dass es vielleicht auch mehrere Wege geben wird. Gemeinsames Ansinnen ist sicherlich, dass wir dabei eine höchstmögliche Stabilitität des Erdsystems bewahren müssen. Nicht nur wegen der entsprechenden wissenschaftlichen Datenlage, sondern auch auch als Korallenriffforscher, der die Degradierung der Riffe seit zwei Jahrzehnten mit ansehen muss, sehe ich die Effekte des Klimawandels, aber auch anderer anthropogener Beeinflussungen nicht als zu hoch angesetzt an. Aber auch das ist klar: auf neuer wissenschaftlicher Erkenntnis basierende Skepsis ist natürlich für die Qualitätssicherung der Wissenschaft unabdingbar (ich habe da gerade noch eine kleine entsprechende Einfügung gemacht, damit da keinesfalls Missverständnisse aufkommen). Mfg RL

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Viele Langzeittrends sind bekannt und müssen oft nur "moderiert" werden um Umweltziele zu erreichen

    Vorbehalte gegen Umsetzungen von Wissen in Handeln ..

    müssen meiner Meinung nach dadurch minimiert werden, dass man einen Pfad einschlägt, der bestehende Trends aufnimmt und diese Trends lediglich etwas modifiziert, sie lediglich etwas moderiert um ein Klima- oder Umweltziel zu erreichen. Das hat schon Cesare Marchetti in seinem Essay 10^12: A Check on the earth-Carrying Capacity for Man erkannt. Dort entwirft er eine Utopie mit 1000 Milliarden Menschen auf der Erde und will das durch Moderation des Urbanisationstrends möglich machen. Seine zukünftigen Städte würden zu eigentlichen Kapseln werden, in denen alles zu 100% rezykliert wird und alle Kreisläufe geschlossen sind. Die Grundidee, etwas Utopisches durch Aufnahme und Modifikation eines bestehenden Trends zu realisiseren, gefällt mir sehr. Mit dieser Methode kämpft man wie ein Judoka, der die Energie des Gegners für seine eigenen (Bewegungs-)Ziele einsetzt.

    Ganz konkret glaube ich, dass die richtige Lenkung des Urbanisationstrends ein Kernpunkt einer erfolgreichen Gesellschaftstransformation sein muss. Es gibt aber auch noch andere Langzeittrends, die man für Umweltziele ausnutzen kann, wenn man sie lediglich etwas "moderiert". Ein solcher Landzeittrend ist die digitale Mobilität bis hin zum Internet der Dinge. Es wird schon bald Informationen in Hülle und Fülle über fast alles geben und diese Information wird in Realzeit zur Verfügung stehen. In diesen Informationsstrom müssen sich nun Umwelt-Agenten und Klima-Agenten einschleusen und versuchen die vielen Millionen von Entscheidungen, die gerade von Akteuren getroffen werden etwas in Richtung Pro-Klima/Pro-Umwelt zu lenken. Das könnten dann bewirken, dass jemand eine Klimatisierung mit Wärmepumpe für sein Eigenheim anschafft anstatt ein fossil betriebenes Klimasystem.

    Wahrscheinlichkeiten in der Zukunft != Wahrscheinlichkeiten in der Gegenwart
    Die ferne Zukunft wird in unserem Handeln immer weniger Gewicht haben als die Gegenwart und die unmittelbare Zukunft, vor allem wenn es eine Zusammenarbeit fast aller benötigt um etwas zu erreichen, was erst in ferner Zukunft Wirkungen entfaltet. Das ist ein ehernes Gesetz womit viele heutige Klima- und Umweltwissenschaftler aber Mühe haben. Mühe hatten damit aber auch schon Prognostiker und Warner aus der Vergangenheit wie Robert Malthus, Paul R. Ehrlich (population bomb), die Autoren von Limits to Growth, Rachel Carson (Silent Spring) und Paul Crutzen (Ozon, Montrealprotokoll). Nur gerade Rachel Carsons und Paul Crutzen's Warnungen hatten Folgen und das wohl vor allem darum, weil es bei Pestiziden (Rachel Carson) und ozonschädigenden Substanzen (Paul Crutzen) um überschaubare Substanzgruppen mit überschaubaren Eingriffspunkten ging.
    Das oft und auch hier erwähnte Bild mit dem Flugrisiko führt deshalb in die Irre (Zitat)

    Eine Wahrscheinlichkeit von 1% Absturzgefahr bei Flugzeugen würde vollständig ausreichen, dass niemand mehr fliegen würde (denn jeder 100ste Flug würde ja verunglücken), Eine globale Absturzwahrscheinlichkeit von 95% genügt uns aber nicht, um eine Transformation global umzusetzen?

    Hier wird Kraut mit Rüben verglichen, nämlich eine Unfallwahrscheinlichkeit, die sich aus einer Gegenwartsstatistik ergibt mit einer Wahrscheinlichkeit, dass etwas in einigen Jahrzehnten eintrifft. Projektionen in die nicht so nahe Zukunft beschäftigen uns Normalos zwar immer wieder, aber nicht selten ist es ungewiss was die beste Antwort auf solche Projektionen ist und ob sie überhaupt mit genügender Wahrscheinlichkeit eintreffen. Bis vor kurzem war beispielsweise die Angst vor einer demographischen Übermacht der Moslems in Deutschland schon im Jahre 2050 recht ausgeprägt. Inzwischen hat sich das etwas gelegt, denn
    1) eingewanderte Moslems passen ihre Fruchtbarkeit im Verlaufe der Zeit an die deutsche an
    2) selbst wenn es eintrifft ist die richtige Antwort ungewiss

    Mit dem Klimawandel ist es recht ähnlich:
    1) Die erwartete langfristige Temperaturzunahme nach CO2-Verdoppelung wurde vom Bereich 2°-4.5° Celsius im IPCC-Bericht AR4 auf 1.5°-4.5° Celsius in AR5 abgeschwächt
    2) Die ökonomischen Kosten eines Zuwartens um 50 Jahre bis zu CO2-Emissionsreduktionen werden von William N. Nordhaus auf 4 Billionen geschätzt, was ungefähr 5% des Jahres-Welt-BIP's sind

    Damit ist die Ungewissheit über den Temperaturanstieg infolge CO2-Verdoppelung sehr hoch (es könnten 1.5°, aber auch 4.5°C sein) und die ökonomischen Folgen des Nichts-Tuns scheinen nach Nordhaus zwar absolut gross, aber relativ zum Welt-BIP doch verkraftbar. Weil die Folgen des Klimawandels aber in so weiter Zukunft liegen, neigen wir dazu, das Problem zu verdrängen indem wir von der tieferen anstatt der höheren Prognose ausgehen.

    Dem Anthropozän als globalem Phänomen fehlen die globalen Akteure

    Stellenweise vermittelt dieser Beitrag den Eindruck die Ratschläge der Wissenschaft würden vor allem vom "gemeinen Volk", den Ungebildeten/Wissenschaftsfernen und am Status quo Festhaltenden ignoriert. In Wirklichkeit sind auch Politik, Industrie und viele durchaus Gebildete und Wohlinformierte nicht bereit ihr Verhalten und ihre Zukunftsplanungen allzu schnell umzustellen.
    So gibt es im Jahre 2013 im von der WBGU beratenen Deutschland noch eine Liste von 10 geplanten, noch bis 2020 zu bauenden, Kohlekraftwerken mit einer Gesatmleistung von etwa 10 Gigwatt. Diese Kohlekraftwerke sind mindestens teilweise tatsächlich nötig, wenn wie bis anhin alle erneuerbaren Energien zu 100% von fossilen Schattenkraftwerken abgesichert werden. Verzichten könnte man nur dann, wenn es Energiespeicher oder/und ein gesamteuropäisches Supergrid gäbe. Beide aber - Speicher und Netz - haben es schwer in Deutschland, weil die Planung eben recht lokal und kurzsichtig bleibt und nur auf kurzfristige Ziele hin angelegt ist.

    Generell fehlen die globalen Akteure, fehlt die UNO-Behörde mit Weisungsrecht, fehlt die globale Zusammenarbeit in Forschung und Technik. Dem Klimawandel als globales Phänomen müsste gemeinsam begegnet werden. Alle UNO-Mitglieder denken aber national womit es schnell zu gegenseitigen Schuld- und Verantwortungszuschiebungen kommt. Dazu gehört auch, dass jeder auf das Handeln der Anderen wartet, denn vor der eigenen Nation kann man Verplfichtungen nur rechtfertigen, wenn sie zwingend sind und eine Art Zwang gibt es erst, wenn man selbst abseits steht. Das tut man aber nicht, solange es noch keinen bindenden Vertrag gibt. Es gibt zudem kaum First-Mover in der Klimapolitik, weil der First-Mover-Vorteil weitgehend fehlt: Wer will schon ein funktionierendes Energiesystem durch ein vielleicht funktionierendes, vielleicht aber auch nicht funktionierendes oder über Erwarten Teures ersetzen - und das nur in der Hoffnung, alle anderen machen irgendwann mit, denn nur dann reduziert man sein eigenes Klimarisiko.

    • Reinhold Leinfelder Antworten | Permalink

      Danke für Ihren ausführlichen Kommentar, mit vielen interessanten Hinweisen und Bemerkungen. Laut WBGU-Kompilationen können die globalen Kosten des Handelns zur Reduktion der Treibhausgasemissionen auf etwa 1% des globalen BIP begrenzt werden, während die Gesamtkosten für Nichthandeln mind. 5% des globalen BIPS betragen, wenn man allerdings eine breitere Palette von Risiken und Einflüssen aller Art berücksichtigt, auch auf 20% BIP oder gar höher steigen könnten. Dass wir nicht auch jetzt mit Zukunftsrisikoabschätzungen zu leben gelernt haben, wenn auch nicht über die eigene Generation bzw. die der Kinder heraus, zeigen doch auch der Abschluss von Risikolebensversicherungen bzw. Versicherungen aller Art. Die dort versicherten Risiken haben idR sicherlich keine hohe Eintrittswahrscheinlichkeit. Und auch Investitionen in die Zukunft machen viele im persönlichen Bereich, etwa beim Hausbau, bei dem es meist den Nutzen, nämlich belastungsfrei zu wohnen erst im letzten Lebensabschnitt oder gar erst für die Kinder gibt. Leben mit Wahrscheinlichkeiten und Investitionen in die Zukunft sind uns also so fremd auch nicht. Und natürlich haben Sie recht, dass es nicht nur auf die breite Basis ankommt, sondern auch auf Firmen, Staaten und Staatengemeinschaften, bis hin zur UN. Nur zeigt eben die Erfahrung, dass man sich keinesfalls allein auf ein "top down" durch Staatenregulierung verlassen kann. Ich stehe hier voll hinter dem Mehrebenenvorschlag des WBGU 2011 (mit der mittleren Ebene, dem virtuellen Generationenvertrag, den ich als einer der Autoren des 2011er-Gutachtens mit entwickelt habe). Es wäre also ein völlig falscher Eindruck, dass ich etwa nicht für diesen Mehrebenenansatz wäre. Siehe hierzu auch Folie 2 der am Ende meines Artikels verlinkten Vortragsfolien. Ich wollte allerdings darauf hinweisen, dass gegenseitige Schuldzuweisungen ("die da tun ja auch nichts") auch nicht weiter führen. Zu Zukunftspfaden dann von mir demnächst noch einige zusätzliche Gedanken. MfG, RL

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Ich kenne zufälligerweise einen Cern-Physiker, der die Meinung vertritt, der ganze technische Fortschritt - der ja die Vermehrung des Menschengeschlechts über alle Massen überhaupt erst ermöglicht hat - sei von Ungutem und der schlimmste Abschnitt der Menschheitsgeschichte habe mit der Aufklärung begonnen. Nur eine Art Rückkehr des Menschen zur Natur sichere ein Überleben der Menschheit und nichts sei falscher als indogene Völker oder unter primitiven Verhältnisse lebende Menschen die Segnungen unserer Zivilisation zukommen zu lassen.

        Hier bin ich komplett anderer Ansicht. Man muss allerdings auch sehen, dass das Empowerment des Menschen nicht nur die ursprüngliche Natur sondern sogar den Menschen selber gefährdet. Weil der Mensch die Grenzen, die ihm Natur und Biologie vorrgegeben haben, sprengt und er durch sein immer grösseres Wissen quasi allmächtig wird. Allmacht und vollständige Vernichtung sind aber nicht weit voneinander entfernt. Vor allem, wenn es nicht nur einen Allmächtigen gibt, sondern so viele wie es Menschen gibt.

  3. Tilmann Schneider Antworten | Permalink

    Bei diesem Blog fühle ich mich an die Worte von Kant erinnert:
    "Aufklärung (ist) der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen."
    Offenbar sind wir immer noch nicht mündig genug.

  4. Rolf Muertter Antworten | Permalink

    Immer noch nicht hinreichend, wenn auch dringend notwendig für eine Charakterisierung des Begriffs Anthropozän ist die Hinzunahme von historischen Analysen, um zu erklären wie es überhaupt zu einer Anthropozän-Zeit kommen konnte. Erfreulicherweise wird dies derzeit kräftig von Historikern sowie Kultur- und Sozialwissenschaftlern aufgegriffen und untersucht.

    Ich glaube nicht daß Sozialwissenschaften der richtige Ansatz sind um die Ursachen des Anthropozäns zu verstehen. Das grundlegende Problem ist ja die extreme ökologische Dominanz einer Art, eine Dominanz die es in der Naturgeschichte der Erde noch nie gegeben hat. Ein besserer Ansatz um die Signifikanz dieser Dominanz zu verstehen, wäre also die evolutionäre Ökologie. Zum Beispiel müßte man erstmal klären was denn überhaupt unsere ökologische Nische ist. Natürlich haben wir unsere Dominanz der Tatsache zu verdanken daß kulturelle Evolution viel schneller erfolgt als genetische Evolution, aber man darf auch nicht vergessen daß die Fähigkeit zum kulturellen Lernen ein wichtiger Aspekt menschlicher Biologie ist. Und was das für die Biosphäre bedeutet ist auch eine ökologische Frage. Ich glaube daß ich mit diesem Ansatz das Anthropozän sehr gut verstehe, und habe vor kurzem angefangen darüber in meinem Blog, http://www.darwiniandemon.com, zu schreiben.

  5. Früher war die Zukunft auch besser – Teil 3: Zukunft? Zukünfte! Zur Notwendigkeit von Zukunftsvisionen › Der Anthropozäniker › SciLogs - Wissenschaftsblogs Antworten | Permalink

    […] Teil 1 dieser kleinen Reihe behandelte bereits einige gesellschaftliche Rahmenbedingungen hinsichtlich dieses notwendigen Diskurses. Empfindlichkeiten, aber auch Mutlosigkeiten und Verunsicherungen hinsichtlich der Rolle und Relevanz von Wissenschaften sind weit verbreitet, werden teilweise bewusst geschürt, sind aber vielfach auch selbstgeneriert und aus psychologischen Gründen plausibel. Selbstreflexion und generelle Bildung, Selbsterfahrung und Diskussion derartiger Schutz-, Abwehr und Verhinderungsmechanismen sollten zu einem wichtigen Teil der Kommunikation für ein zukunftsfähiges Anthropozän werden. […]

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