Homöopathiekritik in der neuesten Eltern-Zeitschrift!

29. Januar 2011 von Martin Ballaschk in Medizinisches

Auf die Eltern-Zeitschrift bin ich meist nicht gut zu sprechen – einige Male habe ich mich über deren unkritische Haltung zu alternativmedizinischen Themen aufgeplustert: hier über verdünnte Blattläuse und hier über die homöopathische Misshandlung von Babys. Umso überraschter war ich, als ich in der jüngsten Ausgabe (02/2011) doch wirklich einen Homöopathie-kritischen Artikel lesen konnte!

In der Kolumne „Die Grünebergs“ schreibt die Eltern-Redakteurin Sabine Grüneberg Alltagsgeschichten aus ihrer Familie, und ihre „einschlägigen Erfahrungen mit der Homöopathie“ waren alles andere als positiv.

Wenn man Kinder hat, die schon mal im Kindergartenalter waren, oder sind, dann kennt man das: die Kleinen sind ständig verrotzt, angeblich sind es „68 Infekte bis zum siebten Lebensjahr“, und „Schuld ist der Kindergarten, dieses Freudenhaus der Erreger, in dem die Bazillen Orgien feiern ...“.

Man bekommt dann oft zur Unterstützung des Heilungsprozesses ein Inhalationgerät verschrieben, womit Kochsalzlösung vernebelt wird (das ist viel besser als Großmutters Dampfbäder, bei denen man sich böse verbrühen kann). Bei Frau Grüneberg war der Spaß aber vorbei, als im Rahmen der Behnadlung einer hartnäckigen Bronchitis Kortison in den Nebelapparat ihrer Tochter kommen sollte.

Und so nahm das Abenteuer seinen Lauf. Frau Grüneberg begann „in grandioser Selbstüberschätzung“ einen homöopathische Behandlung auf, mit den naheliegenden Konsequenzen einer pseudomedizinischen Anamnese und der regelmäßigen Einnahme von wirkstofffreien Zuckerperlen. Fieber, Ohrenschmerzen und schlimmer Husten – die ganz normale „Erstverschlimmerung“. Danach Hüftschnupfen, Ausschlag, neues Fieber, angesteckte Geschwisterkinder. Schleimlöser und Ohrentropfen wurden von der Homöopathin verboten, denn sie interferieren mit der Hahnemannschen Heilslehre. Der Schmerz wäre Teil des Heilungsprozesses. Der beste Spruch der Wunderheilerin: „Es dauert, so lange es dauert“ – womit auch prägnant das Erfolgsrezept der Homöopathie zusammengefasst wäre. Mit Zuckerkugeln dauert eine Erkältung halt nur sieben Tage, statt einer ganzen Woche, nur dass man dabei glaubt, etwas dagegen getan zu haben.

Die Geschichte endet damit, dass die zuletzt verzweifelt aufgesuchte Kinderärztin echte Arznei verschreibt, mit den Worten, dass man die Kinder ja auch nicht quälen müsse. Dem Kind geht's „schlagartig“ besser und die „Schulmedizin [hat] gewonnen“!

Ich finde, die Geschichte zeigt sehr anschaulich einige Defizite der Homöopathie auf. Zu allererst, sie wirkt nicht. Die „Erstverschlimmerung“ ist nur eine Ausrede, die verschleiern soll, dass jeder Krankheitsverlauf einen Höhepunkt hat, und danach wieder abflacht. Die meisten Krankheiten gehen halt von ganz allein wieder weg, die Aufgabe der Medizin ist damit oft, die Symptome und den Krankheitsverlauf abzumildern, sowie Komplikationen zu verhindern. Eine homöopathische Behandlung beruhigt dagegen nur das Gewissen, was durchaus unspezifische Wirkungen, also Placeboeffekte zur Folge haben kann. Physische Beschwerden und Infektionen lassen sich damit nicht wegzaubern, Bakterien suchen nicht bei Milchzucker, sondern viel eher bei Antibiotika das Weite.

Hinweis: Und wenn jetzt wieder jemand unter dem Stein hervorgekrochen kommt und schreit: „Das war halt kein richtiger Homöopath“ oder „das ist auch nur eine Anekdote“, soll er doch bitte wieder zurückkriechen. Ich freue mich hier lediglich, dass die Redaktion der Eltern-Zeitschrift ihre Vernunft wiedergefunden zu haben scheint.


17 Kommentare zu “Homöopathiekritik in der neuesten Eltern-Zeitschrift!”

  1. Thomas R. Antworten | Permalink

    !

    Das war halt kein richtiger Homöopath!
    Das ist auch nur eine Anekdote!

    Hoppla.

  2. Florian Freistetter Antworten | Permalink

    Hüftschnupfen? WTF - Sachen gibts... Ich könnte nie Mediziner werden; ich hätte nur noch Panik vor diesen ganzen Krankheiten.

    Abgesehen davon ist es schon erstaunlich, dass eine Lifestyle-Zeitschrift wie Eltern was Homöopathiekritisches bringt. Ich bin fast versucht nun doch langsam an einen Weltuntergang im Jahr 2012 zu glauben. Bei SOLCHEN Vorzeichen - sowas ist nicht mehr normal... ;)

  3. fatmime182 Antworten | Permalink

    Das war aber wirklich ein Scharlatan und

    … kein Homöopath! Ein echter seriöser Homöopath würde sowas nie tun!!111

    Hehe, ist auch mein Lieblingsargument! Soooo schade, dass die HP-Lobby & die Dachverbände das in der grenzenlosen Open mindness nicht kontrollieren können & so oder so keiner Glaubuli 1 von Glaubuli 2 unterscheiden könnte. Würde mich getreu diesem Motto über eine Implosion in diesen Gefilden freuen (ich hoffe noch immer, dass das so in der Schweiz passieren wird, auch wenn @zoonpolitikon mir da widerspricht)

    Super jedenfalls, dass es diesen Artikel so gab & die Redaktion dem auch gewissermaßen zustimmt!

  4. Wad Redwood Antworten | Permalink

    Und in der nächsten Ausgabe hagelt es dann eine Reihe von kritischen Leserbriefen und die Zeitschrift wird ihre gewohnte Ansicht zur Homoöpathie wieder aufnehmen. (Was ich natürlich nicht hoffe).

  5. Stefan Hippler Antworten | Permalink

    Gähn

    Sehr wissenschaftlich :-) Banal bleibt banal.

  6. Sebastian R. Antworten | Permalink

    Wer so etwas mal selber erlebt hat, wie es einem Kleinkind stets schlechter geht, da es eine unwirksame homöopathische Behandlung bekommt, dem ist sicherlich der Ernst der Lage bewusst: Artikel über Homöopathie haben in Familienzeitungen und Baby-Zeitschriften absolut nichts zu suchen, da sie den Eltern fast immer empfehlen, so eine Behandlung der "schulmedizinischen" vorzuziehen. Ich bin da echt fast gewillt, die jeweilige Zeitschrift zu verklagen, weil sich meistens Mütter so etwas zu Herzen nehmen und es umsetzen. Die Folge ist eben so eine Geschichte wie hier beschrieben wird...die durchaus öfter vorkommt als gemeint. Wenn ich tatsächlich lesen muss, Homöopathie hilft gegen MS und anderen chronischen Krankheiten und bei Infekten sei sie immer die optimalere Lösung...ich brauch eine Stunde bis ich meiner Kinnlade überhaupt wieder zuklappen kann, so grob fahrlässig ist das. Ich habe selbst an Stammtischen mitbekommen, wie Mütter sagen "ah ja, probier mal Homöopathie aus, ist wesentlich ungefährlicher". Mir fehlen da die Worte, wie unbewusst mit der Gesundheit der Kinder gespielt wird, nur weil irgendwelche Zeitschriften drittklassige Recherche betreiben. So etwas gehört abgeschafft, fragt sich bloß wie.

  7. Mona Antworten | Permalink

    Homöopathie in der Schwangerschaft

    Homöopathie in Familienzeitungen und Baby-Zeitschriften ist leider nur die Spitze des Eisbergs. Den Frauen wird meist schon in der Schwangerschaft zu homöopathischen Mitteln geraten. Es gibt inzwischen immer mehr homöopathisch geschulte Hebammen und auch die Apotheken empfehlen häufig homöopathische "Arzneien", da diese Mittel ja frei verkäuflich sind und so Geld in die Kasse bringen.

  8. Martin Ballaschk Antworten | Permalink

    Ich bin wirklich gespannt, ob es in der nächsten Ausgabe eine Stellungnahme zu erbosten Eltern-Kommentaren gibt.

    Denn die gab es bestimmt! Die Homöopathen haben oft ein starkes Sendungsbewusstsein, noch stärker als meines! ;)

  9. Harald Messerschmidt Antworten | Permalink

    ... Ohh Mann ...

    Wenn ich den Käse lese, den ihr hier zum Thema Homöopathie abgebt bin ich geneigt Dieter Nuhr zu zitieren:

    "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten ! "

  10. Josh Antworten | Permalink

    Noch'n Zitat

    Ja, Dieter Nuhr sollte in der Tat öfter zitiert werden. Zum Beispiel so:

    "Es gibt also auch bei uns Menschen, die der modernen Medizin misstrauen und im Krankheitsfall Wege beschreiten, die die Krankenkassen nicht belasten. Wer sich auf die Heilkraft von Steinen oder die magische Wirkung von Planetenkonstellationen verlässt, tut genauso viel für das Gesundheitswesen wie Kettenraucher: Auch die sterben früh und vor allem flott."

    (“Wer’s glaubt, wird selig”, Reinbek 2007)

  11. Rasca Antworten | Permalink

    Apotheker

    Als ich neulich ablehnte, für mein Baby ein homöopathisches Mittel zu kaufen (da nur Placebo), sagte die Apothekerin: "Da werden Sie es aber noch schwer haben mit Ihren Kindern!" Das ist schon mehr als Verkaufsförderung, nämlich handfester sozialer Druck - wer keine Kügelchen gibt, ist unverantwortlich...

  12. Rosa Brille Antworten | Permalink

    Homöopathiekritik

    > ...Homöopathie auf. Zu allererst, sie
    > wirkt nicht.

    Hm, ist mir noch gar nicht aufgefallen. Nachdem die Schulmediziner bei uns schon öfter mal ratlos waren, hats die Homöopathie dann zum Erstaunen der Ärzte problemlos gemeistert. Dabei ist es mir völlig egal, wie das wissenschaftlich erklärbar ist.
    Aufgefallen ist mir lediglich wie symptomatisch und ineffizient die Schulmedizin arbeitet.

  13. Martin B. Antworten | Permalink

    @Rosa Brille

    Tja, und bei mir nicht. Was jetzt?

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