Denkgebäude

15. Januar 2014 von Josef Honerkamp in Allgemein

Vor kurzem stieß ich im Internet auf einen Artikel mit der Überschrift: "Computer beweist die Existenz Gottes".  Man muss kein Atheist sein, um bei dieser Aussage misstrauisch zu werden und zu seufzen:  "O, Gott, schon wieder so ein Unsinn - und natürlich darf heutzutage der Computer bei so etwas nicht fehlen."   Ein Blick auf die Zusammenfassung belehrte mich aber schon eines besseren,  da hieß es: "Wissenschaftler aus Berlin und Wien haben Kurt Gödels  berühmten Gottesbeweis mit dem Computerprogramm bestätigt". Es wurde mir nun klar, dass hier mit "Beweis" eine Beweisführung gemeint war und in der Tat ging es um automatische Beweise von Theoremen in der Mathematik, allgemeiner um computerunterstützte Beweise in formalen Sprachen.  Als Demonstration für diese Technik, auch "Automatisches Theorembeweisen" genannt, hatten sich zwei Logiker nun den Gödelschen Gottesbeweis herausgesucht [1].

Hier muss man zunächst etwas über die Geschichte der Logik einflechten.  Wir empfinden manche Schlussfolgerungen als logisch, andere als unlogisch.  Woher dieses Empfinden kommt, ist eine Frage, die ich hier nicht diskutieren möchte.  Aber schon früh haben sich die Menschen darüber Gedanken gemacht, wie - unabhängig vom Inhalt der Aussagen - die Struktur von logisch gültigen Schlussfolgerungen sein muss.  Aristoteles entwickelte  auf diese Weise ein Regelwerk für logische Deduktionen, den so genannten Syllogismus,  der in der Scholastik eine besondere Bedeutung bekam.  Die moderne Logik  wurde durch den Mathematiker Gottlob Frege ( 1848-1925) entwickelt. In seiner "Begriffsschrift"  (1879) führte er eine formale Sprache ein, mit der man eben auch rein formal  streng logische Beweise führen kann.  Bei diesen wird nichts "dem Errathen überlassen",  wie Frege formulierte.  Auf diese Weise wurde die Logik ein Teil der Mathematik , heute forschen insbesondere theoretische Informatiker auf diesem Gebiet.  Je nachdem, welche Grundelemente der logischen Verknüpfung man einführt, gibt es verschieden reichhaltige logische Kalküle.  Die Aussagenlogik kennt im wesentlichen nur die Begriffe wie "nicht", "und"  und  "oder". Bei der Prädikatenlogik kommen Begriffe wie  "es existiert"  dazu und in der Modallogik schließlich kommen Begriffe wie "notwendig" und "möglich" dazu [2].  Dass man Schlussfolgerungen in solchen Kalkülen Computern übertragen kann, liegt nahe.  Eine  Schwierigkeit liegt dann noch darin, Aussagen unserer natürlichen Sprache in diese formale, künstliche Sprache zu übersetzen, sich dabei also zu entscheiden, was man mit seiner Aussage eigentlich meint. Begriffe in unserer natürlichen Sprache sind ja meistens vage und sie müssen erst zurecht gestutzt werden, um sie in einem logischen Kalkül nutzen und damit  evident logisch einwandfreie Schlüsse ziehen zu können.

Die von Computern  unterstützte Beweisführung von Aussagen hat sich seit der Jahrtausendwende stark entwickelt. Die oben erwähnten Wissenschaftler aus Berlin und Wien wollten zeigen, dass diese Technik auch auf die Modallogik anwendbar ist, und haben sich dafür ein Beispiel heraus gesucht, das einerseits schon durch den Logiker Gödel  gut aufbereitet war, andererseits auch das Potential hat, große Aufmerksamkeit zu erregen.  Die Arbeit  der Wissenschaftler stellt einen  höchst interessanten Fortschritt in der  Technik des "vernünftigen Schließens" dar.

Natürlich ging Gödel aber auch von bestimmtem Annahmen aus, denn ohne eine Annahme kann keine Kette von Folgerungen entstehen.  Die Frage, ob man die Annahmen auch akzeptiert, haben sie natürlich, wie erwartet, in den persönlichen Bereich verwiesen. Der Beweis sticht also, wie immer, nur bei gegebenen Annahmen.  Die Überschrift des Artikels, für sich allein genommen, suggeriert  also  mal wieder mehr als der Inhalt hergibt -  eine heutzutage übliche Masche im Kampf um Aufmerksamkeit.

Solch ein Beweis ist ein großes Gedankengebäude, und bei diesem sieht man besonders schön, dass es dort stets drei wesentliche Punkte gibt, über die man sich Gedanken machen sollte.  Das sind:  Die Annahmen, dann die Stringenz der Schlussfolgerungen und schließlich das Ergebnis.  Ist die Kette der Argumentationen von den Annahmen bis zu den Ergebnissen logisch "wasserdicht", ob nun "per Hand" oder durch den Computer nachgeprüft im Rahmen eines formalen Systems,  dann spiegelt das Ergebnis die Annahmen wider.  Insofern kommt der Qualität hinsichtlich der Stringenz der  Argumentation  eine besondere Bedeutung zu.  Andererseits werfen die Ergebnisse auch immer ein Licht auf die Annahmen, und das umso deutlicher, je stringenter die Argumentationskette ist.  Ich möchte hier diese drei Punkte  bei  einigen Gedankengebäuden unserer Kultur diskutieren.

Denkgebäude in Mathematik, Physik, Philosophie

Begeben wir uns wir zunächst auf das Gebiet der  Mathematik. Hier sind die Verhältnisse einfach.  In den Annahmen, die ein Mathematiker ersinnt, um einen mathematische Struktur zu entwickeln, ist er frei.  Die Menge der Annahmen sollte nur widerspruchsfrei sein und das Denkgebäude, das er darauf aufbaut, d.h. die Folge von möglichen Theoremen, die er aus diesen Axiomen folgern kann, müssen für ihn  interessant genug sein.  Annahmen und Ergebnisse sind also in diesem Sinne unproblematisch, die Stringenz ist gesichert, da die Schlussfolgerungen in mathematischer Form gezogen werden.

Betrachten wir als nächstes die Physik. Hier wird es spannend.  Die Denkgebäude sind hier die physikalischen Theorien, diese sind in mathematischer Sprache formuliert und alle Folgerungen aus den Annahmen einer solchen Theorie werden auch in dieser Sprache formuliert.  Bezüglich der Stringenz der Schlussfolgerungen haben wir es auch mit einem Idealfall zu tun.  Nun aber haben wir bei den Ergebnissen eine entscheidend neue und höchst spezifische Situation: Man kann sie durch Experimente oder Beobachtungen überprüfen.  Und da das geistige Band zwischen Annahmen und Ergebnissen so  fest und starr ist, werden auch die Annahmen dadurch berührt:  Sie müssen garantieren, dass nur Ergebnisse aus ihnen folgen, die einer Überprüfung auch standhalten.

Durch die feste Verbindung der Annahmen mit den Ergebnissen haben wir also hier in der Tat einen Idealfall vorliegen.  Eine Fülle von Ergebnissen über das Verhalten der Natur lässt sich auf abstrakterer Ebene in wenigen Annahmen zusammenfassen. Diese stellen also die Information über das Verhalten der Natur in höchst verdichteter Form dar, konzentrieren die in der Natur gefundenen Gesetzmäßigkeiten  gleichsam wie  Lichtstrahlen im Fokus eines Brennglases - und zwar in verlässlicher Form.  Nicht ohne Grund  streben andere Wissenschaften eine Mathematisierung dort an, wo es möglich erscheint.

Es lohnt sich, die Aufmerksamkeit noch etwas genauer auf die Beziehung zwischen Ergebnissen und Annahmen zu richten.  In der Regel werden in einem Gegenstandsbereich der  Physik die Ergebnisse, d.h. Relationen zwischen  physikalisch messbaren Größen, zuerst entdeckt.  Die Formulierung von Annahmen, also von abstrakteren und grundsätzlichen Prinzipien, aus denen dann alle Relationen folgen, konstituiert dann eine Theorie, die einen vorläufigen Schlussstein für die Erforschung des Gegenstandsbereiches bildet.  Ganz anders ist es in der Mathematik und Theologie. Hier sind es die Annahmen, die zuerst da sind:  frei erfunden in der Mathematik durch Intuition und einem mathematischen "Geschmack", und Bindung an eine Offenbarung in der Theologie.

Ist eine formalisierte Sprache wie die Mathematik nicht einsetzbar  (oder noch nicht eingesetzt worden) , bleibt nur unsere natürliche  Sprache übrig, um zu argumentieren und Ergebnisse zusammen zu fassen.  In dieser aber sind die Begriffe immer mehr oder weniger vage, Annahmen werden leicht übersehen und Schlussfolgerungen sind oft bezüglich ihrer logischen Stringenz nicht überschaubar.  Der Erkenntnisgewinn durch ein Denkgebäude ist dadurch auf allen Ebenen beeinträchtigt.

So sind haben die großen Denkgebäude, die in der Geschichte der  Philosophie entwickelt worden sind, wie z.B. die Scholastik, der Idealismus Hegels oder der Marxismus,  inzwischen alle ihre Anziehungskraft verloren.  Man erkennt  in der Philosophie heutzutage an, dass jeder Versuch, ein abgeschlossenes philosophisches Lehrgebäude zu errichten, scheitern muss.

 Historische Rekonstruktionen

Eine interessante Klasse von Denkgebäuden bilden die historischen Rekonstruktionen.  Mit der Idee Darwins über "die Entstehung der Arten" trat zum ersten Mal eine Aussage über eine  historische Entwicklung als naturwissenschaftliche Erklärung auf.  Die Evolutionstheorie wurde im Laufe der Zeit zu einem Vorbild einer historischen Rekonstruktion im Rahmen einer Naturwissenschaft. Heute kennen wir viele verschiedene historische Konstruktionen:  in der Kosmologie die "Urknalltheorie", in der Klimatologie die Geschichte des Klimawandels,  in der Geologie die Entwicklungsgeschichte der Erde oder in der Paläogenetik und Paläoanthropologie die biologische bzw. kulturelle Entwicklung der frühen Menschheit.

Bei all diesen Rekonstruktionen werden Quellen (Beobachtungen, Funde, Fossilien, etc) zu Hilfe genommen, um die jeweilige Geschichte aufzudecken. Insoweit gleicht das Vorgehen der Methode in den eigentlich historischen Wissenschaften. Der Unterschied besteht in dem verfügbaren Wissen, mit dem man aus dem Quellenmaterial eine "Geschichte" konstruieren kann. In den naturwissenschaftlichen Rekonstruktionen kann man die Naturgesetze bzw.  allgemeine naturwissenschaftliche Theorien (Allgemeine Relativitätstheorie, Hydrodynamik, etc.) nutzen, und diese sind auch wiederum Prüfsteine für die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Geschichte.  Bei den eigentlich historischen Wissenschaften tritt das weitere Wissen um die kulturellen Gegebenheiten der jeweiligen Zeit an die Stelle der naturwissenschaftlichen Theorien. Hier steht man auf viel unsichererem Boden, das Handeln der Menschen und die Phänomen in menschlichen Gesellschaften sind viel  weniger berechenbar als Naturvorgänge.

So kommt man zu dem verblüffenden Schluss, dass die Geschichte des Universums, angefangen von einer sehr dichten und heißen Phase  bis in unsere Zeiten,  am verlässlichsten ist. Es werden ja nur gut etablierte physikalische Gesetze und Beobachtungsresultate benutzt, um diese Geschichte zu konstruieren.

Denkgebäude als Geschichten

Diese Betrachtung historischer Rekonstruktion legt die Idee nahe, ein jedes Denkgebäude auch als "Geschichte" zu sehen. In dieser gibt es in der Regel  Fakten wie Quellen, Funde, Naturgesetze, aber immer auch etwas "Erdachtes", das alles diese Fakten zusammenbindet, also ein geistiges Band um diese schlingt. Eine zeitliche Abfolge von Ereignissen muss es dabei nicht unbedingt geben.  Wenn man auf diese Weise den Begriff "Geschichte" sehr  weit fasst, ist es interessant zu analysieren, wie sich die einzelnen Geschichten hinsichtlich des Anteils an "Erdachtem" und hinsichtlich der  Stringenz der Gedankenführung unterscheiden.

Physikalische Theorien ständen für einen Extremfall.  Hier gibt es  eine Fülle von harten Fakten, nämlich naturgesetzliche Relationen,  und ein Minimum an abstrakten Prinzipien bzw. Annahmen als  Erdachtes.  Der Fortgang der Geschichte, von den Annahmen zu den Relationen, die man als Naturgesetze auffassen kann,  ist logisch einwandfrei.

Fantasie-Romane und Märchen ständen für einen entgegen gesetzten Extremfall, weder die Annahmen, noch die Folgerichtigkeit und schon gar nicht das "Ergebnis" muss irgendeinen Bezug zur Wirklichkeit haben.   Dazwischen findet man alle Arten von Geschichten mit höchst unterschiedlichen Arten von Annahmen bzw. Ausgangspunkten und unterschiedlichster Folgerichtigkeit in der Gedankenführung.  Im Gegensatz zu den wissenschaftlichen Geschichten fühlt man sich in der  Belletristik frei  in der  Wahl des Ausgangspunktes;  bei einem guten Roman erwartet man aber, dass der Gang der Handlung sich ziemlich folgerichtig aus der Anfangskonstellation der Protagonisten ergibt.  Ein "Deus ex machina", der eine Handlung antreibt, hinterlässt beim Leser ein unbefriedigendes Gefühl.

Antrieb für das Erzählen und Erfinden von Geschichten

Unser Interesse an Literatur und Wissenschaft kann man dann auch so sehen:  Der Mensch ist ein leidenschaftlicher Geschichtenerfinder und -erzähler  (siehe auch "Vom gefühlsmäßigen Erfassen einer Wahrheit"), ob er nun eine wissenschaftliche Arbeit verfasst, einen Roman schreibt, oder von einem Erlebnis erzählt. Unser  Leben ist prall gefüllt mit dem Erfinden, Hören oder Erzählen von Geschichten.

Für die meisten von uns sind das Geschichten, in denen es um "Liebe und Schuld" geht  oder es sind Biographien bedeutender Personen.  Man ist neugierig, wie denn die andern das Leben führen und meistern , und denkt, man könne dadurch die Fülle des eigenen Lebens vergrößern.

Wissenschaftliche "Geschichten"  befriedigen eine andere Neugier,  man möchte nicht immer mehr über  das Zusammenleben der Menschen erfahren sondern auch über das Zusammenspiel der Dinge in der Natur.

Aber nicht nur die Neugier ist ein  Antrieb für unsere Versessenheit auf Geschichten.  Viel  stärker dienen sie vielen von uns dazu, unser seelisches Gleichgewicht zu halten.  Wir wissen, dass wir mit Gute-Nacht-Geschichten unsere Kinder und Enkel  zur Ruhe und Entspannung bringen können.  Unsere  Vorfahren haben die Wechselfälle ihres Lebens bewältigt, indem sie diese im Rahmen von Geschichten in eine größere Zusammenhänge  brachten.  Wir legen uns alle für Vorfälle in der Vergangenheit, und mit zunehmenden Alter für unser ganzes Leben, unserer eigene Geschichte zurecht.  Mit Geschichten wird Sinn gestiftet, mag dieser auch noch so weit hergeholt sein oder auf noch so tönernen Füßen stehen.

Religion und  Magie

Die einflussreichsten sinnstiftenden Geschichten werden seit Menschengedenken durch das religiöse Denken gebildet und erzählt.  In allen Religionen  vertraut man bei den  Annahmen auf die Erzählungen bestimmter Autoren bzw. Autoritäten und betrachtet sie als Offenbarung einer letztgültigen  Wahrheit.  Solche Erzählungen sind natürlich nicht logisch, das erwartet man auch nicht, es wäre ja zu profan und zu menschlich.  So kann man dann bei den Geschichten von einer stringenten Argumentationskette auch nicht reden,  wie sich z.B. an der Vielfalt der Religionen zeigt, die sich auf die gleiche Quelle berufen.  Für die meisten Gläubigen  ist das allerdings auch nicht relevant.  Ein geschlossenes Weltbild ist für viele etwas, "womit man leben kann".

Das religiöse Denken scheint mir eine spezifische Form des magischen Denkens zu sein, ja ich glaube sogar, dass das magische Denken eine Urform unseres Denkens überhaupt ist und dass sich daraus schon früh das religiöse und viel später auch das wissenschaftliche Denken gebildet hat.  Der Religionsethnologe James George Frazer  (1854-1941) hat die These aufgestellt, dass Magie, Religion und Wissenschaft sich im Rahmen der Evolution nach einander  entwickelt haben.  Dem wird heute entgegen gehalten,  dass es schon immer rationale und auf ihre Wirkung überprüfbare  Handlungen zur Lebensbewältigung gab (die man in Abgrenzung zur Magie schon als wissenschaftlich bezeichnen könnte)  und dass auch heute noch alle drei Denkweisen in der Gesellschaft oder gar in einer Person vorhanden sein können.  Tatsache aber ist, dass die moderne Wissenschaft erst im 17. Jahrhundert entstanden ist und dass diese das magische und religiöse Denken sehr zurück gedrängt hat.

Magie und Wissenschaft

Eine Episode im Leben und Wirken von Isaac Newton mag  die Unterschiede zwischen magischem und wissenschaftlichem Denken deutlich machen.  Zu Zeiten Newtons  wurde unter den Naturforschern heiß diskutiert, durch welche Kräfte die Planeten am Himmel auf ihrer Bahn um die Sonne gehalten werden.  Wie Newton dazu kam, in dem Fall eines Apfels und "in dem Fall" des Mondes um die Erde das Wirken einer gleichen  Kraft zu sehen, soll hier nicht erörtert werden. Tatsache aber ist, dass er zu der Hypothese gelangte, dass materielle Objekte eine Anziehung auf einander ausüben.  Diese Kraft sollte auf die Ferne wirken, und so, wie er sie formulierte, sollte sie sogar instantan wirken, d.h. eine Änderung in Form oder Position des einen Objektes würde sich augenblicklich in der Kraft auf das andere Objekt auswirken, wie weit auch die beiden Objekte voneinander entfernt sein mögen.  Das war eine ungeheuerliche, revolutionäre  Annahme. Man konnte sich nämlich damals die Beeinflussung von Objekten nur durch unmittelbare Berührung, durch Stöße an einander,  vorstellen.  Der Mathematiker und Philosoph Descartes hatte in diesem Sinne  eine ausführliche Theorie der Stöße aufgestellt und die Bewegung der Planeten um die Sonne dadurch zu erklären versucht, dass diese  durch einen um die Sonne herum wirbelnden Stoff mitgenommen werden.  Das war alles sehr anschaulich und sah vernünftig aus.  Die Fernwirkungshypothese von Newton war dagegen unglaublich, ja  ihm  wurde sogar deswegen ein Rückfall in magisches Denken vorgeworfen, was man doch gerade als Naturforscher zu überwinden trachtete.  Newton hatte in der Tat auch großes Interesse an allerlei Alchemie, dennoch  war ihm nicht wohl bei seiner Hypothese und er wurde nicht gerne auf eine Begründung dafür angesprochen.

Eine solche Hypothese von einer Fernwirkung ist ein Musterbeispiel für magisches Denken. Wir kennen eine ähnliche ja heute von der Astrologie, die damals noch bei vielen salonfähig war.  Aber hier kommt nun der entscheidende Unterschied zum wissenschaftlichen Denken zum Vorschein:  Newton blieb nicht stehen bei der einfachen Behauptung einer solchen Wirkung; er fand für sie eine quantitative Formulierung in Form einer mathematischen Gleichung und zog auf dieser Basis Folgerungen, die nachprüfbar waren.  Und siehe da:  Auf der Basis dieser Hypothese konnte man die drei  Keplerschen Gesetze  erklären und schließlich alle Bewegungen materieller Körper am Himmel und auf der Erde.  Die Newtonsche Mechanik wurde für 200 Jahre der Inbegriff von Wissenschaft überhaupt und erst etwa 250 Jahre nach Newton zeigte sich im Rahmen der Allgemeinen Relativitätstheorie, dass der Fernwirkungscharakter der Newtonschen Gravitationskraft lediglich die Folge einer Näherung ist.

So nah also können magisches Denken und wissenschaftliches Argumentieren zunächst neben einander liegen.  Es ist nicht die "Ungeheuerlichkeit" der Annahmen, die den Unterschied ausmacht. Es ist die Fähigkeit, aus diesen Annahmen "einen Strick zu drehen", d.h.  aus ihnen Folgerungen ziehen zu können, die auch nachprüfbar sind, um dann diese Nachprüfungen auch vorurteilsfrei  und nach bestem Wissen zu betreiben.

Diese Geschichte zeigt auch sehr schön, wie damals die Menschheit einen entscheidenden Fortschritt in ihrem Denken gemacht hat. Im Mittelalter kämpfte man noch um logische Stringenz in Fragen, bei denen diese aufgrund der Vagheit der Begriffe gar nicht zu erreichen war.  Auch die Schlussfolgerungen waren nie in einer Form, so dass sie intersubjektiv überprüfbar waren.  Mit der Einführung der Mathematik als Sprache bei bestimmten Fragen wurde nun logische Stringenz möglich. Die quantitative Formulierung der Ergebnisse ließ hier nun auch eine  quantitative Überprüfung zu, das Experiment bzw. die Beobachtung bekam so eine Schlüsselrolle für die Akzeptanz oder Ablehnung von Annahmen.  Mit Recht wird diese Entwicklung  als eine wissenschaftliche Revolution angesehen, als einen Übergang zu einem neuen Modus menschlichen  Denkens im Bereich der Naturforschung, der auch zurück strahlte auf Fragen, die nicht unbedingt quantitativ formuliert werden können.

Aber der  Hang zum magischen Denken steckt immer noch tief in uns. Dabei muss man nicht unbedingt Anhänger eines der großen magischen Denkgebäude wie etwa der Astrologie oder der Homöopathie sein.  Das kritische Hinterfragen und Nachprüfen ist uns oft viel zu mühsam. Die Geschichten,  die sich mit den magischen Vorstellungen verbinden, sind dagegen einfach und lassen sich leicht "schön reden".  Man spielt mitunter gerne mit ihnen, lässt dabei aber oft nicht so recht erkennen, wie man dazu steht.  Die Bräuche am Silvester zeigen deutlich diese Ambivalenz und in unzähligen Romanen  aller Art spielt das magische Denken der Protagonisten eine entscheidende Rolle [3].  Das Gefühl, von einer geheimnisvollen Macht geführt zu werden, und die damit verbundene Ungewissheit  üben  einen  starken Reiz auf uns aus.

Die  Affinität zum magischen Denken kann aber sehr unterschiedlich sein.  Der Physiker Nils Bohr besaß ein Ferienhaus, in dem von dem Vorbesitzer noch ein Hufeisen an der Tür als Glücksbringer hing. Als ein Gast ihn verwundert fragte, ob er an "so etwas" glaube, erwiderte er:  "Es soll auch wirken, wenn man nicht daran glaubt."

[1] Rojas, Raul, in telepolis vom 26.8.2013,  http://www.heise.de/tp/artikel/39/39766/1.html

[2] von Kutschera, Franz und Breitkopf, Alfred: Einführung in die moderne Logik, 8. Auflage,  Alber Studienbuch, 2007

[3]  Eine kleine  Auswahl  fand man in der Literaturseite der Süddeutschen Zeitung am Silvester 2013: "Als das Wünschen noch geholfen hat  - Jenseits von Glücksschwein,  Schornsteinfeger und Knallbonbon - was die Literatur über die Macht des Schicksals weiß"


35 Kommentare zu “Denkgebäude”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Wissenschaftler aus Berlin und Wien haben Kurt Gödels berühmten Gottesbeweis mit dem Computerprogramm bestätigt

    Auch das geht ja nicht.

    MFG
    Dr. W

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    PS:

    Hier muss man zunächst etwas über die Geschichte der Logik einflechten. Wir empfinden manche Schlussfolgerungen als logisch, andere als unlogisch. Woher dieses Empfinden kommt, ist eine Frage, die ich hier nicht diskutieren möchte.

    An der Feststellung dessen ist es schwierig vorbeizukommen, wenn Logiker einen 'Gottesbeweis mit Computerprogrammen bestätigen'.

    Die Logik kommt vom Logos, dem Wort, das bekanntlich am Anfang stand, ins Lateinische und metaphorisch auch mit Ratio übersetzt worden ist.
    Gemeint ist auf die Natur bezogen nicht die Folgerichtigkeit, sondern die Konsistenz einer Behauptungs- oder Aussagenmenge bezogen auf eine Axiomatik oder Grundaussagenmenge.
    Dr. Spock lag bspw. mit seinem "Logisch" in Star Trek häufiger mal falsch.
    Eine 'Empfindung' liegt auf dieser einfachen metaphorischen Ebene des Verständnisses von Logik nicht vor.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      PPS:

      Dass man Schlussfolgerungen in solchen Kalkülen Computern übertragen kann, liegt nahe. Eine Schwierigkeit liegt dann noch darin, Aussagen unserer natürlichen Sprache in diese formale, künstliche Sprache zu übersetzen, sich dabei also zu entscheiden, was man mit seiner Aussage eigentlich meint. Begriffe in unserer natürlichen Sprache sind ja meistens vage und sie müssen erst zurecht gestutzt werden, um sie in einem logischen Kalkül nutzen und damit evident logisch einwandfreie Schlüsse ziehen zu können.

      Die von Computern unterstützte Beweisführung von Aussagen hat sich seit der Jahrtausendwende stark entwickelt. Die oben erwähnten Wissenschaftler aus Berlin und Wien wollten zeigen, dass diese Technik auch auf die Modallogik anwendbar ist, und haben sich dafür ein Beispiel heraus gesucht, das einerseits schon durch den Logiker Gödel gut aufbereitet war, andererseits auch das Potential hat, große Aufmerksamkeit zu erregen. Die Arbeit der Wissenschaftler stellt einen höchst interessanten Fortschritt in der Technik des "vernünftigen Schließens" dar.

      Es liegt Die (vs. 'eine') Schwierigkeit vor, die Schwierigkeit "natürliche Sprache" in mathematische Sprache zu gießen. Was mit der Natur zusammenhängt, die nicht klar scheint, wo fängt ein Tisch (oder eine Katze) an und hört er (oder: sie) auf?, d.h. es muss "gesprungen" werden, wenn ins Mathematische transkribiert wird.

      Was zunehmend möglich scheint, ist dass unter Zuhilfenahme einer Metasprache und entsprechender Bearbeitungslogik (mathematische) Aussagensysteme mit ihrer Axiomatik abgeglichen werden können.

      Was aber nicht diese Welt berührt, sondern Logiker, die ihre Sprachlichkeit pflegen, fit zu halten imstande sein könnte.

      MFG
      Dr. W (der noch am Rande beobachtet, dass die strukturierte Kommentierung zurzeit ein wenig leidet, d.h. nicht zu funktionieren scheint)

  3. Josef Honerkamp Antworten | Permalink

    - " 'Wissenschaftler aus Berlin und Wien haben Kurt Gödels berühmten Gottesbeweis mit dem Computerprogramm bestätigt' . Auch das geht ja nicht."
    Das ist ein interessanter Hinweis, denn hier zeigt sich, wie man oft einem Begriff je nach Kontext eine verschiedene Bedeutung zumisst. In dem Satz, in dem "Wissenschaftler" vorkommt, habe ich unter "Beweis" automatisch "Beweisführung" verstanden, sonst eben einen vollständigen Beweis. Ich werde das klarstellen. Vielen Dank.

    - "Eine 'Empfindung' liegt auf dieser einfachen metaphorischen Ebene des Verständnisses von Logik nicht vor."
    Ich fürchte, wir haben hier wieder ein sprachliches Problem. Logik ist doch nicht etwas, was wir in der Natur vorfinden. Aber in unserem Denken, selbst wenn es sich auf die Natur bezieht. Und deshalb rede ich von "Empfinden". Wir würden Sie es denn nennen?

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Dr. Honerkamp

      Eine 'Empfindung' liegt auf dieser einfachen metaphorischen Ebene des Verständnisses von Logik nicht vor. (Dr. W)

      Ich fürchte, wir haben hier wieder ein sprachliches Problem. Logik ist doch nicht etwas, was wir in der Natur vorfinden. Aber in unserem Denken, selbst wenn es sich auf die Natur bezieht. Und deshalb rede ich von "Empfinden". Wir würden Sie es denn nennen?

      Es gibt mittlerweile semantische oder "semantische" IT-Systeme, die mit Hilfe von Metasprachen prüfen können, ob bspw. (auszutauschende) Dokumente (it-technisch sozusagen) ihren Vorgaben entsprechen, was den Daten- oder Informationsaustausch standardisiert und erleichtert, eine vglw. neue Entwicklung. Und hier gibt es also eine Sprachlichkeit ("Logik"), die diese beachten.
      Aussagen über die Welt selbst können so nicht getroffen werden.

      Die bekannte, hausbackene Logik funktioniert aber nicht anders, sondern nur soz. händisch, empfindungsfrei.
      Auf einer höheren metaphorischen Ebene fließt dann auch die Folgerichtigkeit ein, die nicht mathematisch-logisch begründet ist, hier finden sich Dr. Spock und im schlimmeren Fall auch die beiden Logiker.

      MFG
      Dr. W

  4. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Unsere Logik und unsere Mathematik ist eine möglichst genaue Abbildung des Verhaltens unseres Universums.

    Unsere Logik orientiert sich vorwiegend an der klassischen oder newtonschen Physik, weil sich die Quantenmechanik und die Relativitätstheorien im täglichen Leben der letzten Jahrtausende nicht deutlich genug bemerkbar gemacht haben.

    Die möglichst genaue Abbildung des Verhaltens unseres Universums benötigen wir für unser inneres Weltmodell, um möglichst oft richtige Voraussagen machen zu können.

    Sobald wir unsere Logik zum Beispiel auf die Quantenmechanik anwenden, entstehen sofort größere Verständnisprobleme.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Unsere Logik und unsere Mathematik ist eine möglichst genaue Abbildung des Verhaltens unseres Universums.

      Das wissenschaftliche Bemühen von Primaten kümmert sich um das sie Betreffende der Welt, die Beobachtung erfolgt ausschnittsartig, die Theoretisierung den Vorhaben der Genannten möglichst folgend.

      ...

      Sobald wir unsere Logik zum Beispiel auf die Quantenmechanik anwenden, entstehen sofort größere Verständnisprobleme.

      Die QM scheint durchaus passend gemacht der o.g. Bemühung folgend, allein!, die Einfachheit geht ein wenig abhanden.

      MFG
      Dr. W (der hier natürlich nicht den Relativismus bewirbt)

      • Skeptiker Antworten | Permalink

        "Das wissenschaftliche Bemühen von Primaten kümmert sich um das sie Betreffende der Welt, die Beobachtung erfolgt ausschnittsartig, die Theoretisierung den Vorhaben der Genannten möglichst folgend."

        Das stimmt allerdings. Das bedeutet aber auch, dass einige wesentliche Aspekte der Realität von uns, weil nicht "auf den Schirm" noch im Abseits stehen könnten. ;-)

        Abgesehen davon: Was macht denn das Tun dieser Primaten so wissenschaftlich?

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Abgesehen davon: Was macht denn das Tun dieser Primaten so wissenschaftlich?

          Die Methode.

          MFG
          Dr. W

  5. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Zum Gödelschen Gottesbeweis meine ich:

    Es gibt keinen Computer, keinen Algorithmus, kein Rechenverfahren, und keine Denkmethode,
    die aus fehlenden oder falschen Eingangsdaten sinnvolle Ausgangsdaten erzeugen kann.

    Weitere Überlegungen zum Gödelschen Gottesbeweis:

    Was eine positive Eigenschaft ist, das hängt von den Eigenschaften des Beobachters ab.
    Positive Eigenschaften können einander durchaus gegenseitig ausschließen.
    Nicht alles, was logisch möglich ist, muss zwangsläufig auch physikalisch existieren.

    • chris Antworten | Permalink

      Zitat:

      "Nicht alles, was logisch möglich ist, muss zwangsläufig auch physikalisch existieren."

      -> Aber was logisch möglich ist, kann existieren. Und die Beobachtung mit derzeitigen Methoden, dass es nicht da ist, ist kein Beweis, dass es nicht existiert oder existieren könnte - physikalisch.

  6. chris Antworten | Permalink

    Die Episode mit Newton und dem "magischen Denken" werde ich mir merken. Und bei Gelegenheit verlinken.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Hmja, zur Magie ('magus', 'mager', 'Macht' etc.) vielleicht noch:

      Religion und Magie

      Die einflussreichsten sinnstiftenden Geschichten werden seit Menschengedenken durch das religiöse Denken gebildet und erzählt. In allen Religionen vertraut man bei den Annahmen auf die Erzählungen bestimmter Autoren bzw. Autoritäten und betrachtet sie als Offenbarung einer letztgültigen Wahrheit. Solche Erzählungen sind natürlich nicht logisch, das erwartet man auch nicht, es wäre ja zu profan und zu menschlich.

      Derartige Erzählungen sind 'logisch' im Rahmen einer seinerzeitig geübten Sprachlichkeit. Die Idee war, dass besondere Macht ausgeübt werden kann von Einzelnen oder außerempirischen Entitäten oder von Mischformen.

      Heuitzutage wird sich von der 'letztgültigen Wahrheit' primär dadurch abgegrenzt, dass das primatenseitig kaum Glaubhafte ("Moderne Wissenschaftlichkeit") durch den ständigen Versuch befragt bleibt ("Empirie"), was das allgemeine Locker-Werden die Sichtenbildung ("Theoretisierung") ungemein erleichtert.
      Nicht spricht dagegen diese Welt als "magisch" anzunehmen.

      MFG
      Dr. W

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        Korrektur:
        Heutzutage wird sich von der 'letztgültigen Wahrheit' primär dadurch abgegrenzt, dass das primatenseitig kaum Glaubhafte ("Moderne Wissenschaftlichkeit") durch den ständigen Versuch befragt bleibt ("Empirie"), was das allgemeine Locker-Werden die Sichtenbildung ("Theoretisierung") betreffend ungemein erleichtert.
        Nichts spricht dagegen diese Welt als "magisch" anzunehmen.

        MFG
        Dr. W (der wirklich nichts gegen eine Vorschau hätte, dbzgl. mittlerweile auch schon ein wenig stinkig wird)

      • Grenzgängerin Antworten | Permalink

        @ Webbaer
        dafür unterbreche ich doch glatt meine Arbeit am Blog.....

        "Religion und Magie"...(...) Die Idee war, dass besondere Macht ausgeübt werden kann von Einzelnen oder außerempirischen Entitäten oder von Mischformen.

        mit Verlaub, das gilt *nicht* in Bezug auf das Christentum, auch wenn Einzelne seiner Vertreter es so verzerrt haben mögen.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Das mit dem 'oder' ist verstanden worden?

        • Grenzgängerin Antworten | Permalink

          @ Webbaer

          das "oder" ändert gar nichts. Der christliche Gott, ist kein Gott, der Macht ausübt. Wäre es so, dann stünde uns nicht so ein wunderbares Universum und ein so wunderbarer Erdenball zur Verfügung mit einer so komplexen Lebenswelt in der wir ständig auf' s Neue die Chance haben, nicht nur als ob sondern tatsächlich in Freiheit die Liebe, wie sie in Gott ist, leben zu lernen. Und in dem ein Konstruktivist, wie Sie einer sind, sich eine konstruktivistische Welt basteln kann. ;-)
          Und wäre es so, dann gäbe es kein Leben Jesu mit Kreuz und Auferstehung. Das Leben Jesu ist ein so unmissverständlicher Beweis das Machtverzichts, das wir machtgierigen Menschen uns ja so wenig dafür erwärmen können und uns ausgesprochen schwer tun, uns diesen Gott vorzustellen.
          Die Bibel ist zwar voll von Herrschaftsmetaphern über Gott, aber das sind typisch menschliche Projektionen. Vielmehr "Wer der Größte unter euch sein will, der sei euer aller Diener" ist die Maxime des christlichen Gottes. Seine Allmacht besteht darin, dass er uns auf göttlich geniale Weise alles so herrlich selbstorganisierend zur Verfügung stellt, damit wir tatsächlich in Freiheit die gegenseitige Liebe leben lernen können. Man schaue sich nur dieses wunderbare, selbstorganisierende Universum an.
          Wenn man von Liebe spricht, darf man außerdem nicht vergessen, dass die zunehmende, nur individualistische Pluralität nicht liebesfähig und deshalb nicht dauerhaft lebensfähig ist. Liebe, wie sie in Gott ist individuell und gegenseitig. Anderes ist nicht dauerhaft existenzfähig.

  7. Max Antworten | Permalink

    Hallo Herr Honerkamp, vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Besonders die Dreiteilung finde ich interessant:

    Annahmen / Stringenz der Schlussfolgerungen / Ergebnis

    In Bezug auf die Physik (und auch auf alle anderen empirischen Wissenschaften) kann man diese Dreiteilung aber, denke ich, auch ganz anders vornehmen als Sie es im Artikel gemacht haben. Und zwar so:

    "Annahmen": Beobachtungen
    Stringenz der Schlussfolgerungen: Verallgemeinerung von Beobachtungen (Induktion)
    Ergebnis: Theorien, Gesetze

    Hier ist (im Gegensatz zur Beschreibung im Artikel Vorschlag), die "Stringenz der Schlussfolgerungen" problematisch. Im Gegensatz zur Mathematik oder zur formalen Logik ist sie bei den Naturwissenschaften nämlich nicht zwingend, also unsicher. Dafür sind die Annahmen hier unproblematischer (obwohl man sich auch da irren kann). Die "Stringenz der Schlussfolgerungen" ist hier zwar nie optimal, aber desto besser gegeben, je besser die "Annahmen" und das Ergebnis zusammenpassen. Neue Beobachtungen (z.B. durch Experimente) können die Stringenz der Schlussfolgerung natürlich nachträglich verbessern oder auch verschlechtern.

  8. Skeptiker Antworten | Permalink

    Die Überschrift "Computer beweist die Existenz Gottes" ist auch irreführend, das ist richtig.

    Es geht darum, dass ein per Computer geführter, maschineller Beweis, die Konsistenz der Prämissen des gödelschen Gottesbeweises erkenenn konnte und festgestellt hat, dass der Beweis von Gödel keinen Fehler enthält.

    Das bedeutet beides natürlich nicht, dass die Prämissen auch zutreffen oder dass das, was bewiesen wurde, wirklich Gott zu nennen ist.. Es bedeutet nicht mal, dass es nicht vielleicht einen Fehler im Beweis gibt, den die Maschine nur nicht finden konnte.

  9. Josef Honerkamp Antworten | Permalink

    @Max
    Ihre Reihenfolge entspricht eher der Genese einer Theorie, hat aber als zweiten Schritt die Induktion, die nicht stringent ist. (Wieso soll sie das in der Logik sein?). Damit ist doch eigentlich der ganze Witz weg.

  10. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die Evolution von Denkgebäuden ähnlich zu erforschen wie die Evolution von Sprachen wäre vielleicht lohnenswert. Noch interessanter wäre es nach einer allgemeinen Tiefenstruktur von Theorien und Theorienbildungen zu suchen (verwandt damit ist die Frage nach der gemeinsamen Tiefenstruktur aller Sprachen). Es wird wohl daran scheitern, dass nur wenige einen enzyklopädischen Überblick über Theorien und ihre Entwicklung haben und noch weniger eine nennenswerte Zahl von nichttrivialen Theorien wirklich nachvollziehen können und ihre "Tiefenstruktur" verstehen. Ich erwarte nämlich, dass man auch bei ganz unterschiedlichen Theorien viele ähnliche Phänomene findet, wenn man ihre Entwicklung untersucht.

    Die entscheidende Rolle der Mathematik in der Physik - aber auch in anderen Anwendungsgebieten - sehe ich im Weglassen. Deshalb konnte und musste schon Newton mit der Fernwirkung der Schwerkraft leben, denn jede andere Erklärung der Kräfteübertragung wäre damals nicht mathematisch fassbar gewesen, denn darüber wusste man ja nichts. Über was man nichts weiss, worüber man nicht sprechen kann, darüber soll man schweigen, sagte Wittgenstein. Und in der Physik bedeutet es einfach, dass es kein mathematisches Korrelat für das Nicht-Gewusste, Nicht-Verstandene gibt. Diese Notwendigkeit des Weglassens führte dann dazu, dass Newton's Grundgesetze der Bewegung aus nur 3 Gesetzen bestand. Die Notwendigkeit des Weglassens bedeutet auch, dass man tendenziell zu allgemeineren Gesetzen kommt. Netwons Gesetze wären uninteressant, wenn sie nur für eine ganz kleine Klasse von Objekten gültig wären. Hier berührt sich auf eigentümliche Weise die Physik mit der Mathematik. Unsere Welt, die physikalische Welt scheint mit wenig Gesetzen beschreibbar. Mit andern Worten: Man kann in einer bestimmten Betrachtungsweise sehr viel weglassen. Es könnte auch anders sein. Ist es aber nicht. Dass man vieles weglassen kann und am Schluss nur weniges übrigbleibt stellt auch einen Bezug zur Religion und zum magischen Denken her. Man erhält sogar in der Physik den Eindruck es gäbe ein Letztes, es gäbe den magischen Gral, es gäbe das letzte Geheimnis wirklich, nach dem die edlen Ritter und die grossen religiös inspirierten Sucher strebten und streben.

  11. Max Antworten | Permalink

    @Martin Holzherr
    Ja der Eindruck dass es etwas "Letztes" gibt ist plausibel, das sieht man etwa bei den "Gottesbeweisen" des Thomas von Aquin oder bei der "Theorie von Allem", nach der man in der Physik sucht. Ich denke aber dass das wirklich "letzte Geheimnis" die klassische Frage von Leibniz ist: Warum gibt es überhaupt etwas? Ich glaube das wird für alle Zeiten unbeantwortet bleiben, aber was ist schon glauben, man müsste es beweisen.

  12. Frank Wappler Antworten | Permalink

    Martin Holzherr schrieb (23. Januar 2014 16:15):
    > [...] dass es [...] in der Physik [...] kein mathematisches Korrelat für das Nicht-Gewusste, Nicht-Verstandene gibt.

    Um das "(Noch-)Nicht-Gewusste", "(Noch-)Nicht-Verstandene" mathematisch auszudrücken gibt es ja ausdrücklich die Unbekannte "V" (das "Potential"; gelegentlich auch als "Φ" geschrieben) in Ansätzen der Variationsrechnung bzw. entsprechenden "Bewegungs"-Gleichungen.

    (Im Gegensatz zum Potential sind die geometrisch-kinematische Beziehungen, die mathematisch ausgedrückt werden, ja zumindest im Prinzip direkt messbar und bekannt; also in so fern schon verstanden.)

    > Deshalb konnte und musste schon Newton mit der Fernwirkung der Schwerkraft leben

    Wobei Newton ja insbesondere für seine Betrachtungen einer ganz bestimmte Potential-"Form" bekannt ist, die sich dann besonders einfach im Zusammenhang mit "Massen"- bzw. "Ladungs"-Dichteverteilung verstehen lässt; s.
    http://en.wikipedia.org/wiki/Gravitational_potential#Mathematical_form bzw.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Poisson-Gleichung#Gravitation

  13. Dino Antworten | Permalink

    Hallo zusammen!
    hier mal wieder der Hobby-Mystiker, Musiker und verglichen mit den allermeisten von Ihnen/Euch wohl "Metzger der Wissenschaft"
    Ich gestehe ganz klar ein, dass ich bei weitem nicht so einen grossen Wissensschatz habe, wie die allermeisten von Euch. Es fällt mir mehr als schwer, mich hier einzulesen, weil mir die Kraft und Konzentration fehlt, die ganzen Fremdwörter nachzuschlagen und die Motivation eines jeden Einzelnen hier zu erfassen. Meine hauptsächliche, persönliche Motivation, hier etwas beizutragen, ist, dass ich erfahrungsgemäß weiss, dass der Neuling den Fachmann/frau zurückerinnern kann an Grundlegendes, was man vor lauter Fachwissen und Tiefgang vielleicht vergessen hat oder dergleichen. Deshalb frage ich also Grundlegendes:

    Wie kann IRGENDETWAS, das von einem Menschen (ständig emfpindendes Lebewesen) beuteilt, untersucht, bewertet etc wird, überhaupt logisch sein?
    Mag sein, dass Dinge, Phänomene etc. duch die Schnittmenge vieler Menschen logischER erscheint.. (minus mal minus plus??)
    Was ist also Eure Motivation, hier zu schreiben? Persönliche Weiterentwicklung? Beitrag zum Fortschritt des Menschen oder der Natur? - und wieso wird überhaupt getrennt zwischen Mensch und Natur?- oder Dinge der Natur und Mensch? Ist ein Mensch nicht auch ein "Ding der Natur"?
    Bedeutet das wissenschaftliche Untersuchen nicht einfach, dass man nicht bereit ist, Dinge, Phänomene etc hinzunehmen wie sie sind? Liegt die eigentliche Logik nicht einfach im SEIN?
    Reicht es nicht aus, zu sehen und zu erkennen, dass "Dinge" unter gewissen Voraussetzungen und Umständen funktionieren? Wieso muss ich diese auf Gedeih und Verderb auch noch beweisen?
    Ich profitiere im Alltag von all Euren Erfahrungen und Fähigkeiten wollte ich mal ganz klar sagen. Ich sitze am Fluss, spiele GItarre, esse, trinke, rauche und lerne dabei sehr viel über Mensch, Pflanze, Tier. "Warum ist eine sehr wichtige Frage. Aber... Liebe: Warum? Orgasmus: Warum? Blindes Verständnis: Warum? Für was brauchen wir dieses Hinterfragen? Es ist ein schöner Zeitvertreib, hier zu lesen und zu schreiben. Es ist nicht mein Ziel , Euer aller Forum mit unqualifizierten Beiträgen zu beschmutzen. Es sind lediglich die Gedanken, eines einfachen Menschen. Danke Euch

  14. Max Antworten | Permalink

    @Josef Honerkamp

    "Ihre Reihenfolge entspricht eher der Genese einer Theorie"

    Ja das stimmt. Aber was meinen Sie hier mit "eher"?
    Zur Reihenfolge: In aller Regel (von evolutionär entstandenem angeborenem A-Priori-Wissen abgesehen) kommen ZUERST Annahmen die durch Beobachtung gemacht werden, und erst DANN deren (nicht zwingend wahre) Verallgemeinerung zu Theorien, Gesetzen, Gesetzmäßigkeiten usw. Daher die Reihenfolge. Natürlich kann aber eine vorhandene Theorie danach weiterhin durch Beobachtungen gestützt/angezweifelt/verändert werden. Es ist eine Art Schleife.

    "hat aber als zweiten Schritt die Induktion, die nicht stringent ist."

    Das stimmt auch, ich weiß aber nicht warum Sie hier "aber" schreiben? Dass die für die Empirie wesentlichen induktiven Schlussfolgerungen nicht zwingend wahr sind, ist nun mal so und nicht zu ändern.

    "(Wieso soll sie das in der Logik sein?)"

    Hm, ich verstehe die Frage nicht. Ich sagte ja nicht dass die Induktion irgendetwas sein solle, ich habe nur gesagt dass die Induktion im Gegensatz zur Deduktion (die bei Ihrer Darstellung der Physik im Artikel für den Teil "Stringenz der Schlussfolgerungen" hervorgehoben wurde) nicht zwingend ist.

    "Damit ist doch eigentlich der ganze Witz weg."

    Könnten Sie etwas ausführlicher erklären was Sie meinen? Ich steh gerade auf dem Schlauch.

  15. honerkamp Antworten | Permalink

    @Max:
    - "Aber was meinen Sie hier mit "eher"?" Ist logisch nicht nötig, nur Folge meiner Höflichkeit gewesen :-)
    - Warum aber? in "hat aber als zweiten Schritt die Induktion, die nicht stringent ist."? Weil ich die Induktion vermeiden will, denn mir kommt es auf reine Deduktion an, und damit auf Stringenz.
    - Mit dem Witz meine ich: Mit einer Theorie haben wir ein großes Paket von Erkenntnissen über Relationen in der Natur geschnürt, inklusive eines Punktes Grundannahmen), von dem man das ganze Paket aufschnüren und systematisch auspacken kann, ohne die Übersicht zu verlieren und Chaos zu verbreiten. Das war doch gegenüber allen Versuchen der "alten Wissenschaften", z.B. Scholastik, ein großer Fortschritt, der möglich wurde durch die Entdeckung quantitativer Formulierung von Relationen für messbare Größen und durch deren Überprüfbarkeit sowie durch die Aufzäumung des Pferdes (der Theorie) von hinten. Mit "Witz" meine ich also diese besondere Art eines Denkgebäudes und seiner Konstruktion.
    P.S. War auf Reisen, daher die verspätete Antwort.

  16. Max Antworten | Permalink

    "Weil ich die Induktion vermeiden will, denn mir kommt es auf reine Deduktion an, und damit auf Stringenz."

    Die Induktion lässt sich in den Naturwissenschaften aber nicht vermeiden. Popper hat das versucht, aber auch nicht geschafft.

    "Mit einer Theorie haben wir ein großes Paket von Erkenntnissen über Relationen in der Natur geschnürt"

    Die Annahme dass Theorien logisch stringent sein sollen, das gab es vor, und das gibt es außerhalb der Naturwissenschaft. Die Besonderheit an der Naturwissenschaft ist, dass sie mit Empirie arbeitet, um von Beobachtungen auf solche Theorien zu schließen, die der Natur möglichst gut entsprechen. Und dieses Schließen ist eben nicht deduktiv, sondern induktiv.

  17. Josef Honerkamp Antworten | Permalink

    @Max:
    - Ich rede immer von einer fertigen Theorie, nicht von der Genese. Natürlich kann eine Theorie nicht durch Deduktion entstehen.
    - Das Besondere an der Naturwissenschaft ist, dass sie mit Empirie und(!) mit Mathematik als Sprache arbeitet. Erst durch den Gebrauch der Mathematik wird eine genügende begriffliche Schärfe und damit logische Stringenz möglich.

  18. Max Antworten | Permalink

    "Ich rede immer von einer fertigen Theorie, nicht von der Genese."

    Ja ich weiß, aber das ist -- finde ich -- zu wenig. Und mit Induktionsschlüssen schließt man aus Beobachtungen eben nicht auf irgendwelche Theorien, sondern speziell auf solche, die den Beobachtungen entsprechen. Letzteres können durchaus auch Theorien sein, die schon vorher "fertig gegeben" waren (zum Beispiel auch wenn jemand vorher nicht mit Induktion, sondern mit Kreativer Abduktion auf diese Theorie geschlossen hat). Es geht bei den Induktionsschlüssen in meinem Ursprungsbeitrag also nicht bloß um die Genese von Theorien, sondern vor allem darum, wie man auf auf die mutmaßliche Wahrheit (oder Viabilität) von Theorien schließt.

    "Das Besondere an der Naturwissenschaft ist, dass sie mit Empirie und(!) mit Mathematik als Sprache arbeitet."

    Letzteres machen nicht nur Naturwissenschaften (in unterschiedlichem Ausmaß), sondern auch Sozialwissenschaften, ebenfalls in unterschiedlichem Ausmaß. Also wohl die meisten empirischen Wissenschaften. Vielleicht kann man es so ausdrücken: Empirische Wissenschaften sind stärker mathematisiert als viele Geisteswissenschaften.

    "Erst durch den Gebrauch der Mathematik wird eine genügende begriffliche Schärfe und damit logische Stringenz möglich."

    Wie könnte denn Mathematik Begriffe schärfen? Das können meines Erachtens nur möglichst präzise Definitionen. Mit so etwas befasst sich z.B. die analytische Philosophie. In der gibt es zwar Logik, aber die Mathematik spielt wohl kaum eine herausragende Rolle.

    Vermutung: Mathematik ist vor allem für die Beschreibung von Relationen verschiedener Quantitäten zueinander wichtig. Beobachtungen versorgen die empirischen Wissenschaften nämlich mit sehr vielen in der Realität vorgefunden (oder experimentell erzeugten) quantitativen Informationen.

  19. Josef Honerkamp Antworten | Permalink

    @Max:
    - " 'Ich rede immer von einer fertigen Theorie, nicht von der Genese'. Ja ich weiß, aber das ist -- finde ich zu wenig..............." :
    Wofür zu wenig? Sie haben mein Augenmerk auf den Begriff der "Abduktion" gelenkt (vielen Dank) , den ich bisher nie gebraucht habe, weil ich ihn unter Induktion subsumiere. Und aufgrund meiner Kenntnis der Geschichte der Physik finde ich aber auch, dass "bei dem Anspruch an eine wissenschaftliche Aussage nicht um den Entdeckungszusammenhang, sondern um den Begründungszusammenhang geht." (siehe Wikipedia: Abduktion). Induktion (und Abduktion) sind sicher notwendig für die Genese, aber trauen sollte man ihr nicht so sehr, sie hat auch oft zu falschen Hypothesen geführt- zumindest in der Physik. Wenn Sie aber andere Erfahrungen über die Bedeutung in einer anderen Wissenschaft haben, wäre ich daran interessiert.

    - " Letzteres machen nicht nur Naturwissenschaften (in unterschiedlichem Ausmaß), sondern auch Sozialwissenschaften, ebenfalls in unterschiedlichem Ausmaß....." : Ich stimme Ihnen zu. Ich wollte nur die Mathematik ins Spiel bringen und bin in der Formulierung über das Ziel hinaus geschossen.

    - "Wie könnte denn Mathematik Begriffe schärfen? Das können meines Erachtens nur möglichst präzise Definitionen." : Gemeint ist, dass der Wunsch nach einem Gebrauch der Mathematik eine bestimmte begriffliche Schärfe verlangt. Dabei gilt aber, was Popper sagt: "Nicht durch die Definition wird die Anwendung eines Begriffes festgelegt, sondern die Verwendung des Begriffes [ich füge ein: im mathematischen Kontext] legt das fest, was man seine ‚Definition‘ oder seine ‚Bedeutung‘ nennt. Anders ausgedrückt: Es gibt nur Gebrauchsdefinitionen. " Das beschreibt sehr treffend die Sachlage in der Physik. Ist das in Gesellschaftswissenschaften anders? Im übrigen sind die Begriffe der analytischen Philosophie auch oft nicht sehr präzise (siehe z.B. http://www.philosophie.uni-hd.de/md/philsem/personal/ak_grenzfall_2012.pdf ).
    Zur Begriffsbildung habe ich im Blogartikel vom 14.2.2013 meine Meinung ausführlicher dargelegt.

    - " Vermutung: Mathematik ist vor allem für die Beschreibung von Relationen verschiedener Quantitäten zueinander wichtig. Beobachtungen versorgen die empirischen Wissenschaften nämlich mit sehr vielen in der Realität vorgefunden (oder experimentell erzeugten) quantitativen Informationen." : Dem stimme ich voll zu.

  20. Max Antworten | Permalink

    "Induktion (und Abduktion) sind sicher notwendig für die Genese, aber trauen sollte man ihr nicht so sehr, sie hat auch oft zu falschen Hypothesen geführt- zumindest in der Physik."

    Ja, aber Induktion (nicht aber Abduktion) braucht man eben NICHT nur für die "Erfindung" von Theorien, sondern AUCH dafür, von Beobachtungen auf (vorhandene) Theorien zu schließen, die den Beobachtungen entsprechen. Wie im vorigen Beitrag geschrieben. Von einzelnen Beobachtungen auf die mutmaßliche Wahrheit / Viabilität allgemeiner Gesetze / Theorien etc. zu schließen, daran kommt keine empirische Wissenschaft vorbei, ja das ist sogar ihre wesentlichste Eigenschaft. Und dieses Schließen von Spezifischem auf Allgemeines (was nicht zwingend wahr, nicht "stringent" ist) nennt man induktiv.

    In der Mathematik und der Logik kann man deduktiv auf letzte Wahrheiten schließen. In den empirischen Wissenschaften gibt es solche eindeutigen Beweise nicht, weil man nicht deduktiv von Beobachtungen auf (die Wahrheit von) Theorien schließen kann, sondern nur induktiv. Den Anspruch letzte Wahrheiten zu besitzen haben die empirischen Wissenschaften aber ohnehin nicht, man ist sich dessen also durchaus bewusst.

    " Dabei gilt aber, was Popper sagt: "Nicht durch die Definition wird die Anwendung eines Begriffes festgelegt, sondern die Verwendung des Begriffes [ich füge ein: im mathematischen Kontext] legt das fest, was man seine ‚Definition‘ oder seine ‚Bedeutung‘ nennt. Anders ausgedrückt: Es gibt nur Gebrauchsdefinitionen. " Das beschreibt sehr treffend die Sachlage in der Physik. Ist das in Gesellschaftswissenschaften anders? "

    Nun ist aber selbst die besonders stark mathematisierte Sprache der Physik weit davon entfernt, allein aus mathematischen Formeln zu bestehen. (Es gibt kein Paper das nur aus Formeln besteht. Der Physiker Max Tegmark sagte einmal, das Paper in dem die Weltformel beschrieben wäre, müsse vielleicht nur aus Formeln bestehen.) Und andere Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften erst recht nicht. Ein Großteil besteht immer aus natürlicher Sprache, dafür sind präzise Begriffsdefinitionen unerlässlich. Mir wäre neu dass überhaupt irgendeine Wissenschaft auf Begriffsdefinitionen verzichten könnte.

    " Im übrigen sind die Begriffe der analytischen Philosophie auch oft nicht sehr präzise (siehe z.B. http://www.philosophie.uni-hd.de/md/philsem/personal/ak_grenzfall_2012.pdf ). "

    Den Aufsatz kenne ich. Die Unschärfen gibt es, wie da auch gesagt wird, nahezu überall wo natürlichen Sprache eingesetzt wird, also natürlich auch in den Naturwissenschaften. Das Problem kann die Mathematik nicht lösen, und auch formale Logiken können das Problem nur teilweise mindern, weil sie kein adäquater Ersatz für die Semantik natürlicher Sprache sind. Aber allein schon das Problem zu erkennen, zu benennen und zu reflektieren, trägt zur Schärfung der Begriffe bei (z.B. welche Begriffe sind überhaupt unscharf? Welche Typen von Unschärfe gibt es? Wie kann man das Problem angehen, und was sind die jeweiligen Schwächen dieser Lösungsversuche?), auch wenn völlige Begriffsklarheit in vielen Fällen unerreichbar bleibt. Dass die analytische Philosophie Aufsätze produziert, die die Unschärfe der natürlichen Sprache thematisieren, spricht also nicht für eine besondere Unschärfe der analytische Philosophie, denn die natürliche Sprache verwenden alle Wissenschaften. (In einem begrenzten Ausmaß selbst die Mathematik.)

  21. Josef Honerkamp Antworten | Permalink

    @Max: Einverstanden bis auf:
    - "Ja, aber Induktion (nicht aber Abduktion) braucht man eben NICHT nur für die "Erfindung" von Theorien, sondern AUCH dafür, von Beobachtungen auf (vorhandene) Theorien zu schließen, die den Beobachtungen entsprechen." : Wieso nennen Sie das schon "Induktion", wenn ich bei einer Beobachtung erkenne, dass ich für diese eine Erklärung im Rahmen einer vorhandenen Theorie zu suchen habe? Können Sie ein Beispiel dafür angeben?

    - " Ein Großteil besteht immer aus natürlicher Sprache, dafür sind präzise Begriffsdefinitionen unerlässlich." : Man muss unterscheiden zwischen einem Fachbegriff (in der Physik) und ihrer Übersetzung/ Interpretation in die Umgangssprache: Beispiel: Die Wellenfuktion für ein Quant/ bzw. deren Zustandsfunktion. Eindeutig und klar als physikalische Größe - umstritten in ihrer Übersetzung in die Umgangssprache bzw. Interpretation. Die Argumentation im Rahmen der Theorie geschieht aber immer in der Fachsprache.

    Wir kommen vermutlich aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen.

  22. Kurt Ruppi Antworten | Permalink

    Vielleicht ist auch für Physiker, Kosmologen, etc. interessant, zu welchem Weltbild ein neugieriger Laie kommen kann (Anfang und Ende der Geschichte ist natürlich Fiktion, und die neunte Emergenz ist für mich die Kernaussage):

    DIE NEUNTE EMERGENZ
    So könnte es gewesen sein:
    Er war allein, und er ließ seinen Gedanken freien Lauf. Dort, wo er war, gab es keinen Morgen und keinen Abend, weder Tag noch Nacht. Es gab keine Sonne, keinen Horizont, und auch keinen Boden, auf dem er hätte stehen können. Aber er brauchte auch keinen Boden, um darauf zu stehen; er war ein reines Geistwesen, allein in der Unendlichkeit.
    Er wusste alles, was es zu wissen gab und er wusste es immer schon. Er konnte alles denken, was möglich war, und er wusste auch, wie er seine Gedanken verwirklichen konnte. Er war allein, und das gefiel ihm nicht- und er setzte all seine unbegrenzte Energie und seine allumfassenden Phantasie ein, um sein Problem zu lösen. Er hatte dafür alle Zeit der Welt, denn die Zeit war noch bedeutungslos. Noch war nichts verwirklicht, nichts getan, und alle, wirklich alle Möglichkeiten standen ihm offen, die erste Tat zu setzen.
    Nur am Anfang gab es unendlich viele Handlungsmöglichkeiten für ihn; aber nach dem ersten Entschluss vermindert sich die Anzahl der offenen Möglichkeiten- das ist immer so, wenn man eine Entscheidung trifft oder eine Tat setzt; und im Laufe einer Kette von Taten oder Entscheidungen-sinnvoll oder nicht- bleiben immer weniger mögliche Wege in die Zukunft offen. Es kann sein, dass man irgendwo eine Abzweigung nimmt, die sich hinterher als eigentlich unerwünscht erweist; dann stellt man vielleicht fest, dass man an diesen Punkt des Weges gar nicht kommen wollte, und dass keine Möglichkeit besteht, zurückzugehen und eine andere Richtung einzuschlagen….
    Das wusste er natürlich; in solche Sackgassen sollte sein Weg nicht führen, wenn er begann, seinen Weg in die Zukunft zu gehen. Auch war ihm klar, dass nur ungemein vernetzte, komplexe Prozesse zu seinem Ziel führen konnten und dass das Risiko des Scheiterns bei seinem Vorhaben groß und vielgestaltig war; es würde nötig sein, permanent zu beobachten und wenn nötig korrigierend einzugreifen. Er plante eine gewaltige Anzahl von Versuchen gleichzeitig ablaufen zu lassen, alle mehr oder weniger voneinander unabhängig, aber unter einer einzigen Voraussetzung. Und die lautete: MEIN GEIST UND MEINE ENERGIE SIND WERKSTOFF UND WERKZEUG, UND ALLES, WAS MÖGLICH IST, SOLL GESCHEHEN.
    Und Er-der Herr über alles was kommt und alles was vergeht- ließ den Prozess beginnen; und die Zeit war in die Welt gekommen. Niemand war da, um sie zu registrieren oder zu messen, aber sie hatte Bedeutung; denn jeder Prozess kann langsam sein oder schnell, aber er ist jedenfalls von Dauer; und auch die Aufeinanderfolge von Ereignissen kann wichtig sein- neue und unerwartbare Umstände also: Die erste Emergenz- die Zeit.
    Und danach geschah- soweit wir bisher wissen oder zu wissen glauben- das Folgende:
    Die Entwicklung der Welt begann, so wie Er es erwartet hatte: Aus einem Teil seiner Energie wurde Materie, wie in einem Kondensationsprozess. Winzige Teilchen zuerst, wie kleine Fäden, aber in großer Menge; die wimmelten und wirbelten und pulsierten, und alle, die entstanden, machten sich Platz und füllten den Raum. Wenn sie sich berührten, schmolzen sie zu größeren Einheiten zusammen- immer noch winzig, aber schon in der Lage, aufeinander einzuwirken- mit Hilfe des anderen Teiles seiner Energie. So bildeten sich die ersten Atomteilchen, bis zu Protonen und Elektronen und Neutronen und aus ihnen das einfachste mögliche Atom- der Wasserstoff.
    Damit waren die Gesetze der Atomphysik in Kraft gesetzt, und das war die zweite Veränderung, die der Welt völlig neue und auch wieder unerwartbare Eigenschaften und Möglichkeiten der Existenz brachte: Die zweite Emergenz- die Kräfte des Atoms.
    Nicht schlagartig, sprunghaft, nicht überall gleichzeitig, aber zwangsläufig war diese Entwicklung, nachdem sein Entschluss gefallen war; und der Prozess ist nicht zu Ende, er ereignet sich an vielen Orten noch heute. Neuer Wasserstoff entsteht, permanent, und ob deshalb „dunkle Energie“ und „unsichtbare Materie“ weniger werden, wissen wir nicht. Der Raum dehnt sich weiter aus und macht Platz. Ob in diesem Stadium der Evolution (denn so muss man nach meiner Meinung alle Entwicklungen und Veränderungen im Universum nennen) oder vielleicht bereits früher die Schwerkraft entstand, ist uns meines Wissens ebenfalls unbekannt; in der nächsten Phase war sie jedenfalls wirksam, da es nun Materie gab. Wieder etwas neues, Materie in Wechselwirkung durch die Gravitation: Die dritte Emergenz- die klassische Physik .
    Nun wimmelten und pulsierten auch die Wasserstoffatome, bildeten Wolken, die sich im Einfluss der Gravitation weiter verdichteten, bis Kugeln mit großer Masse entstanden. Druck und Temperatur im Inneren der Kugeln stiegen, und wenn die neuen Sterne genug Masse hatten, wurde Helium aus Wasserstoffatomen - die natürliche Kernverschmelzung war in Gang gesetzt. Die ersten Sonnen verstrahlten ihre überschüssige Energie und die Kernfusion in ihrem Inneren erzeugte weitere chemische Elemente, auch schwere wie Eisen oder Kohlenstoff. Und all diese Elemente zeigten wieder neue und nicht vorhersehbare Reaktionen: Die vierte Emergenz- die Chemie mit all ihren Gesetzen und der Vielfalt ihrer Möglichkeiten.
    Zwangsläufig musste diese Art von Sonnen der ersten Generation sterben; denn, so groß sie auch waren, ihre Reaktionsmasse war begrenzt. Ein Sternentod ist in der Regel spektakulär- der Stern bläht sich auf, explodiert vielleicht sogar, er schleudert seine Materie ins All und verstrahlt in einem gewaltigen Ausbruch seine gesamte Energie- und der Tanz der kleinen Teilchen beginnt von Neuem, nur dass diesmal nicht nur Wasserstoff zur Verfügung steht, sondern fast alle leichten chemischen Elemente. Wieder verdichtet sich die Materie durch die Wirkung der Gravitation, es formen sich rotierende Scheiben, in deren Mittelpunkt neue Sonnen entstehen, die zweite Generation. Und die sich drehen wie ein Hurrikan; und ebenso wie bei einem solchen Wirbelsturm entstehen kleinere Wirbel abseits des Zentrums, die sich ebenfalls verdichten und zu Planeten verschiedenster Art werden. Es entstehen Sonnensysteme wie jenes, in welchem wir leben; vielleicht unter passenden Voraussetzungen auch zwangsläufig, das wissen wir ebenfalls noch nicht.
    Diese im Vergleich zu den zentralen Sonnen kleinen Masseansammlungen werden ebenfalls durch den entstehenden Druck im Inneren zunächst so heiß, dass alle Materie wieder schmilzt; und während vieler Millionen unserer heutigen Jahre läuft eine Unzahl von Reaktionen ab, welche die verschiedensten chemischen Verbindungen mineralischer Art hervorbringt. Die Kälte des Weltraums wird wirksam, und der Planet kühlt ab. Aber erst, wenn die Oberfläche des Planeten eine feste Kruste bildet, welche weiter abkühlt bis auf rund hundert Grad Celsius, kann wieder etwas gänzlich Neues geschehen- Wasserdampf kann entstehen und später flüssiges Wasser. Wenn noch zusätzlich eine Anzahl weiterer Voraussetzungen erfüllt ist wie zum Beispiel genug Masse, um eine Atmosphäre an den Planeten zu binden und damit Erosion zu ermöglichen, oder die Rotation, die Entfernung und die Achsausrichtung zur Sonne so große Unterschiede in der Oberflächentemperatur des Planeten ergeben, dass auch Wetter und Jahreszeiten in der uns bekannten Form entstehen, dann wird Wasser mit allen Möglichkeiten, die es bietet, eine völlig neue Welt öffnen:
    Die fünfte Emergenz also-Wasser.
    Aber nur für wenige Planeten stimmen alle nötigen Bedingungen, daher erreicht auch nur ein Bruchteil von ihnen das Stadium der fünften Emergenz. Wieder nur ein weiterer Bruchteil dieser Himmelskörper enthält genug Wasser in allen drei Aggregatzuständen- fest, flüssig und gasförmig-, und schlägt auch den Weg des Kohlenstoffkreislaufes ein, der auch ausreichend Sauerstoff erzeugen kann: und nur dann kann sich dort Leben mit der uns bekannten Biochemie entwickeln.
    SEINE gewählte Methode ist, wie eingangs erwähnt, durch die pure Vielzahl der Versuche die Wahrscheinlichkeit des Erfolges bis zur Sicherheit zu erhöhen; und angesichts der unvorstellbaren hundert Milliarden von Sonnen allein in unserer Galaxis, der ähnlich hohen Anzahl von Galaxien in unserem Universum und darüber hinaus- vielleicht- in der unendlichen Zahl von anderen, parallel zu unserem existierenden Universen muss es wohl tausende, für uns bewohnbare Planeten geben, auch in relativer Nähe; und nach solchen suchen wir gerade, mit erstaunlichem Erfolg- aus purer Neugier und vielleicht auch aus vorausschauendem Eigennutz.
    Zurück zur Entwicklung auf unserem Planeten: Wasser ist in der Lage, mit all den herausgelösten Stoffen aus den vorhandenen Mineralien die verschiedensten Gemenge und Gemische zu mixen; und durch die Unzahl von nun möglichen chemischen Prozessen bildeten sich große, grundsätzlich neue Moleküle in riesigen Mengen. Sie konnten äußerst komplexe Formen annehmen, die ihrerseits weitere Kombinationen sonder Zahl ermöglichten- fest, flüssig und gasförmig: die stofflichen Grundlagen des Lebens entstanden- explosionsartig. Und hier zeigte sich deutlich ein besonderes Merkmal der Evolution, welches offenbar bei jedem Übergang in eine neue Emergenzphase Bedingung ist: Eine große Anzahl von gleichartigen Grundelementen ist nötig, -zig Milliarden, die zusammenwirken müssen um prinzipiell neue, emergente Eigenschaften zu ermöglichen. Jedenfalls: Die sechste Emergenz, die Biochemie, nahm die Erde in Besitz.
    Die nun entstandenen Großmoleküle verbanden sich nun ihrerseits zu lebensfähigen Zellen; zufällig oder zwangsläufig? Woher kam der völlig neue Antrieb, zu fressen, zu wachsen, zu kämpfen, um weiterzuleben und sich fortzupflanzen? Nun, Sein Entschluss lautete ja: ---ALLES, WAS MÖGLICH IST, SOLL AUCH GESCHEHEN---. Daher entstanden schon die ersten Riesenmoleküle in vielerlei Gestalt und Eigenart, eher passive genauso wie sehr reaktionsfreudige im chemischen Sinn, und die bauten die „faulen Zeitgenossen“ in ihre eigenen Körper ein- und was sie nicht brauchen konnte, schieden sie wieder aus. Und genau die setzten sich natürlich durch; das Gesetz vom Fressen und gefressen werden entstand folgerichtig, und Hunger und Aggression folgten auf dem Fuß (das alles wissen und kennen wir, denn wir leben ja selbst auch und noch immer mit diesen Eigenschaften). Auch die Bedingung der großen Zahl von Elementen war neuerlich gegeben. Diese lebenden Zellen erfanden die zielgerichtete Bewegung, die Jagd und die Flucht- aber auch Wurzeln; Membranhäute gaben ihnen Form, Bakterien wurden als Zellkraftwerke eingesetzt, die Zellkerne wurden immer komplexer- Enzyme, Botenstoffe, Rezeptoren und letztlich die Baupläne in der Doppelhelix der DNA ermöglichten, dass zellfremde Stoffe nach Bedarf aus der Umgebung aufgenommen, umgebaut und in die Zellen eingebaut werden konnten, bis die Zellen groß genug waren, um sich zu teilen, zu vermehren. Die siebente Emergenz, das Lebendige war nun endgültig am Werk.
    Der nächste Schritt vom einzelligen Lebewesen zur Bildung von Organellen, Organen, zu einfachen, mehrzelligen Lebewesen war ebenfalls eine Frage der erfolgreichen Akkumulation und des Überlebens der Tüchtigsten- sie fand in den Massen der verschiedensten Viren, Bakterien, Einzellern, Pflanzen und Tieren statt. Die bewegten sich oder sie krallten sich in den Boden, suchten sich ihre Nahrung; sie fraßen und wuchsen, bekämpften sich, wurden sich aber auch gegenseitig Wirt und Parasit, vermehrten sich, wurden immer größer und vielgestaltiger und bildeten Gemeinschaften und Biotope. Sie lernten zusammenzuarbeiten, sie setzten sich durch oder gingen wieder unter- in ewigem Wettstreit, bis heute. Und als ein ganz wesentliches Instrument zum Überleben und Dominieren erwiesen sich die Nervenzellen, zunächst als Nachrichtensystem innerhalb der Lebewesen, die zweckmäßige Reflexe und Reaktionen auf äußere Reize ermöglichten, und später als leistungsfähige Schalt- und Befehlszentralen, den Gehirnen.
    Irgendwann- nicht erst bei uns- entstand Bewusstsein, und wann daraus auch das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zur Selbstreflexion wurde, ist Gegenstand aktueller Forschung; von Selbst- Erkenntnis- das jedenfalls haben wir herausgefunden- sind wir noch weit entfernt. Und es ist nicht abzusehen, ob wir jemals dazu in der Lage sein werden.
    Zusammen mit dem aufrechten Gang und der folgerichtigen Entwicklung geschickter, feinfühliger Hände, von Zungenbein und Kehlkopf als körperliche Voraussetzungen differenzierter Sprache und einem überaus anpassungsfähigen Gehirn waren die Hominiden, unsere Ahnen, mehr und mehr in der Lage, komplizierte Handlungen durchzuführen und das Wissen darüber weiterzugeben. Umgekehrt führten diese Umstände dazu, dass die Spezies mit dem großem Gehirn- wir nämlich- mit den neuen, vermehrten Erfordernissen am besten umgehen konnte und sich daher auch durchsetzte; und folgerichtig spielt heute der homo sapiens die größte Rolle auf unserem Planeten, er ist die dominante Art geworden. Die achte Emergenz ist der wache Geist, der Verstand.
    Und nun, rund 13.7 Milliarden Erdenjahre nach Seinem Entschluss, sind wir in der Gegenwart und am Beginn einer wieder neuen Phase angelangt- wir bemühen uns um eine weltweite, neue Organisation des Lebens, und nicht nur des menschlichen. Dabei haben wir die verschiedensten Vorurteile: Viele glauben noch- wie zu Zeiten Moses- der Mensch sei das Ebenbild Gottes; die meisten hängen der Illusion nach, dass grenzenlose Freiheit möglich wäre- wie in den Schlagworten der französischen Revolution und auch den heutigen Menschenrechten missverständlich festgeschrieben; und ganz modern ist die Meinung, dass das Wichtigste auf der Welt der Wohlstand, der Wettbewerb, der Markt und der Handel sei.
    Diese Denkweisen verführen zur Ansicht, der Mensch dürfe alles tun, wozu er imstande ist, wenn es ihm Vorteil verschafft und nicht gegen Gesetze verstoßen wird; aber Achtung: die gegenwärtige Justiz beschränkt sich fast ausschließlich auf den Schutz des Körpers und des Eigentums, und Schädigung, auch langsame Vernichtung der geistigen Gesundheit sowie der natürlichen Umgebung des Menschen geraten erst seit wenigen Jahrzehnten langsam ins Blickfeld. Und dass unter solchen Umständen ein langes, friedfertiges Zusammenleben von vielen Milliarden Menschen schwierig und wahrscheinlich sogar unmöglich ist, müssen wir erst begreifen und uns auch danach richten.
    Selbst wenn wir keinen weltweiten Krieg mehr führen, die vielen derzeit herrschenden negativen Trends werden, wie ich meine, laufend unsere Lebensbedingungen beeinträchtigen und langfristig zu mehr und mehr unerträglicher Konkurrenz, Verarmung und Hungersnöten, Völkerwanderungen und Konflikten führen, deren Bewältigung ohne Gewaltkatastrophen schon heute nicht möglich ist. (Nebenbei: wir zerstören unglaublich vieles von dem, was der nunmehr sechste Versuch der Evolution auf der Erde hervorgebracht hat, und meist wissen wir es nichteinmal). Diese Meinung vertreten auch Geistesgrößen wie zum Beispiel Stephen Hawking, der meint, dass wir in spätestens zweihundert Jahren unseren Planeten verlassen haben müssten- bis dahin hätten wir die Erde für menschliches Leben unbrauchbar gemacht- oder auch Stephen Emmott und andere Kapazitäten. Der heute propagierte und praktizierte bedingungslose Wettbewerb mit all seinen Auswüchsen wie Unterdrückung, Spionage, Konsumzwang, Vergeudung und dergleichen kann daher bestenfalls nur eine Übergangsphase sein. Aber wir können aus der „Evolutionsfalle“ anscheinend keinen Ausweg finden, wir sind unserer genetischen Ausstattung offenbar ausgeliefert- und die hat uns zwar zur Dominanz verholfen, nun aber ist sie eher kontraproduktiv. Da helfen keine Gesetze, keine Erziehung und keine Religion, wie wir erfahren mussten.
    Hochaktuell ist die Risikoeinschätzung des Weltwirtschaftsforums über die globalen Risiken im Jahr 2014; auch diese Momentaufnahme ist nicht ermutigend, und viele Trends scheinen darauf hinzudeuten, dass nicht mit einer Wendung zum Besseren zu rechnen ist, egal was die Politik unternimmt; sie ist in ihren Handlungsmöglichkeiten viel zu sehr eingeschränkt.
    Doch, trotzdem: eine neue Entwicklung, wieder bisher nicht dagewesen, hat bereits begonnen, eigentlich ziemlich unerkannt. Wir selber haben sie begonnen, wir haben in die Evolution eingegriffen- schon mit der ersten Impfung, denn damit haben wir unsere Beschaffenheit bewusst verändert, wir haben uns Immunitäten verschafft, die durch die Evolution vielleicht nie zustande gekommen wären. Wir manipulieren unsere eigene Fruchtbarkeit und die vieler Tiere, wir greifen in die genetische Beschaffenheit unserer Nutzpflanzen und –tiere ein, und wir sind auf dem Sprung, auch unsere Erbanlagen zu verändern. Die Forschung in dieser Richtung ist noch nicht sehr weit; aber auf einer Gangtrennwand im Wiener Biozentrum steht auf der Glasfläche der Satz „What, if God has failed?“-- Nochmal: wir sind auf dem Sprung. Natürlich werden massive Bedenken ethischer Art erhoben- aber solche gab und gibt es auch für die Antibabypille und Leihmütter, für Abtreibung und gentechnisch veränderte Nahrung, und all das hat sich trotzdem durchgesetzt. Was die geistige Beschaffenheit und das Verhalten des Menschen betrifft, ist der homo sapiens sapiens noch sehr zurückhaltend- die Erfahrungen aus unserer Vergangenheit- geistige Manipulation, Indoktrinierung, Gehirnwäsche - sind ja wirklich abschreckend genug; dabei war meines Wissens die Gentechnik noch nie im Spiel. Ob das heute zum Beispiel in Nordkorea noch ein Tabu ist, weiß ich nicht.
    All diese Bedenken könnten aber irgendwann auch überwunden werden, und wir könnten bewusst daran gehen, aus unserem Erbgut Faktoren zu eliminieren oder zu dämpfen, die in unserer Kultur heute kontraproduktiv sind- wie die Neigung zur Aggressivität, die keinen anderen Gegner mehr hat als uns selber; ein weltweiter Entschluss wäre dazu erforderlich, die Evolution selbst in die Hand zu nehmen- mit allen Konsequenzen: Große Kosten für Ausbildung und Forschung aufzubringen, unser Justizsystem umzugestalten- in allen Ländern gleichzeitig, und zuallererst den Umschwung in der öffentlichen Meinung herbeizuführen, der zu alldem nötig ist. In unserer heutigen Lage, in der offensichtlich die Politik nicht mehr wirklich weiterweiß und die Unzufriedenheit der Menschen mit den herrschenden Umständen immer deutlicher zu Tage tritt- und die Sensibilität dafür, die Ungereimtheiten unserer Lebensführung zu registrieren, die anscheinend immer größer wird: Wann, wenn nicht jetzt, hätte so ein Wagnis Sinn und Aussicht auf Erfolg? Wo doch bereits Werkzeuge für die geistige Zusammenarbeit zur Verfügung stehen, die noch vor kurzem unvorstellbar waren -Beispiel Internet, Big Data, etc. Zugegeben: unvollkommen, noch nicht wirklich brauchbar, in manchen Aspekten auch verrückt; wie das Zusammenwirken, die Bildung einer neuen, emergenten Einheit aus fast schon zehn Milliarden menschlichen Gehirnen im Detail vor sich gehen könnte, entzieht sich meiner Vorstellungskraft. Ich weiß nur, dass in naher Zukunft unser Wissen und unsere Fähigkeiten noch rascher wachsen werden als bisher. Und das, was daraufhin aus unserer Lebensform werden könnte,
    Das wäre dann die neunte Emergenz, die nun möglicherweise ansteht: die weitere Evolution auf der Erde selbst (mit)zugestalten. Und wir haben dafür längst nicht mehr alle Zeit der Welt, wie wir wissen. Und darüber hinaus werden die Bedingungen für einen solchen Wandel immer schwieriger, je länger wir warten und zaudern und nicht den Mut zum Umdenken finden-denn das vielbeschworene „Umdenken“ müsste nach meiner Ansicht genau in diese Richtung gehen. Nichts Anderes kann uns nach meiner Meinung davor bewahren, wieder einmal eine Kultur dieser Erde an die Wand zu fahren.
    Ganz emotionslos: in einer Situation, in welcher man zumindest vermuten muss, dass Plan A nicht funktioniert, sollte man zumindest einen Plan B in der Tasche haben; und, wie man in Wien sagt, muss man „rechtzeitig darauf schauen, dass man`s hat, wenn man`s braucht“- also Umdenken, Investieren und danach Forschen, wie wir unsere Natur selbst verbessern könnten. Alles Andere wäre unseren Nachkommen gegenüber verantwortungslos.
    Nun- abgesehen von den Schwierigkeiten, diese neunte Emergenzstufe zunächst einmal überhaupt zu erreichen- die Zukunft hat noch viele offene Möglichkeiten, weitere denkbare Stufen (und auch völlig andere, vielleicht mit größerer Wahrscheinlichkeit erfolgversprechend), tatsächlich einzusetzen.
    Wie viele weitere Phasen mit neuen Emergenzen noch folgen müssten, um letztlich SEIN Ziel zu erreichen, nämlich ein IHM geistig annähernd ebenbürtiges Wesen hervorzubringen, mit welchem ER auf Augenhöhe kommunizieren könnte- wer weiß. Wenn sich Pyramide der Emergenzstufen noch weiter aufbaut, gibt es vielleicht- neben der Erde- auch noch andere Planeten mit intelligenten Lebensformen, darüber hinaus Galaktische Allianzen irgendwo in unserem Universum, und- in einer weiteren Stufe- auch in anderen, parallelen Universen; und jede dieser Intelligenzen- aus anderen Gegebenheiten entstanden, und deshalb alle unterschiedlich- könnten vielleicht in ihrem Zusammenspiel für einen allumfassenden, IHM ebenbürtigen Geist unverzichtbar sein und müssten in weiteren Schritten zusammengeführt und vereint werden, um SEINEM Vorhaben zu entsprechen.

    Aber das ist SEINE mögliche Zukunft, und die unserer Nachkommen vielleicht- unsere nicht; wir werden sie nicht persönlich erleben.
    Über die Zukunft können wir nur spekulieren, wissen können wir nichts- trotz aller Szenarien, aller Computermodelle, aller Wissenschaft- wir können nur vermuten, wie sie sein könnte.

    Zum Beispiel folgendermaßen:

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    
    Übersetzung:

    „Zwischenbericht an den Hohen Rat der Andromeda- Union“
    Wir brechen die Beobachtung des Planeten Sol 3 ab und wenden uns der Kultur auf Proxima Centauri 2 zu.
    Begründung: Die hier dominante Kultur muss noch als zu gefährlich betrachtet werden; die „irdischen Menschen“ sind noch nicht paktfähig und zu keiner wirklichen Zusammenarbeit bereit.
    - Sie sind aggressiv und gewaltbereit, sie haben zu wenig Mitgefühl;
    - Sie sind unehrlich und in der Mehrheit nicht vertrauenswürdig;
    - Sie sind nicht fähig zur Selbstkritik, auch nicht zu umfassender Planung;
    - Sie haben keine Geduld und wollen alles, was sie zu ihrem Ziel machen, sofort;
    - Sie gieren nach unsinnigen Statussymbolen und verschwenden dafür ihre Fähigkeiten,
    - Und sie plündern ihre Artgenossen und den Planeten erbarmungslos aus.
    Den Ausweg aus der Evolutionsfalle haben sie bisher nicht gefunden.
    Dies gilt für einen Großteil der Bewohner, besonders für die Führenden, und es scheint unwahrscheinlich, dass sie aus eigener Kraft in ein friedfertiges Verhalten finden können.
    Wir nehmen zunächst keinen Kontakt auf und werden Sol 3 in hundert Erdenjahren wieder besuchen.

    Ebenfalls möglicher Nachtrag:
    --------------„ICH NEHM‘ EIN BISSCHEN WASSER UND ICH SPÜL‘ SIE ALLE FORT!“---------------
    (inklusive neuerlichem Neubeginn).

    Oder wir besorgen das selber.

  23. Max Antworten | Permalink

    "Wieso nennen Sie das schon "Induktion", wenn ich bei einer Beobachtung erkenne, dass ich für diese eine Erklärung im Rahmen einer vorhandenen Theorie zu suchen habe?"

    Hm, so habe ich das nicht gesagt. Induktion ist der Schluss darauf, dass Einzelfälle (z.B. Beobachtungen) unter eine bestimmte allgemeine Regel (Gesetz, Theorie etc.) fallen. Wie zuvor schon einmal geschrieben:
    "Es geht bei den Induktionsschlüssen in meinem Ursprungsbeitrag also nicht bloß um die Genese von Theorien, sondern vor allem darum, wie man auf auf die mutmaßliche Wahrheit (oder Viabilität) von Theorien schließt."

    " Können Sie ein Beispiel dafür angeben? "

    Ein Beispiel sind eine Menge von Beobachtungen, die mit einer bestimmten Theorie vereinbar sind, und deswegen die Richtigkeit, Wahrheit oder Viabilität dieser Theorie belegen. Wohlgemerkt "belegen" oder "nachweisen", nicht aber stringent "beweisen".

    " Man muss unterscheiden zwischen einem Fachbegriff (in der Physik) und ihrer Übersetzung/ Interpretation in die Umgangssprache: Beispiel: Die Wellenfuktion für ein Quant/ bzw. deren Zustandsfunktion. Eindeutig und klar als physikalische Größe - umstritten in ihrer Übersetzung in die Umgangssprache bzw. Interpretation. Die Argumentation im Rahmen der Theorie geschieht aber immer in der Fachsprache. "

    Ja natürlich, das gilt für alle Wissenschaften: In der Fachsprache sind möglichst präzise Begriffsdefinitionen wichtig. Ganz entkommt man damit begrifflichen Unschärfen aber auch nicht, weil unscharfe Begriffe nicht nur in der Alltagssprache vorhanden sind, sondern überall in der natürlichen Sprache, wie auch aus dem erwähntem Aufsatz hervorgeht.

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