Elterliche Konfliktstrategien und Intervention bei Schulproblemen der Kinder: Ein Fallbeispiel

8. Juni 2013 von Joe Dramiga in Psychologie

Deine Tochter möchte morgen nicht am Sportunterricht teilnehmen, weil sie dort von den Jungs öfters gehänselt wird. Normalerweise wird an ihrer Schule der Sportunterricht für Mädchen und Jungen getrennt durchgeführt. Morgen ist die Mädchen-Sportlehrerin aber verhindert, deswegen machen die Mädchen morgen mit den Jungen gemeinsam Sport. Davor aber fürchtet sich deine Tochter, denn sie ist nicht gut im Sport vor allem nicht in den Mannschaftssportarten wie Völkerball und Volleyball, welche bei solchen Gelegenheiten gerne gespielt werden, und sie fürchtet die blöden Bemerkungen der Jungs.

Deine Tochter möchte nun, dass Du eine Entschuldigung für den ganzen Schultag schreibst, damit es nicht auffällt, dass sie lediglich den Sportunterricht vermeiden möchte.


9 Kommentare zu “Elterliche Konfliktstrategien und Intervention bei Schulproblemen der Kinder: Ein Fallbeispiel”

  1. Julia Antworten | Permalink

    Trauriges Déjà-vu...

    Ich war als Teenager in fast der identischen Situation, außer dass ich im Leben nicht darauf gekommen wäre, meine Eltern da ins Vertrauen zu ziehen. Ich war introvertiert, hatte einige wenige Freunde auf der Schule, und mit Hänseleien, die nunmal jeder mal abkriegt, konnte ich nicht umgehen. Schon allein der Gedanke hat bei mir Selbstmordgedanken ausgelöst, und wenn es dann tatsächlich mal passiert ist, war das eine Katastrophe.

    Ich war nie ein Pummelchen, aber Sport habe ich trotzdem gehasst - noch heute fühle ich mich extrem unwohl, wenn ich mich vor anderen Menschen bewege (Tanzen z.B.). Wenn der Sportunterricht nicht geschlechtergetrennt (ich glaube so ab der 8. Klasse) gewesen wäre, ich weiß nicht, ob ich das überstanden hätte, denn obwohl manche der Mädchen auch echt fies waren, am schlimmsten waren die Jungs.

    Und wenn dann oben genannte Situation eingetreten ist - Sport in der gemischten Gruppe - war das natürlich ganz schlimm. Man wusste es natürlich auch nicht im Voraus, sondern wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt. Und dann wurde meist - genau - Volleyball gespielt. Das war schon in der reinen Mädchenklasse der pure Horror für mich. Ich habe mich durch die Stunde gequält, versucht, alles über mich ergehen zu lassen und bin dann, wenn es endlich vorbei war, halt für einige Zeit leise heulend in der Toilette verschwunden.

    Meine Sportlehrerinnen hatten bis auf eine, die ganz in Ordnung war, keinerlei Gespür oder gar Verständnis für solches Unwohlsein. Das macht mich heute noch wütend - und auch heute noch sehe ich aus erster Hand, dass die pädagogische Ausbildung von Sportlehrern mangelhaft ist.

    Wäre ich in o.g. Situation, ich würde mich auch heute als Mutter reichlich hilflos fühlen - was soll man da tun? Tipps geben, wie man damit umgeht wäre wahrschienlich auch das beste, was mir dazu einfiele. Denn theoretisch wäre zwar das Gespräch mit der Lehrkraft angesagt, aber wenn die Tochter das nicht will, sollte man das respektieren. Zudem hätte ich aus geschilderter eigener Erfahrung wenig Hoffung auf Verständnis oder gar konstruktive Lösungsideen von dieser Seite.

    Letzlich bin ich bei dem ganzen Thema ziemlich pessimistisch. Ich denke, bei Schulproblemen ist man als Eltern eher hlflos. Man hat kaum Macht, an der Situation (Mitschüler, Lehrer) was zu ändern. Letzlich kann man nur hoffen, dass sich das Problem mit der Zeit irgendwie von selbst löst.

  2. Joe Dramiga Antworten | Permalink

    @Julia

    Hallo Julia,

    es tut mir leid, dass Du so schlimme Erfahrungen im Sportunterricht machen musstest. Du hast sehr gelitten. Ich bin mal gespannt, wie dieser persönliche Einblick in die Gefühlslage eines Opfers, die Umfrageergebnisse beeinflusst oder nicht beeinflusst.

  3. Julia Antworten | Permalink

    @ Joe

    Oh,

    also das tut mir jetzt leid - ich hatte gar nicht daran gedacht, dass mein Kommentar da was beeinflussen könnte, aber das leuchtet mir jetzt auch ein. Es war nur so eine frappierende Ähnlichkeit zu dem, was mir passiert ist...
    Mittlerweile bin ich ja drüber weg :)
    Aber wenn man so zurückdenkt - als Teenager hat mans manchmal schon verdammt schwer, und oft können die Eltern da auch nur wenig machen.

  4. Joe Dramiga Antworten | Permalink

    Kommentare

    Hallo Julia, das ist nicht schlimm. Kommentare sind ja hier auf dem Blog und bei der Umfrage erwünscht.

  5. Ute Antworten | Permalink

    Ohne die Kommentare gelesen zu haben...

    ... habe ich "gar nichts tun" und "Tips geben" gewählt.

    Meine Erfahrung aus der Schulzeit ist die, dass es für den Schüler nur schlimmer wird, wenn seine Eltern sich einmischen. Es müssten schon schlimmere Dinge als Hänselei geschehen, bevor ich da als Mutter eingreife.

    Tips geben ist auch so eine Sache... Das pädagogische Psychoblabla, das in solchen Fällen empfohlen wird, hilft doch eh nicht, wenn wir mal ehrlich sind. Da lachen sich die Jungs doch drüber schlapp. Gefragt wären richtig schlagfertige Retourkutschen - und die kann man schwer im voraus üben. Aber man könnte es ja mal versuchen.

    Entschuldigungen zu schreiben käme für mich gar nicht in Frage. Durch Vermeidung wird nichts besser. Ich hätte eher Angst, dass mein Kind sich dann erst recht in seine Angst vor dieser Situation reinsteigert und ich dann für jeden banalen Quatsch eine Entschuldigung schreiben soll.

    Manchmal muss man als Schüler eben auch "Augen zu und durch" bzw. "Ohren auf Durchzug stellen" praktizieren/üben. Mir war es früher immer ein innerer Vorbeimarsch, wenn die Schüler, die sich im Sportunterricht noch über mich lustig gemacht hatten, zwei Stunden später in anderen Unterrichtsstunden hilflos rumgestottert haben, während ich die Antwort wusste. Gleicht sich alles irgendwie wieder aus. ^^

  6. Emma Antworten | Permalink

    Entschuldigung für Sport schreiben

    Meine Tochter bekäm die Entschuldigung für den Sportunterricht, jedoch ohne kryptische Äusserungen, lediglich, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen kann, das wieso geht die Lehrer nichts an.

    Gegebenenfalls würde ich, hielt das blöde Verhalten der Jungs an, dies auf dem nächsten Elternabend zur Diskussion bringen.

    Leider kennen wir die Problematik des Mobbens von Kindergartenzeiten an und je mehr man sich wehrt,desto schlimmer wird es, also ruhig aussitzen.

    Obwohl in NRW an vielen Schulen " Mut tut gut" Aktionen gefahren werden, man den Kindern über "Faustlos" die Gefühle der anderen vermitteln möchte und hier Sensibilität erzeugen will, wird heute geauso gemobbt, wie früher...

    Unsere Erfahrung lehrte uns bislang, dass die Eltern von fiesen Mobbern meist ebensolche sind und Verständnis nicht erwartet werden kann. Schade, aber so sind unserere Erfahrungen...

  7. Frieda Antworten | Permalink

    Guten Morgen! Wir haben auch solche Probleme mit den Hänseleien unseres Sohnes im Sportunterricht. Früher habe ich ihm Entschuldigungen geschrieben, aber ich denke das kann des Problems Lösung auch nicht sein. Konfrontation ist meistens eine absolute Katastrophe. Würde gerne wissen wie andere Eltern das händeln

  8. Joe Dramiga Antworten | Permalink

    Gute Nacht Deutschland!

    Die Tochter wird schon länger von den Jungs gehänselt, höchste Zeit für die Eltern etwas an der Situation zu ändern, zumal nicht klar ist ob sich hinter dem altmodischen Wort „Hänseln“ nicht der Tatbestand des Mobbing versteckt (Worte und Wahrnehmung!) Wenn die Tochter schon möchte, dass die Eltern ihr eine Entschuldigung schreiben, muss der Leidensdruck schon ziemlich groß sein!

    Eine Handlungsoption ändert gar nichts an der Situation und verschließt die Augen vor dem Leid der Tochter: Gar nichts tun und die Tochter in die Schule schicken, damit sie selbst damit fertig.

    Zwei der fünf Handlungsoptionen ändern gar nichts an der Situation widmen sich aber dem Opfer: Nur für die Sportstunden entschuldigen und irgendwelche Unpässlichkeiten andeuten, die gewünschte Entschuldigung schreiben.

    Eine Handlungsoption ändert vielleicht was und widmet sich auch der Tochter: Der Tochter Vorschläge machen, wie sie mit der Hänselei der Jungs umgehen kann.

    Eine Handlungsoption ändert sehr wahrscheinlich was, indem Sie den Lehrer informiert, der die Tochter (in beschränktem Maße) schützen kann und Einfluss auf die Täter nehmen kann. Kein bequemer Weg zur Lösung des Konflikts aber ein möglicher Weg, der täterorientiert ist. Dieser Weg setzt aber auch den Glauben voraus, dass die Tochter mithilfe der Familie in der Lage ist, mit den möglichen negative Folgen dieser Handlung umzugehen und daran zu reifen: Den Sportlehrer anrufen und die Lage auf den Tisch bringen - was aber die Tochter unter keinen Umständen möchte.

    Manche Handlungsoptionen schließen sich auch gegenseitig aus z.B. Gar nichts tun + andere Handlungsoption - Denn Gar nichts tun heißt gar nichts tun -. Das habe ich hier nur eingebaut um auf kognitive Dissonanz zu testen.

    Aus den Kommentaren lese ich heraus, dass die Aussichten, das sich die Situation ändern wird ziemlich schlecht sind. Zwischenmenschliche Konflikte in der Schule - so mein Fazit aus dem Gelesenen- muss man als Schüler aushalten oder ihnen ausweichen, wenn man kann. Helfen können Dir weder Eltern noch Lehrer. Die Schule als ein Ort des (sozialen) Lernens und Erziehens - ist gescheitert. Wenn es dort schon nicht klappt wo dann?

    Wenn das hier mit der Miniumfrage eingefangene Stimmungsbild repräsentativ ist, dann Gute Nacht Deutschland. Denn wenn nur eine kleine Minderheit der Eltern sich für die Option entscheidet, die am ehesten was an der Situation ändern kann - Was ist dann erst mit einem Kind das wegen seiner Hautfarbe oder einer Behinderung schikaniert wird? Diskriminierungsmerkmalen, die über den Sportunterricht und die Schule hinaus Bestand haben.

  9. Abdou Rahime Diallo Antworten | Permalink

    Die Auswahl ist nicht komplett!!!!

    War mein gesamtes Schulleben der einzige Afrikaner an weissen deutschen Gymnasien und habe dies nur ueberlebt, weil ich von meiner Familie von klein auf gestaerkt wurde und motiviert wurde Ungerechtigkeiten und Verletzungen nicht hinzunehmen, sich bis zum Limit zu verteidigen und auch in physische Auseinandersetzungen zu gehen. Fazit: Die Auswahl "Tochter staerken, ihr erklaeren, dass sie einzigartig und toll ist und wer dies nicht begreift beschraenkt ist. Ihr erklaeren und beweisen, dass ich besonders als Vater sie liebe und toll finde" fehlen hier. Es ist ein langer-jeden-Tag-jede-Minute-Prozess, eine Art Soul&Heart-Capacity-Building, dass hier wichtig und richtig ist. Egal wie Du aussiehst, wenn Du auf natuerliche Weise ausstrahlst, dass Du an Dich glaubst, Dich so liebst wie Du bist, bist Du kaum angreifbar. Wo ein Maedchen das herbekommen kann, wenn die Eltern es nicht liefern, weiss ich allerdings nicht. Ich werde grad zum 3.Mal Papa. Es wird ein Maedchen und seine beiden Eltern sind aus Afrika. Es wird zunaechst in Berlin aufwachsen und sich von Beginn an bewusst sein, dass es in der Interaktion mit seiner Umwelt als ein besonderer Mensch wahrgenommen wird. Die Gesellschaft dieses Landes ist leider immer noch weit davon entfernt Diversity positiv zu managen: Menschen mit physischen und psychischen Beeintraechtigungen, Menschen mit sichtbarer Wurzeln aus anderen Laendern/Kontinenten, Menschen mit anderen Merkmalen als der Mainstream werden sehr oft Ziel von Dominanzen, Gewalt und Ausgrenzung, DIskriminierung. Diese Menschen musst Du staerken, da sie sonst oft dem Widerstand weichen und anfangen sich selbst und ihr Leben zu hassen. Wie viele Afrikanisch-Deutsche Kinder haben ihren weissen Muettern gesagt, warum hast DU mich zur Welt gebracht? Doch trotz allem, bewegt isch etwas. Ich finde die Kinder und Jugendlichen vn heute staerker und oft slebstbewusster als wir es damals waren. Sie zeigen oft offener und bereitwilliger, dass sie ein selbstverstaendlicher, cooler, toller und wichtiger Teil der Gesellschaft sind. Bitte macht weiter so. Ich verneige mich vor Euch!
    Abdou Rahime Diallo - Berlin

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