Das Fest der Hiebe

21. Dezember 2012 von Nera Ide in Allgemein

Not macht erfinderisch, sagt man. Sagt man so leicht dahin, doch dieser Satz geht nur dem über die Lippen, der nie Not erfahren hat. Not macht nicht erfinderisch, weil Not lähmt. Not macht stumpf. Not lässt einen nicht mehr erkennen, was gut und was falsch ist. Und in der Not haben es die neu ernannten Führer leicht, Menschen zu verführen. Wie jetzt in Griechenland, wo die Faschisten großen Zulauf haben. Chrysi Avgi heißt ihre Partei, was übersetzt „Goldene Morgenröte“ bedeutet. „Braunes Zwielicht“ wäre angebrachter. Wie um zu zeigen, welch Ungeistes Kinder sie sind, schreiben die griechischen Neonazis auf ihren T-Shirts das chrysi im Parteinamen bewusst falsch mit zwei s – mit den zwei Runen-S, die einmal für die SS standen.

In der Not gibt die Chrysi Avgi den Griechen ihr täglich Brot: Die Partei verteilt Essenspakete an die Armen. Für viele ein Segen, denn in dem Land, das die Deutschen immer noch als eines ansehen, wo man Ferien macht, gibt es keine sozialen Hängematten. Wo nur ganz begrenzt Arbeitslosenhilfe ausgezahlt wird, nichts Vergleichbares wie Hartz IV die Mittellosen auffängt, war bis jetzt die Großfamilie die einzige Versorgungsanstalt. Wenn aber der Vater den Job verliert, die Mutter längst keinen mehr hat, ihre Kinder zu einer Jugend ohne Zukunft gehören, schaffen es die Großmütter und Großväter nicht mehr, mit ihren brachial gekürzten Renten die Familien zu verhalten. Die Kirche hat zwar in den Städten mittlerweile Tafeln eingerichtet, da aber den Popen das Wochenende heilig ist, gibt es samstags und sonntags für die Notleidenden nichts zu essen. In diese Versorgungsbresche springen nun die Faschisten. Gerieren sie sich als rettende Engel, sie, die eher des Teufels sind.

Sonntags auf einem Platz in der Innenstadt Athens, laute Marschmusik übertönt das Geläut der nahen Kirche. Ein Lastwagen fährt vor, Helfer in schwarzen T-Shirts, auf denen das Runen-SS deutlich hervorgehoben ist, ordnen herrisch die wartenden Menschen, die in einer langen Schlange um Essen anstehen. Die Brotbringer stilisieren sich als Heilsbringer: Die Chrysi Avgi macht aus der Notlage vieler Griechen eine Werbekampagne für ihre Partei. Aber die braune Morgenröte gibt nicht jedem. Nur wer „echter“ Grieche ist, wer sich als Grieche per Papier ausweisen kann, bekommt das Paket mit den Nahrungsmitteln in die Hand gedrückt. Der alte Fallmerayer hätte viel zum Thema „Echter Grieche“ zu sagen, aber er liegt längst im Grab, in dem er sich wieder mal und wieder und wieder umdrehen wird. (Der Orientalist Jakob Philipp Fallmerayer konstatierte 1830: „Das Geschlecht der Hellenen ist in Europa ausgerottet [...] Denn auch nicht ein Tropfen edlen und ungemischten Hellenenblutes fließt in den Adern der christlichen Bevölkerung des heutigen Griechenlands.“ Was bis heute Hellenen wie Philhellenen auf die Barrikaden bringt.)

Die Menschen in der Schlange warten, und das nicht immer geduldig. Nach einem Sommer bis in den Dezember hinein ist es nun kalt geworden in Griechenland. Doch noch immer tragen die meisten dünne Kleidung, stampfen sich in den zu leichten Schuhen warm.

Ganz vorn in der Reihe steht Thanassis, der Ikonenmaler. Er ist 72 Jahre alt, doch es ist nicht das Alter, es ist die Scham, die ihn jetzt so tief beugt. Er wählt traditionell links, verachtet die Neonazis, muss aber in den sauren, den braunen Apfel beißen, da er nichts mehr zu beißen hat. Seine Rente ist auf 330 Euro heruntergekürzt worden, und da hat er noch Glück, dass er nicht zur Miete wohnt, sondern in seinem Elternhaus lebt. Der Strom in dem kleinen Flachbau im Stadtteil Ilioupolis ist längst abgestellt, weil er die Rechnungen nicht mehr bezahlen konnte. Heizöl ist in diesem Jahr nicht drin; bei einem Preis von 1,40 Euro pro Liter können auch die sich keine warme Wohnung mehr leisten, die noch Arbeit haben. Thanassis geht notgedrungen früh schlafen, immer dann, wenn es dunkel wird. „So haben es meine Großeltern gehalten. Mit dem letzten Licht zu Bett und beim ersten Licht wieder aufgestanden“, versucht er dem Zwang etwas Gutes abzugewinnen. Doch wenn der Magen knurrt, werden die langen Nächte noch länger. Bis vor wenigen Monaten konnte Thanassis mit seiner Rente wenigstens sein Essen finanzieren, aber dann ging seine Krankenkasse, eine staatliche, bankrott, d.h. er muss seine Medikamente jetzt aus eigener Tasche bezahlen. Die Kosten für die Arzneimittel, die er wegen eines Herzleidens dringend braucht, belaufen sich auf nahezu 300 Euro im Monat. Er steht also vor der perfiden Wahl: Medikamente oder Essen. Das Paket der Chrysi Avgi hilft ihm über den nächsten Monat.

Hinter ihm in der Schlange hüpft Artemis gegen Frostbeulen an, sie ist Ende 30 und Kunsterzieherin an einer staatlichen Volksschule, hat aber wegen der Krise seit sechs Monaten kein Gehalt mehr erhalten. Dass sie immer noch ein Dach über dem Kopf hat, ist ihrer staatsgläubigen Vermieterin zu verdanken. „Sie werden dich schon noch bezahlen, Mädchen“, wird sie nicht müde, Artemis zu versichern. „Das müssen die doch, oder?“ Artemis hat seit Tagen nicht mehr richtig gegessen, um das Nötigste nun zu bekommen, schluckt sie die Verachtung für die Chrysi Avgi herunter. Sie zeigt ihren Ausweis vor, den Beweis, eine richtige Griechin zu sein, der Ordner in Schwarz schnalzt bewundernd ihren Namen, sagt, da sehe man doch gleich, welcher Rasse Kind sie sei, und Artemis denkt sich, dass Gottseidank aus den Vornamen ihrer Eltern, die in ihrem Pass stehen, nicht ersichtlich ist, dass diese Armenier waren. Sie, die immer so stolz auf ihre Herkunft war, verschweigt diese nun für ein Kilo Mehl, drei Packungen Nudeln plus diverse Konserven.

Hinter Artemis wartet Evangelos, der seit sechs Monaten auf der Straße lebt, wie 20 000 andere Athener auch. Dabei hatte sich das Leben für ihn, der gerade 30 geworden ist, in Griechenlands Hauptstadt so großartig angelassen. Er, der von der Insel Rhodos stammt, hatte nach dem Studium der Computertechnik einen hochdotierten Job bei einem Software-Unternehmen bekommen. Er mietete sich eine Traumwohnung im Nobelviertel Kolonaki, leaste sich einen BMW – bis die Krise ihm erst seine Anstellung nahm und dann seinen kleinen Wohlstand. Ein Jahr lang konnte er sich dank seiner Ersparnisse noch eine kleine Wohnung nahe dem Bahnhof leisten, aus der flog er dann vor sechs Monaten und wohnt nun – so ihn die Polizisten nicht vertreiben – im Park hinter dem Parlament. Aus Scham hat er seiner Familie seinen Abstieg verschwiegen, er kann in diesem Jahr nicht zur Weihnachtsfeier der Familie nach Rhodos fahren, da er nicht einmal das Geld für das Fährticket hat. Außerdem verbietet es noch sein Stolz, so abgerissen und ohne Geschenke im Kreis der Familie zu erscheinen. Sein Stolz lässt aber mittlerweile zu, die Nahrungsmittel von der Chrysi Avgi anzunehmen. Er nimmt das Paket, duckt sich unter dem Schulterklopfen des Ordners weg und sucht, ohne noch einmal aufzusehen, das Weite.

Ganz anders Babis, Nächster in der Schlange, der sich in die breite Brust wirft und stramm die Ordner grüßt. Babis ist seit Sommer ordentliches Parteimitglied der Chrysi Avgi und hat die verquere Vorstellung, die Partei zu unterstützen, wenn er sich von ihr unterstützen lässt. Er braucht das Paket nicht, da er bei der staatlichen Stromgesellschaft fest angestellt ist. Als Pförtner verdient der Fünfzigjährige über 3000 Euro brutto, da er aber meint, dass er mehr verdiene, ist er der Chrysi Avgi beigetreten. Triumphierend zeigt er sein Essenspaket, das er später zu den anderen in die hinterste Ecke der Speisekammer verbannen wird, weil seine Frau das „Armenessen“ nicht will.

Im Gegenteil zu der Frau, die hinter Babis in der Schlange wartet, rundum in Schwarz gehüllt, das zu einem Hellviolett verblichen ist. Jetzt hinkt, schlurft sie heran, eine schon ältere Frau, nein, eine alte, das sieht man, als sie jetzt den Mund aufmacht, um ihre Bitte vorzubringen: Sie hat keinen einzigen Zahn mehr. Auch wenn der Ordner ihr Nuscheln nicht versteht, sind doch ihre flehenden Hände unmissverständlich. Nicht so für die Ordner der Chrysi Avgi.

„Ja, wen haben wir denn da?“ feixt einer der Essensausgeber in die Runde, als ob Armut ungeheuer witzig wäre.
„Das Bild von einer Griechin, hahaha!“ pflichtet ein anderer bei.
Sie sei tatsächlich Griechin, habe aber ihren Ausweis nicht dabei, sagt jetzt die fast weinende alte Frau.
„Da könnte ja jeder kommen. Sie und Griechin!“ der Ordner schüttelt sich vor Lachen. Macht dann ein ernstes Gesicht und brüllt in die Runde: „Für Menschen für dich gibt’s keinen Platz mehr in Griechenland!“ Leute wie sie müssten aus Griechenland verschwinden, ja aus der ganzen Welt.
„Wenn du Griechin bist, dann bin ich, dann bin ich …“, denkt er grimassierend nach, schlägt sich die Hand vor den Kopf.

Die anderen Ordner johlen. Die alte Frau bekommt die ersten Püffe zu spüren. Aber sie habe solchen Hunger, seit Tagen hätte sie nichts mehr gegessen, versucht die alte Frau die Chrysi Avgi-Mitglieder doch noch zu erweichen. Die Ordner grölen vor Lachen, schlagen sich auf die Schenkel, dann der alten Frau immer fester auf den Rücken, auf ihre Arme – sie wird förmlich vom Platz geprügelt.

Aber die alte Frau lacht zuletzt, wenn ihr das Lachen nicht längst vergangen ist. Sie ist tatsächlich Griechin – mehr noch, sie ist ein griechisches Original: Malamo, die in diversen trashigen Talentshows im griechischen Fernsehen auftritt und wenigstens auf YouTube mit „Ekso apo ta dontia“ einen Hit gelandet hat. Ihre Behandlung durch die Chrysi Avgi könnte ein weiterer sein.

Die Chrysi Avgi angeführt, vorgeführt – was die Partei nicht aufhalten wird, ihre kruden Ansichten den Menschen einzubleuen. Im wahrsten Sinne des Wortes, wie sie auch „schlagende“ Argumente wörtlich nehmen. Der Parteisprecher prügelte in einer Talkshow vor laufenden Kameras auf die Vertreterin einer linken Partei ein; Rollkommandos der Chrysi Avgi „säubern“ die Innenstadt, wie sie das Verprügeln von Immigranten nennen; prügeln in einem Stadion einen Abgeordneten von der Partei Syriza krankenhausreif. Die Vorfälle häufen sich. Die Polizei schaut im besten Fall weg. Nichts mit goldener Morgendämmerung in Griechenland: Die Chrysi Avgi macht die Zeiten noch düsterer.


8 Kommentare zu “Das Fest der Hiebe”

  1. Kai Hiltmann Antworten | Permalink

    Das ist ja wirklich furchtbar. Ich bin kein Ökonom, aber mir scheint inzwischen, dass die EU mit ihrem Sparzwang einen falschen Weg gewählt hat. Besser wäre eine Modernisierungsinitiative gewesen.
    Nera, vielen Dank, Du hattest lange nichts von Dir hören lassen.

  2. DH Antworten | Permalink

    Unsolidarisch

    Genau der gleiche Vorgang wie im Deutschland der 30er, zumindest vom Prinzip her.
    Erst die Sparpolitik der Regierung Brüning hat die Rezession zur Katastrophe werden lassen , mit den bekannten Folgen der Massenarbeitslosigkeit und -vor allem- dem unzureichenden Umgang damit.

    Heute machen wir es besser . In Deutschland betreiben wir diese Politik nicht mehr , wir drücken sie nur noch unseren europäischen Partnern aufs Auge, soll niemand sagen , wir hätten nichts dazugelernt.

    Aber es ist natürlich auch die Dummheit der Griechen selber, sollten sie tatsächlich diesen Umtrieben folgen wollen, es ist zu einfach , immer nur auf Deutschland zu schimpfen.

    Sie haben Alternativen wie die genannte Syriza , und es muß umgehend aufhören , daß diese in den halbkriminellen deutschen Medien als undemokratisch diskreditiert wird.

    Deutschland sollte viel sensibler rangehen an das Thema , wem wurde denn - bedingungslos! - geholfen , als er am Boden lag ?
    Noch dazu aus Gründen , gegen die sich das eigene Verschulden der Griechen wie bibifax ausmacht.

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    Bedrückend

    Als Sie, liebe Bloggerin, schon vor Jahren über das Korruptionsproblem in Griechenland berichteten, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es SO schlimm sei. Umso ernster nehme ich Ihre Beobachtungen seitdem...

    Vielen Dank für diesen streitbaren, wichtigen, manchmal beklemmenden Blog!

  4. Michael Antworten | Permalink

    Woher haben die das Geld?

    Die Frage stellt sich doch - woher hat die Partei das Geld für diese Essensspenden? So eine Essensausgabe verschlingt ja enorme Summen, die eine Partei in so einem Land erstmal auftreiben muss. Gibt es Hintegründe zu den Finanziers?

  5. mustard Antworten | Permalink

    Soziale Hängematte

    Das hätte man aber auch genauer formulieren können, natürich gibt es noch jede Menge soziale Hängematten in Griechenland. Zum Beispiel für die Reeder, die keine Steuern zahlen müssen. Oder vom Staat bezahlte Pförtner mit einem Einkommen von 3000€ Brutto - in einem Land, in dem es mit dem Steuern einziehen ja auch nicht so gut klappt.

    Die Griechen haben noch reichlich Potentiale in ihrem eigenen Land, die sie ausschöpfen können.

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Nicht Chrysi Avgi, nicht Samaras,Papandr

    Die Griechen können nicht auf Hilfe von außen hoffen und die Garde der Politiker, die sie hatten und haben, haben sie an der Nase herumgeführt.
    Über Samaras liest man in der Wikipedia:
    He grew up among the Athen’s well-connected families, playing tennis and going to parties at private clubs. At the age of 17, he won the Greek Teen Tennis Championship.[3]
    Samaras and former Prime Minister George Papandreou were dormitory roommates during their student years at Amherst College, but became bitter political rivals.[4]

    Samaras und Papandreou als "bittere politische Rivalen": Darüber kann man doch nur lachen. Sie sind aus demselben Holz geschnitzt.

  7. Realist Antworten | Permalink

    Von wegen Ideologie!

    Migranten sind einfach "Konkurrenten" um Arbeitsplätze um Nahrung. Es wird schwer fallen den Gegenbeweis anzutreten.

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