Was darf Forschung?

7. Juni 2008 von Andreas Müller in Gedanken

Forschung überschreitet Grenzen: Grenzen des technologisch Machbaren, Grenzen des Denkbaren und manchmal Grenzen des moralisch Vertretbaren. Sollte man die "moralische Notbremse" ziehen können, und wenn ja, wer signalisiert, in welchen Fällen das getan werden muss?

Der Anlass
Im Sommer 2008 startet der Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) am CERN in der Schweiz. Es ist ein modernes, wissenschaftliches Superprojekt unter der Beteiligung von tausenden Wissenschaftlern, die nur eines wollen: die Welt verstehen. Diese Jagd nach purer Erkenntnis wurde getrübt durch eine Diskussion um die Gefährlichkeit des LHC, die die Gemüter von Gegnern und Befürwortern des Projekts erhitzt.
In den KOSMOlogs setzen sich Wissenschaftler mit einer kritischen Öffentlichkeit auseinander – die Diskussion ist meist sachlich und konstruktiv, doch sie zeigt auch emotionale Spitzen. Offenbar sind wir hier auf ein wichtiges Thema im Spannungsfeld Wissenschaft und Öffentlichkeit gestoßen.

Die Nähe von Chance und Gefahr
Ein Wesenszug von Forschung ist, wie in der Einleitung dargelegt, die Überschreitung von Grenzen. Das muss sie definitionsgemäß, weil im Überwinden des Althergebrachten, das Neue erreichbar wird – das Neue, das Erkenntnisse und Chancen birgt, nutzbar gemacht werden kann – das jedoch auch Gefahren mit sich bringen kann.

Brisante Fragen
Klar werden diese allgemeinen Aussagen anhand aktueller Beispiele aus der modernen Wissenschaft, die ich als Fragen formulieren möchte:

  • Dürfen wir Teilchenbeschleuniger bauen, ohne genau zu wissen, was in ihrem Innern geschehen könnte, z.B. das sich Mini-Löcher oder Strangelets bilden könnten, die die ganze Erde vernichten?
  • Dürfen wir Tiere klonen, um unsere Versorgungsprobleme mit Nahrungsmitteln zu lösen?
  • Dürfen wir embryonale Stammzellen, also menschliches Zellmaterial, nutzen, um mit dessen Hilfe moderne Zivilisationskrankheiten wie Alzheimer und Parkinson zu heilen?
  • Dürfen wir menschliches und tierisches Zellmaterial zu Chimären vermischen, die uns auf ähnliche Weise erlauben könnten, Krankheiten zu heilen?
  • Dürfen wir Maschinen entwickeln, die fossile Brennstoffe im großen Stil verbrauchen, damit wir mobil sind und damit wir Güter auf der Welt transportieren können, obwohl diese Technologie den Planeten langfristig unbewohnbar machen könnte?
  • Dürfen wir die Vernetzung von Computern so weit vorantreiben, dass wir unser Wissen bequem speichern und abrufen können, obwohl diese vernetzten Einheiten zu einer gefährlichen, künstlichen Intelligenz reifen könnten?

Ethik der Forschung
Dürfen. Dieses Verb setzt voraus das wir es können. Bei allen oben beschriebenen Beispielen sind wir in der Tat in der Lage zu können. Aber dürfen wir auch? Verbietet es unsere Moral, dass wir alles Machbare auch tun? Hier kommt eine Ethik ins Spiel, die man Ethik der Forschung nennen könnte.

Literarisches Zwischenspiel
In Dürrenmatts "Die Physiker" (1961) wird diese Problematik von Forschung und Fortschritt thematisiert. Einer der Protagonisten, Möbius, sagte: "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Anders ausgedrückt: Alles was einmal gedacht wurde, kann (früher oder später) wieder gedacht werden. Das heißt, bereits erworbenes Wissen kann man nicht verbieten oder rückgängig machen. Oder wieder anders formuliert: Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Erkenntnis und Wissen kommen von selbst und sind dann einfach da. Es ist an uns, den vernunftbegabten Menschen, etwas Sinnvolles damit anzufangen – man könnte auch sagen, etwas moralisch Vertretbares damit anzufangen. Die Ethik des Wissenschaftlers wird gefordert.

Was ist vertretbar?
Diese Schlüsselfrage bringt uns zum Kern einer Ethik der Forschung. Der vernunftbegabte Mensch muss sich überlegen, WIE er sein durch Forschung erworbenes Wissen einsetzen möchte. Er könnte es sich (auch das stand schon bei Dürrenmatt) zum Guten oder zum Schlechten nutzbar machen. Ein Beispiel: Die Fusion von Atomkernen kann die Sonne Milliarden Jahre lang lebensspendend scheinen lassen oder eine Wasserstoffbombe zur unkontrollierten Explosion bringen – Leben und Tod sind so nah beieinander.

Alles eine Frage des Risikos?
Neben der Frage des (guten oder schlechten) Zwecks der Forschung, muss auch die Frage des Gefährdungsrisikos geklärt werden. Und hier sind wir wieder ganz aktuell bei der Frage gelandet, welches Gefahrenpotenzial z.B. vom LHC ausgeht. Welches quantitative Risiko dürfen wir uns erlauben? Ist eine Vernichtung der Erde mit einer Vernichtungschance von 1 zu einer Million vertretbar oder lieber 1 zu einer Quadrillion? Kann man das Unbekannte überhaupt in eine solche quantitative Aussage pressen? Ich wage das sehr zu bezweifeln. Versicherungsmathematik und Risk Management bringen uns hier nicht weiter. Salopp gesprochen bin ich der Meinung, dass sich das Unbekannte grundsätzlich nicht berechnen lässt. Wir können nur auf der Basis des Bekannten vage abwägen und müssen Verantwortung für die getroffene Pro- oder Kontra-Entscheidung übernehmen.

Die demokratische Lösung nach dem Vorbild des Ethikrates
In der LHC-Diskussion in den KOSMOlogs sind Stimmen laut geworden, die eine vom jeweiligen Forschungsvorhaben unabhängige Kommission fordern. Diese Kommission solle über die Un-/Bedenklichkeit des Unternehmens entscheiden. Ich halte das für eine sehr gute und faire Idee, die ganz im Geiste des demokratischen Gedankens (und im Prinzip der Gewaltenteilung nach Montesquieu) steht.
Letztendlich geschieht genau das schon seit Jahren in Deutschland bei einigen speziellen Forschungsvorhaben. So gibt es beispielsweise den Nationalen Ethikrat (bzw. Deutschen Ethikrat), der im Zuge der Debatte um die Einfuhr und die Nutzung embryonaler Stammzellen 2001 eingeführt wurde. Leider ist der Ethikrat besonders auf dem Gebiet der Biowissenschaften tätig und nicht bei der physikalischen Forschung – das ist ein erster Mangel. Ein zweiter Mangel ist die Repräsentativität: Dadurch dass dieser Rat vom Bundeskanzler direkt berufen wurde, war seine Zusammensetzung leider nicht repräsentativ für die Gesellschaft in Deutschland, sondern vielmehr so etwas wie ein "Sachverständigenrat". Besser gelöst ist dies in den Enquête-Kommissionen.

Internationalisierung des Ethikrates
Sicherlich sollten derartige, unabhängige Kontrollorgane verbessert und internationalisiert werden. Das ist eine Forderung, die sich aus dem internationalen Charakter der Forschung und aus der Globalisierung ergibt. Damit es dazu kommt, sollte diese Idee von den Medien mehr kommuniziert werden; sie sollten nicht bei der Kritik an bedenklichen, wissenschaftlichen Projekten stehen bleiben. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ähnlich wie in den Vereinten Nationen (UN) Stellvertreter der Länder sowie Repräsentanten unterschiedlicher Forschungskulturen (Laie vs. Experte, Anhänger der Theorie 1 vs. Anhänger der Theorie 2 etc.) und sozialen Schichten in einem Gremium zusammenkommen. Dieses supranationale Organ könnte angerufen werden und nach eingehender Diskussion brisante Fragen wie die oben genannten per Abstimmung entschieden werden. Zu entscheiden wäre (geheim) auf der Grundlage des individuellen Wissens und Gewissens.
Nennen wir dieses Gremium doch "Internationalen Forschungsrat (International Research Council, IRC)" – wie ich eben per Web-Recherche feststellte, gibt es den Namen bereits. Wie auch immer das Kind heißen möge; ich erachte das als eine sinnvolle Maßnahme, die unsere hitzige LHC-Diskussion in den KOSMOlogs zu einem Konsens führen könnte und die uns bei den vielen Herausforderungen wissenschaftlichen Handelns die demokratisch legitimierte Richtung vorgeben könnte. 

Auf zum Internationalen Forschungsrat
Am Schluss stünde eine international autorisierte Forschung, die auch unterbinden würde, dass jeder Staat sein eigenes "moralisches Süppchen kocht", wie derzeit z.B. bei der Gentechnik (Stichwort Chimären) beobachtet werden kann. Und dieses Konzept würde den Bau eines Superbeschleunigers verhindern, wenn es die Mehrheit der Weltbevölkerung aufgrund des Gefahrenpotenzials nicht will. Wenn Sie mich fragen, so möchte ich in dieser Angelegenheit klar stellen, dass ich Forschung an Teilchenbeschleunigern für unverzichtbar halte: Sie hilft uns das ganz Kleine (Teilchen und Kräfte) und das ganz Große (Urknall und Kosmos) zu verstehen. Dem gegenüber steht eine rational nicht nachvollziehbare Gefährlichkeit, weil die Welt da draußen durch ihre schlichte Existenz die Unbedenklichkeit der LHC-Experimente quittiert.
Die entscheidende Frage angesichts dieses Konzepts ist dann nur noch, wer sich bereit erklärt, in einem solchen Gremium als  "Forschungsabgeordneter" tätig zu werden. Sind Sie bereit?


7 Kommentare zu “Was darf Forschung?”

  1. adenosine Antworten | Permalink

    Wieso kann man so leicht auf die Idee kommen, dass menschliche Taten oder Sünden das Potenzial haben, die Welt zu zerstören, sei es die Produktion von CO2 oder schwarzen Löchern. Ist es der Wahn ein Ebenbild Gottes zu sein oder einfach das Bedürfnis nach der Bedeutung, die aus der Illusion von Macht folgt?

  2. Carsten Könneker Antworten | Permalink

    Möbius-Dilemma

    Möbius ist in Dürrenmatts "Physikern" ja der Forscher mit der bahnbrechenden Idee. Aus Angst, seine Erkenntnisse könnten über Anwendungen missbraucht werden, begibt er sich in die Irrenanstalt. "Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden." Ein nachdenklich machender Satz, aber wohl wahr - da stimme ich Dir zu, Andreas. Denselben Möbius lässt Dürrenmatt wenig vorher sprechen: "Da ziehe ich mein Irrenhaus vor. Es gibt mir wenigstens die Sicherheit, von Politikern nicht ausgenützt zu werden." Diese Äußerung ist irgendwie fatal, oder? Da verweigert jemand den Diskurs über seine Arbeit. Er setzt persönliche Ethik über Erkenntnis - und über den Dialog. Das kann nicht gut gehen. Mit derselben Logik könnte ein anderer seine Wissenschaft für welche Anwendungen auch immer vereinnahmen (lassen). Daher hast Du recht, lieber Andreas: Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir (instutionalisiert) über Wissenschaft sprechen - und entscheiden.

  3. D.Schmitt Antworten | Permalink

    Hallo zusammen ,

    also für mich ist die Frage recht kurz zu beantworten :

    Der Wissenschaft ist da Einhalt zu gebieten wo sich Experimente und deren Risiken nicht auf nur räumliche begrenzte Disasterszenarien festlegen lassen. Beispiel CERN. Hier ist das Mass bereits restlos überschritten..........

    MFG
    D.Schmitt

  4. Andreas Müller Antworten | Permalink

    @CK
    Schönen Dank für die Zustimmung. Die Idee hat nur den Nachteil, dass ein solches Gremium Wissenschaftler bevormundet (was sie nicht begrüßen werden) und das es Wissenschaft einmal mehr bürokratisiert und dadurch den (Erkenntnis-)Fortschritt verlangsamt (was Wissenschaftler ebenfalls nicht begrüßen werden). Vielleicht wird daher dieses Thema gemieden?

    @D. Schmitt
    Ich denke, Sie machen es sich zu einfach, wenn Sie das Risiko-Argument anführen. Wie in "Das Ende der Welt?" (Siehe darin meinen Kommentar 100prozentige Sicherheit gibt's nie vom 05.04.2008, 14:09 Uhr) bereits diskutiert, kommen wir mit der Angabe eines Risikos nicht weiter. Das Unbekannte ist nicht kalkulierbar.

    Ich möchte Ihr Argument entkräften, indem ich es auf die Spitze treibe: Wenn jemand eine spekulative Theorie erfindet, nach der die Welt untergeht, weil wir morgens aufstehen, sollten wir dann alle im Bett bleiben? (Ich weiß, das klingt irgendwie verlockend...).

    Was ich sagen will: Wir sollten uns in der Diskussion nicht mit numerischen Risiken herumschlagen, sondern Für und Wider, Chancen und Nutzen abwägen. Ein dazu berufenes Entscheidungsgremium sollte für uns alle stellvertretend eine Entscheidung treffen. Die Menschheit sollte als Ganzes diese Entscheidung tragen und Verantwortung dafür übernehmen.

    Gruß,
    Andreas Müller

  5. Dominik Schmitt Antworten | Permalink

    Hallo Herr Müller ,

    ich möchte ja nicht das unbekannte kalkulierbar machen , ist ja nicht möglich ! Ich möchte aber nicht das vorhandene "billige" Theorien des bekannten als irgendwelche Sicherheiten herangezogen werden , ich wünsche mir also das zumindest das bekannte nüchtern betrachtet und kalkuliert wird .

    Bekannte Gefahren aber wie z.B.beim Cern so primitiv und bilig abzuhandeln geht nicht .

    Ist dies dann getan kommt noch der unbekannte welchen ich dann auch akzeptiere.

    MFG
    D.Schmitt

  6. Tobias Röser Antworten | Permalink

    @D. Schmitt
    Nunja, die gleichen billigen Theorien werden meines Wissens auch dazu benutzt die Gefahren zu begründen.
    Es gibt am LHC auch jede Menge Sicherheitsvorkehrungen eben für die kalkulierbaren Gefahren(z.B. können die Protonen innerhalb 3 Turns aus dem Ring befördert werden)

    Aber ich stimme zu, dass momentan einige bekannte Gefahren primitiv und billig abgehandelt werden. Speziell die Klimaerwärmung..
    Oder Kernwaffen..
    MfG Tobias Röser

  7. Andreas Müller Antworten | Permalink

    @D. Schmitt

    Wir sollten hier jetzt nicht den Schwanz mit dem Hund wedeln lassen.

    Das was Sie hier als "billige Theorie" abwerten, ist das Standardmodell der Teilchenphysik. Es heißt Standardmodell, weil es sich vielfach in der Beschreibung der Natur bewährt hat: Es erklärt die Leptonen und Quarks als Grundbausteine der Materie, erklärt die drei gemessenen Flavorfamilien, enthält die von Pauli geforderten Neutrinos und die Kräfte/Eichbosonen uvm.

    Diesem mächtigen und bewährten Theoriewerk stellen Sie eine hochspekulative Theorie mit Extradimensionen entgegen, die (wie auch immer das geschehen, verstehe ich nicht) den Hawking-Effekt verbietet. Und Sie "stützen" diese in keiner Weise experimentell haltbaren Hypothesen, mit einer aberwitzigen Neuinterpretation der Relativitätstheorie eines Biochemikers – einer Interpretation, die kein Relativist nachvollziehen kann. Diese Neuinterpretation ist so heterodox, dass sie es in keine der anerkannten Journals als Publikation geschafft hat – ein weiteres Indiz, dass man hier auf dem Holzweg ist und die fachkundigen Gutachter hier verneinend den Kopf schütteln.

    Also es tut mir wirklich Leid, aber "billig" ist hier eine Attribution von Ihnen, die ich auf gar keinen Fall nachvollziehen kann. Ich bitte Sie, die Leistungen des Standardmodells anzuerkennen – ich sehe nicht, wie Theorien mit Extradimensionen oder Rösslers Neuinterpretation vergleichbare Leistungen bringen. Hier steht ein mehrfach nicht falsifiziertes Theoriegebäude einer Mehrheit der Community den nicht bewährten Hypothesen einer Minderheit gegenüber. Ich meine sogar, dass ich Rösslers Hypothesen glaubwürdig entkräftet habe (Stichwort: unendliche Distanz).

    Die Schlussfolgerung liegt daher auf der Hand: Mit Spekulationen und abenteuerlichen Schlussfolgerungen werden Sie den LHC nicht stoppen. Jedes halbwegs vernünftige Mitglied in einem designierten Entscheidungsgremium würde zu dem Schluss kommen, dass die Argumentation gegen den LHC rational nicht nachvollziehbar und daher entkräftet ist.

    Gruß,
    Andreas Müller

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