Der Chemie-Nobelpreis 2011 geht an…

27. September 2011 von Lars Fischer in Chemie

Update: Der Nobelpreis in Chemie geht an Daniel Shechtman für die Entdeckung der Quasikristalle. Das sind nahgeordnete Festkörper mit Fernordnung, aber ohne Translationssymmetrie und mit Rotationssymmetrien, die in regelmäßigen Kristallen verboten sind, also 5, 8 oder 10. Hätte ich nicht gedacht, ich bin aber halt auch kein Festkörperchemiker.

 

Es ist wieder an der Zeit, den diesjährigen Chemie-Nobelpreisträger zu tippen. Den Erfolg vom letzten Jahr zu wiederholen dürfte eher schwierig werden, denn aus meiner Sicht gibt es diesmal keine wirklich naheliegenden Kandidaten. Dafür bietet sich eine ganze Reihe von verdienten Leuten aus sehr unterschiedlichen Gründen an, aber bei den meisten ist nicht ersichtlich, warum gerade sie diesmal dran sein sollten und nicht, sagen wir, 2015.

Die nach Renommee gelisteten Kandidaten von Thomson-Reuters habe ich neulich ja schon kommentiert, und der einzige, der es aus dem Kreis in meine engere Auswahl schafft ist Martin Karplus. Die wirklich heißen Kandidaten sind für mich allerdings andere.

Auf jeden Fall in die Aufzählung gehört W.E. Moerner, der für die Entwicklung der Einzelmolekülspektroskopie verantwortlich zeichnet und schon seit Jahren auf allen Listen ganz oben ist. Mit ihm könnten Richard Zare und/oder Michel Orrit geehrt werden. Und da wir immer damit rechnen müssen, dass der Preis für das eine oder andere Biomolekül vergeben wird, sind auch Franz-Ulrich Hartl und Arthur Horwich gut im Rennen. Die beiden haben die ersten Chaperone charakterisiert und ihre Bedeutung für die Proteinfaltung entschlüsselt. In den letzten Jahren ist das Thema ein Bisschen wieder hinten runter gefallen, nachdem die erhofften medizinischen Anwendungen nicht sofort gekommen sind, ist aber auf jeden Fall preiswürdig.

Aus der eher klassischen organischen Chemie kommt Krzysztof Matyjaszewski, der Entwickler der Atom Transfer Radical Polymerisation (ATRP), einer speziellen Variante der "lebenden" Polymerisationen. Wenn er den Preis kriegt, dann deckt man wahrscheinlich das ganze Feld ab und gibt Ezio Rizzardo auch einen. Das Thema hat das Problem, dass es ein bisschen nah am letztjährigen Preis dran ist, bedeutsam ist es aber allemal, und Matyjaszewski ist schon sehr lange im Gespräch. Es gibt noch ein paar plausible Kandidaten, die man in so einer Liste aufführen müsste, aber ich will ja keinen Wikipedia-Eintrag schreiben.

Meine Favoriten für den Nobelpreis in Chemie 2011 sind Harry Barkus Gray und Stephen J. Lippard für ihre Beiträge zur Entwicklung der Bioanorganischen Chemie, einem Feld, in dem ich fast meine Diplomarbeit gemacht hätte. Harry Gray ist einer der Pioniere bei der Erforschung von Elektronentransfers in Metalloproteinen, einer der zentralen und grundlegenden Reaktionen des Lebens selbst. Stephen Lippard entdeckte und erforschte mit seiner Arbeitsgruppe die ersten DNA-Intercalatoren, aus denen unter anderem die Krebsmedikamente der Cisplatin-Familie hervorgingen.

So, das war mein Tipp. Was sind eure?


10 Kommentare zu “Der Chemie-Nobelpreis 2011 geht an…”

  1. WeiterGen Antworten | Permalink

    Hartl und Horwich haben vor 10 Tagen den Lasker Preis gewonnen. Vielleicht also noch nicht dieses Jahr, und vielleicht auch mit Susan Lindquist.

  2. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Der Lasker-Preis

    kommt m.E. zu spät, um noch Auswirkungen auf den Nobelpreis dieses Jahr zu haben. Auf jeden Fall werden die beiden dadurch mittelfristig als Preisträger immer wahrscheinlicher.

  3. Sebastian R. Antworten | Permalink

    Ich besitze zwar absolut keinen Überblick über die Chemie, allerdings finden sich z.B. polykationische Polymere und lipophile Ionen in der Biomedizin deren Anwendungen ich erwähnenswert finde. Ersteres um Organismen mit bestimmten Gene zu transfizieren und zweiteres um Zellmembranen zu untersuchen, was z.B. bei der Herstellung von monoklonalen Antikörpern von Bedeutung ist. Wie schaut es aus? Sind beide Kandidaten irgendwie im Blickfeld für die diesjährigen Chemie-Nobelpreise?

  4. Denis N. Antworten | Permalink

    Trend zur Biologie

    Ich habe leider keinen Tipp, jedoch ist mir beim Lesen des Blogs aufgefallen, dass die Chemie-Nobelpreise der letzten 10...15 Jahren sehr Biologie-lastig waren. Wird hier insgeheime ein "Biologie-Nobelpreis" verliehen oder ist es berechtigt, dass die Entdeckungen aus der Biochemie mit einem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet werden?

    Welche Aussage mittlerweise ein "Nobelpreis" hat, kann ich schlecht einschätzen. Ist es eine Würdigung einer Spitzenforschung oder gleicht es eher einer Lotterie (stammt der Spruch mit der Lotterie von der diesjährigen Lindauer Tagung?), wo man sich einfach aus einem Pool von "bahnbrechenden Entdeckungen" eine herauspickt? Und wenn es schon Kandidaten gibt, gibt es auch eine (inoffizielle) Warteliste? ;)

    Suspicious, suspicious...

    Viele Grüße,
    Denis

  5. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Sebastian R.

    Das klingt für mich nicht nach preisverdächtiger Forschung. Zum einen fallen die Instrumentenbauer leider oft hinten runter, zum anderen sind das relativ spezielle Sachen, und Nobelpreise in den Naturwissenschaften verlangen nach umfassenderer Bedeutung.

    Ich könnte mir Vorstellen, dass solche Entwicklungen unter der Rubrik funktionalisierte Polymere subsumiert wären. Die Kategorie taucht in der einen oder anderen Ausformung tatsächlich immer wieder unter den Kandidaten auf

  6. Lars Fischer Antworten | Permalink

    @Denis N.

    Das Problem mit den Biologie-Preisen ist nicht neu, das kommt jedes Jahr wieder. Siehe auch diesen Beitrag von 2009.

    Das Nobelkomitee hält sich extrem bedeckt, was die konkreten Kriterien angeht. Man kann aber davon ausgehen, dass es Leute gibt, die jedes Jahr in die engere Auswahl kommen und deswegen irgendwann mal "dran" sind. Das ist bei allen regelmäßig vergebenen Preisen so.

  7. weltneuheit Antworten | Permalink

    Toller Beitrag
    Am 02.10.2011 um 18h geht es los!

  8. Christoph Seufert Antworten | Permalink

    Ich tippe

    auch Hartl/Horwich. Die beiden haben jetzt alles ausser dem Nobelpreis gewonnen. Und das Kommittee des Lasker-Preises

    Kandidaten sind fuer mich noch: Charles Lieber, Omar Yaghi.

    Interessant finde ich auch, dass man immer wieder den Namen von Benjamin List (MPI Kohlenforschung) hoert.

  9. Lisa Antworten | Permalink

    And the Winner is

    ... nach meiner Meinung (und da schließe ich mich Dir an) Harry Barkus Gray und Stephen J. Lippard. Ich drücke denen die Daumen

  10. Denis N. Antworten | Permalink

    @Lars

    Vielen Dank für den Link! Beim genaueren Hinschauen ist das Thema mit den jeweiligen Kategorien doch nicht so einfach (jetzt speziell zu der 1. Forderung im gelinkten Blogeintrag "The creation of Nobel prizes for the Global Environment and Public Health.")

    Ich bin auf jeden Fall gespannt, wer den Preis am Mittwoch gewinnt :)

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