Macht die reguläre Grippeimpfung Pandemien gefährlicher?

30. Oktober 2009 von Lars Fischer in Allgemein

Während alle Welt über die Schweinegrippe redet, steht wie jedes Jahr auch die Impfung gegen die saisonale Grippe an. Diese regelmäßige Grippewelle, Verursacher ist diesmal der Subtyp H3N2, fordert jährlich mehrere tausend Todesopfer. Ärzte und Gesundheitsbehörden empfehlen diese Impfung routinemäßig, unter anderem für Kinder unter fünf Jahren, die zu den Risikogruppen gehören.

Obwohl die Impfung erprobt und sicher ist und ihr Nutzen seit Jahren feststeht, empfehlen drei Mediziner aus Holland in einem Lancet-Artikel, die Impfempfehlung zu überdenken. Ihnen geht es dabei  nicht um irgendwelche schädlichen Nebenwirkungen, sondern um den Schutz vor potentiellen Pandemieerregern.  Die Ärzte beziehen sich auf einen bislang rein hypothetischen Effekt, der ihrer Meinung nach die Auswirkung einer eventuellen Grippepandemie in dieser Altersgruppe noch verschlimmern könnte – möglicherweise.

Der Vorschlag basiert auf den Ergebnissen von Impfversuchen an Mäusen. Bei den Tieren verhinderte eine Impfung gegen einen regulären Grippestamm die Entstehung einer generischen Breitbandimmunität gegen Grippeviren allgemein. Diese heterosubtypische Immunität basiert nicht allein auf Antikörpern, sondern ist offenbar eine komplexe Antwort des Immunsystems auf die Gemeinsamkeiten aller Grippeviren. Sie ist nicht stark genug, um eine Infektion zu verhindern, schwächt sie aber ab. Im Versuch mit einem aggressiven H5N1-Stamm waren die nicht geimpften Mäuse durch die vorherige Infektion teilweise geschützt.

Diese Immunität, argumentieren die Ärzte nun, könne im Fall einer globalen Pandemie durch einen der Vogelgrippe-Erreger, die Sterblichkeit deutlich reduzieren. Impfungen dagegen verhinderten im Tierversuch die Ausbildung der heterosubtypischen Immunität und könnten so eine eventuelle Pandemie verschlimmern.

Hier kommt allerdings ein grundlegender Denkfehler ins Spiel, auf den auch die Autoren der Antwort auf diesen Artikel hinweisen. Viele Leute gehen offenbar davon aus, dass eine Impfung die Infektion völlig verhindert, so dass das Immunsystem gar nicht auf den neuen Erreger reagiert. Das ist aber ganz offensichtlich falsch, denn auch ein geimpftes Kind kommt natürlich mit Viren und Bakterien in Kontakt, und es findet auch eine Immunreaktion statt. Diese Immunreaktion ist sogar der Sinn der Impfung.

Die Situation der Versuchstiere ist ja mit dem Alltag nicht zu vergleichen. Im Labor kontrollieren Wissenschaftler und Tierpfleger sehr genau, womit die Tiere in Kontakt kommen. Dort gibt es genau die Krankheiten, die die Versuchstiere auch bekommen sollen. Alle anderen Pathogene werden ferngehalten. Eine derartige Schutzglocke bietet selbst die beste Impfkampagne nicht. Unter realen Bedingungen schwirren so viele Erreger durch die Gegend, dass das Immunsystem auch mit Impfung und herdenimmunität genug zu tun hat.

Aber auch wenn die Theorie der Holländer wasserdicht wäre, die Idee ist schon aus prinzipiellen Gründen wenig tiefsinnig. Die Grippe ist eine potentiell tödliche Krankheit, und die Autoren verweisen selbst auf den großen nachgewiesenen Nutzen der Impfkampagnen:

Vaccination every year against epidemic influenza is effective in children, both clinically and in terms of cost, since it decreases the burden of disease and the number of children admitted to hospital because of infection with influenza A viruses.

Das heißt übersetzt, man würde systematisch jedes Jahr zigtausende Kinder schwer krank werden und mindestens hunderte sterben lassen, um den Effekt einer möglicherweise alle paar Jahrzehnte auftretenden Pandemie möglicherweise zu mindern. das scheint mir keine besonders gute Idee zu sein.

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Bodewes, R., Kreijtz, J., & Rimmelzwaan, G. (2009). Yearly influenza vaccinations: a double-edged sword? The Lancet Infectious Diseases, 9 (12), 784-788 DOI: 10.1016/S1473-3099(09)70263-4


3 Kommentare zu “Macht die reguläre Grippeimpfung Pandemien gefährlicher?”

  1. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Ohne jede medizinische Behandlung

    Das ist völlig klar:

    Wenn man alle kranken Menschen ohne jede medizinische Behandlung sterben lässt, dann haben unsere Nachkommen in tausend Jahren ein super-resistentes Genom.

  2. Balanus Antworten | Permalink

    Superresistentes Genom in 1000 Jahren?

    Nur, wenn die Krankheitserreger nicht evolvieren.

  3. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Unsere Nachkommen

    Natürlich müssen unsere Nachkommen in tausend Jahren ebenfalls alle kranken Menschen ohne jede medizinische Behandlung sterben lassen.

    Das ist bestimmt ein schöner Ausblick auf unsere Zukunft.

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