Manipulation in der Pharmaforschung. Heute: Ghostwriting

14. September 2009 von Lars Fischer in Allgemein

Kaum ein Bereich der Wissenschaft betrifft so viele Menschen unmittelbar wie die medizinische Forschung. Von der Integrität der beteiligten Akteure hängen oft zigtausende Menschenleben ab, doch das Vertrauen in die Integrität der Medizin ist nachhaltig erschüttert. Denn nirgendwo sonst hängen so große Summen an einzelnen Studien, nirgends ist die Verlockung für die Industrie so groß, Ergebnisse im eigenen Sinne zu beeinflussen. Wie Unternehmen wissenschaftliche Literatur manipulieren, kann man gerade wieder bei PLoS Medicine nachlesen und - das ist neu - in entsprechenden Dokumenten selbst recherchieren. Es geht um Ghostwriting.

Als Ghostwriting bezeichnet man die Praxis, von spezialisierten PR-Firmen verfasste Artikel unter dem Namen respektierter Wissenschaftler zur Veröffentlichung in Fachzeitschriften einzureichen. Auf diese Weise erlangen im Sinne der Medikamentenhersteller angefertigte Studien über Wirksamkeit und Risikoprofil von Wirkstoffen den Status vermeintlich unabhängiger medizinischer Information.

Das Problem selbst ist nicht neu, einige Herausgeber von medizinischen Fachzeitschriften haben schon 2005 Richtlinien zum Umgang mit Ghostwriting verfasst, allerdings ohne großen Erfolg. Im Rahmen eines Prozesses sind jetzt im Juli über 1500 interne Dokumente der Firma Wyeth öffentlich gemacht worden, die eindrucksvoll demonstrieren, welches Ausmaß Ghostwriting inzwischen in der medizinischen Literatur angenommen hat. Ich habe ein bisschen in den bei PLoS Medicine zugänglichen Dokumenten gestöbert und bin dabei unter anderem auf folgende E-Mail gestoßen, die offenbar aus dem Unternehmen DesignWrite stammt (DWRITE003261.tif):

Dear Dr. R...,
based on our telephone conversation on August 8, 2001, enclosed is a first draft of a review paper titled "Clinical Markers Predictive of Cardiovascular Diseases" that has been formatted for the Journal of the American College of Cardiology.

Please review at your earliest convenience and provide us with your comments/suggestions for the paper. If you would prefer to select a different journal for submission, that would be fine.

Aus der E-Mail geht klar hervor, dass besagter Dr. Charles R... nicht der Hauptautor des Reviews ist. Nichtsdestotrotz taucht 2004 (offensichtlich bedurfte das Paper einer gewissen Überarbeitung) in Cardiology Review ein Paper mit dem Titel "New clinical markers predictive of cardiovascular disease: the role of inflammatory mediators" auf, als einziger Autor wird ein gewisser C.E. R... genannt. So was aber auch...

Ein vergleichbares Vorgehen dokumentiert eine E-Mail, die PLoS Medicine ausgegraben hat. Dort heißt es:

Thanks to all who have reviewed and approved the manuscripts… I have received no word on authors for the Totelle 2 mg bone manuscript P3(2), and need input on this matter before this manuscript can move forwards.

Heißt übersetzt: Das Paper ist fertig, jetzt brauchen wir jemanden, der seinen Namen druntersetzt.

Die so lancierten Veröffentlichungen seien Teil einer Marketing-Strategie, die sich nicht mehr auf klassische Werbung verlasse, sondern auf vorgebliche Produktinformation auf der Basis wissenschaftlicher Veröffentlichungen, schreibt PLoS Medicine weiter.

Derartige Manipulation kann drastische Folgen haben. Im Zusammenhang mit möglichen Todesfällen durch das Herzmedikament Vioxx stellten Forscher in einem nachträglichen Review fest, dass einige der Review-Artikel über Vioxx von der Merck-Marketingabteilung konzipiert wurden:

For the publication of scientific review papers, documents were found describing Merck marketing employees developing plans for manuscripts, contracting with medical publishing companies to ghostwrite manuscripts, and recruiting external, academically affiliated investigators to be authors.

Offensichtlich kam es bei diesem Prozess zu – vorsichtig ausgedrückt – Fehleinschätzungen über das tatsächliche Risiko schwerer Nebenwirkungen, denn nachdem eine andere Studie wegen einer nahezu verdoppelten Rate an Herz-Kreislauf-Beschwerden abgebrochen wurde, nahm der Hersteller das Medikament vom Markt.

Wie groß der Anteil auf diese Weise manipulierter Studien an der gesamten medizinischen Literatur ist, weiß man nicht. Entsprechende Beweise kommen meist durch Zufall ans Licht, wie in diesen beiden Fällen durch Gerichtsprozesse. Die Redakteure von PLoS Medicine unterstellen jedenfalls in ihrem Editorial, dass Ghostwriting in der Industrie inzwischen die Norm sei.

Und Ghostwriting ist ja nicht das einzige Glaubwürdigkeitsproblem des medizinischen Publikationswesens. Auch der Skandal um die als Fachzeitschriften getarnten PR-Publikationen von Merck und Elsevier (nachzulesen u.a. bei mir oder bei Plazeboalarm) liegt noch nicht allzu lange zurück. Ärzte und Forscher brauchen medizinische Literatur, die einen durchgehenden Mindeststandard an Integrität und Unabhängigkeit gewährleistet. Wissenschaft kommt mit vereinzelten Fehlern oder Fälschungen gut klar, aber systematische Manipulation im großen Stil gefährdet auf lange Sicht die Qualität der Medizin selbst. Derartige Praktiken müssen schleunigst unterbunden werden.


10 Kommentare zu “Manipulation in der Pharmaforschung. Heute: Ghostwriting”

  1. Johanna Antworten | Permalink

    Immerhin muss inzwischen in den Publikationen angegeben sein, wer von welchem Unternehmen Geld bezogen hat. Das habe ich bei meiner Recherche zur Disse immer als erstes überprüft. Dann weiß man ja schnell, wie man die Aussage einzuordnen hat. Meist steht ja sogar bei den Ghostwriter-Publikationen drunter: Danke an XY von Agentur XY (funded by Pharmaunternehmen XY).
    Schlimmer finde ich eigentlich die Tatsache, das es so wahnsinnig wenig unabhängige Literatur gibt, weil die sich offenbar nicht mehr finanzieren lässt.

  2. Anton Maier Antworten | Permalink

    ist es zeit für empfindliche strafen?

    Die Unternehmen begehen hier Taten die einer Menge Menschen massiv Schaden. Diesen Menschen kosten die monetären Interessen der Firmen teilweise das Leben.
    Wird es da vielleicht Zeit für empfindliche Strafen und Verbote?
    Meiner Auffassung nach dürfte dass schon etwas bringen denn diese Firmen machen das aus klarem Kalkül nach einer simplen Kosten-Nutzen-Rechnung. Anders als vielleicht die Jugendlichen die vor kurzem in einer S-Bahn Station einen Mann töteten, (die wird es im vorhinein wohl nciht interessieren ob ihre strafe auf 10 oder 15 jahre gesetzt wird sondern nur ob sie erwischt werden oder nciht) wird es die Pharmakonzerne interessieren wie hoch die Strafen ausfallen und wie hoch das Risiko für das Unternehmen ist. Das liegt einfach daran, dass die Verantwortlichen genug Zeit haben darüber nachzudenken und je mehr man erwischt desto mehr werden sich auch richtig entscheiden.

  3. Ute Antworten | Permalink

    Mir schwirren gerade so ganz undifferenziert ein paar Fragen im Kopf herum. Wie z.B. "Welchen Zweck haben Fachzeitschriften bisher erfüllt - für die Autorn und vor allem für die Öffentlichkeit - und wie wird sich das unter dem Einfluß des Internets weiterentwickeln?" Oder auch "Was, wenn ein Autor verpflichtet wäre, alles, worunter sein Name steht, samt der Quellen öffentlich einsehbar zu machen?"

    Ich werde Deinen Eintrag mal an ein paar Verwandte weiterleiten. Vielleicht erzählen sie ja, was _ihnen_ dazu einfällt. ;-)

  4. Martin Huhn Antworten | Permalink

    @ Maier

    "Wird es da vielleicht Zeit für empfindliche Strafen und Verbote?"

    Meiner Meinung nach ist das schon längst überfällig. Appelle an die Vernunft nützen nichts und für die Todesfälle wurde wohl auch niemand zur Rechenschaft gezogen. Hauptsache der Rubel rollt, wie so oft.

  5. Thomas Grüter Antworten | Permalink

    Der Fall liegt nicht so einfach.

    Hallo Lars,

    die Pharmaindustrie ist schon wegen ihrer Größe und ihrer Anonymität ein leichtes Ziel. Gerade im Fall des Ghostwriting sind aber Gut und Böse nicht so klar verteilt. Denn: wer eine Arbeit einreicht, ist für den Inhalt verantwortlich. Er steht mit seinem Namen und seinem Ruf für die Aussagen gerade. Da gelten keine Entschuldigungen. Ich kenne allerdings genügend Fälle, in denen der Erstautor den Text seiner Arbeit nicht geschrieben hat. Es soll sogar Klinik- und Institutschefs geben, die ihre Arbeiten grundsätzlich von Untergebenen schreiben lassen. Diese Unsitte ist so weit verbreitet, dass Viele überhaupt kein Unrechtsbewusstsein dabei haben. Bei manchen Arbeiten, deren Entstehung ich selber mitverfolgen konnte, kam es vor, dass Autoren die Arbeit nicht einmal gelesen hatten, bevor sie eingereicht wurde. Wenn durch das Verschweigen von Nebenwirkungen Menschen zu Schaden kommen, liegt die Schuld nicht allein beim Ghostwriter, sondern auch und in erster Linie bei den offiziellen Autoren. Es ist schlicht unerträglich, wenn ein Arzt sich damit herausreden will, er hätte ein Medikament zwar empfohlen, sei dafür aber nicht verantwortlich, weil er die Veröffentlichung ja nicht selbst verfasst habe.
    Auch solltest du nicht vergessen, dass die Pharmaindustrie unterdrückte Berichte über Nebenwirkungen sehr teuer bezahlen muss. Im Falle Vioxx rechnet Merck mit einem materiellen Schaden von mehreren Milliarden Dollar (nach dem Vioxx-Artikel in der englischen Wikipedia), vom Rufschaden ganz abgesehen. Zumindest seit dieser Zeit (ca. 2005) haben Pharmafirmen also wenig Interesse daran, die Wirkungen und Nebenwirkungen ihrer Produkte falsch darzustellen.
    Sie haben allerdings weiterhin Interesse daran, dass ihre Produkte in Veröffentlichungen möglichst häufig erwähnt werden, und Studien so aufgebaut sind, dass sie die Vorteile besonders zu Tragen bringen. Sie möchten auch, dass möglichst renommierte Mediziner als Autoren auftreten. Das Ghostwriting wird nicht aufhören, es sei denn, dass einflussreiche und renommierte Universitäten beschließen, ihren Ärzten eine enge Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie zu untersagen. Möglich wäre auch, dass wichtige Zeitschriften keine Studien mehr annehmen, die mit Unterstützung der Industrie entstanden sind. Die Autoren müssten an Eides statt versichern, keine Hilfe von der Industrie angenommen und die Arbeit selber verfasst zu haben.
    Leider ist das illusorisch, denn große klinische Studien sind teuer. Es würden deutlich weniger Studien stattfinden, vermutlich würden die Wirkungen und Nebenwirkungen vieler Medikamente nur noch für Zulassung überprüft. Das wäre auch nicht gut.
    Also was tun? Solange es bequeme Wissenschaftler gibt, hört das Ghostwriting nicht auf. Hohe Schadenersatzzahlungen sind derzeit wohl die beste Hilfe gegen bestellte falsche Darstellungen von Nebenwirkungen. Alles andere wäre Wunschdenken.

  6. Monika Armand Antworten | Permalink

    @ Lars

    zum Glück gibt es Wissenschaftsjournalisten wie Dich! Wie wärs mit einem Gemeinschaftsprojekt von ebenso kritisch denkenden Kollegen im Sinne von "Wissenschaft unter der Lupe" ?.....

    Denn: "Wissenschaftsbetrug" findet m.E. in allen Wissenschaftsbereichen in mehr oder minder ausgeprägten Formen statt.

    Trägt man einen akademischen Titel...schwinden vielfach die Skrupel.Der aktuelle Skandal um die "Doktortitelagenturen" und das Stillschweigen der offiziellen "Akademikertitelverleiher" verdeutlicht die Nichtexistenz einer praktisch umgesetzten Wissenschaftsethik. Solange es ein Wettstreit um Reputation, Forschungsgelder und ständige Konkurrenzen unter Wissenschaften und Wissenschaftlern gibt (ohne feststehende und einforderbare wissenschaftsethische Grundsätze), erscheint es mir überaus wichtig, dass engagierte Wissenschaftsjournalisten nicht aufhören die zahlreichen Forschungsberichte ständig aufs Neue zu hinterfragen.

    Insofern kann jeder Wissenschaftsjournalist, welcher offen seinen Unmut über solche Zustände äußert "vielleicht" einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass Akademiker unter Beweis stellen, dass ihre Anerkennung ehrlich verdient und nicht irgendwie "gekauft" worden ist.

    Was ist ein "echter" Doktor noch wert, wenn einige tausend Euro reichen um diesen zu kaufen? Manch einer, welcher ehrlich seinen Doktor macht gibt mehr Geld dafür aus, wenn er z.B. dafür Urlaub nehmen muss, auf einen zeitfüllenden lukrativen Job verzichtet oder teure Arbeitsmittel für die Erstellung seiner Arbeit benötigt.....
    Was ist so gesehen, dann noch ein Doktortitel wert? Was heißt heute "Wissenschaftler" zu sein...solche Fragen stelle ich mir gerade zunehmend

  7. Fischer Antworten | Permalink

    @Monika:

    Ich denke nicht, dass man die Einsichten aus der Medizin so einfach auf die gesamte Wissenschaft ausweiten kann. Und vor allem habe ich auch meine Zweifel, dass diese gekauften Doktoren in der Wissenschaft reüssieren. Wer gibt denn schon eine Postdocstelle an jemanden, der gar nicht so genau über seine Promotion erzählen mag?

    @Thomas
    Eigentlich sollte man wegen des juristischen Risikos meinen, dass die Pharmaindustrie Ghostwriting überwiegend zu Marketingzwecken bei geprüften Medikamenten verwendet, also für ein zumindest halbwegs legitimes Ziel (Werbung ist ja nicht verboten). Aber offenbar werden dabei auch Risiken geschönt. Mir ist nicht klar wie eine Firma so bekloppt sein kann.

  8. Alice Antworten | Permalink

    Was hat denn das oben beschriebene Ghostwriting mit den "falschen Doktoren" zu tun? Bei den von Pharmakonzernen in Auftrag gegeben und von Wissenschaftlern mit ihrem Namen versehenen Artikeln geht es um Wissenschaftsbetrug. Die Träger der gekauften Doktortitel werden dagegen nie eine Rolle in der Wissenschaft spielen. Einzige Motivation ist, mit dem akademischen Grad Ansehen zu erlangen.

    Während hier die Urheberschaft geklärt ist, bleibt es weiterhin vollkommen im Dunkeln, in welchem Maße die Promotionsberater nachgeholfen haben. Mir ist kein Fall bekannt, in dem eine das Ghostwriting einer Dissertation aufgedeckt worden ist. Klar gibt es wahscheinlich solche Fälle, aber sie sind doch sehr überschätzt. Dagegen scheint das Ghostwriting bei medizinischen Fachartikeln zum Standardangebot der international tätigen Agenturen zu gehören.

    Der "Wert" eines Doktorstitels ist relativ. In Deutschand relativ hoch - sonst würde das Geschäft der Promotionsberater nicht laufen, in anderen Ländern relativ normal - dort wird der Doktorgrad gerade mal in Minibuchstaben unter dem Namen auf der Visitenkarte gesetzt (Ph.D.). Einen Eintrag in die Personalpapiere, auf Kreditkaten, usw. gibt es nur in Deutschland.

    Mir scheint, dass der Skandal mit den "gekauften" Doktoren besonders Leute beschäftigt, die selber gerne einen hätten.

  9. Ghostwriting Antworten | Permalink

    Schattenbereich

    Das Gostwriting ist eine Graue-Zone. Insbesondere wenn es um die Mezin geht.
    Was auch Alice gesagt hat: "Solange man keinen dabei erwischt hat, bleibt das Thema des Ghostwritings immer offen"

  10. Monika Armand Antworten | Permalink

    @ Lars

    "Und vor allem habe ich auch meine Zweifel, dass diese gekauften Doktoren in der Wissenschaft reüssieren"..

    Für den universitären Wissenschaftsbetrieb mag diese Annahme gelten. Die "freie" Wirtschaft und Behörden gehen damit jedoch sehr großzügig um. In Sachen Jugendamt - Familiengerichte - Gutachter und meine nicht ganz einjährige Erfahrungen in diesem Bereich...gibt es schon 2 falsche Doktoren, welche dazu noch in großem Ansehen bei der Justiz stehen oder vielleicht jetzt: standen....bis sich die Justiz die Blöße gibt, einem Hochstapler auf den Leim gegangen zu sein, braucht es allerdings harte Fakten + Zeit......
    ..da reicht es nicht, dass etliche "Gegengutachter" feststellen, dass in den erstellten Gutachten nicht einmal "Spuren" von Wissenschaftlichkeit zu finden sind....

Einen Kommentar schreiben


− 2 = sieben