Warum die Ebola-Epidemie uns noch ein paar Jahre beschäftigen wird

19. Januar 2015 von Lars Fischer in Medizin, Politik

Bei den Folgen einer Epidemie denkt man ja meistens zuerst an die direkt Betroffenen - die Kranken, die Toten und ihre Angehörigen. Aber eine schwere Seuche, zumal eine so gefährliche wie Ebola, reicht mit ihren Auswirkungen in alle Winkel einer Gemeinschaft. Vor allem aber reichen ihre Auswirkungen weit über das Ende des eigentlichen Krankheitsausbruches hinaus.

Dieser Umstand wird um so bedeutender, da die Seuche schon auf dem Rückzug zu sein scheint. Von den Worst-Case-Szenarien vom November, die teilweise Hunderttausende Kranke prognostizierten, ist heute nicht mehr die Rede. Auch wenn die WHO-Zahlen mit 21000 Infizierten und über 8000 Toten immer noch ziemlich erschreckend sind, derzeit stimmen die Trends vorsichtig optimistisch - was auch daran liegt, dass es inzwischen weit mehr Behandlungsbetten und koordinierte Bekämpfungsmaßnahmen gibt. In Liberia sind die Fallzahlen angeblich so stark gesunken - von 300 in fünf Tagen auf acht im gleichen Zeitraum über den Jahreswechsel -, dass die Impfstofftester inzwischen kalte Füße kriegen: Zu wenig Fälle und die Testdaten sind unbrauchbar.[1]

In einem Ebola Treatment Center. Bild: European Commission DG ECHO CC BY-ND 2.0

In einem Ebola Treatment Center. Bild: European Commission DG ECHO CC BY-ND 2.0

Die Seuche nach der Seuche

Klingt alles gut, und die Verlockung wird groß sein, das Thema nach dem letzten Ebola-Fall abzuhaken und zur Normalität zurückzukehren. Doch das ist eine Illusion - die Seuche hinterlässt eine Spur der Verwüstung in Gesellschaft, Infrastruktur und Wirtschaft, die die Staaten um Jahrzehnte zurückwirft. Schlimmstenfalls könnten Chaos und Bürgerkrieg könnten in die Region zurückkehren. So lange ist der Liberianische Bürgerkrieg mit seinen 250.000 Toten nicht her.

Doch zuerst einmal kommt der Tod nach Ebola auf vergleichsweise banale Weise: Die Menschen sterben an allen möglichen behandelbaren Krankheiten, weil sie einfach niemand behandelt. Schon vor Ebola kam in Sierra Leone ein Arzt auf 100.000 Einwohner, ganz Liberia hatte offiziell 51 Ärzte. Dieses wenige medizinische Personal dort stand zu Beginn der Epidemie an vorderster Front, ohne angemessenes Training, Ausrüstung oder auch nur Handschuhe. Viele von ihnen sind inzwischen tot, manche geflohen.

Schon jetzt hat das Folgen: die Krankheitslast neben Ebola ist ja nicht geringer geworden - aber die Menschen trauen sich nicht mehr in Krankenhäuser, aus Angst, sich anzustecken, und für die, die doch hingehen, gibt es kaum noch Ressourcen und Personal. Und das in Regionen, in denen HIV, Tuberkulose, Malaria und die vernachlässigten Tropenkrankheiten grassieren. Die Sterblichkeit durch solche Krankheiten ist, davon kann man ausgehen, während der Ebola-Epidemie noch einmal deutlich angestiegen. Und ich sage mal, ohne einen koordinierten Eingriff von außen wird das auch nach Ebola nicht wieder besser. Es droht quasi die Seuche nach der Seuche: Das schleichende Sterben durch den Kollaps der Gesundheitssysteme. Es würde weit mehr Opfer fordern als Ebola selbst.

Ebola nagt an der Substanz

Weshalb ich nicht glaube, dass die betroffenen Staaten ihre Gesundheitssysteme ohne äußere Hilfe auch nur auf den vor-Ebola-Stand zurück bekommen, kann man leicht aus diesem aktuellen Bericht der Weltbank ersehen. Liberia, Sierra Leone und Guinea gehörten schon vor Ebola zu den ärmsten Ländern der Welt, und die Seuche hat noch mal richtig reingehauen. In Sierra Leone sollen laut Weltbank 180.000 Menschen die Arbeit verloren haben - aus einer Gesamtbevölkerung von nur 6 Millionen. In Liberia hat die Hälfte der Haushalte ihr Haupteinkommen verloren, zwei Drittel können sich nicht genug Nahrung leisten.

Maniokernte in Liberia. Bild: USAID Food and Enterprise Development Program for Liberia (FED) / Nico Parkinson CC BY-NC-ND 2.0

Maniokernte in Liberia. Bild: USAID Food and Enterprise Development Program for Liberia (FED) / Nico Parkinson CC BY-NC-ND 2.0

Ursache sind vor allem indirekte Effekte wie Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Seuche, die alle Arten von ökonomischer Aktivität behindern. Eines der größten Probleme sind wohl Ernteverluste in der Landwirtschaft: Wegen Ebola ist die klassische gemeinsame Feldarbeit riskant und schwierig geworden. Der Preis für Reis ist deswegen wohl um 40 Prozent angestiegen. Hohe Preise für Grundnahrungsmittel sowie hohe Arbeitslosigkeit gehören zu den wichtigsten Ursachen für politische Instabilität - das lässt Böses ahnen.

Außerdem zeigt der Bericht, dass ein beträchtlicher Teil der Haushalte in der Krise von der Substanz lebt: Sie verkaufen oder konsumieren Nutztiere, greifen Ersparnisse an oder nehmen Kredite auf. All das bedeutet, dass die Bevölkerung am Ende der Seuche zuerst einmal einen Rückstand aufholen muss, bevor die Wirtschaft überhaupt wieder wächst. Die Erholung könnte Jahre dauern - wenn nicht sogar noch etwas dazwischen kommt. Wie zum Beispiel Unruhen wegen hoher Lebensmittelpreise und so'n Kram. Aber malen wir den Teufel nicht an die Wand.

Für immer Ebola?

Obwohl, doch. Sorry. Was ist eigentlich, wenn Ebola gar nicht mehr weggeht? Bisher war es ja immer so, dass Menschen sich bei Tieren anstecken, sich dann eine Weile gegenseitig, aber wenn der Ausbruch vorbei ist, saß der Erreger wieder im tierischen Reservoir. Einige Seuchenforscher diskutieren inzwischen aber ernsthaft die Möglichkeit, dass Ebola in Westafrika endemisch wird - dass es also in Zukunft zu jedem Zeitpunkt ein paar Infizierte und Ansteckungen von Mensch zu Mensch gibt. Ich persönlich halte das für unwahrscheinlich bei einer derart tödlichen Infektion, aber rundheraus ausschließen sollte man das nicht.

Das würde die Situation noch einmal grundsätzlich verändern - wenn man Ebola in den nächsten paar Monaten nicht los wird, muss man darüber nachdenken, vom Notfallmodus wegzugehen und langfristige Strukturen zu schaffen. Also insgesamt weg von den provisorischen Ebola-Zentren hin zu einem Gesundheitssystem, das langfristig mit Ebola klarkommt. Aber ganz ehrlich: Das brauchen wir so oder so. Wir können uns einfach nicht mehr erlauben, dass irgendwelche Viren unkontrolliert irgendwo grassieren, nur weil das Land arm ist.[2]

So oder so werden wir nicht drum herum kommen, für die globale Seuchenbekämpfung wesentlich mehr Geld in die Hand zu nehmen und es auch anders auszugeben. Die Anti-Diesesundjenes-Programme der WHO sind ja schön und gut, aber insgesamt Stückwerk und sie verbessern vor allem kaum die allgemeine Gesundheitsversorgung in den ärmsten Ländern der Welt. Es wäre schön, wenn sich die Einsicht durchsetzen würde, dass dieses strukturelle Problem langfristig gelöst werden muss, so dass die Leute vor Ort auch gegen neu auftauchende Seuchen auch eine Chance haben. Was, wenn nächstes mal was wirklich Pandemietaugliches umgeht?

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[1] Ich will jetzt nicht noch mehr über die Impfstoffgeschichte nörgeln, aber ich bin mehr denn je der Meinung, dass man mit den Ressourcen sinnvollere Dinge hätte tun können.

[2] Ich weiß, es wäre schön, wenn wir uns darum kümmern würden, weil uns das Wohlergehen der lokalen Bevölkerung am Herzen liegt. Tut es aber nicht.


2 Kommentare zu “Warum die Ebola-Epidemie uns noch ein paar Jahre beschäftigen wird”

  1. Eike Antworten | Permalink

    Interessant wäre auch die Erörterung, ob Fledermaus und Ebola symbiotisch zusammenleben.

    Ebola macht Fledermäuse nicht krank, tötet aber Primaten relativ schnell. Möglicherweise schützt es so Fledermaus-Populationen vor Fressfeinden. Man müsste die Literatur durchsuchen, ob tatsächlich die Fressfeinde der Fledermäuse, die das Reservoir für Ebola sind, schnell an Ebola sterben.

    Hunde, die keine Fressfeinde von Fledermäusen sind, können sich mit Ebola infizieren, aber haben nur einen sehr leichten Krankheitsverlauf, sie sterben normalerweise nicht daran. Eine Infektion mit Ebola verläuft also nicht bei allen atypischen Wirten tödlich.

    • Lars Fischer Antworten | Permalink

      Interessante Idee. Allerdings hab ich von so einer Symbiose noch nie etwas gehört. Das wär ja n bisschen wie diese Schlupfwespen, die Raupen zusammen mit ihren Eiern noch ein Virus injizieren.

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