Eine Analyse der russischen Weltsicht


Welche Sicht hat Russland auf den Westen und sich selbst? In meinem Beitrag zum Ukraine-Konflikt hatte ich versprochen, den russischen Blickwinkel nachzuliefern. Hier ist er, und er ist fremder, als man annehmen würde.

In der Sicht vieler europäischer Intellektueller (Beispiele: Leon de Winter oder Alice Schwarzer) entstammen die Probleme mit Russland und der Ukraine zum großen Teil dem Handeln westlicher Staaten. Das ist falsch, aber verständlich: Menschen neigen dazu, ihre eigene Gruppe zu überschätzen (Eigengruppenpräferenz), und anderen Gruppen stereotype Merkmale zuzuweisen (Fremdgruppenhomogenität).

Diese Merkmale sind universell, sie gelten auch in Russland. Daraus ergibt sich ein Selbstbild, das sich vom westeuropäischen in vielen Punkten unterscheidet.

Ein Exkurs in die jüngste Geschichte

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Welt in einen westlichen und einen östlichen Machtblock aufgeteilt. Der östliche Machtblock wurde von der Sowjetunion beherrscht. Sie war nach den Ersten Weltkrieg aus dem Zarenreich entstanden, allerdings ohne Polen und Finnland. Die beiden Staaten waren nach dem Ersten Weltkrieg unabhängig geworden. Die Sowjetunion war der erste Staat, in dem die Staatsführung versuchte, den Kommunismus einzuführen. In dieser idealen Form des menschlichen Zusammenlebens sollte der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben sein, und als Synthese daraus eine neue, freiere Gesellschaft entstehen. Auf dem Weg dorthin, in der Phase des Sozialismus, verbot die Staatsführung zunächst den Privatbesitz von Produktionsmitteln. Der Staat verwaltete die Produktion und verteilte die Produkte. Nach dem Sieg über Deutschland im zweiten Weltkrieg dehnte die Sowjetunion ihre Macht auf Mitteleuropa aus und führte überall in ihrem Herrschaftsgebiet den Sozialismus ein. Die Welt teilte sich in zwei Machtblöcke auf: Den Westen mit dem Militärbündnis NATO und den Osten mit dem Warschauer Pakt. Die USA und die Sowjetunion waren die einzigen verbliebenen Supermächte.

Im Laufe der Zeit erwies sich die sozialistische Planwirtschaft als bürokratisches Monster. Sie erzeugte und verwaltete den Mangel. Jede Innovation war schwierig bis unmöglich, ausgenommen bei Prestigeprojekten. Mitte der achtziger Jahre war das Modell offensichtlich gescheitert. Die wirtschaftliche Schwäche zersetzte auch die Macht der damaligen Sowjetunion. Zwischen etwa 1987 und 1992, also in nur fünf Jahren, zerfiel ihr Bündnissystem. Deutschland gelang die Wiedervereinigung, die östlichen Vasallenstaaten führten die Demokratie ein und kündigten die Gefolgschaft auf. Schließlich fiel sogar die Sowjetunion auseinander. Nachdem immer mehr Sowjetrepubliken ihren Austritt aus der Union erklärt hatten, wurde die Sowjetunion zum 31.12.1991 aufgelöst. Das sozialistische Experiment war damit beendet, das Verbot des Privatbesitzes an Produktionsmitteln wurde im gesamten Machtbereich der früheren Sowjetunion aufgehoben.

Damit war das bipolare Machtgefüge und der Systemstreit der Nachkriegsära faktisch beendet. Die USA blieb das stärkste Machtzentrum der Welt, neue Mächte wie China und Indien gewannen an Einfluss.

Russland, offiziell der Nachfolgestaat der Sowjetunion, erbte nur etwa die Hälfte der Einwohner. Heute hat Russland etwa 144 Millionen Einwohner (zum Vergleich: Deutschland 81 Millionen, Japan 127 Millionen, Nigeria 178 Millionen, USA 314 Millionen, EU 507 Millionen, China 1.360 Millionen)

Nach dem Ende des Kommunismus verlor der russsiche Rubel enorm an Wert, die Preise stiegen rasant. Staatsangestellte, Militärs und Rentner verarmten, während sich einige Geschäftsleute mit oft dubiosen Mitteln Milliardenvermögen sicherten. Man bezeichnet sie im Allgemeinen als Oligarchen (=Angehörige einer kleinen Herrscherkaste).

In der Ukraine fand eine ähnliche Entwicklung statt, allerdings verarmte die Ukraine noch schneller als Russland.

Einige Fakten

Die Ukraine und Russland sind außerordentlich korrupt. Rang im Korruptionswahrnehmungsindex: Russland 127, Ukraine 144 (von 180 Staaten). Die Presse leidet unter starkem staatlichen Druck. Rang im Pressefreiheitsindex: Russland 148, Ukraine 127 (wieder von 180 Staaten). Im Gini-Index, einem Maß für Ungleichheit der Einkommen, schneidet Russland schlecht ab. Je nach Methode liegt der Wert bei 0,42-0,48. Die Ukraine hat hier einen wesentlich geringeren Wert, wie auch die meisten europäischen Staaten. Die staatsnahe russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti schreibt in einem Kommentar: „Bei einem Wert von mehr als 0,42 gilt die soziale Lage in einem Land als angespannt und kann jederzeit zu Protesten führen.“

Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (kaufkraftbereinigt): Russland: 17900, Ukraine 7400 Internationale $. Zum Vergleich: Deutschland 40000$. Die Zahlen sind jeweils die aktuellen am 10.8.2014 verfügbaren Werte.

Das russische Selbstbild

Die Analyse der Verlautbarungen der russischen Regierung und der Kommentare der staatsnahen Nachrichtenagenturen ergibt folgendes Bild über die Weltsicht der russischen Regierung und eines Großteils der russischen Bevölkerung:

1. Bis heute macht die Regierung keine Weltverschwörung für den Zerfall der Sowjetunion verantwortlich. Auch das Scheitern des Sozialismus führt sie nicht vorrangig auf äußere Einflüsse zurück.

2. Der damit verbundene Machtverlust gilt ihr als eine vorübergehende Schwächeperiode, die die jetzige Führung überwinden will. Dafür hat sie die Zustimmung der meisten Russen in den zentralrussischen Machtzentren.

3. Der Westen hat den Schwächeanfall Russlands in unfairer Weise ausgenutzt. Eigentlich konnte Russland nicht ernsthaft erwarten, dass sein ehemaliges Einflussgebiet vom Westen nicht angetastet würde, bis Russland wieder stark genug war, es wieder zu übernehmen. Das hindert die russische Führung aber nicht daran, genau das zu beklagen. Eine Absprache, die osteuropäischen Staaten nicht in die NATO zu integrieren, bzw. keine Truppen von westlichen NATO-Ländern dort zu stationieren, sei nicht eingehalten worden. Russland fühle sich dadurch eingekreist. Auch dies wird von der russischen Bevölkerung durchaus ähnlich gesehen.

4. Der Westen hat Russland seit dem Schwächeanfall vor 25 Jahren mit Herablassung behandelt. Putins wiederholtes Credo: „Sie dürfen uns nicht verächtlich behandeln“, ist in diesem Zusammenhang zu sehen. Das Misstrauen insbesondere gegen England und die USA ist enorm.

5. Faktisch hat Russland nur im äußersten Nordwesten eine direkte Grenze zu den NATO-Ländern Lettland und Estland. Aber Russland leidet noch unter Phantomschmerzen an Grenzen, die es seit 23 Jahren nicht mehr hat. Selbst eine Stationierung von NATO-Truppen in Bulgarien oder Polen gilt ihnen als grenznahe Bedrohung, obwohl die russische Grenze mehr als 1000 Km entfernt liegt.

6. Die russische Führung betrachtet die ehemaligen Sowjetrepubliken als rechtmäßige Vasallenstaaten. Selbst die ehemaligen Gebiete des Zarenreichs, wie Kongresspolen und Finnland, betrachten sie als exklusives Einflussgebiets. Große Teile der russischen Elite erleben die NATO-Osterweiterung als Beleidigung und direkte Bedrohung. Sie fühlen sich aber weitgehend hilflos, weil das russische Militär zur Zeit relativ schwach ist. Russland hat zwar weltweit die meisten Atomwaffen, aber damit lassen sich keine Vasallen unter Kontrolle halten.

7. In den Machtzentren um Moskau und St. Petersburg sieht sich die russische Bevölkerung nach wie vor als Zentrum eines Imperiums, das aus dem eigentlichen Russland und einer Anzahl von unterworfenen Randvölkern besteht. Das Imperium besteht seit Jahrhunderten und die russische Dominanz darin hat sich bewährt. Ein aufschlussreicher Artikel dazu ist im Oktober 2013 in der Jungle-World erschienen. Während man sich berechtigt glaubt, diese Staaten notfalls gewaltsam zu destabilisieren, ist das eigene Territorium unantastbar. Die heftige Reaktion auf den Vorschlag einer „Förderalisierung Sibiriens“ belegt dieses Reaktionsmuster.

8. Die russische Führung sieht sich nach wie vor als eine von zwei Supermächten, die bipolare Welt des kalten Kriegs ist für viele Russen immer noch Realität. Russland, so nehmen sie an, wird sich von seinem Schwächeanfall erholen, und die ehemaligen Sowjetrepubliken wieder fester an sich binden. Unter einer starken Führung (wie Putin sie suggeriert) kann Russland seine alte Stärke zurückgewinnen. Eine stabile Partnerschaft mit den USA ist machtpolitisch ausgeschlossen, Kooperationen aber punktuell und zu gegenseitigen Nutzen jederzeit möglich. Europäische Staaten (mit Ausnahme Deutschlands und Frankreichs) sind entweder unwichtig, oder sie sind Vasallen der einen oder der anderen Seite.

9. Die Sicht auf die USA ist widersprüchlich, wie schon zu Sowjetzeiten. Ein politischer Witz aus dieser Zeit illustriert das besser als jede lange Erklärung, indem er zwei häufige Propagandasprüche kombiniert: „Wo steht die USA? Die USA steht am Rande des Abgrunds. Und wo steht die Sowjetunion? Der Sowjetunion wird es in kürzester Zeit gelingen, die USA einzuholen und zu überholen.“

10. Die russische Regierung erwartet vom wiedervereinigten Deutschland eine Mittlerrolle zwischen Ost und West. Das schließt einen gewissen Abstand zur USA mit ein.

11. Das Wort „Faschist“ hat nicht die gleiche Bedeutung wie in Westeuropa. „Faschisten“ waren in Russland die Gegner, die man im Zweiten Weltkrieg unter großen Opfern zurückgeschlagen hat. Unter „Faschisten“ verstehen die meisten Menschen in Russland deshalb äußere Feinde, die Russland schaden wollen, ganz unabhängig von eventuellem Antisemitismus oder autoritärem Regierungsstil.

12. Kulturell sieht sich Russland als starker und streitbarer Bewahrer christlich-traditioneller Werte. Fleiß, Genügsamkeit, Frömmigkeit und die Wertschätzung der traditionellen Familie sind dabei wichtig. Die Kampagne gegen „homosexuelle Propaganda“ gehört in diesen Themenkreis. Der Westen wird dagegen als sittenlos, verweichlicht und dekadent angesehen.

Nur zum Verständnis: Nicht jeder Russe unterschreibt diese Punkte. Sie sind aber größtenteils mehrheitsfähig in Russland. Es handelt sich um ein gegenwärtig verbreitetes Selbstverständnis der eigenen Gruppe, nicht etwa um eine „typische russische“ Mentalität. Fast alle Russen sind sich natürlich auch der Defizite ihres Landes schmerzhaft bewusst. Die allgegenwärtige Korruption hat seuchenhafte Züge angenommen und schmierige Kriminelle sind ungeheuer reich geworden. Aber nur ein starker Mann kann diesen Sumpf trocken legen, meinen viele.

Der große Kanzler des Zaren

Ein wichtiges Vorbild für Waldimir Putin ist der russische Kanzler und Außenminister Alexander Gortschakow (1798 - 1883). Er übernahm im Jahr 1856 die russische Außenpolitik, direkt nach dem katastrophalen Machtverlust Russlands im Krimkrieg. Ab 1863 war er außerdem Russischer Kanzler. In einer aktuellen Laudatio (6.2.2014) schreibt der Staatssender „Stimme Russlands“: „Damals bestanden die verbündeten europäischen Staaten darauf, dass für jeden Staat seine nationalen Interessen an zweiter oder dritter Stelle stehen mussten. Für prioritär wurde das Gemeinwohl erklärt. Gortschakow war anderer Meinung und setzte sie auch durch“.

Er nutzte jede Schwäche anderer Mächte aus, um Verträge zu brechen, oder Russland Vorteile zu verschaffen. In Zentralasien vergrößerte Russland unter seiner Regierung seine Macht und sein Staatsgebiet beträchtlich. Er habe erreicht, dass „dass das Russische Kaiserreich im europäischen Konzert der Großmächte einen würdigen Platz einnehmen konnte“, schließt der Artikel von „Stimme Russlands“. Ein so großes Lob für einen russischen Politiker des 19. Jahrhunderts dürfte kaum zufällig lanciert worden sein. Der würdige Platz Russlands dürfte auch Putins Ziel sein. Interessanterweise hat der SPD-Politiker Gernot Erler in einem Beitrag für DIE ZEIT den Vorrang des Gemeinwohls in der aktuellen Ukraine-Krise noch einmal ausdrücklich betont.

Die russische Regierung will ihre Pressearbeit in Deutschland und anderen europäischen Staaten deutlich ausweiten. Sie erwartet, dass insbesondere die rechtspopulistischen Parteien Europas das unter Punkt 12 genannte Weltbild unterstützen. Das ist sicher richtig, aber selbst die Populisten werden deshalb nicht die russischen Herrschaftsansprüche auf Gebiete des ehemaligen Zarenreichs anerkennen. Aus sozialpsychologischer Sicht mag eine fremde Gruppe punktuell als Vorbild gelten. Aber daraus kann sie keinen Anspruch auf Dominanz ableiten. Spätestens an dieser Stelle hört die Freundschaft notwendigerweise auf.


28 Kommentare zu “Eine Analyse der russischen Weltsicht”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Wenn der russische Imperialismus immer noch so wach ist wie hier dargestellt, dann wird die Furcht Polens, Rumäniens und der baltischen Staaten vor Russland nachvollziehbar und diese Furcht wäre dann mehr als nur das Resultat von schlechten Erfahrungen dieser Staaten mit Russland in der Vergangenheit, sondern sie wäre Ausduck des Wissens um das Wesen Russlands.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die hier angedeutete russische Imperialismus als Teil der russischen DNA ( der russischen Bevölkerung durch die unter Putins Kontrolle stehenden Medien erneut eingetrichtert) wird nur in wenigen und zudem mehr in US als in europäischen Medien thematisiert, könnte sich aber als sehr wichtig herausstellen. Es gibt nämlich einige Zeichen dafür, dass Russland nicht so schnell von seinen aussenpolitischen Zielen abrückt - auch in der Ostukraine nicht. Die Wirtschaftssanktionen wiederum können Russland zwar schaden, doch man sollte sich nicht darauf verlassen, dass sie eine Umkehr und ein Einlenken Putins bewirken zumal das russische Vok Härten gewöhnt ist und einen vorübergehenden wirtschaftlichen Einbruch verkraften wird. Hält die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen an, muss Europa auch damit rechnen, dass die Ölwaffe wieder eingesetzt wird und zwar wohl gerade dann, wenn sie am meisten Wirkung entfaltet (in einem kalten Winter).
    Ein Artikel der sich mit dem russischen Imperialismus und mit Putin näher beschäftigt (Putin, der sich alter grossrussicher Denkweisen für die eigenen Ziele der Grösse bedient) ist in Foreign Policy unter dem Titel Putin's Empire of the Mind erschienen. Dort wird von einem Sinneswandel Putins gesprochen und seine Expansionspolitik gerade jetzt als ökonomisch nicht rational beschrieben:

    After all, the annexation of Crimea, by any rational calculation, did not make sense. Russia already had immense influence on the peninsula, but without the need to subsidize it, as Ukraine had. .. The Russian Black Sea Fleet's position in the Crimean seaport of Sevastopol was secure until 2042. Any invasion would anger the West and force it to support whatever government took the place of Viktor Yanukovych's administration in Kiev, regardless of its composition or constitutionality.

    Putin will gemäss diesem Artikel die Identität Russlands und seine eigene Bedeutung in der Welt stärken und erneuern und ist dafür bereit einiges in Kauf zu nehmen.

    Allerdings gibt es auch innerrussische Widersprüche:
    In den russischen Medien und Geschichtsbüchern wurde die grossrussische Sicht schon länger ausbegreitet und der Westen als fremd und auch dekadent dargestellt, doch die russische Elite war und ist sehr stark mit Westeuropa verbunden. Sie geniesst ihren Reichtum in europäischen Immobilien und sichert ihr Vermögen in London und der Schweiz.

    • Mona Antworten | Permalink

      "Die hier angedeutete russische Imperialismus als Teil der russischen DNA"

      Äh...geht's noch?

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Äh ja, es müsste heissen: Der hier angedeutete russische Imperialismus nicht Die hier angedeutete .. . Das Genus war also falsch.

        • Mona Antworten | Permalink

          Ich bezog mich nicht auf das Genus, sondern auf den Inhalt! Mit Aussagen, wie "als Teil der russischen DNA" wäre ich vorsichtig. Das weckt nämlich unschöne Assoziationen an die Propaganda des dritten Reichs.

          • Martin Holzherr | Permalink

            Nein: Teil der DNA meint heute "unverbrüchlicher Bestandteil, nicht zu trennen vom Objekt, das man gerade meint"
            Der Ausdruck Teil der DNA wird sowohl für politische Belange als auch für soziale Belange und natürlich für Dinge verwendet, die mit der eigenen Identiät zu tun haben. Hier ein Beispiel:
            „Datensicherheit ist Teil unserer DNA“

          • Paul Stefan | Permalink

            Ich missverstehe "DNA" in diesem Kontext nicht, aber ich finde diese biologistische Metapher auch nicht glücklich gewählt und empfehle, auf sie zu verzichten. Man muss nicht alle Sprachmoden mitmachen, Metaphern sollten stimmig sein.

          • Dr. Webbaer | Permalink

            @ Herr Paul :

            Metaphern sollten stimmig sein.

            Es weiß halt nicht jeder, was er sagt oder schreibt, die Etymologie und teilweise auch die Terminologie der modernen, zeitgenössischen, aufklärerischen und in diesem Punkt wohl gerade auch der Politischen Richtigkeit widersprechend, mag hier zur Gegenrede anleiten.
            "Nichtdestotrotz", um einmal dieses Blödwort anzuwenden, wie es auch gerne "Guido" tat, der Schreiber dieser Zeilen tat es ihm (bewusst) immer nach (ohne Verbindungen zum bundesdeutschen Parteiliberalismus gehabt zu haben, zu haben oder anzustreben), liegt Herr Holzherr hier im Grundsatz und sachnah richtig.
            'DNA' war Blödsprech.

            MFG
            Dr. W (der die Sprachlichkeit der Sachlichkeit fortlaufend untergeordnet sieht, sofern möglich, >:-> )

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr :

      Die hier angedeutete russische Imperialismus als Teil der russischen DNA ( der russischen Bevölkerung durch die unter Putins Kontrolle stehenden Medien erneut eingetrichtert) wird nur in wenigen und zudem mehr in US als in europäischen Medien thematisiert, könnte sich aber als sehr wichtig herausstellen.

      Es gab Russland betreffend historisch den zaristischen "Imperialismus", den leninistisch-sozialistischen Imperialismus, den stalinistischen Imperialismus, dann wieder den leninistisch-sozialistischen und dann den Imperialismus oder "Imperialismus" des zerfallenen Russland bzw. der UdSSR, der sich, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, zuvörderst darum bemühte das Land zusammenzuhalten.
      Im "Westen" [1] wurde ja aus Gründen der Opportunität lange Zeit dieses imperialistische Vorhaben geleugnet, sei es von Traditionslinken, sei es von Neomarxisten.

      Heute könnte von einer als notdürftig als Demokratie getarnten Meritokratie oder "Klandestinokratie" (FSB-gesteuert) ausgegangen werden.

      Russland könnte insofern mit den Mitteln der Realpolitik (das Fachwort) bearbeitet werden, würde das allgemeine Verständnis ausreichen. - Insgesamt pflegt der Schreiber dieser Zeilen eine (ohne: 'vorsichtig') positive Einschätzung die Zukunft Russlands betreffend und/oder zumindest den "westlich"-russischen Umgang betreffend.

      MFG
      Dr. W (der sich, ganz am Rande angefragt, äh, fragt, warum Herr Dr. Grüter hier sachnah so firm ist)

      [1] gemeint sind immer diejenigen Systeme, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementiert haben, die Richtungsangabe ist natürlich irreleitend

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    In einer kleinen Lokalzeitung bin ich doch noch fündig geworden auf meiner Suche nach dem Thema russischer Imperialismus in europäischen Medien. Die badische Zeitung schreibt unter Putin und das dritte Imperium

    Nationalistische und neoimperiale Strömungen sind in Russland zum Mainstream geworden – in der Ukraine-Krise nimmt sie der Westen nun zum ersten Mal wahr.

    Eine erstaunlich gute Analyse, wo der Autor ähnlich wie Thomas Grüter von der Beobachtung der russischen Medien ausgeht, allerdings nicht der Zeitungen und TV-Nachrichtensendungen, sondern der Bücher, die in Russland momentan en vogue sind:

    Als Ausgangspunkt könnte ein Blick in Russlands Buchläden dienen, deren Regale voll sind mit neoimperialen Streitschriften und großrussischen Träumereien wie "Das dritte Imperium". Was aus ihnen spricht, ist nicht die Sehnsucht nach einer Rückkehr zur Sowjetzeit. Es ist eine Art neuer russischer Nationalismus, der sich aus allen Epochen und Traditionen der russischen Geschichte bedient, der von unten wächst und von oben gefördert wird, der an den Rändern begann und längst im Mainstream der Gesellschaft angekommen ist.

    • Mona Antworten | Permalink

      Wer sich über Imperialismus und Kolonialismus informieren will, der sollte vielleicht mal einen Blick in die Geschichtsbücher werfen. Auf halbgare Artikel in Zeitungen und fiktive Storys a` la "Das dritte Imperium" würde ich mich da nicht verlassen. Die wenigsten dieser "Berichterstatter" können oder wollen sich wirklich ein Bild vor Ort machen und ersetzen fehlendes Wissen oft mit Fantasie. Manche scheint noch nicht mal zu interessieren, wie der Ukrainekonflikt begann. Zur Erinnerung:
      http://de.wikipedia.org/wiki/Assoziierungsabkommen_zwischen_der_Europ%C3%A4ischen_Union_und_der_Ukraine

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Russland als natürlicher Hegemon auch im 21. Jahrhundert - ein Bild an das die Russen zunehmend selbst glauben - ist nur ein Extremfall einer verzerrten Weltsicht wie sie für Bürger grösserer Gebilde eher die Regel als die Ausnhame ist. Das Europa dominierende Zerrbild scheint mir das der moralischen und geistigen Überlegenheit im Vergleich selbst zu den USA zu sein. Das Zerrbild, welches die USA bis vor kurzem dominierte war das des unverzichtbaren Weltpolizisten, welcher eigentlich überall eingreifen muss, wo es nicht so läuft wie die Gründungsväter der USA das zuerst einmal für die USA, aber wohl für die ganze Welt vorgesehen haben.
        Nun zur Rolle Russlands. Sie schreiben:
        "Auf halbgare Artikel in Zeitungen und fiktive Storys a` la "Das dritte Imperium" würde ich mich da nicht verlassen"
        Dass die Russen in den Medien und sogar im Kulturbereich zunehmend eine verzerrte Weltsicht präsentiert erhalten berichten sehr viele Korrespondenten und Russlandkenner. Und sie berichten auch darüber, dass immer mehr Russen die Propaganda inzwischen auch glauben - selbst wenn sie noch so abstrus ist.

        Nun, könnte man sagen, wenn man ein falsches Weltbild hat und die Rolle der eigenen Nation in der Welt falsch sieht, dann wird man durch die Realität bestraft und muss das früher oder später korrigieren. Das trifft sicher zu und wird letztlich auch in Russland passieren.

        Was ist dann die Nützlichkeit einer verzerrten Sicht der eigenen Rolle und Wichtigkeit in der Welt? Es ist wohl die Legitimation, die die Führer der Welt durch diese Sicht erhalten. Die Opfer, die die Führer Russlands, des Iran oder der USA ihrer Bevölkerung abverlangen im Sinne eines Einsatzes von Soldaten im Ausland und von Steuerabgaben für aussenpolitische Zwecke (Bezahlung des Krimabenteueres und der Krimenklave) muss gerechtfertigt werden. Das Gefühl der eigenen Grösse und Bedeutung rechtfertigt scheinbar einiges. Von mir aus nützt dieses Gefühl aber vor allem dem Ego der Führer und derjenigen, die sich mit diesem Gefühl besser fühlen. Zieht man aber die Bilanz, bleibt nicht mehr so vieles übrig.

  4. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Добрый вечер!

    Liest sich wohlinformiert die Einschätzung des Artikels, nett auch die passende Einschätzung zu jenem Phänomen, das im Artikel Eigengruppenpräferenz genannt worden ist, wobei der Schreiber dieser Zeilen schlicht mangelndes Einschätzungvermögen die russische Kultur betreffend annehmen möchte, oder böse formuliert: Kulturzentrismus, der bei der sachnahen Einschätzung direkt schadet; typische Frage: Was haben wir nur getan, dass sie so (fühlen, denken &) handeln?

    MFG
    Dr. W

    PS: Gerade das Handeln der EU bezogen auf die Ukraine scheint aber schon etwas mau gewesen zu sein.

  5. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Ich habe in einem der Kommentare vom 26. August 2014 10:26 oben geschrieben:
    "Hält die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen an, muss Europa auch damit rechnen, dass die Ölwaffe wieder eingesetzt wird und zwar wohl gerade dann, wenn sie am meisten Wirkung entfaltet (in einem kalten Winter)."

    Und prompt liest man auf EurActiv mit Datum 27.08.2014 Yatsenyuk: Russia plans to cut gas to Europe this winter

    Um ehrlich zu sein, bin ich schon früh davon ausgegangen, dass Russland seine stärkste Waffe - die Ölwaffe - sicher einmal gegenüber der Ukraine, aber unter den veränderten Umständen (EU unterstützt Ukraine gegen Russland) auch gegenüber ganz Europa ausspielen wird.

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    "Russia is not enough" scheint Putin zu denken. Dieses Putin'sche und möglicherweise originär russische Denken verstehen viele hier im Westen nicht. Sogar westliche Politiker meinten, Russland sei ja nicht einmal in der Lage seine eigene Landfläche "auszufüllen", also voll auszunutzen. 140 Millionen Russen leben im grössten Land der Welt während es zum Vergleich 120 Millionen Japaner gibt, die auf einer Fläche leben, welche genau gleich gross ist wie Deutschland, nur dass 74% von Japan wegen Bergigkeit, Bewaldung etc. nicht bewohnbar sind.

    Das Verhalten Russlands - oder besser gesagt Putins - entzieht sich auch der in Deutschland weit verbreiteten monetären Logik, die als wichtigste Motivation für das Handeln von Individuen (Wirtschaftssubjekten) und Ländern (Kompetitoren) wirtschaftliche Faktoren sieht und in der Putins Regierungsbilanz bis ins Jahr 2013 gar nicht schlecht aussieht, hat doch der Wohlstand in Russland zugenommen. Doch Putins Intervention in der Ukraine und die grossrussichen Ambitionen, die bei ihm sichtbar werden, torpedieren ja die wirtschaftlichen Ziele, denn sie werden auf Widerstand stossen und das Land auch wirtschaftlich isolieren.
    Putin ist also mit der hier im Westen weitverbreiteten Wirtschafts- und Wohlfahrstlogik nicht zu verstehen.
    Allerdings versteht der typische Westler sowieso wenig von der Welt. Er meint nur die Welt zu verstehen, versteht aber vor allem sich selber, was kein Wunder ist, wenn man in einem selbstreferentiellen System lebt und denkt.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Der Artikel Putin's Real Problem: Not Enough Russians Inside Russia to Keep Russia Russian for Much Longer beschäftigt sich mit der russischen Realität der Bevölkerungsschrumpung:

      With current population and life expectancy rates inside Russia’s current borders, even the most cautious demographers predict Russia could be a majority Muslim state by 2075. Others predict that Russia could become Russia-stan much sooner, in as little as 30 years.

      When the Soviet Union dissolved in 1991, the Russian Federation had 153 million people. Today, the Russian Federation has only about 141 million people. Today, 77 of Russia’s 89 federal regions are experiencing active population decline; while only 12 of Russia’s federal regions are experiencing active population growth. Curiously, 77 of Russia’s 89 federal regions just so happen to have non-Muslim majorities, while 12 of Russia’s 89 federal regions just so happen to have Muslim majorities.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr :
      "Russia is not enough" scheint Putin zu denken. Dieses Putin'sche und möglicherweise originär russische Denken verstehen viele hier im Westen nicht.Sehen Sie's mal anders, auch die jetzige föderale Gliederung Russlands beachtend, Russland ist [1] in der Defensive, versucht den "Laden" zusammenzuhalten und hat beträchtliche Minderheiten in der Ukraine und in Weißrussland [2] zu pflegen, zudem nicht "ganz klar" ist, ob Weißrussen oder Ukrainer/Kleinrussen nicht vielleicht Russen sind.

      Putin handelt rational, seine Nachfolger werden absehbarerweise oder vergleichsweise: sicher ebenfalls so handeln.
      Man hat es hier nicht mit Demokratien zu tun, Russland und seine Republiken oder Provinzen könnten aber demokratisch im "westlichen" Sinne werden, wenn auch nicht durchgehend.

      MFG
      Dr. W

      [1] vs. 'sieht sich'

      [2] über dieses Land geht es zurzeit nicht, obwohl dort die letzte offene Diktatur Europas vorliegt, Vermutung: es wird bald auch um dieses Land gehen - zudem ist auch die Königsberg-Enklave zu berücksichtigen

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr, v2.0, so schaut's hoffentlich besser aus :

      "Russia is not enough" scheint Putin zu denken. Dieses Putin'sche und möglicherweise originär russische Denken verstehen viele hier im Westen nicht.

      Sehen Sie's mal anders, auch die jetzige föderale Gliederung Russlands beachtend, Russland ist [1] in der Defensive, versucht den "Laden" zusammenzuhalten und hat beträchtliche Minderheiten in der Ukraine und in Weißrussland [2] zu pflegen, zudem nicht "ganz klar" ist, ob Weißrussen oder Ukrainer/Kleinrussen nicht vielleicht Russen sind.

      Putin handelt rational, seine Nachfolger werden absehbarerweise oder vergleichsweise: sicher ebenfalls so handeln.
      Man hat es hier nicht mit Demokratien zu tun, Russland und seine Republiken oder Provinzen könnten aber demokratisch im "westlichen" Sinne werden, wenn auch nicht durchgehend.

      MFG
      Dr. W

      [1] vs. 'sieht sich'

      [2] über dieses Land geht es zurzeit nicht, obwohl dort die letzte offene Diktatur Europas vorliegt, Vermutung: es wird bald auch um dieses Land gehen - zudem ist auch die Königsberg-Enklave zu berücksichtigen

  7. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Hitler und Stalin teilten Polen unter sich auf. Warum sollten Merkel und Putin nicht die Ukraine unter sich (also unter Russland und der EU) aufteilen? So scheinen einige deutsche Putinversteher zu denken. Grössere Staaten - besser gesagt die politischen Führer grösserer Staaten - neigen tatsächlich dazu, die kleineren Staaten um sie herum - das Kleinvieh quasi - zu ignorieren und bei Bedarf sogar ihre Soveränität zu verletzen. Beispiele gibt es zuhauf. Die USA haben z.B. in den 80er Jahren die Karibikinsel Grenada miltiärisch erobert, weil den USA die neue Regierung mit ihrer sozialistischen politischen Ausrichtung missfiel. Ein weiteres Beispiel: Helmut Schmidt hat die polnische Bewegung Solidarnosc kaum zur Kenntnis genommen, ihr jedenfalls jede Legitimität abgesprochen und direkt in Beziehungen Deutschland Russland gedacht. Und jetzt zeigen einige Putin- und Russlandversteher wiederum sehr viel Verständnis und Sensibilität für die historisch verankerten Bedürfnisse eines grossen Landes wie Russland wobei sie gleichzeitig die Bedürfnisse der ehemaligen Ostblockstaaten kaum zur Kennntis nehmen.
    Solche Einstellungen und Haltungen sind den kleineren Staaten nicht nur im Osten durchwegs vertraut, weswegen viele kleinere Staaten sehr viel Wert auf eine vertragliche Regelung legen. Deshalb sind Länder wie Polen, Polen, Tschechien und Ungarn schon kurz nach dem Fall der Sowjetunion der Nato beigetreten und 2002 dann auch noch Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien.
    Putinversteher interpretieren diese Natobeitritte also Provokation Russlands, die Länder, die der Nato beigetreten sind jedoch taten dies genau darum, weil sie dem russischen Bären nicht trauten. Nicht trauen kann man dem russischen Bären nicht allein deshalb, weil er russich ist, sondern allein schon deshalb nicht, weil er gross ist. Wie gesagt mussten auch kleinere Länder im Einflussbereich der USA feststellen, dass das Recht des Stärkeren gilt.

    Es wäre eigentlich eine Aufgabe der UNO, die Rechte auch der kleineren Staaten gegen die Interessen der Grösseren zu schützen.

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