Ukraine-Konflikt: Von Meinungsblasen und europäischer Arroganz


Die aktuelle Debatte um den Konflikt in der Ukraine verrät erstaunlich viel über Gruppenprozesse und über die menschliche Psyche. Genauer gesagt: Über die unangenehmen Bereiche der Psyche und die gefährlichen Aspekte von Gruppenprozessen.

Was in dieser Debatte übel aufstößt, ist der wütende, oft hasserfüllte Ton. Man hatte eigentlich gehofft, dass in den vergangenen Jahrzehnten die vielen Appelle an die Vernunft etwas geholfen hätten, aber offenbar vergeblich. Christian Neef, Moskau-Korrespondent des Spiegel, weiß ein Lied davon zu singen. Wie viele andere hat er in den vergangenen Monaten mit hasserfüllten Kommentaren zu kämpfen. In einem Beitrag vom 7.8.2014 schreibt er:

„Es gibt jetzt offenbar nur noch Schubfächer für vermeintlich Gute oder vermeintlich Böse, hie Russland und da Amerika - und dazwischen noch ein bisschen Angela Merkel.“

Vor einigen Wochen habe ich einem Journalisten ein Interview über Verschwörungstheorien gegeben. Er war ebenso verunsichert wie Neef über die vielen wütenden Kommentare und die Vorwürfe der absichtlichen Fälschung.

Woran liegt das? Menschen sind beirrbar, sie erwarten ein Mindestmaß an Bestätigung für ihre Arbeit, sonst werden sie unsicher. Ständige Ablehnung setzt ihnen zu. Das gilt auch dann, wenn die Kritik nicht spontan kommt, sondern gesteuert wird. Inzwischen ist bekannt, dass Agenturen in Russland damit beschäftigt sind, große Internetportale in Russland, Deutschland, England und den USA mit putinfreundlichen Kommentaren zu überfluten. Das Argumentationsmuster ist gut erkennbar, trotzdem fällt es den Journalisten nicht leicht, solche Beiträge zu ignorieren.

Aber auch die übrigen Wortmeldungen sind größtenteils ablehnend. Viele der besonders fleißigen Kommentatoren unterstellen der Presse generell Einseitigkeit, Käuflichkeit und schlechte Recherche. Alle Politiker gelten als korrupt, das „Großkapital“ und die „Industrie“ als gierig und verantwortungslos. Hier tauchen viele von den Vorurteilen auf, die populistische Parteien bei der Europawahl aufgegriffen haben.

Das Internet und besonders die sozialen Netze tragen zu dieser Entwicklung bei. Es bilden sich Zirkel, die sich gegenseitig in ihren Meinungen bestätigen. Der Kommunikationswissenschaftler Thomas Hanitzsch sprach in einem Interview mit n-tv von Meinungsblasen (letzte Frage des Interviews). Für jede, auch noch so abwegige Idee finden sich genügend Mitstreiter, um sie lebendig zu halten. Sie informieren sich nur noch in bestimmten Quellen, die ihnen dann wiederum von den sozialen Netzen bevorzugt angeboten werden. Es bilden sich damit sogenannte Filterblasen1.

Der amerikanische Journalist Mat Honan hat in einem Selbstversuch gezeigt, welche erschreckende Effizienzt dieses Phänomen bei Facebook hat. 48 Stunden hat er einfach alles geliket, was er auf Facebook sah. Ein einziger israelfreundlicher Artikel aus der konservativen Ecke reichte aus, damit Facebook ihm am laufenden Band stramm rechte Inhalte präsentierte. Wenig später erlebte er das gleiche mit einem linken Artikel, den er mit hochgerecktem Daumen unterstützte. Überhaupt wurden die Inhalte, wie er schreibt, immer dümmer2.

Diese Verschiebungen brauchten nicht lange, sie geschahen innerhalb von Stunden. Facebook bestätigt jedem Menschen prompt seine Urteile und Vorteile. Damit bekommt er bessere Laune und wird für Werbung empfänglicher. Nicht denken, wohlfühlen, lautet das Konzept. Nur zur Erinnerung: Das Unternehmen Facebook verdient sein Geld mit Werbung. Die Benutzer von Facebook dienen als Lockmittel für zahlende Werbekunden. Sie sollen entspannt und gut gelaunt vor dem Bildschirm sitzen, damit die Werbung optimal wirken kann. Die Inhalte sind dieser Prämisse untergeordnet. 3

Die Insassen von Meinungsblasen kapseln sich deshalb mehr und mehr ab. In den Blasen werden ganz verschiedene Ideen gezüchtet, die untereinander weitgehend unvereinbar sind. In einem sind sich die Bewohner aber blasenübergreifend einig: Die „Systempresse“ berichte falsch und voreingenommen. Das spiegelt sich dann in den Kommentaren der Online-Artikel wider.

Viele Journalisten sind inzwischen verunsichert. Neef berichtete, dass er für einen Artikel über Russland (Putins Paralleluniversum) nur russische Experten zu Wort kommen ließ. Das habe aber nichts geholfen. Kein Wunder: die von den russischen Agenturen bezahlten Kommentatoren lassen sich so nicht aufhalten und irgendeine der vielen Blasen sticht er auf jeden Fall an.

Inzwischen ist der Konflikt auch innerhalb der Presse in Deutschland ausgebrochen. In der ZDF-Satire-Sendung „Die Anstalt“ vom 29.4.2014 warfen die Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner einigen deutschen Journalisten vor, sie seien in verschiedenen transatlantischen Organisationen Mitglied, die bei Krisen beständig „mehr Rüstung“ forderten. Es liegt also der Schluss nahe, die so Gescholtenen würden bei der aktuellen Krise in der Ukraine nicht unabhängig berichten oder kommentieren. Das brachte ihnen eine einstweilige Verfügung der namentlich genannten Zeit-Journalisten Josef Joffe und Jochen Bittner ein. Einen ausführlichen Bericht des Streits veröffentlichte das Medien-Portal Meedia.

Nun ist die Aufregung nicht recht nachvollziehbar. Wir leben im Zeitalter des Internet, jeder kann die russische Sicht der Dinge kennenlernen, ohne sich mit der kyrillischen Schrift anfreunden zu müssen. Der Radiosender Stimme Russlands und die Nachrichtenagentur Ria Novosti unterhalten sogar einen deutschsprachigen Dienst. Hier findet man alles, was die russische Regierung über sich und die Welt verbreiten möchte.

Europäische Arroganz

Im Westen hat sich offenbar kaum jemand die Mühe gemacht, den russischen Weltsicht wirklich kennenzulernen (werde ich im nächsten Blog-Beitrag nachholen). Gerade unter Intellektuellen ist die Meinung verbreitet, der Westen habe Russland erst so weit gereizt, dass es jetzt so wütend reagiert. Zum Beispiel hat der niederländische Schriftsteller Leon de Winter eine Stellungnahme zum Abschuss des Malayian Airways Flugs MH17 über dem von Rebellen beherrschten Gebiet in der Ukraine verfasst. „Den prorussischen Rebellen waren unsere Toten egal. Sie trieben sich zwischen den Trümmern und Leichenteilen herum mit aufgedunsenen Trinkergesichtern und begrapschten, was unsere Landsleute hinterließen“, schrieb er. Einige Zeilen weiter gibt er aber auch Europa eine Mitschuld. „Wir haben den Sturz eines demokratisch gewählten ukrainischen Präsidenten unterstützt, wir hielten die Europäische Union für unbesiegbar und schoben unsere Grenzen bis an den Rand des russischen Reiches vor.“ Wir hätten den russischen Bären herausgefordert, schreibt er.

Nach einer vielfach belegten Erkenntnis der Sozialpsychologie halten Menschen ihre eigene Gruppe für überlegen – nicht in jeder Beziehung, aber doch ausreichend, um stolz darauf zu sein. Die europäische Kultur ist stolz auf ihre Vernunft, ihre Achtung von Menschenrechten und ihre grundlegende Ablehnung von Gewalt, die nur als letztes Mittel angesehen wird. Gleichzeitig prägt aber die kritische Distanz zu den Herrschenden das Selbstbild vieler Intellektueller. Dabei entsteht dann ein Denkmuster, das sich etwa folgendermaßen beschreiben lässt: Die Aufklärung hat dem Westen das Werkzeug für vernünftiges Handeln und maßvolles Regieren an die Hand gegeben. Unsere lebendige demokratische Kultur hat nach vielen Rückschlägen endlich zivilisatorische Reife erreicht, die es nie zu zuvor gegeben hat. Aber unsere Politiker machen immer wieder Fehler, die sich im Umgang mit weniger reifen Kulturen bitter rächen.

Dadurch entsteht eine kulturelle Arroganz, die etwas folgendes Grundmuster hat:

Wir handeln, die anderen reagieren nur. Die (übrige) Welt ist ein friedliches Biotop, jedenfalls so lange, bis wir Europäer gedankenlos darin herumtrampeln. Andere Staaten werden erst gefährlich, wenn wir sie reizen. Das hätten wir voraussehen können, ja müssen. Wir haben schließlich die Verantwortung für die Welt.

Diese Haltung führt im Extremfall zu grotesken Fehlleistungen. So doziert Alice Schwarzer, das Russland zweifellos eingekreist sei. Zum einen vom Westen, der sich die ehemaligen Ostblockstaaten unter den Nagel gerissen habe und zum zweiten von islamistischen Gotteskriegern. Die seien ihrerseits in den achtziger Jahren von den USA unterstützt worden, um die damalige Sowjetunion zu bedrängen (nachzulesen auf Alice Schwarzers Homepage hier und hier). Das ist an sich schon eine durchaus erstaunliche Interpretation der jüngsten Geschichte. Aber das ist noch nicht alles: Russland scheine noch nicht reif für eine Demokratie, meint Frau Schwarzer weiter. Und der autokratische Herrscher Putin bewahre Russland davor, in der Faust der Mafia zu enden. Nun werden zumindest die gebildete Russen sicherlich bezweifeln, dass sie nicht die nötige Reife für eine Demokratie haben. Und Putin ist zwar ein autoritärer aber kein autokratischer Herrscher. Frau Schwarzer hat das vielleicht mit dem Zaren verwechselt. Die russische Mafia lebt übrigens unter Putin recht komfortabel.

Immer wieder bescheinigen westliche Intellektuelle den Regierungen anderer Kulturen eine geringe Initiative und eine beschränkte Intelligenz – eingepackt in eine Kritik am westlichen Handeln. Ein Beispiel: Wenn wir Europäer voraussehen müssten, wie andere reagieren, wären wir ihnen offensichtlich überlegen. Andernfalls würden wir schließlich immer wieder Überraschungen erleben, oder ausmanövriert werden (was ja in der Realität auch ständig geschieht). Eine geistige Überlegenheit der Europäer anzunehmen oder zu fordern, ist schlicht unsinnig.

Wir sollten auch nicht vergessen, dass die meisten Regierungen im Rahmen ihrer Möglichkeiten eigene Pläne haben und vorantreiben. Die russische Regierung verfolgt entsprechend der Größe des Landes eine weltpolitische Agenda.

Haben wir also alles falsch gemacht?

Wir sollten uns nicht zu viele Vorwürfe machen: Schon Macchiavelli, der unübertroffen rationale Analytiker der Macht, weist in seinen Discorsi mehrfach darauf hin, dass man Menschen, denen man die Macht genommen hat, nicht mehr für sich gewinnen kann. Der Machtverlust der Sowjetunion kam für die meisten Russen völlig überraschend. Die Angehörigen des Regierungsapparats und des Militärs erlebten ihn als einen Absturz vom Gipfel in die Machtlosigkeit, eine zeitweilige Lähmung ihres Landes an Haupt und Gliedern. Sie sind seitdem extrem dünnhäutig und misstrauen gegen allen, die diese Schwäche tatsächlich oder vermeintlich ausgenutzt haben.

Wenn man Menschen oder Völker in eine demütigende Situation gebracht hat, so schreibt Macchiavelli, behandelt man sie entweder mit allen Ehren, oder man bringt sie um. Alles andere ist gefährlich, weil man die Kränkung durch keine spätere Handlung ungeschehen machen kann. Vielleicht sollten unsere Politiker mal wieder die Discorsi lesen.

Anmerkungen

[1] Genauer beschrieben in dem Buch:
Eli Pariser: Filter Bubble: Wie wir im Internet entmündigt werden, Hanser Verlag 2012

[2] Ich empfehle allen, den Originalartikel im Wired Magazine zu lesen. Er ist ebenso witzig wie erschreckend.

[3] An dieser Stelle kann ich mir einen kleinen Exkurs nicht verkneifen: Facebooks Erfolg ist ein Beweis, dass die Welt im existentialistischen Sinn absurd ist. Die Essenz folgt der Existenz. Die Inhalte von Facebook sind beliebig, es verstärkt nur bestehende Vorurteile, um Menschen in eine positive Stimmung zu versetzen. Das geschieht nicht etwa aus Mitgefühl, sondern um ihnen leichter Dinge verkaufen zu können. Facebook wirft den Menschen auf seine Existenz zurück, seine Essenz als Vernunftwesen wird nicht angesprochen. Er soll nicht denken, er soll sich bestätigt fühlen, damit er kauft, was ihm angeboten wird. Ideen, Weltanschauungen, Überzeugungen, Glaubensinhalten – sie alle bilden nur noch den austauschbaren Hintergrund einer zielgerichteten Verkaufsshow. Selbst extreme politische Inhalte lösen nur eine Datenbanksuche zur Präsentation der passenden Werbung aus. Könnte irgendetwas die Absurdität der Welt besser belegen der ungeheure Erfolg dieses digitalen narzisstischen Zerrspiegels?


24 Kommentare zu “Ukraine-Konflikt: Von Meinungsblasen und europäischer Arroganz”

  1. Rückblick Antworten | Permalink

    Um die "unangenehmen Bereiche der Psyche und die gefährlichen Aspekte von Gruppenprozessen" besser zu verstehen ist die frühkindliche Erfahrung (die dem alltäglichen Bewußtsein kaum zugänglich ist) unbedingt einzubeziehen. Guter Startpunkt, obwohl schon älter: Alice Millers Untersuchungen zu den Folgeschäden der 'Schwarzen Pädagogik', zum Thema hier am besten "Am Anfang war Erziehung" von 1980.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die Anfälligkeit für Lagerdenken und Verschwörungstheorien liegt auch an der Oberflächlichkeit des Informiertseins und auch der Berichterstattung zusammen. Für die meisten Westeuropäer ist das was im Osten passiert, selbst in den inzwischen zur EU gehörenden Ländern immer noch sehr weit entfernt und ausserhalb des geistigen Horizonts. Nicht von europäischer Arroganz sondern von europäischer Ignoranz, von west-europäischem Desinteresse würde ich hier sprechen. Die Zuspitzung der Situation in der Ukraine haben die meisten ohnehin erst wahrgenommen, als es schon kriegsähnliche Zustände gab. Auch die EU-Kommission, die mit der ukrainischen Regierung verhandelte und beispielsweise forderte, die Ukraine müsse im Laufe der geplanten Annäherung an die EU (und die Nato) ihre Handels und anderen Kontakte mit Russland reduzieren, hat dies wohl weniger aus Arroganz sondern schlicht aus Ignoranz, aus Unwissenheit oder Verdrängen der schon latent vorhandene Spaltung in der Ukraine, gefordert.

    Noch zum obigen Satz (Zitat)" Eine geistige Überlegenheit der Europäer anzunehmen oder zu fordern, ist schlicht unsinnig.". Die vermeintliche Überlegenheit der Europäer lässt sich sogar gegenüber den US-Amerikanern feststellen, im Urteil beispielsweise die US-Amerikaner seien der Elefant im Porzellanladen, handelten unklug und schadeten sich ausspolitisch selbst. Das alles mag stimmen, doch wie lässt sich dieses Überlegenheitsgefühl aufrechterhalten, wenn Europa gleichzeitig erwartet, dass im Krisenfall die US-Amerikaner die Initiative übernehmen, wie das Im Ukrainekonflikt wieder zu beobachten war, wo Obama zuerst Sanktionen gegenüber Russland forderte und die Europäer dem nachzufolgen hatten. Man kann tatsächlich sagen, ein typischer Westeuropäer weiss alles besser, übernimmt aber keine Verantwortung und handelt am Schluss so wie es die USA wollen. Bis vor kurzem - oder vielleicht immer noch - stimmt diese Diagnose.

    Informiert zu sein und die politischen Lage und vor allem veränderte politische Rahmenbedingung richtig einzuschätzen scheint aber für alle Seiten sehr schwierig zu sein. Das zeigen auch Pro-Russland-Stellungnahmen von Alice Schwarzer und Rudolf Augstein (im SPON). Wer für Russland eintritt neigt dazu, Russland als Nachfolgerstaat der Sowjetunion zu sehen und Russland deshalb Machtansprüche auf ihr früheres Herrschaftsgebiet zuzugestehen. Doch die Situation hat sich radikal geändert. Die nichtrussichen Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind heute souverän und können selbst entscheiden wie sie sich orientiern und mit dem sie enger kooperieren. Es gibt keine gerechtfertigten Machtansprüche Russlands mehr. Das heisst natürlich nicht, dass man Russland vollkommen ignorieren sollte. Es gibt seit dem Zerfall der Sowjetunion auch keine Grund mehr, warum Russland sich selbst oder warum der Westen Russland isolieren oder aufs Abstellgleis stellen sollte. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Putin selbst keine wirklich neue Orientierung Russlands wollte sondern dass er der Sowjetunion nachtrauerte und den russischen Nationalismus und Imperialismus aufleben liess. Hier kann man dem Westen vor allem vorwerfen, dass er diese Entwicklung weitgehend ignorierte.

    Noch zur Rolle des Internets: In Konfliktfällen und bei Meinungsverschiedenheiten hat das Internet inzwischen tatsächlich die Rolle eines Propagandamediums angenommen, wo hemmungslos Desiinformation verbreitet wird und keine Klärung mehr stattfindet sondern eine Vernebelung.

  3. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Geteilte Meinungen können eine Gruppe stärken oder überhaupt erst schaffen. Das bedeutet aber fast immer, dass die 'Wahrhaftigkeit' der Meinung dann nur noch eine untergeordnete Rolle spielt. Die Meinungsblase, die eine durch eine Meinung zusammengehaltene Gruppe aufbläst, ist quasi ihr (Schnecken-)Gehäuse, zusammengehalten durch den Kleister der positiven Gefühle, die das Teilen der Meinung auslöst.Die positiven Gefühle haben nur zum Teil den Inhalt der Meinung als Ursprung, zu einem viel grösseren Teil ist es die Übereinstimmung selbst, ist es die Lagerfeuerstimmung, die noch verstärkt wird, wenn das Lagerfeuer von vermeintlicher Dunkelheit umgeben ist. Wenn also potenzielle oder vermeintliche Gegner vorhanden sind, gegen die die Gruppe glaubt, ankämpfen zu müssen.

    Leider ist es so, dass fast jede Gruppe, die ein geistiges Band zwischen ihren Mitgliedern flechten will, Gegner und Feinde braucht. Wenn es sie nicht gibt, muss man sie sogar erfinden. Angeblich geht es einer durch einen geistigen Inhalt zusammengehaltenen Gruppe oft um die Wahrheit. Doch mit Wahrheit ist meist mehr der Austausch und das gemeinsame "Geheimnis" gemeint.

    Unter solchen Voraussetzungen nimmt die Qualität der Argumente ab, denn sie spielt nur noch eine untergeordnete Rolle.

    Was ich hier beschrieben habe ist ein Phänomen, dass zum Gruppenbildungsprozess gehört und wohl tausende von Jahren alt ist. Viele sozialen Gruppen, die sich im Internet bilden, inkarnieren dieses Muster aufs Neue, das heisst so wie es schon immer war. Nur eben mit technischen Mitteln, die es früher nicht gab.

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      In früherer Zeit waren Gruppen weniger austauschbar. Die Menschen in einer Nachbarschaft, einem Verein, einem Dorf, einer Firma bildeten eine Gruppe. Da gab es dann durchaus kontroverse Meinungen. Aber man hatte eben nicht die Wahl, einfach zu gehen, weil man mit den Menschen jeden Tag zu tun hatte.
      Bei Facebook bekommt aber man die Gruppe entsprechend seiner Meinung zugewiesen. Es fehlt also die kritische Diskussion, die sonst extreme Meinungen etwas zurückgehalten hat.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Stimmt. Deindividuation als (Zitat Wikipedia)"Phänomen, dass ein Individuum, wenn es sich in einer bestimmten Situation in einer Gruppe befindet, weniger stark entsprechend den gesellschaftlichen Verhaltenseinschränkungen handelt, als wenn es alleine in der Situation ist." erklärt hier wohl vieles.Anonymität, Verantwortungsdiffusion und Gruppengrösse begünstigen die Entmenschlichung, erhöhen über eine Enthemmung das Aggressionspotenzial und ermöglichen deviantes Verhalten als deviantes Verhalten nun nicht mehr des Individuums sondern der Gruppe.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Sind Meinungsblasen und Shitstorms nur eine Vorankündigung für Resident-Evil ähnliche Menschengruppen der zweiten Internetgeneration?
          Wartet das T-Virus als ultimatives Computer- und Menschenvirus nur noch auf den Zeitpunkt, wann es zuschlagen kann und uns alle in Zombies verwandelt?

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr und nur zum ersten Absatz Ihrer Nachricht :

      Geteilte Meinungen können eine Gruppe stärken oder überhaupt erst schaffen.

      Gruppen bilden sich, wenn sie bestimmte Meinungen teilen [1], im sozialen Sinne kann dies nur (weitgegriffen) politische Meinung sein.

      Das bedeutet aber fast immer, dass die 'Wahrhaftigkeit' der Meinung dann nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.

      Nicht, wenn die Gruppenbildung um wahrhaftige oder "wahrhaftige" Meinung herum geschehen ist, wie bspw. um die Aufklärung.

      Die Meinungsblase, die eine durch eine Meinung zusammengehaltene Gruppe aufbläst, ist quasi ihr (Schnecken-)Gehäuse, zusammengehalten durch den Kleister der positiven Gefühle, die das Teilen der Meinung auslöst.

      Negativ. So primitiv sind viele nicht.

      Die positiven Gefühle haben nur zum Teil den Inhalt der Meinung als Ursprung, zu einem viel grösseren Teil ist es die Übereinstimmung selbst, ist es die Lagerfeuerstimmung (...)

      Siehe oben.

      (...) die noch verstärkt wird, wenn das Lagerfeuer von vermeintlicher Dunkelheit umgeben ist. Wenn also potenzielle oder vermeintliche Gegner vorhanden sind, gegen die die Gruppe glaubt, ankämpfen zu müssen.

      Gruppen im oben beschriebenen Sinne haben Gegner und Feinde, vgl. :
      -> http://www.zeit.de/2002/31/200231_popper.xml

      --
      Aus nicht-neomarxistischer Sicht ist die oben beschriebene Gruppenbildung in etwa so natürlich wie Nachbars Lumpi spitz ist; dass nicht alle Leutz verständig, stattdessen soz. Nashörner sind, liegt in der Natur der Sache, unsereins kann an dieser Stelle aber nicht relativistisch werden und Gruppenbildung per se verdammend.

      MFG
      Dr. W (der gerade auch in den neuen Medien, gemeint immer: das Internet oder Web, hier in Ihrigem Sinne keinen Zuwachs sieht, sondern ganz zuvörderst die Chance)

      [1] oder zusammengezwungen werden, der Schreiber dieser Zeilen beschreibt hier und in der Folge den Ist-Zustand in "westlichen" Systemen *

      * die Richtungsangabe ist hier ein wenig irreleitend, gemeint sind immer Systeme, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementiert haben

      • schrittmacherm Antworten | Permalink

        Zitat:

        "Negativ. So primitiv sind viele nicht."

        -> Aber zu wenige. Und aus gewissem Grund. Also positiv - der Mob ist primitiv. Im Sinne Macchiavellis (und sonst auch allen, weil sich jeder selbst die Lösung ist).

        Das Menschen zu Nashörnern "werden" (gemacht wurden), liegt also in der Natur der "Sache"? Welcher?
        Ansonsten ist es natürlich Tatsache - dass sie diese Nashörner seien. Bei bedarf man nur das Leittier austauschen muß, woraufhin es regelmässig zu Ausbrüchen rassistischer und sogenannter faschistischer Art - im weitersten Sinne einfach auch nur Gewalt und gruppenbezogener Feindlichkeit führt. Gut zu sehen an den vergangenen 3-4 Jahren.

        Die Ukrainekrise hat hier anscheinend auch noch keiner verstanden. Ein Hauptfaktor dieser war / ist Tschernobyl und die Kontaminierung mit Schwermetallen, die in das Nervensystem eingebunden werden. Daraus entstand eine hochhomogene Gruppe, die langsam in den Schwarm hineingewachsen ist. Mit diesem also Geopolitik zu betreiben, war ein Kinderspiel.
        Keiner aber scheint die Auswirkungen von solchen Supergau´s auf den Menschen und sein Gehirn (und Bewusstsein) zu kennen, weshalb die Vorbereitungen auf die Problematik auch nicht auffielen.

        Übrigens:
        Einer dieser Leittiere dieser Nashörner war ich gewesen. Und man hat mich mit allerhand Mitteln versucht, aus dem Rennen zu nehmen. Es scheint gelungen. Nur dass ich mit letzter Kraft nochmal "reaktionär" Benzin ins Feuer kippte, weshalb es ab ende Februar dann ziemlich (un)rund abging. Das klappte nur, weil es doch so ist, dass Gefühle/Emotionen eine kollektive Interaktion erzeugen - ja nur im kollektiv existent sind. Und eben die Entscheidungen aufgrund solcher kollektiven Interaktionen "beschleunigt" werden (können). Das ganz selbstverständlich dank dem Tschernobyl-Supergau.

        Wers nicht glaubt - bitte, der solle mit seiner Nashorn-Version sich zufrieden geben, die ihm aufoktroyiert wird, ohne es zu merken.

  4. LongDong Antworten | Permalink

    Dieser Beitrag ist, bezogen auf seine Aussage, viel zu lang, ohne Mut, er ist unscharf und wachsweich, so daß die scheinbare Conclusio

    "Vielleicht sollten unsere Politiker mal wieder die Discorsi lesen."

    schließlich ohne Haken in der Luft hängt. "Mal wieder" die Discorsi lesen? Das hülfe also?

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Der Artikel ist keine Polemik, die auf eine bestimmte, pointierte Aussage zugespitzt werden soll. Er ist eine Analyse und stellt verschiedene Mechanismen vor, die zu der gegenwärtigen Situation führen könnten. Sie sind herzlich eingeladen, eine andere Meinung zu vertreten, oder weitere Faktoren zu ergänzen, die ihrer Meinung nach fehlen.
      Macchiavelli hat mit seiner schonungslosen Bestandsaufnahme erfolgreicher und erfolgloser Politik viel Widerspruch erzeugt. Aber er liegt meistens richtig und deshalb könnte es durchaus helfen, wenn unsere Politiker seine Werke lesen. Vielleicht wieder, vielleicht auch zum ersten Mal.

      • LongDong Antworten | Permalink

        Herr Grüter,

        dass Macchiavelli meistens richtig liege, sei unbestritten. Wenn "unsere Politiker" nun aber seine Werke lesen würden, was glauben Sie, wäre deren Erkenntnisgewinn? Es in Zukunft "besser" zu machen? Glauben Sie das? Das kann ich mir nicht vorstellen. Daher empfinde ich Ihren Beitrag, so wie er ist, als eine lediglich weitschweifende intellektuelle Spielerei ohne ernsthaft beabsichtigten Bezug zur Realität. Das ist angesichts der realen Situation des Mordens und Zerstörens überflüssig und unangebracht.

        Es braucht keine Polemik, um einen ernsthaften Standpunkt einzunehmen.

  5. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Die Handhandung der "Ukraine-Frage", viele Ukrainer sind Russen oder halb oder so und bekennen sich zur russischen Kultur, auch die Ukrainer gelten als irgendwie russisch ('Kleinrussen', vgl. mit den Weißrussen), scheint EU-seitig nicht sehr gelungen.
    Man wollte sich da wohl irgendwie "einkaufen", per Assoziierungsabkommen (in seiner gesellschaftlichen Wirkung nicht zu unterschätzen so ein Vertrag, wenn bspw. zum Vergleich auf andere A-Abkommen geschaut wird), hat Politiker aufgebaut, wobei die eigene Position aber schwach blieb.
    'Arroganz' ist hier nicht unbedingt festzustellen, eher Stümperei.
    MFG
    Dr. W (der ein echtes freundliches Zukommen auf die Russen erwartet hätte, sich Russland nach erfolgter Demokratisierung in der NATO vorstellen kann)

    • ShortDong Antworten | Permalink

      Sie können "sich Russland nach erfolgter Demokratisierung in der NATO vorstellen".

      Sie sind nicht nur ein Vielposter ohne Bedenken, Sie haben auch entsprechend "viel" Humor. Nach welchem Vorbild soll Ihrer Meinung nach die Demokratisierung stattfinden? Wie wir sie in Europa pflegen? Wie sie in den USA stattfindet?

      Und was sollte Russland bewegen in die NATO einzutreten? Weil man dort (in der NATO, also der USA) nichts anderes im Sinn hat, als demokratische Staaten in ihrer Entwicklung selbstlos zu begleiten, zu unterstützen und ggf. mit quasi gewaltlosen militärischen Mitteln zu verteidigen, wenn es um die Humanitas geht? Weil einer "erfolgten" (durchaus treffend, wenn auch nicht so gewollt) Demokratisierung eines Staates (nach westlichem Vorbild) eigentlich nur ein NATO-Eintritt folgen kann?

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Wenn die Alternative für Russland ein stärkerer Anschluss an China ist, dann wäre es wohl mit einer Natomitgliedschaft besser bedient, denn die chinesische Regierung scheint mir China im Zentrum zu sehen (Reich der Mitte). China wird auf ein angeschlossenes oder mindestens hegemonisiertes Russland wohl noch weniger Rücksicht nehmen als es der Westen tut.

        Langfristig wird der Einfluss von Russland auf das Weltgeschehen jedenfalls noch stärker zurückgehen als das schon passiert ist - und das ist ja genau das was Putin befürchtet. Wenn sich Russland mehr nach Asien und China orientiert , dann erwarte ich eher eine Beschleunigung dieses Prozesses.

      • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

        @ShortDong :

        Nach welchem Vorbild soll Ihrer Meinung nach die Demokratisierung stattfinden? Wie wir sie in Europa pflegen?

        So wie sie nach 1989 in weiten Teilen Europas, teils eindeutig erfolgreich, teils weniger, in den ehemaligen Teilen des imperialistischen Ostblocks möglich war?

        Die Vorstellung, dass Russland mit 80 Millionen Bevölkerung in Europa und weiteren 40 Millionen Bevölkerung in Sibirien wegen der Größe des Landes und seiner Heterogenität keine aufklärerische Demokratie einführen kann, war anfänglich denkbar und möglich.
        Viele im "Westen" wollten aber nicht.

        Vgl. :
        -> http://www.welt.de/politik/ausland/article131275099/Ukraine-meldet-Angriff-auf-russischen-Armee-Konvoi.html

        MFG
        Dr. W

        PS: Wer in die NATO gehört, ist nicht ganz klar, Israel will man nicht, die Türkei wollte man, man wird hier ein wenig aufpassen müssen.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          * []eine aufklärerische Demokratie

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          Es heißt wohl auch:

          * trotz der Größe des Landes

          MFG
          Dr. W (der nichts gegen eine Vorschau hätte)

          • ShortDong | Permalink

            "Es heißt wohl auch:

            * trotz der Größe des Landes"

            Warum nicht. Sie verlieren nichts dabei.

    • jade Antworten | Permalink

      "einkaufen" trifft wohl den Nagel auf den Kopf. Auf Pump versteht sich (im Namen des Bürgers / Steuerzahlers).

  6. Paul Stefan Antworten | Permalink

    Ein sehr guter Artikel, meiner Meinung nach.
    Die tatsächlich oder vermeintlich gekränkte Ehre spielt eine sehr wichtige Rolle in der Politik. Wie oft hört man, dass ein Staatsführer "sein Gesicht nicht verlieren dürfe", wobei es sich oft um Leute handelt, die ihre Länder eher treten als vertreten.
    Ein Gekränkter interpretiert das Verhalten der anderen bevorzugt unter dem Gesichtspunkt einer erneuten Kränkung: "jetzt schon wieder, sie machen es absichtlich". Andere Gründe werden gar nicht gesucht.
    Wurde Russland so schlecht behandelt? Die gefühlte Kränkung überwiegt da wohl die echte Kränkung. Die Analyse von Macchiavelli ist sicher sehr treffend, wie realisiert man das aber, "mit allen Ehren behandeln"? Das ging in der Renaissance vielleicht noch einfacher, etwas Gold, Ehrengeschenke, ein paar Titel ohne echte Macht. Es ist aber vielleicht auch ein Mentalitätsproblem. Die Westeuropäer sind da vielleicht schon zu nüchtern und die EU-Osteuropäer haben keine Lust, Russland "mit allen Ehren zu behandeln".

    Das 18. Kapitel von Macchiavellis "Il Principe" scheint mir Putin gut zu beschreiben.

    Der Fürst muss ein "Muster von Milde, Treue, Recht, Redlichkeit und Gottesfurcht scheinen. (...) Jeder sieht, was der Fürst zu sein scheint, nur wenige können mit Händen greifen, was er ist und diese wenigen wagen nicht, der Meinung der Menge entgegenzutreten, die obendrein die Majestät des Staates auf ihrer Seite haben. (...) Ein Fürst braucht nur zu siegen und seine Herrschaft zu behaupten, so werden die Mittel dafür stets für ehrenvoll gelten und von jedem gepriesen werden."
    (Übersetzung Ernst Merian_Genast, 1961).

  7. Horst Antworten | Permalink

    "Man hatte eigentlich gehofft, dass in den vergangenen Jahrzehnten die vielen Appelle an die Vernunft etwas geholfen hätten, aber offenbar vergeblich."

    Die vielen Appelle, die doch nur die Erpressung zur zeitgeistlichen Unterwerfung ins "Recht des Stärkeren" des nun "freiheitlichen" Wettbewerbs um "Wer soll das bezahlen?" und "Arbeit macht frei" waren!?

    Vernunft ist bisher immer nur der Bewußtseinsbetäubung im kreislaufend-geistigen Stillstand seit der "Vertreibung aus dem Paradies" angepaßt - Dummheit, konfus-gebildete Suppenkaspermentalität und teils LOGISCH brutal-egoisierendes "Individualbewußtsein", wo längst geistig-heilendes Selbst- und Massenbewußtsein wirklich-wahrhaftig / eindeutig-zweifelsfrei den vernunftbegabten Mensch in der Kraft des Geistes die uns alle im selben Maß durchströmt gestalten könnte :-)

  8. Horst Antworten | Permalink

    "Menschen sind beirrbar, sie erwarten ein Mindestmaß an Bestätigung für ihre Arbeit, sonst werden sie unsicher."

    In einer ignorant-arroganten Welt- und "Werteordnung", wo Ausbeutung und Unterdrückung bis zur Eskalation betrieben wird, da liegt der Irrtum vor allem im System!? ;-)

    • Horst Antworten | Permalink

      Besser:

      In einer ignorant-arroganten Welt- und "Werteordnung", mit Erwartungen und Hoffnungen in einer Hierarchie von und zu materialistischer "Absicherung", wo Ausbeutung und Unterdrückung bis zur Eskalation betrieben wird, da liegt der Irrtum vor allem im System!? ;-)

Einen Kommentar schreiben


− 5 = vier