Verschwörungstheorien in Zeiten des NSA-Skandals

29. Dezember 2013 von Thomas Grüter in Allgemein

Eigentlich sollte man annehmen, dass der Abhörskandal, den Edward Snowden losgetreten hat, die Verschwörungstheoretiker in aller Welt zu neuen Vermutungen anstachelt. Tatsächlich haben die meisten aber andere Themen. Und wenn die NSA doch eine Rolle spielt, dann kommen die Theorien aus einer ganz unerwarteten Ecke.

Niemand hätte vermutet, in welchem Ausmaß Briten und Amerikaner das Internet und die Mobilfunknetze abhören. Die Papiere, die der Guardian und die Washington Post von Edward Snowden erhalten hatten, schienen aus einem dystopischen Science-Fiction zu stammen. Kaum ein Bild, ein Text oder eine E-Mail läuft über das digitale Netz, ohne dass die NSA oder das GCHQ ihren Inhalt und ihre Adressaten überprüften. Mobilfunktelefonate, Flugdaten, Banküberweisungen, Kreditkartenbuchungen – nichts bleibt mehr privat, vertraulich oder geheim. Regierungsnetzwerke, die Rechnersysteme internationaler Organisationen die geheimen Daten von Industriefirmen, alles liegt offen. Über 50000 Netzwerke soll die NSA mit Schadsoftware gespickt haben. Wir dürfen annehmen, dass auch Chinesen und Russen fleißig an unseren Rechner lauschen, unsere E-Mails mitlesen, unsere Telefonate abhören. Vielleicht sind sie nicht ganz so erfolgreich dabei, vielleicht sind sie im Gegenteil noch erfolgreicher und haben es bisher nur besser verbergen können.

Hat einer der üblichen Verschwörungstheoretiker das unbemerkte Sterben der digitalen Privatsphäre vorhergesagt? Ein Blick auf die einschlägigen Internetseiten zeigte schnell: Niemand rühmte sich, dass seine Theorien wahr geworden seien. Auch in der bürgerlichen Presse wurde allenfalls der NSA-Experte James Bamford hervorgehoben, der bereits seit 30 Jahren vor der NSA und ihrem allumfassenden Zugriff auf Telefone und Computernetze warnt.

Er ist aber kein Verschwörungstheoretiker, sondern sammelt unverdrossen Fakten, die er erstmals 1982 zu einem Buch verarbeitete (The Puzzle Palace: A Report on Americas Most Secret Agency). Zu dieser Zeit wurde selbst die Existenz der NSA geheim gehalten, so dass Spötter die Abkürzung NSA als No Such Agency übersetzten. Bamford geriet in Konflikt mit den US-Behörden, die das Erscheinen seines Buchs verhindern wollten, aber er setzte sich durch und durfte schließlich veröffentlichen. Sein drittes Buch über die NSA The Shadow Factory: The Ultra-Secret NSA from 9/11 to the Eavesdropping on America wurde im Jahr 2008 ein Bestseller in den USA. Aber wie gesagt: Bamford ist investigativer Journalist, er stellt keine Theorien auf, er sucht nach Fakten. In Interviews mit der Zeit und der Welt ließ er keine Überraschung erkennen, wohl aber große Sorge, dass die Macht der Geheimdienste die Demokratie in den USA aushebeln könnte.

Die üblichen Verdächtigen dagegen blieben stumm, weder die rechten noch die linken Verschwörungstheoretiker in Deutschland hatten eine Überwachung in diesem Ausmaß geahnt oder behauptet. Deshalb liest man allenfalls Bemerkungen wie: „das haben wir immer schon gewusst“, oder „wundert doch keinen“. Auch in den USA regte sich vereinzelt Protest, die bekannten Verschwörungstheoretiker hielten sich jedoch auffällig zurück. Alex Jones wütete auf seinem infowars-Portal zwar gegen die allgegenwärtige Überwachung, aber er leitete keine neuen Verschwörungstheorien daraus ab. Das ist eher ungewöhnlich, denn normalerweise lässt er keine Gelegenheit aus, bizarre Behauptungen in die Welt zu setzen. Noch im Juni hatte sein Auftreten in der BBC-Sendung „Sunday Politics“ zu einem Eklat geführt. Er schrie seinen Diskussionspartner an und ließ weder ihn noch den Morderator zu Wort kommen. Unter anderem sah er Nazi-Deutschland als treibende Kraft hinter der Einführung des Euro. Der Moderator Andrew Neil erklärte zum Schluss sichtlich irritiert: „Wir haben heute einen Idioten im Programm“.

Auch die russische Presse hat sich auf andere Themen eingeschossen. Die Spekulationen zum Thema „Proteste gegen die Regierung der Ukraine“ schießen ins Kraut. Der Staatssender Rossija 1 greift dafür tief in die Geschichte. Am 1.12.2013 verbreitete er in den Abendnachrichten, Schweden, Polen und Litauen ständen hinter den Protesten. Sie wollten sich für die Niederlage rächen, die der russische Zar Peter der Große ihnen vor rund 300 Jahren beigebracht habe. Wenn das kein Motiv ist! Wladimir Putin möchte da offenbar nicht zurückstehen. Er sieht trainierte Kampftruppen an Werk und fühlt sich bei den Protesten der ukrainischen Opposition an die gut vorbereiteten Pogrome der russischen Vergangenheit erinnert.

Derweil konstruiert die Spitze der NSA ganz eigene Verschwörungstheorien. Am Sonntag dem 15.12.2013 erklärte Keith Alexander, Chef der NSA, in einem Interview mit dem Sender CBS, dass Deutschland vielleicht auch das Weiße Haus abhört. Sollte das stimmen, wäre es ein Armutszeugnis für die amerikanische Spionageabwehr. Aber leider weiß Keith Alexander nicht so genau, ob seine Vermutung wahr ist. Er deutete nur geheimnisvoll an, dass die Deutschen gute Spione haben. Seine Abteilungsleiterin Deborah Plunkett berichtete in der gleichen CBS-Sendung von einer „BIOS-Verschwörung“. Die Chinesen hätten ein Programm entwickelt, dass jeden Rechner bereits beim Start infizieren und lahmlegen könne. Das fest installierte BIOS (Basic-In-Out-System) übernimmt nach den Einschalten die Kontrolle über den Rechner und lädt das Betriebssystem. Eben diese grundlegende Software sollen die Chinesen zerstören können. Nur eine enge Zusammenarbeit zwischen Computerherstellern und der NSA habe diese Bedrohung beseitigt, erklärte der Nachrichtensender (Wer sich das Original anhören möchte: Hier ist der Link auf CBSNEWS). Das klingt großartig, aber nicht sonderlich überzeugend, weil wichtige Fragen offen bleiben. Was ist beispielsweise mit bereits ausgelieferten Computersystemen? Wären sie dem unheimlichen China-Virus schutzlos ausgeliefert? Ferner muss man davon ausgehen, dass die NSA nur amerikanische Computerfirmen informiert hat. Die hätten aber dann in einer auffälligen Aktion die BIOSe ihrer ausgelieferten Rechner aktualisieren müssen. Davon ist aber nichts bekannt. Kann die NSA ihrerseits auch Computersysteme zerstören? Unzweifelhaft haben sie in 50000 Computernetze Schadsoftware eingeschleust. Ein großangelegter Cyberangriff läge im Bereich ihrer Möglichkeiten.

Ich möchte diesen Beitrag mit der Bemerkung beenden, dass die Wirklichkeit auch im abgelaufenen Jahr wieder jede Verschwörungstheorie deutlich übertroffen hat.


16 Kommentare zu “Verschwörungstheorien in Zeiten des NSA-Skandals”

  1. Michael Marheine Antworten | Permalink

    Ich finde, es sollte uns alle erst recht vorsichtig stimmen, dass keine Verschwörungstheoretiker laut werden. Es gibt also keinen Stoff für sie zu schreiben! Warum? Eben, weil alles wahr ist! Und vielleicht auch alle möglichen Verschwörungstheorien bei weitem übertrumpft. Das kann sich kaum alles ein Theoretiker ausdenken, was hier längst Realität ist.

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Verschwörungstheorien können durchaus erfunden werden um von einer echten Verschwörung abzulenken. Im übrigen wendet NSA-Chef Alexander alle bekannten Techniken an um seine eigene Behörde im Nebel und Dickicht verschwinden zu lassen. Indem er eine Welt beschreibt, wo die NSA nur in der unteren Gewichtsklasse auftritt und dieser David seine Finanzierer, nämlich die US-Steuerzahler, vor Schlimmem bewahrt hat.

  3. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Es sei vorsichtig daran erinnert, dass immer wieder Nachrichten hochkamen, die die Überwachung des sogenannten islamistischen Milieus belegten.
    Was auf eine umfängliche Überwachung schließen ließ, zumindest der E-Mailsysteme und der Telefonie. Dass ein verdachtsunabhängiger "Lauschangriff" stattfand, kein selektiver oder punktueller.
    Sollen Nachrichten "vor NSA" herausgesucht werden?`

    MFG
    Dr. W

  4. Stefan Antworten | Permalink

    Zum Glück gibts schon seit jahrzehnten die Möglichkeit ein neues BIOS einzuspielen, so dass der Rechner wieder funktioniert und das ganz ohne Hilfe der NSA... wobei wer weiss, mit wem ich unter der Decke stecke... ;-)

    Und das vom NSA-Chef ist weniger eine Verschwörungstheorie, würd ich mal sagen, sondern der Versuch einer Ablenkung. Hätte mir da aber mehr erwartet.

  5. schrittmacherm Antworten | Permalink

    Warum sollten ausgerechnet die einschlägigen "Verschwörungstheoretiker" hier alles vorher gewusst haben? Von "Verschwörungtheoretikern" zu verlangen, dass sie das vorhergesehen haben sollten, ist nicht passend. Der V-Theoretiker sieht nicht kommen, sondern erkennt existierende GEfahren/Misstände. Der VT´ler ist mutmaßlich kein genialer "hochrechner" von Systemstrukturen für die Zukunft, sondern allendhalben genial genug, die Gegenwart zu erkennen. Abgesehen von solcherart ... ist natürlich vorher unklar, wer verschwört oder nur Realität oder Realitätsmöglichkeiten aus dem alltäglichen herrausfindet und hineinkonstruieren kann. Nicht alle Theorien sind oder werden öffentlich breit als "Verschwörungstheorien" erkannt.

    Ansich ist ein verschwörungstheoretiker nur dann ein Prophet, wenn die veschwörungsstrategie aufgrund der Theorie des VT´lers erst in die Welt kommt und sich als funktional erweist. Da ist es dann auch immer gut, wenn man den VT´ler und seine Theorie erstmal ordentlich verlacht und verhöhnt und strategisch gegen die Wand rennen lässt. Eine öffentlichkeitswirksam ins Lächerliche versetze VT ist die beste Tarnung für die Anwendung der VT in der Zukunft.

    Ich gehe übrigens auch davon aus, dass die derzeitige Überwachungsskandalversion zu einem gewissen Teil ebenso eine VT sei, die eben wesendliche Zielsetungen oder ganz andere Abläufe durch Überlagerung verbirgt. Was das nun wieder sei... weiß der Geier...

    Ich empfehle einfach nur die Finger vom Begriff "Verschwörungstheorie" zu lassen. Man geht inzwischen unweigerlich Gefahr, als Quotenpusher erkannt zu werden, anstatt was wesendliches zu besprechen.

    Eine VT hab ich aber auch noch:

    Angesichts ihrer Visionen und Verschwörung zm Zusammenbruch des Netzes ist es auch denkbar, dass durch den vertrauensverlust (der sich zwar scheinbar nicht einstellen will, aber dennoch noch drohen kann) die Infrastruktur zusammenbricht und nicht erst durch eine Katastrophe oder andere Missstände. Wenn das Netz vom Anwender nicht mehr verwendet wird, kann es seinen Betrieb nicht mehr aufrecht erhalten. Im Umkehrschluß "bezahlt" der Anwender den Betrieb des Netzes - soweit erwartbar und unkritisch. Aber er bezahlt eben auch die Möglichkeit und somit die Tatsache, dass er überwacht wird. Die nur logische Konsequenz aus dieser Zwangslage sei, dass der Anwender sich abwendet. Tritt das ein, bricht das Netz unweigerlich zusammen - ab Unterschreitung einer gewissen Nutzermenge ist auch nur der reine Betrieb nicht mehr aufrecht zu erhalten.

    Ja, was wäre denn dann?

  6. schrittmacherm Antworten | Permalink

    Da das Digitale nur und überhaupt funktioniert, wenn jedes Teil und jeder Teilnehmer adressiert ist, muß der Gedanke der Überwachung schon im ersten Gedanken an die Struktur der Systeme gekommen sein (können). Das wäre dann etwa spätestens 1990...?
    Ich wage zu erklären, das aus dieser Zeit kein digitales Dokument mehr aus "einschlägigen" Quellen im Netz verfügbar ist - oder wenig. Und ausgerechnet eine VT solle nun erhalten geblieben sein?
    Und der Gedanke, dass man Nachrichten (also Informationen) nur sinnvoll strukturiert und verlässlich von A nach B übermitteln kann, wenn eine Software angepasst an das System und seine Struktur das alles steuert, .... naja, da muß man nicht direkt auf den Gedanken kommen, das hier Informationen noch leichter und umstandsloser verwertbar sind. Kann man aber - wenn man den richtigen Kontext denkt.

  7. Karl Bednarik Antworten | Permalink

    Ich nehme stark an, dass die NSA die US-Steuerzahler tatsächlich vor einigem Schlimmeren bewahrt hat.

    Übrigens, den Eltern, den Partnern, in der Schule, beim Militär, am Arbeitsplatz, oder in einem Dorf, darf man ebenfalls nicht alles sagen, oder gar schreiben, was man sich denkt.

    Da macht doch das eigeneTagebuch, der eigene Computer, und das Internet keine Ausnahme.

  8. Hanno Antworten | Permalink

    Was mir in Sachen NSA-Affäre und Verschwörungstheorien aufgefallen ist kam eher aus einer vielleicht ungewohnten ecke, die Welt hatte einen Artikel und ich meine mich an 1-2 andere Sachen erinnern zu können die so in die Richtung gehen "Die Snowden-Enthüllungen sind ein Plot von Wladimir Putin um einen Keil zwischen Europa und die USA zu treiben". Belege dafür: Keine.
    Das war der Text:
    http://www.welt.de/debatte/kommentare/article121459636/Merkels-Handygate-ist-Putins-bislang-groesster-Coup.html

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Wenn Putin (Zitat) "einen Keil zwischen Europa und die USA treiben" will und Putin Snowdon unterstützt um die transatlantische Achse zu schwächen, dann könnte er zwar dieses Ziel erreichen, doch im Endeffekt könnte das Russlands Interessen sogar schaden. Es ist nämlich so, dass die USA nur darum (Zitat Welt) "die verbleibende Weltmacht" ist, weil es kein vereintes Europa gibt. Die Wirtschaftskraft der Europäischen Union übersteigt die der USA geringfügig und diese Wirtschaftsmacht übersetzt sich nur deshalb nicht in politische und militärische Macht, weil niemand ernsthaft von der EU spricht, sondern weiterhin die europäischen Nationalstaaten den Ton angeben. Wenn die NSA-Affäre die Europäer stärker eint, weil sie einsehen, dass sie sich nicht länger auf die USA verlassen können, dann könnte dieses vereinte Europa Russlands Ambitionen in die Wege kommen. Die Ukraine beispelsweise würde sich noch viel schneller für Europa entscheiden, wenn es wüsste, dass Europa es im Konfliktfall unterstützen würde. Heute kann es durchaus noch sein, dass beispielsweise Deutschland einen engeren Anschluss der Ukraine an die EU befürwortet nicht aber Frankreich. Es fehlt immer wieder an europäischer Einheit. Diese Einheit bräuchte es übrigens auch um eine Abwehr und einen Geheimdienst aufzubauen, der es mit der NSA aufnehmen kann.

  9. magdeburger Antworten | Permalink

    interessant ist doch immer wieder, das wenn man was zusagen hatimmer gleich als verrückter oder Verschwörer abgeschrieben wird. mir scheint, diese Methode hat system

  10. R.Busse Antworten | Permalink

    Im Artikel wird behauptet:
    "Niemand hätte vermutet, in welchem Ausmaß Briten und Amerikaner das Internet und die Mobilfunknetze abhören."

    Pardon, wenn ich es direkt so sage, werter Herr Grüter -- aber was ist das für ein Unsinn !

    Ich persönlich bin ganz selbstverständlich immer davon ausgegangen, daß Geheimdienste sich aller legaler und illegaler Methoden für ihre Arbeit bedienen -- so wie Kaninchenzüchter Kaninchen züchten oder Briefmarkensammler Briefmarken sammeln. Die jüngste elektronische Revolution hat dem einzelnen Menschen unerhörte persönliche Möglichkeiten gegeben hat, via Internet aktiv die ganze Welt zu kontaktieren, ebenso Software und Code weltweit austauschen zu können. Da muss(te) man doch nur eins und eins zusammenzählen, dass Geheimdienste dem nicht tatenlos zusehen (werden), sondern dies aktiv für ihre Zwecke nutzen werden.

    Und nun staunt die (westliche) Welt empört über die "Offenbarungen" des Herrn Snowden? War die Journaille und alle, die sich an der Empörung beteiligen wirklich so naiv, nichts davon anzunehmen?

    Noch ein rationales Schlusswort: wenn ich eingangs schreibe, "ich persönlich bin davon ausgegangen", dann sehe ich das keineswegs als Zeichen meiner besonderen Intelligenz oder Scharfsinn, sondern als Hinweis darauf, das unzählige Menschen (wenn auch vermutlich eine Minderheit) dies nicht anders sehen !!!

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Es geht nicht darum, dass niemand den Geheimdiensten zugetraut hätte, ihre Arbeit zu tun. Es geht um das Ausmaß. Auf dem 30C3 hat sich jedenfalls niemand hingestellt und gesagt: "Also, ich hab's gewusst, ihr etwa nicht?" Im Gegenteil: Der CCC hat als Ausrihter auf ein Mott verzichtet. "Wir sind sprachlos", hat Tim Pritlove dazu erklärt. Dies und weitere Berichte sind z.B. bei http://www.heise.de nachzulesen. Wenn schon die Experten von dem Ausmaß derart überrascht waren, dann bezweifele ich doch, dass jemand anders über ein grundsätzliches Misstrauen hinaus bescheid gewusst hat.

      • R.Busse Antworten | Permalink

        Von "ich habs gewusst" habe ich nicht geschrieben, Herr Grüter. Sondern ich habe kritisiert, dass Sie meinten, "niemand hätte VERMUTET". Rational begründbare Vermutungen sind kein Wissen, sie sind allerdings mehr als ein diffuses "grundsätzliches Misstrauen", wie Sie konzedieren.

        Um rationale Annahmen machen zu können, sind Wertungen in irgendeine Richtung, etwa "richtig", "falsch", "legal", "illegal", "moralisch", "unmoralisch" oder sonstwas nicht zielführend. Wer den Antrieb geheimdienstlicher Arbeit glaubt so verstehen oder einschätzen zu können, der ist auf der falschen Party.

        1.Trivialerkenntnis: wesentlicher Existenzgrund von Geheimdiensten ist es, konspirativ Informationen zu gewinnen - je mehr, effektiver und tiefgreifender, desto besser. Darüber zu streiten, halte ich für extrem sinnlos.

        2. Trivialerkenntnis: Geheimdienste schauen aus nationaler Sicht zu jeder Zeit auf die technischen und ökonomischen Realitäten. Es ist nun einmal so, dass der überwältigend grösste Teil des weltweiten Informationsflusses, ob nun geschäftlich, politisch oder privat, heutzutage elektronisch via Internet läuft (nicht nur www und email, sondern nach unzähligen, auch verschlüsselten, z.T. virtuellen Sub-Protokollen).

        3. Trivialerkenntnis: unabhängig der genauen Randbedingungen ist theoretisch maximale geheimdienstliche Informationsgewinnung dann erreichbar, wenn unbegrenzter Datenzugriff möglich ist.

        Davon ausgehend stellt sich die Frage: wodurch wird dieser jedem Geheimdienst innewohnende Drang gesteuert und begrenzt?

        Wichtige Antworten sind nicht allzu schwer zu finden: 1) ganz klar durch die verfügbaren technischen Möglichkeiten, 2) durch den nationalen rechtlichen Rahmen des Ursprungslandes (nicht durch internationale Vereinbarungen - diese bestimmen lediglich, in welchem Umfang geheimdienstliche, also konspirative Informationsgewinnung, notwendig ist. Genau aus diesem Grund wäre es übrigens naiv von politischen Regierungskreisen in Berlin, zu glauben, durch ein Anti-Spionage-Abkommen mit den USA, deren Spionage in Deutschland oder sonstwo ausschliessen zu können. Bei diesem Ansinnen ging es wohl eher um den Versuch der Gesichtwahrung und darum, der Öffentlichkeit durch politischen Aktionismus Handlungsfähigkeit vorzutäuschen.), 3) durch die finanzielle Ausstattung und die vorhandene "Manpower".

        Sie sehen, es war mehr möglich als diffuses "grunsätzliches Misstrauen". Wer sich dessen bewusst war, für den war und ist es die vernünftigste und rationalste ANNAHME, dass Geheimdienste den weltweiten elektronischen Informationsfluss IN MAXIMAL MÖGLICHSTEM UMFANG zu überwachen suchen.

        Hier nun kommt Snowden ins Spiel. Denn die spannende, und ohne Whistleblower nicht vorab hinreichend zu beantwortende Frage war, was das KONKRET bedeutet. Bedeutet "maximal möglichster Umfang" tatsächlich schon Komplettüberwachung des Informationsflusses - d.h.: kann ein Geheimdienst die anfallenden Datenmengen ausreichend lange speichern, und steht ausreichend leistungfähige Filter-Software zur Verfügung, um geheimdienstlich effektiv und nachhaltig relevante Informationen gewinnen zu können?

        Jeder - und ich betone: JEDER - Geheimdienst, der diese Frage mit Ja beantworten kann, wird dies auch tun, lediglich begrenzt durch den politischen Willen seines Usprungslandes! Ärgerlich an der öffentlichen Snowden-Rezeption ist es, dass die ganze Affäre lediglich auf US-amerikanische und (leiser) auf britische Geheimdienste bezogen wird. Wahrscheinlich wird man eines Tages aus den Wolken fallen und flugs eine "neue Affäre" konstruieren, wenn Geheimdienste anderer Staaten bei ähnlichem Tun erwischt werden sollten. Allerdings ist das weniger wahrscheinlich, denn dass ein Geheimdienst eines totalitären Staates eventuelle Verräter weit rigoroser aus dem Verkehr ziehen kann als Geheimdienste westlich-demokratischer Staaten, liegt auf der Hand.

        Deshalb:

        Es war und ist es vernünftig und rational, davon auszugehen, dass nicht nur US-amerikanische oder britische Geheimdienste nach maximalem Zugriff auf den weltweiten elektronischen Informations- und Datenaustausch streben (oder ihn ebenfalls schon haben), sondern z.B. russische, chinesische, israelische und andere Geheimdienste nicht minder.

        Nicht nur die letztgenannten Geheimdienste werden sich die Hände reiben, dass sie ungestört ihrer gleichartigen Arbeit nachgehen können, wenn sie sich nicht "erwischen" lassen.

        Entschuldigen Sie, wenn ich es abschliessen, auf Basis meiner vorstehenden Worte, noch mal bekräftige: Wer nur ein "grundsätzliches Misstrauen" konzediert, ist naiv und hat realitätsfern.

        Beste Grüsse und nichts für ungut.

        P.S.: der Text ist natürlich gesichert und ich werde ihn wohl für meinen eigenen Blog verwenden.

        • Thomas Grüter Antworten | Permalink

          Wenn Sie Recht hätten, dann wären die 8000 beim 30C3 versammelten Experten entweder extrem gute Heuchler, oder allesamt unglaublich naiv. Beides halte ich für ausgeschlossen. Ich gehe also nach wie vor davon aus, dass ein Großteil der Experten nicht gewusst hat, in welchem Ausmaß die Geheimdienste das Internet beherrschen. Vielleicht sollten Sie dem Chaos Computer Club Ihre Dienste anbieten.

          P.S.: der Text ist natürlich gesichert und ich werde ihn wohl für meinen eigenen Blog verwenden.

          Wie war das doch mit dem Misstrauen? Wenn ich Angst vor einer Diskussion hätte, würde ich keinen Blog schreiben.

          • R.Busse | Permalink

            Hallo Herr Grüter,
            nun ist er raus, der Blogartikel, der auf meinem 2.Posting hier beruht. Ich ziehe darin auch Schlüsse für das persönliche Verhalten im WWW (und selbstverständlich ist nicht alles auf meinem Mist gewachsen).

            Sollte es Sie danach drängen, mein Gedanken (kritisch) zu kommentieren, sind Sie gerne eingeladen.

            Beste Grüße

        • Grenzgängerin Antworten | Permalink

          @ R.Busse

          "P.S.: der Text ist natürlich gesichert und ich werde ihn wohl für meinen eigenen Blog verwenden."

          Darf man fragen, was Sie konkret damit meinen, der Text sei gesichert?

          In der Sache des Wissen könnens um diese Spionagedinge stimme ich Ihnen zu, nicht aber in Ihrer Äußerung gegenüber Herrn Grüter. "Wer nur ein "grundsätzliches Misstrauen" konzediert, ist naiv und ha[l]t realitätsfern." Herr Grüter schreibt das ja denen zu, von denen er die Informationen hat. Und ich würde schon sagen, dass es etliche gibt, die so "naiv und realitätsfern". sind, weil sie bestimmte Dinge aufgrund der persönlichen Situation und Befindlichkeit nie mitbekommen.

          Eine Aufmerksamkeit für solch negative Dinge fängt ja meist erst an, wenn man selber betroffen ist und sich zwangsläufig damit befassen muss.
          Für mich war nicht nur klar, dass es so ist. Ich hatte eben auch konkreten Anlass mich entsprechend zu bemühen, d.h. ich gehe schon seit einigen Jahren mit den transportierten Informationen per elektronischen Medien sehr restriktiv um. Das damit verbundene Handicap ist nicht gering, wiegt in meinem Fall den eventuellen Schaden aber nicht auf.
          Im Zuge meiner Forschung habe ich von Dingen gelesen, wovon die meißten nicht einmal träumen. Die neuen technischen Fähigkeiten sind aber nicht das eigentliche Problem, sie können und sollen ein Segen sein. Das Problem ist immer nur der menschliche Missbrauch. An dessen grundsätzlichem Abbau auf freiwilliger moralischer Ebene müsste wesentlich mehr gearbeitet werden, als an irgendwelchen Sicherunsgsystemnen. Das natürlich auch, aber der menschliche Missbrauch bleibt der Angelpunkt. Und das ist eine Sache der Moral.

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