Warum Klimagipfel heiße Luft erzeugen müssen


Der Klimagipfel in New York ist zu Ende, die Reden sind gehalten, und nichts ändert sich. Das ist nicht neu. Schon bei der Klimakonferenz1 vor fünf Jahren in Kopenhagen sollte ein bindender Vertrag zur CO2-Reduzierung verhandelt werden, aber die Konferenz platzte spektakulär. Ein neuer Anlauf soll 2015 auf der Klimakonferenz in Paris unternommen werden. Aber es steht jetzt schon fest, dass ein eventueller Vertrag erst 2020 in Kraft treten wird.

Die Reden und Beschlüsse auf der Klimakonferenz sind ein anschauliches Beispiel für die Fähigkeit von Menschen, Luftschlösser zu planen, zu bauen und prächtig auszuschmücken. Eigentlich wären einschneidende Maßnahmen angebracht, aber keine Regierung will ihren Bürgern persönliche Opfer zumuten.

Das kann man sehr schön am Scheitern des sogenannten Kyoto-Protokolls erkennen, dem bisher gültigen Klimaabkommen. Nach langen Verhandlungen beschlossen die Staaten der Welt 1997 auf der Weltklimakonferenz in Kyoto, dass die Industriestaaten ihre Treibhausgasemissionen ausgehend vom Basisjahr 1990 um insgesamt 5,2% senken sollten. Die EU verpflichtete sich freiwillig zu einem deutlich höheren Ziel von 8%, Deutschland bot 21%. Die Entwicklungsländer forderten vergeblich 35% und einen zusätzlichen Entschädigungsfonds für eventuelle Klimaauswirkungen. China, Indien und andere Schwellenländer zählte man nicht zu den Industrieländern. Sie verpflichteten sich lediglich, mit geeigneten Maßnahmen dem Anstieg ihrer Klimagasemissionen entgegenzuwirken. Die USA machten deutlich, dass sie keine bindende Verpflichtung akzeptieren würden. Das war kein gutes Omen, denn 1997 waren die USA der Staat mit dem weltweit größten Ausstoß von Klimagasen. Als Zeitrahmen für die Durchsetzung der Ziele wurden die Jahre 2008 bis 2012 genannt.

Tatsächlich aber stieg der durch menschliche Aktivität bedingte CO2-Ausstoß von 1990 bis 2012 weltweit von 22,5 Milliarden Tonnen auf 34,5 Milliarden Tonnen. (Quelle: Trends in global CO2-Emissions). Bis heute ist lediglich eine Verlangsamung des Anstiegs der Emissionen zu beobachten, nicht aber ein Stillstand oder ein Rückgang. Der Vertrag von Kyoto hat sein erklärtes Ziel demnach weit verfehlt. Anspruch und Vertragsklauseln klafften bereits bei der Unterzeichnung hoffnungslos auseinander. Die wichtigsten Geburtsfehler waren:

  1. Die Vertragspartner sahen die Reduktion der CO2-Emissionen nicht als Chance für Innovation, sondern als Bürde.
  2. Diese sollte allein von den Industriestaaten getragen werden, weil sie schließlich, historisch betrachtet, die meisten CO2-Emissionen zu verantworten hatten.
  3. Nur hatte es keinen Sinn, Schwellenländer wie China, Indien und Brasilien von vornherein auszunehmen. Sie sind für mehr als die Hälfte der weltweiten Emissionen verantwortlich. Ihr CO2-Ausstoß wächst derzeit ungebremst weiter.
  4. Das Kyoto-Protokoll vermischt zwei völlig unabhängige Aufgaben miteinander. Die Reduzierung der weltweiten CO2-Emission muss technisch gelöst werden. Diese Aufgabe galt aber zugleich als Korrektur einer moralischen Verfehlung der Industriestaaten. Sie sollten deshalb das Problem allein lösen, alle anderen hatten freie Hand für den weiteren Ausstoß von Klimagasen.
  5. Zusätzlich sollen die Industriestaaten auch eine Geldstrafe für ihre Umweltsünden an die Entwicklungsländer bezahlen, deklariert als Anpassungshilfe für die zu erwartenden Umweltveränderungen.
  6. Damit bewirkt das Protokoll bei vielen Menschen in den Industrieländern zunächst einmal ein Unbehagen. Sie haben den Eindruck, für alle Übel der Welt moralisch verurteilt zu werden (und bezahlen zu müssen). Das führt zu einer ablehnenden Haltung in der Bevölkerung.

Das Protokoll konnte übrigens erst 2005 (acht Jahre nach der Vereinbarung) in Kraft treten, nachdem Ende 2004 genügend Staaten unterzeichnet hatten. Die USA haben es nie ratifiziert, sie wollten sich nicht auf eine verbindliche Reduzierung festlegen. Die Europäer, die sich gerne als Musterknaben des Klimaschutzes sehen, vergessen gerne zu erwähnen, dass ein beträchtlicher Teil der CO2-Reduktion seit 1990 auf den Zusammenbruch der völlig veralteten Industrien in den Satellitenstaaten der untergegangenen Sowjetunion zurückgeht. Das gab ihnen einen fliegenden Start, auf der längeren Strecke droht ihnen jetzt aber die Puste auszugehen. Rückblickend sieht es so aus, als hätten die europäischen Staaten nur solche Reduktionsziele akzeptiert, die ohne großen Aufwand erreichbar schienen.

Das Dilemma der Schwellenländer

In den Schwellenländern wie Indien, China, Brasilien oder Mexiko wohnen mehr als 35 % der Weltbevölkerung. Deshalb halten sie den Schlüssel für die Reduktion von Klimagasen. Das Kyoto-Protokoll nahm sie ausdrücklich von der Pflicht zur CO2-Reduktion aus. Damit war das Abkommen von Anfang an wertlos, andererseits hätten die Schwellenländer keine Reduzierung akzeptiert. Sie wären dadurch in ein unlösbares Dilemma geraten, denn ihre Bevölkerung erwartete mehr Reichtum für alle, dichtere Infrastrukturen und eine zuverlässige Stromversorgung, die den stetig steigenden Verbrauch decken kann. Das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn die Regierungen der Schwellenländer eine Reduktion des CO2-Ausstoßes erzwingen wollten, würden sie die Steigerung des Wohlstands gefährden oder wenigstens verzögern. Das könnte zu blutigen Unruhen führen. China wird sicher etwas gegen die unerträgliche Luftverschmutzung unternehmen, denn darunter leiden die Bewohner der großen Städte inzwischen so sehr, dass sie Einschränkungen in Kauf nehmen würden. Aber insgesamt leben die Regierungen der Schwellenländer vom Versprechen einer besseren Zukunft. Für das abstrakte Ziel des Klimaschutzes werden sie keine Abstriche machen. Dabei ist ihnen schmerzhaft bewusst, dass eine Veränderung des Klimas zu Missernten und Hungersnöten führen kann. Aber ihre derzeitige Lage lässt ihnen keinen Raum für mutige Entscheidungen.

Geld für Klimaschäden

Die Entwicklungsländer wiederum fordern einen Klimafonds, der ihrer notleidenden Bevölkerung zugute kommt. Sie sehen sich als Hauptbetroffene des Klimawandels und wollen direkten Zugriff auf die Gelder. Mindestens 100 Milliarden US$ pro Jahr sollen die Geldgeber bereitstellen. Dieses Geld stammt wiederum ausschließlich von den Industriestaaten, die Schwellenländer fühlen sich nicht zuständig. Deutschland wird zwischen 5 und 10 Milliarden US$ im Jahr beitragen müssen, denn nicht alle Industriestaaten werden einzahlen. Bei der grassierenden Korruption in den meisten Entwicklungsländern wird das Geld wohl nur zum geringen Teil (wenn überhaupt) für Maßnahmen zur Klimaanpassung ausgegeben. Der größere Teil landet auf anonymen Konten bei verschwiegenen Banken in Zypern, auf den Bahamas oder den Niederländischen Antillen. Der Fonds wird das vorgesehene Volumen deshalb wohl nie erreichen.

Umweltorganisationen: die Aktion als Selbstzweck

Die vielen Umweltorganisationen tragen auch sehr viel weniger zur Rettung des Klimas bei, als sie selbst glauben. Sie leiden unter dem Problem, genügend Aktivisten zu halten und Spendengelder einzuwerben. Die Konkurrenz ist groß, und der Erfolg hängt von der Aufmerksamkeit der Medien ab. Spektakuläre Aktionen und griffige Parolen zählen mehr als sinnvolle Ziele oder wissenschaftlich fundierte aufgebaute Analysen. Die Methode wird zum Selbstzweck, der Aufwand für die Eigenwerbung frisst die Mittel, die eigentlich für das Ziel aufgewandt werden sollten. Viele der Organisationen haben sich inzwischen dermaßen verrannt, dass sie zum Ziel einer weltweiten Reduktion der Klimarettung nicht mehr beitragen.

Angesichts der vielen widerstrebenden Interessen wird jeder neue Vertrag nur heiße Luft produzieren.

Allein der Anstieg der Weltbevölkerung von 7 auf 9 Milliarden Menschen bis ca. 2040 macht jede Verringerung der CO2-Emission extrem schwierig. Wollte man den gegenwärtigen Ausstoß auch nur konstant halten, würde sich das Kontingent jedes einzelnen Menschen um 20% verringern.

Aber bewirkt nicht auch ein unzureichender Vertrag wie das Kyoto-Protokoll schon einen Sinneswandel? Ich fürchte: nein. Der Vertrag gilt den Regierungen in aller Welt als Beleg ihrer Anstrengungen und in der dritten Welt als Nachweis, dass ausschließlich die Industriestaaten die Verantwortung für die Verhinderung einer Klimakatastrophe tragen. Damit können sich alle ruhig zurücklehnen und einschneidende Maßnahmen auf später verschieben.

Was tun?

Wir leben nun mal in einer sehr unvollkommenen Welt. Wir haben aber keine weitere in Reserve, also sollten wir eine sinnvolle Strategie entwerfen und die Luftschlösser verlassen. Was ist zu tun:

  1. Die Reduktion der CO2-Emission darf nicht länger als Strafe oder Buße begriffen werden. Sie ist eine Chance für die Etablierung neuer Technologien.
  2. Wir brauchen zuverlässige Energie, die nicht aus Verbrennungsprozessen stammt. Erneuerbare Energien erfüllen diese Vorgabe nicht, solange wir Strom nicht einfach und billig speichern können.
  3. Diese Energie muss in den Entwicklungs- und Schwellenländern ebenfalls einsetzbar sein. Die Anlagen müssen einfach wartbar und billig installierbar sein.

Nur wenn wir diese drei Punkte realisieren, dürfen wir darauf hoffen, dass sich die globale Erwärmung in Grenzen hält und der Anstieg des Meeresspiegels nicht dazu führt, dass Holland versinkt, und meine Urenkel von meinem Haus in Münster aus direkt auf einen subtropischen Strand blicken.

Anmerkungen

1 Ein Klimagipfel ist nicht das gleiche wie eine Klimakonferenz. Die Veranstaltung in New York, offiziell „Leaders' Climate Summit" ist ein Sondergipfel, kein regelmäßiges Treffen. Die UN-Klimakonferenzen finden hingegen regelmäßig jedes Jahr an einem anderen Ort statt. Die letzte wurde im November 2013 in Warschau abgehalten, die nächste ist vom 1. bis 12.12.2014 in Lima vorgesehen. Auf der Konferenz Ende 2015 soll dann ein neues Weltklimaprotokoll verabschiedet werden, das 2020 in Kraft treten soll.


27 Kommentare zu “Warum Klimagipfel heiße Luft erzeugen müssen”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Liest sich ganz gut bzw. realitätsnah, der Artikel; die Situation ist global betrachtet auch spieltheoretisch interessant und dilemmatisch, denn aus dem unilateralen Einsatz für den Anthropozän ergibt sich für engagierte Länder ein wirtschaftlich negativer Nutzen und eine angemessene globale Angleichung der Interessen scheint nicht möglich.

    MFG + einen schönen Sonntag,
    Dr. W

  2. Karl Mistelberger Antworten | Permalink

    > Nach langen Verhandlungen beschlossen die Staaten der Welt 1997 auf der Weltklimakonferenz in Kyoto, dass die Industriestaaten ihre Treibhausgasemissionen ausgehend vom Basisjahr 1990 um insgesamt 5,2% senken sollten. Die EU verpflichtete sich freiwillig zu einem deutlich höheren Ziel von 8%, Deutschland bot 21%.

    Die 21% Deutschlands werden immer ganz stolz erwähnt. Man vergleicht sich gern mit den 5,2% der restlichen Welt.

    Verschwiegen wird das damit verbundene Cherry Picking. Bezugspunkt ist das letzte Jahr der DDR, deren ineffiziente Wirtschaft Unmengen von unnötigem CO2 erzeugte. Läßt man dieses weg, so ist Deutschlands Verpflichtung sowie die tatsächliche Reduktion eher bescheiden.

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Ja, die Deutschen haben nur das versprochen, was sie ohne großen Aufwand halten konnten. Auch Russland, das mit seiner Unterschrift 2004 das Protokoll erst verbindlich gemacht hat, verpflichtete sich im Grunde zu nichts. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war so viel veraltete Industrie verschwunden, dass Russland sogar noch die Möglichkeit zur Erhöhung seiner Klimagas-Emissionen gehabt hätte.

  3. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Vielleicht doch noch ein wenig kritisch angemerkt:

    Die Vertragspartner sahen die Reduktion der CO2-Emissionen nicht als Chance für Innovation, sondern als Bürde.
    (...)
    Die Reduktion der CO2-Emission darf nicht länger als Strafe oder Buße begriffen werden. Sie ist eine Chance für die Etablierung neuer Technologien.

    Wenn der anthropogene Ausstoß klimarelevanter Gase zu später entstehenden Anpassungskosten führt oder gar zu einer schwerwiegenden Störung des Gesamtvorhabens, wie angenommen werden darf -der Schreiber dieser Zeilen hat kein Problem mit dem Anthropozän, sondern nur mit bestimmten Prognosehöhen, die theoretisierte Erwärmung der terrestrischen Oberflächentemperaturen betreffend-, darf schon deutlich von einer besonderen Herausforderung oder von einem Problem gesprochen oder geschrieben werden.

    Das wäre sachnäher, käme ohne Marketing-Sprech aus und wäre frei von moralischer Aufladung.

    Wird aber primär von 'Chancen' gesprochen, könnte dies missverstanden werden und auf möglicher Empfängerseite von Leistung und Zahlung zur Annahme führen, dass auf "westlicher" [1] Seite erneut welche in Schuld-Theorie ("Western Guilt") machen und, zumindest indirekt anzeigen, monetär abgemolken werden zu wollen.

    Der Anthropozän und dessen Bearbeitung ist auch ein psychologisches Problem, aber gerade das weiß der werte hiesige Inhaltegeber natürlich.

    MFG
    Dr. W

    [1] Staaten, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, werden regelmäßig und irreführenderweise 'westlich' genannt.

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Thomas Grüter beweist wieder einmal sein Talent, Nebel zu zerstreuen und Licht auf die Stellen zu werfen, die es verhindern, dass der gordische Knoten und das Medusenhaupt der Probleme, Scheinlösungen und Ablenkungen durchschnitten werden kann.
    Ja, das Klimaproblem kann nur technisch gelöst werden, weil wir die CO2-Emissionen schlussendlich um mehr als 90% reduzieren müssen, dazu aber unseren Wohlstand nicht um 90% reduzieren können. Jeder, der etwas anderes behauptet und eine bescheidenere Lebensführung für alle verlangt, trägt zur Unlösbarkeit des Klimaproblems bei. Und ja, internationale Verhandlungen und Vertäge bringen viel weniger als erwartet, denn dahinter steckt die Illusion, es sei nur eine Sache des Willens und der Entschlossenheit um die CO2-Emissionen zurückzudrängen. Doch Regulierungen und von Parlamenten verabschiedete Klimagesetze ändern nichts daran, dass die CO2-Emissionen ohne echten Ersatz für die fossilen Energien nicht genügend stark reduziert werden können - mindestens in der langen Frist. In der langen Frist genügt eine effizientere Ölheizung nicht und mit dem Verzicht auf den Ferienflug in die Karibik lässt sich die Welt nicht retten. Schlimmer noch: Selbst wenn heute Sonntag, den 5.Oktober, die ideale nichtfossile Energiequelle gefunden würde, wäre das 2-Grad- Ziel nicht erreichbar - es sei denn die neue nichtfossile Technologie könnte sich gleich schnell verbreiten wie es die Mobilfunktechnologie getan hat. Energietechnologien verbreiten sich aber sehr viel langsamer, denn nur schon der Ersatz der fossilen Raumheizung durch eine nichtfossile erfordert Entscheidungen von Millionen Hausbesitzern.
    Angesichts dieser Diagnose, verwundert es, wie gering die Investitionen in die Energieforschung in den USA, Europa und China waren und sind. Eine solche Energieforschung müsste nicht nur die Energiequelle selbst sondern auch ihre Skalierbarkeit im Fokus haben. Die heutigen Atomkraftwerke beispielsweise liefern zwar nichtfossilen Strom, haben aber neben Sicherheits- und Entsorgungsproblemen auch noch Bauzeiten von über 5 Jahren und erfordern ein Heer von hochqualifizierten Ingenieuren. Allein das schon macht ihren weltweiten Einsatz schwierig und langwierig.

    Vielen Heutigen, die sich vor allem über die Medien und Regierungsverlautbarungen informieren, ist nicht bewusst beziehungsweise sie wissen gar nicht wie lange schon über das Klimaproblem diskutiert wird. Sie glauben deshalb, es sei realistisch die weltweiten CO2- Emissionen in zwei bis 3 Jahrzehnten -immerhin die Zeit, die man braucht um erwachsen zu werden - auf beispielsweise die Hälfte der heutigen Emissionen zurückzufahren. Doch schon 1975 diskutierten Alvin Weinberg, der Erfinder des Druckwasser- und Salzschmelzereaktors, und Amory Lovins (früher Kernkraftgegner, heute Erneuerbaren-Evangelist), der gerade ein Buch über Energie und gegen Atomkraft veröffentlicht hatte über den Treibhauseffekt und Alvin Weinberg sah in Kernkraftwerken eine Lösung dafür, während Amory Lovins den Treibhauseffekt damals für nicht so drängend hielt und zudem in der Nukleartechnik weit größere Gefahren erkannte als in den steigenden Treibhausgasen. Heute - 40 Jahre später - hat sich wenig geändert. Der einzige Unterschied ist der, dass Amory Lovins heute in den Erneuerbaren und dem Energiesparen die Lösung fast aller Probleme erkennt. Doch heute, 40 Jahre später, befindet sich 20% mehr CO2 in der Luft und Solar- und Windkraft liefern weltweit weniger als 1 Prozent der Energie und weniger als 3 Prozent des Stroms. Wie wird es in weiteren 40 Jahren aussehen, wenn es so weitergeht? Wer an Klimaverträge und die exponentielle Entwicklung der Erneuerbaren glaubt, für den sind in 40 Jahren alle Probleme gelöst. Ein gutes Beispiel für die dahinter steckende Geisteshaltung findet sich im Artikel
    «Wir allein können ja nichts ändern» – oder doch?

    wo man den Glauben wiedergegeben findet, Wille und Entschlossenheit könnten das Problem ohne weitere lösen:

    Mit mehr Sicherheit als je zuvor lassen sich nun die unangenehmen Folgen eines globalen Temperaturanstiegs von über zwei Grad Celsius abschätzen. Mit mehr Sicherheit als zuvor kann man heute aber auch sagen, dass wir es schaffen könnten, die globale Temperatur nicht wesentlich über zwei Grad hinaus steigen zu lassen, und dass die Kosten dafür nicht sehr dramatisch ausfielen, wenn wir unsere Treibhausgasemissionen umgehend deutlich reduzieren würden.

    wobei als Mittel zur Erreichung solcher Ziele folgendes angepriesen wird:

    Zweitens kann Klimaschutz auch zum gewinnbringenden Geschäftsmodell werden. Dies gilt vor allem für Länder und Firmen, die für innovative Technologien, z.B. bei der Erzeugung und Speicherung regenerativer Energien, rasch Absatz finden dürften.

    Diese Passage weckt den Eindruck, eine Firma könnte beispielsweise anstatt Büroklammern neu innovative Techniken für die Erzeugung und Speicherung regenerativer Energien anbieten.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr :

      Die heutigen Atomkraftwerke beispielsweise liefern zwar nichtfossilen Strom, haben aber neben Sicherheits- und Entsorgungsproblemen auch noch Bauzeiten von über 5 Jahren und erfordern ein Heer von hochqualifizierten Ingenieuren. Allein das schon macht ihren weltweiten Einsatz schwierig und langwierig.

      Die sog. Atomenergie basiert auf fossilen Ressourcen, sie wäre zudem, wie der Schreiber dieser Zeilen findet, als Variante die Energieerzeugung betreffend sinnhaft, um anthropogene und klimarelevante Ausgasung zu meiden.
      Hier beißen sich die Ökologisten, die die derartige Inbetriebnahme oder den Betrieb von derart Energie erzeugenden Anlagen zu behindern suchen mit ihren vorgeblichen Zielen,
      Aber nicht nur hier.

      MFG
      Dr. W

  5. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    100 500-Megawatt-Kohlekraftwerke könnten mit den 100 Milliarden Dollar Green Climate Fund-Geldern pro Jahr gebaut werden und werden vielleicht auch von den Empfängerländern gebaut, denn die Gelder werden nicht streng zweckgebunden vergeben. Dass dies zwar absurd nicht aber abwegig ist, zeigt der euraktiv-Artikel Polen investiert Milliarden aus Emissionshandel in Kohle wo man liest:

    Polen erhält Milliarden von Euro durch die Versteigerung von EU-Emissionszertifikaten und unentgeltlichen Emissionsrechten. Im Gegenzug verpflichtete sich das Land, seinen Energiemix zu diversifizieren. Nach Angaben von Klimaaktivisten soll das Geld jetzt aber in die Kohleproduktion und die Sanierung des Haushalts fließen. EurActiv Brüssel berichtet.

    Was ein europäisches Land wie Polen kann, kann ein asiatisches oder afrikanisches Land allemal.

    100 Milliarden pro Jahr sollen die Entwicklungsländer ( zu denen im UNO-Klimaprozess auch China gehört) ab 2020 vom Green Climate Fund pro Jahr erhalten. Das entspricht betragsmässig der gesamten Entwicklungshilfe. Ist dieses Geld eine Abgeltung für die Klimaschuld der entwickelten Länder wie das Thomas Grüter schreibt? Ja. Man kann es aber auch als Bestechung und Abgeltung für die Kosten von Klimaschutzmassnahmen sehen. Bestechung, weil die Entwicklungsländer sonst aus dem UNO-Klimaprozess aussteigen würden, denn warum sollten die Entwicklungsländer Geld für etwas ausgeben, dass Ihnen nicht bei der Entwicklung heute, sondern höchstens ihren Kindern hilft?
    Wenn die reichen Länder den sich entwickelnden 100 Milliarden pro Jahr zahlen müssen um sie im Boot der Klimaschutzwilligen zu halten, ist dies auch ein ganz schlechtes Zeichen für den Klimaschutz: scheinbar verursacht er gewaltige Kosten, Kosten die mindestens die Höhe der Entwicklungshilfe erreichen. So gesehen ist das ein ganz schlechtes Zeichen für den Klimaschutz. Sobald das Geld knapp wird und man sparen muss wird wohl beim Klimaschutz gespart.

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      Was ein europäisches Land wie Polen kann, kann ein asiatisches oder afrikanisches Land allemal.

      Zynisch formuliert, aber womöglich sachnah. - Zudem scheint der Rechtsbruch bzw. der Vertragsbruch sukzessiv eine Art EU-Grundlage zu werden.

      MFG
      Dr. W (der bei diesen Themata bei der Einschätzung auch immer zwischen vermuteter sinnhafter Maßgabe und Maßnahme schwankt und Wahlfreiheit oder Willkür)

  6. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Viele assoziieren Sonne+Windenergie mit Natur, mit der Abkehr von grossindustriellen Strukturen und der Globalisierung und mit der Rückkehr zur Selbstversorgung. Es ist auch Romantizismus, der Sonne+Wind zur Wunschenergie (zur Energie des Herzens) macht, wobei zusätzlich noch das moralische Element und die Schuldfrage dazu kommt, hier von Thomas Grüter ewähnt, weil die Schwellen- und Entwicklungsländern die Schuldfrage im Zusammenhang mit der Lastenteilung ins Spiel bringen.

    Die Reduzierung der weltweiten CO2-Emission muss technisch gelöst werden. Diese Aufgabe galt aber zugleich als Korrektur einer moralischen Verfehlung der Industriestaaten.

    Es gibt aber auch innerhalb der westlichen Gesellschaft eine moralische und politische Betrachtung des Klimaproblems. Naomi Kleins neues Buch "This Changes Everything: Capitalism vs. the Climate" schlägt in diese Kerbe. Sie lastet die Inaktivität dem Klimawandel gegenüber dem Kapitalismus an. Für sie ist"der Kampf für eine nachhaltige Wirtschaft auch der Kampf für eine gerechte und menschliche Gesellschaft, eine Ausweitung der Kämpfe für Arbeitsrechte, Bürgerrechte , soziale Rechte , und die Landreform , für Basisdemokratie gegen Elite Macht." Deshalb landen auch bei Naomi Klein Solar- und Windenerige ganz oben auf ihrer Positivliste der CO2-armen Energietechologien. Wer für Basisdemokratie ist, ist auch für Solarpanel auf dem Hausdach, denn damit befreit man sich von der Abhängigkeit von kapitalistischen Energiemultis und versorgt sich selbst.

    Leider kann die auf Deutschlands Dächern gewonnene Solarenergie diese Erwartungen - Selbstversorgung, Befreiung vom Joch der Energiemultis und vom Staat - ganz und gar nicht erfüllen. Schon von Tag zu Tag kann der Solardachbesitzer nicht auf die Sonne vertrauen, weil sie nicht jeden Tag scheint. Noch schlimmer ist die Tatsache, dass im deutschen Winter nur 1/5 der sommerlichen Solarenergie aufs Dach fällt. Es bleibt die Illusion der Selbstversorgung. Diese Illusion funktioniert so: "Ich speise übers Jahr genau gleich viel Strom ins Netz ein, wie ich selber wieder beziehe. Also bin ich autark"
    Es ist erstaunlich mit wie wenig ein Solardachbesitzer zufrieden ist. Nicht mit wie wenig Einspeisevergütung, sondern mit wie wenig Logik und eigener Denkarbeit.

    Meine Diagnose und Prognose: Energieinfrastruktur aus dem Bauch heraus aufbauen kann gewaltig in die Hosen gehen.

  7. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Auch China will zu den Empfängerländern der im Rahmen des Green Climate Fonds versprochenen 100 Milliarden Dollar pro Jahr gehören. Wie dem von China eingereichten Post-Durban-Papier China's Submission on the Work of the Ad Hoc Working Group on
    Durban Platform for Enhanced Action
    zu entnehmen ist, fordert China
    In finanzieller Hinsicht folgendes:
    1)

    "The 100 billion US Dollars per year by 2020 to be the starting point for developed country Parties to scale-up their financial commitments for the post-2020 period.."

    2)
    "financial support to developing country Parties through adequate and secured funding
    by developed country Parties to the GCF with at least 1% of their GDP per year from 2020"

    In Bezug auf Technologieentwicklung und Technologietransfer erwartet China folgendes:
    1) "Developed country Parties to promote, facilitate and finance the transfer of, or access to technologies and know-how to developing country Parties, by removing obstacles such as IPRs [Intellectual Property Rights], and by supporting the research, development, demonstration and deployment of technologies as well as the strengthening of endogenous capacities in developing country Parties
    ,"

    2) "Institutional arrangements resulting from the Bali process on technology to be further elaborated in order to support developing countries through improving the collaboration between the technology mechanism and other arrangements under the Convention, including establishing an international mechanism on IPR and a window for technology development and transfer under the GCF [Green Climate Fund]."

    Prognose: Die Forderung nach 100 Milliarden Dollar Klimagelder pro Jahr zusammen mit der Forderung, dass die entwickelten Länder mindestens 1% ihres BIPs an die Entwicklungsländer überweisen dürfte schlicht nicht erfüllbar sein. 1% des BIP's von Deutschland ist 36 Milliarden Euro. Soviel müsste Deutschland jährlich überweisen um die Forderungen Chinas - welches im Namen der Entwicklungsländer spricht - zu erfüllen. Dass unter diesen Umständen ein international verbindliches Klimaabkommen ab dem Jahr 2020 zustande kommt ist unwahrscheinlich. China und die anderen Entwicklungsländer haben es vor allem mit ihren finanziellen Forderungen sehr geschickt angestellt: Wenn das Abkommen scheitert, dann mit grosser Wahrscheinlichkeit an der fehlenden Bereitschaft der entwickelten Länder zu einem derart massiven Finanztransfer wie von den Entwicklungsländern gefordert.

  8. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Zuverlässige und kostengünstige CO2-freie Energie aus leicht wartbaren, billig installierbaren Anlagen fordert Thomas Grüter unter "Was tun?". Weil Sonne, Wind und "sichere" AKW's (also teure) diese Anforderungen heute nur in seltenen Fällen erfüllen - in Entwicklungsländern noch weit wengier als bei uns - darum werden weiterhin Kohle- und Erdgaskraftwerke gebaut - und das sogar in Deutschland und den USA.

    Viele hoffen darauf, dass sich die Technologie von Alternativeenergien mit der Zeit soweit optimiert, dass sich die Probleme von selbst erledigen. Inzwischen soll man möglichst viel Solarpanel und Windräder aufstellen und ihre Produktionsschwankungen mit fossilen Kraftwerken - die es ja ohnehin schon gibt -, ausgleichen: Wenn der Wind zuwenig bläst und keine Sonne scheint fährt man für eine hoffentlich nur kurze Zeit das Kohlekraftwerk hoch.

    Entwicklungsländer, die ihre Energie möglichst billig erzeugen wollen, werden diese Doppelversorgung -fossile+erneurbar - aus Kostengründer weniger oft verfolgen. Und selbst wenn sie sie verfolgen müssen sie bei einem Kapazitätsausbau Kohlekraftwerke bauen, genau wie Deutschland das jetzt tun muss um die AKW's zu ersetzen.

    Bill Gates schreibt in We Need Energy Miracles dazu:

    Why are clean-energy breakthroughs so important? As I mentioned here, the world is going to need a lot more energy in the coming decades—an increase of 50 percent or more between 2010 and 2040, according to U.S. government estimates. But today our biggest sources of energy are also big sources of carbon dioxide, which is causing climate change. In other words, the world’s energy sources have to be clean, as well as reliable and affordable.
    Today’s technologies are a good start, but not good enough. Some places don’t get enough regular sunlight or reliable wind to depend heavily on these sources. In any case, these and other clean-energy technologies are still too expensive to be rolled out widely in poor countries. They’re getting cheaper, but many developing countries aren’t waiting for these tools to become affordable. They’re building large numbers of coal plants and other fossil-fuel infrastructure now. That’s very unfortunate, but it’s understandable. We can’t expect them to wait decades for cleaner alternatives when their people need energy now.

    Zuverlässige und kostengünstige Energietechnologien werden aber nach Gates nicht von allein entstehen - auch nicht allein durch Marktkräfte. Es bräuchte eine gewaltige Investition in Forschung und Entwicklung. Diese Investition gibt es heute weder im privaten noch im Regierungsbereich. Die Ausgaben für Energieforschung sind im Vergleich mit dem Pharma-, Verteidigungs- und Luftfahrbereich und dem Computerbereich sehr sehr klein. Warum nur?

    • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

      @ Herr Holzherr :
      Bill Gates promoviert nachvollziehbarerweise die friedliche Nutzung der Atomenergie, im von Ihnen webverwiesenen Statement wie aber auch bspw. hier nachzuvollziehen:
      -> http://en.wikipedia.org/wiki/TerraPower

      Andererseits könnte er auch verantwortlich sein für links-kollektivistische und ökologistische Nachricht dieser Bauart:
      -> http://en.wikipedia.org/wiki/MSNBC_controversies [1]

      Insofern, Ihr 'Zuverlässige und kostengünstige Energietechnologien werden aber nach Gates nicht von allein entstehen - auch nicht allein durch Marktkräfte.' meinend, könnte es Sinn machen nicht Altvorderen, altem Geld und Neureichen zu folgen, wenn politische Maßgabe und Maßnahme angefordert ist, sondern der sog. Schwarmintelligenz.
      Diese befindet beizeiten anders, sie will, in "westlichen" [2] Ländern hier oft nicht folgen, was nicht schlecht sein muss.

      MFG
      Dr. W

      [1] Misstrauen, das Fachwort, könnte möglich sein, Bill Gates betreffend
      [2] wie immer sind mit dem "Westen" diejenigen Staaten gemeint, die den Ideen und Werten der Aufklärung folgend gesellschaftlich implementieren konnten, die Richtungsangabe ist hier irreleitend und es geht keineswegs um die Demokratie (die alles sein kann, auch früher die DDR und heute Nord-Korea sehen sich als höchst demokratisch (legitimiert)

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Die Weiterentwicklung der Atomtechnologie hätte die CO2-Emissionen schon jetzt zurückdrängen können. Eine Abkehr von ihr zugunsten von Technologien, die noch völlig unreif sind war und ist ein Fehler. Vielmehr sollten alle CO2-armen Technologien eine Chance erhalten.
        Dass zuwenig in Energieforschung investiert wird, damit hat Bill Gates absolut recht.

        Schwarmintelligenz - wie von Ihnen empfohlen - kann das Energieproblem jedoch nicht lösen. Im Gegenteil bedeutet Schwarmintelligenz im Energiebereich so wie ich sie kenne einen gefährlichen Romantizismus, der zu technisch untauglichen Lösungen führt und die Verwendung von Kohle, Öl und Erdgas perpetuiert.

        • Dr. Webbaer Antworten | Permalink

          @ Herr Holzherr :

          Im Gegenteil bedeutet Schwarmintelligenz im Energiebereich so wie ich sie kenne einen gefährlichen Romantizismus (...)

          Das war Schiller, gell, 'Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen; Der Staat muß untergehn, früh oder spät, Wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.' ?

          MFG
          Dr. W (der dies eben anders sieht, stattdessen eindeutig Sie als romantizistisch veranlagt sieht)

          PS:
          Macht aber nichts, jeder so gut er kann, und nach seiner Fa­çon, und hier richten Sie ja nur wenig Schaden an. Sie sind Schwyzer, gell?

  9. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Wird Deutschland und Europa dem Aufruf Thomas Grüters zu einer rationaleren Energiepolitik folgen? Nein. Jedenfalls nicht freiwillig.
    Thomas Grüter kritisiert ja indirekt die Erneuerbaren Energien weil sie heute noch keine überzeugende Gesamtenergielösung bieten, weil die Speicher fehlen, weil Erneuerbare Energien nicht "exportfähig" sind, also in Entwicklungsländern wegen fehlender Zuverlässigkeit, wegen Installations (Netz) und Wartungsproblemen weit weniger attraktiv sind als hier. Auch weil ein auf Wind und Sonne basierendes Energiesystem heute Kohle, Erdgas und Erdöl nicht völlig ersetzen kann.

    Doch der Trend zu Erneuerbaren ist in Europa ungebrochen. Selbst Frankreich will von Atomenergie auf mehr Erneuerbare umsteigen. Man darf ruhig sagen, dass der Glaube an die Erneuerbaren auch einen religiösen Zug hat. Doch es sind nicht etwa nur Gutgläubige, die an die Erneuerbaren glauben, es ist die Mehrzahl der Akademiker in den technischen und wissenschaftlichen Hochschulen Europas.Ein weiterer Grund für das Festhalten an den Erneuerbaren sogar in ihrer heutigen Form ist die Beharrungstendenz. es wurde bereits sehr viel investiert in die Erneuerbaren und es wird weiterhin investiert. Warum ist denn die fehlende Speichermöglichkeit von Strom (mindestens in Deutschland) kein KO-Kriterium? Weil die heutige Lösung, nämlich der Backup mit fossilen Kraftwerken - in Europa vor allem Kohle - aus europäischer Sicht gar nicht schlecht ist, denn Kohlekraftwerke hat es schon viele und wenn sie weiterhin bei Flauten und Sonnenmangel eingesetzt werden können ist das gut. Deutschland wäre übrigens mit seinen bestehenden Kohlekraftwerken ausgekommen. Doch der Atomausstieg hat die Rechnung geändert. Er erzwang den Neubau von (Braun-)kohlekraftwerken.

    Was heutige und ehemalige Professoren von technischen Hochschulen von den Erneuerbaren erwarten gibt folgender Kommentar aus dem ETH-Klimablog gut wieder:

    Hoffen auf ein Energiewunder? Die Kostensenkungen bei den Erneuerbaren, vor allem bei PV sind drastischer und schneller erfolgt als auch von den optimistischsten Verfechtern prognostiziert. Diese Entwicklung geht eher beschleunigt weiter. Weltweit wachsen diese Technologien exponentiell. Wie in dem Gleichnis mit der doppelten Menge an Reiskörnern in jedem weiteren Schachfeld, deren Menge auch noch weit über der Hälfte des Feldes lächerlich aussieht, wird das Potential der Erneuerbaren weiterhin krass unterschätzt. Im Gleichnis geht durch die Fehleinschätzung ein Königreich zugrunde, wir können realistisch mit dem "Wunder" einer kohlenstofffreien Energiezukunft rechnen.

  10. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Dieselaggregate sind die zuverlässigsten und einfachsten Stromlieferanten fernab von einem elektrischen Netz. Anders als Batterien laufen sie auch noch nach einem Monat Unterbruch vorausgesetzt man hat noch Diesel. Sie können problemlos in einer ländlichen, von jeder Infrastruktur abgeschnittenen Gegend in Afrika, Grönland oder Lateinamerika eingesetzt werden - und sie werden dort auch häufig eingesetzt

    Wenn wir auf die 2 letzten Punkte des Was tun? Unterkapitels noch einmal in Bezug auf Dieselaggregate rekapitulieren

    2) Wir brauchen zuverlässige Energie, die nicht aus Verbrennungsprozessen stammt. Erneuerbare Energien erfüllen diese Vorgabe nicht, solange wir Strom nicht einfach und billig speichern können.
    3) Diese Energie muss in den Entwicklungs- und Schwellenländern ebenfalls einsetzbar sein. Die Anlagen müssen einfach wartbar und billig installierbar sein.

    so sind Dieselaggregate nur deshalb "schlecht", weil der Storm, den sie lieferen aus Verbrennungsprozessen stammt.

    Doch nicht jeder Verbrennungsprozess erhöht den CO2-Gehalt der Atmosphäre. Die Verbrennung von Holz beispielsweise ist ein CO2-neutraler Prozess. Gelänge es CO2-neutralen Diesel in grossene Mengen und kostengünstig herzustellen, wäre das Klimaproblem gelöst. Tatsächlich gibt es heute mehrere Kandidaten für die Herstellung von CO2-neutralem flüssigem Treibstoff.
    1) Biodiesel/Biotreibstoff: Wäre eine Lösung, wenn der Ertrag pro Hektare genügend hoch liegen würde. Genetisch optimierte Cynanobakterien wie sie von Joule Unlimited verwendet werden, könnten hier die Lösung sein. Solche Bakterien betreiben die effizienteste Form der Photosynthese, die in der Natur vorkommt. Genetisch manipulierte Sorten dieser Bakterien erzeugen direkt Butan oder gar Oktan, also den Hauptbestandteil von Diesel.
    2) Electrofuel wäre eine weitere mögliche Lösung. Bei diesem Ansatz wird Strom durch einen Biotank geleitet und die Bakterien in diesem Biotank verstoffwechseln den Strom direkt in Biotreibstoff. Dass es solche elektrophile Bakterien gibt ist eine relative neue Erkenntnis
    3) Technische Synthese von Treibstoff aus CO2 und Wasser mithilfe von Energie unter Zuhilfenahme von Katalysatoren. Auch hier gibt es vielversprechende erste Ergebnisse.

    Für die Herstellung von Treibstoff mittels Strom wie in 2) und 3) beschrieben, benötigt man eine Stromquelle. Die Anforderungen an diese Stromquelle sind aber sehr gering. Es macht überhaupt nichts aus, wenn sie nur unregelmässig Strom liefert. Man könnte also mit Solarzellen letztlich Treibstoff herstellen und diese Solarzellen könnte man dort plazieren wo am meisten Sonne scheint. Der nötige Transport des erzeugten Treibstoff ist unproblematisch selbst wenn die Reise um den ganzen Globus geht, denn das passiert ja schon heute mit dem Rohöl. Die Energiedichte von Diesel kommt diesem Vorhaben entgegen. In einem Kilogramm Diesel hat es mindestens 30 Mal mehr Energie als in einem Kilogramm Batterie.

    Schlussfolgerung: CO2-neutrale Treibstoffe wären ein idealer Ersatz für alle fossilen Treibstoffe, wenn diese CO2-neutralen Treibstoffe kostengünstig und auf kleiner Fläche hergestellt werden könnten. Solche verheissungsvollen Technologien sollten weit starker erforscht werden als dies momentan der Fall ist. Es wird heute viel zuwenig in Forschung und Entwicklung im Energiebereich investiert. Warum nur?

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Vielen Dank, dass Sie die Gedanken in Beiträgen nicht nur kommentieren, sondern auch sinnvoll weiterführen. Das ist wirklich eine wertvolle Bereicherung, die ich nicht missen möchten. Zum konkreten Thema:

      Dieselaggregate sind vermutlich in absehbarer Zeit kaum zu ersetzen. Die Energiedichte von Benzin oder Diesel ist extrem hoch, etwa 20 bis 30 mal höher als die der besten kommerziellen Li-Akkus. Und es findet sich überall auf der Welt jemand, der ein einfaches Dieselaggregat warten oder reparieren kann. Die klimaverträgliche und preiswerte Herstellung von Dieselöl sollte also unbedingt vorangetrieben werden. Im Moment wird wirklich kaum investiert, denn Diesel aus fossilen Quellen ist billig und überall vorhanden. Das wird sich auch in den nächsten Jahren kaum ändern. Also ist Herstellung nach den von Ihnen skizzierten Methoden auf absehbare Zeit zu teuer. Hier sollte wirklich die internationale Staatengemeinschaft eingreifen und die Forschung vorantreiben. Aber ehrlich gesagt, sehe ich im Moment da wenig Bewegung.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Zitat:" die internationale Staatengemeinschaft [solte] eingreifen und die Forschung vorantreiben". Ja, warum aber tut sie es nicht? Meine "Verschwörungstheorie" dazu ist folgende: Für viele Staaten, Industrieführer und Politiker ist Klimaschutz ein Lippenbekenntnis. Sie fürchten in Wirklichkeit nicht ein sich änderndes Klima sondern eine zu schnell Abkehr von den fossilen Rohstoffen. Putin, die Saudis, Kanada, die USA und viele Länder und Firmen mehr könnten auf ihren Öl- und Gaserserven sitzen bleiben - das ist möglicherweise eine Angst, die es in nicht wenig Hinterköpfen gibt. Windräder und Solarpanel dienten solchen Personen nur als Aushängeschild und wären sogar willkommen, weil sie Kohle, Erdöl und Erdgas auf absehbare Zeit nicht vollkommen ersetzen können.

        • Thomas Grüter Antworten | Permalink

          Sie brauchen keine Verschwörungstheorie zu bemühen. Gehen Sie einfach davon aus, dass sich keine Regierung leisten kann, eine Politik zu verfolgen, die den materiellen Wohlstand ihres Volkes gefährdet. Das ist ein universelles Gesetz der Politik. Das EEG in Deutschland ist ein schönes Beispiel dafür. Die Industrie soll unter keinen Umständen über Gebühr belastet werden, damit sie nicht abwandert. Das führt zu der absurden Folge, dass hoher Stromkonsum noch belohnt wird, entgegen der offiziellen Politik. Solange eine zuverlässige und preiswerte Stromversorgung über fossile Energie am billigsten ist, bleibt sie bestehen. Die Sonntagsreden der Politiker ändern daran auch nichts.

          • Dr. Webbaer | Permalink

            Gehen Sie einfach davon aus, dass sich keine Regierung leisten kann, eine Politik zu verfolgen, die den materiellen Wohlstand ihres Volkes gefährdet.

            Einschränkung: Aber nur wenn dies vom Volk bemerkt wird. Sollte die EZB bspw. Staatsfinanzierung betreiben und keiner merkt's (sofort oder mittelfristig), könnte es wieder einer Regierung, die internationalistisch aufgestellt ist, passen, im Sinne einer angestrebten Kohärenz.
            Beim bundesdeutschen EEG scheint dies mal die angestrebte Version gewesen zu sein.
            BTW, Herr Holzherr, 'Verschwörungstheorie' (...) Windräder und Solarpanel dienten solchen Personen nur als Aushängeschild und wären sogar willkommen, weil sie Kohle, Erdöl und Erdgas auf absehbare Zeit nicht vollkommen ersetzen können.', ist u.a. auch der Ansicht, dass die Primaten Macht an IT-Systeme abgeben sollten, weil diese sich besser um die Erde und deren Personal kümmern könnten.

            MFG
            Dr. W

  11. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die EU fordert die Förderung der Erneuerbaren durch alle Mitgliedsstaaten. Und das ohne erkennbare Gesamtenergiestrategie wie von Thomas Grüter gefordert.
    Der Euraktiv-Beitrag Report: In EU, renewable energy is the first recipient of state aid findet folgenden Verteilschlüssel für öffentliche Energieinvestitionen in den EU-Staaten im Jahre 2012: Sonne 14.7 Milliarden Euro, Wind 10 , Biomasse 8, Hydro 5, Kohle 10, Nuklear 7, Gas 5 Miiliarden Euro.
    Offentsichttlich bewegt sich Europa investitionsmässig in Richtung eines Sonne/Kohle-Energiegemisches, wenn auch Wind (noch) leistungsmässig mehr beiträgt als Sonne. In der Praxis bedeutet das bis heute, dass konventionelle Kraftwerke den gesamten Strombedarf Europas abdecken können, dass aber bei viel Sonne und Wind die Kohle- und Gaskraftwerke ihren Betrieb unterbrechen. Europa könnte den Anteil von Erneuerbaren am Gesamtenergiegemisch durch den Bau von flächendeckenden Transmissionsleitungen erhöhen, womit 40% weniger Situationen aufträten wo auf konventionelle Energien umgeschaltet werden müsste.

    Ein hoher Solarstromanteil hätte in Europa auf jeden Fall das Problem der hohen saisonalen Schwankungen. Im Winter müssten/müssen sehr viel mehr Kohlekraftwerke über sehr viel längere Zeit aktiv bleiben als im Sommer.

    Frage: Wie will Europa vor diesem Hintergrund je dazu kommen, 80 oder gar 100% des Stroms ohne konventionelle Kraftwerke zu erzeugen?
    Antwort: Das weiss heute niemand. Es gibt zwar Lösungen wie power-to-gas, die sind aber sehr ineffizient. Offensichtlich hofft die EU und hoffen die Erneuerbaren-Evangelisten, dass sich irgendwann eine Lösung zeigt, eine Technologie entsteht, die die Situation ändert.

    Schlussfolgerung: Es ist heute offen ob Europa die anvisierten CO2-Reduktionsziele für 2050 erreichen kann, denn ihr Energiemix beinhaltet heute und in absehbarer Zukunft zuviel CO2 intensive Energien. Sie kann es nur, wenn Energietechnologien eingesetzt werden, die im heutigen EU-Energiemix fehlen. Dass im Jahr 2012 in der EU 10 Milliarden Euro in Kohlekraftwerke investiert wurden, ist jedenfalls kein gutes Zeichen.

  12. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Erneuerbare sind nicht zuverlässig ist eine wichtige Aussage von Thomas Grüters Beitrag.
    Und es fehlen die einfachen und billigen Speicher.
    Dieser Einwand gegenüber Erneuerbaren Energien ist auch den Erneuerbaren-Evangelisten bekannt. Eine Antwort darauf findet man in REN21. Kurz zusammengefasst: Hohe Integrationsraten von Erneuerbaren sind auch ohne Speicher möglich entweder durch Transmission oder/und durch Überkapazität. Zudem ist der Anteil von EE meist noch so klein, dass es jetzt kein Problem ist und man auf die billigen Speicherlösungen in 10 bis 15 Jahren warten kann.

    Is Energy Storage Necessary for High Levels of Renewables?
    As noted in this chapter, the conventional view persists that high shares of renewable energy will require expensive storage technologies that must await further development. Many experts disputed this view, saying that the wide range of other options to manage variability mean that high shares are possible without storage. “We think little or no storage will be needed, at least in the United States,” said one U.S. energy expert, who believed that in most cases, storage can be confined to distributed applications, notably in electric vehicles (see following section on transport).
    Many experts believed that storage will indeed be needed before 2030, but for now, “the immediate need is not that great; we can manage fine with pumped hydro and gas, even up to high levels,” said one. Another utility expert noted: “storage has to come down
    to one-tenth the cost of generation for us to use it in a big way. We really don’t need it as much as we think. It’s cheaper just to add more generation to compensate for variability than it is to have lots of storage.” And another said, “We don’t need any storage breakthroughs over the next 15–20 years, so we have something of a ‘15-year reprieve’ from needing storage because we can accomplish grid stability with other options, foremost among them demand-response.”

    • Thomas Grüter Antworten | Permalink

      Die Argumentation von REN21 ist Wunschdenken. Bei einer ruhigen Hochnebelwetterlage im November liefern Wind- und Solaranlagen weniger als 10% ihrer Nennleistung. Das kann durchaus drei Wochen anhalten, und dann brauchen wir entweder Speicher oder Reservekraftwerke. Eine Überkapazität besteht jetzt schon, und in den nächsten Jahren werden wir vermutlich mindestens 10% der erzeugten Leistung aus Wind- und Solaranlagen zwar bezahlen müssen, aber nicht verwenden können. Ausreichende Übertragungskapazitäten gibt es derzeit nicht, schon der jetzt unmittelbar notwendige Ausbau stößt bereits auf heftigen Widerstand. Zur Zeit bemühen sich alle Beteiligten, die schon absehbaren Probleme einfach wegzuerklären, statt sie zu lösen.

      • Martin Holzherr Antworten | Permalink

        Nach Amory Lovins macht die richtige Choreographie von Wind,Sonne und Biomasse (als abfrufbare Energie) Speicher weitgehend überflüssig, wobei Lovins auch annimmt, dass die Konsumenten ihren Verbrauch bei Bedarf herunterschrauben und Spitzen vermeiden könnten indem sie beispielsweise zum Kühlen im Hochsommer in der Nacht hergestelltes Eis verwenden. Die Details kann man dem Artikel Renewable Energy Expert: We Don't Need Power Storage, Just Dance Lessons entnehmen.

        Grössere Lücken wie oben dargestellt - viele Tage ohne Sonne und Wind - lassen sich so allerdings nicht ausgleichen. Eine wochenlange Flaute kombiniert mit einer wochenlangen Bewölkung würde aber kaum je ganz Europa betreffen. Ein europäisches Supergrid würde also den Speicherbedarf insgesamt senken.

        • Thomas Grüter Antworten | Permalink

          Ich hätte nichts dagegen, wenn das funktioniert. Allerdings haben wir derzeit nicht einmal ein belastbare Planung für ein europäisches Supergrid und die richtige europaweite "Choreographie" der erneuerbaren Energien ist ein kybernetischer Alptraum. Bisher sehe ich also nicht, dass ein Speicher oder eine Kraftwerksreserve überflüssig wäre.

  13. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    "92% of Germans in favour of further expanding renewables " liest man im Euraktiv-Beitrag Germany plans first ever cut to green energy levy

    Thomas Grüter gehört mit seiner Erneuerbaren-Skepsis scheinber zu einer Minderheit. Man liest nämlich zu den Gründen für die starke Unterstützung Erneuerbarer durch die Befragten:

    But despite higher costs, the German population still strongly supports renewable energy sources. 92% consider more intensive expansion of renewables either "important" or "extraordinarily important".
    These are the results of a representative survey conducted by the polling institute TNS Emnid on behalf of the Agency for Renewable Energies in October 2014. The survey included more than 1,000 respondents throughout Germany and its results are comparable to previous years.

    "Apparently, the politically-inflated cost debate has not taken hold among citizens," said Vohrer. "The citizens primarily associate benefits with renewables, such as climate protection or generationally sound concepts."

    75% of those surveyed responded that renewable energies contribute to a safer future for next generations. More than two-thirds said they see climate protection as a benefitting particularly from generation through solar, wind, etc ..

    92% der Befragten sind also für die Erneuerbaren Energien und für den Zubau noch mehr Erneuerbarer Energien. Ein erstaunlich hoher Prozentsatz, berücksichtigt man die doch hin und wieder kritischen Stellungnahmen in einzelnen Medien.

    Meine Prognose: Sollten sich herausstellen, dass die Erneuerbaren Energien die in sie gesteckten Hoffnungen nicht erfüllen, könnte die Stimmung in der Bevölkerung umkippen mit der Gefahr, dass das Heil wieder bei der Kohle gesucht wird. Allerdings wird sich so ein Urteil - EE erfüllen die in sie gesetzten Erwartungen nicht - wohl erst in vielen Jahren herausbilden, denn die meisten erwarten ja, dass die bekannten Probleme der Erneuerbaren mit der Zeit verschwinden. Objektiv kann man nur sagen: Falls es keine technischen Durchbrüche gibt, verschwinden die Probleme mit den Erneuerbaren nicht, sondern sie werden mit grösserem Durchringungsgrad sogar noch grösser.

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