James Webb Space Telescope vor dem Aus

8. Juli 2011 von Michael Khan in Raumfahrt

Es wird und wird nicht fertig und die Kosten laufen davon. Die Geschichte des James Webb Space Telescope, dem Nachfolge-Projekt des Hubble-Space-Telescopes der NASA mit der ESA als Juniorpartner, kommt mir sehr vertraut vor. Das habe ich so durchaus auch schon erlebt.

Ist es eine Tragödie? Oder eine Farce? Erst dachte man, die Lage sei ernst, aber noch nicht hoffnungslos. Mittlerweile ist sie wahrscheinlich eher hoffnungslos, aber nicht mehr ernst.

  • Erster Akt: Das Next Generation Space Telescope (2002 umbenannt in James Webb Space Telescope) wird als Nachfolger des Hubble Space Telescope geplant. Es unterscheidet sich erheblich von seinem Vorgänger: Das JWST beobachtet im nahen Infrarot, es wird in einer weiten Lissajous-Schleife um den Lagrange-2-Punkt auf der verlängerten Verbindungslinie von der Sonne zur Erde positioniert, es soll nicht von Astronauten gewartet werden. Es hat keinen Tubus und sein Primärspiegel hat einen Durchmesser von 6.6 Metern und ist aus 18 sechseckigen Segmenten zusammengefügt. Die ursprünglichen Kosten wurden unrealistischerweise mit 1.6 Milliarden Dollar (davon 900 Millionen für die Entwicklung des Bus, der Rest für Instrumente, Start und Betrieb) veranschlagt, das Startdatum nicht später als 2011. Die Startmasse ist mit 6.5 Tonnen etwa die Hälfte der des Hubble, aber die Komplexität ist weit höher. Nicht nur der Primärspiegel muss nach dem Start von einem Mechanismus aus den 18 Einzelspiegeln in ihrer verstauten Position zum großen Spiegel in seiner operationellen Konfiguration zusammengesetzt werden. Auch der Sonnenschirm, der aus vielfachen Lagen reflektierender Folie besteht, muss von einem Mechanismus aufgespannt und straff gehalten werden. Mechanismen sind des Raumfahrtingenieurs Alptraum (siehe youtube-Film weiter unten). Sie sind das Gegenteil vom favorisierten KISS-Prinzip, das bei Hubble durchaus noch Anwendung fand.
  • Zweiter Akt: Verzweifelte Versuche, das unrealistische Budget und den Zeitplan einzuhalten, führen zu einer Kette von Verzögerungen und Kostensteigerungen. Der Start sollte 2014-15 sein, heute wird 2018 angepeilt, aber selbst das scheint nicht zu halten zu sein. Die anvisierten gesamten Projektkosten sind mittlerweile bei fast 7 Milliarden Dollar angelangt. Dieses Projekt, dessen Kontrolle seinem Management vollkommen entglitten zu sein scheint, saugt wie ein schwarzes Loch Mittel aus dem NASA-Budget für astrophysikalische Forschung. Dieses umfasst nur 1.1 Milliarden Dollar pro Jahr, sodass die Zusatzkosten für das JWST sich verheerend auswirken. Als Folge tritt sowohl bei der Gravitationswellenmission LISA und dem Röntgenteleskop IXO der berüchtigte "Out of Money Error" auf.
  • Letzter(?) Akt: Das "House Appropriations Committee", das auch über die Mittelvergabe an die NASA entscheidet, zieht am 6.7.2011 die Reißleine: Der Budgetplan für das Fiskaljahr 2012, das im Oktober 2011 beginnt, sieht ein NASA-Budget von 16.8 Milliarden Dollar vor, 1.9 Milliarden weniger als die vom Weißen Haus geforderte Summe. Es sind darin keine Mittel mehr für das JWST vorgesehen.
Videosequenz, die das "Entfalten" des JWST beim Übergang aus der Startkonfiguration in die operationelle Konfiguration zeigt. Der Coolnessfaktor ist zweifelsohne extrem. Je höher der technische Coolnessfaktor, desto mehr kommt der Ingenieur ins Schwitzen. Quelle: youtube-User NASAWebbTelescope, d.h., dies ist ein offizielles NASA-Video vom JWST-Projekt

Der Bericht der Untersuchungskommission

Eine unabhängige Untersuchungskommission unter Leitung des erfahrenen Ingenieurs John Casani vom JPL wurde 2010 unter Druck der Senatorin Barbara Mikulski einberufen und hat das Projekt durchleuchtet. In ihrem Abschlussbericht vom Oktober 2010 wurden keine schwerwiegenden technischen Gründe für diese Situation aufgezeigt, dagegen aber gravierende Managementprobleme explizit benannt.

Was der Bericht der Untersuchungskommission beschreibt (siehe Kapitel 4 des Abschlussberichts), ist ein Management, das nie einen klaren Budgetplan erstellte, der "bottom-up", also von der Komponentenebene hinauf bis zum Gesamtkonzept, zusammenstellt, was die Mission umfasst und was das Ganze als Summe der Einzelposten kostet. Das weiß offenbar niemand, auch die Kommission nicht. Deren Kostenschätzung schwankt deswegen zwischen 6.2 und 6.8 Milliarden Dollar. Der Mittelwert ist 6.5 Milliarden.

Schlimmer noch, es bestand offenbar auch kein Zeitplan. Das Projektmanagement machte einfach Jahr für Jahr so viel, wie das Jahresbudget zuließ und verschob den Rest auf das kommende Jahr. Dadurch wird nicht nur Alles teurer - Verschieben löst nur die kurzfristige Finanznot, treibt aber letztendlich die Kosten immer weiter in die Höhe.

Es entsteht zudem auch ein am Ende nur noch schwer aufzulösender Rückstau von Aktivitäten und der Zeitpunkt der Auslieferung wichtiger Einzelkomponenten ist kaum vorhersehbar. Zudem ist in dem ganzen System auch keine Luft für Unvorhergesehenes. Wenn an einer Stelle ein Loch zu stopfen ist, muss man anderswo ein anderes Loch aufreißen. (Das Ganze klingt mehr und mehr wie eine Beschreibung der DDR-Wirtschaft Ende der 80er).

Die Kommission berechnete einen zusätzlichen Finanzbedarf von je 250 Millionen in den Fiskaljahren 2011 und 2012, um zu einem Start im Herbst 2015 zu kommen. Da dieses zusätzliche Geld für 2011 nicht bereitgestellt wurde, kann man jetzt schon sagen, dass 2015 nicht zu halten ist. Daher das genannte Startjahr 2018. Ob das gehalten werden kann, hängt auch davon ab, wie es jetzt weiter geht und ob es endlich ein ausreichendes Budget gibt. "Ausreichend" hieße aber sogar mehr als die Planung des Weißen Hauses vorgesehen hatte. Danach sieht es aber nicht aus, selbst wenn man optimistisch ist.

Die Kommission stellt die Gesamtmissionskosten, die sie mit 6.5 Milliarden +/- 300 Millionen US-Dollar beziffert, in Relation zu den Kosten des Hubble Space Telescope. Dessen Entwicklung, Bau, Start und anfänglicher Betrieb kostete, in heutige Dollars umgerechnet, etwa 4.7 Milliarden. Bekanntlich war der Hauptspiegel des Hubble falsch geschliffen worden, sodass eine Shuttle-Mission notwendig war, um dem Hubble eine Korrekturlinse einzusetzen. Dadurch stiegen die Kosten nochmals auf ca. 5.8 Milliarden heutige Dollars.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen muss man sich fragen: Wie sollten denn wohl Missionskosten für das JWST von 1.6 Milliarden  - nur ein Drittel der ursprünglichen Hubble-Kosten - möglich sein? Gute Frage. Diese Zahl ist natürlich komplett ausgeschlossen, selbst wenn man die höheren Hubble-Startkosten mit dem teuren, bemannten Space Shuttle abzieht und eine preiswertere Rakete ansetzt. Vollkommen unmöglich. Angesichts der viel höheren Komplexität wären Kosten von 5-6 Milliarden vollkommen realistisch. Dank der Managementfehler kam dann noch einmal ordentlich was drauf.

Die erste Frage, die man sich stellen sollte, ist nicht, wieso die Projektmanager so handelten, sondern wie die vollkommen unrealistischen ersten Schätzungen für die Missionskosten zustande kamen und wieso niemand sie infrage stellte. Schon die ersten Konzepte des damals noch NGST (Next Generation Space Telescope) genannten Systems  umfassten dieselben Designentscheidungen wie der jetzige Entwurf des JWST. Man wird doch immer ein System und seine Kosten an dem messen, was man vorher gemacht hat und dessen Kosten man kennt.

Da hätten schon vor mehr als 10 Jahren, als die Sache auf den Weg gebracht wurde, reihenweise Schmerzensschreie und Warnrufe erschallen müssen. Das Projektmanagement, das nun am Pranger steht, musste das Problem ausbaden - sie hatten eine "Mission Impossible" am Hals.  

Abhilfe: Eine größere Rakete?

Ich möchte noch auf etwas Anderes hinweisen: Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass alle Probleme sich in mehr oder weniger direkter Linie auf die technische Beherrschung der mechanischen Komplexität und der Minimierung der damit verbundenen Risiken zurückführen lassen. Diese Komplexität ergibt sich daraus, dass man ein eigentlich zu großes Teleskop auf einer eigentlich zu kleinen Rakete, in diesem Fall der Ariane 5 ECA, starten muss. Diese wird von den Europäern als Teil ihres Projektbeitrags gestellt.

Die Ariane 5 ECA schafft 6.5 Tonnen zum L2. Das setzt der Startmasse eine harte Obergrenze. Dann hat die ECA eine Nutzlastverkleidung, die nur Nutzlasten mit weniger als 5 Metern Durchmesser zulässt. Deswegen braucht man zusammenlegbare Einzelkomponenten und komplexe Ausfahrmechanismen. Mit einer größeren Rakete, beispielsweise der Ares V mit einer Nutzmasse zum L2, die auf jeden Fall ausreichend wäre und einer Nutzlastverkleidung, die mehr als 8 Meter große Nutzlasten erlaubt, bräuchte man manche dieser Mechanismen gar nicht; andere könnten simpler ausfallen. Man könnte, wenn man eine solche Rakete hätte, auch bei der Masse wesentlich entspannter agieren, beispielsweise, wenn schwerere Komponenten für eine gegebene Baugruppe viel billiger zu bekommen sind. 

Selbst wenn die Schwerlastrakete selbst pro Start nochmals deutlich teurer kommt als die ohnehin schon nicht geschenkte Ariane 5, könnten der Entwicklungszyklus und die Projektkosten für damit zu startende Projekte preiswerter werden, und zwar deutlich. Wenn man also einmal in den sauren Apfel beißt und die Entwicklungskosten für die Schwerlastrakete akzeptiert (Come on folks, wir sind nicht in den 60ern - heutzutage ist so etwas doch etwas, was eine Raumfahrtnation heben kann!), dann kann man hinterher erhebliche Einsparungen realisieren. Beispielsweise könnte man mit nur zwei Starts der Ares V eine der ISS vergleichbare Raumstation aufbauen.

Ganz nebenbei kann man dann auch noch Sachen machen, die mit den heutigen Raketen gar nicht gehen.

Wieder so ein Fall, wo das Sparen ganz schön teuer kommt.

Update am 14.7.2011 

Dieser Artikel auf spaceflightnow.com vom 14.7.2011 meldet die Reaktion der NASA: Wenn die aktuelle jährliche Finanzierung weitergeführt würde, ist ein Start noch in diesem Jahrzehnt ausgeschlossen. Der Zug für einen Start 2015 ist abgefahren, falls das überhaupt eine realistische Option war. Eine Aufstockung der jährlichen Budgets könnte einen Start im Oktober 2018 erlauben. Vielleicht wird das aber gar nicht einmal teurer, als wenn man nicht die Jahresbudgets aufstockt, dafür aber mehr Zeit bis zum Start überbrücken muss. Die Option der Weiterführung ohne Aufstockung wird von der NASA als "Straße nirgendwohin" bezeichnet.

Bis jetzt sind 3.5 Milliarden investiert, es wird am Ende noch einmal mindestens dieselbe Summe draufgelegt werden müssen. Die oft geäußerte Annahme, das JWST sei eigentlich schon fast fertig, verträgt sich mit diesen Zahlen eher nicht. 75% der Hardware (gerechnet nach Masse) sollen "fertig, in der Testphase, in der Herstellung oder bereit zur Herstellung" sein. Aber erstens ist das keine klare Aussage: "bereit zur Herstellung" heißt doch wohl "noch nicht hergestellt". Wichtig wäre es, zu wissen, auf wie viele der Komponenten dies zutrifft.

Zweitens schließt diese Aussage ausdrücklich den Sonnenschutzschirm aus. Der ist aber wohl die größte technische Herausforderung und ist zu einem erheblichen Anteil für die Kosten verantwortlich. Wenn der nich nicht in einem fortgeschrittenen Zustand der Realisierung ist, dann bürdet das dem Projekt noch ein erhebliches Risiko auf.

Weitere Information

James Webb Space Telescope (JSWT) Independent Comprehensive Review Panel (ICRP), Abschlussbericht auf nasa.gov, 29.10.2010 (PDF, engl.)

Space News vom 20.8.2010: "10 Year Plan for Astrophysics Takes JWST Cost into Account"

Space News vom 12.11.2010: "JWST's Latest 1.5B Cost Overrun Imperils Other High-Priority Projects"

American Institute of Physics, Pressemitteilung vom 23.11.2010: "Independent Review Panel Lauds Technical Performance, Faults Management of Webb Space Telescope"

Artikel auf news.discovery.com vom 13.7.2011: James Webb Space Telescope Closer to the Axe


11 Kommentare zu “James Webb Space Telescope vor dem Aus”

  1. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Sinneswandel in der Überschrift?

    Wie seltsam: Die Headline lautet (derzeit?) "James Webb Space Telescope vor dem Aus" (ohne Fragezeichen), die URL aber "einstellung_des_jwst_vorgeschlagen" - und genau letzteres wäre korrekt, da es sich nach allgemeiner Vermutung um einen Warnschuss des House of Representatives handelt und ganz sicher nicht um das letzte Wort, da sorgt schon der komplexe Haushalts-Prozess der USA für. Der Widerstand gegen den Abbruch des Projekts ist erheblich, aus bis weit in die Politik hinein, und für den Defätismus der aktuellen Überschrift besteht überhaupt kein Anlass. Aber die kann man ja offenbar editieren ... :-)

  2. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Think modular not big (JWST)

    Ein von der Nasa und damit vom amerikanischen Steuerzahler finanziertes WeltraumProjekt kann nicht einfach seine vorangeschlagenen Kosten um ein vielfaches überziehen. Das scheint mir offentsichtlich. Denn ein Projekt mag noch so groassartig sein, andere Projekte sind es vielleicht auch und bei begrenztem Budget würde dies einer Kannibalisiserung gleichkommen.

    Die Zeit der Unikate im Weltraumteleskopbau ist vorbei: Legobauweise ist angesagt

    Die Zeit der Unikate als Resultate von Megaprojekten ist eben auch in der Weltraum basiserten Astronomie vorbei. Die Zukunft gehört modularen Konzepten. Weltraumteleskopen also, die nach immer gleichen Baumusteren aus lauter identischen Einzelkomponenten zusammengesetzt sind und Spiegel, die bei Bedarf vergrössert werden können.
    Dazu gehören folgende Visionen:
    - Space flux telescope without upper size limit. Hier werden Spiegelfragmente mit einem Magnetfeld an einem Raumpunkt festgepinnt. Ein erweiterbares Teleskop also. Pasend zum Transport-Mahlheur beim JWST liest man hier auch: The limited capacity of a launch vehicle places an upper bound on the size of monolithic telescopes that can be assembled on the ground and sent into orbit. To maximize the size of a monolithic telescope that can be launched, several ingenious strategies have been developed. These strategies include designing inflatable structures and using creative folding techniques to minimize the volume of the telescope. The 6.6m primary mirror of the James Webb Space Telescope, for example,
    is designed to fold compactly to allow the telescope to fit into a 5m shroud.

    - Formation Flying nano satellites forming the mirror hier oder hier als Hyperteleskop angepriesen
    - Aufblasbare Teleskope zum Beispiel für die Radioastronomie
    - Teleskope aus lauter identischen Einzelspiegeln, die sich aktiv entsprechend ihrer Position im Gesamtparaboloid verformen lassen, siehe hier
    - modulares optisches Teleskop ALMOST, dessen Komponenten bereits auf der ISS getestet wurden.

  3. Mona Antworten | Permalink

    @ Martin Holzherr

    "Ein von der Nasa und damit vom amerikanischen Steuerzahler finanziertes WeltraumProjekt kann nicht einfach seine vorangeschlagenen Kosten um ein vielfaches überziehen. Das scheint mir offentsichtlich. Denn ein Projekt mag noch so groassartig sein, andere Projekte sind es vielleicht auch...".

    Das amerikanische Parlament hat gerade den größten Militäretat aller Zeiten beschlossen. Er beträgt 649 Milliarden Dollar. Dazu sind die hier erwähnten Kosten geradezu Peanuts. Offensichtlich muss an allem gespart werden, nur nicht an Militär und Rüstung.

    Quelle: http://www.tagesschau.de/...litaerhaushalt102.html

  4. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    @Mona: USA:Bedeutung von Krieg+Weltraum

    Das amerikanische Parlament hat gerade den größten Militäretat aller Zeiten beschlossen. Er beträgt 649 Milliarden Dollar.

    Die USA sind ja an 2.5 Orten im Krieg: in Afghanistan, im Irak und ein bisschen in Lybien.
    Der Weltraum ist vielleicht ein ambitioniertes Hobby der USA, die Fähigkeit in Konflikte irgendwo auf der Welt einzugreifen und sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen, wird von den USA immer noch als essentiell betrachtet. Es begründet ihre Vormachtstellung in der Welt - neben ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Stärke, von der aber immer weniger übrigbleibt.

    Auf die militärische Vorherrschaft zu verzichten wäre für die USA eine Wende sondergleichen. Vielleicht wird es aber gezwungenermassen soweit kommen, wenn sie Ernst machen mit der Sanierung des Budgetdefizits und sie ihr wirtschaftliches Wachstumspotential nicht zurückgewinnen. Das hätte aber Auswirkungen auf der ganzen Welt - auch hier in Europa. Denn Europa vertraut immer noch auf die militärische Stärke der USA. Wenn es offentsichtlich würde, dass die USA nicht mehr eingreifen können, würden wohl andere Mächte das entstehende Vakuum ausfüllen: China beispielsweise hat in den letzten Jahren massiv aufgerüstet und könnte eine Rolle als neuer Polizist in der asiatischen Region übernehmen. Insgesamt würde die Welt wohl durch eine Schwächung der US-Eingreiffähigkeit nicht sicherer werden und viele kleinere Mächte ermuntern, ihre Ambitionen auch militärisch durchzusetzen.

    Eine für alle gute Alternative zur Weltmacht USA wäre die massive Stärkung der UNO. Allerdings ist das in der heutigen Form der UNO unrealistisch ist sie doch nur Auftragnehmer aller an ihr beteiligter Staaten - und viele dieser Statten (auch die USA) sind an einer starken UNO nicht interessiert.

  5. Mona Antworten | Permalink

    Die Kriege der USA @Martin Holzherr

    Das sind gute Argumente, die Sie hier vorbringen. Aber geht es wirklich nicht anders, als das sich die USA immer weitere Rüstungskosten aufzuhalsen?
    In meinem Link heißt es: "Außerdem haben auch diesmal rührige Lobbyisten und Abgeordnete dafür gesorgt, dass die amerikanischen Steuerzahler Rüstungsgüter bezahlen sollen, die nicht einmal das Verteidigungsministerium will, unter anderem ein von Boeing gebautes Transportflugzeug." Also stürzt man sich immer weiter in Schulden und ruiniert am Ende alles und jeden.

    Sie schreiben: "Der Weltraum ist vielleicht ein ambitioniertes Hobby der USA, die Fähigkeit in Konflikte irgendwo auf der Welt einzugreifen und sie zu ihren Gunsten zu beeinflussen, wird von den USA immer noch als essentiell betrachtet. Es begründet ihre Vormachtstellung in der Welt - neben ihrer wirtschaftlichen und finanziellen Stärke, von der aber immer weniger übrigbleibt."

    Krieg sollte kein Mittel der Politik sein. Erst wenn bei Konflikten Diplomatie, Wirtschaftssanktionen usw. versagen, sollte man einen kriegerischen Eingriff in Betracht ziehen. Aber das würde der Rüstungsindustrie nicht gefallen, die in Amerika sehr stark und einflussreich ist.

    Wenn man sich die lange Liste der Kriege anschaut, die die USA geführt haben, dann kann man Ihnen nur raten, sie sollten ihr "Hobby", den Weltraum, nicht aufgeben. Die Raumfahrt hat den USA viel Prestige gebracht. Was man von den letzten Kriegen nicht gerade behaupten kann, die waren und sind doch alle mehr oder weniger ein Fiasko und haben den Menschen nichts als Leid gebracht.

    http://de.wikipedia.org/...der_Vereinigten_Staaten

    Hier die Kosten der aktuellen Kriege: http://costofwar.com/en/

  6. RD Antworten | Permalink

    Faszinierendes Projekt

    Der Faltmechanismus stellt sogar alles in den Schatten, was ich auf dem Carawan Salon in Düsseldorf gesehen habe! Aber auch dort klemmt so manches.

    Für Ingenieure ist dieses Konzept sicher nicht nur ein Alptraum, sondern auch eine faszienierende Herausforderung. Für Projektleiter, Budgetverantwortliche und ungeduldige Wissenschaftler wohl nur ein Alptraum.
    Der Ansatz, eine größere, der Nutzlast angemessene Rakete zu benutzen klingt plausibel. Dazu müsste man sich erstmal jede Menge Fehleinschätzungen der Vergangenheit eingestehen und der bisherige Entwicklungsaufwand für den Faltmechanismus wäre für die Katz.

    Aber egal wie groß die Rakete ist, schlaue Packmechanismen mit anschließendem falten, aufblasen - was auch immer - werden wohl meistens Sinn machen.

    Eine nachträgliche unbemannte Erweiterung oder Wartung eines Weltraumteleskops kann ich mir als Laie nur schwer vorstellen. Hier würde mich eine Expertenmeinung interessieren, wie weit man von einer solchen Vision technisch noch entfernt ist.

    Mein Vision wäre, für solche Projekte ZB auch die Chinesen ins Boot zu holen. Die haben Geld, Ehrgeiz und einen langen Atem. Schließlich sind wir in einer Zeit, in der es immer mehr um Fragen geht, welche die gesamte Menschheit betreffen. Diese sind mit politschen Animositäten und Lagerdenken sowieso nicht in den Griff zu bekommen.

  7. Mona Antworten | Permalink

    Chinesen haben eigenes Boot @RD

    "Mein Vision wäre, für solche Projekte ZB auch die Chinesen ins Boot zu holen. Die haben Geld, Ehrgeiz und einen langen Atem. Schließlich sind wir in einer Zeit, in der es immer mehr um Fragen geht, welche die gesamte Menschheit betreffen. Diese sind mit politschen Animositäten und Lagerdenken sowieso nicht in den Griff zu bekommen."

    Die Chinesen hätten sich ja an der internationalen Raumstation (ISS) gerne beteiligen wollen, aber das scheiterte am Widerstand des US-Kongresses. Die Chinesen basteln nun an einer eigenen Raumstation und das mit Erfolg, der Start soll in wenigen Wochen sein.

    Für die USA ist die bemannte Raumfahrt vorerst beendet, am Freitag startete die "Atlantis" zu ihrer letzten Mission. Näheres hier: http://www.big-screen.de/...-ins-all-gestartet.php

  8. Dipl.-Ing. Jörg Woker Antworten | Permalink

    JWST-Debakel

    Angesichts des sich abzeichnenden Debakels um das JWST komme ich zu einem Beitrag zurück, den ich in Verbindung mit dem Ende des neuen NASA-Mondprogramms verfasst hatte: Quo vadis - NASA, war damals meine Frage. Und genau die stellt sich hier wieder. Wie kommt es, dass eine große NASA-Mission nach der anderen wegen zu Tage tretender massiver Management-Probleme in den freien Fall übergeht? Liegt es wirklich an den einzelnen Missionen und deren Teams oder liegt es möglicherweise an einer verstaubten, ineffitienten und überbürokratisierten Organisation, die es versäumt hat aus dem Ruhm der Vergangenheit in die Gegenwart mit zu kommen?

    Als es seinerzeit um die Apollo-Nachfolgemission ging schrieb ich, möglicherweise läge in dem harschen Rückschnitt der Mittel eine Chance, sich neu zu fokussieren und dann, und erst dann, zu neuen Zielen aufzubrechen. Es tut weh, sich von technologischen Prestigeprojekten, wie es das JWST sicher unstrittig ist, zu lösen. Aber vergessen wir nicht, wie haben soeben eine Weltwirtschaftskrise mehr oder weniger überstanden, die USA stehen wegen ihrer internationalen Verpflichtungen längst nicht mehr so da wie einst, und die Mittel sind ebenfalls nicht mehr in dem Maß vorhanden wie sie das vor 10 Jahren noch waren.

    Dementsprechend wäre es an der Zeit, dass sich Europa, die USA, Japan, Russlang und wer immer noch kooperation betreiben möchte zusammensetzen und sich gemeinsam organisieren. Raumfahrt tut not, Forschung nicht minder. Aber es muss nicht doppelt gearbeitet werden und alle Ressourcen sollten angemessen bewertet und gebündelt werden, damit wir uns Großforschung noch leisten können - und die Raumfahrt gehört dazu genauso wie die physikalische Grundlagenforschung mit ihren Großanlagen und andere vergleichbare Projekte ebenfalls.

  9. Michael Khan Antworten | Permalink

    Ein paar Antworten

    Schön, dass so eine rege Diskussion entstand. Hier nur ein paar kurze Einwürfe von meiner Seite:

    @Daniel Fischer: Vielleicht behalten Sie ja Recht mit Ihrer optimistischen Einschätzung. Ich weise nur darauf hin, dass es nicht damit getan wäre, die Mittel nicht zu kürzen. Es müsste im Gegenteil noch mal kräftig aufgestockt werden, damit aus dem JWST etwas wird. Allerdings muss vorher erst einmal ein Kostenplan aufgestellt werden, denn laut der Untersuchungskommission gibts ja noch nicht mal den. Keiner weiß wirklich, wie hoch der Life Cycle Cost ist. Weiter mit zuwenig Kohle verlängert nur das Leiden. In ein, zwei Jahren stehen die dann wieder vor der Schließung. So wie LISA.

    @Mona: Der Hinweis auf die überbordenden Rüstungskosten ist zwar im Prinzip richtig. Aber ich glaube eher, dass das die treffende Antwort auf die Frage ist: "Kann sich die USA eine wohlfinanzierte Weltraumforschung leisten?", nicht so sehr auf die Frage "Was machen wir mit dem JWST?".

    @Martin Holzherr: Die wichtigste Frage ist hier nicht unbedingt: "Wieso überschreitet das Projekt so stark die ursprüngliche Schätzung?" Denn die Antwort darauf ist einfach: "Weil es nun einmal so viel kostet, ein System dieser Komplexität zu bauen, starten und betreiben."

    Die Grundfrage ist doch: "Wie konnte jemand zu einer Anfangsschätzung kommen, die nur einen Bruchteil der bekannten Kosten des Hubble Space Telecope betrug - und wie konnten andere diese offenkundig unsinnige Schätzung unwidersprochen hinnehmen?" Diese Frage rührt nämlich an das Grundübel bei Großprojekten aller Art. Am Ende kostet die immer, was sie halt kosten, plus einen Aufschlag für den vergeblichen Versuch, eine unrealistische Anfangsschätzung einzuhalten. Also, warum wird nicht gleich realistisch geschätzt?

    @RD: Das JWST ist meines Wissens nicht für die Wartung ausgelegt. So etwas ist schon im Grundkonzept vorzusehen. Abgesehen davon ist ein bemannter Flug hinaus zum L2-Punkt zwar keineswegs unmöglich, aber auch nicht gerade einfach. Da ist wahrscheinlich ein kompletter Neubau eines JWST2 unter Nutzung der existierenden Baupläne und sicher vorhandener Reservekomponenten billiger.

    Was die Zusammenarbeit mit den Chinesen angeht: Neue Partner ins Boot zu holen, treibt die Gesamtkosten hoch statt runter. Da müssten die schon richtig dick einsteigen, wenn die Kohle, die sie einbringeb, die zusätzlichen Kosten mehr als aufwiegen soll. Wenn die aber dick einsteigen, dann werden sie auch einen entsprechenden Anteil der Arbeit machen wollen. Dazu haben sie aber noch nicht die Erfahrung.

    Ich bin in punkto "internationale Zusammenarbeit" mittlerweile sehr skeptisch. Das geht auch gern mal schief, siehe Boeing 787. Und in dem Fall waren es sogar Partner auf Augenhöhe. Trotzdem ging es in die Hose.

    Hier wäre es noch schlimmer. Mitten in einem Projekt, an dem schon mehr als 10 Jahre gewerkelt wird, nun die Konsortialstruktur ganz aufzumischen, wie soll das funktionieren? Da würde man im Endeffekt ganz von vorne anfangen und der Start wäre irgendwann in ferner Zukunft.

  10. Mona Antworten | Permalink

    In den Niederungen der Politik

    "Was machen wir mit dem JWST?"

    Wie man die technischen Probleme löst, kann ich nicht sagen. Aber momentan geht es ja um den Fortbestand des ganzen Projekts. In Zeiten knapper Mittel ist es immer ein Geschachere, welches Projekt man behält und welches nicht. Leider glaubte man in der Vergangenheit bei der NASA, dass man sich weder an Zeitpläne noch an Budgetvorgaben halten muss. Die "Tea Party" schlachtet das nun aus und macht sich dafür stark, dass das JWST-Projekt gecancelt wird. Dazu schrieb die Deutsche Wirtschaftszeitung:
    "Ihr Rezept: rigoroses Sparen durch Abbau von Staat, Renten, Sozialleistungen und Zuschüssen zur gerade erst geschaffenen Krankenversicherung. Und eine Institution hat man ganz besonders im Visier: die NASA. Angesichts der Liste von Forderungen der "Patrioten" von der Tee-Front nach privatwirtschaftlichem Ersatz für bisherige NASA-Domänen ist das JWST erst ein kleiner Anfang des Kreuzzuges - aber gerade deshalb eine wichtige Etappe. Die Tea-Party geht weiter."

    http://www.deutsche-wirtschaftszeitung.de/...d=304

    [Antwort: Wie gesagt, das Problem sitzt tiefer, als dass die NASA Zeit- und Budgetpläne nicht einhalten will. Es ist eher so, dass Pläne verabschiedet und nirgends hinterfragt werden, die man nicht einhalten kann. Das Problem gibt es übrigens nicht nur in der Raumfahrt, es scheint generell und überall bei großen Projekten mit politischer Komponente aufzutreten. In Europa u.a. bei Toll Collect, dem Airbus A400M und dem Satellitennavigationssystem Galileo, in den USA aktuell bei dem Kampfflugzeug F35. Bemerkenswert am Projekt JWST ist allenfalls die Größe der Diskrepanz zwischen Soll und Ist.

    Die "Tea Party"-Bewegung wäre übrigens beleidigt, würde man ihr nachsagen, sie agiere in den Niederungen der Politik. Die verstehen sich eher als so eine Art Bewegung rechter Wutbürger. Inkonsequente Wutbürger allerdings, denn wenn es um "big government" geht, sollte man doch wohl zunächst die Felder benennen, wo das Geld wirklich hin geht. Da aber haben diese Teetrinker anscheinend einen blinden Fleck. Ich fürchte, das ist eher eine Art diffuses Mißtrauen gegen die Wissenschaft an sich, die generell als Komplott wahrgenommen wird, dem "kleinen Mann" das Geld aus der Tasche zu ziehen.

    In Anknüpfung an unsere Diskussion neulich weise ich hier darauf hin, dass es durchaus nicht immer positiv sein muss, wenn die Politik sich dem "Druck der Straße" beugt, vor allem, wenn dieser Druck von solchen Gruppierungen ausgeht. MK]

  11. Matthias Antworten | Permalink

    Grundlegendes Problem

    Ich sehe nicht, wie eine größere Rakete hilft. Warum?

    1. Man hätte sich auch damals beim NGST mit dem Durchmesser der Fairing zufrieden geben können (ggf. mit an die Nutzlast angepasster 6m Fairing), aber man wollte ein größeres Teleskop mit (damals gedacht) noch beherrschbaren Klapp-Mechanismen. Glaub mir, wenn man vielleicht 2020 eine Schwerlastrakete mit 8m Fairing zur Verfügung hat, dann will man ganz sicher einen ausfaltbaren 15m Spiegel (wenn auf der Erde 30+m Teleskope in Betrieb sind). ==> Das selbe Problem.

    2. Viele Analysen, wenig Tests. Wo sind die ganzen kleinen Prototyp-Sonnenschilde, die man aus der ISS geworfen hat, um Erfahrungen zu sammeln und Vertrauen in die Mechanismen zu gewinnen? Nie gibt's nicht, dafür Analysen und Entwicklungen, die Milliarden kosten.

    3. Projektmanagement. Egal wie groß die Rakete ist, wenn die Projektleitung und die Programmatik versagt, gibt es immer ein Problem.

    Wieviel Projektmanagement und Programmatische Randbedingungen ausmachen, wird man sehen, wenn man sich die Entwicklungskosten der Falcon 9 mit der Ariane 5 oder 6 vergleicht.

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