Fortschritt und Wissenschaft nur nach Kassenlage

23. Oktober 2009 von Michael Khan in Politik, Raumfahrt, Technik

Das war ja mal ein kurzer Traum. Der Raumfahrtkoordinator der Bundesregierung Peter Hintze hat sie kurz vor der Wahl ins Gespräch gebracht, die Mondlandemission unter deutscher Ägide.

Aber nun ist schon wieder Schluss mit lustig: Für so ein Projekt, das ja auch nur die deutsche Spitzentechnologie voranbringen und deutschen Wissenschaftlern einen Anreiz geben würde, nicht ihr Heil im Ausland zu suchen, haben wir hierzulande kein Geld.

"Es wäre angesichts leerer Kassen das falsche Signal", so mutmaßt der Spiegel. Natürlich. Wir brauchen nämlich Geld, um Strohfeuer abzubrennen (bzw. den so erzeugten Schuldenberg abzubauen) und Steuern für die Haupt-Klientel einer der zukünftigen Regierungsparteien zu senken.

Offenbar hat man immer noch nicht verstanden, dass es 5 vor 12 ist. Es gibt keine Alternative zur massiven Investition in unsere Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Abgesehen von denen haben wir in Deutschland (und das gilt ebenso für alle anderen Nationen Europas) nämlich herzlich wenige Vorteile gegenüber konkurrierenden Nationen aufzuweisen. Wenn das Haus brennt, diskutiert man auch nicht, ob man löschen will. Man löscht einfach, und zwar sofort, weil jegliches Abwarten schon schadet.

Das ist nicht nur etwas, was man machen kann, vielleicht, oder auch nicht, aber nur, wenn man Geld übrig hat und es nicht gerade für andere, wichtigere Dinge braucht.

Es gibt nichts Wichtigeres als die Bildung, Forschung und Wissenschaft. Kapiert das doch bitte endlich, ihr Politiker, selbst wenn es bei den meisten von euch nie zu einer naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung gereicht hat.

Weitere Information

Markus Landgraf: "Deutsche Mondmission": Blog- Artikel vom 12.8.2009

Michael Khan: "Programm statt Wurstelei - Beispiel Mond": Blog-Artikel vom 15.3.2009

Eugen Reichl: "Deutschland an Mond - Wir kommen ... nicht!": Blog-Artikel vom 6.8.2008


16 Kommentare zu “Fortschritt und Wissenschaft nur nach Kassenlage”

  1. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael

    Sorry, ich halte die Schelte als etwas zu pauschal und zu dramatisierend.

    Worauf berufst Du Dich denn? Nur weil Hintzes Vorstoss abgesägt wurde? Der war doch von vornherein zum Scheitern verurteilt, wie ihr in den KOSMOlogs bereits ausdiskutiert hattet.

    Es gibt doch eine Reihe von Vorstößen pro Forschung, dazu zwei aktuelle Beispiele:

    Die Exzellenzinitiative wird weitergehen und bekommt sogar statt 1,9 jetzt 2,7 Mrd. Euro für eine Laufzeit von fünf Jahren. Das kommt den Eliteunis, der Ausildung hochqualifizierten Personals in den Graduate Schools und der Forschungslandschaft in ihrer ganzen Breite insgesamt zugute.

    Im 7. EU-Forschungsrahmenprogramm gibt es ein Budget von 53,3 Mrd. Euro, wobei auch die Weltraumforschung profitiert.

    Ich denke schon, dass "die Politiker" kapiert haben, dass eine Investition in Bildung, Forschung und Wissenschaft wichtig ist.
    Die Preisfrage ist nur, welche Forschung gefördert werden soll: Halbleiter- und Computerindustrie, Plasma- und Fusionsforschung, BioTech, Nano, optische Industrie, Pharmaforschung, Medizin etc.... oder eben Weltraumforschung - für eine Förderung all dieser Bereiche gibt es auch gute Gründe.

    Hintze hätte eben VOR seinem Vorstoß besser von den Weltraumwissenschaftlern informiert werden müssen. Jetzt ist ein unausgegorenes Konzept einfach verpufft.
    Woran macht sich also Deine Schelte fest?

  2. Michael Khan Antworten | Permalink

    Schelte

    @Andreas: Das Ergebnis der Diskussion im Anschluss an Markus Landgrafs Artikel habe ich etwas anders in Erinnerung als du.

    "Von vorneherein zum Scheitern verurteilt" war da mit Sicherheit nichts, denn eine solche Mission könnte die deutsche Raumfahrtindustrie allein oder die europäische Raumfahrtindustrie unter deutscher Ägide sehr wohl zum Erfolg führen.

    Dass eine solche Mission deshalb "von vorneherein zum Scheitern verurteilt" sein sollte, sehe ich nicht. Vielleicht war sie von vorneherein zur Ablehung bestimmt, das mag wohl sein. Aber das ist eine ganz andere Sache.

    Ich gehe davon aus, dass Hintze sich sehr wohl hat informieren lassen und deswegen auch wusste, dass sich gerade in diesem Feld (automatische Punktlandung auf dem Mond) durchaus die Chance bietet, einmal nicht hinterherzuhecheln, sondern sich an die Spitze zu setzen.

    Ich kann daran nichts Unausgegorenes entdecken, da mir nämlich recht gut bekannt ist, in welchem Ausmaß hier bereits seitens der deutschen Industrie, in Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen Partnern Vorarbeit geleistet wurde. Diese Partner entstammen gerade dem Bereich kleiner Spin-off Unternehmen , sind aber auch Forschungs- und Universitätsinstitute.

    Woran macht sich also dein Vorwurf der "Unausgegorenheit" eines solchen Projektes fest? Ich habe nicht das Gefühl, dass dieser Vorwurf hier in irgendeiner Weise passt.

    Wir brauchen solche Projekte mit Leuchtturmfunktion, gerade in Deutschland, wo es offenbar gar keinem in den Sinn kommt, dass Deutschland auch in der Raumfahrt eine Vorreiterrolle einnehmen kann und soll. Was man kritisieren könnte, sind zwei Punkte:

    - Erstens ist es weder zeitgemäß noch sinnvoll, dass eine Nation wie Deutschland in einem Raumfahrtprojekt einen Alleingang übernimmt. Aber das politische Konstrukt, in dem die Mission stattgefunden hätte, war meines Wissens auch noch gar nicht endgültig festgelegt. Eine Partnerschaft aus DLR und ESA unter deutscher Führerschaft mit internationalen Partnern wäre sehr wohl denkbar gewesen.

    - Zweitens wäre auch dieses Projekt nur ein Projekt gewesen, nicht der Ansatz zu einem Programm. Das ist generell ein Problem in der europäischen planetaren Forschung:
    http://www.kosmologs.de/...in/2009-03-15/programm1
    Allerdings: Ein Projekt ist immer noch besser als kein Projekt.

    Was mich am allermeisten stört, ergibt sich aus dem Titel. Ja, nachdem Bildung und Forschung hier Jahrelang vernachlässigt wu7rden, wacht man langsam endlich auf. Den Anspruch, an die Spitze vorzudringen und dort zu bleiben, kann ich aber nicht entdecken.

    Und an einem solchen Projekt mit Leuchtturmfunktion, das nun wirklich die unterschiedlichsten Disziplinen der Ingenieurs- und Naturwissenschaften vereint und in der Öffentlichkeit einen Widerhall finden könnte wie sonst kaum ein Forschungsprojekt (siehe Pathfinder oder MER in den USA), ist nach wie vor niemand aus der Politikerkaste wirklich interessiert. Chefsache ist die Spitzenforschung nach wie vor hierzulande nicht, die Prioritäten sind da ganz anders gelagert.

    Ich sehe an der Schelte nichts Überzogenes oder Unzutreffendes und bleibe dabei.

    Des passt scho'.

  3. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Die Geschichte war ganz anders ...

    Als die Idee einer deutschen Mondsonde vor einigen Jahren zum ersten Mal lanciert wurde (der Ursprung lag m.W. in einer quasi privaten Tagung von Mondforschern mit guten Polit-Kontakten), behauptete ein DLR-Sprecher mir gegenüber keck, die paar hundert Millionen Euro, die das damals kosten sollte, könne man quasi aus dem laufenden Raumfahrt-Haushalt bezahlen - das hat aber (wie sich später zeigte) schon damals nicht gestimmt.

    Während dann Machbarkeitsstudien liefen, wurde den Medien suggeriert (oder sie steigerten sich selbst hinein), dass die Mission schon kommen werde - und als sie dann nicht kam, war von "Streichung" oder "Abbruch" die Rede, welch ein Unfug. Dann tauchte das Projekt kurz vor der Wahl - auf über eine Milliarde Euro angeschwollen und damit erkennbar nicht ernst gemeint - wieder auf, und nun ist es eben wieder weg.

    Recht so, sage ich: Schaut lieber, was die Inder und Japaner für dramatisch weniger Geld und mit internationalen Partnern (die wichtige Instrumente stellten) im Mondorbit hinbekommen haben. Aber Schwamm drüber: Im Koalitionsvertrag steht heute auf Seite 25 (also weit vorne!) zu lesen, es solle "eine eigenständige Raumfahrtstrategie mit klaren Missions- und Technologiezielen innerhalb eines Jahres weiterentwickelt" werden, denn "Deutschland braucht klare Ziele in der Raumfahrt."

    Anderswo steht zu lesen, für große Forschungsdebatten in Deutschland werde man in Zukunft "neue Dialogplattformen einrichten", um die Öffentlichkeit stärker einzubeziehen (Seite 56), Merkel 2.0 sozusagen. Eine so offene - und wüste! - Debatte über die Ziele der nationalen Raumfahrt wie gerade mal wieder in den USA auch hierzulande, das wär doch mal was. Aber wir sind ja schon dabei ... :-)

  4. Michael Khan Antworten | Permalink

    @D. Fischer: Jetzt geht's durcheinander ...

    Die Mondmission, von der vor Jahren die Rede war, war eine ganz andere und mit der heutigen nicht zu vergleichen. Es ging damals noch um einen Mondorbiter, den sogenannten LEO, und der hat mit einem Lander nicht viel zu tun, weder im technischen Anspruch noch in den Kosten.

    LEO, für den in Industrie und Forschungsinstituten übrigens erhebliche Vorarbeit geleistet wurde, wurde noch vom damaligen Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) gekillt, und zwar bereits vor mehr als einem Jahr. Dass das Geld damals wirklich nicht im Etat vorhanden war, ist meines Wissens so auch nicht richtig. Es war schon ene kompliziertere Situation, und das komplette Desinteresse des zuständigen Ministers trug erheblich zum Ableben der Mission bei.

    Für den damaligen Vorschlag eines deutschen Mondorbiters waren Kosten in Höhe von etwa 350 Millionen Euro veranschlagt. Das sollte realistisch sein, soviel kostet halt ein mittelgroßer planetarer Orbiter.

    Dass die japanische Mondorbiter-Sonde Kaguya "dramatisch weniger" gekostet haben soll, ergibt sich aus den mir bekannten Zahlen nicht. Mir sind die Missionskosten von Kaguya als zwischen 450 und 500 Millionen US$ bekannt, also in etwa dasselbe wie der deutsche LEO.

    Die chinesische Mondsonde Chang'E-1 und die indische Chandrayaan-1 kosteten dagegen in der Tat "dramatisch weniger". Das liegt zum einen daran, dass nun einmal das Lohnniveau auch für hochqualifiziertes Personal in diesen Ländern nun einmal dramatisch niedriger ist. Würde hier jemand für indische Gehälter arbeiten wollen oder können? Nein, oder?

    Wenn wir schon anfangen, so zu rechnen, können wir ja gleich aufhören mit Forschung und Entwicklung in Deutschland, denn die Mannstunden in Indien werden bis auf Weiteres deutlich unter den deutschen liegen. Aber sollte man so rechnen? Ergibt sich daraus irgendeine sinnvolle Aussage?

    Dass Chandrayaan so preiswert war (genannt werden Zahlen um 80 Millionen US$), liegt aber auch daran, dass viele der Instrumente gar nicht von den Indern bezahlt wurden und deswegen auch nicht in den Missionskosten auftauchen, sondern im Budget europäischer Stellen und des JPL. Fairerweise sollten diese Kosten dann schon hinzugerechnet werden, wenn man überhaupt etwas vergleichen will.

    Aber trotzdem muss man sehr vorsichtig sein, was man nun überhaupt vergleicht. Indische Orbiter-Sonden ohne wesentliche Instrumente verglichen mit deutschen Orbitern mit Instrumenten, Orbiter verglichen mit Landesonden ... das sind Äpfel und Birnen!

    Ich kann Ihren Kommentar nicht nachvollziehen. Die Kostenvergleiche sind nicht aussagekräftig. Woher die Behauptung in Bezug auf die Kosten des japanischen Orbiters kommt, ist mir unklar. Ihre Beschreibung der Historie deckt sich nicht mit meiner Erinnerung. Vor allem sollte dass schon lange vorher gestorbene und zu Grabe getragene Projekt des Mond-Orbiters nicht mit dem unlängst diskutierten, ganz anders gelagerten und überhaupt nicht vergleichbaren Projekt eines Mondlanders vermengt werden.

    Auch die Blogsphäre dokumentiert den Werde- und Niedergang deutscher Mond-Ambitionen.

    Hier ist Eugen Reichls Artikel vom 6.8.2008 zum Ende des deutschen Mond-Orbiters LEO, mit ausführlicher und teilweise auch kontroverser Diskussion. (Wo ist eigentlich Eugen Reichl? Seine Meinung zur augenblicklichen Situation würde mich ausgesprochen interessieren).

    http://www.kosmologs.de/...ond-wir-kommen-...nicht

    Ludmila Carone äußert sich hier sehr dezidiert in den Scienceblogs:
    http://www.scienceblogs.de/...-tot-es-lebe-leo.php
    http://www.scienceblogs.de/...chen-mondmission.php
    Wobei es Anfang des Jahres bereits erste Indizien gab, dass es in anderer Form weitergehen könnte - dies führte dann zu der Diskussion um den Lander:
    http://www.scienceblogs.de/...zuckende-kadaver.php

    Hier, im März 2009, lege ich die Unterschiede zwischen Orbitern und Landern sowie zwischen Landern und Punktlandern dar und gebe meiner Verwunderung über das Verhalten des DLR Ausdruck:

    http://www.kosmologs.de/...in/2009-03-15/programm1

    Und hier, am 12. August 2009, also über ein Jahr nach der Einstellung des LEO, in deren Folge es eher still wurde um deutsche Forschungsprojekte im Weltraum, spricht Markus Landgraf den konkreten Vorschlag Peter Hintzes für eine deutsche Mondlandemission an, die natürlich auch kontrovers diskutiert wird (Andreas hat bereits diesen Link gebracht):

    http://www.kosmologs.de/...12/deutsche-mondmission

    Um den LEO war es nicht unbedingt schade. Das meinte ich damals, das meine ich heute noch. Aber eine Mondlandemission, an der es sicher auch das eine oder andere auszusetzen gegeben hätte - das wäre wirklich begrüßenswert gewesen, vor allem im europäischen Kontext, unter deutscher Federführung.

    Eine solche Mission wird natürlich sowieso kommen. Nur wird sie eine andere, nichteuropäische Nation machen, und wir werden zuschauen.

    Das ist schon schlimm genug. Richtig ärgerlich macht mich aber, wenn so getan wird, als wäre es "das falsche Signal in der aktuellen Haushaltslage", würde man in ein großes Wissenschaftsprojekt investieren.

    Recht so? Finde ich nicht.

  5. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael

    Mich stört einfach, dass der Artikel recht undifferenziert die Sachlage wiedergibt, um dann die übichen, populistischen Floskeln zu bedienen. Man kann nicht von einem gescheiterten Mond-Projekt auf eine wissenschaftsfeindliche Politik schließen.

    Die Diskussion wird jetzt in Kommentaren zum Glück differenzierter, aber wieder entsteht der Eindruck einer wissenschaftsfeindlichen Politik. Zuletzt forderst Du, man solle "in ein großes Wissenschaftsprojekt investieren". Genau das passiert doch! Zwei Beispiele habe ich in meinem ersten Kommentar genannt; hier kommt noch ein drittes, sehr prominentes: Der LHC am CERN kostet ca. drei Milliarden Euro, von denen Deutschland ca. 800 Millionen Euro zahlt.

    Natürlich ist mir klar, worauf Du hinaus willst: Deutschland solle mehr in die Weltraumforschung investieren. Aber auch hier gibt es ein paar positive Beispiele, wie der CMB-Satellit PLANCK der ESA und eRosita, zwei die mir sofort einfallen.
    Und wenn ich mal auf der DLR-Website recherchiere: Allein im Jahr 2008 hat sich Deutschland mit 600 Millionen Euro am ESA-Gesamtbudget für den Mars Express und den Venus Express beteiligt - auch keine Peanuts.

    Ich kann da keine wissenschaftsfeindliche Politik ausmachen.

    Offenbar schwebt Dir ein europäisches Mond-Projekt vor, mit maßgeblicher deutscher Beteiligung. Wie sollte dieses denn Deiner Meinung nach ausgestaltet sein? (Gesamtbudget, Laufzeit, Missionsziele, Lander/Orbiter)

    Beste Grüße,
    Andreas

  6. Alexander Stirn Antworten | Permalink

    Wissenschafts- vs. Industriepolitik

    Der Knackpunkt ist doch eher, dass diese Regierung (wie schon die letzte) die Raumfahrt wieder primär unter dem Aspekt der Wirtschaftspolitik betrachtet. Jedenfalls tauchen die beiden Sätze zur Raumfahrt, die der Koalitionsvertrag enthält, unter dem Abschnitt "Neue Technologien, Industrieland Deutschland" auf und nicht im Abschnitt "Wissenschaft und Forschung". Zudem ist von "klaren Technologiezielen" die Rede. Beides zeigt in meinen Augen, dass mit Raumfahrt primär Wirtschaftsförderung und die Förderung neuer Technologien (wie z.B. der Robotik) betrieben werden soll und wissenschaftliche Ziele, wenn überhaupt, eher sekundär sein werden. Was nicht heißen soll, dass die Wissenschaft - über diesen Umweg - nicht auch davon profitieren könnte.

  7. Michael Khan Antworten | Permalink

    Deutschlands Rolle

    Zunächst einmal möchte ich etwas Grundsätzliches vorausschicken, und zwar wohlgemerkt an niemanden im Besonderen: Es ist mir prinzipiell eher egal, ob sich jemand an meinen Ansichten stört oder an der Art, wie sie vorgebracht werden. Ob wir am Ende alle einer Meinung sind oder zumindest zu dem Schluss kommen, dass unsere Ansichten gar nicht auseinanderliegen, interessiert mich auch nicht so sehr. Es ist nicht mein Anliegen, um jeden Preis zu einem Konsens zu finden.

    Was mich interessiert, ist, ob jemand Fakten bringt, die meine Ansichten als unzutreffend belegen. Wenn man das überzeugend widerlegt, was ich gesagt habe, dann werde ich die selbstverständlich zur Kenntnis nehmen und gegebenenfalls meine Ansichten entsprechend ändern. Alles andere wäre Sturheit.

    Worauf ich eher allergisch reagiere, das sind Behauptungen, die nicht belegt werden oder nicht belegt werden können, in denen Sachverhalte durcheinandergeworfen werden, oder die ganz einfach nicht zutreffen.

    Vor diesem Hintergrund kann ich auch den Eindruck nicht teilen, dass die Kommentare sich durch eine differenziertere Behandlung des Themas auszeichnen.

    Liefert man mir aber den Beleg dafür, dass eine deutsche Mondlandungsmission von vorneherein "zum Scheitern verurteilt", das vorgestellte Konzept "unausgegoren" (was ja wohl heißen muss "unausgegorener als jede andere Mission noch Vorbeginn der Phase A", denn ansonsten kann ich überhaupt nicht verstehen, was mit solcher Kritik gemeint ist) und dass Hintze nicht seitens der "Weltraumwissenschaftler" (gemeint sind wohl Planetologen) informiert war, dann werde ich dies natürlich den mir vorliegenden anderslautenden Informationen, die sich auf jahrelange Arbeit in der Materie gründen, gegenüberstellen und objektiv versuchen, festzustellen, wo der Fehler liegt.

    Gleiches gilt, wenn man mir schlüssig nachweist, inwiefern der Kostenvergleich zwischen einer Landemission (um die geht es hier) und Orbitermissionen (mit denen wurde verglichen) irgendeine Aussagekraft besitzt.

    Ebenso wäre ich dankbar für konkrete Ziffern zu der angeblich "dramatisch billigeren" japanischen Orbiter-Mission, die nach den mir vorliegenden Informationen in etwa gleich viel kostet wie der deutsche Orbiter (und nur mit dem kann der japanische Orbiter sinnvollerweise verglichen werden) kosten sollte.

    Einfach irgendetwas zu behaupten, das ist nicht meiner Vorstellung von einer differenzierten Betrachtungsweise, mag sein, dass es auch da Dissens gibt.

    Ein letzter Punkt: Was ich auch nicht besonders mag und auch nicht für besonders guten Stil in einer Diskussion halte, das ist, wenn der Gegenüber einfach Aussagen erfindet und diese dann zu widerlegen trachtet.

    Konkret: Es geht hier nicht um "Wissenschaftsfeindlichkeit". Habe ich das Wort irgendwo benutzt? Kurzer Check ... ich habe nicht. Es geht um etwas ebenso Schlimmes: Um fundamentales Desinteresse. Um offen gezeigte politische Prioritäten, die einfach nicht erkennen lassen, dass verstanden wurde, welchen Stellenwert Naturwissenschaft uns Technik für unseren Wohlstand haben.

    Was nun die konkret genannten Beispiele angeht: Planck ist ebenso wie die meisten anderen wissenschaftlichen ESA-Missionen eine Forschungsmission, die aus dem Wissenscgaftsbudget der ESA finanziert wird ... meines Wissens, liege ich da falsch?

    Das Wissenschaftsbudget gehört allerdings zu den obligatorischen Programmen, von denen jede ESA-Mitgliedsnation einen prozentualen Beitrag zu finanzieren hat - und zwar berechnet sich der Anteil gemäß dem Bruttosozialprodukt des jeweiligen Lands. Da ist der deutsche Beitrag natürlich der höchste, aber nicht, weil das deutsche BSP das höchste aller ESA-Mitgliedsstaaten ist ... aber keineswegs, weil nun das Interesse der deutschen politischen Elite beispielsweise an der Kosmologie besonders ausgeprägt wäre. Da dieser Umstand eigentlich allgemein bekannt sein dürfte, ist mir nicht ganz klar, was mit dem Argument zum Ausdruck gebracht werden soll.

    Was nun eRosita angeht ... ich habe nun wirklich ausdrücklich und mehrfach von Leuchtturmmissionen gesprochen. Missionen und Projekte, die und wirklich alle mitnehmen und miterleben lassen. Liebe Leser, wer von Ihnen hat überhaupt schon etwas von eRosita gehört? Falls der Chor von "Ich!"-Schreiern so dürftig ausfällt, wie ich erwarte, seien Sie versichert: Außer ein paar Wissenschaftlern und Hardcore-Interessierten kennt das niemand. Hier erfahren Sie mehr, falls Sie das interessiert:
    http://www.mpe.mpg.de/projects-d.html#erosita

    Ich muss gleich betonen: Solche Missionen sind wichtig. Jede Mission ist wichtig. Wir brauchen sie. Aber jeder, der sich nich komplett im Elfenbeinturm eingemauert hat, wird zugeben müssen: So etwas wird nie ein Leuchtturm.

    Kein Kid wird von so einer Mission lesen und sagen: "Ich will in der Oberstufe Physik und Mathe belegen und eine Naturwissenschaft studieren." Allein schon deswegen nicht, weil die Chance, überhaupt etwas von der Mission zu hören, minimal ist, denn natürlich interessiert sich auch die Presse nicht dafür.

    Falls jetzt gleich wieder jemand auf diese Aussage abheben will: Nein, ich meine nicht, dass man nur "populäre" Mission machen soll, die sich gut "verkaufen" lassen. Manche Wissenschaft ist schwer zu vermitteln und trotzdem brandwichtig. In diesem Zusammenhang nenne ich auch die Mission "Grace".
    http://www.dlr.de/...px/tabid-2731/6724_read-6309/

    Aber *eben deswegen* brauchen wir die Leuchttürme. Die sind im öffentlichen Interesse Selbstläufer und schaffen ein positives Klima, von der auch andere Forschung - nicht nur weltraumbasierte - profitiert.

    Nun kann man sich überlegen, was denn ein solcher Leuchtturm sein kann. Bemannte Raumfahrt ist da schon ein Dauerbrenner. Aber auch planetare Raumfahrt. Bilder von einer fremden Welt sind nun einmal etwas, was die Menschen anspricht.

    Man mag es bedauern, dass sie sich nicht ebenso für das wunderschöne Spektrum interessieren, dass da gerade im von dem AGN Sowieso ausgesandten Röntgenlicht gemessen wurde. Fakt ist: das interessiert weniger und nicht bleibend.

    Also, wieso kann denn nicht auch einmal Deutschland, immerhin noch eine der größten und innovativsten (Tendenz leider fallend) Volkswirtschaften auch einmal den Mut zeigen, federführend im europäischen Kontext eine planetare Mission anzustoßen und durchzuziehen?

    Eine Mission, die im Rahmen der Fähigkeiten unserer Industrie ist, die unseren Wissenschaftler spannende Forschungaufgebane bietet und beide ganz nach vorne bringt, weil sie etwas umfasst, was so weltweit noch nicht gemacht wurde?

    Eine Mission, die uns alle mitnimmt auf eine fremde Welt, weil sie der Tatsache Rechnung trägt, dass es ganz tief in uns allen drinsteckt, immer weiter, immer höher zu wollen, Grenzen zu überwinden, irgendwohin zu gehen, wo es anders ist als hier, diesen Ort zu untersuchen, zu verstehen ... um dann wiederzukehren und am Ende gar zu bleiben.

    All das könnte eine große planetare Mission sein, beispielsweise eine Mondlandemission.

    Natürlich bedarf es schon einer gewissen visionären Kraft, um das ganze kleinkarierte "lieber nichts Neues", "Das hatten wir aber noch nie!" "Das wird aber Geld kosten" oder "Und wenn das nun schiefgeht? Nein, lassen wir das lieber bleiben" zu überwinden.

    Frankreich hat mehrfach gezeigt, dass es zu Visionen fähig ist. Italien auch. Was ist mit Deutschland? Die deutsche Vorgehensweise beim Mars-Rover ExoMars (Erst gar nicht mitmachen, dann zu spät einsteigen und meckern, weil der Kuchen verteilt ist) ebenso wie beim globalen Satellitennavigationssystem gibt da nicht unbedingt Anlass zur Hoffnung. Dennoch: Auch Deutschland hat gezeigt, dass es zu "jetzt machen wird das doch einfach mal" imstande ist. Hoffentlich auch jetzt.

    Abschließend: Hier fiel das Wort "populistisch". Also, da muss ich wirklich sagen: Es wäre schön, wenn man wirklich offensivere Forschungs- und Technologiepolitik fordern und dabei auch noch populistisch sein könnte.

    Wäre das so, dann liefe hierzulande so manches anders, und dann hätte es vielleicht gar keinen Anlass zu diesem Artikel gegeben.

    Aber was populistische Aussagen im Zusammenhang mit Weltraumforschung angeht, da kommen meine Ansichten wohl kaum an erster Stelle der Häufigkeit, sondern eher so etwas wie "Es gibt so viele Probleme auf der Welt, und ihr wollt das Weltall erforschen!" Oder "Gebt das Geld auf der Erde aus, anstatt auf dem Mond". Man kann eher mit solchen Maximen als mit meinen Argumenten punkten, und das ist Teil des Problems.

  8. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Alexander Stirn

    Realistischerweise ist doch wohl zu erwarten, dass die Wissenschaft in erheblichem Maße davon profitiert wird, wenn die Punktlandung auf dem Mond beherrscht wird. Zumal das Konzept, dass eine deutsche Fima vorgestellt hat, explizit darauf beruht, eine generische Landeplattform anzubieten, auf der dann wissenschaftliche Nutzlasten aller Art montiert werden können.

    In einen weiteren Kontext gefasst: Ich meine, es gehört auch zur Standortpflege, wenn junge Leute an die Weltraumforschung herangeführt und Hochqualifizierten ein interessantes Arbeitsfeld geboten wird.

  9. Andreas Antworten | Permalink

    @Michael

    Also wenn ein Artikel mit dem Aufruf schließt "Es gibt nichts Wichtigeres als die Bildung, Forschung und Wissenschaft. Kapiert das doch bitte endlich, ihr Politiker, selbst wenn es bei den meisten von euch nie zu einer naturwissenschaftlich-technischen Ausbildung gereicht hat." dann komme ich nicht umhin festzustellen, dass der Aussagende hier der Politik eine Wissenschaftsfeindlichkeit unterstellt.

    Klar, brauchen wir wissenschaftliche Projekte, die in der Öffentlichkeit als Leuchttürme fungieren. Das war bei der Mondlandung der Fall. Das könnte eine bemannte Mission zum Mars auch wieder bringen.

    Ich habe den "Leuchtturm" LHC genannt, auf den Du leider nicht eingegangen bist, Michael.

    Der Titel legt nahe, dass die Politik "Fortschritt und Wissenschaft nur nach Kassenlage" zulasse. Ich habe nun eine Reihe von Gegenbeispielen gebracht, die diese Hypothese widerlegen.

    Also bei mir bleibt der schale Nachgeschmack, dass mir nicht ganz klar geworden ist, was Du mit diesem Artikel aussagen möchtest.

    Aber ich muss nicht alles verstehen.

  10. Michael Khan Antworten | Permalink

    @Andreas: Gewisse Konsternation

    Ich bin etwas konsterniert, dass der Strohmann "Wissenschaftsfeindlichkeit" nun zum zweiten Mal aufgerichtet und dann mit Getoese umgeworfen wird.

    Man kann mir ja vieles vorwerfen, aber bestimmt nicht, dass ich mich nicht ausführlich genug äußere.

    Aber gut, hier noch einmal (aber wirklich zum letzten Mal): Die deutsche politische Klasse halte ich nicht nicht für wissenschaftsfeindlich. Ich halte sie für weitgehend desinteressiert an der Wissenschaft, für indifferent.

    Forschung, Wissenschaft und Bildung, das sind Themen, die über viele Jahre hinweg vernachlässigt wurden. Dies rächt sich nun, deswegen wird gegengesteuert. Dies allerdings nicht mit aller Entschlossenheit und in der Erkenntnis, dass Bildung und Wissenschaft die allerwichtigste Ressource ist, die dieses Land hat, sondern eher widerwillig, unentschlossen, unkoordiniert und NICHT so, dass man sagen koennte: Bildung und Forschung haben hoechste Priorität.

    Die Nicht-Finanzierung einer Mondlandemission und das generelle Fehlen jeglicher deutscher Bereitschaft, in einem wichtigen Feld wie der Raumfahrttechnik proaktiv gestaltend mitzuwirken, sind ein Indiz für diese indifferente Haltung.

    Es fehlt eine wirkliche Vision, die Erkenntnis, dass WIssenschaft und Forschung begeistern koennen, dass man damit Signale setzen kann.

    Eine bemannte Mission zum Mars wird wohl realistischerwise nicht von Deutschland zu heben sein. Aber die autonome europäische Kapazität zum Start und zur Rückkehr europäischer Astronauten, das koennte Deutschland vorantreiben ... wenn es wollte. Das Mandat der ESA bietet nämlich weiten Raum für optionale Programme. Eine deutsche Initiative in Richtung einer Mondlandung oder eines Astronautenvehikels oder anderer Projekte, die durchaus im Rahmen der Fähigkeiten der Industrie liegen, würde bestimmt nicht von der ESA abgelehnt - wenn sie denn käme.

    Warum das genannte Beispiel "Planck" nicht zieht, habe ich bereits ausführlich erklärt. Da ist Deutschland nicht gestaltend aktiv, in einer Rolle, die der Groeße und Dynamik der deutschen Volkswirtschaft gerecht würde. Man ist einfach zahlendes Mitglied, strebt aber schon seit Beginn der 90er Jahre keine führende Rolle an. Insofern kann ich auch nicht verstehen, warum das Beispiel uberhaupt gebracht wurde.

    Damit zumindest bei mir kein schaler Geschmack zurückbleibt - oder zumindest der Eindruck, da wurde einfach so etwas behauptet, was gar nicht zutrifft - hätte ich doch gern eine Antwort auf die konkreten Fragen, zu Kommentaren anderer Diskutanten, die ich im Vorkommentar gestellt habe.

    Meine Nachfrage hier nochmals wiederholt:

    +++++++++++++++++++++++++++++
    Liefert man mir aber den Beleg dafür, dass eine deutsche Mondlandungsmission von vorneherein "zum Scheitern verurteilt", das vorgestellte Konzept "unausgegoren" (was ja wohl heißen muss "unausgegorener als jede andere Mission noch Vorbeginn der Phase A", denn ansonsten kann ich überhaupt nicht verstehen, was mit solcher Kritik gemeint ist) und dass Hintze nicht seitens der "Weltraumwissenschaftler" (gemeint sind wohl Planetologen) informiert war, dann werde ich dies natürlich den mir vorliegenden anderslautenden Informationen, die sich auf jahrelange Arbeit in der Materie gründen, gegenüberstellen und objektiv versuchen, festzustellen, wo der Fehler liegt.

    Gleiches gilt, wenn man mir schlüssig nachweist, inwiefern der Kostenvergleich zwischen einer Landemission (um die geht es hier) und Orbitermissionen (mit denen wurde verglichen) irgendeine Aussagekraft besitzt.

    Ebenso wäre ich dankbar für konkrete Ziffern zu der angeblich "dramatisch billigeren" japanischen Orbiter-Mission, die nach den mir vorliegenden Informationen in etwa gleich viel kostet wie der deutsche Orbiter (und nur mit dem kann der japanische Orbiter sinnvollerweise verglichen werden) kosten sollte.

    ++++++++++++++++++++++++

  11. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    eRosita - aber sicher!

    Ja, ich kenne das Projekt und habe schon mehrfach drüber geschrieben - und es steht in der Tradition des mit Abstand Besten, was die deutsche nationale Raumfahrt je zustande gebracht hat, dem ROSAT nämlich.

    Dass dem in 20 Jahren nichts vom Impakt her Vergleichbares gefolgt ist, wurmt mich genau wie Sie - aber ob ein buchstäblich vom Himmel gefallenes Mondprojekt, dessen hintergründigen Populismus Sie ja selber zugeben (Mond kennt jeder, AGN kennt keiner) die Antwort wäre, dass hätte man unemotional diskutieren müssen.

    Und das hat schlicht nicht stattgefunden: Kein Wunder, dass sich die deutschen Astronomen nicht begeistert hinter LEO oder spätere Ideen gestellt haben. Deren Vermischung in der öffentliche Wahrnehmung (dank konfuser Pressemitteilungen der Industrie und oft gar keiner von DLR & Co.) übrigens ein weiterer Beleg meiner These ist, dass es eine strukturierte Diskussion in der deutschen RF im Moment nicht gibt.

    Ausser in diesem Thread hier natürlich - vielleicht liest die neue Regierung ja mit ... :-)

  12. Michael Khan Antworten | Permalink

    @D. Fischer: Oeffentliche Diskussion

    Ihrem Punkt, dass es mit der oeffentlichen Diskussion jeglicher moeglicher deutscher Mondmissionen wirklich im Argen lag, kann ich nur zustimmen. Ebenso stimme ich Ihrer Kritik an der mangelnden - oder besser: vollkommen fehlenden Oeffentlichkeitsarbeit des DLR zu, schon bei der letztes Jahr beerdigten Orbiter-Mission LEO.

    Dass nun aber die Ablehnung aus der Wissenschafts-Community kam, habe ich anders erlebt, gerade beim LEO. Das sieht unter anderem eine direkt Betroffene, nämlich Ludmila Carone, ihres Zeichens Planetologin etwas anders.
    http://www.scienceblogs.de/...-tot-es-lebe-leo.php
    Bei einem Lander gibt es natürlich noch ein weiteres Problem, nämlich dass da wieder eine ganz andere (und wahrscheinlich noch kleinere) Community involviert ist, die der In-Situ-Leute, wie ich sie mal flapsig nenne, im Gegensatz zu den Remote-Sensing-Leute, deren Instrumente auf einem Orbiter mitfliegen. Die In-situ-Community ist natürlich klein und kann deswegen wenig durchdrücken, und weil sie nichts durchdrückt, ist die Community klein. Klassischer Zirkelschluss.

    ROSAT ist in der Tat eine richtig feine Mission, die sich bis heute auswirkt. Zehn jahre nach dem Missionsende bezieht man sich immer noch häufig auf die Daten dieser Mission.
    http://de.wikipedia.org/wiki/ROSAT
    Eine andere deutsche Mission, allerdings schon eine viel ältere, wo man wirklichmal etwas sehr Kühnes wagte, ist die Sonnenmission HELIOS, gestartet 1974.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Helios_(Sonde)

    Weiß das noch einer? Die ersten interplanetaren Raumsonden, die NICHT aus den USA oder der UdSSR kamen, waren .... deutsch! Beide Sonden (damals war man nicht so ... äh, kostenbewusst wie heute und baute und startete, ebenso wie die Amerikaner, venünftigerweise Raumsonden im Doppelpack) waren auf hochexzentrischen Bahnen, die sicher Sonne auf weniger als 1/3 AE näherten. Das war wirklich eine technische Herausforderung, die gemeistert wurde.

    Das Programm kostete 260 Millionen Dollar, allerdings Dollar der 70er. Umgerechnet und inflationsbereinigt dürfte selbst der 70%-Beitrag Deutschlands gar nicht mehr so weit entfernt von den veranschlagten Kosten fur einen Mondlander liegen, wobei aber die Wirtschaftskraft Westdeutschlands in den frühen 70ern viel kleiner als die heutige war.

    Das nur mal so am Rande.

  13. Andreas Antworten | Permalink

    @ Michael

    Lieber Michael,

    ich habe doch jetzt eigentlich genug Beispiele genannt, wo Bund und Länder die Wissenschaft fördern. Angesichts meiner Bespiele (nimm gerne noch das von Bund und Land BW geförderte KIT dazu) kann man weder von Wissenschaftsfeindlichkeit reden, noch von Indifferenz. Das ist eindeutig PRO Wissenschaft – da beißt die Maus keinen Faden ab. Und bei diesen Förderungen spielen auch Visionen eine Rolle, genauso wie die Erkenntnis, dass Wissenschaft und Forschung begeistern.

    Nur weil ein deutsches Mond-Projekt in der Förderpalette fehlt, sollte man sich nicht dazu hinreißen lassen, den Politikern ein mangelndes Interesse oder eine Indifferenz ganz pauschal zu attestieren. Hier sind wir offenbar vollkommen gegensätzlicher Meinung, Michael.

    Ich habe ehrlich gesagt keine Lust die Diskussion zu zerreden und nun jedes Argumentchen auf die Goldwaage zu legen. Ich kann Teilen Deiner Argumentation nicht folgen, aber man muss ja nicht jeden Dissens in einen Konsens verwandeln wollen bzw. den Dissens solange hin- und herwenden, dass man genervt auseinander geht.

    Konzentrieren wir uns doch auf das, was Du einforderst, nämlich eine Weltraummission zum Mond und/oder Mars mit einer deutschen Führungsrolle.

    Das wäre sicherlich eine gute Sache für neue, technologische Impulse in Deutschland und den deutschen Wirtschaftsstandort. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob es visionär genug ist, eine Geschichte, die jetzt 40 Jahre her ist, zu wiederholen. Um Missverständnisse zu vermeiden: ich rede von der Mondlandung 1969. Lasst mich mal provokativ fragen: Sind die Leute mittlerweile übersättigt von Mond- und Marsbildern?

    Wenn wir von Leuchttürmen und Visionen in der Weltraumfahrt reden wollen, beides Begriffe, die Du in die Diskussion gebracht hast, Michael, dann muss es vom Kaliber her ähnlich visionär sein, wie JFKs Absichtserklärung "Wir wollen auf den Mond." – Allerdings bevor man auf dem Mond war.

    In der heutigen Zeit müsste eine Vision so ähnlich klingen wie: "In 30 Jahren werde ich Bürgermeister der ersten Stadt auf dem Mond sein und meinen Kaffee in einer Mondbar trinken." Mit sowas könnte man die Öffentlichkeit auch für eine Mond-/Mars-Mission begeistern. Mit yet another Moon/Mars rover image – ob unter alleiniger deutscher Führung oder nicht - wohl eher weniger.

    Ich konnte mir vorstellen, dass eine ähnliche Haltung in so manchem Politikerkopf zu finden sein könnte, was ihre nicht indifferente, sondern vielmehr klar ablehnende Haltung gegenüber groß angelegten und teuren Mond-/Mars-Missionen erklären könnte.

    Gruß,
    Andreas

  14. Michael Khan Antworten | Permalink

    Zum wiederholten Male ...

    1.) Zum dritten (oder vierten?) Mal: Wissenschaftsfeindlichkeit ist hier nicht das Thema.
    2.) Dass Deutschland als Mitglied der ESA und Inhaber des DLR auch die ESA-Missionen im Pflichtprogramm mitfinanziert (weil wir das müssen) bzw. die DLR-Projekte finanziert, ist kein Beleg für wirkliches Interesse an proaktiver oder gar visionärer Wissenschaftsfoerderung. Einfach nur ein paar Namen von Missionen hinwerfen, an denen Deutschland beteiligt ist, das ist nun wirklich etwas dünn.
    3.) Ebensowenig ist die Tatsache, dass dank etwas gesteigerter Forschungs- und Bildungsausgaben Deutschland langsam wieder Anschluss an das Mittelfeld industrialisierter Nationen gewinnt, aber beileibe nicht in die Spitzengruppe aufsteigt, nachdem dieses Land jahrelang abgeschlagen war, ein Indiz für besonders proaktive oder visionäre Forschungs- und WIssenschaftspolitik. Das ändert sich auch nicht, wenn man mir ein paar Kürzel von Initiativen vor die Füße wirft, die in Deutschland eingeführt wurden oder an denen Deutschland beteiligt ist. Argumente sehen anders aus - vielleicht nicht im Rahmen einer Managertagung, aber doch gemessen an den Standards, die im wissenschaftlichen Diskurs gelten.
    Im europäischen Kontext mag Deutschland mit seinen Forschungsausgaben mittlerweile ganz gut *erscheinen*, das liegt aber daran, dass im gesamteuropäischen Kontext nicht genug in Forschung und Bildung investiert wird, sondern deutlich weniger als die USA und Japan. Nur die skandinavischen Länder bilden da eine glänzende Ausnahme. An denen sollten wir uns orientieren.

    Ich sehe keinen Grund zu Zufriedenheit und Schulterklopfen. Das mag jeder gern anders sehen. Hoffentlich kann derjenige dann auch seine Zufriedenheit auf ausreichendes Zahlenmaterial gründen. Die mir zur Verfügungs stehenden Zahlen geben eher Anlass zur Sorge.
    4.) Es geht mir, wie ich übrigens wortwoertlich geschrieben habe, nicht allein um diese eine Mission. Die ist nur ein (weiteres) Indiz für eine Verabschiedung Deutschlands aus einer innovativen, visionären und proaktiven Politik in der Raumfahrtforschung, wie sie Deutschland durchaus einmal innehatte. Von Deutschland kommen hier seit Anfang der 90er Jahre keine wirklichen Impulse mehr. Die Einstellung einer Mondlandemission, bei der Deutschland durchaus die Chance gehabt hätte, sich ganz an die Spitze der technologieschen Leistung zu setzen, ist wirklich nur ein weiteres trauriges Highlight. Wie schon die jahrelange deutsche Weigerung, einen europäischen Marsrover mitzutragen (der war nämlich in einem optionalen Programm) und das Feld in den verwandten Technologien ohne Not anderen Nationen zu überlassen.

    Lander (und danach Mondrover) wären in technischer und wissenschaftlicher die nächsten logischen Schritte in der Mondforschung, nachdem mittlerweile die Erforschung unseres Trabanten aus dem Orbit dank der Leistungen anderer Länder gute Fortschritte gemacht hat. Nicht umsonst arbeiten andere Raumfahrtnationen genau an solchen Konzepten und werden sie durchsetzen.

    Es wäre visionär und ein Zeichen von wirklich innovationsfreudiger Forschungspolitik, jetzt auch den deutschen Anspruch auf eine technologische und wissenschaftliche Führungsrolle zu unterstreichen, und zwar, indem man ein machbares, aber doch sehr anspruchsvolles Projekt vorantreibt.

    Wer nicht in der Materie steckt, kann vielleicht nicht immer so recht einschätzen, wie groß die damit verbundenen Schwierigkeiten sind.

    Das wissenschaftliche Interesse an Mondlandemissionen und in-situ-Forschung ist eindeutig. Dass es da auch an oeffentlichem interesse nicht mangeln wird, zeigte die Pathfinder-Mission. Es ist jetzt 40 Jahre nach den ersten und fast 40 Jahre nach den bisher letzten Mondlandemissionen und damit hoechste Zeit für neue Missionen, an ganz anderen, geologisch interessanten Orten und mit einer Ausstattung an Kameras und anderer wissenschaftlichen Instrumentierung, die dem Stand der heutigen Technik entspricht.

    Eine immens weitergehende Forderung, beispielsweise die, jetzt unter deutscher Führung auf eine permanente Besiedlung des Mondes hinzuwirken, wäre dagegen vollkommen lächerlich.

    Wir Europäer hätten die Chance, hier einmal ganz vorne mitzuspielen, anstatt nur irgendwann einmal nach allen anderen, falls überhaupt. Dass zumindest in Deutschland kein Interesse besteht, so ein Projekt unter deutscher Federführung voranzutreiben, ist schon traurig genug. dass das offenbar von einigen gar nicht als schlimm empfunden wird, ist noch trauriger ... und wahrscheinlich ist dies auch Teil des zugrundeliegenden Problems.

  15. Ludmila Antworten | Permalink

    Michael völlig d'accord

    Ich bin völlig auf Deiner Seite. Indifferenz. Genau das trifft den Kern der Sache nur zu genau. Und es ist einfach so, dass einem bei solchen Vorhaben Hohn und Spott aus Medien und Bevölkerung entgegenschlagen: "Haben wir nicht andere Probleme? Was sollen wir auf dem Mond? Zu teuer! Blablabla."

    Und genau deswegen - und mit dieser unserer Erfahrung mit LEO im Hinterkopf - haben wir die Absage des Mondlanders kommen sehen.

    Im Übrigen, was Daniel zu der Ablehnung einer Mondmission von der Community sagt, das betrifft ein anderes etwas komplexes Thema: Die Planetologen und die Astronomie-Community sind nicht in identisch. Vor allem in Deutschland ist die Trennung durchaus recht strikt. Bis hin zu unterschiedlichen Konferenzen und Journalen, die man bedient.

    Die kleine und sehr überschaubare Planeten-Gemeinschaft war geschlossen für die Mond-Mission. Die größere Astronomen-Gemeinschaft war zwiegespalten, wobei sich mir bis heute beim besten Willen nicht erschließt weshalb.

    Da aber Astronomen kaum politische Lobby-Arbeit betreiben und ich umgekehrt so einige DLR-Leute bei der Lobby-Arbeit auch hier an der Uni Köln bei den Astronomen erlebt hab, kann ich mir kaum vorstellen, dass diese Misstöne ursächlich für das Scheitern deutscher Mond-Pläne gewesen sein sollen.

    Das Scheitern von LEO war ein Bauernopfer in einem politischen Schachspiel. Nicht mehr und nicht weniger. Weil Raumfahrt einfach nicht als wichtig erachtet wird.

  16. Gunnar Antworten | Permalink

    Die Frage stellt sich nicht

    Andreas schrieb am 23.10, 22:25:
    'Die Preisfrage ist nur, welche Forschung gefördert werden soll'

    Kurze Antwort: Jede Art von Forschung, die uns vorwärts bringt. Daher macht der Hinweis auf den LHC die ignorante Entschlossenheit der bundesdeutschen Entscheider, Raumfahrt weiterhin als Nebensache zu betrachten, nicht weniger peinlich.

    Nichts gegen Exzellenz-Initiativen, aber wenn darüber das Laufen verlernt wird, ist der akademische Weihrauch mehr Bremse als Synergizer.

    Wie in Gesellschaft und Politik, so gibt es natürlich auch unter Fachleuten unterschiedliche Sehweisen bezüglich der Prioritäten bei der Forschung. Jeder wird da SEIN Interessen- und Aufgabenfeld als besonders förderungswürdig ansehen, oder zumindest in diese Richtung argumentieren. Dabei sollte aber Konsens herrschen, dass man Forschungsaktivitäten als ein unverzichtbares Element kulturellen Schaffens begreifen muss. Hier Bereiche als 'wichtig' oder 'unwichtig' zu definieren und dann zu fördern oder nicht zu fördern ist daher immer der falsche Ansatz.

    Pragmatisch gesagt: Für den Fortgang der kulturellen Entwicklung muss immer Geld vorhanden sein. Hier nun ausgerechnet die Raumfahrt außen vor zu lassen, die ja ganz entscheidend zur Weiterentwicklung unsere Bildes von der Welt beiträgt, lässt sich sachlich nicht begründen. Auch nicht durch hohe Kosten, denn Raumfahrt wird nie 'billig' sein können. Warum also warten?

    Das heutige Wissen über die Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der Körper im Sonnensystem ist gerade erst dabei sich auszuformen. Immer wieder lernen wir durch Untersuchungen vor Ort dazu, müssen Ansichten revidieren und nach Erklärungen für überraschende Messungen und Beobachtungen suchen. WIR ist hier groß zu schreiben, denn durch die heutigen Möglichkeiten der Informationsverbreitung erreichen die Nachrichten aus dem Sonnensystem nicht nur die Fachwelt, sondern alle Teile der Gesellschaft und werden dort rezipiert und reflektiert.

    Es ist das große Verdienst der Raumfahrt, dass sich die Wahrnehmung vieler Menschen heute nicht mehr auf das direkte Lebensumfeld beschränkt, sondern immer stärker auch Informationen und Eindrücke von Orten außerhalb der Erde ins Bewusstsein geraten. Sehr eindrucksvoll kann man dies bei der Bildungsarbeit mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen feststellen, z. B. bei astronomischen Veranstaltungen oder Schulprojektwochen.

    Ich habe es bisher tatsächlich noch nicht erlebt, dass bei solchen Gelegenheiten die Meinung geäußert wurde, man wisse doch schon alles über den Erdtrabanten und müsse da keine Sonden mehr hinschicken.

    Man darf sich eben nicht gähnend vor die Leute stellen und Ihnen mit dem Hinweis auf die von Sonden und Observatorien produzierte Bilderflut einreden, nun sei es genug mit Daten und der nächste entscheidende Schritt sei eine Kegelbahn im Krater Aristarch.

    Wenn ich nun ausgerechnet von einem Wissenschaftler höre, die Öffentlichkeit lasse sich erst dann wieder für den Mond interessieren, wenn dort Bars eingerichtet würden, muss ich das als grobe Fehleinschätzung der Situation zurückweisen.

    Dass es Deutschland im Gegensatz zu Nationen wie Japan oder Indien nicht hinbekommt, in einer Phase des Aufbruchs in Richtung Mond und Mars ein ehrgeiziges und zukunftsweisendes Projekt wie den Mondlander in die Hand zu nehmen, ist - mit Verlaub gesagt - ein Skandal. Angesichts der überzeugenden Erfolge der sondengestützten Erforschung des Sonnensystems und noch anstehender, großer Aufgaben kann es für ein wirtschaftlich starkes Land keine akzeptable Haltung sein, mit dem Verweis auf Forschungsaktivitäten in anderen Feldern bei der Raumfahrt eine gelangweilte Zuschauerrolle einzunehmen und einen Anschlusszug nach dem anderen abfahren zu lassen.

    Formale Struktur- und Exzellenzinitiativen sind alleine nicht ausreichend, um ein offensiv-kreatives Klima in der akademischen Landschaft und bei den Entscheidern in der Politik zu schaffen. Das angebliche Desinteresse in der Bevölkerung ist ein vorgeschobenes Argument, mit dem Desinteresse und Entscheidungsunlust in den Planungsebenen bequem kaschiert werden kann .

    Im kulturellen Bereich (und dazu gehört die Wissenschaft)drückt sich Exzellenz nicht nur in organisatorischer Brillianz, sondern - vor allem (!) in der Fähigkeit aus, sich und Andere für das schon Erreichte, das Neue und das noch Unbekannte zu begeistern. Dabei geht es nicht nur um Faktenvermittlung, sondern auch um die Wertschätzung der systematischen Arbeitsmethodik und steten Anstrengungungen von Wissenschaftlern und Ingenieuren. Gerade die Raumfahrt besitzt ein großes Potenzial, das Interesse der Menschen an den Naturwissenschaften wachzuhalten und weiterzuentwickeln.

    Wissenschaft ist der wesentliche Faktor, der die Entwicklung der modernen Gesellschaft vorantreibt. Es steht der Politik nicht zu, hier als Bremsklotz zu fungieren. Das bedeutet knallhart: Wer sich 'vornehm zurückhält' lässt anderen den Vortritt beim Kompetenz- und Erkenntnisgewinn. Ab einem bestimmten Punkt sind diese Rückstände kaum noch einholbar. Die bundesdeutsche Raumfahrt ist nach der Beerdigung des Mondlanders diesem Punkt leider ein großes Stück näher gekommen.

    In einer Gesellschaft, die global durchgängig für Informationen ist, mag es zunächst schlau wirken, andere (Nationen) das Wissen erarbeiten zu lassen, das letztlich allen zugute kommt. Es wird sich jedoch bald zeigen, dass nüchternes Buchhalterkalkül auf Dauer wenig inspirierend wirkt und so ein wichtiger Entwicklungsimpuls versiegt.

    Die Zukunft gestalten dann andere.

Einen Kommentar schreiben


sechs × 5 =