Mein Eindruck vom MPOG-Workshop beim ESOC

31. Oktober 2010 von Michael Khan in Kleinplaneten

Carolin Liefke und Daniel Fischer haben als Teilnehmer an der Pressekonferenz im Anschluss an einen beim ESOC in Darmstadt durchgeführten Workshop zum Generalthema "Organisation der Abwehr von Asteroiden auf Kollisionskurs"  bereits ihre Eindrücke geschildert. Gerade bei Daniel Fischer scheint sich die Begeisterung deutlich in Grenzen zu halten. Dies kann ich zwar nachvollziehen, seinem Urteil "Thema verfehlt" schließe ich mich nicht an. 

Ich habe an dem Workshop teilgenommen und muss zugeben: Mein Ding ist sowas auch nicht. Aber das Thema wurde keineswegs verfehlt. Die Sache wurde allerdings im Vorfeld vielleicht nicht ganz zutreffend beworben, was zu einer unangemessenen Erwartungshaltung geführt haben mag.

Es ging bei dem Workshop nicht um Methoden der Abwehr - dazu gibt es mangels neuer Erkenntnisse wenig durchschlagend Neues, eigentlich gar nichts - sondern vorrangig um Politisches, nämlich wie auf das globale Problem der Bedrohung durch Asteroiden eine globale Antwort der Weltgemeinschaft gefunden werden kann.

Hier diskutierten vorranging nicht technische und wissenschaftliche Experten, sondern Politiker und Bürokraten. Es ging auch weniger um konkrete Zahlen als um "Terms of Reference" (für die, die mit dem Begriff nichts anfangen können, damit bezeichnet man im Manager-/ISO-9000-Neusprech die Zusammenfassung dessen, was eine Person oder eine organisatorische Einheit darf bzw. nicht darf), um Einbettung der Entscheidungsprozesse in die (byzantinischen) Strukturen der UN und um die Schaffung einer supranationalen Kommission, der "Mission Planning and Operations Group" (MPOG).

In der MPOG sollen die Raumfahrtagenturen der Welt vertreten sein und sie soll den Aufbau technischer Kapazitäten zur Asteroidenabwehr vorantreiben und koordinieren. Dazu muss Geld in die Hand genommen werden. Gar nicht so viel Geld - vielleicht der Gegenwert einer kleinen Satellitenmission oder eines einzigen gut ausgerüsteten Düsenjägers, weltweit, pro Jahr. Das ist durchaus überschaubar. Woher soll das Geld kommen? Genau das ist eine der Fragen, die geklärt werden muss. Wir reden hier von einem globalen Problem, also sollte es auch nicht auf nationaler Ebene gelöst werden. Wie sollen die vorbereitenden Aktivitäten durchgeführt werden, d.h., wie und wo soll das Geld ausgegeben werden? (Keine Sorgen, liebe Neoliberale, jeder Cent wird auf der Erde ausgegeben!) Genau das ist eine wichtige Frage, denn Einigkeit herrschte zumindest unter den technischen Experten darüber, dass Planung und Durchführung einer Raumfahrtmission in einer Hand liegen müssen, zumindest wenn man sich einen Missionserfolg erhofft. 

Wenn so eine übergeordnete Kommission, vielleicht der erste Schritt auf dem Weg zu einer globalen Raumfahrtagentur, ins Leben gerufen wird, dann wird es jede Menge Streit über die Modalitäten geben. Es war etwas enttäuschend, dass auf disem Workshop nur die Vereinten Nationen, die NASA und die Europäer vetreten waren, letztere sowohl in  Form der ESA als auch in Form nationaler Agenturen wie DLR, CNES und UK Space Agency. Die ebenfalls eingeladenen Russen, Chinesen, Japaner und Inder entsandten keine Vertreter - leider, denn ihre Meinung war hier nicht nur erwünscht, sondern eigentlich unerlässlich. Wären diese Nationen auch erschienen, hätten der Workshop und seine Empfehlungen ein ganz anderes Gewicht gehabt. 

Vergnügungssteuerpflichtig ist eine stundenlange Diskussion über ein mögliches Mandat einer solchen Kommission keineswegs. Als Ingenieur hat man ohnehin wenig Geduld mit dem bürokratischen Prozess. Aber es ist nun einmal so, dass nicht jeder wichtige Entscheidungsprozess spannend und mitreißend muss. Waren denn die Verhandlungen, die zu den römischen Verträgen führen, immer spannend? Das würde mich wundern.

Ob es im Anschluss an diesen Workshop gelingt, etwas in Gang zu setzen, wird sich zeigen. Dies allein wird vielleicht noch nicht viel bewegen. Dann wird man sich eben noch einmal treffen müssen und danach noch einmal. Was soll's? Wir haben doch keine Alternative. Die Tatsache, dass wir theoretisch wissen, was gemacht werden könnte, wenn man, sagen wir, in fünf Jahren feststellt, dass in 20 Jahren ein Einschlag eines 300 Meter großen Asteroiden mit fünfprozentiger Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, bringt uns praktisch erst einmal wenig.

Wenn es keinen Prozess der Entscheidungsfindung gibt, in dem die  Weltgemeinschaft entschließt, wie sie auf die Bedrohung reagiert, dann wird es auch keine umsetzbare Lösung geben. Dann wären wir darauf angewiesen, dass einzelne Nationen, etwa die USA ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Reicht das?

Mir nicht.

Als Raumfahrtingenieur weiß ich sehr wohl, dass ein himmelweiter Unterschied zwischen einer theoretisch machbaren Technik besteht und einer, die entwickelt, getestet und im Probebetrieb unter operationellen Bedingungen verifiziert worden ist. Gerade bei einem Projekt, das klappen muss, weil vielleicht Millionen Menschenleben davon abhängen, will ich, dass die erforderlichen Techniken schon vorher auf ein hohes TRL (Technical Readiness Level) gehievt werden. Würden Sie denn wollen, dass ein Chirurg, der das zwar noch nie selbst gemacht, aber schon etliche Bücher darüber gelesen hat und prinzipiell hoch qualifiziert ist, bei Ihrem Vater einen Bypass legt? Na also.

Weil es eben so ist, dass diese Dinge global angegangen werden müssen, weil es so ist, dass wir Vorbereitungen treffen müssen und weil es so ist, dass niemals etwas passieren wird, wenn es nicht die damit beauftragten Organisationen mit ihren klar definierten Mandaten gibt, eben deswegen ist es notwendig, dass die erforderlichen bürokratischen Prozesse in ihrer ganzen Langsam- und Langweiligkeit, mit den endlosen Diskussionen unter Schreibstubenhengsten (und mehr und mehr -stuten) über den Feinschliff der Formulierung von Absatz 2b von Paragraph 23 stattfindet. Ohne eine kompetente supranationale Organisation, die die eigentliche technische Entwicklungsarbeit koordiniert, wird nichts passieren. Die Nationen der Welt werden nichts gemeinsam unternehmen, bevor es nicht leitende Kommission gibt, in der sie selbst vertreten sind.

Das ist einfach mal so. 

Es muss ja nicht immer so sein, dass es wirklich zu einer Abwehrmission kommt. Wenn die Organisation der Abwehr gut funktioniert, dann wird es in der Mehrzahl der Fälle so ein, dass man durch Koordination der Beobachtungen zu dem Schluss kommt, dass Abwehrmaßnahmen im gegebenen Fall nicht erforderlich sind. Aber es kann auch der komplett entgegengesetzte Fall eintreten, nämlich dass man feststellt, dass ein Einschlag mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten wird, allerdings nur von lokalen Ausmaßen und in einem dünn besiedelten Gebiet. Dann bestünde die sinnvollste Form der Abwehr darin, das betreffende Gebiet zu evakuieren, was allerdings wahrscheinlich globaler Kooperation bedarf. 

Wir müssen durch den Papierkrieg, ob's uns passt oder nicht. Dann bringen wir es lieber schnell hinter uns. Irgendwann werden wir froh sein, dass wir den Prozess angeleiert haben, denn dann werden wir die Techniken brauchen, die sie entwickeln. Es ist nur eine Frage der Zeit. 

Weitere Information

Association of Space Explorers (ASE), eine NGO, deren Mitglieder Astronauten und Kosmonauten sind und die unter Anderem für globale Maßnahmen zur Abwehr des Risikos von Asteroideneinschägen eintritt

SecureWorldFoundation (SWF): Eine andere NGO; die für die friedliche und nachhaltige Nutzung  des Weltraums eintritt

Webseite des UN Committee on the Peaceful Uses of Outer Space (COPUOS) 

ESA-Space Situational Awareness (SSA)-Programm

Scilogger Gerhard Holtkamp zur Pressekonferenz nach dem Workshop und zum SSA-Programm


7 Kommentare zu “Mein Eindruck vom MPOG-Workshop beim ESOC”

  1. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Was ich sagen wollte ...

    Mein "Thema verfehlt" bezog sich auf die Pressekonferenz, die vieles nicht bot, was in der Einladung stand, und nicht auf den Workshop. Was dort passierte, hat mir ein (anderer) Teilnehmer inzwischen erzählt, und ich habe den Artikel zwischenzeitlich mit einem Nachtrag versehen. Trotzdem bleibt die Frage: Warum ist zwei Jahrzehnte nach den großen NEO-Tagungen in Sachen Entscheidungsprozesse immer noch so wenig heraus gekommen?

  2. Michael Blume Antworten | Permalink

    Neoliberalismus

    Spannender Artikel, danke! Ich hatte die Medien-Berichterstattung bislang recht oberflächlich gefunden, lese daher hier gerne ein bissel tiefer.

    Eine minimale Anmerkung jedoch zur ironischen Verwendung des Terminus "Neoliberalismus":
    (Keine Sorgen, liebe Neoliberale, jeder Cent wird auf der Erde ausgegeben!)

    Hier scheint mit "Neoliberalismus" eine Art Schimpfwort für Libertäre gemeint zu sein, die jede Art von Staat und Steuer ablehnen. Sinnigerweise trifft genau das jedoch auf den Neoliberalismus nicht zu - er stand und steht für die Denkrichtung, die seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch über die (gesellschaftlichen, politischen, demografischen, zuletzt auch ökologischen etc.) Rahmenbedingungen von Märkten nachdenkt und also den Markt gerade nicht mehr verabsolutierte. Dass der Neoliberalismus in Deutschland heute nur noch sehr schwach erkennbar ist, kann man den Vordenkern sicher nicht anlasten, vgl.:
    http://www.bpb.de/...opup_lemmata.html?guid=g320f2

    Also, klare Ansage: Ein "echter" Neoliberaler würde gemeinsame Kraftanstrengungen zur Überwindung einer gemeinsamen Gefahr ausdrücklich befürworten. :-)

  3. Andreas Müller Antworten | Permalink

    Es geht (endlich) los!

    Lieber Michael

    Vielen Dank für diesen Bericht. Es freut mich zu sehen, dass man sich endlich von berufener und professioneller Seite dem Problem annimmt.

    Mich hat immer gewundert, dass es so lange dauert, bis man sich globale Notfallpläne überlegt. Das ist erschreckend kurzsichtig, gerade weil das TRL einiger diskutierter Gegenschlagsszenarien so niedrig ist.

    Nun muss man überlegen, wie es gelingt, dass vor allem China und Indien als bevölkerungsmäßig dominante Teile der Erde an den Verhandlungstisch kommen.

    Es ist ja durchaus sinnvoll, dass man die Abwehrmassnahmen mit Science koppelt. So könnte z.B. beim Gravitationstraktor ein Teleskop onboard mitfliegen.

    Dann retten wir nicht nur die Welt, sondern erweitern gleichzeitig unsere Erkenntnisgrenzen - sozusagen Bruce Willis mit Köpfchen. Nicht "Die hard", sondern "Survive clever" ;-)

    Beste Grüße,
    Andreas

  4. Michael Khan Antworten | Permalink

    Wissenschaft inside?

    @Andreas:

    Die Frage der wissenschaftlichen Ausstattung wurde explizit angesprochen. Da wird es naturgemäß immer einen Konflikt geben:

    Die Ingenieure werden soviele redundante Komponenten und so viel Treibstoff wie möglich in die Sonde packen wollen, die als Gravitationstraktor dient.

    Die Wissenschaftler dagegen wollen wissenschaftliche Experimente mitschicken.

    Wahrscheinlich wird es so sein, dass, wenn man einen Traktor zu einem potenziell hochgefährlichen Asteroiden schickt, man in 9 von 10 Fällen feststellt, dass er doch kein Risiko darstellt.

    Und zwar deswegen, weil man allein dadurch, dass man die Sonde zum Asteroiden geschickt hat, nun dank der dort anwesenden Sonde die Bahn des Asteroiden um Größenordnungen genauer bestimmen kann als nur mit irdischen Teleskopbeobachtungen (günstigstenfalls unterstützt durch ein paar Radarmessungen).

    Da wäre es gut, wenn wenigstens ein wenig Wissenschaft abfällt, sagen die einen. Nun, aus meiner Sicht wäre allein die Beruhigung, zu wissen (anstatt nur zu hoffen oder zu glauben), dass das Risiko dieses betreffenden Asteroiden auf absehbare Zeit vernachlässigbar ist, auch schon die Missionskosten wert.

  5. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Die Kleinen sind die Häufigen

    Ein Impact eines 300 m grossen Brockens ist ein so seltenes Ereignis, dass es kaum je in einem Menschenleben vorkommt: wer will die Technologie zur Verhinderung eines so seltenen Ereignis über Jahrzehnte pflegen?
    Wenn schon müsste man sich auf kleine Asteroiden oder Meteore konzentrieren. Zitat aus http://www.sternwarte-hoefingen.de/...ng/ries.html :Am 30. Juni 1908 ist über der Tunguska Region in Sibirien ein Objekt mit ca. 55 m Durchmesser in ca.10 km Höhe explodiert.

    55m Durchmesser, solche Brocken müsste man zuverlässig erkennen können, denn Don Yeomans, Direktor von National Aeronautics and Space Administrations Near-Earth Object Program,bemerkt hierzu, dass nach den vorliegenden Statistiken mit dieser Art von Einschlägen alle 100 Jahre zu rechnen sei. Mit anderen Worten, ein Einschlag dieser Grössenordnung wäre statistisch noch in diesem Jahrzehnt fällig.

    Soviel ich weiss können aber solch kleine Near-Earth Objects noch nicht zuverlässig erkannt werden, liest man doch in http://en.wikipedia.org/wiki/Near-Earth_object :In 1998, the United States Congress mandated the Spaceguard Survey - detection of 90% of near-earth asteroids over 1 km diameter (which threaten global devastation) by 2008. This could be extended by the George E. Brown, Jr. Near-Earth Object Survey Act, which calls for NASA to detect 90 percent of NEOs with diameters of 140 meters or greater by 2020.

  6. Michael Khan Antworten | Permalink

    Seltene Ereignisse, schwere Konsequenzen

    Ein Impact eines 300 m grossen Brockens ist ein so seltenes Ereignis, dass es kaum je in einem Menschenleben vorkommt: wer will die Technologie zur Verhinderung eines so seltenen Ereignis über Jahrzehnte pflegen?

    Das ist genau das Thema und auch das Problem. Wir haben es mit seltenen Ereignissen zu tun, deren Konsequenzen aber sehr schwer wiegen koennen, mehr als alle anderen Naturkatastrophen.

    Die Aufgabe der Technologieentwicklung und -pflege kann meines Erachtens nur bei den Raumfahrtagenturen liegen. Wir reden hier wohlgemerkt auch nicht von großen Anstrengungen.

    Die Arbeit liegt sogar vorwiegend im Bereich der Früherkennung und Verfolgung und nur zu einem geringen Teil in der tatsächlichen Abwehr durch Ablenkung.

    Man muss allerdings irgendwann eine Grenze ziehen - würde man wirklich eine Abwehrmaßnahme gegen solche Ereignisse wie den Carancas-Meteoriten einleiten?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Carancas_(Meteorit)

    Wohl kaum - dies ist Teil des Hintegrundrisikos, mit dem wir leben müssen. Zwar gibt es in den datenbanken der bekannten Asteroiden durchaus Objekte von dieser Groeße, aber man kann hier bis auf Weiteres nicht von einer auch nur annähernd ausreichenden Erfassung ausgehen.

    Anders ist das mit großen Luftzerplatzern von der Art des angesprochenen Tunguska-Ereignisses.

    http://www.kosmologs.de/...in/2008-06-21/tunguska1
    http://www.kosmologs.de/...ka_komet_asteroid_encke

    Da ist sicherlich das Schadenspotenzial so hoch, dass eine Abwehrmaßnahme gerechtfertigt wäre. Problematisch sind allerdings Detektion und Bahnverfolgung bei Objekten solch geringen Durchmessers von weniger als 100 Metern. Hier ist die Technik gefordert.

  7. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Der Stand der Suchprogramme

    @Holzherr: Die Spaceguard Survey ist inzwischen fast komplett, aber bei den 140-m-Brocken stehen wir noch ganz am Anfang, weil der Aufwand für eine systematische Katalogisierung ein Vielfacher ist. Im neuen NASA-Etatplan steht immerhin eine Verfünffachung der Ausgaben für die NEO-Jagd auf 20 Mio.$/Jahr, die m.W. immer noch aktuell ist: Damit sind zwar keine großen Sprünge möglich, aber die Richtung stimmt.

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