Neuer Wissenschaftsskandal in Japan

6. August 2014 von Michael Khan in Irdisches, Leute, Wissenschaft

Der Wissenschaftsbetrieb in Japan wird wieder durch einen Riesenskandal erschüttert. Vor drei Jahren war es die skurrile, zwar reichlich peinliche, aber letztlich wegen ihrer kompletten Absurdität nicht wirklich schwerwiegende Affäre um das angebliche Universalgenie Serkan Anilir. Der aktuelle Riken-Stammzellenskandal wiegt dagegen schwerer.

Ich sage gleich offen, dass ich trotz eines tiefen Interesses an der Thematik über keinerlei Fachkenntnisse zu diesem Thema verfüge und mich deswegen darauf beschränke, wiederzugeben, was an anderer Stelle berichtet wird.

Im Kern des Skandals steht die 31 jährige japanische Molekularbiologin Dr. Haruko Obokata vom Riken-Center for Developmental Biology. Diese veröffentlichte Ende Januar 2014 zwei Papers in der bekannten britischen Publikation Nature (hier und hier). Thema der Veröffentlichungen ist ein angeblich von den Autoren der Papers entdecktes Verfahren namens STAP (Stimulus´Triggered Acquisition of Pluripotency. Dieses sollte die Generierung von Stammzellen radikal vereinfachen und wäre damit von enormer Bedeutung für die Biologie und Medizin.

Falls es funktioniert ... und daran gab es schon Mitte Februar 2014, also nicht einmal einen Monat nach der Veröffentlichung der Papers, starke Zweifel. Mehr dazu auf scilogs.com im Blog von Jalees Rehman, einem in der Stammzellenforschung tätigen Biologen. Die Zweifel wurden lauter, als es anderen Forschern nicht gelang, die Ergebnisse von Obokata und ihren Kollegen zu reproduzieren. Das Riken strengte eine Untersuchung des Sachverhalts an, der im März beiden Papers Mängel bescheinigte und im April nochmals kräftig nachlegte: Daten sollten frei erfunden, Bildmaterial verändert oder in falschen Zusammenhang gebracht und Inhalte plagiiert worden sein, und als Hauptverantwortliche wurde Haruko Obokata an den Pranger gestellt. Manche Wissenschaftler außerhalb des Riken, in Japan und im Ausland, sind da deutlich vorsichtiger und bescheinigen der Autorin zwar Nachlässigkeit, gehen aber nicht soweit, eine absichtliche Fälschung des Datenmaterials zu unterstellen.

Dr. Obokata stand anfangs zu ihren Ergebnissen, musste aber dem Druck nachgeben und zog im Juli erst das eine, dann das andere Paper zurück. Der Skandal ist damit aber noch lange nicht beendet; er weitet sich aus. Einen vorläufigen Höhepunkt, oder eher einen traurigen Tiefpunkt erreichte er gestern, am 5.8.2014, mit dem mutmaßlichen Selbstmord eines der Ko-Autoren beider Papers, des leitenden Riken-Wissenschaftlers Yoshiki Sasai, der im Rahmen der Untersuchung schwere Kritik hinnehmen musste.

Inzwischen wurden die Methoden, mit denen ihre Arbeit geprüft wurde, auch auf die von Kollegen angewandt und man wurde fündig, sogar bei zwei Nobelpreisträgern, von denen pikanterweise einer der Generaldirektor des Riken ist. Diese Nebenaffären haben allerdings offenbar nicht direkt mit dem STAP-Skandal zu tun, die Vorwürfe ähneln aber denen, die an Obokata gerichtet werden.

Diese Sache wird wohl noch eine ganze Weile weiter gehen und sie werden den Wissenschaftsbetrieb in Japan verändern. Das angesehene Riken hat bereits einen unabsehbaren Imageschaden hinnehmen müssen und wesentlich handfestere Konsequenzen können folgen. Der Verdacht liegt nahe, dass man durch die schnelle Schuldzuweisung hauptsächlich an Obokata Schadensbegrenzung betreiben wollte. Ob man damit durchkommt, wir sich zeigen.

Auch wenn Obokata ihr Fehlverhalten zugegeben hat, so sollte doch untersucht werden, inwieweit die Begleitumstände zum Entstehen des Skandals beitrugen, beispielsweise Druck vom Arbeitgeber zur schnellen Veröffentlichung und die mittlerweile klar benannten Mängel in der Qualitätskontrolle. Wieso mussten denn erst infolge der von außen bemängelten Schwächen die Kontrollen eingeführt werden? Die Fehler in den Papers müssen angesichts der Geschwindigkeit, mit der die massive Kritik laut wurde, augenfällig gewesen sein. Wieso fiel das vorher niemandem beim Riken auf?

Auch die Presse spielt hier eine zweifelhafte Rolle. Obokata steht seit Januar im Mittelpunkt des Medieninteresses. Kurze Zeit wurde sie idolisiert, und zwar  mit einer merkwürdigen Mischung aus Bewunderung und Herablassung, woran sie selbst nicht ganz unschuldig ist. Aber wer mit den Medien nach oben fährt, fährt auch mit ihnen nach unten - wie bereits Andere feststellen mussten.

Die von Obokata geleitete Forschungseinheit hat ihre Aktivität eingestellt.

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Dr. Obokata entschuldigt sich bei einer Pressekonferenz am 8. April 2014 für ihr Fehlverhalten und verleiht ihrer Überzeugung Ausdruck, dass dennoch die Ergebnisse und die Veröffentlichungen Bestand haben werden. Zu dem Zeitpunkt schlugen die Wogen der Aufregung bereits über ihr zusammen. Die Papers wurden aber erst drei Monate später zurückgezogen. Der Druck, unter dem sie steht, ist in der Körpersprache und der Stimme deutlich ersichtlich, auch dann noch, wenn man berücksichtigt, dass jede Geste und jedes Wort penibel eingeübt wurden. Wie hält man so etwas aus und warum tun sich Leute so etwas an? Übrigens: Wie mir ein japanischer Kollege erläuterte, erfordert die Entschuldigungsformel まことに申し訳ありませんでした (makoto ni moushiwake arimasen deshita) zwingend die 90°-Verbeugung. Dies wird hier perfekt demonstriert.

Weitere Information

stapcell-Blog eines (wahrscheinlich dem japanischen akademischen Umfeld entstammenden) "Obokata-Jägers"

stapcells.blogspot.jp von der anonymen Nemesis schummelnder japanischer Wissenschaftler "juuichijigen", der bereits bei der Aufdeckung mindestens eines anderen bekannten Skandals beteiligt war

Academic Scandal Shakes Japan, New York Times, 6. Juli 2014

Zwei Artikel auf dem "News"-Teil von Nature, der redaktionell von dem für die wissenschaftlichen Publikationen zuständigen Teil unabhängig ist, beschäftigen sich mit schweren Vorwürfen des Ko-Autors der beiden Obokata-Papers, Teruhiko Wakayama. Wakayama behauptet, mittels genetischer Test nachgewiesen zu haben, dass die angeblichen STAP-Stammzellen nicht von den Labormäusen stammen können, denen die Ausgangszellen entnommen worden sind. Artikel dazu am 17. Juni 2014 und 27. März 2014, von David Cyranoski, nature.com. Das würde schwere Zweifel wecken, ob die STAP-Zellen überhaupt existieren. Wohlgemerkt, der Mann, von dem diese Vorwürfe kommen, ist Ko-Autor beider Nature-Papers, sein Name steht an zweiter Stelle, nach dem von Haruko Obokata

Japan Center Questions Stem cell Breakthrough, New York Times, 1. April 2014

Artikel "Closure on the Obokata/STEP affair" im Blog Pharyngula auf den scienceblogs vom 7.7.2014

Gastartikel von Robert Geller auf dem Knoepfler Lab Stem Cell Blog, auf dem auch sonst allerhand Relevantes zum Skandal erschien


18 Kommentare zu “Neuer Wissenschaftsskandal in Japan”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Mit Forschungsskandalen scheint es sich ähnlich zu verhalten wie mit Schulmassakern: Anstatt dass solche öffentlich gewordenen Schandtaten abschreckend wirken, inspirieren sie Nachahmungstäter. Mindestens zwei grosse Stammzellen-Forschungsskandale gibts inzwischen: Im Jahre 2005 behauptete der koreanische Stammzellenforscher Hwang Woo-su elf humane Stammzell-Linien geklont zu haben - was frei erfunden war. Auch sein ehemaliger Mitarbeiter Park Jong-Hyuk fälschte an der University of Pittsburgh Daten, die die Grundlage seiner Veröffentlichungen waren. Und nun der spektakuläre Fall von japanischen Stammzellenforschern, die behaupteten, gewöhnliche Körperzellen durch Eintauchen in ein Säurebad in Stammzellen umwandeln zu können. Stammzellenforscher als Hochstapler - das ist sicher kein Zufall. Die relativ junge mit vielen Hoffnungen (z.b: Verjüngung, Ersatz von absterbenden Hirn- (Parkinson) und andern Körperzellen, nachwachsende Organe) überfrachtete Stammzellentherapie lädt geradezu zum Hochstapeln ein, denn ein Durchbruch hier garantiert einem die Aufmerksamkeit der ganzen Welt.
    Insoweit scheinen sich Forscher nicht von Hochleistungssportlern, Politikern und Schauspielern zu unterscheiden. Sie kämpfen um das Wahrgenommen-Werden, um den Ruhm, und sogar der Mann von der Strasse strebt laut Andy Warhol folgends an: “In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.”

  2. Lars Fischer Antworten | Permalink

    Was ich ja bitter finde ist, dass sie von Anfang an versucht haben, Obokata als Alleinverantwortliche zu platzieren, um alle anderen bis hoch zu Noyori aus der Schusslinie zu nehmen. Da ist sehr wenig Wille erkennbar, das strukturelle Grundproblem zu lösen.

    Vermute, es wird nicht der letzte große Riken-Skandal bleiben...

    • Michael Khan Antworten | Permalink

      Richtig, das hatte ich auch angemerkt. Auf ein Fehlverhalten ihrerseits deutet eine ganze Menge hin, und wir reden nicht über Kleinigkeiten, sondern im Kern um absichtliche und erhebliche Fälschung von Datenmaterial. Die Begründung, mit der die Autoren selbst, nicht etwa Nature, die zwei Papers zurückgezogen haben, listet die Ergebnisse der Untersuchung des Riken (hier und hier) auf sowie noch weitere Punkte, die nicht im Riken-Bericht standen. Aber die Frage, warum denn Papers mit solchen Schwächen, die offenkundig auch schnell zu entdecken sind - von der Veröffentlichung bis zum Moment, wo alles lichterloh in Flammen stand, vergingen nur wenige Wochen, also können ja die Schwächen nicht tief verborgen gewesen sein - offensichtlich nicht aufmerksamer geprüft worden sind. Gerade bei einem solchen Thema, und bei solchen behaupteten Ergebnissen, die schon nobelpreisverdächtig wären, wäre Vorsicht angebracht.

      Wenn es die Zielsetzung des Riken sein sollte, den jetzigen Skandal auszusitzen und dann diskret intern aufzuräumen, dann ist nicht sicher, dass das Ziel erreicht wird. Aber es ist auch nicht sicher, dass es anders ausgeht, wenn man gleich mit offenen Karten spielt. Wenn es nun aber keinen Vorteil bringt, mit offenen karten zu spielen, kann man auch gleich versuchen, den Deckel draufzuhalten. Vielleicht klappt's ja.

    • Michael Khan Antworten | Permalink

      Auf der Riken-Webseite ist am 2. Juli 2014 dieses Statement zum Skandal zu finden, zusammen mit der Ankündigung, dass die papers zurückgezogen werden.

      Darin werden Stellungnahmen diverser Beteiligter verlinkt. Hier die von Dr. Yoshiki Sasai, mit dem folgenden Wortlaut:

      Apology regarding the paper retractions

      As a researcher, I am deeply ashamed of the fact that two papers of which I was an author were found to contain multiple errors and, as a result, had to be retracted. I also deeply regret the fact that as a co-author, I was not able to identify these errors beforehand and to exercise my leadership to prevent this regrettable situation, including misconduct, from occurring. I apologize wholeheartedly for the confusion and disappointment that this situation has caused.

      With the retraction of the papers, there is no longer any experimental basis to support the consistency of the STAP phenomenon, and considering the discrepancies that have been pointed out recently regarding the cell genotypes, it has become increasingly difficult to call the STAP phenomenon even a promising hypothesis.

      As a deputy director of our center, with responsibility for nurturing young researchers, I feel a deep responsibility for what has happened, and plan to comply with whatever decision RIKEN finally reaches regarding my own status.

      Die offenbar tiefempfundene Zerknirschung hat meinen vollen Respekt. Da wird nichts auf andere geschoben. Auch seine Aussage zum STAP-Verfahren ist eine klare Ansage.

  3. Peter Kosek Antworten | Permalink

    Wenn Forscher Testergebnisse publizieren, ist immer damit zu rechnen, dass diese von der Forschergemeinschaft überprüft werden. Noch dazu bei derart karätigen Aussagen. Wie konnten die Forscher des Riken nur meinen, dass ihre angeblichen Ergebnisse, wonach gewöhnliche Körperzellen durch Säurebehandlung in Stammzellen umgewandelt werden können, sich in anderen Labors mehrfach verifiziert lassen? Das müssten Sie doch selbst mehrfach erreicht haben. Wenn nicht, kann man diesen Personen nur Dummheit und Größenwahn attestieren. Stammzellenforscher als Hochstapler? Ein unglaublicher Absturz.

    • Michael Khan Antworten | Permalink

      Das ist ja das Seltsame. Ganz dumm kann ein Haufen Leute mit Doktorgraden in Biologie nicht sein. Und selbst, wenn man eine übersteigerte Vorstellung von der eigenen Wichtigkeit hat - oder gerade, wenn man so eine Vorstellung von sich hat - müsste man doch den Nutzen abwägen und alles unterlassen, was einem selbst schadet. Natürlich ist davon auszugehen, dass bei einem solchen Ergebnis jede Durchstecherei ziemlich schnell auffliegt. Alles andere wäre unplausibel.

      Es kam ja auch genau so. Jetzt liegen die Karrieren etlicher Leute in Trümmern, einer ist sogar tot, und die Reputation einer ganzen Einrichtung, vielleicht sogar des Forschungsstandorts ist beschädigt. Sowas hängt den Beteiligten ein Forscherleben lang an. Die Ko-Autoren mögen vielleicht ihren Job behalten, aber wird man ihnen noch Verantwortung geben? Werden sie noch befördert werden? Obokata selbst dürfte unten durch sein. Für eine Wissenschaftlerin Anfang 30 ist das eine Katastrophe. Welche Uni, welche Firma, welches Institut nimmt die denn jetzt noch?

      Nüchtern betrachtet ist wissenschaftlicher Betrug vollkommen irrational. Die Wahrscheinlichkeit, damit baden zu gehen, ist zu hoch und die Konsequenzen wiegen zu schwer. Trotzdem passiert das immer wieder. Es muss eine psychologische Erklärung geben. Menschen handeln nicht immer rational.

      • jade Antworten | Permalink

        Menschen handeln irrationaler als man denkt, sie sind aber auch oft rationaler als man denkt. Man liegt man nach meiner Erfahrung oft richtig damit, dass wenn man etwas nicht nachvollziehen kann, man annimmt, dass etwas faul ist. Einen gesunden Menschenverstand und genug Bodenhaftung und Einfühlungsvermögen vorausgesetzt.

        Es bleibt bei diesem "Skandal" immer noch die weitere Möglichkeit, dass das schon stimmt, aber evtl. irgendwem unangenehm ist, was im Paper stand. Nicht dass das meine Meinung ist, ich wollte es nur vollständigkeitshalber erwähnen.

        Der grobe Inhalt des Papers hört sich für mich als Laien schon plausibel an, denn Krebszellen zB. entstehen auch in einem sauren Milleu. Die sind ja auch völlig anders als alle gesunden Zellen im Körper.

        • Martin Holzherr Antworten | Permalink

          Menschen handeln insoweit rational, als dass ihre Handlungen immer einer Logik folgen. Doch Logik ist etwas formales und damit für Menschen und andere Intelligenzler nur ein Mittel zum Zweck. Mit Logik kann man seine Geliebte oder die gerade Begehrte verführen, einen Banküberfall planen oder in der Forschung reussieren. Oft auch mit unlauteren Mitteln. Eine höhere Stufe von Logik ist im menschlichen Leben die Weisheit. Sie sieht immer auch das Ganze, nicht nur die Teilziele, die man mit Logik und Raffinesse erreichen kann. Leider fehlt es heute vielen Menschen an Weisheit. Doch als Trost lässt sich sagen, dass auch die Menschen der Vergangenheit im Grossen und Ganzen nicht weise waren.

        • Michael Khan Antworten | Permalink

          Natürlich ist so eine Aussage zur Irrationalität oder Rationalität nicht von der Hand zu weisen, aber sie ist auch zu vage, um damit etwas anfangen zu können, besonders wenn es im einen konkreten Fall geht. Die Frage bleibt, wieso Leute etwas machen, von dem sie wissen, dass es ihrem Eigeninteresse objektiv gesehen schadet? Ich kann mir nur ein einziges plausibles Szenario vorstellen: Wissenschaftler, die Daten für eine High-Profile-Publikation fälschen, meinen vielleicht gar nicht, dass sie wirklich fälschen: Sie sind eher der Meinung, dass sie allenfalls den Tatsachen etwas vorgreifen. Sie denken, sie sind schon ganz dicht am gewünschten Durchbruch.

          Vielleicht arbeiten sie schon fünf Jahre oder länger dran (im gegebenen Fall war das so). Dann stellt sich ein gewisser Tunnelblick ein. Hinzu kommt Erfolgsdruck. Zum einen vom Arbeitgeber, der damit droht, einem den Hahn zuzudrehen, wenn man nicht endlich liefert. Zum anderen, weil man meint, vielleicht zu Recht, dass die andere Gruppe vom Konkurrenzinstitut einem heiß auf den Fersen ist. Wenn die zuerst publizieren, war die Arbeit von Jahren für die Katz. Es wird nicht honoriert, wenn man als zweiter ein bahnbrechendes Verfahren entdeckt hat.

          Das ist der Hintergrund, vor dem geforscht und vor dem das Paper geschrieben wird. Jetzt kommen die gewünschten Ergebnisse nicht an Land und die deadline rückt näher. Man glaubt aber an seine Arbeit und ist sich sicher, das sei alles nur eine Frage der Zeit. "Nur noch ein paar Wochen, dann hab' ich's". Aber die Wochen hat man halt nicht. Tja, dann dreht man halt ein bisschen an den Daten. Reicht noch nicht? Dann dreht man halt ein bisschen mehr. "Betrug? Ach, woher denn! Nächsten Monat werde ich genau diese Daten tatsächlich gewonnen haben. Nur ein kleiner Vorgriff." Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.

          Zu den anderen Punkten:

          Was einem Laien plausibel erscheint, halte ich für vollkommen irrelevant. Ich kenne aus meinem Arbeitsgebiet Einiges, das dem Laien plausibel erschein mag, aber trotzdem nicht sein kann, und anderes, das der Laie für hochgradig unplausibel hält, was aber trotzdem korrekt ist. In der Wissenschaft gilt allein, ob Ergebnisse reproduziert werden können.

          Ich habe von Biologie keine Ahnung und maße mir deswegen kein Urteil über den speziellen Fall an. Aber ich kann schon etwas dazu sagen, was eine wissenschaftliche Veröffentlichung leisten muss, denn das ist unabhängig von der Fachrichtung.

          Im Paper hat zu stehen, was die Annahmen für das Experiment waren, was die Zielsetzung war, wie man es gemacht hat, die Ergebnisse und deren Variationsbandbreite. Vielleicht auch, welchen Einfluss es auf die Ergebnisse hat, wenn die Anfangsbedingungen verändert wurden. Alles ausreichend detailliert, damit Außenstehende die Ergebnisse reproduzieren können. Wenn das Reproduzieren nicht gelingt, d.h., man macht alles genau so, wie es im Paper steht, aber es kommt trotzdem nicht das heraus, was im Paper steht, dann kann das an zweierlei liegen. Hier ist, das entnehme ich der Berichterstattung genau der Fall eingetreten. Die Ergebnisse können nicht reproduziert werden.

          Entweder, und das ist schlecht, das Paper beschreibt die Voraussetzungen oder die Durchführung unzureichend oder falsch. Das kann schon passieren. Der Autor hat vielleicht etwas als bekannt vorausgesetzt, was die Gruppen, die sich an der Reproduktion versuchen, nicht wissen können und deswegen auch nicht einkalkulieren oder vorsehen. Das wäre dann eine Schwäche des Papers, sollte aber nicht dazu führen, dass man es zurückzieht. Ein nachgereichtes Korrigendum sollte ausreichen.

          Oder aber, und das ist dann wirklich schlecht, die Ergebnisse sind deswegen nicht reproduzierbar, weil sie gefaked und noch nicht einmal gut geraten, sondern nicht erzielbar sind, zumindest nicht mit der im Paper beschriebenen Methode. Es obliegt dann den Autoren, nachzuweisen, dass dieser schwerwiegende Verdacht nicht zutrifft. Sie müssen die Versuchsreihen gemäß ihrer Beschreibung vor unabhängigen Zeugen und mit umfassender Dokumentierung aller Schritte noch einmal fahrebn und die Ergebnisse von Dritten verifizieren lassen. Genau dies geschieht jetzt beim Riken und soll bis Ende November andauern. Danach sollte die Sache dann wirklich so klar sein, dass man sich ein Urteil bilden kann. Im August war eigentlich ein Zwischenbericht fällig, aber der Selbstmord des in den Skandal verwickelten Riken-Wissenschaftlers Yoshiki Sasai wird dessen Veröffentlichung verzögern.

          (Letzteres lässt darauf schließen, dass die im Paper vorgestellten Ergebnisse nicht verifiziert werden konnten. Käme es jetzt zu einer Entlastung der betroffenen Wissenschaftler, müsste man den Zwischebericht nicht zurückhalten. belastet der Bericht die betroffenen aber, wäre es reichlich pietätlos gegenüber den Angehörigen, jetzt damit herauszukommen. Vor allem vor dem in Japan sehr wichtigen Bon-Fest Mitte August, wo laut japanisch-buddhistischem Glauben die Geister der Verstorbenen zu ihren Familien zurückkehren. Schlechte Nachrichten dieser Art gibt's nach dem O-Bon.)

          Ich sehe nicht, wie die angedeutete Verschwörungstheorie hier ihren Platz haben soll. Die strittigen Papers sind doch veröffentlicht worden. Das Problem ist jetzt, dass Belege für schwere Verstöße gegen die wissenschaftliche Ethik in den papers gefunden und die Ergebnisse in der beschriebenen Form als nicht-reproduzierbar erkannt worden sind. Hier läuft der wissenschaftliche Verifizierungsprozess.

          • jade | Permalink

            Ich wollte auch nur sagen, dass in jedem Handeln auch ein rationales Moment ist. Wissenschaftler handeln / denken, so wie man es auch hier bei scilogs sehr schön erkennt, dabei doch eher rational (dies auch pauschal gesagt). Aber es kann natürlich auch bei den rationalsten (vielleicht gerade bei denen) Menschen passieren, dass diese eine Art "psychotisch" erleuchteten Moment haben und etwas total irrationales machen. Vielleicht haben die sich beim RIKEN auch gedacht "jetzt machen wir zur Abwechsulng mal was total Verrücktes und polieren unser Paper ein bisschen." ...nein im Ernst, die Gedankengänge, die Sie oben beschrieben haben, wären schon die einzig vorstellbaren, aber gehen auch schon sehr ins Detail.

            Wer weiß denn schon was dahinter steckt, wenn er nicht dabei gewesen ist. Das einzige was ich weiß ist jedenfalls, dass in großen Zeitungen extrem eindimensional und unvollständig berichtet wird. Man sollte also alles was in ebendiesen Medien transportiert wird nicht einfach so übernehmen, sondern gerade dies hinterfragen und sich immer sein eigenes Bild machen - so gut es geht eben. Ich persönlich greife zu diesem Zweck gerne auf meinen Verstand zurück, der sich für mich ab und zu als verlässlich erwiesen hat.

            Was die "Fälschungen" betrifft, so kann ich nur vermuten, dass man in jeder Diplomarbeit / Doktorarbeit vielleicht etwas findet, was gegen Regeln verstößt, wenn man nur will. Manchmal sind die Grenzen zu Verstößen auch fließend. Ich erinnere mich auch gerne an Vorfälle in der Politik. Wer unbequem wird, wird abgesägt - das ist schon oft passiert. Was natürlich über diesen Fall erstmal gar nichts aussagt.

            p.S. Meiner Meinung nach dürfen Laien gerne über Dinge fachsimpeln; ich freue mich jedenfalls, wenn sich Leute für mein "Spezialgebiet" interessieren und bin häufig überrascht, dass diejenigen, die sich dafür interessieren, so viel wissen. Diese finde ich im nämlichen Gegensatz zu denjenigen, die nichts verstehen und alles den Spezialisten überlassen auch viel angenehmer.

          • Michael Khan | Permalink

            Jeder darf natürlich gern über alles reden, was er will. Das will ich niemandem absprechen. Wir haben ja Meinungsfreiheit. Ich habe nur gesagt, dass für mich Fachsimpeln Fachwissen voraussetzt. Wenn ich keins habe, halte ich lieber erst mal die Klappe und höre zu.

            Aber ich will keinem anderen vorschreiben, das auch so zu halten.

          • Martin Holzherr | Permalink

            @jade 7. August 2014 13:29
            Fälscher - auch solche in der Forschung - haben oft auch eine längere "Karriere" hinter sich. Zuerst sind es einzelne plagiierte Textstellen in der Diplomarbeit oder geschönte Daten, dann, wenn sie damit durchkommen, werden sie immer mutiger. Am Schluss gibt es kein zurück mehr. Erfolg muss her, mit welchen Mitteln auch immer,

          • jade | Permalink

            Nach ein wenig Recherche kann ich nun sagen, dass ich so falsch mit meiner Assoziation zwischen Krebszellen und Stammzellen nicht lag. Auch wenn das keiner hören will :-/

  4. demolog Antworten | Permalink

    Bei diesem "Skandal" kann es sich unmöglich um Betrug handeln. Wenn man annehmen darf, dass die beteiligten Wissenschaftler duchaus in der Lage sind, den Gegenstand ihrer Forschung zu begreifen, dann ist es unmöglich vorstellbar, dass dem nicht zutreffenden Ergebnis (wie es sich herausgestellt hat) trotzdem eine Veröffentlichung mit positivem Ergebnis folgt. Formfehle oder nicht. Denn dies ist eine wirklich einfach verständliche Regel. Was nicht funktioniert, funktioniert eben nicht und wird demnach gewürdigt.

    Was also ist passiert?

    Esotheriker würden womöglich behaupten, es handle sich bei dieser Art Forschung um eine an den Grenzen der Methaphysik gelegene - und somit unter ganz besonderen Bedingungen. Das "Scheitern" an solchen Grenzbereichen von Realitäten zum Alltagsgeschäft der Wissenschaft gehört, sich aber niemand derer dazu bekennt - im Sinne von: "wir wissen, warum es vorher funktionierte und jetzt nicht mehr". Stattdessen wird unterschweilliger Neid und Missgunst Ursache des Scheiterns bei wichtigem Fortschritt.

  5. Inge Schuster Antworten | Permalink

    Obokata ist kein Einzelfall und Japan hat schon eine Reihe derartiger Skandale erlebt. Über meine Zeit als aktiver Wissenschafter musste ich mehrmals die traurige Erfahrung machen, dass Fachkollegen Ergebnisse frisierten. Ein prominentes Beispiel aus Japan ist hier beispielsweise der ehemals sehr prominente Endokrinologe Shigeaki Kato von der Tokyo-Universität, dem die Manipulation von Daten in mindestens 42 Publikationen nachgewiesen wurde. Inzwischen hat er zusammen mit 3 Kollegen die Universität verlassen.

    Jedenfalls wächst das Misstrauen gegenüber Vielem, was in der wissenschaftlichem Literatur heute geboten wird. Im vergangenen Jahr habe ich versucht dies in einen Artikel zu fassen: http://scienceblog.at/wissenschaftliches-fehlverhalten#.

    • Michael Khan Antworten | Permalink

      Der Fall Kato zeigt ebenso wie der Fall Anilir, dass in Japan eine aktive Netzkultur von anonym operierenden Jägern von wissenschaftlichem Fehlverhalten gibt. Je höher das Profil eines Wissenschaftlers ist, desto mehr zieht dieser die Aufmerksamkeit der Jäger auf sich. Es ist nicht schön, das mit anzuschauen, weil die Verbissenheit der Jäger durchaus Züge von Fanatismus annehmen kann, aber die Wirksamkeit dieser Subkultur kann man schwerlich in Abrede stellen. In Abwesenheit effektiver universitärer Kontrollmechanismen kommt es wahrscheinlich unausweichlich zu solchen außeruniversitären Mechanismen, wobei ich davon ausgehe, dass auch Widersacher der betreffenden Wissenschaftler aus dem universitären Umfeld zu den anonym agierenden Jägern gehören. Da muss erhebliches Hintergrundwissen im Spiel sein.

      • Inge Schuster Antworten | Permalink

        Sie haben recht, es ist wirklich nicht schön derartiges Denunziieren mitzuverfolgen.
        Andererseits gibt es kein effiziientes Kontrollsystem - weder von akademischer Seite noch von Seite der Industrie - in letzterem Fall können die Konsequenzen aber noch bitterer sein, wie etwa, wenn Jubelmeldungen über erfolgreiche therapeutische Ansätze in lebensbedrohenden Krankheiten Hoffnungen erwecken, sich dann aber später als Fake herausstellen. Letzthin war dies z.B. bei einem Postdoc am MD Anderson Cancer Center der Fall, der für seine Ergebnisse zur Wirkung einer Novartis-Lead Verbindung gegen Glioma ausgezeichnet wurde, wesentlich später aber des Fälschens überführt wurde.

        Das Problem liegt zum Teil auch in unserem Review System - eine unbezahlte Tätigkeit unter Zeitdruck. Wenn innerhalb von 10 - 14 Tagen eine detaillierte Beurteilung abgegeben werden soll, und der Reviewer es - aus welchem Grund immer - nicht schafft, wird er häufig eine Stellungnahme abgeben, ohne das Paper mehr als oberflächlich angesehen zu haben.

        Deshalb sind meiner Ansicht nach Whistleblowers nicht prinzipiell abzulehnen.

        Wenn Sie dies noch nicht kennen sollten: Vor 4 Jahren haben Ivan Oransky (executive editor of Reuters Health) and Adam Marcus die Seite Retraction.watch (http://retractionwatch.com) gegründet, die sich mit den Begründungen beschäftigt, welche zum Zurückziehen bereits veröffentlichter Daten führen..

  6. Michael Khan Antworten | Permalink

    Es kommt weiter knüppeldick für Obokata. Nicht nur ihre aktuelle Arbeit steht unter Beschuss; inzwischen hat sich die Waseda-Universität, an der sie 2011 promovierte, ihre Dissertation genauer angeschaut und dort 26 Fälle von Fehlverhalten gefunden, inklusive elf Copyright-Verstöße. Die Kommssion, die sich die Dissertation anschaute, kam zu dem Schluss, dass angesichts der Verstöße der Doktortitel nicht hätte gewährt werden dürfen. Der Doktortitel soll ihr aber dennoch nicht aberkannt werden, weil die Verstöße noch nicht so gravierend seien, dass eine betrügerische Absicht unterstellt werden müsse. Dies sei aber das Kriterium der Waseda-Universität für die Aberkennung eines Doktortitels. Kritisiert wird die unzureichende Arbeit der damaligen Prüfungskommission.

    Das Bild einer "Starwissenschaftlerin" könnte also auch von dieser Seite aus deutlich ramponiert werden, aber es zeigt sich, dasss das wirkliche Problem viel tiefer liegt, wie der Kommentar eines japanischen Dozenten an einer medizinischen Hochschule in Japan nahelegt:

    If the whole world learns that a private university well-known in Japan had allowed such a sloppy dissertation to pass the doctorate screening process, trust in Japan's overall academic degree system will be lost. It may lead to foreign universities and research institutions doubting the reliability of anyone who received a degree in Japan.

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