Satellitennavigation: Kann Europa mithalten?

5. August 2010 von Michael Khan in Technik

Eine der Schlüsseltechnologien der kommenden Jahrzehnte ist die satellitengestützte Navigation. Es ist abzusehen, dass schon bald nicht nur Fahrzeuge, Schiffe und Flugzeuge, sondern auch alle Waggon und Container individuell mit Navi-Empfängern ausgerüstet sein werden und damit jederzeit metergenau geortet werden können.

Somit wird die Satellitennavigation ein zentraler Bestandteil der Logistik und damit der globalisierten Weltwirtschaft werden. Nicht nur stellt diese Technologie selbst einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor mit ständig steigenden Umsätzen dar. Gerade ihre Verzahnung mit allen anderen Bereichen der globalen Wirtschaft macht sie zu einem wichtigen Thema. Wer hier keine eigenständigen Kapazitäten hat, macht sich in hohem Maße von Anderen anhängig.

Pionierarbeit im Aufbau eines Globalen Satelliten-Navigationssystems (GNSS) leisteten wie so oft die USA mit Navstar GPS (Global Positioning System). Ihnen folgten die Russen mit ihrem System GLONASS. Sowohl GPS als auch GLONASS sind militärische Systeme. Ihr Anforderungsprofil orientiert sich an militärischen Bedürfnissen, finanziert werden sie aus dem Militärbudget.

Gerade GPS hat bereits eine hohe zivile Marktdurchdringung erreicht. Jeder Navi-Besitzer profitiert davon, dass das US-Militär diese Investition getätigt hat und das System weiter betreibt und ausbaut. Früher wurde die Signalqualität des Standarddienstes für alle nicht der US-Regierung unterstellten Benutzer nach Belieben der Betreiber verschlechtert. Diese "Selective Availability" wurde zwar vor mehr als 10 Jahren aufgegeben. Einen Anspruch auf Verfügbarkeit und Genauigkeit hat jedoch kein ziviler Nutzer dieses Standarddienstes - wie denn auch, schließlich ist man ja nur Nutznießer eines Systems, das vom Militär betrieben und bezahlt wird. Wobei es sich für die meisten von uns noch nicht einmal um das Militär des eigenen Landes handelt.

Das amerikanische GPS-System durchläuft kontinuierliche Verbesserungen und Leistungssteigerungen. Die nächste Stufe steht mit GPS III ab 2014 an. Damit werden Positionierungsgenauigkeit und Verfügbarkeit auch für Standardbenutzer verbessert.

Das russische 24-Satelliten GLONASS-System war aufgrund unzureichender Investitionen in den Unterhalt noch vor 10 Jahren praktisch unbrauchbar, ist aber inzwischen wieder auf Vordermann gebracht worden und steht seit 2009 auch zivilen Nutzern offen.

Die Chinesen ziehen ein eigenes System mit bis zu 35 Satelliten namens Beidou (Kompass) hoch. Unlängst wurde der fünfte Satellit gestartet. Beidou wird wie die Konkurrenzsysteme eine Anzahl von Satelliten auf mittelhohen Bahnen, dazu aber auch einige Satelliten auf geostationären oder geneigten geosynchronen Bahnen umfassen. Andere GNSS-Verfahren setzen anstatt auf eigene geostationäre Navigationssatelliten auf Navigations-Zusatznutzlasten auf geostationären Kommunikationssatelliten.

Und die Europäer? Die bauen zwar schon seit Jahren am Galileo-System, dessen Genauigkeit und garantierte Verfügbarkeit selbst so kritische Anwendungen wie die Steuerung von Passagierflugzeugen unterstützen wird. Wie üblich in diesem Kontinent wurde die Technik allerdings von der Politik ausgebremst. Aufbau und Betrieb des Systems sollten ursprünglich von einem privatwirtschaftlichen Konsortium betrieben werden. Das macht allerdings wenig Sinn - so ein System ist von zentraler volkswirtschaftlicher Bedeutung, deswegen muss es aber noch lange nicht betriebswirtschaftlich interessant sein und sollte auch nicht so betrieben werden.

Das privatwirtschaftliche Experiment, verbunden mit dem EU-üblichen zwischenstaatlichen Gezänk, hat das ganze Projekt um Jahre zurückgeworfen. Zwischenzeitlich stand es am Rande des Abgrunds. Ironischerweise könnte gerade erheblicher politischer Druck seitens der USA gegen das Galileo-Projekt zu seiner Rettung beigetragen haben. Dadurch wurde nämlich selbst dem letzten europäischen Politiker klar, welche Bedeutung die europäische Eigenständigkeit in diesem Bereich hat.

Ein schwerer taktischer Fehler der Amerikaner: Hätten sie einfach stillgehalten und abgewartet, hätten sich in Europa wahrscheinlich die üblichen Bremser und Bedenkenträger durchgesetzt, die sich immer gleich lautstark in die Hosen machen, wenn ein großes Programm in Schwierigkeiten gerät. Selbst dann, wenn diese Leute selbst an den Schwierigkeiten Schuld sind. Oder vielmehr gerade dann, wenn sie selbst Schuld sind. Dann wäre das Projekt stillschweigend beerdigt worden, und Europa wäre in einen wahrscheinlich uneinholbaren Rückstand zu anderen Großmächten geraten.

Im Rahmen der Umstrukturierung nach der Beinahe-Pleite wurde die Projektleitung der dafür kompetenten europäischen Raumfahrtbehörde ESA übertragen. Damit geht es mittlerweile wieder vorwärts - den einmal angehäuften Zeitverlust kann man aber nicht mehr aufholen.

Bis jetzt wurden erst zwei Testsatelliten namens Giove-A und Giove-B gestartet (2005 und 2008). Diese sollen europäische Technologien für Navigationssatelliten testen. Wichtiger noch: Sie sollen  für das Galileo-System die von der dafür zuständigen internationalen Behörde ITU zugewiesene Frequenz belegen. Hätte Europa es nicht geschafft, rechtzeitig einen Satelliten zu starten, der auf dieser Frequenz sendet, wäre die Frequenzzuweisung wieder rückgängig gemacht worden.

Mit der Inbetriebnahme der Gioves meinte man, die Kuh vom Eis geholt zu haben, nachdem es lange Zeit Ärger mit den Amerikanern gab. Weit gefehlt, denn eben um diesen Punkt gibt es nun Zoff mit den Chinesen, die dieselbe Frequenz für ihr Beidou-System beanspruchen. Logisch: Die Chinesen sind es gewohnt, dass man etwas angeht und es löst. Sie sind unter Anderem praktisch aus dem Stand zur dritten Nation weltweit geworden, die ihre Astronauten mit einem eigenen Raumschiff ins Weltall starten und wieder zurückbringen kann - etwas, das Europa auch könnte, aber nicht will. Andere Probleme gehen sie mit der selben Energie an. Warum sollten die nun als Partner des Galileo-Systems Verständnis dafür haben, dass wir Europäer endlose Schleifen um jedes Problemchen drehen müssen, anstatt es einfach mal anzugehen und zu lösen? Wer sich über das Verhalten Chinas beschwert, sollte sich überlegen, wo es denn wirklich hakt. Wir haben kein Anrecht darauf, dass man uns zutraut, etwas zu heben. Wir müssen beweisen, dass wir es können.

Wahrscheinlich erst 2011 werden die ersten zwei operationellen Satelliten des Galileo-Systems auf einer Soyuz-Rakete von Kourou in Französisch-Guyana aus in ihre Zielbahn von rund 23,200 km Höhe und einer Neigung um 56 Grad gestartet. Das System soll 2013 ausgebaut sein - ob das zu schaffen ist, wird man sehen.

Die Einsatzreife wird somit erst Jahre nach dem ursprünglich anvisierten Termin erreicht werden. Verantwortlich dafür sind nicht technische Gründe, sondern im Wesentlichen politische Entscheidungen. Dies gilt letztendlich auch für die Budgetüberschreitungen. Wenn man ein komplexes technisches System aufbaut, dann sollte man sich darauf konzentrieren und nicht nebenbei auch noch das Projekt mit ökonomischen Experimenten verquicken.

Galileo wird funktionieren. In einigen Jahren werden alle Empfängereinheiten Kombinationsgeräte sein, die sowohl GPS- als auch Galileo-Signale empfangen und damit eine bisher unerreichbar präzise Positionsbestimmung erzielen. Dann wird niemand mehr den Wert des Programms anzweifeln. Aber Galileo wird aufgrund der Verzögerungen nicht mehr den technologischen Vorsprung vor den Konkurrenzsystemen haben, den es bei konzentrierter, zielgerichteter und termingerechter Projektdurchführung hätte haben können.  

Da wurde eine große Chance vertan.

Weitere Information

Galileo-Webauftritt der ESA


2 Kommentare zu “Satellitennavigation: Kann Europa mithalten?”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Japan will mehr GPS-Präzision als Galileo erreichen und das mit weniger Geld: Ihr GPS-Korrektursystem QZSS ( Quazi-Zenith Satellite System) soll nur 1 Milliarde kosten und eine horizontale Positionsgenauigkeit von 1.3 cm liefern.

    Die Haltung "Wir auch", die wohl hinter Galileo steht, solte hinterfragt werden. Dass dessen sollte man bestehende Entwicklungen im richtigen Moment mit den richtigen Mitteln für sich ausnutzen.

    • Michael Khan Antworten | Permalink

      Sie vergleichen da Äpfel mit Birnen. Was die Japaner anstreben, ist, wie Sie selbst schreiben, nur eine Verbesserung der GPS-Genauigkeit durch Einsatz eigener Satelliten auf anderen Bahnen, und das nur für die Umgebung von Japan, unter Verwendung von IGSO (Inclined Geosynchronous Orbits)- Das gibt es auch mit EGNOS, aber es eben nur ein Overlay für GPS. Das heißt, ohne GPS laufen diese Systeme nicht.

      Die EU wollte mit Galileo in einer solchen Schlüsseltechnologie, die in den Kern von industriellen Produktionsprozessen, vom Logistik-, Verkehrs- und Sicherheitswesen eingreift, eben nicht vom US-Militär, das GPS zur Gänze finanziert und betreibt, abhängig sein. Kann man ja wohl auch nachvollziehen. Es geht da um deutlich mehr als nur "wir auch".

      Ich sehe nicht, was es da zu hinterfragen gibt. Klar, man kann alles hinterfragen, aber ich sehe das lieber, wenn der US-Kontrolle auf unsere Wirtschaft und Gesellschaft entgegen getreten wird. Wenn das Geld kostet, je nun, dann kostet es halt Geld. Sie können das aber gern anders sehen.

      Im Übrigen, wie bereits im Artiel beschrieben - ich wiederhole mich hier nur - die wirklichen Kosten snmtstanden nicht dadurch, dass die Technologie oder das ganze Kopzept zu anspruchsvoll gewesen wären, sondern dadurch, dass idiotische ökonomische Experimente durchgeführt wurden, die Jahre des Verzugs und einen kompletten Umbau der Projektstruktur zur Folge hatten.

      Wäre das von vorneherein als staatlichs Projekt hochgezogen worden, dann wäre das System schon seit Jahren aktiv, wir wären die ersten mit einem globalen zivilen System gewesen und würden damit kommerziell ganz anders dastehen.

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