„Ein Roboter unter Speed, der mich als Trommel benutzt“


Drei Umstände sind bei Auslösern der Migräneattacken besonders zu beachten: 1) Unterschiede zwischen episodischer und chronischer Migräne, 2) Begleiterkrankung müssen berücksichtigt werden und 3) bei sensorischen Reizen als Auslöser, wie Lärm und Licht, muss die Gestalt der Reize berücksichtigt werden.

dieZitterndeFrau-lablesAls ein “Dankeschön” für Unterstützer meines Projektes bei Sciencestarter gibt es das Buch von Siri Hustvedt, der zitternden Frau. Etwa ein Dutzend Zitate habe ich ausgewählt, um sie hier in zwei, drei Beiträgen im Zusammenhang mit Migräne kommentiert vorstellen.

Dieser erste Beitrag widmet sich nur einem, dafür langen Zitat und passt zu den vorangegangen Beiträgen über vermeintliche Auslöser der Migräneattacken. In diesen Beiträgen ging es darum, dass Symptome eventuell verwechselt und als Auslöser angesehen werden. Allerdings muss man drei Umstände besonders beachten, die bisher noch nicht zur Sprache kamen.

Das Zitat eignet sich gut, diese drei Umstände zu erklären. Es findet sich weit hinten, 25 Seiten vor dem Ende des autobiographischen Buches, das von Hustvedts Suche nach einer passenden Diagnose für ihr episodisches Zittern handelt.

Als sie mir die Spulen an den Kopf setzen und mich in die lange Röhre schieben, wird mir angst und bange. Der Techniker erklärt, es werde etwa eine halbe Stunde dauern. Er gibt mir einen Ball, den ich drücken soll, wenn ich merke, dass ich es «dadrin nicht mag» – mit anderen Worten, wenn ich panisch werde. Ich mag es nicht dadrin, aber ich werde nicht panisch. [...] Obwohl ich einen Hörschutz trage, ist der Lärm der Maschine ohrenbetäubend. Mir ist, als hätte man mich gelähmt in ein außerirdisches Rockkonzert versetzt, dessen Rhythmen mein Kopf mit unentwegten Schlägen traktieren. Ich versuche mitzählen. Drei lange Detonationen, sechs kürzere Klopfer. Dieses Muster kann ich aufnehmen aber dann setzt ein Schlagbohrer ein. Es ist kein Konzert mehr, es ist ein Roboter unter Speed, der mich als Trommel benutzt. Es fällt mir schwer, still liegen zu bleiben. Die Geräusche schlagen direkt in meinem Kopf ein, aber ich spüre sie auch in Rumpf, in den Armen, den Beinen. Mein Gesicht zuckt unwillkürlich, und nach einer halben Stunde der Einkapselung tauche ich betäube daraus auf.
Beim Verlassen des Gebäudes spüre ich die Eintrübung, die sich über meinem Kopf senkt. Mein Sehen hat sich verändert. Das Sonnenlicht tut weh. Der Schwindel kommt und die Übelkeit. Dann stechender Schmerz und betäubende Erschöpfung, die jeden meiner Schritte verlangsamt. Die MRT hat eine Migräne ausgelöst.
(Seite 192f)

Dass der Lärm trotz Hörschutz von Hustvedt als ohrenbetäubend beschrieben wird, ist ein Zeichen ihrer Überempfindlichkeit. Das passt zu den vorangegangenen Beiträgen, die Auslösefaktoren in einen zeitlichen Bezug setzen zu der Anwesenheit bestimmter Vorboten einer Migräneattacke, wie Lärmempfindlichkeit.

Doch liegt der Fall von Siri Hustvedt vielleicht auch anders. Wie oben erwähnt, handelt ihr Buch von der Suche nach einer Diagnose und neben Migräne werden andere mögliche Begleiterkrankung abgehandelt.

Siri Hustvedts Nerven sind überempfindlich, Überempfindlichkeit ist bei ihr gar kein Vorbote sondern ein Dauerzustand. Dies kann auf andere Erkrankungen hinweisen, ist aber auch bei chronischer Migräne durchaus ähnlich. Hustvedt berichtet nicht genau von der Häufigkeit ihrer Migräneattacken, um diese Diagnose zu belegen.

Ein weiter Aspekt ist erwähnenswert. Aus technischen Gründen ist ein MRT-Gerät nicht nur sehr laut, sondern macht auch rhythmische Klopfgeräusche, wie es Hustvedt beschreibt. Es gibt Hinweise, dass das Migränegehirn sich grundsätzlich – also auch außerhalb der Anfälle – durch eine verminderte Fähigkeit der Gewöhnung (Habituation) an sich wiederholende sensorische Reize auszeichnet.

In dem Beitrag „Kultur optimaler Reizüberflutung“ (November 2011) gehe ich auf diese Problematik der Auslösemuster ein und frage:

Sind die bekannten visuellen Migräne- und Epilepsie-Auslöser durch kulturelle Replikation nach bestimmten Gestaltgesetzen optimierte Lichtreize – ein bildliches Mem, wenn man so möchte, angepasst an den modularen Aufbau der Hirnrinde, für maximalen Effekt?

Bei diesen „optimierten“ Auslösern handelt es sich um genau passende, raumzeitliche Muster im Gesichtsfeld, die resonant die Großhirnrinde ansprechen und bei Migränekranken aufgrund der Unterfunktion der Gewöhnung an Wiederholdung ihre Wirkung spezifisch entfalten können.

In einem Kommentar zu dem Beitrag von 2011 schrieb ich schon, dass die Sache beim Hörkortex komplizierter sei, wobei ein Areal in der Großhirnrinde (das Wernicke-Areal) durch einfache Sinustöne aktiviert wird und eine differentielle Aktivierung durch konsonante vs. dissonante musikalische Klänge zeigt.  „Drei lange Detonationen, sechs kürzere Klopfer, dieses Muster kann ich [Hustvedt] aufnehmen aber dann setzt ein Schlagbohrer ein.“ Das heißt, ähnlich den optimierten Lichtreizen könnte die charakteristischen Klopfgeräusche des MRT wirklich gerade einen Nerv treffen.

Reden wir also über Auslöser und ob sie „echte“ sind oder eher irrtümlich also solche angesehen werden bzw. nur in gewissen Phasen des Migränezyklus wirksam sind, dann müssen wir drei Dinge mit berücksichtigen: gibt es Begleiterkrankung, liegt eine chronische Migräneerkrankung vor und wie genau ist die Gestalt des Reizes?

 


Ein Kommentar zu “„Ein Roboter unter Speed, der mich als Trommel benutzt“”

  1. demolog Antworten | Permalink

    Bei mir kommen die Kopfschmerzen (als variante einer Überreizung oder so) im Verlaufe des Tages. Morgens ist meistens alles gut. Die Tagesform oder/und der ein im Tagesverlauf sich einstellender Erschöpfungszustand spielt also (bei mir noch) eine Rolle.
    Demnach wäre eine MRT am Morgen weniger "auslösend", als im weiteren Tagesverlauf.

    Ob es sich bei mir um eine Migräne handelt, ist nie irgendwie eindeutig abgeklärt worden. Es gibt halt Kopfschmerzen (viele Arten) und damit wars das.

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