Vom Orgasmus und anderen Rhythmen

16. Oktober 2010 von Markus A. Dahlem in Physiologie

Rhythmen des Lebens: vom Bewegungssystem über das Fortpflanzungssystem bis zum Nervensystem, in allen Organsystemen spielt die biologische Selbstregulation (Biokybernetik) von Rhythmen eine zentrale Rolle.

Das wird Thema meiner neuen Vorlesung an der TU Berlin sein. Sie startet diesen Montag von 10:00ct bis 11:45 Uhr (Karte und mehr Details für Studenten hier). 


Der Fachmann sieht bei dieser Aufzeichnung eines männlichen Orgasmus das Kennzeichen einer subkritischen Bifurkation [1]

Der Schwerpunkt dieser Veranstaltung liegt auf der Neurophysiologie und auf neurologischen Erkrankungen, wie z.B. Migräne, Epilepsie und Parkinson. Diese werden als dynamische Krankheiten eingeschätzt. Das sind Krankheiten, deren veränderte Rhythmen neuronaler Aktivität mit Hilfe der Bifurkationstheorie zumindest teilweise erklärbar wird. Großes Interesse fand diese interdisziplinäre Forschungsrichtung nachdem basierend auf dieser Theorie neue Therapieansätze entwickelt wurden und nun auch getestet werden (s. hier).

In der Vorlesung gibt es aber auch viele Abstecher zu Themen über gesunde Funktionen in anderen Körpersystemen, z.B. eben über den super- und subkritischen Orgasmus, oder auch über Zeitverzögerung in der Regulierung, die für Chaos in unseren Organen sorgt.


Und nun eine Aufzeichnung des weiblichen Orgasmus: ist er sup- oder superkritisch? Die Vorlesung bringt Klarheit.

"From Clocks to Chaos: The Rhythms of Life" ist der Titel des Buches [1], dessen Thema ich zentral in der Vorlesung durchgehen werde. Hieraus stammt auch das Beispiel des Orgasmus, allerdings nimmt das Thema dort nur 1 Seite von 200 ein. Die Autoren weisen darauf hin, dass letztlich die Datenlage noch zu dünn sei, und mehr Experimente gemacht werden sollten. Wobei ich hier das Thema Biokybernetik nicht auf Selbstreglation beschränken würde.

Ein weiteres Buch dieser Autoren, dessen Titel Pate für meinen Vorlesungstitel "Nichtlineare Dynamik in Physiologie und Medizin" stand, ist auch unten aufgeführt [2], so dass der interessierte Leser und die interessierte Leserin auch im Selbststudium – oder gemeinsam im Team – Experiment und Theorie verbinden können.

 

Wenn Physiologen über Funktion reden, versteht der Physiker oft nur Bahnhof, wo er doch Dynamik, insbesondere nichtlineare Dynamik hören sollte. Ein Ziel ist es, eine gemeinsame Sprache zu lernen, die eine interdisziplinäre Forschung erst möglich macht. Denn eine Physikerin möchte ja vielleicht auch mal mit einem Physiologen im Team experimentieren.

Mehr dazu und weiteres auf der Website der Vorlesung, die nun im Laufe der Vorlesung weiter mit Inhalt gefüllt wird. 


Literatur

[1] From Clocks to Chaos: The Rhythms of Life, Leon Glass and Michael C. MacKey, (Princeton Paperbacks)

[2] Nonlinear Dynamics in Physiology and Medicine, Anne Beuter, Leon Glass, Michael C. Mackey, Michele S. Titcombe, (Springer)

 


2 Kommentare zu “Vom Orgasmus und anderen Rhythmen”

  1. Steffen Rehm Antworten | Permalink

    Am Anfang war der Rhythmus

    Lieber Herr Dahlem,

    vor genau 40 Jahren habe ich 3 Jahre lang im EEG-Labor des Westend-Klinikums gearbeitet und mich dadurch angeregt mit den Fragen beschäftigt, die morgen ihr Thema sind.
    „Was passiert im Gehirn beim Orgasmus“ war so eine Frage, auf die ich von den Professoren nur milde lächelndes Kopfschütteln erhielt, und bei den Fragen nach Bewußtsein und Sprache gabs ein Achselheben.
    Täglich beschäftigte man sich mit der Ableitung und Interpretation der corticalen Rhythmen, aber die Fragen nach ihrem Ursprung und Sinn waren unter Wissenschaftlern verpönt.
    Die Literatur über solche Fragen war dementsprechend marginal, und so freue ich mich, daß sich morgen ihre Vorlesung mit diesen Fragen beschäftigt; ich wäre gern dabei, weil mich das Thema ja immer noch interessiert.
    Zumindest kann ich die Vorlesung hier verfolgen, hoffe ich.

    Viel Erfolg dabei!

    S.R.

  2. Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

    Hallo Herr Rehm,

    gerne berichte ich dann zu einem späteren Zeitpunkt mehr hier. Wenn ich jetzt schon alles verraten würde, verlöre ich bestimmt die Hälfte der Studenten.

    Allerdings wird es allein um die Rhythmen gehen, die wir z.B. schon in diesem Beitrag oben sehen. Was im Kopf passiert, ist nochmal ein andere Frage, die ich selbst nicht beantworten kann. Wobei es dazu heute, glaube ich, schon nette fMRI Studien gibt. Vielleicht bloggt da mal jemand drüber, wäre auch für mich spannend.

    Ich werde auch irgendwann, wahrscheinlich erst nach der Vorlesung das Skript online stellen.

Einen Kommentar schreiben


9 − = vier