Die Ethik des Schenkens

21. Dezember 2011 von Frank Wiebe in Allgemein

Geschenke sind ganz tief in kulturellen Traditionen verwurzelt. In der modernen Welt, wo man mehr Geschäfte macht als sich zu beschenken, fällt das beinahe nur noch an Weihnachten auf. Oder an Geburtstagen und Hochzeitstagen.

Kompliziert ist dabei, dass Geschenke für den Beschenkten häufig eine Verpflichtung mit sich bringen. Dass kann sogar zu einer regelrechten Angst führen, sich beschenken zu lassen. Ich habe einmal eine Familie aus dem mittleren Osten gekannt. Mit der hatte ich vor allem ein Problem: Wer bezahlt, wenn man zusammen ins Restaurant geht? Ich musste regelrecht tricksen und die Kellner vorher einweihen, damit ich auch mal die Rechnung übernehmen konnte. Das Spiel lief so, dass der gewonnen hatte, der es geschafft hat, den anderen einzuladen. Und es war ein ernstes Spiel. Ach ja, nebenbei: Mit einem lieben, alten Onkel aus den Niederlanden ist es mir genauso ergangen.

Schenken, jemanden einladen - das ist schon ein ungeheuer komplexes Thema. Viele Leute sagen ja inzwischen auch, dass sie gar keine Geschenke wollen - habe ich auch schon getan. Damit verhindert man, dankbar sein zu müssen - möglicherweise für Geschenke, mit denen man gar nichts anfangen kann.

Dann gibt es noch eine andere Problematik. Alle Jahre wieder bricht an Weihnachten der große Konsumrausch aus. Ich kenne kaum jemanden, den das nicht stört, aber auch niemanden, der nicht letztlich doch mitmacht. Dabei schleicht sich die Frage ein: Haben wir ein Recht, es uns so gut gehen zu lassen, wenn andere Menschen hungern? Kurz danach an Silvester taucht dasselbe Problem wieder auf - "Brot statt Böller" heißt es dann mit mahnendem Zeigefinger. Die Hilfsorganisationen wissen, dass sie einen vor Weihnachten besonders mit Bittbriefen bombardieren müssen. Auch da spielt eine Art Verpflichtung eine große Rolle: Wir beschenken uns hier gegenseitig reichlich, also muss auch etwas für die "Armen" abfallen.

Das alles hat mehr mit Traditionen und Schuldgefühlen als mit rationaler Ethik zu tun. Aber es ist wirtschaftlich bedeutend: Der Einzelhandel lebt ganz gut von Geschenken. Manche Produkte - etwa CDs, schöne Bücher oder jede Menge Spielzeug - würden ohne Weihnachten sehr viel weniger verkauft. Daher hängen an Weihnachten auch viele Arbeitsplätze - bei uns oder in China.

Was würde eine rationale Ethik dazu sagen? An Weihnachten haben wir keine höheren ethischen Verpflichtungen als sonst auch. Und ethische Verpflichtungen hängen auch nicht damit zusammen, was wir uns selbst gönnen. "Brot statt Böller" - oder ein entsprechendes Pendant zu Weihnachtsgeschäften - ist keine rational nachvollziehbare Forderung. Wir können das ganze Jahr über etwas für andere Menschen tun. Und wir geben das ganze Jahr über auch Geld für unsinnige Dinge aus, zum Beispiel überdimensionierte Autos, schlechtes Essen im Fast-Food-Restaurant oder Urlaub, von dem wir doch nur gestresst nach Hause zurückkommen. Wir haben auch ein Recht dazu, Geld für Unsinn auszugeben - oder für Dinge, die andere für Unsinn halten.

Ethik sollte den Menschen nicht überfordern. Wer verlangt, dass wir uns selber nichts gönnen, bis es allen Menschen gut geht, der erzeugt damit nur Schuldgefühle, die gar nicht gerechtfertigt sind. Wir sollten anderen Menschen, die unsere Hilfe brauchen, etwas gönnen - nicht nur an Weihnachten. Aber wir dürfen uns selbst auch etwas gönnen. In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Fest.

 

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