Die nachrichtliche Überschrift

21. September 2009 von Carsten Könneker in Wissenschaft und Medien

Serie Wissenschaftskommunikation - Schreibtipps vom Chefredakteur, Teil 8

 

Nachrichtliche Überschriften bringen den Küchenzuruf eines Artikels auf den Punkt. Weil die meisten Layouts keinen Platz für lange Überschriften bieten, ringen Texter und Redakteure oft um jedes einzelne Wort, das sie noch sparen könnten. Oft trifft die Streichwut die Prädikate. Beispiele:

Heimische Greifvögel sind keine Überträger der Vogelgrippe
(spektrumdirekt, 22.07.2009)

Kamel-DNA wurde auf eiszeitlichen Jagdwaffen entdeckt
(epoc 3/2009, S. 8)

Nachrichtliche Überschriften sind u.a. typisch für Pressemitteilungen, also Mitteilungen von Forschungseinrichtungen, Unternehmen, Stiftungen, Parteien, Verbänden usw. an die Presse. Beispiele:

Schutzgene für Nervenzellen: Ein aktives Gehirn lebt länger
(Presseinformation der Universität Heidelberg, 17.08.2009)

Haus der Astronomie gegründet – einmaliger Brennpunkt astronomischer Kommunikation
(Presseinformation der Klaus Tschira Stiftung, 10.12.2008)

LMU-Tagung fragt nach der Aktualität der Philosophie Husserls
(Presseinformation der LMU München, 16.09.2009)

Entscheidet sich eine Presseabteilung für eine kreative Überschrift, um Aufmerksamkeit zu erzeugen, ist sie gut beraten, den Küchenzuruf in Gestalt einer Unter-Überschrift zu ergänzen, damit jeder weiß, was Sache ist. Denn darum geht es ja! Beispiel:

Arktische Bakterien - manche mögen es heiß (Überschrift)
Wissenschaftler haben ungewöhnlich große Mengen an wärmeliebenden Bakterien in der Arktis gefunden (Unter-Überschrift)
(Presseinformation der Max-Planck-Gesellschaft, 17.09.2009)

Reichlich nachrichtliche Überschriften gibt es jeden Mittwoch auf den Seiten von "Natur und Wissenschaft" in der FAZ. Sie prangen über klassischen Meldungen aus den Naturwissenschaften. Hier einige Beispiele aus den Ausgaben vom 15. und vom 22.07.2009

Gestaffelte Sterngeburt in Kugelsternhaufen
Weltweit schrumpfende Seegraswiesen
Immun-Hemmstoff verlängert das Leben
Element 112 nach Kopernikus benannt
Eierstockkrebs nach Hormonersatztherapie
Mehr Schmerzen bei Mädchen in der Pubertät
Artenschwund in Kenias Nationalparks
Gammastrahlung aus Supernova-Relikten
Weniger Geburten schwächen Rotaviren
Messung von Gefäßkalk erhöht Krebsrisiko
Stresshormon stärkt Flugmuskeln der Stare
Immunzellen lassen Hirntumoren wuchern
Haufenweise Windhosen auf dem Planeten Mars
Wieder ein Komet auf Jupiter gestürzt?

    Die meisten dieser nachrichtlichen Überschriften erfüllen ihre Aufgabe: komprimiert die zentrale Botschaft der zugehörigen Meldung zu artikulieren. Auf diese Weise erfahren die Leser schnell, worum es jeweils geht, und können sich entscheiden, welche Meldungen sie komplett lesen wollen, um auch noch die Details zu erfahren. Als Ganzes fungieren die Beiträge der Seiten "Natur und Wissenschaft" als ein Kaleidoskop all dessen, was in der zurückliegenden Woche an Wichtigem in den Naturwissenschaften geschehen ist. Durch das "Scannen" der Überschriften verschaffen sich die Leser einen Überblick. Die journalistische Leistung dahinter besteht vor allem im Recherchieren, Aussieben und Filtern – sowie im textlichen Aufbereiten der ausgewählten Themen anhand bestimmter Regeln.

    Dennoch könnte man einige der aufgeführten Überschriften noch ein wenig verbessern – wofür im redaktionellen Alltag leider oft keine Zeit ist. In der Überschrift "Haufenweise Windhosen auf dem Planeten Mars" zum Beispiel könnte man sich den "Planeten" schenken (schlank formulieren!). Die kürzere Überschrift "Haufenweise Windhosen auf dem Mars" wäre nicht minder verständlich, denn wer wollte in "Natur und Wissenschaft" im Ernst an den römischen Kriegsgott oder einen Schokoriegel denken? "Haufenweise" würde ich in dieser Meldung zudem durch das bildärmere Adjektiv "zahlreich" ersetzen, also "Zahlreiche Windhosen auf dem Mars"; denn sonst entsteht vor manchem geistigen Auge womöglich eine diffuse Vorstellung von gestapelten Wirbelwinden. Kurzum: Das Bild ist schräg! Mehr Information bei etwa gleicher Länge enthielte noch die Variante "Marsrover beobachtet zahlreiche Windhosen" (präzise formulieren!). Denn Gegenstand der Meldung waren Messungen des Marsrovers "Spirit". Oder noch genauer: "Marsrover beobachtet mehr als 600 Windhosen" (Im Fließtext ist sogar von mehr als 650 Wirbeln die Rede.)

    Die Überschrift "Weniger Geburten schwächen Rotaviren" hingegen ist kryptisch. Von wessen Geburten ist die Rede? Können Viren gebären, und werden sie dann schwächer? "Weniger Geburten verzögern Rotaviren-Saison" oder "Geburtenrückgang verzögert Rotaviren-Saison" wären m.E. inhaltlich klarer gewesen.

    Die Überschrift "Mehr Schmerzen bei Mädchen in der Pubertät" schließlich ist doppeldeutig – was bei nachrichtlichen Überschriften ein absolutes Tabu ist, anders als bei kreativen Überschriften. Sind pubertierende Mädchen (im Gegensatz zu Jungen) gemeint? Oder liegt die Betonung auf der Pubertät – im Gegensatz etwa zu Mädchen im Kindesalter (und über Jungen wird nichts ausgesagt)? Wer die ganze Meldung liest, erfährt, dass der eigentliche – leider mehrteilige – Küchenzuruf lautet: Je älter Kinder werden, desto häufiger klagen sie über Schmerzen. Vor allem der Eintritt in die Pubertät sorgt für ein deutliches Mehr an Schmerz, wobei Mädchen durchweg stärker leiden als Jungen. Diesen komplexen Küchenzuruf in eine nachrichtliche Überschrift zu zwängen, ist schwierig. Mein Vorschlag: "Pubertät: Vor allem Mädchen klagen häufiger über Schmerzen".

    Am Rande ganz interessant:
    In der ebenfalls regelmäßig mittwochs publizierten FAZ-Sektion "Geisteswissenschaften" finden sich so gut wie nie Meldungen und nachrichtliche Überschriften. Was besagt das über die verschiedenen Untersuchungsgegenstände und Methoden von Geistes- und Naturwissenschaften?

    Alle oben angeführten nachrichtlichen Überschriften überschreiben klassische Meldungen, welche die Information nach dem Motto "Das Wichtigste zuerst" in absteigender Relevanz sortieren. Der Vorteil dieser Bauart: Die Leser können jederzeit aus dem Text aussteigen, ohne das Wichtigste noch zu verpassen. Wie bereits in der Einleitung zum Thema Überschrift angedeutet, können nachrichtliche Überschriften aber auch längere Artikel zieren - wobei dies außerhalb hoch spezialisierter Fachmedien selten praktiziert wird. Beispiel:

    Gewalt gegen Kinder – im Röntgenblick durchschaut
    (Bild der Wissenschaft 3/2009, S.39)

    Der zugehörige Vorspann lautet:
    Rund 10000 Kinder werden jedes Jahr in Deutschland misshandelt. Der Kinderradiologe Markus Uhl aus Freiburg ist einer der wenigen Spezialisten, die Spuren von Gewalt an einem Kinderkörper entlarven können.

    Auch in Blogs findet man bisweilen mustergültige nachrichtliche Überschriften. Aktuelle Beispiele:

    Auch Politik ist Wissenschaft!
    (Astrodictium simplex, 19.09.2009)
    Astronomische Veranstaltungshinweise für Köln
    (Hinterm Mond gleich links, 19.09.2009)
    Kaum Frauen an der Spitze deutscher Unternehmen
    (Geschlechtsverwirrung, 17.09.2009)
    Eiszeit - Ausstellung zur Evolution von Kunst und Kultur
    (Natur des Glaubens, 17.09.2009)
    Warum dem Südwesten der USA Überschwemmungen drohen
    (weatherlog, 17.09.2009)
    Schul-Lehrpläne und Astronomie
    (Einsteins Kosmos, 17.09.2009)
    Die Arktis schmilzt weiter, aber nicht rekordverdächtig
    (Planckton, 26.08.2009)
    Bier schützt vor Osteoporose
    (Wissenswerkstatt, 18.08.2009)

      Es gibt aber auch kreative Überschriften in Blogs. Beispiele:

      Tanz der Jupitermonde
      (Himmelslichter, 15.09.2009)
      Paläoheimwerkerei
      (Gross & Klein, 14.09.2009)

      Mehr zu diesem Typ Überschrift im nächsten Post!

       


      Ein Kommentar zu “Die nachrichtliche Überschrift”

      1. Frank Abel Antworten | Permalink

        Links-Geruckel

        ...als kryptisch-kreative Überschrift für meinen Kommentar.

        Denn der angenehme Beieffekt dieses Blogartikels ist natürlich ein hervorragender Link-Bait erster Güte. Immerhin sehr schmeichelhaft verpackt und daher legitim.

        Vielen Dank!

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