Harvards vergessene Sternwarte – Teil 2

2. Oktober 2010 von Jan Hattenbach in Historie

Wir schreiben das Jahr 1889: Zehn Jahre nach Boydens Tod, und dem gescheiterten Mount Wilson-Projekt, sollte Pickerings Vision von einer field station endlich Realität werden. Im Auftrag des Direktors des Harvard College Observatory brach eine kleine Expedition um Solon Bailey (inzwischen festangestellter Astronom) von Massachusetts auf Richtung Peru. Die Aufgabe: Die Suche nach einem geeigneten Standort für eine dauerhafte astronomische Beobachtungsstation südlich des Äquators. Begleitet wurde Bailey von seiner Frau Ruth, seinem Sohn Irving und seinem Bruder Marshall. Und natürlich von umfangreichem Instrumentarium.

Dies ist Teil 2 der Geschichte um Harvards vergessene Sternwarte in den Anden. Hier geht es zurück zu Teil 1.

Im Expeditionsgepäck hatte die Truppe den 20-Zentimeter-Refraktor Bache des Observatoriums in Cambridge und ein Meridian-Fotometer -  die zukünftigen Hauptinstrumente der Station. Daneben führte die Expedition weitere Kameras, Fotoplatten, Werkzeuge und die Grundausstattung für eine voll funktionsfähige Sternwarte mit sich – insgesamt etwa 100 Kisten voller Material. Nach einem Zwischenstopp in Kalifornien, wo die Baileys die totale Sonnenfinsternis vom 1. Januar 1889 beobachteten und fotografierten, ging es per Schiff weiter in die peruanische Hauptstadt Lima. Sofort nach der Ankunft machte sich Bailey auf die Suche nach einem geeigneten Standort für seine Station.

Solon Irving Bailey (1854-1931) Aus: Cannon, A. J.: Biographical Memoir of Solon Irving Bailey, National Academy of Sciences, Biographical Memoirs 15, 6th Memoir, 1932 

Der Ort Chosica, aus der Ferne ausgewählt, erwies sich allerdings recht bald als völlig ungeeignet für Himmelsbeobachtungen. Das Dorf war von hohen Bergen umgeben, die Horizontsicht war somit stark eingeschränkt. So wählte Bailey einen knapp 2000 Meter hohen Berg in der Nähe als Standort für die Station aus und taufte ihn auf den Namen Mount Harvard. Baileys erster Namensvorschlag war indes Mount Pickering, was der Geehrte allerdings ablehnte. Solange seine Arbeit nicht vollendet sei, schrieb Pickering an Bailey, "muss Mount Pickering noch warten. Der Name Mount Harvard scheint mir hingegen angemessen."

Das einsame Leben auf "Mount Harvard"

Der einsame Berg, mehr als 10 Kilometer von Chosica entfernt und nur über einen schwierigen und gefährlichen Pfad zu erreichen, sollte für die kommenden Monate das Zuhause für Solon, seine Familie und seine Assistenten werden. Aus den USA mitgebrachte Hütten dienten als Behausungen sowohl für die Menschen als auch für die Instrumente. Bailey war von Beginn an nicht glücklich mit seinem neuen Arbeitsplatz. Schon am Abend nach der Entdeckung von Mount Harvard, zurück in Lima, schien ihm seine Wahl etwas zweifelhaft zu werden, und er vermerkt in seinem Tagebuch: "Wir blicken zurück auf die dunkle Silhouette der Berge, und der Gedanke, dass dieser isolierte Ort dort oben unser neues Zuhause sein wird, erzeugt in uns ein seltsames Gefühl von Schwermut und Einsamkeit."

Mount Harvard mag kein sehr einladender Ort gewesen sein, die astronomische Arbeit dort oben war jedoch ausgesprochen fruchtbar. Am 26. Mai 1889 belichtete Bailey die ersten Fotoplatten und zwei Wochen später gelangen ihm die ersten fotometrischen Messungen von Sternen der südlichen Hemisphäre. Er konzentrierte sich dabei ausschließlich auf Sterne südlich einer Deklination von -30°, da diese von der Sternwarte in Cambridge nicht beobachtbar waren. Neben der Vervollständigung der fotometrischen Messungen hatte ihm Pickering die Fotografie des gesamten südlichen Himmels sowie die Aufnahme möglichst vieler Sternspektren aufgetragen. Als einige Wochen später die ersten Fotografien in Cambridge ankamen, wurden sie dort bereits ungeduldig erwartet. Am 4. August schrieb Pickering an Bailey: "Frau Draper und ich sind beeindruckt von der Geschicklichkeit mit der Sie und Ihr Bruder alle Schwierigkeiten in Peru überwunden haben. Ebenso über den schnellen Fortschritt der Arbeiten." Und der Direktor, der zeitlebens keine seiner field stations in Peru persönlich besuchten sollte, hatte auch praktische Ratschläge für seinen Astronomen parat: "Achten Sie auf Ihre Gesundheit. Schlechtes Wasser stellt immer eine Gefahr dar. Ich hoffe, Sie richten sich so komfortabel wie möglich in ihrer Station ein [...] Das Leben an der freien Luft ist gesund und kräftigend!"

Pickerings Wunsch zum Trotz hielt sich der Komfort auf Mount Harvard in Grenzen. Die Abgeschiedenheit machte die Versorgung mit Lebensmitteln und Wasser zu einem ernsten Problem. Da der Berg keine Selbstversorgung ermöglichte, musste alle Dinge des täglichen Bedarfs mühsam mit Maultieren den steilen Weg aus dem 1000 Meter tiefer gelegenen Chosica hinauf getragen werden. Zu allem Überfluss erwiesen sich die einheimischen Helfer als wenig zuverlässig, immer wieder warteten die Baileys vergebens auf ihr Mittagessen. Die schlechte Wasserversorgung stellte aber auch ein Problem für die fotografischen Platten dar, die schnell entwickelt werden mussten. Dass Mount Harvard ungeeignet für ein dauerhaftes Observatorium war, stellte sich endgültig mit dem Beginn der jährlichen Regenzeit heraus. Der Himmel, in den ersten Wochen nach ihrer Ankunft fast ständig klar, zeigte sich nun immer häufiger wolkenverhangen und zwang die Astronomen zur Untätigkeit. Die Baileys richteten sich dennoch so gut es eben ging auf ihrem Berg ein. Ein Tennisplatz bot etwas Abwechslung im tristen Alltag, doch die Spiele endeten jäh, wenn der Ball etwas zu hart geschlagen wurde und den tiefen Abhang herunterflog.

"Mount Harvard", zeitgenössische Fotografie der Wohn- und Beobachtungshütten. Quelle: Harvard University Library

Bailey ertrug die widrigen Umstände nicht zuletzt mit Humor. Als Pickering einmal die Befürchtung äußerte, Insekten könnten die empfindlichen Fotoplatten beschädigen, bemerkte er trocken, dass er das nicht glaube: Die Tiere würden sich schließlich vielmehr für ihn und seine Familie als für die Ausrüstung interessieren. Auch Skorpione etwa habe er bereits in seinen Jacken, Schuhen und Socken gefunden – nicht aber in den Kisten mit den Fotoplatten.

Wieder auf der Suche

Die eigentliche Gefahr für die Ausrüstung und die astronomischen Geräte war hingegen der immer häufiger einsetzende und kräftiger werdende Regen. Die mitgebrachten Schutzhütten erwiesen sich dem peruanischen Wetter nicht gewachsen. Bailey war klar, dass möglichst bald ein besserer Standort gefunden werden musste. Am 14. November 1889 brach er daher auf, um gemeinsam mit seinem Bruder Marshall weiter im Süden des Landes nach einem Platz suchen, der nicht nur bessere Bedingungen für die Beobachtungen bot, sondern auch ein einigermaßen angenehmes Leben erlaubte. Baileys peruanischer Assistent Elíyas Vieyra übernahm die undankbare Aufgabe, die Arbeiten auf Mount Harvard alleine fortzuführen, während seine Frau und sein Sohn die Bequemlichkeit der Metropole Lima vorzogen.

Verschiedene Meteorologen hatten Bailey die Stadt Arequipa im Süden Perus empfohlen. Noch besser klimatische Verhältnisse böte die nur Wüste Atacama im Norden Chiles, meinten sie - doch waren hier noch größere Versorgungsprobleme als auf Mount Harvard zu erwarten. Bailey beschloss, diese beiden und weitere Orte in Peru, Bolivien und Chile zu besuchen. Am 18. November erreichte er Arequipa, eine Stadt auf einer Höhe von knapp 2400 Metern, gelegen an den grünen Ufern des Rio Chili umgeben von der Wüstenlandschaft Südperus. Hier fällt nur sehr selten Regen, der Himmel ist vor allem während der Monate Mai bis Oktober so gut wie immer wolkenlos. Die Stadt wird beschützt durch die westliche Andenkordillere und liegt weit genug entfernt vom Nebel der Küste. Beeindruckt schrieb Bailey: "Schöner als jede andere Stadt, die wir in Peru bislang gesehen haben, liegt Arequipa umrahmt von Vulkanen und grünen Feldern. Ihre Häuser hat man aus einem weißen Vulkangestein namens Sillar erbaut, das aus der Ferne an Marmor erinnert."

Die Wetterbedingungen überzeugten die Brüder Bailey jedoch auch hier nicht. Zu Beginn der jährlichen Regenzeit, die gerade einsetzte, zeigte sich der Himmel auch über Arequipa oft bewölkt. Bailey wollte daher weiter nach Chile, in die Atacamawüste. Von dem englischen Meterologen Ralph Abercrombie wusste er von der außerordentlichen Klarheit der Atmosphäre in dieser Wüste, die seit dem Salpeterkrieg zwischen Peru und Chile zum chilenischen Territorium gehört.

Die Atacama muss warten

Wieder per Schiff fuhren die Brüder in die chilenische Hafenstadt Antofagasta. Die einzige Möglichkeit ins Landesinnere vorzustoßen bestand in einer Eisenbahnlinie, die die Stadt mit den Nitratminen in der Wüste verband. Per Zug erreichten sie den einsam gelegenen Bergbauort Pampa Central. Bailey erkannte sofort, dass dieser Ort bessere atmosphärischen Bedingungen bot als alle zuvor besuchten. Die Transparenz des Himmels und die Luftruhe waren außergewöhnlich. Wolken oder gar Niederschläge waren selbst zu dieser ungünstigen Jahreszeit extrem selten: Von den 29 Tagen, die die Brüder hier verbrachten, waren 28 vollkommen wolkenfrei. Doch was war das für ein gottverlassener Ort! Weit entfernt von der nächsten Stadt, ohne jede Wasserversorgung und in der vollkommenen Abgeschiedenheit der Wüste. Wenn Mount Harvard ein einsamer Ort war, dann dieser erst recht. Zwar wurden die Minen durch die Eisenbahnlinie täglich mit allem Nötigen beliefert, aber war eine Mine erst einmal ausgebeutet, zog der gesamte Tross weiter, und mit ihm die Versorgung. Der eigenständige Unterhalt eines Observatoriums in der Atacamawüste war für die Universität Harvard nicht finanzierbar. Es sollte noch ein knappes Jahrhundert vergehen, bis die Astronomen den Himmel über der Atacama für ihre Forschungen nutzen konnten.

Bailey entschied sich also für Arequipa als den besten Kompromiss. Ein etwa sechs Kilometer oberhalb der Stadt auf einer Anhöhe namens Carmen Alto gelegenes Grundstück wurde als Sitz des Observatoriums ausgewählt. Bei ihrer Rückkehr nach Mount Harvard erkannten die Brüder endgültig, dass ein Fortbestehen der Station hier unmöglich war. Durch starke Regenfälle war die Substanz der Hütten bereits gefährdet, auch die verbliebenen Instrumente hatten stark gelitten. Für alle Beteiligten war es eine Erleichterung, als am 15. Oktober die letzten Mitarbeiter den Berg verließen. Drei Wochen später bereits bezogen die Baileys ihr neues Domizil in Carmen Alto. Es sollte für die nächsten 37 Jahre die Heimat der nach ihrem Stifter Boyden-Station genannte Sternwarte bleiben.

Eigentlich hätte Bailey nun die Früchte seiner Pionierarbeit ernten können: Nach dem Aufbau der Station in Arequipa besaß Harvard zum ersten Mal ein Observatorium südlich des Äquators, das diesen Namen verdiente. Doch Edward Pickering hatte andere Pläne. Die Leitung der Sternwarte sollte ein anderer übernehmen - sein jüngerer Bruder William. Es sollte nicht lange dauern, bis Edward diese Entscheidung bitter bereute...


6 Kommentare zu “Harvards vergessene Sternwarte – Teil 2”

  1. Helmut Dannerbauer Antworten | Permalink

    Hallo Jan,

    ich hatte auch mal davon gehört, dass es in Peru eine von Harvard betriebene Sternwarte gab. Aber ich hatte dass dann nicht weiter verfolgt und hätte auch nicht gedacht, dass die Entstehungsgeschichte dieses Observatoriums so interessant sei. Bin schon gespannt auf den dritten und abschliessenden Teil:)

    Schöne Grüsse,
    Helmut

  2. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Hallo Helmut, der dritte Teil wird ebenso spannend, versprochen. Wobei ich deine Hoffnung, dass das dann auch der letzte Teil wird, leider dämpfen muss ;-)

    Es werden 4 (oder max. 5) Teile. Ich möchte lieber etwas mehr stückeln, damit ich keine ellenlangen Texte im Blog hab (erinnert mich immer an Elemetarteilchen mit ganzzahligem Spin...)

  3. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    @Carolin

    Ok, so viel sei vorweggenommen: Die "Boyden Station" gibt es als "Boyden Observatory" immer noch, und zwar in Südafrika: http://www.assabfn.co.za/...ndsofboyden/boyden.htm

    Meinst du das?

    Meine Geschichte endet beim Umzug der Station von einem Kontinent auf den nächsten. Aber vorher passiert in Peru noch eine ganze Menge...

  4. Helmut Dannerbauer Antworten | Permalink

    @Jan

    Hallo Jan,

    ob 4 oder 5 Teile, ich werde die Geschichte bis zum Ende lesen. Ich stimme Dir zu, eher die Geschichte zu stückeln als ellenlange Posts zu schreiben.

    Helmut

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