Tunguska, das Space-Shuttle… und viel Dampf

30. Juni 2009 von Jan Hattenbach in Atmosphäre

Was haben die Abgase des Space-Shuttles mit dem Tunguska-Ereignis von 1908 zu tun? Einer Studie dreier amerikanischer Forscher zufolge mehr, als man auf den ersten Blick denkt. Für sie ist das Space-Shuttle nicht weniger als der Schlüssel zu einem mehr als 100 Jahre alten Rätsel – es liefert möglicherweise die Antwort auf die Frage, was damals in Sibirien wirklich geschah.

Tunguska
Abb. 1: Millionen umgeworfener Bäume waren zunächst das Einzige, was das Tunguska-Ereignis zurückließ. Das Bild entstand 1927, also bereits 19 Jahre nach der Explosion.

Viele Theorien ranken sich um die Ereignisse vom 30. Juni 1908. Am frühen Morgen ereignete sich in der fast menschenleeren Tunguska-Region in Sibirien eine gewaltige Explosion, die Millionen Bäume wie Streichhölzer umknicken ließ, viele tausende verbrannte und die selbst noch in mehreren hundert Kilometern Entfernung wahrgenommen wurde.

Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, was die Ursache für dieses Inferno war. Nie hat man Meteoritenbruchstücke oder einen eindeutigen Krater gefunden. Die wahrscheinlichste Erklärung ist nach wie vor die Kometenhypothese: Ein Kometenkern, aus lockererem Material als Asteroiden bestehend, ist in der Erdatmosphäre zerplatzt und nur seine Druckwelle hat den Erdboden erreicht.

Einen Beweis für diese These gibt es nicht. Doch die Studie, die Michael C. Kelley von der Cornell University in Ithaca, New York und C. E. Seyler und M. F. Larsen von der Clemson University in South Carolina nun in den Geophysical Research Letters veröffentlichten, liefert starke Hinweise, dass es tatsächlich ein Komet war, der vor genau 101 Jahren einen ganzen Kontinent erschütterte. Diese Hinweise liefert nun ausgerechnet das Space-Shuttle, genauer gesagt die Abgase, die bei einem Start der Weltraumfähre in die Atmosphäre geblasen werden.


Abb. 2: Mehrere hundert Tonnen Wasserdampf produziert der Hauptantrieb des Shuttles bei einem Startvorgang. Dabei gelangt viel Dampf bis in die obere Atmosphäre. Bild: Pat McCracken, NASA

Der Hauptantrieb des Space-Shuttles nämlich verwendet Wasserstoff und Sauerstoff. Nur zu Beginn eines Startvorgangs werden zusätzliche Feststoffraketen eingesetzt. Aus der Verbrennung von Wasserstoff und Sauerstoff entsteht Wasser. Etwa 300 Tonnen Wasserdampf gelangen so bei jedem Start der Raumfähre in die Atmosphäre, und das bis in Höhen von 100 bis 115 Kilometern.

Wasserdampf in diesen großen Höhen ist ein Grundbaustoff für eine atmosphärische Erscheinung, die gerade jetzt in den Sommermonaten wieder von sich reden macht: Die so genannten nachtleuchtenden Wolken (engl. Noctilucent Clouds, Abk. NLC). Nachtleuchtende Wolken (auch leuchtende Nachtwolken) sind in manchen Sommernächten, vor allem in den Monaten Juni und Juli, in unseren Breiten am Nordhorizont zu sehen. Wenn die Sonne längst untergegangen ist, sieht man sie als silbrig-weiße, helle Wolken, die ein bisschen an Cirrus- oder Federwolken erinnern. Doch NLCs entstehen in Höhen von mehr als 80 Kilometern in der so genannten Mesopause – viel höher also als alle anderen Wolkenarten, die sich auf Höhen von unter 13 Kilometer beschränken. Das ist der Grund, weswegen NLC „nachtleuchtend“ sind. Im Sommer nämlich steht die Sonne nur wenige Grad unter dem Horizont und beleuchtet die hohen Wolken noch, während der Erdboden und tiefere Atmosphärenschichten längst im Schatten liegen.

Nachtleuchtende Wolken bestehen aus Wassereis. Dieses kann in solch großen Höhen nur mit Hilfe von Kondensationskeimen entstehen, das sind Staubpartikel, die von Mikrometeoriten in die Erdatmosphäre eingebracht werden. Außerdem müssen die Temperaturen sehr niedrig sein, etwa -130°C. Paradoxerweise werden diese tiefen Temperaturen in der Mesopause über der nördlichen Polregion im Nordsommer erreicht, die Wolken sind also nicht nur ausschließlich im Sommer sichtbar, sie entstehen auch nur dann.


Abb. 3: Bereits wenige Minuten nach dem Start haben Höhenwinde die Wasserdampfwolke zerweht. Bild: Ken Thornsley, Nasa

Normalerweise ist die Wasserdampf- Konzentration in einer Höhe von 80 Kilometern sehr gering. Ein Shuttlestart jedoch bringt eine Menge zusätzlichen Wasserdampf in die obere Atmosphäre – ist es da nicht logisch, dass man nach etlichen solcher Starts ausgedehnte NLCs beobachtet hat? Nur wenige Tage nach dem Shuttlestart vom 7. August 1997 und ebenso nach dem vom 8. Januar 2003 wurde starke NLC-Sichtungen in den Polregionen gemacht, im letzteren Fall über der Antarktis.

So naheliegend der Zusammenhang klingen mag – es gibt ein gewaltiges Problem bei der Sache: Wie soll die relativ kleine Wasserdampfwolke über Florida sich innerhalb weniger Tage auf viele hundert Kilometer ausbreiten und dabei noch tausende Kilometer bis zu den Polargebieten zurücklegen? Die Messungen des TIMED-Satelliten und von bodengebundenen Lidar-Systemen konnten die schnelle Ausbreitung der Abgaswolken tatsächlich nachweisen, doch damit stellen sie die gängigen Modelle der Hochatmosphäre in Frage.

Oberhalb von etwa 80 bis 120 Kilometern wird die Erdatmosphäre nicht mehr durch dreidimensionale, turbulente Luftströmungen durchmischt, sondern schichtet sich gemäß der Atomgewichte der einzelnen Bestandteile auf, nach dem Motto „die schweren nach unten, die leichten nach oben“. Man spricht auch von der Unterteilung der Atmosphäre in eine Turbosphäre oder Homosphäre (die homogene, durchmischte untere Atmosphäre) und eine Heterosphäre, in der die einzelnen Gaskonstituenten getrennt voneinander vorkommen. Würde in dieser Heterosphäre die Ausbreitung der Wasserdampfwolke allein durch die molekulare Diffusion bestimmt, so würde sich eine typische Shuttlewolke innerhalb eines Tages nur auf rund 10 Kilometer ausweiten und sich kaum fortbewegen. Keine Chance, in dieser Zeit bis zum Nord- oder gar Südpolarbereich vorzudringen.

Dass die Verhältnisse in der oberen Atmosphäre allerdings etwas anders sind, zeigen die Resultate von Messungen mit Höhenforschungsraketen, die Geschwindigkeiten von 100 Metern pro Sekunde und mehr in Höhen zwischen 95 und 115 Kilometern ergeben haben. Mehr noch: Neben den hohen Spitzenwerten misst man auch hohe mittlere Geschwindigkeiten über große räumliche Ausdehnungen. Diese Winde, so schließen Kelley und seine Kollegen, sind verantwortlich für die schnelle Ausbreitung und den Transport der Wasserdampfwolken. Sie sind, so ihre Hypothese, die Quelle für eine zweidimensionale Turbulenz in der oberen Atmosphäre.


Abb. 4: Nachtleuchtende Wolken können eine beeindruckende Erscheinung sein. Die Stunden um Mitternacht im Juni und Juli sind die beste Zeit zur Beobachtung dieser Eiswolken. Sie halten sich in unseren Breiten meist tief am Nordhorizont auf. Bild: NASA

Eine solche zweidimensionale Turbulenz breitet sich im Wesentlichen nur in zwei statt der üblichen drei Richtungen aus. Beispielsweise können Strömungen in Ozeanen in guter Näherung als zweidimensionale Turbulenzen betrachtet werden. Die Zweidimensionalität spiegelt sich letztlich auch in der Form der leuchtenden Nachtwolken wider, die zwar eine enorme horizontale, aber nur eine sehr kleine vertikale Ausdehnung aufweisen. Wie es zu einer solchen zweidimensionalen Strömung kommt, ist aber im Einzelnen schwierig zu beantworten. Kelley et al. weisen darauf hin, dass eine mögliche Erklärung aus dem komplizierten Wechselspiel zwischen der Corioliskraft aufgrund der Erdrotation und dem Erdmagnetfeld gegeben sein könnte.


Abb. 5: Das Satellitenbild der Wassertemperatur des nordatlantischen Beckens zeigt großräumige Wirbel  - ein typisches Beispiel für eine zweidimensionale turbulente Strömung. (CU Boulder, Colorado)

Unter Ausnutzung dieser Hypothese gelingt es den Forschern jedenfalls, die beobachtete schnelle Ausdehnung und den Transport der Wasserdampfwolken zu erklären. Die gängigen Theorien zu zweidimensionalen turbulenten Strömungen von Richardson, Obukhov und Batchelor liefern einen Zusammenhang zwischen der Ausdehnungsrate einer Wolke und der Zeit, der nicht mehr wie im Falle der molukularen Diffusion linear ist, sondern der dritten Potenz entspricht. Statt auf 10 Kilometer in einem Tag wächst eine Abgaswolke unter Verwendung geeigneter Parameter in nur acht Stunden auf die Größenordnung von 1000 Kilometer an. Dies, zusammen mit den gemessenen großflächigen Windgeschwindigkeiten, lässt sich sehr gut mit den Beobachtungen übereinbringen. Mit anderen Worten: Die Shuttleabgase können tatsächlich unter Annahme einer turbulenten, zweidimensionalen Strömung und mit den gemessenen Windgeschwindigkeiten innerhalb weniger Tage von Florida in die Polregionen gelangen und dort nachtleuchtende Wolken auslösen.

Nun ist der Weg nicht mehr weit bis zum Ausgangspunkt, der Frage nach der Ursache des Tunguska-Ereignisses. Denn auch nach diesem Ereignis kam es nur wenige Stunden später und in den folgenden Nächten zu spektakulären Leuchterscheinungen am Nachthimmel über Europa und Nordamerika. So bericheten Augenzeugen aus England von „hellen Cirrostratuswolken“, die gegen Mitternacht das Sonnenlicht reflektierten - so dass es fast taghell wurde und man ohne künstliches Licht Zeitung lesen konnte. In der Literatur wird dieses Phänomen damit erklärt, dass Staubwolken des Tunguska-Ereignisses in die Hochatmosphäre gewirbelt worden seien und das Sonnenlicht reflektiert hätten. Es erscheint jedoch viel wahrscheinlicher, dass in Wahrheit leuchtende Nachtwolken für diese Erscheinungen verantwortlich waren:

  1. NLCs erscheinen oft Cirrostratuswolken ähnlich, wie sie von den Augenzeugen 1908 beschrieben wurden.
  2. Staub kann nur in großer Menge in die Hochatmosphäre gelangen, wenn es auch einen Impakt gegeben hat, doch man hat später keine Spuren eines solchen Impakts am Erdboden finden können.
  3. Selbst im Falle eines Impakts ist es unwahrscheinlich, dass Staub bis in Höhen von 80 oder 90 Kilometer gelangt ist (so hoch muss es schon sein, damit das Sonnenlicht reflektiert werden kann). Selbst bei starken Vulkanausbrüchen gelangt die Vulkanasche selten höher als 50 Kilometer.

Somit bleibt eine – recht einleuchtende – Erklärung übrig: Die Explosion über Tunguska wurde von einem Kometenkern ausgelöst, der noch in der Atmosphäre zerplatzte und dabei viele tausend Tonnen Wasserdampf bis in große Hohen einbrachte. Innerhalb weniger Stunden hatten sich diese Dampfwolken aufgrund der zweidimensionalen turbulenten Strömung ausgebreitet und durch die Winde bis in die Nordpolarregion verschoben. Um in der geforderten Zeit von 22 Stunden von Tunguska bis ins 5000 Kilometer entfernte England zu gelangen, müssen laut Kelley et al. mittlere Windgeschwindigkeiten von 60 bis 70 Meter pro Sekunde vorgeherrscht haben. Selbst die Diffusion aufgrund der turbulenten Strömung allein hätte ausgereicht, um sich die Wolke innerhalb der geforderten Zeit bis Europa ausbreiten zu lassen.

Allerdings machen die Forscher einige Annahmen, die noch nicht als gesichert angesehen werden können. Das Vorhandensein einer zweidimensionalen turbulenten Strömung in der Hochatmosphäre muss erst noch nachgewiesen werden. Auch die Frage, ob es sich bei den Leuchtereignissen 1908 tatsächlich um NLCs gehandelt hat, ist nicht sicher beantwortet. Es scheint zumindest eine sehr plausible Erklärung zu sein.

Michael Kelley (Cornell-Universität in Ithaca) et al.: Geophysical Research Letters , Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1029/2009GL038362


16 Kommentare zu “Tunguska, das Space-Shuttle… und viel Dampf”

  1. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Das Paper beweist ... nichts

    Das Standardbild der Tunguska-Explosion unter Impaktforschern ist seit rund zwei Jahrzehnten aus sehr guten Gründen der Airburst eines steinigen Asteroiden in ca. 10 km Höhe und sicher kein Komet - und auch das neue Paper bietet keinerlei Grund, von der Asteroiden-Deutung Abstand zu nehmen. Dass es landauf landab in der "Normalpresse" wie unter Bloggern so herzlich aufgenommen wurde, stimmt mich bedenklich. Die klassische Literatur zu einem Thema (in diesem Fall: Chyba et al. 1993) zu kennen, kann manchmal helfen ...

    P.S.: Gegen Leuchtende Nachwolken habe ich nichts - im Gegenteil; heute morgen wurde ich Zeuge eines besonders heftigen "Ausbruchs" über Deutschland. :-)

  2. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Standardbild? @Daniel

    ...dann gibt es auch noch die Hypothese von dem angeblichen Impaktkrater, den vor gut einem Jahr drei Italiener gefunden haben wollen....

    Was du das "Standardbild" nennst, ist eine Hypothese unter anderen. Vielleicht die überzeugendste, kann schon sein. Aber längst noch nicht "die Lösung" wie du es darstellt. Der von dir verlinkte Text ist daher ebenso tendenziös und unsachgemäß wie die von dir kritisierte Pressemeldung, die von einem "Beweis" spricht (das ist eben eine Pressemeldung, die sind halt oft etwas reißerisch und verkürzend, das weiss man, damit lebt man).

    Kurz und gut - niemand weiss genau, was damals abgelaufen ist. Die hier beschriebene Studie liefert einen weiteren Diskussionsgegenstand. Man kann ihre Schlussfolgerungen inhaltlich ablehnen. Sie zu ignorieren, weil sie gegen ein (dein?) "Standardbild" verstößt, halte ich aber nicht für sinnvoll.

    Interessant in diesem Zusammenhang (also in Bezug auf die Studie von Kelley et al.) ist doch eher die Frage, ob es tatächlich NLCs waren, die damals in Europa und Amerika sichtbar waren? Das ist nämlich alles andere als klar. Trifft das nicht zu, dann ist die ganze Studie für die Katz...

    Wegen der Rezeption der Kelley-Studie in den Medien brauchst du keine Bedenken zu haben. Wenn über Kontroversen der Forschung berichtet und diskutiert wird, stimmt mich das nicht besorgt, wenn ich die Auffassung der betreffenden Studie nicht teile. Im Gegenteil, ich finde das gut.

  3. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Wissenschaftsverständnis ...

    Mit Verlaub, was ist denn das für ein Wissenschaftsverständnis, die publizierte Forschung zu ignorieren (wie in dem seit einem Vierteljahrhundert schon falschen Satz "Die wahrscheinlichste Erklärung ist nach wie vor die Kometenhypothese" zum Ausdruck kommt) und dann eine Aussenseiter-Alternative als gleichwertig hinzustellen, die 1. krasse Fehler macht ('Übersehen' des atmosphärischen Wassergehalts), 2. in einem zentralen Punkt (Transportprozess) erklärtermaßen spekulativ ist und vor allem 3. gut abgesicherten Erkenntnissen über die feste Konsistenz des Impaktors widerspricht?

    Der "Fall Cornell" ist jedenfalls ein schöner Beweis, dass es auch im Blog-Zeitalter noch Wissenschaftsjournalisten braucht, die die Hintergründe kennen und auch mal bei den Experten nachhaken (anstatt eine Pressemitteilung als Offenbarung zu betrachten, wie in diesem Fall besonders häufig geschehen). Und dann auch mal etwas forsch formulieren dürfen - Cornell hat schließlich damit angefangen ...

  4. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    locker bleiben...

    Guten Morgen,

    Nun komm mal wieder runter ;-) Weder ignoriert mein Artikel irgend etwas, noch vergleicht er Hypothesen. Er sagt nur, dass die hier vorgestellte Hypothese plausibel klingt. Und er nennt ältere Studien nicht, ok, das gilt für die von dir genannte ebenso wie die von den Italienern und anderen. Ist auch nicht die Intention gewesen, hier die gesamte Tunguska-Forschung abzubilden. Ich finde Teile der Studie recht elegant, insbesondere den mit der turbulenten Strömung. Dass das Spekulation ist, daraus machen die Autoren keinen Hehl, was offensichtlich ist, wenn man die Veröffentlichung (und nicht die PM) liest. Vielleicht kann dieser Teil mal hilfreich werden, auch wenn die Kometenhypothese nicht zutrifft. Wenn du in der Studie Fehler findest, ist es doch gut, sie hier zu nennen. Den Untergang des Abendlands sehe ich deshalb nicht heraufziehen.

    "...dass es auch im Blog-Zeitalter noch Wissenschaftsjournalisten braucht..."

    Dann freu dich doch, dass dir die Arbeit nicht ausgeht!

  5. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Superlativ

    "Die wahrscheinlichste Erklärung ist nach wie vor die Kometenhypothese"

    D'accord, dieser Satz enthält implizit eine Wertung, wobei ich dabei eher an die "exotischen Theorien" (schwarzes Loch, Außerirdische, etc.) dachte. Ich würde also darum bitten, ihn in "Eine wahrscheinliche Erklärung ist..." umformulieren zu dürfen.

    Kein Grund zur Panik.

  6. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    > Ich würde also darum bitten, ihn in "Eine wahrscheinliche Erklärung ist..." umformulieren zu dürfen.

    Genehmigung nicht erteilt - weil die Kometen-Erklärung seit spätestens 1993 (und Vorarbeiten gehen bis mindestens 1982 zurück) nicht nur nicht wahrscheinlich sondern einfach unhaltbar ist, da das Objekt einfach bis in viel zu geringe Höhe intakt blieb.

    Übrigens werde ich gerade heftig von einem Astronomieprofessor(!) "angemacht", weil ich eine von ihm vertretene Exotenhypothese zu Tunguska zu ignorieren wage. Aber das ist angesichts des dermaßen gut etablierten Asteroiden-Szenarios einfach Denkökonomie ...

  7. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Exotenhypothesen

    "Genehmigung nicht erteilt"

    Gut, dann lass ich es so stehen :-)

    Da ich nicht weiss, um welche "Exotenhypothese" es geht, kann ich nicht beuteilen, ob dein Ignorieren gerechtfertigt ist oder nicht. Solange das Tunguskaereignis aber nicht vollständig aufgeklärt ist, würde ich mich hüten, eine Hypothese deshalb zu ignorieren, weil sie "exotisch" klingt, und einem Paper, dass man vor Jahren gelesen hat und für gut befunden hat widerspricht. Zumindest so lange sie einigermaßen nachvollziehbar ist.

    Von meiner Seite habe ich nun zu diesem Thema alles Wesentliche gesagt, denke ich.

  8. Michael Khan Antworten | Permalink

    Komet oder Asteroid

    Ich wäre sehr vorsichtig mit allzu kategorischen Festlegungen dessen, ob es ein Kometenbruchstück - denn darum könnte es sich hier maximal handeln, im Fall eines Objekts von wahrscheinlich sehr deutlich weniger als 100 Meter Durchmesser - oder ein Asteroiden gewesen ist.

    Zum einen sind Hypothesen über den Kometenaufbau und das Kometeninnere bis jetzt zumindest nie so zuverlässig gewesen, als dass die Missionen Giotto, Stardust, und Deep Impact nicht zu erheblicher Verwunderung geführt hätten.

    Hypothesen von 1982 wären noch vor der Mission Giotto aufgestellt worden, also noch vor der ersten direkten Beobachtung eines Kometenkerns - ich frage mich, auf welcher Basis, und wie belastbar solche Hypothesen überhaupt sind, die noch keinerlei Nahbeobachtungen eines Kometenkerns zur Grundlage haben konnten.

    Und selbst heute .... inwiefern sind denn die Modelle der Struktur eines Kometenkerns etabliert - und inwiefern kann man solche Modelle auf ein kleines Bruchstück anwenden, das vielleicht schon wer weiß wie viele Periheldurchläufe zurückgelegt hat und dabei sein volatiles Material komplett verloren hat.

    Wer würde sich so weit zum Fenster herauslehnen und jetzt schon *ausschließen* wollen, dass es sich hier um einen Kometenbruchstück handelte - zusätzlich zu der sicher ebenfalls plausiblen Hypothese, dass es sich um einen Asteroiden handelte?

    Das sage ich ohne Wertung in Bezug auf das von Jan zitierte Paper.

  9. Daniel Fischer Antworten | Permalink

    Man will mich nicht verstehen ...

    Chyba et al. 1993 ist nicht irgendein "Paper, dass man vor Jahren gelesen hat und für gut befunden hat" sondern jenes, das seither das Gros der Impaktforscher (Z.T. mit Verfeinerungen, die aber am Kern nichts ändern) aus vielen Gründen für massgeblich hält. Die Diskussion um die Natur des Impaktors ist in der Community selbst(!) so gut wie abgeschlossen. Und das wissen eben die meisten 'von außen', die sich heutzutage in der Angelegenheit äußern, nicht (oder wollen es nicht wahr haben, weil eine andauernde Kontroverse ja so sexy ist).

    Mein Ärger gerade jetzt ist übrigens durch diesem Artikel ausgelöst worden, der nicht nur das Ende jedes systematischen Astronomiejournalismusses in naher Zukunft beschwört sondern auch noch zu glauben scheint, sich selbst organisierende soziale Netzwerke würden das bestens ersetzen. Der "Fall" Tunguska vs. Cornell ist ein schreiendes Beispiel dafür, dass dies offenbar nicht so ist - worüber ich in nämlichem Journal demnächst auch was schreiben werde ...

  10. Michael Khan Antworten | Permalink

    Nature: Chyba et al (1993)

    Ich finde es eigentlich recht gut, dass dieses Thema auch hier nicht einfach nur aufgenommen, sondern auch diskutiert wird. Aufregen sollte man sich nicht - es ist vollkommen uebliche wissenschaftliche Praxis, dass einer Hypothese eine Gegenhypothese entgegengestellt wird. Nur so kommt die Wissenschaft weiter.

    Ich habe gerade zum Thema des Papers von Chyba et al., das hier zitiert wurde, wenn auch bedauerlicherweise ohne Details durchaus einige Anmerkungen. Diese wuerden jedoch den Rahmen eines Kommentars sprengen. Ich werde deswegen in naechster Zeit einen Blog-Artikel daraus machen.

    Ich hoffe, dass dann auch Jan Hattenbach dazu etwas sagt.

  11. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Das sehe ich auch so. Ich begrüße den Widerspruch, den Daniel hier geäußert hat, denn Widerspruch gehört zu Wissenschaft, sonst wäre sie dogmatisch und unproduktiv. Dementsprechend sind endgültige "Basta-Aussagen" ebenfalls zu vermeiden. Ich freue mich jedenfalls schon auf deinen Artikel.

    @Daniel: Was der CAP-Artikel jetzt direkt mit diesem allem zu tun hat, verstehe ich ehrlich gesagt wirklich nicht ganz.

  12. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    Widerspruch zu Chyba et al. 1993

    Die Diskussion hat mich neugierig gemacht. Eine kurze Quellenrecherche fördert nicht nur die von Daniel genannten Veröffentlichungen Chyba et al. 1993 und Sekanina 1983 (diese meintest du mit "Vorstudie"?) zu Tage sondern auch solche, die den genannten Papers teils drastisch (auch im wörtlichen Sinne) widersprechen, Grigorian 1997 und Bronshten 1999. Ich enthalte mich eines Urteils darüber, inwiefern deren Angriffe (so muss man es wohl nennen) auf Chyba gerechtfertigt sind, dafür muss sie erst mal lesen. Einem unvoreingenommenen Beobachter erscheint die Tunguska-Diskussion aber alles andere als geklärt. Es denn, man klassifiziert alle widersprechenden Ansichten als "Exotenmeinung", dann muss man sich aber die Frage gefallen lassen, mit welcher Autorität man dies tut.

  13. Klaus Deistung Antworten | Permalink

    Abwesenheit von Beweismaterial
    „Das Standardbild der Tunguska-Explosion unter Impaktforschern ist seit rund zwei Jahrzehnten aus sehr guten Gründen der Airburst eines steinigen Asteroiden...“ Zum Vergleichen: Die Mehrheit der Planetenforscher nimmt die Simulation der Impakt-Theorie zur Mondentstehung an – und doch tun sich mehr Wiedersprüche auf, als man sich vor 20 Jahren gedacht hat. Ein entscheidender Punkt: „Die mit 'SMART-1' angestellten Messungen stellen die Theorien des gewaltsamen Entstehens des Mondes und seiner Entwicklung in Frage.“ http://astronews.com/news/artikel/2001/10/0110-010.shtml
    Am 29.06.09 kam bei 3sat ein Beitrag, der das Tunguska-Problem umriss: Abwesenheit von Beweismaterial – aber über 120 Theorien. Mehrere Forscher kamen hier zu Wort. Selbst vor Jahrzehnten gab es schon Filmberichte, die das Schmetterlingsmuster als Ergebnis einer Explosion darstellten. Ob Asteroid oder Meteorit – das spielt wohl keine große Rolle. Die Energie wird zwischen 300 und 1000 Hiroschima-A-Bomben „gehandelt“ - zunächst auch kein Fall zum Streiten, es ist ganz einfach viel.
    Der Gedanke mit dem Wasser aus den Space Shuttle ist insofern nicht schlecht, da oft ungewöhnliche Gedanken Zusammenhänge darstellen, die vorher so nicht gesehen worden. Das war ja auch nur eine kleine Menge – und sehr sauber - im Vergleich zu Tunguska.
    Da Stardust genannt wurde – die Ergebnisse hätte keiner erwartet: Große Hitze musste mal im Kometen geherrscht haben. Es zeigt sich immer wieder, dass mal mehr oder weniger Zeit vergehen muss, ehe sich eindeutige Ergebnisse ergeben – die dann wieder die Forschungen beschleunigen – auch für das Tunguskaereignis. Hier kann man zur Zeit nur weiter Faktensammlung betreiben nach dem Motto: Suchet, so werdet ihr finden. Und Stardust hat gezeigt: Es kann manchmal ganz wenig sein, das uns entscheidend weiter bringt.

  14. Wolfgang Kundt Antworten | Permalink

    Chyba et al (1993)

    In allen Airburst-Simulationen seit den 80ern, die mir bekannt sind, und auch bei Mark Boslough, wird die Explosion des einstuerzenden Himmelskoerpers durch Einfuehrung eines Explosionsterms erzwungen, d.h. unter Verletzung von Viererimpulserhaltung. Ich nenne so etwas Unphysik.

  15. Jan Hattenbach Antworten | Permalink

    @Wolfgang Kundt

    Vielleicht haben Sie mich auf dem falschen Fuß erwischt, aber ich verstehe den Hinweis auf die Viererimpulserhaltung in diesem Zusammenhang nicht. Könnten Sie das etwas näher ausführen?

  16. daVbOz Antworten | Permalink

    and the story continues

    fast 3 jahre später... ;)

    also meine herren... wer was wars wie?
    (jetzt aber echt)
    :)

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