Eine kurze Frage an: Markus Dahlem


Welchen Sinn hat Migräne?

Neulich stellte ein Arzt in einer Diskussionsrunde eine überraschende Frage. Die Diskussion ging darüber, ob und wie Jugendliche, die an Migräne erkrankt sind, ihr Leben dokumentieren und gegebenenfalls umstellen sollten, wenn sie aufgrund ihrer eigenen Dokumentation feststellen, dass die Migräneattacken mit ihrem Lebensstil zusammenhängen. Da kam plötzlich diese Frage: Ist Migräne überhaupt eine Krankheit? Haben die Kopfschmerzattacken nicht vielleicht eine sinnvolle biologische Warnfunktion und folglich sollte man Migräne nicht als Krankheit einstufen und Betroffenen auch nicht so vermitteln?

Vergangenen Freitag wurde ich etwas Ähnliches gefragt: Welchen Sinn hat Migräne? Ich habe nach kurzem Überlegen zugesagt, darüber etwas zu schreiben. In der Diskussionsrunde dachte ich noch, ok, wie bekommen wir jetzt die Kuh schnell wieder vom Eis. In diese heikle Richtung wollte ich ungern diskutieren. Und eigentlich sprengt dieses Thema einen Blogpost. Allerdings wollte ich für die Brain Awareness Week gerne was schreiben. Zugesagt habe ich zu diesem Thema letztendlich vor allem, weil ich eine Antwort für interessant halte.

Doch schauen wir uns zunächst auch einige, teils wilde Spekulationen über den Sinn der Migräne an. Ohne ins Detail zu gehen, halte ich mich vor allem an einen Übersichtsartikel [1], den man für weiterführende Literaturhinweise dann zu Rate ziehen kann.

Warnung – nur wovor?

Können wir die Attacken als ein Warnsignal interpretieren? Wovor soll gewarnt werden? Was soll abgewehrt werden? Vor welchen Situationen soll man sich hüten? Die einzelnen Migräneattacken scheinen oft durch einen Zustandswechsel ausgelöst zu werden. Beispielsweise unregelmässiger Schlaf, Stress, übermässiger Sport, ausgelassene Mahlzeiten etc. Außerdem gilt eine Reizüberflutung als Auslöser. Die Warnung könnte also lauten: balanciere deinen Lebensstil besser aus und meide Extreme, insbesondere lärm- und lichtintensive Orte (keine Diskotheken, kein Leistungssport, früh ins Bett, Hände über die Decke, man kennt das). Nur: Welchen Vorteil sollte dieses angepasste Verhalten haben, dass der Körper eigens ein moralisch anmutendes Warnsignal erschuf? Wenn ich meine Hand von der heißen Herdplatte wegziehe, ist es klar, wovor ich mich schütze.

Hier stellt sich auch die Frage, wie sich dieses Warnsystem herausgebildet hat? Waren schon unsere Vorfahren solcher Gefahr ausgesetzt? Und welcher genau? Oder liegt es am modernen Lebensstil? Doch dieser löst ja auch Bluthochdruck aus, ohne dass Schmerzen uns davor warnen.

Ruhe, um viele Kinder zu erziehen?

Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass an Migräne nur etwa 27% der Menschen irgendwann in ihrem Leben erkranken werden. Die Theorie des »Warnsignals« muss man also differenzierter betrachten. Zum einen tritt Migräne häufiger bei Frauen auf und zwar mit der höchsten Rate an Neuerkrankungen zwischen dem 25. und 40. Lebensjahr. Spekulationen reichen nun dahin, dass für Frauen ein ausbalancierter Lebensstil an einem ruhigen Ort gerade in der Phase der Kindererziehung wichtig sei. Außerdem könnte die Tatsache, dass Migräne sich mit der Schwangerschaft verbessert, mehr Schwangerschaften bei Frauen mit mittelschweren Formen der Erkrankung fördern (ich übersetzte nur [1]). Wilde Spekulation, wie gesagt.

Evolutionär Vorteile?

Zum anderen tritt Migräne gehäuft in Familien auf. Man nimmt an, dass die zuvor genannten Zustandswechsel und Umweltfaktoren im Zusammenspiel mit mehreren Genen die Erkrankung verursachen können. Außer Frage steht zwat, dass Gene eine Rolle spielen. Doch es sind auch Gene dabei, die jeder Mensch in sich trägt. Sogenannte »Stressgene« werden durch Umweltveränderungen und Verhalten an- und ausgeschaltet. Sodass vor allem dies zur Migräne beiträgt.

Ich halte nicht viel davon, einem evolutionären Sinn der Migräne nachzuspüren. Wobei ich präzessieren muss: Migräne meint hier sowohl die Attacken als auch die Überempfindlichkeit außerhalb der Attacken. Wie auch immer. Selten sind solche Argumente über den evolutionären Sinn schlüssig und nie zwingend. Bringen wir nun trotz allem die Genetik mit in die anfängliche Frage hinein, stellt sie sich nochmal ganz anders. Warum sollte sich Migräne evolutionär durchsetzen, wenn Attacken ähnlich behindern können wie eine Querschnittslähmung? Überwiegt ein Vorteil so sehr in der attackenfreien Zeit? – Es wäre dann wohl der Vorteil der sensorischen Überempfindlichkeit. Oder?

Charles Darwin selbst litt unter häufigen Kopfschmerzattacken, die man heute wohl als Migräne diagnostizieren würde. Es ist nicht bekannt, dass Darwin jemals auch nur einen Gedanken über deren Vorteile verschwendete. Doch seine regelmäßigen Kopfschmerzen ließen ihn angeblich vorsorglich von öffentlichen Diners, Empfängen und anderen gesellschaftlichen Anlässen Abstand nehmen. So hatte er auch mehr Zeit, seine Theorien auszuarbeiten – und zehn Kinder zu zeugen. Ganz klar ein Vorteil für ihn. Und die Urmenschen? Sie mieden neuartige und unvertraute Gegenden wegen der möglichen Reizüberflutung und waren so weniger Gefahren ausgesetzt. Ich denke mir diese Dinge übrigens nicht aus. Sie stehen so in dem erwähnten Review [1]. In der Steppe sahen Urmenschen auch den Löwen viel besser und rochen andere Gefahren schneller. OK, das habe ich mir nun ausgedacht.

Gehirn vor Giftstoffen schützen?

Ein weiterer Schutzmechanismus der Migräneerkranten wurde vorgeschlagen. Er soll die charakteristisch erhöhte Empfindlichkeit und starke Abneigung gegenüber Gerüchen erklären. Vielleicht vermeiden Migräneerkrankten so, dass Giftstoffe in ihr Gehirn gelangen. Denn im Gegensatz zu allen anderen Sinneszellen sind die Geruchsrezeptoren selbst schon Gehirnzellen und somit könnten Giftstoffe und Viren durch den Riechnerv direkt ins Gehirn transportiert werden. Auch die anatomische Anordnung zweier Hirnkerne (des dorsale Raphekern und des Locus caeruleus), die beide wiederum mit dem für Migräne wichtigen fünften Hirnnerven (dem Nervus trigeminus – wir merken uns diesen bitte!) kommunizieren, spricht irgendwie (wie wurde nicht verraten) für dieses Argument [1]. Zur der Physiologie dieses fünften Hirnnerven im Zusammenhang mit den Blutgefäßen (das sog. »trigeminovaskulären Systems«) kommen wir aber in der Tat nochmal zurück, deswegen sei der Nerv hier erwähnt.

Es scheint in der Tat ein großes Bedürfnis für Antworten auf die Sinnfrage zu geben.

Wenn nicht die Genetik, dann ein Begleiterscheinung des bewussten Denken?

Was wir über die Genetik der Migräne wissen, gilt im Prinzip analog für viele Krankheiten. Die Schizophrenie wird beispielsweise auch von mehreren Genen im Zusammenspiel mit äußeren Faktoren verursacht. Es könnten, wie bei der Migräne übrigens, mehrer hundert sein, von denen jedes einzelne nur einen geringen Effekt hat. Auf dieser Basis zu argumentieren, ist schon ein bisschen dürftig. Und man macht es sich schlicht viel zu einfach, mit dem Hinweis, warum sich die Krankheit evolutionär angeblich durchsetzt, also dass Patienten mit Schizophrenie wahrscheinlich kreativer oder phantasievoller seien. Und Migräneerkrankte wahrscheinlich sensibler als die Normalbevölkerung. Ja klar, jede Medaille hat zwei Seiten.

Die Genetik hilft nicht weiter. Überhaupt: Um solche Frage sinnvoll stellen zu können, müssten wir eigentlich wissen, ob Migräne schon lange genug existiert. Die Evolution erschafft ja Neues nur aus Altem und da Migräne nicht ansonsten im Tierreich vorkommt, kann man Zweifel hegen. Wie gut, dass dieser Gedanke auch gleich zu einer weiteren Spekulation führt: ist Migräne vielleicht eine Begleiterscheinung unseres bewussten menschlichen Denkens, das Tieren fremd ist? In dem Review wird Decartes paraphrasiert: »Ich denke, also habe ich Migräne«. So etwas könnte ich mir gar nicht ausdenken [1]. Jetzt wo ich es kenne, fällt mir dagegen gleich noch so eine Phrase ein: »Ich denke, also bin ich schizophren«. Mit so einer Schablone, die auf alles passt, erklären wir gar nichts.

Schutz vor Schlimmeren?

Es gab mal eine These, die ich persönlich für einen wirklich interessanten Gedanken über den Sinn der Migräne halte. Wenngleich ich heute diese alte These in einem größeren Kontext setzen möchte. 1992 traf ich Jan Bureš, der diesen Gedanken erklärte: kurze, übermäßige, elektrische Entladungen der Nervenzellen, wie sie bei Epilepsie auftreten, könnten plötzlich komplett diese Gehirnzellen lahm legen und das minutenlang. Diese Unterdrückung der neuronalen Aktivität breitet sich dann aus (folglich genannt: »spreading depression«). Nun hatte man zumindest mal den Verdacht, dass diese sich ausbreitende Unterdrückung der neuronalen Erregung einen epileptischen Anfall zu verhindern vermag. Dass diese Welle mit Migräne zu tun hatte, war damals, 1992, noch die Meinung einer kleinen, aber wachsenden Minderheit in der Medizin. Es gab im März vor 24 Jahren einen internationalen Migränekongress in Münster, weswegen Prof. Bureš in Deutschland war, der heute bei vielen als Durchbruch der sog. Spreading Depression-Theorie der Migräne gilt. Ist Migräne ein Schutzmechnismus?

Auch in dem Review kommt so ein ähnlicher Gedanke vor [1]. Zunächst wird dort ein allgemeines Beispiel angeführt, nämlich dass die Genmutation, die Sichelzellanämie verursacht, immun gegen Malaria macht. Die Natur kennt also solche Kompromisse. Konkret wird dann die Möglichkeit diskutiert, ob eine Migräneattacke eine Verteidigung gegen andere bedrohliche Situationen bereitstellt. Aber es ist nicht (mehr) von der Epilepsie die Rede.

Rauchmelder-Prinzip?

Die starke und schnelle Gefässerweiterung bei Migräneattacken nährt den Verdacht, dass das dafür verantwortliche sog. trigeminovaskuläre System einen umfassenden Schutzschirm gegen jegliche Art bedrohlicher Gefäßverengungen im Gehirn bietet. Migräne könnte man in diesem »Kontinuum« der Krankheiten, zu denen neben der Migräne die Epilepsie und episodisch wiederkehrende Formen des ischämischen Schlaganfalls (ischämisch ≡ eine Minderdurchblutung betreffend) gehören, als das am wenigsten bedrohliche Übel betrachtet.
rauchmelder
Nun ist es jedoch nicht so, dass Menschen mit Migräne ständig vor Schlimmern bewahrt werden. Ganz im Gegenteil. Die Vermutungen geht dahin, dass bei ihnen dieser Schutzschirm hypersensibel ist. Wie ein Rauchmelder, der auch bei einen nur leicht angebrannten Toast Alarm schlägt. Nach diesem »Rauchmelder-Prinzip« wären die Migräneattacke dann eine Art Fehlalarm. Auch dieses Prinzip wird in dem Review erläutert [1]. Es geht in dieser Analogie nicht um den Schmerz, sondern um die Gefäßerweiterung in der Migräneattacke. Die Analogie könnte ich vielleicht so abändern: fälschlicherweise geht eine automatische Sprinkleranlage los (Gefäßerweiterung) und der auch ertönende Rauchmelder (Schmerz) lärmt sogar noch einige Zeit länger; er ist letzliche jedoch eine unbedeutende Begleiterscheinung (Epiphänomen), da die Feuerlöschanlagen vollautomatisch funktioniert.

Dabei wird eins klar: Es darf nicht darum gehen, sein Toastbrot nicht mehr dunkel zu toasten. Ein so angepasster Lebensstil könnte den Rauchmelder nur noch sensibler machen. Es muss darum gehen, die Widerstandfähigkeit des Rauchmelder neu zu justieren und gegenüber kleineren Störungen zu erhöhen. Was aber macht man in Wirklichkeit nur all zu gerne? Hier kommt ein wesentlicher Gedanke, den ich im Original hervorheben will:

»This principle also explains why blocking defenses is so often free of tragic consequences. Because most defensive reactions occur in response to insignificant threats, interference is usually harmless; the vast majority of alarms that are stopped by removing the battery from the smoke alarm are false ones, so this strategy may seem reasonable. Until, that is, a real fire occurs.«

„Dieses Prinzip (das »Rauchmelder-Prinzip«) erklärt auch, warum es fast immer völlig ungefährlich ist, die Abwehrkräfte zu blockieren. Da die meisten Abwehrreaktionen unbedeutende Bedrohungen beantworten, sind Eingriffe in der Regel harmlos; die überwiegende Mehrheit der Alarme, die durch die Entnahme der Batterie aus dem Rauchmelder gestoppt werden, sind Fehlalarme, so dass diese Strategie vielleicht vernünftig erscheinen kann. Bis ein echtes Feuer eintritt.“

Fazit

Während einige der Hypothesen weit hergeholt sind, können sie doch illustrieren, in welche Richtung wir denken sollten. Nicht nur mir erscheint das so, auch in dem sehr guten Review wird dies so gesehen und daher die Beispiele auch angeführt [1]. Meine Meinung weicht in der Bewertung der Bedeutung des evolutionären Sinns von dem Review ab. Doch stimme ich damit überein, dass es um adaptive Prozesse geht, wenn wir die erhöhte sensorische Anfälligkeit von Menschen mit Migräne untersuchen. Das zeigt die Schwierigkeit, vor der wir in der Migräneforschung stehen. Wir dürfen die Krankheit nie isoliert betrachten. Die überraschende Frage des Arztes in der Diskussionsrunde hatte also die falsche Betonung. Sie müsste lauten: Ist Migräne eine (isolierte) Krankheit? Oder müssen wir die Migräne als einen Teil eines viel größeren Krankheitssprektrums sehen, Krankheiten die den Blutfluss des Gehirns betreffen und dessen zentrale gesteuerten Schutzmechanismen?

 

Literatur

[1] Loder, E. (2002). What is the evolutionary advantage of migraine? Cephalalgia, 22, 624-632.

Markus Dahlem, Bernstein Zentrum Berlin

Markus Dahlem, Bernstein Zentrum Berlin


20 Kommentare zu “Eine kurze Frage an: Markus Dahlem”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Migräne ist wohl einfach so häufig, weil sie beim menschlichen Hirn schwierig zu verhindern ist. Die Frage Wozu bracht es Migräne wäre dann falsch und müsste ersetzt werden durch Warum neigt das menschliche Hirn zu Migräne?
    Die Grösse des menschlichen Gehirns hat wohl eine ganze Reihe von sonst seltenen Hirnerkrankungen viel wahrscheinlicher gemacht. So findet man auf 100'000 Hirn-Autopsien beim Hund nur gerade 14.5 Hunde mit Hirntumor. Beim Menschen machen Hirntumore 1.5% aller Krebserkrankungen aus. Die unterschiedliche Häufigkeit zwischen Mensch und Tier geht wohl einfach auf die unterschiedliche Grösse des Hirns zurück.
    Auch bei der Migräne könnten die Grösse des menschlichen Hirns eine Rolle spielen. Nehmen wir an, eine wichtige Ursache von Migräne seien Hirnabschnitte, die in ihrer Anatomie in bestimmter Hinsicht von der Norm abwichen. Da der Mensch sehr viel mehr Hirngewebe hat als etwa ein Hund, nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass irgendwo im Hirn die anatomischen Bedingungen für einen "Migräneherd" erfüllt sind.

  2. mike Antworten | Permalink

    @Martin

    "So findet man auf 100'000 Hirn-Autopsien beim Hund nur gerade 14.5 Hunde mit Hirntumor. Beim Menschen machen Hirntumore 1.5% aller Krebserkrankungen aus."

    Du meinst, von 100 Äpfeln haben 2 braune Stellen, aber Erdbeeren wiegen 70% weniger pro Frucht?

    Ok, anders gefragt: was soll Deine abstruse Statistik verdeutlichen?

    Ach wegen dem "gerade" noch; das is ja "gerade" nur 5 Mal so viel wie beim Menschen.

    • Martin Antworten | Permalink

      Stimmt. Der Vergleich ist zweifelhaft.

  3. KRichard Antworten | Permalink

    Die ´Sinn´-Frage ist unglücklich gewählt und eigentlich nicht besonders sinn-voll. Weil unser Gehirn dauernd mit ´Störungen´ arbeitet.
    Z.B. sieht man im Dunkeln weiße Lichtimpulse. Diese sind auch das Ergebnis von Erregungs- bzw. Entladungsvorgängen. Sehzellen entladen sich, a) um vor Selbstzerstörung durch Überlastung geschützt zu sein und b) um für zukünftige Sehvorgänge wieder bereit zu sein.
    Allerdings ist dieses neuronale Flimmern nicht störend, weil man es - außer in Dunkelheit - nicht wahrnehmen kann.Wenn aber ähnliche Entladungsvorgänge den Anstoß für eine Migräne geben, dann ist dies sehr lästig, weil diese bewusst wahr genommen werden kann.

    • Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

      Um diese Vorgänge vergleichen zu können, müssen wir Entladungsvorgängen quantifizieren.

      Die Entladungsvorgänge bei der Migräne vergleichen mit denen der Epilepsie sind um etwa eine Größenordnung auseinander. Die der Epilepsie im Vergleich zu normaler, physiologischer Entladung ist um nochmal eine Größenordnung verschieden.

  4. Jade Antworten | Permalink

    Ich finde die Frage ziemlich gut. als gedankenexperiment. Man kann sich experimentell auch mal etwas anderes fragen (quasi in Umkehr der sonst induktiven Forschungsweise zur deduktiven, Zur Abwechslung) was wäre wenn es für alle Krankheiten nur eine einzige Ursache gäbe. Was könnte diese Ursache sein? Oder weiter: was wäre wenn es für alle Krankheiten des Gehirns eine einzige Ursache gäbe? Wenn also zB Alzheimer und Migräne die gleiche Ursache hätten?

  5. KRichard Antworten | Permalink

    nochmal zur normalen Arbeitsweise des Gehirns: am Beispiel ´sehen´:

    Bei völliger Dunkelheit sehen wir immer weißes Flackern (das neuronale Flimmern).- das ist Normalzustand des Gehirns.
    Zündet man in einem völlig dunklen Raum eine Kerze an - die man hinter sich stellt; dann nimmt unser Auge in der Umgebung schwache, unklare Lichtmuster wahr. Jede Sinneswahrnehmung wird in einem oszillierenden Prozess verstärkt, indem vergleichbare Erfahrungen/Muster RE-AKTIVIERT werden. (D.h. jetzt ´sehen´ wir Inhalte aus unserem Gedächtnis).
    Wenn man sich jetzt auch noch darauf konzentriert an verstorbene Bekannte zu denken (= selektive Auswahl von Gedächtnisinhalten) - dann kann es sein, dass solche Personen wie lebensecht erinnert werden: eine beeindruckende Erfahrung. (Unsere Erlebnisse werden in der zeitlichen Gegenwartsform gemacht, abgespeichert und auch genau so wieder RE-AKTIVIERT (erinnert)).
    Bei dem beschriebenen Vorgang wurde so aus harmlosem aus flackerndem Licht ein beeindruckendes ´Zusammentreffen´ mit verstorbenen Personen.
    A) diese simple Arbeitsweise des Gehirns wird in der Esoterik gezielt genutzt, um Menschen die Illusion angeblich übersinnlicher Wahrnehmungen zu vermitteln - z.B. im Psychomanteum von Dr. Moody.

    B) ein vergleichbare Arbeitsweise läuft bei Migräne ab: Ein vergleichbar harmloser Reiz wird oszillierend so verstärkt (auf Grundlage von gespeichertem Wissen und äußeren Auslösern wie Lebensstil, Blutdruck-/Wetter-Schwankungen) - dass dann daraus ein Migräneanfall entsteht.
    Die evolutionäre Grundlage von Migräne ist daher nur die normale Arbeitsweise des Gehirn.

    Kurz gesagt: Um die Ursache von Migräne verstehen und behandelt zu können - sollte man zuerst einmal verstehen, wie Denken funktioniert. Denn dann kann man eventuell schon ganz am Anfang dieses oszillierenden Prozesses eingreifen - indem man Denk-Techniken entwickelt, um auslösende Reize/Muster gedanklich zu blockieren.
    Und jetzt noch eine massive Kritik an der Migräneforschung: Im Rahmen der sogenannten ´Nahtod-erfahrung´(NTE) kann man bewusst erleben, wie das Gehirn einen einzelnen Reiz systematisch und strukturiert verarbeitet. D.h. auf Grundlage dieser Struktur könnte man verstehen wie Denken funktioniert und so eine Strategie gegen Migräne entwickeln.
    Aber ausgerechnet dieser einzigartige Zugang zur Arbeitsweise des Gehirns wird bisher systematisch ignoriert - indem man das Thema NTE der Esoterik überlässt.

  6. demolog Antworten | Permalink

    Zitat:

    Welchen Vorteil sollte dieses angepasste Verhalten haben, dass der Körper eigens ein moralisch anmutendes Warnsignal erschuf?

    -> Der Körper "erschuf" das nicht, sondern die moderne industrielle Lebensweise, die wir unterworfen sind (darin enthaltene (Zusatz)stoffe). Ausserdem (im Zweifel) aus vorsätzlichen Vergiftungen durch Leute verursacht, die sich um bestimmte Eigenschaften und Haltungen der vergifteten sorgen.
    Solche Kopfschmerzen sind also Folgen von Manipulationen durch Dritte, die also eine art behavioristische Konditionierung / Bestrafung bei bestimmten Sozialverhalten zur Folge haben.

    Ich wundere mich immernoch, wie man das ignorieren kann - selbst oder gerade als ernstzunehmender Wissenschaftler.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Hippokrates beschreibt ein Krankheitsbild, das gut zur Migräne passt

      Es erschien ihm (Phoinix), als ob aus seinen Augen, meistens aus dem rechten, ein Blitz hervorleuchtet; nach einer kurzen Weile setzte sich dann ein furchtbarer Schmerz in die rechte Schläfe, der weiter in den ganzen Kopf und das Genick zog bis zu der Stelle, wo der Kopf hinten mit den Halswirbeln sich verbindet; dazu Spannung und Härte an den Bändern; versuchte er dann den Kopf zu bewegen oder die Zähne voneinander zu bringen, so erlitt er Schmerzen, wie wenn er heftig zusammengezogen würde. Bewirkte er sich dann Erbrechen, so wurden die genannten Schmerzen abgewendet und gemildert ([261. S. 120).

      • demolog Antworten | Permalink

        Dann ist eben auch schon zu Hippokrates Zeiten eine gewisse artfremde Lebensweise Existent.

        Allerdings täte selbst mir diese Argumentation ein bischen zu weit gehen. Trotzdem lass ich das so stehen.

      • Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

        Es gibt viele historische Beispiele.

        Hildegard von Bingen (1098-1179), eine der bedeutendsten Gelehrten des Mittelalters, erlebte halluzinatorische Auren und deutete sie als Vision der Stadt Gottes. Heute würden wir dies als Migräneanfall sehen.

        Auch der Bekehrung des Saulus zum Paulus soll eine Migräne zugrunde liegen. Zumindest sieht der Kopfschmerzexperte Hartmut Göbel bei dem Damaskuserlebniser die diagnostischen Kriterien einer Migräne mit Aura geradezu vorbildgetreu erfüllt. (Diese Apostelgeschichte beschreibt, wie nach langer Anstrengung und Hungerphase Saulus eine visionäre Lichterscheinung erlebt und wie er anschließend krank drei Tage weder essen noch trinken konnte. Dieser Ablauf, der auch weitere Vorboten und die Rückbildung der Kopfschmerzen beinhaltet, passt zu den verschiedenen Phasen der Migräne.)

        Die Frage ist natürlich, ob Migräne zugenommen hat. Dafür gibt es schon Hinweise. Ich will also einen Einfluss des modernen Lebens gar nicht in Abrede stellen. Aber dies ist sicher nicht mehr als ein Faktor (oder eher eine Ansammlung neuer Faktoren).

    • Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

      @demolog: Der Vergleich der Häufigkeit von Migräne in Industrieländern mit Entwicklungsländer, sowie der Vergleich über die Zeit hinweg, oder der zwischen ländlichen Gegenden und Großstädten legt eine solche Interpretation nicht nahe.

      • demolog Antworten | Permalink

        Also mein Argument "industrielle" Lebensweise nehme ich zurück. Weils nicht den Kern trifft, den ich letztlich meinte. Industrielle Produktion tut überwiegend die Lebensweise nur erleichtern, nicht erst eintreten klassen.

        • Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

          Wir sollten grundsätzlich von Einflussfaktoren reden. Einige betreffen den Lebenstil andere Ernährung, wieder andere Wetterbedigungen, oder Gene.

          All diese Bereiche ändern sich über die Zeit. Da es Anzeichen gibt, das die Häufigkeit der Migräne leicht zunimmt, kann (und sollte) man auf die Suche gehen, welche Faktoren das nun betrifft.

          Ich glaube aber, das wird sehr schwierig zu beantworten sein. Es gibt aber durchaus Studien dazu, die in diese Richtung fragen.

  7. hermespaketzusteller Antworten | Permalink

    Mag sein, mag nicht sein. Auf jeden Fall handelt es sich um ein Forschungsgebiet, dessen spekulative Weite noch auf Jahrzehnte Beschäftigung garantiert. Und darum geht es ja letztlich: die Nische zu finden, in der man überleben, sein Brot erwerben kann - wenn möglich in einem attraktiven akademischen Umfeld, mit Publikationen, Konferenzen und allen Annehmlichkeiten, die dazugehören.

    Ich hingegen muß für einen Hungerlohn Amazon- oder Zalando-Pakete zustellen, das ist, galuben Sie mir, mindestens so schlimm wie Migräne, und interessanterweise bleibt dabei wenig Raum für gelehrte Spekulationen.

    • Markus A. Dahlem Antworten | Permalink

      Wenn wir weiter das diskutieren wollen, würde ich Sie zuerst bitten, für Ihre Bemerkung bei den von Migräne betroffenen Lesern um Entschuldigung zu bitten. Eine Krankheit mit einem Beruf zu vergleichen geht nicht. (Ohne dies möchte ich nicht weiter antworten.)

      Ihre Behauptung, so in der akademischen Welt "auf Jahrzehnte Beschäftigung" zu finden, ist falsch.

      • hermespaketzusteller Antworten | Permalink

        Entschuldigung.

        Zur Sache: Natürlich kann man eine Krankheit mit einem Beruf vergleichen, wenn der Beruf eine soziologische Krankheit ist, über dessen Pathophysiologie allerdings die Herren Forscher den akademischen Schleier des Schweigens legen, damit sie nicht aus dem Bernsteinzimmer vertrieben werden, in dem es sich zweifellos besser leben läßt als auf den überfüllten Strassen der Stadt, wo für einen Hungerlohn nach Abnehmern von Päckchen gesucht wird, deren Inhalt mehrheitlich "überflüssiger Scheißdreck" (Goethe) ist, der hin- und hergekarrt werden muß, um auch noch das letzte überflüssige Bedürfnis zu befriedigen, wenn man das so sagen darf. Entschuldigung.

        Da nun aber dieser Zustand nicht und nicht angezweifelt und damit aufrecht erhalten wird, leiden am Ende, es stimmt, auch die sog. Wissenschaftler, deren Arbeitsverträge ebenfalls "für den Arsch" (Volksmund), mittlerweile fast schon prekär sind, wie man gemeinhin sagt.

        Übrigens stimmt das mit den Jahrzehnten der Beschäftigung durchaus, wobei ich allerdings zugeben muß, dass sich diese Aussage überwiegend auf diejenigen bezieht, die ihre Schafe bereits erfolgreich eingehegt haben, ansonsten daher ein Hauen und Stechen, wie es auf dem liberalisierten Wissenschaftsmarkt eben "natürlich" ist, ganz klar. Aber selbst Schuld, machen doch alle mit.

        • eineLeserin Antworten | Permalink

          Lieber hermespaketzusteller!
          Mit Ihren Kommentaren konnte ich heute laut lachend meinen Tag beginnen.
          Bitte unbedingt weitermachen!
          Ihr Fan!

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