Antiphilosophisches Wörterbuch

23. September 2014 von Thilo Kuessner in Allgemein, Computer Science

Beim Bankett im Schwetzinger Schloß geriet ich an einen Tisch mit Peter Naur, Turingpreisträger 2005 und bekannt unter anderem für die Backus-Naur-Form BNF. Er hatte auch eine Tasche mit seinen Büchern und Manuskripten dabei, die er dann während des Essens am Tisch herumgehen ließ. Das Werk, das ihm besonders am Herzen zu liegen schien, war sein "Antiphilosophical Dictionary", ein Wörterbuch von Begriffen aus Informatik, Psychologie, Logik und Physik, zu denen in den Wörterbucheinträgen jeweils erklärt wird, warum die geläufigen Assoziationen der Philosophen falsch seien.

Dank Google hab ich gerade festgestellt, dass es das Buch auch online gibt, nämlich hier.
Einen Eindruck vom Buch vermittelt vielleicht der relativ kurze Artikel zur Künstlichen Intelligenz: nach dem Einleitungssatz

The talk of artificial intelligence is a fresh shoot from the Aristotelian plant, the kind of philosophical babble that at any time will teach us what we human beings are, what is the essence of a human being. (Übersetzung: "Das Gerede von der künstlichen Intelligenz ist ein neuer Sproß der aristotelischen Pflanze, die Art von philosophischem Gerede, das uns jederzeit erzählen will, was wir Menschen sind, was das Wesen der menschlichen Existenz ist")

und einem kurzen historischen Abriß kommt Naur letztendlich zu dem Schluß, den Verfechtern einer künstlichen Intelligenz fehle "even the most primitive understanding of how the mental activity of people in fact takes place", die Beschreibung einer Person als Informations-Prozessor sei "miserable" und Menschen seien völlig unfähig, das zu tun, was ein Prozessor am Besten könne: dieselbe Handlung unendlich oft (ich nehme an, er meint beliebig oft) zu wiederholen. Auch viele andere Einträge im Lexikon sind in einem ähnlich polemischen Ton geschrieben, was eine unterhaltsame Lektüre erwarten läßt.

Nach dem Bankett gab es noch eine Führung durch das Schloßtheater:

Schwetzingen

Das Schloßtheater Schwetzingen, dessen Geschichte uns von einer kundigen Führerin erklärt wurde. (Bildquelle: Wikimedia)


2 Kommentare zu “Antiphilosophisches Wörterbuch”

  1. Frank Wappler Antworten | Permalink

    Thilo Kuessner schrieb (23. September 2014):
    > Peter Naur [...] "Antiphilosophical Dictionary" [ http://www.naur.com/AntiphilDict.pdf ], ein Wörterbuch von Begriffen aus Informatik, Psychologie, Logik und Physik, zu denen in den Wörterbucheinträgen jeweils erklärt wird, warum die geläufigen Assoziationen der Philosophen falsch seien.

    Zum Stichwort-Eintrag Physics (ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt) liest man dort u.a.:

    The domain of physics are phenomena that repeat themselves.

    [Hervorhebung P. Naur]

    Das ist gewiss nicht ganz falsch;
    obwohl dann noch zu benennen bleibt, in wessen Domäne denn die dabei vorausgesetzten Beurteilungen fielen, ob sich jeweils ein bestimmtes "Phänomen" wiederholt hätte, oder nicht.

    Jedenfalls haben die dafür zugrundegelegten Begriffe ("Selbst" bzw. "Identität", oder "Verschiedenheit", sowie "Wiederholung") offenbar keine eigenen Stichwort-Einträge im "Antiphilosophical Dictionary".
    Vielleicht traut Naur den Philosophen dahingehend ja sogar zu, dass deren entsprechende Assoziationen seine eigenen ... wiederholen würden.

  2. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    The talk of artificial intelligence is a fresh shoot from the Aristotelian plant, the kind of philosophical babble that at any time will teach us what we human beings are, what is the essence of a human being.

    Zustimmungsfähig (vom Seitenhieb auf Aristoteles einmal abgesehen).

    MFG
    Dr. W

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