Cédric Villani über Zeugen der Wissenschaft

26. September 2013 von Beatrice Lugger in General

Cédric Villani ist nicht nur einer der herausragenden Mathematiker des noch jungen Jahrhunderts (Fields Medaille 2010), er ist auch bekannt für eine ganz besondere Aura. Sein Markenzeichen sind seine Anzüge an deren Revers stets eine seiner zahlreichen Spinnenbroschen steckt.

In seinem autobiografischen Buch ‘Théorème vivant” (2012) lies Villani tief in die Seele eines Mathematikers blicken. Höchste Zeit mit ihm über Wissenschaftskommunikation zu sprechen. Er war so freundlich dies mit mir nach der Paneldiskussion am Dienstag, September 24, 2013, während des 1. Heidelberg Laureate Forums zu tun.

Beatrice Lugger: Sollten Wissenschaftler ihrer Meinung nach in einer für die Allgemeinheit verständlichen Sprache kommunizieren können?

Cédric Villani: Kommunikation ist für jeden wichtig. Wir brauchen sie immer und überall. Für Forscher ist es wichtig zu lernen, wie sie ihre Forschung und Ideen weitertragen können. Und dies aus verschiedenen Gründen.

  • Für die Allgemeinheit ist es wichtig zu verstehen, was Wissenschaftler der verschiedenen Gebiete eigentlich machen. Für Politiker etwa ist es wichtig, zu wissen, wofür sie Gelder investieren.
  • Für die Wissenschaftler selbst ist Kommunikation ein Weg, der sie mit den Menschen verbindet und sich nicht als isoliert vom Rest der Welt betrachten – was für eine depressive Sichtweise. Zudem hilft die Vorbereitung und Kommunikation selbst den Wissenschaftlern eine mehr globale Sichtweise für ihre Themen zu entwickeln. Wo liegen die Herausforderungen? Und man erkennt in diesen Auseinandersetzungen historische Linien. Nicht zuletzt ist es so, dass indem man erklärt, man auch besser versteht, was man tut. Das ist eigentlich eine Lebensweisheit.

 

Cédric Villani and Beatrice Lugger at the HLF13
Image on the courtesy of Beatrice Lugger

BL: Weil man in diesem Prozess auf Details achtet und zugleich das große Ganze sieht?

CV: Es geht beim Erklären für die Allgemeinheit eigentlich nicht darum, immer tiefer ins Detail zu gehen. Im Gegenteil. Hier sind Abstraktion, der globale Überblick gefragt. In diesem Prozess der Abstraktion erkennt man die großflächigen Muster, Herausforderungen und Ziele. Deshalb können solche Prozesse sehr wichtig sein, ja sogar Einstellungen verändern.

BL: Hatten Sie selbst einmal Gelegenheit, Kommunikation über Wissenschaft zu ‚lernen’?

CV: Ja, ich hatte einige Jahre vor der Fields Medaille an einer Art Kommunikationstraining teilgenommen. Gut, das war nicht wirklich ein Training. Es war eher wie ein Event mit Animatoren. Das Ganze war auf zwei Tage für mehrere Laborleiter angelegt. Wir übten diverse Interview- und Kommunikationssituationen. Es war also nicht die klassische Lehrer-Schüler-Situation, sondern eher ein Erlebnis.

Diese beiden Tage haben mein Leben wirklich verändert, weil sie mir die grundlegenden Prinzipien der Wissenschaftskommunikation nahegebracht haben. Von diesem Punkt an konnte ich über Jahre üben und mich verbessern. Nach und nach entwickeln sich sogar natürliche Reflexe. Als dann schließlich die Welle der Radio- und Fernseh-Interviews losbrach, war ich vorbereitet und konnte immer besser mit komplizierten Live-Situationen umgehen.

BL: Bereiten Sie sich auf ein Interview vor und wenn ja, wie?

CV: Kommunikation findet in sehr unterschiedlichen Situationen und für sehr unterschiedliche Zielgruppen statt. Spreche ich etwa mit einem Wissenschaftsjournalisten oder jemanden, der eher Moderator ist oder direkt mit interessierten Laien?

Hinzu kommt die jeweilige Situation. In manchen Ländern ist es beispielsweise völlig normal, dass man vor einem Radio- oder Fernseh-Interview die grundsätzlichen Fragen zur Vorbereitung bekommt. In anderen gilt das als absolutes No-Go, das jede Spontanität hemme.

Ich persönlich favorisiere es natürlich, mich vorbereiten und reflektieren zu können.

BL: Und wenn Sie einmal vor einem Radio- oder Fernsehinterview keine Fragen vorab bekommen?

CV: Dann sollte man sich selbst überlegen, was man unbedingt gesagt haben möchte – ganz unabhängig von irgendwelchen Fragen. Es geschieht auch nicht selten, dass man mit völlig basalen, irrelevanten Fragen umgehen muss. Dann ist es gut einen Weg zu einer mehr profunden Antworten zu finden. Das ist häufig möglich.

BL: Das klingt sehr professionell. Wie waren Ihre ersten Erfahrungen?

CV: Ich erinnere mich sehr lebhaft an mein erstes Mal im Radio. Das fühlt sich so direkt an. Da ist das Mikrofon. Da blinkt das Licht. Und los geht es. In diesem Moment ist Dir sehr klar, dass alles, was Du sagst, von zehn Tausenden bis hundert Tausenden Menschen gehört wird. Und Du kannst es nicht zurückholen. Es ist draußen. Deshalb stellt sich ein unterschwelliges Gefühl von Gefahr ein. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich Schritt für Schritt an solche Situationen.

BL: Sie haben ein sehr persönliches Buch über Ihr Leben als Mathematiker geschrieben. Dafür haben Sie sich Zeit genommen und Sie konnten entscheiden, was Sie schreiben wollen. Wenn ich das so sagen darf, haben Sie uns in ihrem Buch auch die Kunst und Ästhetik der Wissenschaft in Form von mathematischen Formeln, die Seiten füllen, nahegebracht.

CV: In diesem Buch geht es nicht um verständliche Wissenschaft. Vielmehr zeigt es, wie Wissenschaft stattfindet und wie Forscher sind. Was sind deren Forschungsergebnisse? Was bedeuten diese? Und so weiter. Das Buch versucht den Leser in eine Situation zu versetzen, in der Wissenschaft um ihn herum ist.

Lassen Sie es mich so sagen: Während es in der Wissenschaftskommunikation häufig um die Vereinfachung geht und das Benutzen von Bildern und Sprache, die allgemein verständlich sind und sie versuchen, in einfachen Worten zu erklären, was sie tun - vergleichbar der Situation, wenn Sie einem Kind ihren komplizierten Job erklären wollen- ist dieses Buch das Gegenteil!

Mein Buch ist so, als würden Sie Ihr Kind an der Hand in ihr Büro oder Labor führen. Sie erklären nichts! Das Kind nimmt aber die Atmosphäre wahr. Es bekommt mit, was geschieht, wie die Menschen miteinander sprechen, über was sie sprechen, wie sie sich verhalten. Es nimmt einen bestimmten Rhythmus wahr und mehr. Die Leser sind sozusagen distanzlose Zeugen, die sich alles, was das Leben eines Mathematikers ausmacht, ansehen. In diesem Sinne ist das Buch eine sehr direkte Kommunikationsform, das Menschen einen Eindruck vermittelt und sie zum Nachdenken bringt. Die Leser fühlen sich dem Autor sehr nahe. Vielleicht identifizieren sie sich sogar mit einzelnen Begebenheiten.

BL: Was halten Sie von sozialen Medien in der Wissenschaftskommunikation? Sie persönlich sind meines Wissens dort nicht aktiv.

CV: Ich empfehle jedem Wissenschaftler, den für sie oder ihn geeigneten Weg zu finden, um mit einer breiteren Öffentlichkeit auf persönlicher Ebene zu kommunizieren. Ich habe meinen eigenen Weg gefunden. Aber Twitter nutze ich nicht und ich schreibe keinen Blog. Das liegt an der Art, wie ich organisiert bin. Ich wäre unfähig, regelmäßig in diesen Medien aktiv zu sein. Aber andere machen das sehr gut – auch Mathematiker und Informatiker.

BL: Dürfen wir bald ihr zweites Buch lesen?

CV: Derzeit arbeite ich an vier Buchprojekten. Diese werden nicht Morgen fertig, aber wenn ich nicht durch einen tragischen Unfall ausgebremst werde, sollte ich hoffentlich mit ihnen weiter kommen und experimentieren. Die Projekte haben verschiedene Formate, es geht um verschiedene Themen, aber alle haben mit meiner Arbeit zu tun.

BL: Wunderbar. Dann dürfen wir also in naher Zukunft ein weiteres Buch von Ihnen erwarten. Danke für ihre Gedanken und, dass Sie sich die Zeit genommen haben!


Cédric Villani und seine Spinnenbroschen
@HLFF, Christian Flemming

Nach diesem kurzen Interview sind wir zum sogenannten ‘Oktoberfest’ bei der Marstall Caféteria, der hiesigen Mensa, gegangen. Nach einem gemeinsamen Bier hat Villani sich in eine Ecke in der Mensa zurückgezogen. Zuerst standen die Menschen für Essen Schlange. Später kann man sagen, standen sie Schlange für ein Gespräch mit Villani. Er hat den ganzen Abend zugehört und diskutiert. Auch am folgenden Mittwoch, während der Bootsfahrt auf dem Neckar. Dort öffnete Villani auch seine Schmuckschatulle mit seiner Spinnensammlung.

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