Die Vermeidung des Klimawandels – der dritte Teil des neuen Berichtes des Weltklimarates IPCC


Brigitte Knopf_441B9424_Sep2012_webGastbeitrag von Brigitte Knopf

„Die Emissionen steigen global weiter an und der Anstieg ist an erster Stelle auf das Wirtschaftswachstum zurückzuführen. Um Klimaschutz zu erreichen, muss die Nutzung fossiler Ressourcen ohne CCS in der Stromerzeugung bis Ende des Jahrhunderts auslaufen. Die Vermeidung des Klimawandels bedeutet eine große technologische und institutionelle Herausforderung. Aber: Es kostet nicht die Welt, den Planeten zu retten“.

Auf ungefähr diese Kurzformel brachte es Ottmar Edenhofer, der Vorsitzende der Arbeitsgruppe III des Weltklimarates IPCC, deren Bericht am 12. April 2014 in Berlin nach intensiven Debatten von allen Regierungen einstimmig angenommen und jetzt der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Das Werk besteht aus 16 Kapiteln mit mehr als 2000 Seiten und wurde von 235 Autoren aus 58 Ländern geschrieben und von 900 Personen extern begutachtet. Im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht aber die 33-seitige sogenannte Zusammenfassung für Politiker (Summary for Policymakers, kurz SPM), der alle 193 Staaten zugestimmt haben. Obige Kurzformel klingt zunächst nicht weiter spektakulär, sondern eher wie ein Allgemeinplatz, der seit Jahren in Bezug auf das Klimaproblem zu hören ist. Aber dennoch hat dieser Bericht viel Neues zu bieten.

Die 2-Grad-Grenze

Erstmals wurde im Detail mit über 1200 Zukunfts-Szenarien, basierend auf einer Vielzahl von verschiedenen Energie-Ökonomie-Computermodellen, eine ausführliche Analyse vorgelegt, wie die 2-Grad-Grenze eingehalten werden kann. Dabei geht es nicht nur um die 2-Grad-Grenze im engeren Sinne, sondern ausgelotet wurde der gesamte Raum zwischen 1,5 Grad Celsius, einer Obergrenze, wie sie von kleinen Inselstaaten gefordert wird, und einer 4-Grad-Welt. Die Szenarien zeigen eine Vielzahl von Wegen auf, die durch unterschiedliche Kosten, Risiken und Nebennutzen charakterisiert sind. Entstanden ist eine Tabelle mit über 60 Einträgen, die die Anforderungen für die Begrenzung der globalen Erwärmung auf 2-Grad in konkrete Zahlen für Emissionsmengen und erforderliche Emissionsreduktionen bis 2050 und 2100 gießt. Dazu gehört eine ebenso ausführliche Tabelle, in der die Kosten für diese Zukunftsprojektionen angegeben sind.

Der IPCC stellt die Kosten als Konsumverluste gegenüber einem fiktiven „weiter-so-Szenario“ dar und gibt nicht nur den Median über alle Szenarien an, sondern auch die Bandbreite. Es zeigt sich, dass vor allem in der mittleren Sicht bis 2030 und 2050 die Kosten moderat erscheinen, aber langfristig bis 2100 große Ausreißer zu sehen sind und auch hohe Kosten von bis zu 11% im Jahr 2100 unter Umständen verzeichnet werden könnten. Übersetzt in Wachstumsraten sehen die Zahlen allerdings wesentlich geringer aus. Ambitionierter Klimaschutz würde uns jedes Jahr nur 0,06 Prozentpunkte des Wirtschaftswachstums kosten. Das bedeutet, dass wir etwa statt eines Wachstums von 2% pro Jahr nur ein Wachstum von 1.94% pro Jahr verzeichnen würden. Das Wachstum geht also weiter, nur etwas langsamer. Allerdings, und das sagt der Bericht auch, können die Verteilungseffekte zwischen verschiedenen Ländern durch Klimaschutzmaßnahmen sehr groß sein. Es wird auch Länder geben, die wesentlich höhere Kosten in Kauf nehmen müssten, weil sie ihre Kohle- und Ölvorräte nicht mehr nutzen oder verkaufen können oder nur wenige Möglichkeiten haben, auf erneuerbare Energien umzusteigen.

Die technische Herausforderung

Weiterhin werden – auch das ist neu gegenüber dem letzten Bericht von 2007 – nicht nur die Kosten für den besten Fall gezeigt, wenn alle Technologien zur Verfügung stehen, sondern auch, wie die Kosten ansteigen, wenn z.B. weltweit auf die Kernenergie verzichtet würde oder wenn Solar- und Windenergie teurer bleiben als erwartet.

Deutlich wird hier vor allem Eines: wirtschaftsverträglich und technisch wäre es immer noch möglich, unterhalb der Marke von 2-Grad zu bleiben, aber es würde schnelles und globales Handeln erfordern und einige Technologien, wie Bioenergie, Carbon Capture and Storage (CCS) und die Kombination der beiden (BECCS) sind dabei von entscheidender Bedeutung sowohl für die Machbarkeit als auch für die Kostenverträglichkeit.

Gerade die Folgerung, dass CCS eine überaus wichtige Technologie für die Einhaltung der 2-Grad-Grenze ist, wird nicht jeder gerne hören und auch in dem Bericht selber wird drauf verwiesen, dass CCS und BECCS noch nicht großskalig verfügbar sind und auch Risiken bergen. Wichtig ist aber auch zu betonen, dass selbst für weniger ambitionierte Temperaturziele die technischen Herausforderungen kaum geringer sind.

Die institutionelle Herausforderung

Natürlich ist Klimaschutz nicht nur eine technische Angelegenheit, sondern wird in dem Bericht auch als große institutionelle Herausforderung beschrieben. So müssten sich beispielsweise die Investitionsmuster über die nächsten zwei Dekaden fundamental ändern, siehe Abb. 1, nämlich hin zu CO2-armen Technologien und mehr Energieeffizienz. Auch bedarf es dezidierter Politiken, um Emissionen zu reduzieren, z.B. über die Einrichtung von Emissionshandelssystemen, wie sie auch in Europa und einer Handvoll anderer Länder schon bestehen. Generell wird zunehmend versucht, Politiken so zu gestalten, dass sie die Vermeidung des Klimawandels mit anderen wirtschaftlichen und sozialen Zielen verbinden und so ein Nebennutzen von Klimaschutz entsteht. Die wachsende Zahl nationaler und auch sub-nationaler Politiken, beispielsweise auf Ebene von Städten, hat dazu geführt, dass mittlerweile 67% der globalen Treibhausgasemissionen unter nationaler Gesetzgebung stehen, verglichen mit nur 45% im Jahr 2007. Trotzdem, das wird in aller Deutlichkeit gesagt, ist bei den globalen Emissionen noch keine Trendumkehr in Sicht, sondern ein weltweiter Anstieg zu verzeichnen.

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Abb. 1: Erforderliche Änderungen der jährlichen Investitionsströme gegenüber dem derzeitigen business-as-usual Niveau über die nächsten zwei Dekaden (2010 bis 2029) für 2-Grad-Klimaschutzszenarien (von 430–530 ppm CO2eq bis 2100). Quelle: SPM, Figure SPM.9

 

Entwicklung der Emissionen

Eine besonders interessante Analyse dazu, woher diese Emissionen jeweils stammen, wurde aufgrund der Intervention einiger Regierungen aus der SPM wieder herausgenommen (siehe Medienberichte hier und hier), da sie eine regionale Zuordnung der Emissionen aufweisen, was nicht jedem Staat gefällt. Diese Abbildungen finden sich aber noch in den Kapiteln und der sogenannten Technischen Zusammenfassung (TS), da die Regierungsvertreter hier nicht eingreifen dürfen und die Wissenschaft frei und ungeschminkt sprechen darf. Eine dieser Grafiken zeigt sehr deutlich, dass gerade in den letzten 10 Jahren eher die Emissionen in den Ländern mit „oberem mittleren Einkommen“ (upper middle income) angestiegen sind - dazu gehören z.B. China oder Brasilien - , während die Emissionen in Ländern mit hohem Einkommen - dazu gehört Deutschland - eher stagnieren, siehe Abb. 2. Einkommen ist der Haupttreiber der Emissionen neben dem Bevölkerungswachstum. Deshalb kann das regionale Emissionswachstum nur unter der Berücksichtigung der Einkommensentwicklung der Länder verstanden werden. Historisch wurde vor 1970 vor allem in Industrieländern emittiert. Mit der regionalen Verschiebung des Wirtschaftswachstums hat sich aber nun auch das Emissionswachstum in die Länder mit „oberem mittleren Einkommen“ verschoben, siehe Abb. 2. Die Industrieländer haben sich dagegen auf hohem Niveau stabilisiert. Die kondensierte Botschaft dieser Abbildung stimmt nicht hoffnungsfroh: alle Länder scheinen zunächst dem Weg der Industrieländer zu folgen, ein Überspringen der fossilen Entwicklung direkt in die Welt der Erneuerbaren und der Energieeffizienz ist bisher noch nicht beobachtet worden.

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Abb. 2: Historische Entwicklung der Treibhausgasemissionen für die jeweilige Ländergruppe, differenziert nach Einkommen. Links: gesamte Emissionen, Mitte: mittlere pro Kopf Emissionen, rechts: Verteilung der pro Kopf Emissionen für das Jahr 2010. Quelle: TS, Figure TS.4

 

Dass die Emissionen nun vor allem in Ländern wie China ansteigen ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn ein wachsender Anteil der CO2 Emissionen in den niedrigen und mittleren Einkommensländern ist durch die Produktion von Konsumgütern entstanden, die für den Export in die Länder mit hohem Einkommen bestimmt sind (siehe Abb. 3). Im Klartext: ein Teil des Anwachsens der chinesischen Emissionen ist darauf zurückzuführen, dass wir unsere Smartphones in China produzieren lassen.

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Abb. 3: Historische Entwicklung der CO2-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe für verschiedene Länder-Einkommensgruppen. Durchgezogene Linie: CO2 Emissionen in dem Territorium des jeweiligen Landen, gestrichelte Linie: CO2 Emissionen auf Basis des Endverbrauchs. Der schattierte Bereich gibt den netto CO2-Handelsfeffekt an zwischen der jeweiligen Ländergruppe und dem Rest der Welt. Quelle: TS, Figure TS.5

 

Die Philosophie des Klimawandels

Neben all den technischen Details hat es aber auch eine weitere Neuerung in diesem Bericht gegeben, die man dort zunächst mal nicht erwartet. Es gibt nämlich ein eigenes Kapitel über „Soziale, ökonomische und ethischen Konzepte und Methoden“. Dieses Kapitel könnte man die Philosophie der Klimaforschung nennen. Es betont, dass die Vermeidung des Klimawandels, ebenso wie die Anpassung, Bereiche von sozialer Gleichbehandlung, Fairness und Gerechtigkeit berühren. Die Thematik des Klimawandels stellt Wertefragen an Gesellschaften, die nicht allein durch die Wissenschaft beantwortet werden können, wie beispielsweise die Frage, ab welcher Temperatur gefährlicher Klimawandel anfängt und welche Technologien als risikolos oder zu risikobehaftet beurteilt werden. Es bedeutet, dass die Wissenschaft uns hier zwar Informationen zu Kosten, Risiken und Nutzen von Klimaschutz geben kann, dass es aber letzten Endes ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess bleiben wird, welche Wege wir einschlagen.

Fazit

Der Bericht enthält viele weitere Details zu Erneuerbaren Technologien, zu sektoralen Strategien z.B. im Elektrizitäts- und Transportsektor, und zu Nebennutzen der Vermeidung des Klimawandels, wie die Verbesserung der Luftqualität. Der Anspruch der Arbeitsgruppe III des IPCC war es, so hat es der Vorsitzende der Arbeitsgruppe immer wieder betont, dass die Wissenschaftler Landkarten erstellen, die den Politikern helfen sollen, im schwierigen Terrain dieses hochgradig politischen Themas zu navigieren. Und das, ohne der Politik dabei vorzuschreiben, welcher Weg nun konkret eingeschlagen werden soll. Dieser Anspruch ist erfüllt worden, die Landkarten sind nun da. Es bleibt abzuwarten, wohin die Politik steuert.

 

Der Bericht:

Climate Change 2014: Mitigation of Climate Change - IPCC Working Group III Contribution to AR5

 

Brigitte Knopf ist Leiterin der Arbeitsgruppe Energiestrategien Europa und Deutschland am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und eine der Autoren des Berichts der IPCC-Arbeitsgruppe III und twittert unter @BrigitteKnopf.

 

Die KlimaLounge berichtete hier bereits über Teil 1 und Teil 2 des IPCC-Berichts.

 


27 Kommentare zu “Die Vermeidung des Klimawandels – der dritte Teil des neuen Berichtes des Weltklimarates IPCC”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Kompliment: Dieser blog post bietet eine sehr gute Orientierung über die Hauptfokusse des Klimaberichts der Arbeitsgruppe 3.
    Die eigentlich triviale Erkenntnis, dass Länder, die sich wirtschaftlich entwickeln einem ähnlichen Pfad folgen, den früher die entwickelten Industrieländer gegangen sind, scheint mir grosse Konsequenzen für Massnahmen zur Emissionseindämmung zu haben. In Bezug auf das Umweltverhalten sich entwickelnder Länder spricht man hier von der Environmental Kuznets Curve und meint damit, dass die Umweltfolgen einer raschen industriellen Entwicklung zuerst von den betroffenen Ländern in Kauf genommen werden, nach Erreichung eines gewissen Wohlstands aber Emissionen von Industriebetrieben eingedämmt werden. Gerade China zeigt das exemplarisch: Smog aus Kohlekraftwerken und Autoabgasen macht der Stadtbevölkerung das Leben schwer, aber eine schnelle Lösung erwartet kaum ein Chinese, weil sogar das Ausrüsten aller Kraftwerke mit hocheffizienten Filtern zu teuer erscheint und die Reduktion der CO2-Emissionen noch geringere Priorität hat.
    Als Lösung sähe ich eine verstärkte internationale Zusammenarbeit im Energie- und Umweltsektor. Etwas was man eigentlich schon bei der Riokonferenz 1992 auf den Weg hätte bringen können. Schon damals hätte man Energieforschung zum neuen Schwerpunkt machen müssen. Wäre das passiert gäbe es jetzt günstigere und schon weiter entwickelte nichtfossile Energiequellen.
    Das scheint mir überhaupt das Hauptproblem von Klimaschutzmassnahmen: Sie müssen global wirksam sein. Es gibt aber bis heute keine globale Agenda, die von einem Exektuvorgan mit Weisungsrechten und mit finanziellen Mitteln, verfolgt würde. Die UNO selbst ist nicht viel mehr als die Versammlung aller souveränen Staaten und die Einzel- oder Gruppeninteressen dieser Staaten obsiegen im Zweifelsfall über eine globales Ziel, selbst wenn alle Länder eine grundsätzlich Einsicht in die Wichtigkeit dieses Ziels mitbringen.
    Wer dennoch an CO2-Emissionsreduktionen schon in den nächsten 20 Jahren glaubt, muss auf ein technisches Wunder hoffen. Wären nichtfossile Energien nämlich so kostengünstig, einfach einzusetzen und schnell zuzubauen wie die etablierten fossilen Energien würden sie von selbst einen Siegeszug antreten. Ein systematischerer Ansatz wäre die Begründung eines nichtfossilen Marktes. Gäbe es seit 20 Jahren global schon einen Preis auf CO2-Emissionen wäre ein solcher Markt von nichtfossilen Alternativen heute sicherlich vorhanden. Wiederum fehlte für eine solche Entscheidung der globale Geist.
    Gut am Bericht finde ich auch dass alle Optionen auf den Tisch gelegt werden. In der Tat wird die Abscheidung und Sequestration von CO2 später einmal eine wichtige Rolle spielen müssen, will man nicht sämtliche Kohlekraftwerke stillegen. Diese haben nämlich eine Laufzeit von bis zu 50 Jahren und schon in 30 Jahren sollten die heute bestehenden oder gerade zugebauten Kohlekrafterke nur noch einen Bruchteil von dem emittieren, was sie heute tun. Die für die Sequestration nötige Technologie ist noch nicht ausgereift und wiederum wäre es sinnvoll, wenn es eine internationale Zusammenarbeit gäbe um hier weiterzukommen. Leider ist mit dem heutigen System der souveränen Staaten vieles was sinnvoll wäre nicht oder nur schwer zu realisieren. So wäre ein globales Stromnetz grosser Kapazität - ein globales Supergrid - äusserst wertvoll für mehrere Dinge: Es könnte die Produktionsschwankungen von EE-Quellen ausgleichen und als verlässliche Stromquelle in wenig erschlossenen oder sich entwickelnden Gebieten dienen. Doch unter den heutigen politischen Umständen wäre ein solches physisches Netz zu verwundbar als dass man es überhaupt in Erwägung ziehen kann (man denke an Desertec und den "arabischen Frühling".

  2. KRichard Antworten | Permalink

    Info: in der Zeitschrift ZEIT WISSEN Nr.3 befasst sich ein lesenswerter Artikel mit dem zunehmenden Vordringen von Salzwasser in meeresnahe Grundwasservorkommen; weil zuviel Grundwasser entnommen wird. In vielen Gebieten sind Grundwasservorkommen bereits jetzt unbrauchbar geworden (z.B. in Nord-Deutschland).
    Es wird erwartet dass diese Versalzung deutlich zunehmen wird, wenn durch die Klimaerwärmung die Meeresspiegel steigen

  3. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Zum Sprachlichen:
    Ist die Formulierung 'Vermeidung des Klimawandels' zukünftig allgemein zu erwarten?
    MFG
    Dr. W

  4. Bleyfuß Antworten | Permalink

    Die hohe Emission der Schwellenländer hat mM auch wesentlich damit zu tun, dass sie Infrastrukturen aufbauen müssen, wie Straßen, Schienen, Brücken auf die unser einer schon zurückgreifen kann.

  5. Bernhard Strowitzki Antworten | Permalink

    Nun sind Klimaforschung auf der einen Seite und Energiewirtschaft und Technologiepolitik auf der anderen recht verschiedene Welten. Wer im einen Bereich kompetent ist, kann im anderen ziemlich falsch liegen. Das gilt nicht nur für die pensionierten Diplomingenieure bei EIKE. Das PIK sollte dringend von Sachen wie der Kohlendioxidabscheidung Abstand nehmen.
    Erstens gibt es diese Technik nicht im Großmaßstab und wird es auch während der Nutzungsdauer der derzeitigen Kohlekraftwerke nicht geben, ganz abgesehen davon, daß Altanlagen nicht so einfach nachgerüstet werden können. (Man redet typischerweise von einem Einsatz bei Kraftwerksneubauten!) Selbst im optimistischen Falle würde es noch viele Jahre dauern und etliche Milliarden € bis zur Einsatzfähigkeit kosten. Soviel Zeit haben wir nicht, und das Geld könnte man auch anderswo brauchen.
    Zweitens geht es ja nicht darum, einfach einen Filter in den Schornstein zu stecken; man muß neben das Kraftwerk eine komplette chemische Fabrik bauen, die dann rund ein Viertel der Energie verbraucht, die das Kraftwerk überhaupt erzeugt. Andersherum gesagt: Um die gleiche Menge Strom ins Netz zu speisen, muß ein Drittel mehr Kohle verfeuert werden. Zweifellos sehr interessant für diejenigen, die Kohle verkaufen wollen, aber für den Rest der Welt? Von den Auswirkungen auf den Strompreis ganz zu schweigen. (Einige Cent EEG-Umlage sind ein Klacks dagegen.)
    Drittens gelingt die Abscheidung ja nie zu 100%. Großmaßstäbliche Erfahrungen gibt es, wie gesagt, noch nicht, aber wenn man 80% erreicht, dürfte man schon sehr gut sein. Zusammen mit dem erhöhten Kohledurchsatz bedeutet das, daß mit dem ganzen Aufwand der CO2-Ausstoß nur um zwei Drittel bis maximal drei Viertel reduziert wird. (Die Propagandalüge vom "CO2-freien Kraftwerk" ist den Betreibern bereits gerichtlich verboten worden!) Wiederum stellt sich die Frage, ob man für das Geld nicht besseres bekommen kann.
    Viertens läßt sich das CO2 üblicherweise nicht gleich neben dem Kraftwerk verpressen, sondern muß über weite Entfernungen transportiert werden -- mit entsprechenden Kosten, Umweltauswirkungen und Risiken. Reißt eine solche Leitung und bildet sich in einer Senke ein CO2-See, kann das durchaus tödlich sein. Und wir reden, wenn man es ernst nimmt, von einigen Megatonnen pro Monat. In der Versuchsanlage in Ketzin wurden insgesamt nicht einmal 7000 Tonnen verpreßt!
    Fünftens gibt es nicht so sehr viele Gesteinsformationen, die sich eignen. Auf diese gibt es konkurrierende, gesellschaftlich auch nicht unwichtige Nutzungsansprüche, für die diese Formationen dann tabu sind.
    Denn sechstens schließlich muß das Gas für sehr lange Zeit dort sicher eingeschlossen bleiben. Wenn es in den nächsten hundert oder auch zweihundert Jahren hinausdiffundiert, war der ganze Aufwand für die Katz. Verlustraten von wenigen Promille im Jahr reichen, das ganze Konzept ad absurdum zu führen. Es gibt dazu keinerlei Langzeiterfahrungen. (Man denke nur, wie schnell die ach so sichere Asse abgesoffen ist, und im Gegensatz zu Atommüll gibt es hier keine Rückholoption!) Ohne vorherige Langzeitstudien ein solche Risiko einzugehen, ist unverantwortlich.
    Fazit: Die Kohlendioxidabscheidung ist ein totgeborenes Kind, das sich allerdings gut als Feigenblatt eignet für diejenigen, die einfach weitermachen wollen wie bisher. (Das PIK ist damit natürlich nicht gemeint!)

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Nein, CCS solll nicht "weitermachen wie bisher" ermöglichen, sondern als Mittel dienen um das 2°C-Ziel zu erreichen. Tatsache ist, dass allein in Deutschland 10 Kohlekraftwerke geplant oder im Bau sind. In China werden jede Woche 2 neue Kohlekraftwerke in Betrieb genommen und auch Indien hat ein ambitioniertes Kohlekraftprogramm. Insgesamt waren 2012 1199 Kohlekraftwerke mit einer Totalkapazität von 1'400 Gigawatt in Planung, was 1/3 der heute installierten Kohlekraftwerk-Leistung entspricht . Das 2°C-Ziel wird aber nicht erreichbar sein, wenn nur schon die bestehenden und heute geplanten Kohlekraftwerke 50 Jahre in Betrieb sind.
      Das Geld das man einspart, wenn auf die Entwicklung der CCS-Technologie verzichtet wird mit grosser Wahrscheinlichkeit in den Bau von neuen Kohlekrafwerken investiert, zumal der Verzicht auf CCS bedeutet, dass der Betrieb von Kohlekraftwerken so billig bleibt wie bis anhin. Dies zu ihrer Aussage, man könnte etwas besseres mit dem Geld machen, das für die Erforschung und Entwicklung der CCS eingesetzt werden.
      Wenn sie schreiben mit dem Geld für CCS könnte man etwas besseres mache

      • KiB Antworten | Permalink

        Lieber Herr Holzherr, der Bau von Kohlekraftwerken sollte verhindert werden - z.B. durch einen angemessenen Preis für C02 Emissionen (der im Moment leider durch grobe Fehler der Politik nicht existiert). Oder schlicht durch ein Verbot. Ein grünes Feigenblatt für diese Kraftwerke, dass auf keiner Ebene Sinn macht oder funktioniert und das später aus Kostengründen wahrscheinlich sowieso nicht realisiert wird (siehe auch Kommentare von Herrn Tacke, damals Steag) bedeutet leider nur, dass man damit Meinungsmache betreiben und die Kohleverstromung tendenziell länger am Leben erhalten kann. Das ist der Sinn. Und das ist aus Klimaschutzgründen sehr kontraproduktiv.

    • KiB Antworten | Permalink

      Komplette Zustimmung, Herr Strowitzki, brilliant zusammengefasst.

  6. Dr. Leonhard Haaf Antworten | Permalink

    Ein bisschen muss man schon die Augen reiben. Wie bitte: CCS, Atomenergie und die Entwicklung der Erneuerbaren Energien werden in einem Atemzug als Maßnahmen zur Vermeidung eines gefährlichen Klimawandels genannt?
    Da ist die Freundlichkeit und Konzilianz allen Regierungen gegenüber wohl beim IPCC zu weit gegangen. Das glauben die beim Klimarat doch selbst nicht.
    Beides, CCS und die Atomenergie, haben Nachteile, deren Dynamik man nicht unterschätzen darf:
    Die Akzeptanz in der Bevölkerung?
    Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten?
    Der höhere Energieaufwand?
    Die Folgekosten?
    Die Unkalkulierbarkeit?
    Die Beeinträchtigung der Ökosphäre?
    Die unzureichende Realisierungsgeschwindigkeit?
    Das Ressourcenproblem?

  7. Dipl.-Ing. Berthold Robert Antworten | Permalink

    Hallo Herr Dr. Haaf,

    warum reiben Sie sich bei Nennung von Kernenergie die Augen??? Der Rest der Welt ist halt nicht so dumm zu glauben, man könnte eine hochindustrialisierte Wohlstandsgesellschaft mit Windmühlen und Solarpanelen unter den Bedingungen eines globalen Wettbewerbs erfolgreich in die Zukunft führen. Japan hat sich ja jetzt ganz klar gegen den deutschen Weg entschieden, weil der halt ihren völligen wirtschaftlichen Ruin bedeuten würde!!!
    In Deutschland zieht man es aber noch vor die Augen vor der Realität zu verschließen und rennt lieber völlig irrealen öko-idealistischen Fantasievorstellungen hinter her.
    Na ja, die Naturgesetze und die der Ökonomie werden dem unausweichlich ein Ende setzen, allerdings wird Deutschland danach keine wohlhabende G8-Industrienation mehr sein. Schade, aber dieses Land wird immer nur nach einem Total-Crash klug.

    • Eulenspiegel Antworten | Permalink

      Hallo Herr Robert,

      Wenn Sie Kernenergie nennen, um "globalisierten Wettbewerb" gegenüber alternativen Energien zu bevorzugen, liegen Sie hier im Westen falsch. Großbritannien hat neulich erst für 2 Atomkraftwerks - Neubauten eine 35-Jährige Einspeisevergütung von 12 Cent / kwh genehmigt, MIT Inflationsausgleich. Billig ist das nicht - für billig brauchen Sie Kohlemeiler, aber bitte ohne CCS (das ist auch nicht billig).
      Billig ist Atomkraft hier nur, wenn man Altmeiler weiterbetreibt und bei der Entsorgung die Augen zudrückt(oder irgendwann einfach alles in irgend ein altes Bergwerk stopft). Alternativ kann man auch den Sicherheitsstandard wieder zurückdrücken, dann sind billige Neubauten möglich, allerdings auch GAUs mitten in Mitteleuropa wo wir keinen Pazifik haben, über den eine glücklicher Windrichtung 95% des Drecks weggetrieben hat - 1-2 totalverseuchte Bundesländer können wir uns nämlich auch nicht leisten.

    • KiB Antworten | Permalink

      Atomkraftwerke sind nicht billig. Der Verbraucher merkt es nur generell nicht. Das liegt zum Teil daran, dass der Strom als solcher bei alten (abbezahlten) Meilern günstig ist. Billig ist der Strom aus Kernkraftwerken allerdings generell nur dann, wenn man die Verluste sozialisiert (ohne dass das jemand groß mitbekommt; indem man den Bau staatlich subventioniert, keine angemessene Versicherung der Anlage für einen Unfall fordert, die Kosten der dauerhaft auf hunderttausende Jahre notwendigen Überwachung des gefährlichen Mülls der Gesellschaft aufbürdet usw.). Die Gewinne werden dann privatisiert. Dieses Konzept macht den Bau von Atomkraftwerken interessant - wenn die Politik mitspielt und die Gesellschaft es mit sich machen lässt.

  8. jade Antworten | Permalink

    ich frag mich wann der Bevölkerung "Fracking" aufgeschwatzt werden soll und vor allem mit welchem Argument. Das ist jedenfalls alles andere als umweltfreundlich.

    • Martin Holzherr Antworten | Permalink

      Fracking ist in Deutschland kaum in grösserem Umfang möglich, denn bei Fracking hat man hunderte bis tausende von Bohrlöchern anstatt ein paar wenigen wie bei konventioneller Gasfrörderung. Deutschland ist dafür zu dicht besiedelt. In Polen könnte das anders sein. Man sollte das den einzelnen Ländern überlassen. Jedenfalls wäre die Erdgasnutzung (Fracking) sicher besser als die Braunkohlenutzung wie sie in Deutschland immer mehr dominiert.

  9. Dr. Reiner K. Antworten | Permalink

    Wohlstandsgesellschaften schrumpfen automatisch, das ist die einzig gute Nachricht.

    Alles an Geld, was wir mit sg. "Grünen Wachstum" erarbeiten, müssten wir zu Erde kompostieren, damit es kein neues Unheil anrichtet. Was heisst das?

    Nun, es würde mal einen erheblichen Aufwand an Material und Energie bedeuten, wenn wir in den kommenden Jahrzehnten auf regenerative Energien umstellen könnten und danach säßen wir in der gleichen Falle wie heute, wenn wir mit "Grüner Energie" wieder laufend Wachstum produzieren müssen. Wachstum, gleich welcher Farbe, bedeutet erhöhten Resourcenverbrauch und grünes Wachstum ist ein Widerspruch in sich!

    Es wird nicht möglich sein, die Klimaerwärmung aufzuhalten. Kein Saudi wird sein Öl freiwillig oder unfreiwillig unter der Erde lassen und andere auch nicht. Solange das System auf Schulden und unbedingtem Wachstum basiert, wird es keine Lösung für viele Probleme geben und wer glaubt, man könne über Grüne Energie das Klimaproblem lösen, ist meiner Meinung nach hochgradig naiv.

  10. A. Debus Antworten | Permalink

    Kurz gesagt: Die Menschheit war ein interessantes Experiment der Evolution, das durch den Fund fossiler Brennstoffe zu einer kurzen technologischen Hochphase kam, um dann wieder in der Bedeutungslosigkeit einer Ackerbau- und Viehzuchtkultur mit Ochsenkarren und Hexenverfolgungen zu enden.

    • Hein Hertlein Antworten | Permalink

      Auch bereits vor der Nutzung fossiler Ressourcen fand ein Bevölkerungswachstum in Europa statt und setzte sich anschließend fort.Und die Wälder Europas reichen nicht mehr zum nachhaltigen Heizen und Ochsenkarrenbauen für alle Europäer, wenn es keine Alternativen zu der Energie- und Rohstoffquelle Wald gäbe.

      Wir kennen aber zwischenzeitlich einige Alternativen.

  11. Bernhard Strowitzki Antworten | Permalink

    Ich danke Herrn Holzherr für die Bestätigung meiner These: Wer von Kohlendioxidabscheidung redet, spricht vom Neubau von Kohlekraftwerken. Dabei wird keines der heute in Bau oder Betrieb befindlichen und auch kaum eins der in konkreter Planung befindlichen je eine solche Abscheidungsanlage bekommen.
    Nebenbei: Die Hauptzeit der europäischen Hexenverfolgung (die keineswegs ein allgemeinmenschliches Phänomen ist) war, als man bereits eifrig nach Kohle schürfte und anfing Dampfmaschinen zu entwickeln, weil die oberflächennahen Lagerstätten bereits erschöpft waren und man immer tiefer, unter den Grundwasserspiegel, graben mußte.

  12. Wolf Niese Antworten | Permalink

    Vermeiden können wir den Klimawandel nicht mehr. Aber wir können ihn begrenzen. Mit grüner Industrie ohne dabei den Hanf* zu vergessen. Vielleicht können wir in ein paar Jahrzehnten CO2 in der Erde bunkern. Wälder anpflanzen zur Fixierung Kohlendioxid können wir schon jetzt.

    Warum spielt weiches Geoengineering in der Debatte zur Begrenzung des Klimawandels kaum eine Rolle? Die Einhaltung des Kyoto-Protokolls hinsichtlich der Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen erscheint mir als Laie sehr unwahrscheinlich. Aber mehr Wälder können den Klimawandel im Vergleich mit CCS und Kernenergie mit den wenigsten Umweltrisiken mildern, behaupte ich jetzt einfach mal so fern der akademischen Reife. Oder stimmt es, dass mehr Wälder kaum zur Begrenzung des Klimawandels beitragen, weil sie weniger Sonnenlicht reflektieren und somit wieder zur Erwärmung beitragen?

    *zum Hanf

    http://www.google.de/imgres?imgurl=http%3A%2F%2Fwww.karo4tel.de%2Fhanf%2Fbilder%2Fnutzen.jpg&imgrefurl=http%3A%2F%2Fwww.karo4tel.de%2Fhanf%2FENERGY.HTM&h=1007&w=1127&tbnid=i3BQGsalEY8NQM%3A&zoom=1&docid=qmPjpbnYCFb5SM&ei=4-1LU72ONcWAtAbv74DoDA&tbm=isch&iact=rc&dur=558&page=1&start=0&ndsp=14&ved=0CFgQrQMwAA

    * http://blog.zeit.de/gruenegeschaefte/2014/01/02/der-bessere-pappkarton/
    4. Kommentar

    • Jochen Binikowski Antworten | Permalink

      Weil an der Aufforstung die Industrie, Banken und Großspekulanten nicht genug verdienen können. Schauen Sie sich z.B. mal die Sponsorenliste des PIK an, dann wissen Sie was ich meine.

  13. Wolf Niese Antworten | Permalink

    Warum spielt weiches Geoengineering in der Debatte zur Begrenzung des Klimawandels kaum eine Rolle? Die Einhaltung des Kyoto-Protokolls hinsichtlich der Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen erscheint mir als Laie sehr unwahrscheinlich. Aber mehr Wälder und die universelle Hanfnutzung können den Klimawandel im Vergleich mit CCS und Kernenergie mit den wenigeren Umweltrisiken mildern.

  14. Bleyfuß Antworten | Permalink

    Liebe Foristen,
    [Die Einhaltung des Kyoto-Protokolls hinsichtlich der Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen erscheint mir als Laie sehr unwahrscheinlich.]
    Als Laie glaube ich im Forum einen pessimistischen Grundton zu erkennen. Dabei sind wir schon recht weit mit der Entwicklung emissionsarmer Energietechniken gekommen. Bezogen auf Deutschland ist dieser Fortschritt gar nicht spürbar, da die EEG-Umlage unablässig thematisiert wird, was den Gegnern der Energiewende in die Hände spielt. Bei der Umlage handelt es sich aber überwiegend um eine Altlast, die den aktuellen Entwicklungsstand nicht abbildet.

  15. Gerorg Meindel Antworten | Permalink

    Die Fokussierung von Ökonomen und Klimawissenschaftlern auf den postindustriellen gesellschaftlichen Standard ist problematisch. Genau diesen werden wir nicht halten können. Das zu erzählen ist natürlich noch unpopulärer als vor negativen Auswirkungen des Klimawandels zu warnen. Es gehört in den Bereich den Frau Knopf etwas ungelenk als Philosophie des Klimawandels bezeichnete. Und genau dieser Bereich ist in der Debatte um den Klimawandel dramatisch unterrepräsentiert:
    Was bedeutet es für die kulturelle, soziale, ja sogar phylogenetische Dimension des Menschseins, wenn technisch hochgerüstete Massengesellschaften mit Massenmobilität und entgrenztem Konsum auf der Grundlage einer wachstumsfixierten Ökonomie, die zum ersten Existenzial geworden ist, das Erdsystem massiv zu beeinflussen vermögen?
    Und dies überwiegend zum Nachteil der gesamten Biosphäre dieses Planeten. Man darf den Resilienzfaktor nicht unterschätzen aber für einen gewissen Zeitraum werden die Auswirkungen des Klimawandels überwiegend negativ sein, bis sich eine Anpassung und Neuordnung auf einem anderen Niveau einstellt. Und wo und wie findet sich die Menschheit auf diesem Niveau wieder? Wir müssen stärker in ethisch, politische und soziale Debatten einsteigen, die grundsätzlicher also philosphischer Natur sein müssen: Wer sind wir und wie können wir sein und welche Konsequenzen hat unser jeweiliges Seyn, also Sosein und Dasein?

    Wäre es vielleicht sinnvoll, wenn in Anlehnung an Kant einer neuer, im dialektischen Sinne die Aufklärung auf-hebender Imparativ mit weitreichender ethischer Implikation formuliert werden würde: Lebe so, als wärest du nie dagewesen (Laotse).

    Jetzt rächt sich der gesellschaftliche Bedeutungsverlust der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften seit der totalen Mobilmachung der (kapitalistischen) Ökonomie Anfang der 80iger Jahre, die diese Debatten übrigens wenig beachtet führt.

  16. Karl Josef Knoppik Antworten | Permalink

    Trotz des beschleunigt vor sich gehenden Klimawandels, besonders durch den ungehemmten Einsatz fossiler Brennstoffe und ebenso ungebremst voranschreitender Zerstörung der natürlichen Ressourcen ist unverändert festzustellen, daß eine große Diskrepanz besteht zwischen dem von Seiten der Politiker geheuchelten Bekenntnis zu Umwelt- und Klimaschutz und der alltäglichen Wachstumswirklichkeit! Daraus folgt die alte wie neue Erkenntnis, daß es für uns Menschen ein gegen die Natur gerichtetes "Weiter so" ab sofort nicht mehr geben kann, will man ein Leben erhaltendes Klima auch für kommende Generationen gewährleisten! Die Alternative zur bisherigen, auf Wachstum fixierten Politik, kann deshalb nur darin bestehen, daß Politik und Gesellschaft diesen gefährlichen Irrweg unverzüglich verlassen müssen, denn jedes, an den wirtschaftlichen Interessen des nutzungsorientierten Lobbyismus ausgerichtete Handeln kann sich die Menschheit nicht mehr leisten, ohne dabei zu riskieren, daß auch all das noch vor die Hunde geht, was sich bis zum heutigen Tage der grenzenlosen Profitgier einer nimmer satten Raubbaumentalität entziehen konnte! Mahnende Worte von Umweltaktivisten der ersten Stunde, daß quantitatives Wachstum geradewegs in die Katastrophe führt und dieser verhängnisvolle Pfad eigentlich schon längst nicht mehr gangbar ist, verhallte ungehört. Von Maßhalten oder gar Zurückschrauben der Ansprüche wollte und will niemand etwas hören. Diese unbeschreibliche Ignoranz rächt sich aber mittlerweile bitter! Die Natur ist dabei, den wirtschaftenden, technikvernarrten Menschen zu zwingen, das er sie wieder respektiert. Doch törichterweise verhälten sich die Polit- und Wirtschaftsstrategen noch immer so, als sei der eigene Untergang um jeden Preis das Ziel! Da wäre es doch viel klüger sich den Ausspruch des englischen Philosophen Francis Bacon zu eigen zu machen, der sagte: "Wer die Natur beherrscht, muß ihr gehorchen!".Aber ungeachtet dessen läuft alles weiter in den gewohnten Gleisen von Wachstums-, Konsum- und Sachzwängen! Man denkt in Zahlen, in Mengen, in Währungen; und das alles zusammengestellt im Bruttosozialprodukt. Vom Ökosozialprodukt (Gradmesser für immaterielle Werte und Lebensqualität), das in den 80er Jahren sogar die FAZ thematisierte, vernimmt man heute auch nichts mehr. Die offizielle Politik denkt nicht in organischen Abläufen. Denn diese sind weder eindimensional noch permanent nach oben gerichtet - quasi bis in die Unendlichkeit aufwärts, wie das die Fortschrittstheorie annahm.
    Auch in Bezug auf erneuerbare Technologien und deren problematische Anwendung soll man sich keinerlei Illusionen machen: Diese sind keineswegs automatisch mit ökologischen Erfordernissen im Einklang und generieren umweltschädliches Wachstum! Tatsache ist, daß folglich auch sie dem Leitbild der nachhaltigen Entwicklung zu unterwerfen sind. Wo für solche großtechnischen Anlagen über die häusliche Nutzung hinaus also enorm viel Platzbedarf besteht, sind massive Eingriffe in Natur und Landschaft unausweichlich! Voraussetzung für eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien muß daher zunächst einmal eine effektive Begrenzung des Ressourcen- und Energieverbrauchs als wichtigste Nachhaltigkeitsstrategie sein. In puncto Einsparung haben wir bspw. noch ein riesiges Potenzial ungenutzt brach liegen, etwa.im Elektronikbereich. Würde nämlich mit dem überfälligen Sparen Ernst gemacht und - eine Maßnahme von vielen - z. B. die rund 21 Mrd. Liter alkoholfreien Getränke, die in Deutschland jährlich konsumiert werden, ausschließlich in Mehrwegflaschen abgefüllt, könnte das die Atmosphäre im Vergleich zur Abfüllung in Einwegverpackungen um jährlich 1,25 Mio. Tonnen CO² entlasten. Das entspräche dem jährlichen Kohlendioxidausstoß von 575.000 Mittelklassewagen, ganz zu schweigen von den im selben Zeitraum zu erzielenden Einsparungen, die ein generelles Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen bewirken würde; lt. Greenpeace beachtliche 3,3 Millionen Tonnen!
    Was die rot-schwarze Bundesregierung im Schilde führt, ist m. E. keine wirkliche Energiewende, sondern ein Festhalten an monopolistischen Großstrukturen unter grünem Vorzeichen. Damit spielt man den mächtigen Konzernen in die Hände, die wohl nur darauf warten, daß sie auch die Kontrolle über die Erneuerbaren gewinnen. Es scheint so, als handele es sich um ein Zugeständnis an die einflußreichen EVU`s gem. dem Motto: Wenn schon mit Atomkraft nichts zu verdienen ist, dann wenigstens gigantische und lukrative Windparks auf hoher See. Das bedeutet aber nichts anderes als die Fortsetzung der antiquierten Politik mit neuen Mitteln. Zentralistische Lösungen sind jedoch ganz sicher ein Irrweg, da Abhängigkeiten bestehen bleiben und Verbraucher dem Preisdiktat der Konzerne weiter ausgeliefert werden. Und es bestätigt sich ja, daß - wie wir sehen - es wieder mal die "Ottonormalverbraucher" sind, die neben den klein- und mittelständischen Betrieben die Zeche für die so genannte Energiewende zu bezahlen haben!

  17. Karl Josef Knoppik Antworten | Permalink

    Sehr geehrte Damen und Herren, lieber Herr Prof. Rahmstorf,
    in Zeile 21 meines Kommentars ist mir ein Fehler unterlaufen. Es muß dort richtig heißen: "Wer die Natur beherrschen will, muß ihr gehorchen!". Und in Zeile 15 muß es heißen: "verhallten ungehört" und nicht verhallte ungehört. Wenn Sie das noch korrigieren könnten, wäre ich Ihnen dankbar.
    Mit besten Grüßen: Karl Josef Knoppik

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