Wahrheitsfindung im philosophischen Quartett

25. Dezember 2011 von Anders Levermann in Medien-Check

Gastbeitrag von Carl-Friedrich Schleussner -

Der Physiker Gerd Ganteför, dessen Buch “Klimawandel - der Weltuntergang findet nicht statt” hier in diesem Blog anfang des Jahres besprochen wurde, war vor kurzem im Format "Das Philosophische Quartett" von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski zu Gast (Die Sendung des ZDF vom 27.11.2011 ist hier abrufbar). Dort diskutierte Gerd Ganteför in seiner Rolle als "polarisierender Nanowissenschaftler" (so das Porträt der ZDF Homepage) gemeinsam mit dem Autor Frank Schätzing und den beiden Gastgebern unter dem Titel "Klimawandel - ein Glaubenskrieg? Wahrheitsfindung zwischen Wissenschaft und Ideologie".

Ganteför gibt dabei den Part des rationalen Naturwissenschaftlers, der sich einer irrational hysterischen Gesellschaft entgegenstellt. In einem Umfeld, in dem die Gastgeber die Diskussion mit Fragen nach den positiven Seiten des Klimawandels beginnen, über Verschiebung der Weinanbaugebiete nach Norden sinnieren und sogar den wissenschaftlichen Konsens zur Frage des anthropogenen Treibhauseffekts in Frage stellen, fällt ihm das auch nicht besonders schwer. Da sich die Diskussion zu wesentlichen Teilen auf Ganteförs “Expertise” stützt und er ohne eine einzige Fachpublikation zum Thema als “Klimatheoretiker” (Zitat Sloterdijk) hofiert wird, werde ich mich in der kurzen Rezension hier auf seine Aussagen konzentrieren. Viele seiner Argumente sind bereits in meiner Rezension seines Buches diskutiert worden, dennoch möchte ich einige hier nochmals herausgreifen:

1. Hurrikane: Die Anzahl der Tropenstürme würde laut Ganteför mit dem Temperaturgefälle zwischen dem Äquator und polaren Breiten zusammenhängen. Das ist schlicht falsch. Vielmehr ist der vertikale Temperaturgradient und insbesondere die Oberflächentemperatur des Ozeans entscheidend für die Ausbildung eines Tropensturmes. Letztere ist starken strömungsbedingten multidekadischen Oszillationen (wie zB. die für die Hurrikane und damit Nordamerika relevante Atlantische Multidekadische Oszillation (AMO)) unterworfen und die globale Häufigkeit von Tropenstürmen über das 21. Jahrhundert wird im IPCC Special Report on Extreme Events (IPCC SREX), dessen Summary for Policy Makers am 18.11.2011 erschienen ist, als "likely to either decrease or remain essentially unchanged" angegeben. Gleichzeitig werden die Stürme jedoch an Stärke und damit auch an Gefährlichkeit und Schadensrelevanz zunehmen. Der IPCC SREX schreibt dazu "Likely increase in average tropical cyclone maximum wind speed, although increases may not occur in all ocean basins. Heavy rainfalls associated with tropical cyclones are likely to increase." 

2. Dürren: Herr Ganteförs folgert aus der Tatsache, dass unter globaler Erwärmung mit einer Zunahme der weltweiten Niederschläge zu rechnen ist, dass es auch weniger Dürrenereignisse geben sollte. Das ist etwas zu oberflächlich, denn für Dürren oder Wüstenausbreitung ist eben die regionale Verteilung von Niederschlägen entscheidend und kein globaler Trend. Und leider deuten die Modellprojektionen in diese Richtung und der IPCC SREX schreibt dazu: "There is medium confidence that droughts will intensify in the 21st century in some seasons and areas, due to reduced precipitation and/or increased evapotranspiration. This applies to regions including southern Europe and the Mediterranean region, central Europe, central North America, Central America and Mexico, northeast Brazil, and southern Africa." Zum von ihm angesprochenen sogenannten "Sahara-Greening" ist zu sagen, dass dies durchaus als seltenes Beispiel eines möglichen positiven Kippelements des Klimasystems diskutiert wird (zB. in Lenton et al. PNAS, 2007 oder in Levermann et al. Climatic Change, 2012), es jedoch sehr umstritten ist, ob es unter globaler Erwärmung tatsächlich dazu kommen könnte.
 
3.  Meeresspiegelanstieg: Zum Thema Meeresspiegelanstieg sagt Herr Ganteför, dass wir mit einem Anstieg von 70cm Meeresspiegelanstieg in 100 Jahren durchaus "leben können". Wobei er nicht anspricht, dass bereits bei einem Anstieg von 50 cm 72 Millionen Menschen direkt betroffen wären (Quelle: Nicholls et al. 2011) und mit kostspieligen Küstenschutzmaßnahmen gesichert werden müssten. Mittel, die nicht allen Ländern zur Verfügung stehen. Umfassender habe ich seine Ansichten zum Meeresspiegelanstieg aber bereits bei der Rezension seines Buches diskutiert und möchte an dieser Stelle darauf verweisen.

Im weiteren Verlauf dreht sich das Gespräch dann um Ganteförs Wundermaschine, die da "Kohlekraftwerke heißt billige Energie heißt sinkende Geburtenrate heißt Wohlstand für alle"-lautet und leider auch hier nicht mit Fakten unterfüttert wird. Insbesondere sind in seinem Lieblingsbeispiel China keinerlei Effekte dieser Art zu erwarten, da die dortige Geburtenrate mit diktatorischen Mitteln bereits auf das Maß von Industrieländern gesenkt wurde. Darüber hinaus werden die Kosten zur Primärenergieversorgung von 1.3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern von der Internationalen Energieagentur IEA mit 48 Milliarden USD im Jahr abgeschätzt. Das sind gerade mal 3% der projizierten globalen Investitionen  im Energiesektor und eine auf internationalem Maßstab eher kleine Summe.
Womit sofort deutlich wird, dass es sich dabei leider weniger um ein finanzielles denn um ein politisches Problem handelt. Darüber hinaus ist die Korrelation zwischen Energieverbrauch und Geburtenrate keineswegs so eindeutig, wie Herr Ganteför uns glauben machen will. Vielmehr ist die statistisch signifikante Größe bezüglich der Geburtenrate das Bildungsniveau junger Frauen (wie zB. kürzlich im Fachmagazin Science nachzulesen war (Link zur Pressemitteilung). Investitionen in Schulen und Geschlechtergerechtigkeit wären also deutlich besser angelegtes Geld als wahrhaft fossile Kraftwerkstypen zu exportieren.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass sich laut der IEA die internationalen Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahre 2010 auf 409 Milliarden USD beliefen im Gegensatz zu 37 Milliarden Dollar für Erneuerbare.  Allein die Subvention des deutschen Steinkohlebergbaus betrug demnach im Jahr 2009 noch 2.1 Milliarden Euro. Darüber hinaus beziffert der angesehene Ökonomen William Nordhaus (Yale University) die "Social Costs of Carbon" in einer kürzlich erschienenen Studie auf $44 pro Tonne Kohle für heutige Bedingungen mit entsprechend steigenden Kosten in der Zukunft (auch für ein Szenario ohne Klimavereinbarungen würde dieser Preis der Studie zur Folge auf $160 bis 2050 steigen). Bei einem Kohlepreis in der Größenordnung von 100 € pro Tonne, wie zB. deutsche Importkohle beziffert wird, würden die tatsächlichen Kosten (noch ohne zusätzliche Subventionen) damit um 33% (bzw. 120%) höher liegen. “Billige Energie” sieht anders aus und nicht zuletzt deshalb ist einer der zentralen Diskussionpunkte auf der Klimakonferenz in Durban die Einrichtung eines Green Energy Fonds für die Entwicklungsländer in Höhe von 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020. (siehe Korrigendum am Ende des Artikels)

Derlei Fragen werden aber in der Diskussionsrunde nicht erörtert, vielmehr sind die Herren sich einig, dass in Deutschland eine "Lust am Untergang" gepflegt werde, die sie im Psychologischen verorten und behaupten, derlei Befürchtungen bezüglich gefährlichen Klimawandels würden in anderen Ländern nicht geteilt. Dass der Präsident Südafrikas Jacob Zuma bei der Eröffnung der Klimakonferenz in Durban von einem "Kampf auf Leben und Tod" für Afrika sprach (Quelle: Tagesschau.de) und die dramatischen Appelle der kleinen Inselstaaten (zB. die des Präsidenten der Malediven im unmittelbaren Vorfeld der Konferenz von Kopenhagen 2009) bleiben leider ebenso unerwähnt wie die Tatsache, dass Klimawandel nach einer Umfrage des Weltwirtschaftsforums von 580 internationalen Entscheidungsträgern und Spitzenmanagern als größte Herausforderung für die Weltwirtschaft der nächsten 10 Jahre eingeschätzt wird (Quelle: World Economic Forum, Global Risk Landscape 2011).

Doch mit den Fakten nimmt es die Runde nicht so genau (so kann es dann auch mal passieren, das Herr Schätzing vom Klimagipfel in Stockholm spricht (min 23:50)), lieber polemisiert man und offenbart befremdliche Weltanschauungen (Zitat Ganteför zur Unterscheidung des Menschen von Cyanobakterien (min 23:30): "Wir sind intelligent, zumindest mal die Industrieländer, die einen hohen Bildungsstand haben.").

Die in der Überschrift versprochene Wahrheitsfindung bleibt leider aus. Schade, gibt es doch gerade im Bereich der Philosophie, insbesondere der Ethik, noch einige sehr spannende Fragen rund um das Thema Klimawandel. Zum Beispiel ob, und wenn ja, welche moralischen Verpflichtungen wir zukünftigen Generationen gegenüber haben.
Und wie es in diesem Kontext zu rechtfertigen sein könnte, dass wir für relative luxuriöse Dinge wie große Häuser und exotische Auslandsreisen die Lebensbedingungen unserer Kinder und Kindeskinder massiv beeinträchtigen.

 

Korrigendum:

Der Abschnitt:

“Billige Energie” sieht anders aus und nicht zuletzt deshalb ist einer der zentralen Diskussionpunkte auf der Klimakonferenz in Durban die Einrichtung eines Green Energy Fonds für die Entwicklungsländer in Höhe von 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020.

Sollte richtigerweise lauten:

“Billige Energie” sieht anders aus. Auch ist die Unterstützung für den Ausbau erneuerbarer Energien in den Entwicklungsländern neben dringend benötigten Anpassungsmaßnahmen in besonders vom Klimawandel betroffenen Regionen eine zentrale Aufgabe des auf der Klimakonferenz in Durban beschlossenen "Green Climate Fund" in Höhe von 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020.


16 Kommentare zu “Wahrheitsfindung im philosophischen Quartett”

  1. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Günteför, Wahrheit, Realität und Wunsch

    Gerd Ganteför zum "Klima Theoretiker" zu befördern (wie das in eingeblendeten Unterschriften der Sendung "Philosophisches Quartett" gemacht wird) bedeutet, den wirklichen Klimawissenschaftlern den Alleinvertretungsanspruch abzusprechen oder ihre Aussagen sogar in Zweifel zu ziehen, denn Gerd Ganteför hat sich in seinem Buch ausdrücklich als "Quereinsteiger" in dieses Thema dargestellt und er sagt im "Philososophischen Quartett" sogar: "Ich bin kein Klimaforscher".

    Allerdings weicht man bei der Diskussion um den anthropogenen Klimawandel und den sich daraus ergebenden Konsequenzen und notwendingen Aktionen sehr schnell und wohl notgedrungen von der rein wissenschaftlichen Argumentation ab.
    Auch im Gastbeitrag von Carl-Friedrich Schleussner finde ich Argumentationsketten, die mich zum Erstaunen bringen. So schreibt er beispielsweise:

    Bei einem Kohlepreis in der Größenordnung von 100 € pro Tonne, wie zB. deutsche Importkohle beziffert wird, würden die tatsächlichen Kosten (noch ohne zusätzliche Subventionen) damit um 33% (bzw. 120%) höher liegen. “Billige Energie” sieht anders aus und nicht zuletzt deshalb ist einer der zentralen Diskussionpunkte auf der Klimakonferenz in Durban die Einrichtung eines Green Energy Fonds für die Entwicklungsländer in Höhe von 100 Milliarden Dollar jährlich ab 2020.

    Diese Sätze erwecken den Eindruck der bei den letzten beiden Klimakonferenzen diskutierte Grüne Klimafonds durch den ab 2020 bis 100 Milliarden Dollar jährlich in Entwicklungsländer fliessen soll, sei in erster Linie ein Green Energy Fonds, diene also dem Aufbau einer nichtfossilen Energieversorgung. Doch in Durban wurde gar kein Green Energy Fonds ausgehandelt, sondern ein Green Climate Fund which will funnel some of the $100 billion that rich countries have promised to make available to poor ones by 2020, to help them cut emissions and adapt to climate change.
    In erster Linie soll der Green Climate Fund also die Anpassung an den Klimawandel finanzieren.
    Professor Lucas Bretschger schreibt deshalb im ETH-Klimablog unter dem Titel UN-Klimakonferenz: Alles hat seine Zeit An den gegenwärtigen Klimaverhandlungen hier in Durban stellt sich die Frage, bei welchen Problemen bald gemeinsame Lösungen erwartet werden können. Die Logik auf der Zeitachse würde suggerieren, sich zuerst über die Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen zu einigen, und dann Regelungen zur Anpassung an Schäden zu finden, die durch die verbleibenden Emissionen verursacht werden. Die sich im Moment abzeichnende Entwicklung läuft jedoch in eine andere Richtung: Entscheidungen zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels scheinen in Durban einfacher zu erreichen, als Entscheidungen zur Vermeidung von Treibhausgas-Emissionen.

    Nach der Argumentation von Carl-Friedrich Schleussner (Zitat: Darüber hinaus werden die Kosten zur Primärenergieversorgung von 1.3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern von der Internationalen Energieagentur IEA mit 48 Milliarden USD im Jahr abgeschätzt ) würde ja ein Bruchteil der geplanten 100 Milliarden jährlich ausreichen, vollkommen auf den Bau von Kohlekraftwerken zu verzichten. Doch ausgerechnet zur Zeit als in Durban die Kliamkonferenz abgehalten wurde, wurde in Südafrika auch am weltweit viertgrössten Kohlekraftwerk (Medupi) gebaut (wieviele Konferenzteilnehmern haben der Baustelle wohl einen Besuch abgestattet?) und das Ziel bekanntgegeben in den nächsten 20 Jahren die Energieproduktion (und wahrscheinlich auch den CO2-Ausstoss) Südafrikas zu verdoppeln. Auch Deutschland baut zurzeit an Kohlekraftwerken von 10 Gigawatt Leistung und will an den Standorten der bald stillgelegten Atommeiler weitere 10 Gigawatt fossile Kraftwerke installieren.
    Scheinbar vertrauen entwickelte Länder (Deutschland?) und sich entwickelnde immer noch stark auf Kohle, was nicht nur am günstigen Preis liegt sondern auch daran, dass Kohlekraftwerke schnell hochgezogen und ans Netz angeschlossen werden können, während erneuerbare Energien eines gut ausgebauten Stromnetzes bedürfen - etwas was gerade in Entwicklungsländern meist fehlt.

    Die Menschheit muss eher früher als später von der Kohle wegkommen. Doch momentan gibt es ein Hin zur Kohle: der Anteil der Kohle an der Primärenergieproduktion ist von 25% in den späten 1990er-Jahren auf 29% 2010 angestiegen. Die weltweiten CO2-Emissionen wuchsen demenstprechend in den 1990er-Jahren um "nur" 1% pro Jahr, seit dem Jahr 2000 wachsen sie aber um 3% pro Jahr mit dem traurigen Rekord von 2009, als sie um 5.9% anstiegen. Ganteför propagiert effiziente "deutsche" Kohlekraftwerke als Exportschlager für Entwicklungsländer, doch scheinbar können die Entwicklungsländer diese auch selbst bauen (wenn vielleicht halt nur mit 40% Wirkungsgrad anstatt 50%). China hat in den Jahren 2005 bis 2011 durschnittlich 60 Gigawatt pro Jahr an Kohlekraft zugebaut. Indien will nicht zurückstehen und plant mehrere Ultra Mega Power Plants

    Wenn Ganteför die Kohle gutredet, dann macht er genau das: Er redet etwas gut, was wichtig war für die deutsche Energievergangenheit und nun die Energiezukunft von Ländern wie Südafrika, China und Indien bestimmt. Die Realitäten ändert er damit aber nicht - genau so wie das Billigrechnen für Erneuerbare Energien etwas an den Präferenzen der Länder für die von ihnen gewählte Energiequelle etwas ändert.
    Es gibt wohl nur 2 Alternativen um von der Kohle und den anderen fossilen Energien wegzukommen
    1) Es entwickeln sich alternative Energiequellen, die billig zu bauen und einfach zu unterhalten und zu integrieren sind
    2) Fossile Energien werden viel teuerer, entweder weil sie knapp werden oder weil sie "künstlich" verteuert werden (über einen CO2-Preis).

    [Antwort: Lieber Herr Holzherr,

    tatsächlich ist mir dort ein Fehler unterlaufen und ich möchte mich dafür entschuldigen. Der von mir angeführte "Green Energy Fund" ist in Wahrheit ein "Green Climate Fund" (http://en.wikipedia.org/wiki/Green_Climate_Fund) und beinhaltet explizit Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen.

    Vielen Dank für Ihren Hinweis, ich habe die entsprechende Textstelle abgeändert.

    Ihre Schlußfolgerung "In erster Linie soll der Green Climate Fund also die Anpassung an den Klimawandel finanzieren." kann ich jedoch so nicht mitgehen, da der Fond eben explizit sowohl Vermeidungs- als auch Anpassungsprojekte fördern soll.
    Darüber hinaus haben insbesondere die wenig entwickelten Länder kaum finanzielle Möglichkeiten sich an den Klimawandel anzupassen, obwohl einige von ihnen vermutlich besonders starke Konsequenzen zu spüren bekommen werden (und einige bereits schon spüren). Dass diesen Ländern bei lebenswichtigen Anpassungsmaßnahmen von der internationalen Gemeinschaft geholfen werden soll, halte ich für dringen geboten und kann darin keinen Widerspruch zum gleichzeitigen Ausbau erneuerbarer Energien erkennen.

    Im weiteren Text unterläuft Ihnen bezüglich der Zahlen der Internationalen Energieagentur leider ein logischer Fehler:

    "Nach der Argumentation von Carl-Friedrich Schleussner (Zitat: Darüber hinaus werden die Kosten zur Primärenergieversorgung von 1.3 Milliarden Menschen in den Entwicklungsländern von der Internationalen Energieagentur IEA mit 48 Milliarden USD im Jahr abgeschätzt ) würde ja ein Bruchteil der geplanten 100 Milliarden jährlich ausreichen, vollkommen auf den Bau von Kohlekraftwerken zu verzichten. "

    Das stimmt so nicht, die Zahlen der IEA beziehen sich auf Primärenergieversorgung unabhängig vom Typ und schließen damit fossile Kraftwerkstypen mit ein. Ich mache im Text auch keine diesbezüglichen Aussagen. Vielmehr geht es mir darum, Ganteförs Punkt der Energieversorgung der Ärmsten der Armen in einen Kontext zu setzen. Da Problem dabei ist, wie die Zahlen deutlich zeigen, vordergründig eben nicht ein Finanzielles, welches anstatt von Klimaschutz angegangen werden sollte, sondern ein primär Politisches.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Carl-Friedrich Schleußner]

  2. Dyrnberg Antworten | Permalink

    Good read

    Das Thema Klimawandel ist zurzeit ähnlich wie Nachhaltigkeit oder (früher?) Welthunger: Dazu glaubt jeder sich äußern zu können. Gerade wir Geisteswissenschaftler müssen uns da ab und zu am Riemen reißen und bei aller notwendiger und interessanter auschmückender Diskussion rund um Angstlust und Narrationen der Apokalypse im Wandel der Zeit nicht vergessen, dass "hinter" dieser Diskussion noch immer der reale Klimawandel ist.

    Guter, lesenswerter Beitrag. Vielen Dank. (Hat mich auch daran erinnert, dass ich Herrn Levermann vor zwei Jahren selbst bei einem Vortrag gehört habe. Eine damalige Aussage blieb mir in Erinnerung: "Die Klimaforschung ist fertig". Hab das damals kurz zusammengefasst: http://www.ttn-institut.de/...awandel-energiewende)

  3. RD Antworten | Permalink

    Ich hab die Sendung mal nach-geschaut. Es ist schon verblüffend mit welcher Selbstsicherheit Herr Ganteför seine Thesen vertritt.
    Er stellt von Anfang an klar, dass er kein Klimaexperte ist. (Also ein naturwissenschaftlich geschulter Laie in Sachen Klimaforschung.)
    Für ihn steht dennoch außer Frage, dass wir derzeit einen vom Mensch verursachten Klimawandel durchleben.
    Er plädiert für Gelassenheit im Umgang damit. Dagegen spricht ja nichts. Leider begründet er seine Gelassenheit mit genau den gleichen schlechten Argumente die er schon vor einigen Monaten in seinem Buch veröffentlicht hat. Dabei hätte er ja genügend Zeit gehabt seine laienhaften, vereinfachten Vorstellungen mit differenzierteren Modellen von Fachleuten abzugleichen.
    Er betont seine Überzeugung, dass das wichtigste Problem der Bevölkerungszuwachs der Menschheit sei, und dieses zuerst zu lösen sei, bevor man daran denken könne den CO2 Ausstoß zu reduzieren. (Es mag für einen Experimentalphysiker nahe liegend sein, Störfaktoren nacheinander auszuschalten, den seiner Meinung nach wichtigsten zuerst.)
    Immerhin widerspricht ihm hier Frank Schätzing, der meint, auch dem Klimawandel sei mit einer gewissen Dringlichkeit entgegen zu wirken. Auch meldet Schätzing Zweifel an, ob die möglichst schnelle Verbrennung der leichter zugänglichen fossilen Brennstoffe wirklich die 'billigste' Energieform ist.
    Schätzings Weltbild scheint etwas komplexer zu sein als das von Ganteför. Aber auch er widersteht am Ende nicht der Versuchung in das Lamento über des (deutschen) Wohlstandsbürgers Weltuntergangs-Sehnsucht einzustimmen.

  4. Jürgen Bolt Antworten | Permalink

    Mit dem Vorwurf mangelnder Expertise wäre ich zurückhaltender.

    Carl-Friedrich Schleussner ist meines Wissens kein Experte für Energiewirtschaft oder Soziologie, äußert sich hier aber über ökonomische Aspekte von Kohlekraftwerken, Einflüsse auf Geburtenraten und nationale Besonderheiten in der Risikobewertung.

    Das ist auch völlig in Ordnung. Wir leben nicht in einer Experto- sondern in einer Demokratie, wo jeder Bürger dasselbe Recht zur politischen Gestaltung hat.

    Der Vorwurf mangelnder Expertise ist in einen solchen Text allerdings fehl am Platz.

    Übrigens beansprucht Ganteför in dem Gespräch auch keine Expertise als Klimafachmann. Und "die Gastgeber (beginnen) die Diskussion (nicht) mit Fragen nach den positiven Seiten des Klimawandels". Sie erwähnen anfangs die dominierende Lesart der 'Klimakatastrophe' und fragen, ob es alternative Lesarten gibt. Ganteför schließt sich dem "wissenschaftlichen Konsens zur Frage des anthropogenen Treibhauseffekts" ausdrücklich an. Er erwähnt dann allerdings die Banalität, daß Klimawandel lokal neben negativen auch positive Effekte hat.

    Wie man dem Klimawandel begegnet ist keine wissenschaftliche sondern eine politische Frage. Bei der Beantwortung sollte man die Expertise von Klimatologen, Soziologen und Ökonomen nutzen. Aber letztlich gilt: "One man, one vote."

    [Antwort: Lieber Herr Bolt,

    Sie sprechen in Ihrem Kommentar einen heiklen Punkt an, der in vielen öffentlichen Debatten zu ganz unterschiedlichen Fragestellungen von großer Relevanz ist, nämlich die Frage "Was ist ein Experte?". Ein mögliche Antwort darauf ist es, Fachpublikationen zu den entsprechenden Themen zu Rate zu ziehen, was insbesondere in naturwissenschaftlichen Fragen (insofern keine grundlegenden Fragen der Moral berührt werden, wie es zB. bei medizinischen Problemstellungen vorkommen kann) als ein durchaus gangbarer Weg gilt. Herr Ganteför ist nun selbst nicht wissenschaftlich auf diesem Gebiet aktiv und Sie haben Recht, er nimmt die Rolle des Experten auch nicht aktiv für sich in Anspruch. Statt dessen wird der Begriff "Klimatheoretiker" ins Feld geführt (Wobei mir nicht ersichtlich ist, was ein "Klimatheoretiker" sein soll. Es scheint mir vielmehr Augenwischerei zu sein). Gleichzeitig erfüllt er in der Diskussion eben genau die Funktion eines Experten dessen Aussagen den anderen Diskussionsteilnehmern als Grundlage für ihre Folgerungen dienen.

    Deshalb habe ich mich entschlossen, den Experten in Anführungszeichen zu setzen und kann darin auch keinen Vorwurf erkennen. Vielmehr wird damit meine Skepsis gegenüber einer Diskussionsrunde deutlich gemacht, die eben einen nach strikter Publikationsdefinition Nicht-Experten zu ihrem Stichwortgeber erhebt.

    Nun zum zweiten Teil Ihres Kommentars, der direkt an mich adressiert ist:

    Natürlich haben Sie damit völlig Recht, ich bin kein Experte in solchen Fragen, aber ich würde mich keinesfalls als "Energiewirtschaftstheoretiker" bezeichnen lassen wollen und maße mir auch nicht an, ein auch nur ansatzweise umfassendes Bild dieser hochkomplexen Thematik zu liefern.

    Da sich jedoch ein Großteil von Ganteförs Argumenten in dieser Sphäre bewegt, wollte ich diese Aspekte nicht völlig unter den Tisch fallen lassen und anhand einiger Zahlen und Fachpublikationen aufzeigen, dass Ganteförs Folgerungen auch hier deutliche Schwachstellen haben. Ich hoffe, dass ich damit einigen Lesern hilfreiche Anstöße zur weiteren Lektüre liefern konnte und stimme auch völlig mit ihrem abschließendem Statement überein:

    "Wie man dem Klimawandel begegnet ist keine wissenschaftliche sondern eine politische Frage. Bei der Beantwortung sollte man die Expertise von Klimatologen, Soziologen und Ökonomen nutzen."

    Mit freundlichen Grüßen,
    Carl-Friedrich Schleußner]

  5. RD Antworten | Permalink

    Expertise Ganteför

    Hallo Herr Bolt,
    schön dass sie bezüglich Herrn Ganteförs "Klimakompetenz" nochmal wiederholen, was hier bereits mehrfach erwähnt wurde.
    "Wie man dem Klimawandel begegnet ist keine wissenschaftliche sondern eine politische Frage."
    Wer hätte das wohl gedacht.
    "Bei der Beantwortung sollte man die Expertise von Klimatologen, Soziologen und Ökonomen nutzen."
    Aha. Leider ignoriert Ganteför zumindest die Expertise von Klimatologen hartnäckig. Seine Kernthese:
    "Eindämmunmg des Bevölkerungswachstums hat Priorität vor Eindämmung des CO2 Ausstoßes"
    basiert eben teilweise darauf, dass er die Folgen des Klimawandels als wenig dramatisch sieht. Das fällt wesentlich leichter, wenn man bestimmte Fakten ignoriert. Siehe die Punkte Hurrikane, Dürren, Merresspiegelanstieg im Artikel.
    Ins Bild passt auch, dass Herr Ganteför sich den Hinweis nicht verkneifen kann, dass es ja schon immer Klimaschwankungen gab, und wir uns in einem natürlichen Eiszeit-Wärmzeit-Zyklus befinden. Man muss wirklich kein Experte sein um zu erkennen wie wenig wenig die aktuell zu beobachtende Dynamik mit dem behäbigen natürlichen Zyklus zu tun haben kann. Aber auch für letztere waren schon erhebliche Anpassungsleistungen von Natur und Mensch erforderlich. Was auf uns und nachfolgenden Generationen in dieser Hinsicht zukommt entzieht sich jeder Kontrolle und jeder Prognose.
    Nichts spricht dagegen diese Effekte abzumildern. Auch aus ökonomischer Sicht spricht schon mittlefristig nichts dagegen, behaupte ich mal. Gelassen heit - ja. Aber was soll eine Verharmlosung des Problems, noch dazu mit falschen Argumenten?

  6. D. Müller Antworten | Permalink

    Zur wissenschaftlichen Qualität des Gastes kann ich nichts sagen, möchte jedoch darauf hinweisen, dass die Gastgeber, insbesondere Herr Sloterdijk, selbst unter den fachbedingt nur beschränkt empirisch arbeitenden Geisteswissenschaftlern als selbstdarstellerische Schwätzer berüchtigt sind. Auch die Überheblichkeit gegenüber den empirischen Wissenschaften ist leider eine unangenehme Tradition insbesondere hierzulande.

  7. Bleyfuß Antworten | Permalink

    Unübersehbar,

    dass die Gastgeber und Moderatoren sich fachfremdes Terrain begeben haben. Hier konnten sie nicht agieren sondern mussten sich vom (vermeintlichen) Experten Ganteför treiben lassen , was Peter Slotterdijk zwischenzeitlich selbst erkannte und mit der Metapher "Glaspalast" unfreiwillig selbstkritisch beschrieb.

  8. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Das Ganteför-Interregnum

    Die Ironie dieser Günteför-Vermittlung durch das philosophische Quartett ist die Vorgeschichte.
    Peter Sloterdijk, einer der beiden Leiter des Philosophischen Quartetts, hat sich schon früh mit ökologischen Fragen und dem Klimawandel im besonderen befasst. Im folgenden verlinkten Beitrag zu Hessen/Ypsilanti und Hermann Scheer äussert sich Sloterdijk so
    Alle Regierungen lassen sich von den großen Energieversorgern beraten, deren erste Sorge darin besteht, sehr lange Umstellungsfristen zu verlangen. Es wäre für sie ein Desaster, sollte sich erweisen, dass das alles ganz schnell gehen könnte, wenn nur der politische Wille dazu da wäre.

    In dieser Lage braucht man Experten, die beweisen, was bewiesen werden soll: Dass man bis zum Jahr 2030 vielleicht 20 Prozent aus alternativen Energien beziehen kann, und vielleicht 50 Prozent bis zum Jahr 2050. Man sieht allzu klar, wie der gekaufte Hase läuft: Er soll am besten nur sehr kleine Schritte machen. Aber wie wäre es, wenn die Technologien schon heute für mehr als einen kleinen Schritt ausreichten - wenn sie einen Sprung ermöglichten?"

    Wer die hier besprochene Sendung rezipiert hat, weiss auch, dass Sloterdijk Ganteför in seiner Selbtgewissheit ohne Kohle gehe es nicht auch einmal unterbrechen will mit der Frage (sinngemäss): Niemand zweifelt daran, dass schon bald 9 Milliarden Menschen leben werden, aber müssen diese denn auch automatisch die CO2-Emissionen erhöhen?? Damit will Sloterdijk andeuten, dass es noch andere Energiequellen als die fossilen gibt. Doch Ganteför antwortet dann (sinngemäss), dass diese dazukommenden Menschen sehr viel CO2 emittieren werden, sobald sie zu mehr Wohlstand kommen.

    Dass Sloterdijk der Klimawandel und eine couragierte Politik dagegen durchaus am Herzen liegt, zeigt auch das Interview hier.

    Warum ist Ganteför denn jetzt angesagt. Weil
    1) der Kyoto-Prozess mehr oder weniger gescheitert ist oder mindestens in der Klemme steckt, sind doch nach dem Aussteigen von Kanada, später Japan und Russland nur noch 15% der CO2-Emitter im Kioto-Nachfolgeprozess engagiert.
    2) Die CO2-Emissionen trotz Kioto und jahrzehntelangem Verhandeln immer stärker steigen (seit den 2000ern Anstieg der CO2-Emissionen um 3% pro Jahr anstatt 1% in den 1990ern.
    3) Die Länder mit dem stärksten Anstieg ihrer CO2-Emissionen (China, Indien) oder mit hohen nur langsam zurückgehenden Emissionen (die USA) sich zu nichts verpflichten wollen

    Was bietet Ganteför in dieser "Landschaft": Er bietet eine Art Trost. Ja wir schaffen es nicht von den fossilen Rohstoffen wegzukommen, aber das ist gar nicht so schlimm, denn es gibt ja noch wichtigeres auf dieser Erde, beispielsweise das starke Bevölkerungswachstum oder das nötige Wirtschaftswachstum und das benötigt die Kohle.
    Alles nicht so schlimm also, das bietet uns Ganteför's Klima-Interregnum.

    Hätte es denn besser kommen können mit der Klimapolitik? Meiner Ansicht nach schon.
    Anstatt fragwürdige Verhandlungen um Zusagen wer wieviel Prozent in welchem Zeitraum einspart, hätte man beispielsweise für jede Klimakonferenz (Cancun/Mexiko, Durban/Südafrika, etc.) einen Plan ausarbeiten können wie man im Austragungsland der Klimakonferenz den Anstieg der CO2-Emissionen stoppt und alle Teilnehmerländer hätten Expertise und Geld zum Gelingen dieses Plans beigetragen. Das wäre sehr viel praxisnäher gewesen. Zwar auch riskant, denn ein Scheitern beim Umsetzen wäre vielleicht Quelle von Unfrieden geworden. Doch wie sich gezeigt hat ist der Weg über Zusagen von Ländern, was sie in der Zukunft zu tun gedächten in Bezug auf den Klimawandel ebenso riskant.

  9. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Moderatoren des Zeitgeists

    Peter Sloterdijk, der 1.Kopf des Philosophischen Quartetts, der die hier besprochene Sendung mit Gerd Ganteför moderiert hat, kann in vielerlei Hinsicht mit Klaus Schwab, dem Gründer des World Economic Forum verglichen werden. Beide sind Generalisten und in gewisser Weise Moderatoren des Welt- und Zeitgeistes. Und für beide ist "Klimawandel" und "globale Erwärmung" ein Begriff mit dem sie sich erwiesenermassen schon auseinandergesetzt haben (Klaus Schwab hier: Zu den grössten Herausforderungen zählen für mich die Klimaerwärmung und der Terrorismus)
    Doch beide haben in jüngster Vergangenheit entweder "Entwarnung" bezüglich der Folgen des Klimawandels gegeben oder sogar eine wirtschaftliche Entwicklung propagiert, die den Klimawandel ignoriert. Klaus Schwab sagt im Interview zum Jahreswechsel 2011/12 im Tagesanzeiger (Zürich,CH): Ausserdem sind die USA eben daran, den Energiebereich zu revolutionieren. Sie haben eine Technologie entwickelt, mit der sich zu einem Gestehungspreis von rund 70 Dollar pro Barrel Öl aus Schiefergestein produzieren lässt, und werden so in der Energieversorgung autark. Da herrscht in einzelnen Regionen Goldgräberstimmung: ...... Wenn sie die Umweltprobleme lösen können und das Wasser rezyklieren, wird ein richiger Boom enstehen.
    Klaus Schwab preist hier (sicher wissentlich) eine Entwicklung als revolutionär, die nichts anderes macht als die fossile Energieversorgung zu deutlich höheren Umweltkosten zu verlängern.

    Peter Sloterdijk und der hier verlinkte Hinweis auf die Sendung mit Gerd Ganteför wiederum gibt auf raffinierte Art und Weise Entwarnung was die Folgen des Klimawandels angeht, nimmt er doch Bezug zur Kultur der Apokalypse, einer Kultur, der in Europa Personen wie Albrecht Dürer, Martin Luther oder Lukas Cranach gefrönt haben und die wohl eher auf eine Beeinflussung des Publikums schielt als vor einer wirklichen Gefahr warnt.

    Was bedeutet nun die "Bekehrung" (?) von Sloterdijk und Schwab von der Klimabesorgtheit zur Klimaunbekümmertheit für die Klimapolitik? Meiner Ansicht nach widerspiegelt die vermeintliche Wendehalsigkeit dieser Personen eine Phase des "Zeitgeists" - eine Phase der Ebbe, wo viele Abstand nehmen von ihren eigenen Vorsätzen und nun warten bis die Flut (oder gar der Tsunami?) wiederkommt.

  10. Georg Fries Antworten | Permalink

    Dankeschön

    Meinungen aus talkshows wie der von Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski zusammengestellten nun wieder, gibt es nicht selten in den deutschen Kulturwissenschaften seit dem "postmodern turn". Auf den selbsternannten "Skeptiker"seiten a la "Alles Schall und Rauch" etwa wurde gerne Professor Bolz als Autorität zum Thema interviewt. Bolz, gern auch in talkshows, ist ein Medienwissenschaftler, der einen recht simplen marktradikalen Fortschrittsglauben hat und gern vom "Design der Betroffenheit" spricht. Es ist im Grunde armselig, sich immer auf die gleichen Thesen zurückzuziehen. Aber es gelingt eben doch immer wieder und wiederholt sich seit gut 20 Jahren.
    Man ignoriert die Naturwissenschaft oder interpretiert sie falsch. Dafür wiederholt man zum xxxx-ten Male, wie sehr "die Deutschen" "den Untergang" "lieben".

    Ist es nicht fast witzig, daß dann Millionen vorm Fernseher sitzen und einem Eckart von Hirschhausen lauschen, dessen Witzchen sinngemäß (ich mag es nicht anschauen und verifizieren^^) so gehen: "....und da gibt es dann noch einen Hirnlappen, den nur die Deutschen haben. Den Jammerlappen".
    Hihihihihi....sagen dann Millionen. In Deutschland. Lustig, nicht :)?

    Und genau das ist das Argument, das auch Sloterdijk, Bolz und viele mehr immerzu verwenden. Mehr ist da nicht. Es bleibt nur ein Problem, wie man Wissen vermitteln könnte...

    Denn natürlich ist es fein, Sloterdijk - der, nebenbei, von einem lebenslangen Hass gegen linke Philosophen angetrieben zu sein scheint - anzuschauen, und dann gemütlich zu denken:
    "Ich wollte doch nächstes Jahr nach Kuba fliegen. (Da gibt es so leckere Schnitzel, schöne Frauen, man fühlt sich wie zuhause^^. Da muß ich hin!) Und dieser Wissenschaftler, und der Philosoph da, der ist doch berühmt - also die sagen auuuch.....na prima."

    Wie vermittelt man in diesem Szenario Wissenschaft... das bleibt schwierig.

  11. adenosine Antworten | Permalink

    effektives Handeln

    Entscheidend ist doch die Frage, ob die verfügbaren Mittel zur Anpassung an den CO2-Anstieg oder zur Vermeidung eingesetzt werden sollten. Wenn man sich den Trend von CO2-Emmisionen und Bevölkerungswachstum anschaut, ist es doch schon außerordentlich unwahrscheinlich, dass CO2-Vermeidungsmaßnahmen nennenswerte Wirkung zeigen werden. Welche Temperaturerhöhung daraus folgt, werden wir infolge der Unsicherheiten bei den feedback-Effekten wohl genau erst in Jahrzenten wissen. Sinnvollste vorbeugende Maßnahmen scheinen mir zu jetzigen Zeitpunkt Forschungsprojekte zum Geo-Engineering oder Klimaanpassung zu sein. Zur CO2-Vermeidung wäre es sinnvoller gewesen die Mittel der deutschen Solarstrom- oder Kohlesubventionen für den Ersatz von Kohlekraftwerken mit schlechtem Wirkungsgrad durch moderne Kohlekraftwerke zu verwenden. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik sinnvoll mit den vorhandenen Ressourcen umgeht ist unwahrscheinlich; die Ressourcen werden im Hinblick auf die größten Chancen zur Machterhaltung eingesetzt.

  12. Martin Huhn Antworten | Permalink


    Zur CO2-Vermeidung wäre es sinnvoller gewesen die Mittel der deutschen Solarstrom- oder Kohlesubventionen für den Ersatz von Kohlekraftwerken mit schlechtem Wirkungsgrad durch moderne Kohlekraftwerke zu verwenden.

    Das ist aber böse! Denn Kohle ist böse.
    Ich habe das auch nicht so richtig verstanden. Eine echte Alternative zur Energieerzeugung gibt es meines Wissens nach nicht. Vielleicht braucht es da auch erst einen gewissen Leidensdruck, damit die Anstrengungen intensiviert werden. Doch bislang gibt es noch nichts zufriedenstellendes. Doch bei den Kohlekraftwerken können neuere Werkstoffe verwendet werden, die höhere Betriebstemperaturen ermöglichen und somit einen höheren Wirkungsgrad haben. Alte vom Netz und neue ans Netz, damit könnte man schon einiges sparen. Aber weil Kohle ja böse ist ...

  13. Bleyfuß Antworten | Permalink

    Fotovoltaik

    Ein ganz fundamentaler Irrtum des Prof. Ganteför, und er ist damit durchaus nicht alleine, zb Bill Gates und einige Foristen haben sich ähnlich geäußert, ist, dass er die Erneuerbaren Energien als Luxusspielzeug abtut. Damit unterschätzt bzw. ignoriert er m.E. die gewaltige Dynamik vor allem der Fotovoltaikindustrie, die in ca. 4 Jahren die Modulpreise halbieren konnte und die seit Neujahr in Deutschland -und vermutl. nicht nur hier- die sog. Netzparität erreicht hat, d.h. die Vergütung nach dem EE Gesetz ist nicht höher als die Kosten für Haushaltsstrom. Vor 10 Jahren wäre man für diese These als Tagträumer verlacht worden. Aber ähnliche Entwicklungen haben ja schon "Quarz-Uhren" und Taschenrechner erfahren, nämlich, dass sie innerhalb von 2 Dekaden vom Luxusgut zum "give-away" mutierten.

    Darüber ließe sich doch prächtig filosofieren..

  14. Martin Holzherr Antworten | Permalink

    Frank Schätzing + der ungehobene Schatz

    Zu Gast beim "Klima-Philosophie-Quartett" war ja nicht nur Gert Ganteför, sondern auch Frank Schätzing, der Autor des durchaus themenrelevanten Buches "Limits". Doch Frank Schätzing diente nur als Garnitur und Stichwortgeber (er durfte Sloterdijk beipflichten was die Apokalypse-Kultur bei den Deutschen angeht ) .

    Dabei wäre der Inhalt von Frank Schätzings SF-Thriller "Limits" passend für eine Replik auf Gert Ganteförs These "Nur Kohle bringts" gewesen: Bei Limit handelt es sich um eine mit Dialogen vollgestopfte technikverliebte Weltraum-Abenteuergeschichte, in der fortgeschrittene nicht-fossile Energiegewinnungssysteme von superreichen privaten Investoren massiv gefördert, ja überhaupt erst ermöglicht werden. Ein Terrornetzwerk namens Hydra will die dazugehörige Infrastruktur - zu der unter anderem ein Weltraumlift gehört - zerstören und damit das Projekt um Jahrzehnte zurückwerfen (die eingesetzte Technologie ist die aneutronische Fusion, es wird aber auch von einer neuen Generation von Fotovoltaik gesprochen). Wie sich herausstellt, ist Hydra - die vermeintlich antiwestliche Terrororganisation - in Wirklichkeit ein Old-Boys-Netzwerk von hochgedienten Funktionären der Öl- und Kohleindustrie.

    Die Fossilindustrie will also gewaltsam den Durchbruch alternativer Technologien verhindern. Das wäre doch eine Gegenposition zu Ganteför gewesen: "Alternative (Nicht-Kohle)-Energien sind möglich und eventuell sogar kompetitiv, sie werden aber gerade darum von den Besitzern und Profiteuren von Öl, Kohle und Gas kleingeredet und mit allen Mitteln verhindert".

    Wahrscheinlich hat Peter Sloterdijk sogar mit dem Gedanken eines Streitgesprächs gespielt (warum sollte er Frank Schätzing sonst einladen), dies dann aber unterlassen. Vielleicht weil ihm Ganteförs Standpunkt so neu und provokativ erschien, dass er ihn nicht sofort "neutralisieren" wollte.

    Damit sind wir wieder bei der zentralen Frage nach zukünftigen nichtfossilen Energiequellen. Vom Autor dieses Beitrags - Carl-Friedrich Schleussner - wurde dies als vor allem politische Frage bewertet, andere Kommentatoren hier decken sich in der Einschätzung des Potentials von Alternativen mit der von Ganteför und wieder andere propagieren die Fotovoltaik.

    Meiner Ansicht nach wird die Frage nach alternativen Energiequellen weitherum falsch kommuniziert und mit falschen Begriffen und Ikonen assoziiert. Sogar Konzerne wie RWE (mit ihren vielen Kohlekraftwerken) bilden gerne ein paar hübsch arrangierte Windturbinen auf ihren Publikumsprospekten ab und unter Häuslebauern und Pro-Fotovoltaik-Politikern wird vomm selbst produzierten Solarstrom geschwärmt (Marke Eigenbräu), der den stolzen Besitzer autonom mache. Doch das mit der Autonomie ist eine Lüge, denn heute kommt Fotovoltaik nicht ohne ein gut ausgebautes Netz aus und lange Zeit dachte ich, was auf einer Lüge basiert kann nie zu einer echten Problemlösung heranreifen.

    Doch sogar die in der Produktion schwankenden Energiequellen Wind+Sonne können an der Basis eines stabilen, zuverlässigen Energienetzes stehen, wenn man nur bereit ist, die Energieversorgungsinfrastruktur vollkommen anders, eben angepasst an die neuen Energiequellen, zu organisieren. Auch mit heutiger Technologie lässt sich Strom für ganz Europa und Teile Nordafrikas mit rein regenerativen Quellen bereitstellen und dies zu durchaus konkurrenzfähigen Preisen. Dies hat der Physiker Gregor Czisch (siehe Spektrum der Wissenschaft Januar 2012) in seiner Arbeitsgruppe so durchgerechnet, dass möglichst tiefe Stromgestehungspreise resultieren. Sein Resultat: Es braucht ein interkontinentales Stromverbundsnetz, das sich von Europa bis Afrika (Vom Ural bis nach Irland, von Skandinavien bis in den Tschad) erstreckt und man muss vor allem auf Windenergie an günstigen und sich ergänzenden Standorten setzen um schon in den nächsten beiden Jahrzehnten 20 und mehr Prozent des Stroms regenerativ zu erzeugen. Nach Czischs Abschätzungen ergänzen sich afrikanische Sommerwinde bestens mit europäischen Winterwinden und die verbleibenden Schwankungen können mit Biomasse- und Wasserkraftwerken aufgefangen werden. Desertec übrigens kommt bei Csisch's Analyse schlecht weg: Auf Solarthermie zu setzen bedeute noch lange zu warten, denn der jährliche Zuwachs in der Solarthermie sei gering, viel geringer als bei der Windenergie.

  15. Christoph Bals Antworten | Permalink

    Green Climate Fund

    Eine kleine Anmerkung: Leider ist auch die Korrektur bezüglich des Green Climate Fund noch nicht wirklich korrekt. (In zahlreichen Presseartikeln findet sich der gleiche Fehler). Es wurde zunächst in Kopenhagen und dann in Cancun und Durban zwar Unterstützung der Industrieländer für den Schutz des Klimas, des Waldes und der Anpassung in Entwicklungsländern zugesagt. Diese 100 Mrd Dollar sollen sich aber aus zusätzlichen öffentlichen und privaten Geldströmen zusammensetzen - und es ist nirgends gesagt, welcher Anteil davon über den parallel beschlossenen Green Climate Fund abgewickelt werden soll.

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