01. September 2011, 20:04
Meistens sind wir so sehr gefangen im Alltag, dass wir gar nicht merken, wie unglaublich eigentlich jeder Tag und jeder gelebte Moment ist. Wir nehmen alles so selbstverständlich hin, stehen morgens auf, frühstücken, fahren zur Arbeit etc. und bewegen uns dabei durch eine Welt, die - wenn wir uns die Zeit nehmen, in Ruhe darüber nachzudenken - eigentlich alles andere als selbstverständlich ist.
Eine komplexe, interdisziplinäre Frage
Die Frage danach, woher diese Welt und wir selbst kommen, ist, wie wir mittlerweile erahnen können, extrem komplex. Unter'm Strich müssen wir feststellen, dass wir nur einen kleinen Bruchteil davon verstanden haben, wie es dazu kommen konnte, dass ein sich seiner selbst bewusster Mensch auf dieser Erde existiert, seine Umgebung wahrnimmt und aktiv gestaltet.
Meines Erachtens gibt es auf die Frage "Woher kommen wir?" fünf verschiedene Verständnisebenen:
- die kosmologische Ebene: Ursprung des Universums
- die physikalische Ebene: Ursprung der Materie und Kräfte
- die chemische Ebene: Ursprung der Elementvielfalt
- die biologische Ebene: Ursprung von Leben
- die kognitive Ebene: Ursprung einer sich selbst bewussten Lebensform
Zu den ersten dreien möchte ich hier und jetzt etwas sagen und zu den letzten beiden sind Experten eingeladen etwas beizusteuern - z.B. über die Kommentarfunktion. Meine Anmerkungen müssen bruchstückhaft ausfallen, aber ich verlinke auf mein Weblexikon zum Vertiefen von Themen und gerne können wir hier offen Gebliebenes diskutieren.
Wo der Kosmos herkommt
Die stoffliche Welt, die uns umgibt, musste zunächst eine "Bühne" haben, auf der alles geschieht, nämlich Raum und Zeit. Nach dem, was wir heute in der modernen Kosmologie zu wissen glauben, wurde das Universum selbst vor 13,7 Milliarden Jahren im Urknall (Blog post "Der Urknall - 5 Gründe daran zu glauben") geboren. Allein das ist, finde ich, eine Erkenntnis ungeheurer Tragweite: Der Kosmos war nicht schon immer da, sondern "er kam auf die Welt, wie ein Menschenkind". Noch vor 100 Jahren dachte man, dass das Universum statisch sei: "Es war schon immer da, und es wird auch ewig da bleiben." Von wegen. Diese Weltengeburt wird durch mehrere voneinander unabhängige, astronomische Beobachtungen gestützt: die kosmische Hintergrundstrahlung, die großräumige Verteilung und Bewegung der Galaxien, die Verteilung der leichtesten, chemischen Elemente und entfernte Explosionen von bestimmten Sternen.
Es bleibt festzuhalten, dass diese Befunde nur belegen, dass das Universum vor endlicher Zeit in einem räumlich kleinen und heißen Zustand begann. Unklar ist bis heute, ob dieser Zustand im Prinzip unendlich klein war - die Urknallsingularität, wie wir mit der Allgemeinen Relativitätstheorie folgern müssten - oder doch von endlicher, räumlicher Ausdehnung. Und über das "Davor" wird erst recht keine Aussage gemacht. Dazu gibt es eine Reihe physikalischer Modelle (im Rahmen der Quantenkosmologie Hawkings, der Stringtheorie oder auch der Loop-Quantengravitation), aber die Forscher können sie (noch) nicht testen, so dass man sie als Spekulation bezeichnen muss.
Fakt ist: Der Kosmos ist da. Außerdem entwickelt er sich, insbesondere auch das, was sich darin befindet: die Materie. Interessanterweise haben Kosmos, Raum, Zeit und Materie sehr viel miteinander zu tun und können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden, wie uns Albert Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie lehrt: Die kosmische Bühne entwickelt sich so, wie wir es beobachten aufgrund der darin befindlichen Energie und Materie - und in einer komplizierten, nicht linearen Rückwirkung darauf, verhalten sich Energie und Materie im Universum so, wie es die Dynamik der kosmische Bühne diktiert.
Der Stoff, aus dem der Kosmos ist
Das Universum ist nichts ohne das Materielle darin. Um zu erklären, woher die Materie kommt, muss man verstehen, was mit Materie und mit den Kräften, die die Materie zusammenhalten, geschehen, wenn sich die Umgebungstemperatur ändert. Denn kurz nach dem Urknall war das Milieu unvorstellbar heiß, ca. 10^32 Grad (Planck-Temperatur), und es kühlte sich durch die Ausdehnung des Universums rapide ab. Schon knapp 400.000 Jahre nach dem Urknall war der Kosmos durchschnittlich nur 3000 Grad "heiß".
Die Materie und die Kräfte haben schon während der drei ersten kosmischen Minuten einiges durchgemacht. Wir kennen auf der Erde vier fundamentale Naturkräfte in der Physik: die Schwerkraft, die elektromagnetische, die schwache und die starke Kraft. Sie haben unterschiedliche Reichweiten, betreffen unterschiedliche Teilchen (je nach ihrer Ladung) und bewirken damit auch ganz unterschiedliche Effekte. So hält uns die Schwerkraft, die zwischen Massen wirkt, am Erdboden. Die elektromagnetische Kraft hält unseren Körper zusammen und verhindert, dass wir durch den Erdboden in den Erdmittelpunkt fallen. Die schwache Kraft verhindert, dass die Teilchen in unserem Körper zerfallen, sonst würden wir regelrecht zerfließen. Und die starke Kraft hält die Teilchen in den Atomkernen unseres Körpers zusammen. Alles paletti, dank raffiniert ausgeklügelter Kräftewirkungen.
Aber die Gesetze der modernen Teilchenphysik besagen, dass wir besondere Verhältnisse, insbesondere eine besondere Umgebungstemperatur haben. Steigt die Temperatur, so verändern sich die vier Naturkräfte. Sie "verschmelzen" und verändern dabei ihren Charakter. Eine erste Verschmelzungsstufe ist die sog. elektroschwache Kraft, bei der elektromagnetische und schwache Kraft "zusammenwachsen". Sie werden damit ununterscheidbar. Dass das nicht ein bloßes Hirngespinst ist, wurde per Experiment bestätigt. Denn in der elektroschwachen Theorie treten neue Teilchen auf, die tatsächlich am Teilchenbeschleuniger am CERN entdeckt wurde. Dafür gab's auch einen Nobelpreis für Physik. Also keine schlechte Idee, dieser Verschmelzungsansatz.
Deshalb gehen diese Bestrebungen, die der Physiker mit "Vereinheitlichung der Kräfte" bezeichnet, mittlerweile weiter - auch in vollkommenes Neuland, das bislang nicht experimentell zugänglich ist. Das Tolle daran ist, dass diese Theorien uns etwas über die allerfrühesten Phasen kosmischer Entwicklung verraten. Sie besagen z.B., dass schon 10^-36 Sekunden nach dem Urknall die ersten superschweren Teilchen entstanden sein sollen. Wir reden hier nicht von Atomen, sondern von "Vorläuferteilchen", die, wie die theoretische Teilchenphysik offen legt, nötig sind, um den Ursprung der chemischen Elemente und Atome ableiten zu können. Längst ist nicht alles klar, was sich so früh nach dem Urknall genau abgespielt hatte, aber die Lehrmeinung favorisiert extrem schwere Teilchen, genannt Leptoquarks, die in dieser sehr frühen Epoche, der sog. GUT-Ära, entstanden sein sollen. GUT steht für Große Vereinheitliche Theorien (engl. Grand Unified Theories) und stellt eine Theorie dar, in der elektromagnetische, schwache und starke Kraft zu einer einzigen Kraft, genannt X-Kraft, verschmolzen sein sollen. In der GUT-Ära herrschen also nur X-Kraft und Gravitation.
Die schweren Leptoquarks sollen am Ende der GUT-Epoche in Materie und Antimaterie - also gewöhnliche Quarks und Leptonen - zerfallen sein. Dieser Zerfall geschah asymmetrisch zugunsten der Materie. Wir beobachten ja, dass es kaum Antimaterie um uns herum und im Kosmos gibt. Dieses Missverhältnis, dem wir unsere Existenz verdanken, hatte vermutlich seinen Anfang in der GUT-Epoche genommen *).
So entstanden also Quarks und Leptonen als elementare Bausteine der Materie, die sich danach - nachdem der Kosmos noch weiter abgekühlt war - zu Teilchen zusammenfügten. Drei Quarks bilden die Baryonen, z.B. Proton und Neutron. Zwei Quarks fügen sich zu einem Meson zusammen, z.B. dem Pion. Die Baryonen fanden sich wiederum zusammen, um z.B. Atomkerne wie Wasserstoff oder Helium zu bilden. Und die Leptonen, dazu gehören Elektronen, Positronen, Myonen, Neutrinos u.a. blieben frei oder wurden eingefangen. So bildeten sich drei Minuten nach dem Urknall die leichtesten neutralen Atome mit einem elektrisch positiv geladenen Atomkern, der aus Protonen und Neutronen besteht, sowie einer elektrisch negativ geladenen Hülle aus Elektronen. In der Fachsprache sprechen die Kosmologen von primordialer Nukleosynthese, der Entstehung von Atomkernen kurz nach dem Urknall. In dieser Epoche entstanden die bis heute am häufigsten vertretenen Elemente im Kosmos: Wasserstoff (75%) und Helium (25%) - alle anderen Elemente sind gewissermaßen kosmische Spurenelemente.
Erst mit der Entstehung der ersten neutralen Atome war auch der Weg frei, dass die darin enthaltene Wärmestrahlung, die zuvor noch in der elektrisch geladenen Ursuppe gefangen war, frei wurde. Sie machte sich auf den Weg in den sich ausdehnenden Kosmos und heute beobachten wir sie noch - infolge der kosmischen Ausdehnung stark abgekühlt bei nur knapp drei Kelvin - als kosmische Hintergrundstrahlung.
Die Gravitation übernimmt das Ruder
Nach all dieser Kern- und Teilchenphysik kam dann endlich die Astrophysik ins Spiel. Denn die fein verteilte Materie aus leichten chemischen Elementen, im Wesentlichen Wasserstoff und Helium, wurde nun von der Gravitation "massiert". Die schwächste aller vier Naturkräfte dominierte seither das weitere Schicksal des Universums und schuf Strukturen: Klumpen, die zu Sternen wurden; Sternansammlungen, die zu Galaxien wurden; und Galaxienansammlungen, die zu Galaxienhaufen und Galaxiensuperhaufen wurden, den größten gebundenen Systemen im Kosmos.
Sterne sind für den kosmischen Materiehaushalt ganz wichtig, denn erst sie bildeten die schwereren, chemischen Elemente in ihrem Innern über die Fusion von leichten Atomkernen. Ohne Sterne, kein breitgefächerter Element-Cocktail. Nicht einmal Wasser wäre in die Welt gekommen, da zum Wasserstoff (H) der Sauerstoff (O) fehlte. Den Stoff, den wir atmen, stellten erst die Sterne her - und das in einer Zeit von wenigen hundert Millionen Jahren nach dem Urknall. Im Unterschied zur oben erwähnten primordialen Nukleosynthese, reden die Astrophysiker hier von der stellaren Nukleosynthese, und meinen damit die Elemententstehung in Inneren von Sternen.
Um Elemente schwerer als Eisen herzustellen mussten massereiche Sterne sterben, denn erst die heißen Explosionsfronten der Supernovae (Typ II), ermöglichen Kernreaktionen, um Gold, Blei & Co. entstehen zu lassen. Diese dritte Form der Nukleosynthese heißt daher explosive Nukleosynthese.
Und auch hier sei betont, dass bei weitem nicht alles klar ist: Ursprung der gewöhnlichen Materie schön und gut; aber das macht im lokalen Universum nur 4% aus. Der große Rest steckt in rätselhaften dunklen Formen, Dunkler Materie und Dunkler Energie, deren Vorkommen indirekt messbar ist, deren Natur aber nicht bekannt ist. Wir neigen zum Prahlen mit unserer modernen Wissensgesellschaft, aber 96% des kosmischen Energiebudgets sind nicht verstanden.
Der Weg ins Sonnensystem und zu Leben
Die unbelebte Materie fand also ihren Weg in den Kosmos, und es dauerte ein paar Milliarden Jahre, bis die chemische Elementvielfalt vorhanden war, um der Materie Leben einzuhauchen. Vor 4,5 Milliarden Jahre entstand unser Sonnensystem: ein riesiger, leuchtender Wasserstoff-Gasball, der von einer kalten, "staubigen" Materiescheibe umkreist wurde. In der Scheibe bildeten sich die Planeten (wie genau, auch das noch eine Herausforderung an die Naturwissenschaften) und schließlich die Erde.
Auf diesem unbelebten Planet geschah etwas für uns bislang Einzigartiges, das Wunder des Lebens, über das ich mich mangels Sachkenntnis leider nicht auslassen kann. Offenbar muss es dafür bestimmte Voraussetzungen geben, denn bei den anderen Planeten und Monden des Sonnensystems fanden wir bislang kein Leben. Ein Puzzleteil im Verständnis dieser Vorgänge stellt sicher das Miller-Urey-Experiment aus dem Jahr 1953 dar, bei dem die Bausteine des Lebens (Aminosäuren) in einer einfachen Modellatmosphäre für die Erde erschaffen werden konnten.
Aber zu Leben gehört mehr als nur ein paar organische Bausteine. Ein weiteres Puzzlestück dürfte die Kohlenstoff-Chemie sein, nämlich dass irdisches Leben auf dem kosmisch recht häufig vorkommenden und vierbindigen Element Kohlenstoff basiert. Allein die Chemie dieses Elements erklärt schon einiges der beobachteten Vielfalt und Reaktionsverhaltens des kohlenstoffbasierten Lebens.
Aber Leben ist nicht gleich Leben. Einigen Lebensformen, nämlich uns Menschen, gelang es sogar, sich ihrer selbst gewahr zu werden - eine Fähigkeit, die der gemeinen Alge oder Amöbe verwehrt blieb. Dank unserer Erinnerungsfähigkeit können wir lernen und planen; dank unserer Fähigkeit soziale Netzwerke zu bilden können wir kooperieren und eine Schwarmintelligenz ausbilden, die die Leistungsfähigkeit eines Individuums um ein Vielfaches übertrifft. Eine wissenschaftliche Beschreibung dieser Sachverhalte geht natürlich weit über die Physik hinaus.
Nichts ist selbstverständlich
Aufstehen, sich ernähren, sich durch die Welt bewegen, interagieren, gestalten, verstehen - für uns sind das banale Automatismen geworden, was sie eigentlich nicht sind. Dieses Handeln und dieses Leben in Zyklen ist eine Konsequenz einer faszinierenden, kosmischen Geschichte vom Werden und Vergehen.
Unsere wissenschaftliche Arbeit hat schon so manches Geheimnis der Natur gelüftet und doch dürfen wir uns nicht der Versuchung hingeben zu glauben, schon alles verstanden zu haben - im Gegenteil. Nichts ist in diesem Zusammenhang treffender als die Sokratische Einsicht "Ich weiß, dass ich nichts weiß." Aber erstaunlich weit gediehen ist unser Verständnis schon; weit genug, um uns einen Eindruck zu geben, dass wir in einer wundersamen, raffinierten Welt voller Schönheiten leben, die es zu entdecken und zu bestaunen gilt.
*) Hinweis auf "Sterne und Weltraum", Oktoberheft 2011, Artikel "Das Rätsel der Antimaterie" von Peter Fierlinger
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