04. März 2011, 17:57
Ich möchte die gesellschaftliche Aufmerksamkeit für das Thema nutzen, und einen weiteren Punkt ansprechen.
Die Notwendigkeit wissenschaftlichen PublizierensForschen allein ist nur ein Teil der Wissenschaft. Damit die Ergebnisse von Forschungsarbeiten bekannt werden, müssen sie auch veröffentlicht werden. Andere Wissenschaftler lesen dann diese Arbeiten und nehmen Bezug darauf, d.h. sie zitieren ihrerseits die Veröffentlichung - vorausgesetzt sie halten die gute, wissenschaftliche Praxis ein. Wissenschaftler, die wichtige Entdeckungen gemacht haben, werden häufiger zitiert und werden so bekannter. Darauf resultieren Sichtbarkeit, Renommee und Erfolg eines Wissenschaftlers.
So baut die Wissenschaft Stück für Stück, Publikation für Publikation ein wissenschaftliches Weltbild auf. Manchmal stellen die Wissenschaftler dabei fest, dass ein Forschungsresultat nicht korrekt ist - sie widerlegen eine Arbeit und reißen an diesen Stellen das wissenschaftliche "Gebäude" ab und ersetzen es durch einen "Neubau", eine neue Hypothese oder sogar eine neue Theorie. Wissenschaft ist somit von Natur aus vorläufig und wird ständig angezweifelt, bestätigt oder widerlegt. Irgendwann stellt man fest, dass sich eine Hypothese oder Theorie vielfach bewährt hat. Dann wird sie zum festen Bestandteil des wissenschaftlichen Weltbildes und zur gängigen Lehrmeinung (schöne Lektüre an dieser Stelle ist Poppers "Logik der Forschung").
Begutachtung steht vor der VeröffentlichungDie Veröffentlichung geschieht in der Physik in Fachzeitschriften wie z.B. "nature", "Science" oder den "Physical Review Letters". Die Zeitschriften verlangen für den Abdruck bzw. die Veröffentlichung im Web Geld vom Autor, das sein Institut zahlt.
Bis es aber zum Abdruck kommt, muss die Forschungsarbeit begutachtet werden. Ist es ein neues Resultat oder eine neue Methode? Wurde alles nach wissenschaftlichen Kriterien richtig gemacht? Genügen Inhalt, Form und Umfang den Vorgaben des Fachjournals? Die wissenschaftliche Richtigkeit und Plausibilität können nur Experten beurteilen. Deshalb zieht der Chefredakteur des jeweiligen Journals andere Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu Rate. Dieses Vorgehen nennt man den
peer review process. Die Gutachter heißen
peers oder
referees. Die Begutachtung kann sich ganz nach Thema und Umfang der Arbeit über mehrere Monate und Jahre hinziehen.
Damit man als Wissenschaftler nicht so lange warten muss, bis das Forschungsergebnis endlich veröffentlicht wurde, kann man den Claim schon vorher abstecken und sie vorab veröffentlichen. Dazu dienen sog. Preprint-Server wie
arXiv.org. Das Manuskript kann hier als PDF gepostet werden und kurze Zeit später steht es der wissenschaftlichen Community zur Verfügung - auch wenn es noch gar nicht begutachtet wurde. Es entspricht (zumindest in der Astronomie) der guten Praxis mit der Veröffentlichung auf dem Preprint-Server zu warten, bis das Manuskript begutachtet und für den Abdruck als gut befunden wurde. Aber es gibt auch manchmal Ausnahmen.
Noch mehr Arbeit: Konferenzbeiträge Neben den Veröffentlichungen von Forschungsarbeiten in Zeitschriften gibt es noch Beiträge zu Konferenzbänden - sog.
proceedings. Denn zum Wissenschaftsmarketing gehört auch, dass der Wissenschaftler seine Ergebnisse auf Tagungen, Workshops und Konferenzen in einem Vortrag oder Poster vorstellt. Im Prinzip ist es nur eine andere Form, wie die Ergebnisse präsentiert werden. Zu vielen Konferenzen erscheinen Konferenzbände, bei denen erwartet wird, dass der Wissenschaftler seine Präsentation als Manuskript vorbereitet und an die Herausgeber des Konferenzbandes schickt. Typischerweise erscheint das, was anderswo bereits in einem Fachjournal publiziert wurde, nochmal als mindestens ein Proceeding. Es ist eine irrsinnige Redundanz.
Reviews, Bücher, PopulärwissenschaftAls dritte Form neben den papers in Fachjournalen und den proceedings in Konferenzbänden gibt es noch die reviews. Damit sind Zusammenfassungen zu einem Forschungsthema gemeint, die umfassender eine langfristige Entwicklung in einem Forschungsfeld vorstellen. Sie dienen dazu, um sich schnell in ein Thema einzuarbeiten und auf den aktuellen Stand der Forschung zu kommen.
Schließlich schreiben die Wissenschaftler auch Bücher, sowohl populärwissenschaftliche Bücher (
popular books), als auch Lehrbücher (
textbooks), die z.B. auf einem erfolgreichen Vorlesungsskript beruhen.
Außerdem schreiben einige auch populärwissenschaftliche Artikel, z.B. in "
Sterne und Weltraum", um ihre Forschungsthemen einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Publikationsliste: Aussage über die Qualität eines WissenschaftlersWenn heutzutage ein Wissenschaftler eingestellt wird, dann muss er seine Publikationsliste vorweisen. Dieses Portfolio stellt alle Publikationen zusammen, typischerweise chronologisch geordnet, inklusive Angabe von Titel, ggf. Koautoren sowie Name, Ausgabe und Seite in der jeweiligen Zeitschrift. In der Astronomie sieht das z.B. so aus:
Müller & Wold: "On the Signatures of Gravitational Redshift: The Onset of Relativistic Emission Lines", A&A 457, 485, 2006. Heutzutage kann man in Online-Archiven (z.B.
ADS von der NASA) nach der Publikation (
paper) suchen, sie herunterladen und sogar analysieren, in welchen anderen Arbeiten das Paper zitiert wurde. Eine wichtige und wegweisende Publikation wird erwartungsgemäß häufiger zitiert. Daraus kann man eine Wissenschaft für sich machen und diverses Qualitätsmanagement betreiben, indem man z.B. die am meisten zitierte Forschungsarbeit eines Wissenschaftlers herausfindet oder seinen
Hirsch-Index bestimmt. Nach wie vor ist schlichtweg die Gesamtzahl aller Publikationen eines Wissenschaftlers eine wichtige Kenngröße, um etwas über die Qualität eines Wissenschaftlers aussagen zu wollen; getreu dem Motto: Je mehr er veröffentlicht, umso aktiver und sichtbarer ist er. Ob sich daraus wissenschaftliche Qualität ableitet darf bestritten werden.
Kritik an der Umsetzung des peer reviewNach diesen längeren Ausführungen zur gängigen Praxis wissenschaftlichen Publizierens möchte ich nun zu den eigentlichen Punkten des Blogbeitrags kommen. Die erste Kritik richtet sich auf die tatsächliche Umsetzung der Begutachtung - die Mängel sind auch in Guttenbergs Plagiat-Affäre angeklungen. Kaum ein Gutachter nimmt sich noch richtig Zeit, um die Manuskripte - sei es ein Paper, sei es eine Doktorarbeit - eingehend zu prüfen. Das kann daran liegen, weil der Gutachter fachlich nicht geeignet ist; viel häufiger ist es schlichtweg ein Zeitproblem. Die Begutachtung ist eine wichtige und ehrenvolle, aber eigentlich sehr undankbare Aufgabe. Denn in der Regel bleibt der Gutachter anonym und wird niemals mit der begutachteten Arbeit in Verbindung gebracht. Das ist im Prinzip gut so, um keine Abhängigkeiten zu schaffen oder Interessenskonflikte zu schüren. Unterm Strich macht sich aber jemand viel Arbeit und bekommt dafür nichts: weder Ruhm und nicht einmal ein Honorar. Der Begutachtungsjob wird also gar nicht mal so selten stiefmütterlich erledigt und nicht 100%ig sorgfältig - klar, die Begutachter sind hochbeschäftigte Wissenschaftler und müssen selbst vorankommen. Wie er die Frage beantwortet, ob er ein Manuskript begutachtet oder lieber selbst ein paper schreibt, dürfte klar sein.
Dass der peer review nicht immer funktioniert, erkennt man klar an begutachteten Arbeiten, die sich später als Mangelware entpuppen, die in harmlosen Fällen Typos und Rechenfehler enthalten und in schwerwiegenden Fällen Plagiate à la Guttenberg oder gar gefälschte Ergebnisse aufweisen. Dann müssen Errata erscheinen, die hinterher zum Paper nachgedruckt werden müssen, weil eklatante Fehler aufgeflogen sind.
Kritik an der paper-FlutMeine zweite Kritik richtet sich auf die täglich erscheindende paper-Flut. Ein Beispiel: Alleine zum Spezialthema "Schwarzes Loch" (
black hole) erschienen auf dem Preprint-Server arXiv im Jahr 2010 mehr als 1000 preprints! Das sind also ungefähr 100 papers pro Monat oder drei pro Tag. Möchte man als Wissenschaftler mit Expertise in "Schwarzen Löchern" am Ball bleiben, so müsste man alle diese Veröffentlichungen studieren - illusorisch!
Schaut man genauer hin, woher diese Flut kommt, so findet man unter den Veröffentlichungen eine ganze Menge proceedings, also in der Regel Konferenzbeiträge, wo ein Autor das anderswo publizierte Thema wieder und wieder durchkaut. Auch die proceedings werden in der Regel begutachtet. Unterm Strich ergibt sich folgendes Problem: Referee und Autor verlieren beide viel Zeit, und es bringt im Prinzip keinem etwas, erst recht keinen wissenschaftlichen Fortschritt - eine "Lose-Lose-Situation"!
Was will der eigentlich?Daher mein Vorschlag: Schafft die proceedings ab! Viele davon verrotten als dicker, ungelesener Konferenzband-Schinken in der hintersten Ecke der Bibliothek. Also bitte mehr Ehrlichkeit in der Wissenschaft und nur wirklich Neues publizieren - unnötige Publikationen vermeiden! Aber wer macht das in freiwilliger Ehrlichkeit, wenn der nächste Job an der Zahl der Gesamtpublikationen gemessen wird? Also sollten sich im Wissenschaftsbetrieb auch die Einstellungskriterien ändern.
Ich wünsche mir persönlich - vielleicht etwas naiv - eine wissenschaftliche Welt, in der nur relevante Arbeiten mit echten Durchbrüchen publiziert werden, ansonsten bitte nur die Referenz als Zitat angeben. Unsere Welt wäre eine effizientere und ehrlichere. Die gewonnene Zeit könnte man als Wissenschaftler in einen sorgfältigen peer review stecken - und die Bäume würden es uns auch danken.
Ich kann natürlich nur für einen bestimmten Teil der Wissenschaft sprechen, nämlich für die Physik und Astronomie. Daher meine Frage an die Akademiker: Wie sieht das in anderen wissenschaftlichen Communities aus, z.B. in den Geisteswissenschaften? Ähnlich schlimm? Ihr Kommentar ist willkommen!
PS: Übrigens auch lesenswert ist das Editorial im aktuellen
Physik-Journal 3/2011 der DPG zum Thema "Open Access".
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