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Plötzlich Prinzessin - Weltraumausrüstungen in Ost und West, in Science & Fiction

19. Mai 2012, 19:27

Im März war ich im historischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan und im April dokumentierte ich eine marsianische Eishöhlenmission des österreichischen Raumanzugs Aouda. Jetzt habe ich diese beiden Ereignisse noch einmal doku-filmisch aufbereitet und verschiedene Vergleiche von Raumanzügen, Raketen und Kapseln, von Science und Fiction angestellt:

Sehen Sie hier eine etwa zehnminütige Doku über den Anzug "Aouda" als Interview mit FlightDirector Alex und SuitTester Daniel beim Pressetermin am Sa, dem 28.4.: 

Also, von den Amis weiß man, dass sie Astronautenanzüge machen können und Menschen darin überleben - und von den Russen weiß man das auch. Aber die Österreicher??? Können die das wirklich? Ok, klar, man fliegt ja hier noch nicht in den Weltraum, sondern stapft "nur" durch Eishöhlen, aber auch das ist gefährlich. So ein Anzug,

  • der den Insassen quasinach außen hin durch den Krach von Lüfterventilatoren und anderem taub macht; 
  • der seinen Insassen künstlich mit sauerstoffreicher Zuluft versorgen muss und dafür die CO_2-reiche Abluft künstlich abführen muss
  • der sein Gesichtsfeld durch seine riesigen Ausmaße sehr einschränkt [ich meine, ich kann durchaus noch als schlank durchgehen - zumindest sehe ich normalerweise meine Füße, ohne mich bücken zu müssen ... im Anzug sehe ich sie gar nicht, denn ich kann mich nicht hinreichend weit bücken]
  • der 45 kg wiegt und die motorischen Fähigkeiten durch Gewichte und Gummibänder weiterhin einschränkt
  • der auch alle anderen lebenserhaltenden Bedürfnisse während der Arbeit im Anzug befriedigen muss: der Insasse muss essen, trinken und auf Klo gehen können ... 

Derartige Zweifel treiben natürlich auch die Entwickler ständig um und so wurde eine Münchener Firma damit beauftragt, den Raumanzug auf menschensicher zu überprüfen. Dabei wurde weniger die Weltraumtauglichkeit geprüft, denn so weit ist es noch nicht. Aber es wurde geprüft, ob man in dieses hermetisch fast abgeschlossene System einen Menschen hineinschnüren darf und ob man es auch unter den abwechselnden Klimaten von Eishöhlen in Mitteleuropa und der marokkanischen Sahara tun darf. Die Entwickler loben die Tester sehr, da sie sogar Dinge geprüft haben, auf die man selbst gar nicht gekommen sei, sagt Gernot Grömer (ÖWF). Abschließend wurde der Aouda aber ein Sicherheitszertifikat ausgestellt. Sie hatte alle Tests mit Bravur bestanden!

Die Aouda nun quasi "TÜV"-geprüft.

Trotzdem verlässt man sich nicht einfach auf diesen Erfolg, sondern arbeitet und forscht zielstrebig weiter. Ein medizinisches Team von Forschern experimentiert mit dem Insassen des Anzugs und überwacht Daniel während seiner Arbeiten in der Höhle. Natürlich - wir haben's im Film gehört - sind auch stets Sanitäter dabei und die Lage wird stets gesichert: "Safety muss bleiben".

Sogar an die Schneeketten wurde gedacht! Man kann sich, wie gesagt, nicht leichtfüßig auf unbekanntem Mars-Terrain so bewegen wie auf der Erde. Der Tester bekommt deshalb Schneeketten an die Stiefel - ihre sagenhaft harten Metallspitzen hört man auf dem steinigen Boden vor der Höhle silberhell scheppern. "Klingklking, der Anzug kommt" ... als wenn man es nicht schon durch das Heulen der Lüfter bemerkt hätte. Es ist schon ein komisches Geräusch von diesem 100 kg-Koloss (Anzug pus Mensch).

Also, nun nochmal langsam, zum mitlesen:

Der Anzugtester zieht zuerst einen Unterwäsche an. Richtige Unterwäsche von Kosmonauten ist ein Korsette aus Schläuchen, die für die Versorgung des Menschen im Anzug dienen und zur Entsorgung seiner Abfälle. So einen Anzug habe ich in Baikonur an der International Space School an der Wand hängen sehen (Foto: F. Dreithaler).

Die Unterwäsche unserer österreichischen Kollegen ist schwarz, aber nicht minder mit Schläuchen durchzogen und mit zahlreichen Haken bestückt, um diverse Teile der Oberbekleidung daran zu befestigen (siehe Foto links von Frank Dreithaler). Außerdem enthält sie zahlreiche Gummizüge, die die Bewegung erschweren.

Ich trug dabei ein "Ersatzhemd" der Unterwäsche, als ich mich darauf vorbereite, den Anzug nun selbst übergestülpt zu bekommen.

Die Handschuhe sind ebenfalls dreilagig: Erst zieht man einen weißen Stoffhandschuh an (den ich hier aus Zeitgründen weggelassen haben). Darüber kommt ein "Borg"handschuh mit zahlreichen Drähten für die Sensoren an den Fingerspitzen und Anschlüssen. Der sieht ungefähr aus wie meine Fahrradhandschuhe daheim.

Darüber schließlich kommen dann die Silberlinge, die vorher schon neben Schneehügeln im Schatten auf ihren Gebrauch warten. Die zwei oberen Lagen der Handschuhe können aber erst angzogen werden, nachdem der eigentliche Oberanzug sitzt. Dazu erforderte es bei mir allein drei Anläufe ... natürlich, ... es musste ja schnell gehen.

Also, zuerst einmal hinknien und Arme hoch! Dann heben zwei Helferlinge den schweren Anzug von seinem Podest, auf dem er auf seinen Träger wartet.

Es ist gar nicht so einfach, den richtigen Eingang für jeden Arm zu finden. Schließlich gibt's da ein Kunststoff-Schulterpolster wie bei einem Rucksack und einen Arme-Abspreizer in den Achselhöhlen. Begleitet werden die Arme von zahlreichen Kabeln und Schläuchen ... Da muss sich die Prinzessin öfter mal von einer Kammerzofe unter den "Rock" fassen lassen, damit die zahlreichen Utensilien in dem Anzug auch richtig sortiert sind.

Ein echter Raumfahrer müsste sich in einem solchen Anzug in eine Raumkapsel quetschen. In Baikonur haben wir eine solche (ausgediente) Kapsel in der Schule stehen sehen und von innen fotografiert. Leider war natürlich ausgerechnet an jenem Nachmittag meine Speicherkarte irgendwann voll und ich greife hier auf Fotos von Kollegen zurück:

[Fotos von Arndt Latußeck]

Die Hartschale unten links, die hier gerade noch im Bild ist, wird von dem Raumfahrenden besetzt. Man kriegt auf dem Bild, das von der Luke aus aufgenommen wurde, einen Eindruck von der Enge in diesem echten Raumschiff, in dem zwei bis drei Insassen Platz finden. Unten ist nochmal zu sehen, wie das mit einem Insassen aussehen würde:

Nach einem sehr langen Flug wäre man dann vllt irgendwann beim Mars angekommen. Dann würde man dort aussteigen, herumspazieren und vielleicht tatsächlich auf Eishöhlen stoßen und dann Bilder wie diese hier sehen: Die Prinzessin (Aouda mit Daniel) steigt die Stufen herab und kommt auf die Kamera zu. Zum Vergleich setze ich hier mal das Bild eines russischen Kosmonautenanzugs aus Baikonur daneben:

Bis auf die Farbe erkennt man auf den ersten Blick wenige Unterschiede. Dieser (alte) sowjetische (oder schon russische?) Kosmonautenanzug erinnert ein bißchen an frühe Taucheranzüge, wie sie z.B. in der frühen Neuzeit bereits an Bord des schwedischen Schiffes Vasa historisch belegt werden können. Er ist allerdings wirklich ein in sich geschlossenes Lebenserhaltungssystem. Bei genauerer Betrachtung stellt sich Aouda noch nicht ganz so fertig heraus: Die silberfarbene Außenhaut ist quasi nur "drübergelegt" über die HighTec innen, also eine "Tapete". Sie wird mit Klettverschlüssen z.B. am Tornister befestigt und in sich zusammengehalten. Es ist also wie ein Kleid, das noch nicht fertig zusammengenäht ist, sondern vorerst während der Anprobe beim Schneider nur mit Stecknadeln gehalten wird. Das ist eines der zahlreichen Details, die Flight Director Alex im obigen Video meinte, wenn er sagt, dass der Analogforschungs-Raumanzug noch "nicht dafür gedacht" ist, in den Weltraum zu fliegen.

Also, ...

Aouda wird noch nicht gleich das nächste Mal zum Mars fliegen, sondern erst in ferner Zukunft... hofft man. Aber wer weiß: manchmal gehen Träume ja auch in Erfüllugn und manchmal sogar schneller als gedacht. Als Hermann Oberth in den 1920ern am Set den Fritz Lang-Film "Frau im Mond" beriet, hat er sich wohl auch kaum träumen lassen, das schon vierzig Jahr später tatsächlich Menschen zum Mond fliegen würden. :-)

 

Zur Erinnerung noch einmal unser Raketenstart im März im kasachischen Weltraumbahnhof:

Über den ewigen Tango von Science und Fiction ...

... der zu Entwicklungsprozessen dazu gehört wie das Atmen und soziale Kontakte zum Menschsein. Wissenschaft braucht die Inspiration der Phantasie und die Phantasie wird stets beflügelt von neuen Erkenntnissen der Wissenschaft und Technik. Man kann nicht sagen, dass das eine stets voraus geht und das andere hinterher hinkt. Vielmehr befinden sich beide in einem innigen Tango, einem Tanz umeinander und miteinander, bei der mal die eine und mal der andere die Oberhand hat, aber das Wechselspiel sich stets fortsetzt und keiner je siegt oder verliert.

Der Raketenstart, wie Hermann Oberth ihn sich in den 1920ern vorstellte (Fritz-Lang-Film "Frau im Mond", 1929):

Wie es in den 60ern wirklich aussah (hier der Start zur ersten Mondumkreisung, Apollo 8):

Und der Start des ersten Menschen ins All erfolgte mit einer Soyuz-Rakete. So wie in diesem movielet hob Yuri Gagarin, der erste Mensch, 1961 vom kasachischen Kosmodrom ab: 

Und wenn man sich das mal historisch anschaut, wird man feststellen, dass das mit der "Mars-Analogforschung" gar nicht so dumm ist. Vielleicht werden in hundert Jahren die Menschen auch über uns schmunzeln, was wir uns alles vorgestellt haben - so, wie wir heute retrospektiv über die Vorstellungen einer Mondlandung von 1929 schmunzeln:

H. Oberth dachte damals, dass der Mond auf der erd-zugewandten Seite (wie auch immer das gehen mag) eine Atmosphäre habe und dass man aufgrund der freilich vorhandenen Gravitation durchaus dort normal laufen können müsse. ... Er hat das sicher nie genau nachgerechnet, denn er dachte auch, dass Schwerelosigkeit auf dem Weg zum Mond in der Rakete nur im Lagrange-Punkt zwischen Mond und Erde herrsche, also dort, wo sich die Anziehungskräfte von Mond und Erde gerade die Waage halten. Von der Mikrograviation sonst auf dem Weg hat er nichts gewusst.

[verfilmt bei Fritz Lang: man sehe sich den von der Murnau-Stiftung sehr gut rekonstruierten Film an]

... und der Vollständigkeit halber nochmals hier das bekannte Originalvideo der tatsächlichen Mondlandung von 1969:

Ist doch gar nicht so weit weg von der Fiction der 1920er, diese Science der 1960er. :-)

Als Historikerin denke ich vorausschauend, dass es mit dem Mars so ähnlich gehen wird. Vielleicht nicht ganz so schnell wie im 20. Jahrhundert, weil das von der Politik und der Wirtschaft abhängt und von den menschlichen Vertretern, die diese bestimmen, abhängt und diese sich nicht vorhersagen lassen. Dass es aber "ungefähr so" kommen wird, ist aus historischer Sicht auf die Zukunft absolut logisch und nahezu unausweichlich. Wir Menschen sind einfach so. :-)

 


Das Team vom ÖWF am Dachstein ...

tolle Truppe! :-)

Schöne Zeit mit Euch und vielen Dank!

 


 

PS: Ja, dieses Wochenende war ITV ... und ich war wiedermal nicht dabei. Sorry, aber derzeit hab ich leider echt keine Nerven dafür: zwei Wochen vor dem Venustransit (zu dem ich ein großes eigenes Projekt habe). Wünscht mir viel Erfolg dabei ... bzw nur sekundär mir, sondern meinen Jugendgruppen und ihren Betreuern

 

 



Geschrieben in Susanne M Hoffmanns Kosmos | 0 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Marsmenschen sind nicht grün ... sonst wären's Orioner ;)

30. April 2012, 11:30

Aktuell (seit letztem Freitag und noch bis übermorgen) erfolgt die erste Marsexpedition Österreichs - spektakuläre Bilder zeigen den Alponauten "Daniel" in einem nagelneuen silbern glänzenden Raumanzug, wie er durch Eishöhlen "spaziert", Gesteins- und Eisproben sammelt und begleitet von Rovern und Fluggeräten ein spannendes, tatsächlich noch nicht ganz zu Ende erkundetes Höhlensystem erforscht. Ziele der Mission sind in erster Linie Test mit dem Raumanzug, dessen Name übrigens von einer Prinzessin aus Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" stammt.

Österreich arbeitet tatsächlich daran, einen Raumanzug zu entwickeln, der quasi ein eigenes Raumschiff ist - ein Raumschiff zum Anziehen mit einer Masse von ca. 45 kg. Im "Rucksack" dieses Anzugs ist die Elektronik versteckt und unterliegt natürlich der Geheimhaltung. Echte Raumanzüge müssen später ein Atemluft-Aufbereitungssystem haben und sie müssen außerdem unter Druck stehen, da die Marsatosphäre sehr viel dünner ist als die Atmsphäre der Erde. So weit ist aber diese Simulation hier noch nicht ... jetzt liegt der Fokus erstmal auf der Erprobung der Telemetrie und anderer interner Technologien. Der österreichische Raumanzug Aouda soll es seinem Insassen ermöglichen, nicht nur mit der Bodenstation auf der Erde (hier: in Innsbruck) zu kommunizieren, sondern auch mit verschiedenen unbemannten Rovern, die gleichzeitig auf dem Mars landen könnten.

Außerdem denkt man für echte Marsmissionen über Parallellandungen nach, also zwei gleichzeitige Missionen zum roten Planeten, die an verschiedenen Orten landen. In Havariefällen würde dies die Sicherheit der Raumfahrenden erhöhen.

Überhaupt, erklärt Gernot Grömer vom ÖWF, sei in Europa noch niemals ein Raumanzug zu Ende gebaut worden. Der frisch gebackene Herr Doktor hat sich dies aber zu tun in den Kopf gesetzt. Er will einen voll funktionstüchtigen Raumanzug fertigen, der besser ist als alle bisher dagewesenen. Natürlich gibt's schon Anzüge für Außenbordeinsätze an der ISS oder auch für eine Mondlandung. Aber Mars! Das ist ein völlig anderes Terrain! Man ist viel weiter von der heimatlichen Erde entfernt, viel länger auf sich gestellt mit längeren Signallaufzeiten usw. Außerdem hat der Mars - im Gegensatz zu Mond und freiem Weltraum - eine Atmosphäre und mithin z.B. auch andere Außendrücke, keine Mikrometeorite, aber dafür wechselhaftes Wetter: Es gibt Sandstürme in seinen Wüsten und Eisgletscher an den Polen ... also ... "On to Mars!", wie Gernot immer so schön sagt.

Am Eingang der Höhle

Der Raumfahrer Daniel steht nun bereit zum Eintritt in die Höhlen. Ein kurzes Shooting für die Presse (z.B. auch auf spiegel-online.de, Der Standard (Wien), der es via APA auch weiter verteilte...) muss natürlich sein - wie bei jeder anständigen Weltraum(anzug)mission. ;-) Die Presse ist übrigens ebenso international wie das Team der verantwortlichen Wissenschaftler, Ingenieure und Experimentatoren. Es ist ein wahres Großereignis hier an den Eishöhlen, deren Gestein eine anwesende Geologin als "boring lime stone" (langweiligen Kalkstein) bezeichnet.

Die derzeitige österreichische "Mars"mission findet in dem Welterbe-Höhlensystem am Dachstein bei Obertraun statt. Das Österreichische Weltraumforum (ÖWF) testet hier einen gerade neu entwickelten Raumanzug namens "Aouda.X". In der Bergstation der Seilbahn wurde in einem abgetrennten Nebenraum mit dem bezeichnenden Namen "Dachsteinwarte" die OPS, also das hiesige Kontrollzentrum eingerichtet. Die Mitarbeitenden im Team der OPS, der Organisation allgemein und auch die Erbauer und Tester von Rovern und Fluggeräten sind ein wahrlich kunterbunt gemischtes internationales Team aus Frankreich, Polen, Spanien, Italien, Deutschland, den USA, Indien, den Niederlanden, Dänemark ... In der Tat arbeitet das ÖWF mit namhaften Instituten der Weltraumforschung zusammen, z.B. JPL, NASA u.a. Die Sprache auf dem Gelände ist daher also Englisch, das Protokoll wird strikt eingehalten wie zu Sissis Zeiten am Wiener Hof: Jeder Check ist ist verpflichtend und jede Antwort verbindlich, die Menschen, die in der Raumfahrt arbeiten, sind freundlich und offen, wie auch heute überall bei Weltraum-Programmen, wo viele unterschiedliche Charaktere zusammen kommen.

Kurz: es geht zu wie überall auf der Welt bei Raumfahrtprogrammen. Der einzige Unterschied hier in der Alpenrepublik ist, dass mich in Österreich der Flight Director nicht nur mit einem freundlichen "oah, Susanne, loang nimmer gseen" begrüßt, sondern auch mit Handkuss. :-)

Nun soll unser Alponaut einen Kristallblock bearbeiten. Dieser rein mechanische Arbeitsschritt ist zwar eher für Pressefotos eingeflochten worden, aber es wurden tatsächlich wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Der Probant war mit zahlreichen Elektroden für medizinische Untersuchungen beklebt. Weiters zog er beispielsweise den "Cliffbot" des Präsidenten der französischen Mars-Gesellschaft, Alain Souchier, über steile Abhänge. Der Cliffbot, so erklärte mir Alain morgens im Auto, sei ein Gerät, das die Abhänge heruntergeworfen wird und sie untersucht, ohne dass ein Mensch dabei gefährdet werden muss. Manche Abhänge - gerade hier in der Eishöhle will oder kann man ja auch gar nicht beklettern. Das gilt schon für normale Menschen und dann also erst Recht für Menschen in 45 kg schweren Raumanzügen.

Das gebückte Gehen in der Höhle erweist sich für die Anzugtester als sehr anstrengend!

Der "suit", also der Raumanzug, ist stets begleitet von mindestens einem Mitarbeiter des "suit teams" und einem vom "security"-team. Wie auch bei echten Raumflügen steht natürlich die Sicherheit des Anzug-Insassen wie auch der Experimentatoren immer an erster Stelle. Schließlich sind es Menschen, mit denen man hier arbeitet und für die diese Technologien entwickelt werden - echte lebende Menschen zu deren Lebenserhaltung insbesondere der Anzug ja dienen soll. Daher wird natürlich auch auf die Versuchspersonen sehr genau geachtet.

 

Man will allerdings auch die Situation auf dem Mars so realistisch wie (derzeit) möglich nachstellen. Dass man auf dem Mars natürlich ganz sicher nicht bloße Klettverschlüsse zum Festhalten der einzelnen Anzugteile verwenden kann, ist wahrscheinlich jedem klar. Allerdings erschwert der Anzug auf dem Mars unter Druck und mit noch mehr Last durchaus die Bewegung - auch wenn die Schwerkraft auf dem kleinen Nachbarplaneten der Erde nur ein Drittel so groß ist wie hier.

Der Raumanzug-Tester (im Bild: Daniel Föger) bekommt daher ein Exoskelett, also eine über die schwarze Unterwäsche werden diverse Expander gezogen. Hier sieht man den rechten Ellbogen eines Testers, an dem ein zusätzliches Gewicht befestigt wird. Diese Vorrichtung erschwert die Bewegung derart, dass es den tatsächlichen Marsbedingungen sehr nahe kommt.

 

Über Menschen (nicht Übermenschen) im All ...

Am dritten Versuchstag konnte ich dieses Bild erhaschen: Ja, die Tester sind durchaus sehr sportlich, d.h. es ist wirklich mühsam, stundenlang in der Kälte und Dunkelheit der Höhle unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Es ist auch sicher kein "Spaziergang", den die echten Astronauten zur Reparatur des Weltraumteleskops vor ca. 20 Jahren unternommen haben...

Aber: Es sind noch immer halbwegs "gewöhnliche" Menschen (Kryptonit im Anzug lämt sie nicht), d.h. man kann so etwas lernen! Wenn man nur hart genug trainiert, dann kann jeder halbwegs gesunde Mensch diese körperliche Leistung vollbringen.

Daher kann ich an dieser Stelle ruhigen Gewissens sagen, dass das, was die Jungs da machen, wirklich eine schwere körperliche Arbeit ist - aber schaffbar bzw. lernbar für Menschen: Man muss kein Übermensch oder Halbgott dafür sein. Ich persönlich finde das eine beruhigende Feststellung.

Wie fühlt man sich in dem Anzug?

Ich selbst habe auch die Ehre gehabt, dies einmal auszuprobieren. (dickes super-Danke-schön nach Österreich!) Im Augenblick sind die beiden bisherigen Tester (beide "Daniel") Männer, aber der Anzug soll auch für Frauen adaptiert werden. Zwei Kenngrößen sind entscheidend, sagt der Entwickler bei der Pressekonferenz: "Wenn mir jemand sagt, er will Tester werden, sind meine beiden ersten Rückfragen nach Schuhgröße und Brustumfang". Prinzipiell sei der Anzug aber für Personen beiderlei Geschlechts von 160 bis 195 cm Körperhöhe anpassbar.

Man braucht nur körperlich sehr gute Konditionen, um das Gewicht des Suits lange auszuhalten. Glücklicherweise hat mich Mutter Natur mit einem soliden Knochenbau ausgestattet und ich scheine (im Vergleich zu anderen) auch einigermaßen fit zu sein. Schließlich wohne ich derzeit im Harzvorland und muss mangels Auto stets mit dem Fahrrad die Berge und Hügel erklimmen. Außerdem haben die Jahre mit zahlreichen Wüstenwanderungen und auch die schweren Rucksäcke voll mit Büchern und Laptop während des Studiums, mit denen ich früher zwischen den Berliner Bibliotheken und Unis pendelte, einiges zu meiner körperlichen Kondition beigetragen. Um im Anzug aber länger zu arbeiten, braucht der Durchschnittseuropäer gewiss einiges an Training: 45 kg (die der Anzug wiegt) sind schließlich ungefähr doppelt so viel, wie man in einem normalen Linienflugzeug als Gepäck mitnehmen darf - und da finden die meisten Leute schon ihren Koffer schwer.

Außerdem hält ein Stützapparat in den Axeln die Arme stets ein wenig vom Körper weg, damit die Luft im Anzug gut zirkulieren kann. Das finde ich persönlich ein bißchen anstrengend auf die Dauer. Ich würde es vergleichen mit der Haltung beim Standard-Tanz (z.B. Wiener Walzer): Als Dame habe ich meinen Arm angewinkelt auf der Schulter des Herrn, wo sie allerdings locker aufliegt. Man (bzw frau) stützt sich ja nicht auf dem Tanzpartner ab, sondern man muss schon stark genug sein, den eigenen Arm selbst zu tragen. So ähnlich ist es hier auch im Anzug - nur, dass die Arme eben durch eine Kunststoffstütze direkt abgespreizt werden.

Checkliste der Kammerzofen: 

Astronaut in Unterwäsche (das "Kettenhemd" des 21. Jahrhunderts, aus schwarzer Funktionsfaser, sehr interessantes Material) kriegt erstmal ein Exoskelett, das die Bewegungen erschwert. Dann muss man sich mit Hilfe von zwei bis drei Mitarbeitern des Suit Teams ins Anzug-Oberteil manöverieren, dann kommt die Hose, die Handschuhe und die Stiefel. Die Handschuhe sind übrigens dreilagig: erst ein dünner weißer Stoffhandschuh - wie sie vornehme Damen des 19. Jh. trugen. Er soll es nur für den Tester angenehmer machen. Darüber ist ein Handschuh, der eher an ein Borg-Wesen aus StarTrek erinnert, weil er statt Fingernägeln Elektroden hat und zum Schluss kommt über alles ein silberheller Schutzhandschuh, der mit einem Metallring an den Anzugärmel angeschlossen wird und mithin das System unter ihm in sich abschließt. Zu guter Letzt wird dem Tester der Helm aufgesetzt - und wenn das passiert, hat man typischerweise etwa zwei Stunden Anzieh-Prozesdur hinter sich. wie gesagt: das Wiener Hofprotokoll zu Sissis Zeiten war gewiss ähnlich - und die aufmüpfige, eigensinnige Doppelmonarchin wäre gewiss überglücklich und überaus einsichtig ob der Notwendigkeit dessen hier, wenn sie sehen könnte, was Austria Felix heutzutage am Dachstein treibt.

Wie in jedem richtigen Raumanzug kann man natürlich auch in der Aouda essen, trinken, aufs Klo gehen ... Es gibt vier starke Ventilatoren, deren Geheul nicht nur schon aus der Ferne den "suit" ankommend hörbar macht, sondern deren Funktionstüchtigkeit auch unten im Kontrollzentrum auf einem großen Screen neben den Bildern aus der OPS, von der Helmkamera und neben sonstigen Funktionsanzeigen wie Temperatur-, CO2-Gehalt und Luftfeuchtigkeit im Helm angezeigt wird.

"Noch nie zuvor hat in Europa ein Entwicklerteam einen Raumanzug zu Ende gebaut" konstatiert Dr. Gernot Grömer, der Entwicklungsleiter und plant dabei schon den nächsten Test der Aouda nächsten Februar in Marokko. Dann wird Prinzessin Aouda durch die Sahara schreiten und wahrscheinlich schon die Erfahrungen der hiesigen Tests eingebaut haben.

Ich hoffe, dass ich dann auch wieder mit darf. Schließlich kann man sich auch mit eigenen Experimenten beteiligen. Derzeit läuft noch bis Juli das Announcement, mit dem man sich mit eigenen Projekten bewerben kann.

Weißes Eis, rote Steine

... die Farben Österreichs und des Mars. :-) Man gucke und staune: die Alpenrepublik hat die Nase vorn auf dem Mars und darum wird auch jede Versammlung schonmal probehalbe mit "Hello Marsians" eröffnet.

Eishöhlen könnte es auch auf dem Mars und anderen Körpern des Sonnensystems geben. Daher ist es wichtig, alle Fernerkundungsgeräte dafür auszustatten und zunächst unter irdischen Bedingungen ausgiebig zu testen. Einem "Testastronauten" auf der Erde kann man ja den Helm noch abnehmen, wenn man merkt, dass innen irgendwas verrutscht ist - würde man das erst auf dem Mars merken, wäre es wahrlich zu spät.

Rover Parade

Neben einem Raumanzug wurden auch zahlreiche Rover und Fluggeräte in den Höhlen getestet. Die "Part time Scientists" freuten sich über die zahlreichen verschiedenen Bodenstrukturen, die sie in dieser Höhle vorfanden: von Schnee und Eis, über Schotterpisten, von der Schmelze aufgeweichten Sandböden bis hin zu vielen verschiedenen Härtegraden des Untergrunds aus Kalkstein ...

Der französische Cliffbot zur Erforschung von Klippen wurde bereits oben erwähnt und soll an dieser Stelle noch durch den Hinweis auf verschiedene Fluggeräte ergänzt werden, die ebenfalls von Hobby-Ingenieuren und -Wissenschaftlern gebaut werden. Mit von der Partie von Gerhards Helikopter und Christians Hexacopter - beide vom ÖWF. Der polnische Rover MAGMA fährt in der Höhle sehr erfolgreich; er ist ein Transporter, der von der privaten Firma ABM-Space in der Kopernikus-Stadt Thorn (Torún) entwickelt wird. Das Test-Team ist sehr zufrieden mit den Ergebnissen und wir haben sofort eine Kooperation zu didaktischen Aufbereitung der Ergebnisse.

Ein amerikanisch-französisches Profi-Team von Geoerkundern baute das Instrument WISDOM - ein Radargerät, das den Boden bis zu 2 oder 3 Metern Tiefe ausloten kann. Hier wird es noch von dem Entwicklerteam auf einer Schubkarre geschoben: Stück für Stück rückt es die 5 m lange Bahn jeweils in Schritten von einem Dezimeter voran. Der Laptop auf der Karre zeigt hier das Frequenzspektrum, das gesendet und empfangen wird. Die Sprache in diesem illustren Team, zu dem sich auch eine ungarische und eine österreichische Studentingesellt haben, switched dauernd zwischen englisch und französisch hin und her. :-)

Nach erfüllter Mission

Man kann sich leicht vorstellen, dass man nach langem Arbeiten in der Höhle stark geblendet ist. Auch durch den Austritt aus der 0 °C kühlen Eishöhle ins 20 bis 30 °C warme Gelände auf dem Westhang des Dachsteins wird der Helm schlagartig stark beschlagen und der Tester hat entsprechend mehr Mühe, die Treppen von der Höhle herunter zu steigen.

Hinzu kommt natürlich stets eine leichte Einschränkung des Gesichtsfeldes, denn man kann sich ja nicht ohne Weiteres umdrehen. So lange man nur geradeaus schaut, ist das Gesichtsfeld normal. Durch den dicken Anzug kann man aber nicht auf die eigenen Füße schauen und rückwärts wenden kann man sich eben auch nur durch Drehung des gesamten Körpers.

Beim Ausziehen wird nach dem Helm zuerst das Oberteil abgenommen. Es erfordert zwei bis drei Assistenten, das schwere Gerät von der Versuchsperson zu entfernen. Der Kandidat kniet dazu ritterlich auf einem (spacig-silberfarbenen) Kissen. Man sieht dabei auch die stark profilierten Schuhe des Kandidaten. In der Eishöhle wurden auch darauf auch verschiedene Spikes getestet, die das Gehen auf den massiven Eisplateaus stark erleichterten.

nota bene: Selbstverständlich wurde in der Welterbe-Höhle auf Reinlichkeit geachtet! Jeder, der die spiegelglatten Eisflächen aus Gründen der Wissenschaft betreten musste, hat sich vorher gut die Schuhe abgeputzt. Wirklich!

Wo ist das?

Im Salzkammergut, da kamma guat lustig sein...

Der Dachstein ist im wunderschönen Salzkammergut gelegen, einer der schönsten und romantischsten Gegenden Österreichs. Die nächstgrößere Stadt ist Hallstatt, ein Dorf, das sehr idyllisch am See gelegen ist. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde freut sich, mit der derzeitigen Saison auch das größte Viersterne-Etablissement zu eröffnen. Ganz in der Nähe von dem berühmten Bad Ischl, wo sich dereinst Kaiser Franz Joseph von Österreich mit der bayrischen Prinzessin Sissi verlobte, turnt also heute Prinzessin Aouda durch Eishöhlen. Der Tourismus boomt in dieser Region - besonders an einem so wunderschönen Wochenende wie diesem zum Saisonstart. Skifahren, Bergwandern oder Höhlenbesichtigungen gehören hier ins Repertoir der typischen Urlauber.

Die Veranstalter - das ÖWF

Das Österreichische Weltraumforum ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Enthusiasten, HobbyBastlern und Forschern. Gernot Grömer bezeichnet es sogar als "european way", dass die Hobby-Leute und die so genannten Professionellen hier in friedlicher Eintracht zusammenarbeiten und zusammen forschen. Es ist eine Besonderheit hier im "alten Europa", da in Amerika typischerweise eine breite Kluft klafft zwischen denjenigen, die mit der Forschung ihr Geld verdienen und denen, die sie nach Feierabend je nach Lust und Laune betreiben. In Europa sei das anders, betont er stolz, denn hier arbeiten "Amateure" und "Profis" in sehr regem Austausch miteinander zusammen. So akzeptiert man hier gängig, dass ein Häuslebauer durchaus mit einem bestimmten, praktischen Handgriff mehr Erfahrung haben kann als ein junger Ingenieur. Umgekehrt kann der junge Ing vielleicht frisch von der Uni einige bereichernde Ideen und Methoden besteuern. So arbeiten hier Alt und Jung, Frau und Mann, Ausgebildete und Autodidakten kuschelig zusammen und bereichern einander gegenseitig.

Das ÖWF ist besonders stolz auf dieses friedliche und gemütliche Miteinander. Und ehrlich - ich als hier Außenstehende genieße das! Genau so wünscht man sich das.

Das ÖWF (gegr. 1997) hat seit 2009 mehrfach die Aouda und andere Geräte auf Plätzen der Erde getestet und auf diese Art systematisch weiter entwickelt. Chef-Entwickler Gernot Grömer hat dafür kürzlich seinen akademischen "Ritterschlag" zum Doktor verliehen bekommen: Herzlichen Glückwunsch!!!

Ein Journalist, den ich als Zaungast am Platz antreffe, diagnostiziert messerscharf, was all diese Menschen verbindet: Es ist eine gehörige Portion Idealismus! Man baut hier Geräte, die einmal zum Mars fliegen sollen. Bemannte Marsmissionen sind aber frühestens in 20 bis 30 Jahren denkbar und zu diesem Zeitpunkt werden die meisten der hier anwensenden nicht mehr leben oder zumindest beruflich bereits im Ruhestand sein. Es ist also, also würde man ein Haus zu bauen anfangen mit der ziemlichen Gewissheit, dass man es selbst nie bewohnen wird und wahrscheinlich auch nicht die Leute erlebt, die es bewohnen werden.

So sind wohl nun einaml die Ingenieure... oder Forscher (m/w) schlechthin - sie wollen die Welt ein kleines bißchen besser machen, für alle & jeden und dabei zählt jeder kleine Schritt. Ein Ziel (z.B. der Flug zum Mars) ist nicht immer dazu gesteckt, tatsächlich erreicht zu werden. Es dient vielmehr lediglich zur Orientierung. Es ist für den einzelnen von uns wohl relativ nebensächlich, ob der bemannte Marsflug tatsächlich mit Aouda erfolgt - aber Entwicklungen sind nun einmal immer iterative Prozesse und bei jedem Test lernt man etwas. z.B. kann auch die Erkenntnis "dieses Material ist für jenen Zweck nicht geeignet" eine Erkenntnis sein ... und vllt. als solche ein Ansporn für einen anderen Wissenschaftler (m/w), ein adäquates Material zu entwickeln...

Forschung ist ein faszinierendes weites Feld!

... und eine faszinierende andere Welt ...  weit weg vom Elfenbeinturm und doch so befremdlich für viele Laien ... nicht zuletzt aufgrund der Person der Wissenschaftler, Bastler und Tüftler, die an so ungewöhnlichen Fragestellungen wachsen.

Darum ist das österreichische Weltraumforum (ÖWF) sehr wohl zu Recht stolz darauf, seine Grundlagenforschung unabhängig betreiben zu können.

 


 

Auf Twitter wird seit Samstag ganz massiv über die Aktionen und Experimente gezwitschert. Das ÖWF hat zu einem Tweetup eingeladen! Hashtag: marstweetup

Einen eigenen Live-Blog haben sie natürlich auch, die Österreicherlinge.

Geförderte Scientific Outreach-Programme vom österreichischen Bundesministerium für Bildung (Schulen): Sparkling Science.

Schülerpraktikant/Innen gesucht beim ÖWF: Lust auf ein Weltraumabenteuer in den Sommerferien? Hier findest Du den Anschluss!

Experimente für Marokko 2013 jetzt anmelden! (ÖWF, Kontakt)

 


 

Gimmick

Mars-Menschen sind bestimmt nicht grün. Grün sind Orioner - hier die Orionerin Vina in "The Cage"

 



Geschrieben in Susanne M Hoffmanns Kosmos | 2 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Sonne und Erdmagnetfeld ... mit der "Haushaltsmethode"

25. April 2012, 18:12

Derzeit lohnt ein Blick auf die Sonne! ... die hat gerade "schwer was los", denn da toben gerade große Fleckengruppen herum. Gut erkennbar sind auch Flares und an den Rändern Protuberanzen:

Schon vor einigen Monaten schrieb ich, dass mit einem einfachen Magnetometer die Veränderungen des Erdmagnetfelds in Abhängigkeit vom Sonnenwind nachweisen kann. Damals verwies ich auf ein simples Amateurradio. Es geht aber auch noch einfach:

Mit einem Hall-Sensor (von Conrad) und einem 9V-Block kann man grob einen Zusammenhang von Magnetfeld und Sonnenaktivität beobachten. Damit hat man ein sehr simples Gaußmeter gebaut, das auch für Schülerinnen und Schüler leicht durchschaubar ist und nur ca 20 € kostet (Hall-Sensor, Batterie und Steckplatine). Und man sieht direkt einen Zusammenhang zur Veränderung auf der Sonne. (ich hab's im Wintersemester gerade ausprobiert: geht wirklich gut)

 

Faszinierend! Gerade jetzt - da wir gen Aktivitätsmaximum spazieren - ein bestimmt spannendes Tool. :-) Have fun! :-)



Geschrieben in Erlebnis Astronomie | 4 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Sternbedeckung durch Quaoar am 17. April

10. April 2012, 23:38

am Morgen des 17. April (nächste Woche Nacht Mo/Di) bedeckt das Transneptun-Objekt (TNO) (50000) Quaoar einen 11.6 mag hellen Stern, sagt die IOTA (International Occultation Timing Association) voraus und ruft international zu Beobachtungen auf. Die Bedeckung gilt als "in Reichweite" für gewöhnliche Kamera und Video-Systeme des Durchschnittsamateurs. Mit solchen Beobachtungen will man den Durchmesser des TNOs "Quaoar" bestimmen und Fragen über die Existenz einer Atmosphäre beantworten. Überhaupt sind Sternbedeckungen ein sehr spannendes Feld der Beobachtung, da man mit ihnen viel über die Planeten und sonstigen Objekte unseres Sonnensystems lernen kann.

Die aktuelle Bedeckung soll um ungefähr 2 Uhr 10 (UTC) erfolgen.  

http://www.iota-es.de/quaoar_2012apr17/overview.html

Hier die aktuellste Vorhersage für den TNO:

und hier für den Mond von Quaoar:

(beide Bilder von der Webseite der IOTA)

Vielleicht ist das Datum - mitten in der Woche, zwischen zwei Werktagen - nicht das allerbequemste, aber da sich nunmal der Kosmos selten nach unserem Dienstplan richtet, müssen wir's wohl unter den Begebenheiten probieren, die uns auferlegt werden.

Die Prognose zur Bedeckungsbeobachtung wird eher auf den Atlantik, Nordafrika und den Nahen Osten gelegt, vielleicht bestenfalls Südeuropa... bei uns also vielleicht nur knapp über Südhorizont erkennbar oder vielleicht auch gerade nicht mehr bedeckt - aber auch diese Beobachtung wäre ein aufschlussreiches Ergebnis.

Erfahrene Beobachter von Sternbedeckungen stufen die Voraussagen als eher unsicher ein, also ist dies eine gute Gelegenheit, mit relativ einfachen Mitteln an vorderster Front der Forschung mitzuschnüffeln.

Wird bestimmt eine interessante Beobachtung!

Vielleicht ja auch eine Idee für einen spontanen Trip nach Nordwestafrika ... ist schön da! :-)

Clear Skies!



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Astronomietag - schöne Planetenparade

24. März 2012, 17:01

Interesse am Sternegucken oder an dem, was am Himmel so los ist? Dann auf zur nächstgelegenen Sternwarte oder Planetarium! Heute ist Astronomietag in Deutschland - diesmal unter dem Leitmotiv "Lange Nacht der Planeten", da wir im Augenblick fast die ganze Nacht durch die Großen unseres Sonnensystems beobachten können: die beiden hellsten, Jupiter und Venus, glänzen in der Abenddämmerung als erste und halten sich bis etwa 22 Uhr. Wenig später am Abend sehen wir auch Mars, der am 3. März in Opposition stand und Saturn geht später in der Nacht auch noch auf.

Venus wird in ein paar Tagen den größten östlichen Abstand von der Sonne erreichen und dann wieder auf sie zu wandern. Wer Glück hat, kann sie sogar in der gesamten ersten Nachthälfte beobachten. Nur Merkur steht leicht westlich und so dicht bei der Sonne, dass er sich den meisten Blicken wohl entzieht.

Wer selbst nachgucken will, was man sieht, findet auf der Webseite von astronomie.de stets kundige Infos & Diskussionspartner. Das dortige Online-Planetarium wird vom Software-Hersteller USM der RedShift-Weichware bereitgestellt.

Ausgerufen wurde der Astronomietag von der Vereinigung der Sternfreunde e.V. und daher findet man auch auf deren Webseite stets aktuelle Live-Infos. :-)

Also los: Wer Saturn, den vornehmen Herrn mit Hutkrempe ohne Hut mal (wieder) in echt und nicht nur auf Warenhäusern sehen will, sei herzlich eingeladen, durchs nächstgelegene Amateurteleskop zu luken. Planeten sind auch dankbare Objekte bei leicht schlierigem Himmel, falls jemand mit dem Wetter nicht das allergrößte Glück hat.

Auf der Webseite der VdS finden Sie eine Übersichtskarte auch eine Suchmaschine zu Ihrer persönlichen nächsten Sterngucker-Versammlung. :-)

Clear Skies & have fun!

 


(Bilder in der Nacht nachgetragen ... )

Und?

Wie war's bei Ihnen? - erzählen Sie in ihren Kommentaren zu diesem Log-post. :-)



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I launched a rocket in Baykonur

21. März 2012, 10:11

... yes, I did! Vor wenigen Tagen durfte ich viermal Countdown zählen und vorher selbst einmal den Startknopf drücken Danach ernannte mich Direktor Dmitry Shatanov in Baikonur zur "jungen Kosmonautin" ... obgleich ich leider noch gar nicht im Weltraum gewesen bin. Aber das kommt noch ... vielleicht beim nächsten Mal. :-) Diesmal wurden nur viele technische Details der Vehikel begutachtet, technische Zeichnungen der Raketen studiert und Kosmonauten-Utensilien ausprobiert.

Mini-Film-Doku vom YouTube-Kanal der FNJ:

 

 

Die Chance zu diesem Besuch im Cosmodrom von Baikonur hatte sich zum Jahreswechsel recht kurzfristig ergeben. Baikonur ist heute ein kreisrundes militärisches Sperrgebiet in Kasachstan, das von Russland gepachtet wird. Die Kleinstadt mitten in der kasachischen Steppe ist nicht besonders ansehnlich: sie besteht aus Plattenbauten in sozialistischem Einheitsgrau, von denen viele halb verfallen sind. Das Haus gegenüber unserer Herberge, das ich sehe, wenn ich auf dem Balkon stehe und in den Innenhof blicke, steht offenbar leer, denn da, wo Fenster hingehören, befindet sich kein Glas, sondern Stein - augenscheinlich zugemauerte Fenster. Dahinter ragen ein paar Schornsteine in die Landschaft und Kühltürme einer Fabrik. Der Rauch der Schornsteine ist nicht etwa weiß oder hellgrau wie bei uns, sondern dunkelgrau bis schwarz. An einem Morgen hatte der Wind gedreht und der unangenehme Geruch zog zu uns herüber.

In dieser kleinen Stadt leben Menschen mit ihren Familien, sie schicken ihre Kinder zu Schule und junge Erwachsene besuchen die Universität, welche ein Zweig der Moskauer Lomonossov-Universität ist. Wer hier studiert, muss einen ans Studium anschließenden Arbeitsvertrag in der Stadt vorweisen. Für Angehörige anderer als der russischen Staatsbürgerschaft ist es jedoch sehr schwieirg, eine alternative oder auch nur eine angemessene Arbeit in dieser Stadt zu finden, sagt ein junger Absolvent der Universität Baikonur, der mich mit meiner Gruppe führt. Er kommt aus Turkmenistan, eine andere ehemalige Sowjetrepublik, die sich südlich von Kasachstan befindet.

Checkpoint: Passkontrolle, ein russischer Offizier prüft, ob auch wirklich alle Insassen des Busses auf der Einladungsliste stehen. Fotografieren natürlich streng verboten. Der Checkpoint befindet sich erst unmittelbar an der Stadtgrenze, obgleich der Zirkel um die kasachische Stadt-mit-Sonderstatus deutlich größer ist. Schließlich "regnet" es bei jedem Start ein paar Raketenteile vom Himmel - und das ist im Allgemeinen nicht gut für die Landwirte und Datschen-Inhaber mit ihren Gärten. Auch Kasachstan, außerhalb des russisch gepachteten Landes, wird von den Teilen getroffen.

Die zottigen Steppenkamele, Eselkarren und mausoleenartigen islamischen Friedhöfe, die wir am Wegrand passierten, wirken bizarr, wenn wir uns bewusst machen, dass wir hier in einem der großen Weltraumbahnöfe dieser Erde stehen. Kurz nach der Einfahrt in die Stadt sehen wir bereits einige Monumente: da liegt - leicht aufwärts geneigt - eine echte Sojus-Rakete auf einem steinernen Sockel. Weiters gibt's noch ein paar militärische Raketen, aber ich bin ja eher Weltraum-Freak.

Das 1:1-Sputnik-Modell habe ich im Stadtmuseum fotografiert, das übrigens beeindruckend gut kuratiert ist. Hier werden nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern auch die Geschichte der sowjetischen und russischen Raumfahrt behandelt. Die Ausstellung ist wirklich sehr hübsch gestaltet und eine sehr kompetente und freundliche Dame, die entfernt an Tamara Jagellovsk aus Raumpatrouille Orion erinnert, führt uns englisch-sprachig durchs Raumfahrtmuseum.

Das staatliche Lyzeum hier in der Stadt hat selbstverständlich einen Ausbildungsschwerpunkt in technisch-naturwissenschaftlicher Richtung. Bei den Raketenbau-Wettbewerben, die sie veranstalten, geht's darum, Modelle echter Raketen möglichst originalgetreu nachzubauen und dabei dann auch noch funktionstüchtig zu machen: Ein Lehrer dieser Schule wurde 1987 (also vor dem Fall des Eisernen Vorhangs!) beim Austragungswettbewerb in Florida mit seiner funktionstüchtigen dreistufigen 30 cm hohen Sojus-Rakete Weltmeister in dieser Kunst.

Da ich im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit (leider immernoch ein Ehrenamt) bereits seit 2008 mit seiner Novosibirsker Partnerschule zusammenarbeite, freut es mich ganz besonders, dass ich nun auch diese Partner in ihrer Heimatstadt besuchen lann. Ich bin mit Fachkräften der Jugendarbeit mit einer Delegation von 7 weiteren Jugendleitern unterwegs und unsere Mission ist es, hierher unsere Kontakte zu ergänzen. Die Mission ist geglückt: Wir haben diesen Kontakt erfolgreich geknüpft. Nächstes Jahr wollen wir wiederkehren und mit unseren Partnern SpaceCamps hier veranstalten.

Die Allee der Kosmonauten führt von dem Hotel, in dem die Raumfahrenden vor ihren Flügen nächtigen zu einem Aussichtspunkt, an dem ein verkleinertes Modell einer Proton-Rakete steht. Die Allee wird von Bäumen gesäumt, die von Kosmonauten gepflanzt wurde: vorne links steht der Baum von Juri Gagarin, ebenfalls links folgen später die Bäume von Valentina Tereschkova und Alexej Leonov... auf der rechten Seite lesen wir auch Namen von amerikanischen Kosmonauten.

 

"Baikonur" heißt das russische Kosmodrom tatsächlich erst seit 1995 - und zwar nach einem kasachischen Dorf ähnlichen Namens nördlich von hier, in dessen Nähe nach dem Zweiten Weltkrieg ein "Fake"-Kosmodrome errichtet worden war.Die Sowjets wollten das echte Kosmodrome natürlich streng geheim halten und versuchten mit der Fake-Variante das kapitalistische Ausland zu täuschen. Tatsächlich wurde das Kosmodrome jedoch 1955 an seiner heutigen Stelle östlich des Aralsees am SyrDarja-Fluss gegründet.

 

In dem Kosmonauten-Hotel gibt es vier Zimmer, in denen die Kosmonauten typischerweise untergebracht werden. Sie signieren nach ihrem Aufenthalt die Türen, so dass man weiß, wer wo gewohnt hat. (Die Türen wurden zwischenzeitlich auch schon einmal gewechselt, so dass z.B. Sigmund Jähns Unterschrift hier nicht mehr zu finden ist: Die Tür mit seiner Signatur steht inzwischen in einem Museum.) Ich habe eines der Betten auch mal zum Probeliegen genutzt ...  man kann ja nie wissen: :-) Im Konferenzraum unten im Hotel haben meine reizende kasachisch-stämmige Assistentin und ich auch schon mal posiert. Vielleicht bahnt sich ja eine Kooperation an:

Ab nächstem Jahr wollen wir unsere deutsch-russischen SpaceCamps für Jugendliche (die ich 2007 mit Werner Bachmann im FEZ-orbitall in Berlin erfunden habe) hier in Baikonur veranstalten!

Dem Direktor der International Space School überreichten wir Gastgeschenke: einen Himmelsatlas, einen kleinen Sternglobus und diverse didaktische Spielzeuge sowie deutsche Marzipan-Pralinen. Er freute sich sehr darüber mich durchströmte das gute Gefühl, hier etwas wirklich Wichtiges und Nützliches zu tun!

Jugendbegegnungen direkt am Herzen der Raumfahrtgeschichte!

Pech hatten wir insofern, als dass es einerseits trübes Wetter war, teilweise Schnee fiel und uns andererseits leider - unverständlicherweise - die Permits verweigert wurden für einen Besuch der Montagehallen von Buran und Energija, die wir eigentlich besichtigen sollten. Buran war ein sehr erfolgreiches Programm, nur leider zu Zeit des Sowjet-Zusammenbruchs Mitte/ Ende der 1980er Jahre zu teuer, um ernsthaft betrieben zu werden. Im Stadtmuseum von Baikonur steht aber das Modell vor einem seiner Fallschirme als Wandvorhang. Den 1:1 großen Buran hatte ich ja bereits vor vier Jahren in Moskau am Ufer der Moskwa gesehen.

 

 

Wie kommt man eigentlich nach Baikonur?

Mit dem Bus: Zirka vier Stunden Busfahrt über holprige Sand-Schlamm-Eis-Pisten vom nächstgelegenen kasachischen Flughafen in Kyzyl Orda. Diesen wiederum erreichten wir mit der täglich pendelnden Maschine von der Hauptstadt Kasachstans, Astana.

 

 

 

 

 

 

Ich bin von ganzem Herzen glücklich, dass meine handverlesene deutsche Jugendleiter-Delegation in Baikonur nach den ersten Startschwierigkeiten dennoch mit so offenen Armen herzlich empfangen wurden!

Ich freue mich schon auf die nun anberaumten schulischen und außerschulischen Jugend-Austauschprojekte, von denen auch meine Lehramt-Studierenden profitieren sollen!

 


Astana als Hauptstadt wurde erst in der letzten Dekade aufgebaut, vorher gab es an dieser Stelle nur ein unscheinbares Dorf. Die Architektur dieser Stadt wirkt entsprechend futuristisch. Wir waren uns einig: Man kommt sich vor, wie live-haftig in einem ScienceFiction-Film. Von da aus flogen wir jedoch wieder über Moskau nach Hause in die relative Vergangenheit: Unser Flug startet in Moskau um 9:20 und landete in Berlin um 8:55 ... also, die deutsche Gegenwart hat uns wieder! :-)

faszinierende atmosphärische Erscheinungen in Astana: 22°-Halo, Nebensonnen, teilweise 46°-Halo, Zirkumzenitalbogen (zumindestens ansatzweise) ...

BTW: Die Rückreise über Kyzyl Orda, Astana und Moskau dauerte etwa 29 Stunden.

 

 

 

 

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"Encke und der Venustransit"

06. März 2012, 01:06

trilaterale Astro-Jugendbegegnung: Internationale Zusammenarbeit ist in der Astronomie seit je her ganz groß! Darum: Sei dabei beim russisch-norwegisch-deutschen Astro-Camp in Berlin vom 21.07. bis 28.07. dieses Jahr. TN-Bedingung: zwischen 14 und 27 Jahre jung. :-) Natürlich wird der Venustransit da ein ganz großes Thema sein. Betreut wirst Du von geschulten Pädagogen, die sagenhaft witzig drauf sind und mit denen es superviel Spaß macht, Berlin, Potsdam und das Hollywood der 1920er Jahre zu erkunden. » weiter

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Herzlichen Glückwunsch Adolf Kunert...

11. Februar 2012, 11:59

...  zum 90sten Geburtstag!

Heute ehrt die Wilhelm-Foerster-Sternwarte Berlin ihren langjährigen wissenschaftlichen Leiter Adolf Kunert. Er lenkte das Programm und den Kurs der größten Westberliner Astronomie-Einrichtung, die aus einem Planetarium am vierspurigen Steglitzer Munsterdamm und einer Sternwarte auf dem Schöneberger Trümmerberg Insulaner besteht, von 1963 bis 1987, also in einer historisch außerordentlich spannenden Phase zu den rigorosesten Zeit der deutschen Teilung (Artikel aus der Berliner MoPo von 2009) und heißestens Phase des Kalten Krieges.

In das beinahe viertel Jahrhundert seines Amtes fällt der Wettlauf einer ost-west-geteilten Welt zum Mond und schließlich die ersten Schritte von Menschen auf einem anderen Himmelskörper überhaupt. Aber auch die nicht-bemannte Raumfahrt brachte fundamentale Erkenntnisse übers Sonnensystem und revolutionierte vor allem die Forschungsmethode: Was in den 50er Jahren noch unter den Top-Themen der astronomischen Forschungsziele auf beiden deutschen Seiten des eisernen Vorhangs geplant war (z.B. Beobachtungen von leuchtenden Nachtwolken, von Mond und Planeten ... das steht zumindest in den Sitzungsberichten der Akademie der Wissenschaften der DDR, die ich im Laufe früherer Forschungen analysierte), verschob sich in dieser Zeit hin zur Beschäftigung von Hobbyastronomen und anderen Wissenschaftsgebieten als Astronomen (Meteorologie, Geo- und Planetenforschung)...

Mithin mussten sich auch die Zielgruppen, die Themen und die Methoden der Planetarien und öffentlichen Volkssternwarten fundamental ändern. Gerade in den 60er Jahren entwickelte sich auch ein neues Hobby: Beobachtung künstlicher Erdsatelliten - was wir heute schon nicht mehr als spektakulär empfinden, weil es nunmal zu viel von den künstlichen "shooting stars" gibt, die als ungebetene Gäste dauernd die Aufnahmen der Astronomen kreuzen. In der Anfangszeit der Raumfahrt war es gewiss (so entnehme ich den historischen Quellen) etwas besonderes "einen Sputnik", also einen künstlichen Erdbegleiter am Himmel zu sehen. 

Kunert hatte im Amt des Wissenschaftlichen Leiters der WFS den sehr populären Astronomie-Autor Joachim Herrmann als Vorgänger abgelöst und trat also ein bedeutendes Erbe an: die Berliner Öffentlichkeitsastronomie sieht sich schließlich in der Tradition des Urania-Gründers Wilhelm Foerster, seines Schülers und Riesenfernrohr-Erbauers Friedrich S. Archenhold, des berühmten Wissenschaftspoeten Bruno H. Bürgel und des ersten Planetariumsdirektors Richard Sommer (Planetarium am Bhf Zoo, im 2.WK zerstört), der auch die "astronomische Arbeitsgemeinschaft" von Hobbyastronomen ins Leben gerufen hatte... Bedeutende Pioniertaten auf dem Weg zur volkstümlichen Astronomie in der Stadt, in der in der Mitte des 19. Jahrhunderts der Planet Neptun zum ersten Mal am Himmel nachgewiesen wurde (Johann G. Galle, 1846).

... und Kunert bewährte sich bestens in diesem Amt: 1980 wurde er als beratendes Vorstandsmitglied der Astronomischen Gesellschaft (AG) ernannt, um deren Öffentlichkeitsarbeit zu verbessern. Man erhoffte sich davon bessere Kontakte zu den Hobby-Astronomen/ Sternfreunden, zu Schulen und Lehrkräften (Quelle). Diese Ernennung in einer solch renommierten Elite-Gesellschaft der Astronomie spricht gewiss für die Qualität von Kunerts Arbeit.

 

Anlässlich des 90sten Geburtstages des Wissenschaftlichen Leiters dieser aufregenden historischen Zeit, Adolf Kunert, findet heute ab 15 Uhr ein halbtägigen Ehrencolloquium im Planetarium am Insulaner statt, bei dem seine Familie und zahlreiche Ehrengäste Geschichten aus ihrem gemeinsamen Leben mit dem zu Ehrenden erzählen. Zahlreiche ehemalige deutsche Planetariumsleiter und öffentlich Astronomieaktive versammeln sich zu dieser Feier und reflektieren die "alten Zeiten", ihre jüngeren Nachfolger sprechen dazu Grußworte und ehren so den ehemaligen Kollegen. 

 

Herzlichen Glückwunsch, Herr Kunert, zum Geburtstag!

Gesundheit auch in den späteren Lebenstagen und viel Freude an den Aktivitäten Ihrer Nachfolger, des heutigen Teams vom Insulaner, in der AG und in der Berliner und gesamtdeutschen (nicht mehr geteilten) Populärastronomie!

Viel Spaß allen Gästen bei der Feier!



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Exomonde

21. Januar 2012, 21:21

Exoplaneten findet man seit 1995 am laufenden Band (zur Betrachtung des Themas auf Schulniveau: akt. Heft Nr 126 von A+R i.U.) – doch bei der Suche nach der zweiten Erde stellen nur wenige die Frage, ob es vielleicht auch Monde um diese Begleiter geben könnte und ob wir diese finden. Ich habe mich vor ein paar Jahren in meiner ersten Diplomarbeit mit dieser Frage beschäftigt.

Eine der Teilfragen der Statistik der Astronomie ist auch, wie häufig Monde überhaupt in anderen Sonnensystemen vorkommen. Wieviele von den Exoplaneten, die man mit verschiedenen Methoden findet, haben Monde und wie kann man diese eventuell nachweisen?

Laut der Greenbank-Formel stellt sich auf der Suche nach der zweiten, dritten und vierten Erde auch die Frage: Gibt es irgendwo ähnliche Lebensbedingungen wie auf unserem Planeten und wie "typisch" ist unser Sonnensystem im Vergleich zu anderen? Die ersten Funde von extrasolaren Planetensystemen schien zu eröffnen, dass unser SoSy was ziemlich besonderes ist. Allerdings ist das wohl nur ein "natürlicher Effekt" der Erstentdeckung von Exoten: Es ist, wie beim Blick in eine Menschenmenge: die besonders übergewichtigen oder besonders hochgewachsenen stechen heraus und fallen zuerst auf. Erst später nimmt man die ganzen "gewöhnlichen" Leute wahr. Inzwischen gab es mehrfach die Meldung von der Entdeckung erdähnlicher Planeten (siehe SuW, z.B: 2011).

Manche wissenschaftlichen Thesen behaupten, dass die Erdachse insbesondere deshalb über Jahrmilliarden stabil ist, weil unser Mond die Erde umkreist. Vielleicht ist dies einer seiner tatsächlichen Beiträge für das Leben auf der Erde (nicht zu verwechseln mit den zahlreichen angedichteten Einflüsse)?

Was haben wir zum Finden von Planeten?

Gehen wir dazu die einzelnen Methoden kurz durch: Exoplaneten finden wir heute mit fünf verschiedenen Methoden. Pulsarplaneten stören die Regelmäßigkeit der Pulse jener kosmischen Taktgeber, die als Neutronensterne ihren Magnetpol gerade zufällig in unsere Richtung drehen. Hätte ein solch exotischer Planet einen Mond, dann könnte auch der Mond den Puls verkleinern oder aussetzen lassen, aber da der Mond naturgemäß immer nah am Planeten steht, würde auch der Planet allein denselben Effekt bewirken und der Mond nichts "aufmodulieren". Wir würden den Mond nur registrieren, falls seine Bahnebene in exakt der Ebene der Pulse liegt und die Bahngeometrie des Mondes (Entfernung zum Pulsar und Durchmesser des Mondes) hinreicht, den Puls ebenfalls abzudecken oder seine Intensität merklich zu schwächen. Um dies vernünftig abzuschätzen, bräuchte man eine statistische Verteilung der Monde, die mindestens halb so groß sind wie ihr Planet. Zum Zeitpunkt meiner Diplomarbeit zählte Pluto-Charon noch als Doppelplanet und damit wäre die Häufigkeit eines solchen Falles in unserem SoSy = 1 bei etwa zehn Planeten und tausenden von Monden (Fehlerbalken der Astrophysik liegen ja oft im Exponenten). Betrachten wir nun aber noch, dass Pluto zu weit von der Sonne entfernt wäre, um bei seiner Mini-Größe einen Pulsar-Puls (Lichtkegel) zu stören, könnte es auch sein, dass wir Pluto und Charon, die um einen Pulsar kreisen, gar nicht finden.

Also, angenommen, alle Pulsarplaneten haben Monde. Dann ist die Chance, dass einer dieser Monde halb so groß ist wie sein Planet etwa 0,1 (mit der Stichprobenmenge von eins, die wir haben, nämlich unser SoSy). Kreist der Planet dicht am Pulsar, könnten er den Puls stören, kreist er in großer Entfernung stört er vielleicht nicht messbar. Die Chance für die Entdeckung von Pulsar-Monden liegt also im günstigsten Fall bei 0,1 mal der Anzahl der entdeckten Pulsar-Planeten, im ungünstigsten Fall bei 0. Bei deren geringer Häufigkeit und noch viel geringeren Relevanz für die Suche nach Leben im All ist dies jedoch wohl schlicht weg vernachlässigbar. :-(

Ähnliches gilt für die astrometrische Planetenfinde-Methoden:

Weil im Gravitationsgesetz die Anziehungskräfte der beteiligten Massen gleichberechtigt eingehen, zieht jeder Planet auch seinen Stern an. Wir können entweder versuchen, die resultierende rhythmische Bewegung des Stern mit dem Planetenumlauf direkt zu messen, also als Verschiebung des Sternortes am Himmel, wenn der Stern an unserem Himmel quasi hin- und hertänzelt. Alternativ können wir versuchen, die Sternbewegung "auf uns zu" und "von uns weg" im Planetenrhythmus durch die Messung von Radialgeschwindigkeiten, also die Doppler-Verschiebung seines Spektrums zu bestimmen. In jedem Fall würde ein Mond um den Planeten kaum einen Effekt bewirken, weil er sich ungefähr am Ort des Planeten befindet. Die aufmodulierte Verschiebung des Sterns, die durch den Mond verursacht wird, ist derzeit mit astrometrischen Methoden gar nicht nachweisbar und auch bei der Doppler-Whobble-Methode wäre ich skeptisch, da sie ohnehin große Planeten (relativ zu ihrem Stern) auf engen Bahnen bevorzugt.

Es bleiben zwei Hauptverdächtige unter den Methoden, wie man Monde nachweisen kann: Die Transitmethode und die Gravitationslinsenmethode. In beiden Fällen handelt es sich um photometrische Methoden, bei denen wir also die Helligkeit eines Sterns messen. In den Veränderungen der Helligkeit eines per se kontinuierlichen Strahlers messen wir charakteristische Veränderungen, die auf Planeten schließen lassen.

Transitmethode

Bei der Transitmethode beobachten wir auf diese Art den Vorübergang eines Planeten vor seinem Mutterstern. Wir sehen also einen Helligkeitseinbruch in der Lichtkurve des Sterns, denn für die Dauer des Vorübergangs des Planeten vor seinem Mutterstern wird ein Teil der leuchtenden Sternoberfläche abgeschattet. Würde beim Planeten ein Mond stehen, könnte er in einer günstigen Konstellation die Symmetrie dieser Kurve brechen, denn er könnte z.B. beim Eintritt des Planeten vor die Sternscheibe "neben" dem Planeten stehen, so dass mehr Sternfläche abgedeckt wird als der Planet allein verdecken könnte. Andererseits könnte er bei Austritt oder spätestens beim nächsten Vorübergang desselben Planeten vor seinem Mutterstern eben nicht mehr "neben" dem Planeten stehen, so dass infolge der Rotation des Mondes um den Planeten, also seine Bindung an den Planeten die Sternhelligkeit jedes n-te Mal stärker zurückgeht als sonst - je nachdem, ob der Begleiter des Planeten gerade ebenfalls Sternlicht abschattet oder nicht.

Transit

Abb. 1: Im linken Bild gehen Planet und sein Mond "nebeneinander" an der Sternscheibe vorüber. Der Helligkeitsabfall ist die Summe aus den beiden einzelnen Helligkeitsabfällen. Im rechten Bild wäre der Mond nicht detektierbar, weil er sich in der Helligkeit des Sterns überhaupt nicht bemerkbar macht.

Natürlich ist der Effekt sehr klein und seine Messbarkeit fraglich. Der größte Mond unseres Sonnensystems, Ganymed, hat einen Durchmesser von 5262 km, also ein Dreihundertstel Sonnendurchmesser. Weil die Leuchtkraft aber mit dem Quadrat des Radius skaliert, kann man daraus grob abschätzen, dass Ganymed für einen Beobachter auf Alpha Centauri oder auf der Wega einen Helligkeitseinbruch von 0.7 Promille verursachen würde. Zum Vergleich: Jupiter hat ca 10 % des Sonnendurchmessers und verursacht mithin - grob geschätzt - einen Helligkeitsabfall von 1%.

Hätten wir also photometrische Genauigkeiten von 0.1 Promille, also Genauigkeiten, die einen Helligkeitsabfall um ein Hunderttausendstel registrieren können, dann könnten wir Ganymed und ähnlich große Monde in anderen Sonnensystemen mit der Transitmethode nachweisen. Meines Wissens hat das aber bisher noch niemand versucht. Selbstverständlich ist Ganymed wirklich einer der Giganten unter den Monden. Die meisten Monde - also "typische" Kandidaten - wären deutlich kleiner und erforderten eine Genauigkeit von 0.01 Promille und weniger. Wie mit jeder Art von Entdeckung wäre es aber wichtig, zunächst den prinzipiellen Nachweis zu bringen, dass die Methode funktioniert, also einen ersten Mond auf diese Art zu finden. Hinterher kann man dann auch die Messgenauigkeit verbessern und die Methoden verfeinern, damit einem auch die "kleinen Fische" ins Netz gehen (können).

ligthlack

Abb. 2: Lichtablenkungen durch Gravitationslinsen: Der Mittelpunktstrahl kommt nicht an, stattdessen aber zahlreiche andere, die sonst an uns vorbei gehen würden. Wir sehen den Hintergrundstern heller.

Gravitationslinsenmethode

Die vielleicht raffinierteste und gleichzeitig brisanteste Methode der Planetensuche ist die Ausnutzung des Gravitationslinseneffektes. Mit ihr kann man erdähnliche Planeten sogar in gigantischen Entfernungen nachweisen, z.B. im Zentrum der Milchstraße. Wir beobachten dafür ferne Hintergrundsterne und messen deren Helligkeit. Falls wir Glück haben, zieht zwischen uns und diesen fernen Sternen eine andere Sonne mit ihren Planeten und Monden vorüber.

kaustik-lichtkurve-relation

Diese Himmelskörper - egal, ob wir sie selbst sehen können oder ihre Helligkeit dafür nicht ausreicht - lenken das Licht des fernen Hintergrundsterns ab. Dieser Effekt, den wir aus der Allgemeinen Relativitätstheorie ableiten, führt bei großen Skalen (also Galaxien usw) zu Doppel- oder Mehrfachbildern des Hintergrundobjektes. Auf den hier betrachteten kleinen Skalen aber, wenn wir also nur von Sternen innerhalb unserer Milchstraße reden, können wir diese Mehrfachbilder nicht auflösen, sondern beobachten am Himmel "nur" eine Lichtverstärkung des Hintergrundobjektes. (siehe Abb.)

lichtablenkung

Abb. 4: Umwandert ein Mond den Planeten, dann wird das Muster der Lichtverstärkung komplizierter. Weil die Lichtstrahlen zwischen den Mikrolinsen Stern, Planet und Mond hindurch navigieren müssen, ist die Lichtverstärkung nicht eine einfach Addition der Einzellichtkkurven, sondern hängt empfindlich von der genauen Geometerie der Konstellation ab.

Das linke Teilbild zeigt ein Szenario in der Frontansicht (von uns aus gesehen). Eingezeichnet sind die projizierten Mehrfach-Abbilder B1, B2 einer Quelle Q in einem beliebigen System mit dem Einsteinradius RE um die Linse im Zentrum. Bei B1 und B2 würden wir die Bilder sehen, wenn wir sie auflösen könnten (in praxi auf diesen Skalen nicht gegeben). Das rechte Teilbild zeigt deren Zustandekommen in der Seitenansicht.

Hier wird natürlich kein Licht zusätzlich erzeugt und wir addieren auch nicht das Licht von verschiedenen Quellen. Man kann es sich vereinfacht so vorstellen: Der Hintergrundstern strahlt in alle Richtungen Licht ab, wovon uns das meiste natürlich nicht erreicht, weil er es nicht in unsere Richtung schickt. Steht nun aber eine Gravitationslinse zwischen uns und dem Stern, trifft uns der direkt auf uns gerichtete Lichtstrahl zwar nicht. Allerdings kommen ein paar Lichtstrahlen bei uns an, die ohne die Linse einfach "links und rechts" oder "oben und unten" an uns vorbei gehen würden - jene Lichtstrahlen also, die ohne Linse vielleicht ein Mond"bewohner" oder ein Mars"bewohner" sehen würde oder ein Beobachter auf dem Planeten um 51 Peg). Die Linse bewirkt also, dass von dem Hintergrundobjekt mehr Licht zu uns hingelenkt wird und bei uns ankommt, anstatt anderswo und wir sehen, wie der Hintergrundstern heller wird.

So sehen die Karten der Lichtverstärkung aus: Betrachten wir einen winzigen Bereich am Himmel um einen Hintergrundstern (unten links, weit außerhalb des Bildes: etwa die doppelte Kantenlänge der Bildhöhe), dann zeigen hier die (erdachten) Linien und Flächen an, wo es eine Verstärkung in der Lichtkurve des Hintergrundsterns gäbe, falls sich ein Planet bzw. Mond des Vordergrundsterns an dieser Himmels-Stelle befinden würde.

Planet Mond Kaustiken

Abb. 5: Gravitationslinsenkaustiken wie diese entstehen als theoretische Simulationen des umgekehrten Lichtwegs. Sie geben sozusagen eine "Karte der Lichtverstärkung". Weiß sind die Orte hoher Lichtverstärkung falls man nur einen jupiterähnlichen Planeten um einen Stern hätte. Dunkelgrau bis schwarz sind die Orte derselben Planet-Stern-Konstellation, wenn der Planet durch einen großen Mond begleitet wird. Der Mond verschiebt also auch den Ort der Lichtverstärkung für den Planeten. Natürlich wäre dieser Effekt nicht messbar, weil man den Mond ja nicht entfernen kann, aber für die theoretischen Simulationsrechnungen ist dieser Effekt sehr wichtig.

Problem der Größe von Hintergrundsternen

Auch Monde haben natürlich Massen und würden mithin eine solche Lichtablenkung bewirken. Da gerade die Linseneffekte bei einem solchen Dreipunktlinsen-System stark nichtlinear werden, kann man jedoch nicht einfach die Lichtkurven von zwei Sternbegleitern (einem großen, dem Planeten, und einem kleineren, dem Mond) addieren, wie es bei der Transitmethode möglich war. Stattdessen ergeben sich verschiedene Effekte in den Lichtkurven je nachdem, wie der Exoplanet, sein Mond und ihrer beider Mutterstern durch unser Gesichtsfeld vor der Hintergrundquelle vorüberwandern.

Monde können theoretisch auch einen Helligkeitsanstieg von einigen zehn oder sogar einigen hundert Millimagnituden bewirken, den wir heutzutage bereits detektieren könnten. Allerdings könnte sogar dieser relativ starke Effekt im Fall von großen Hintergrundsternen im Rauschen verschwinden: Hat nämlich ein Hintergrundstern einen größeren Durchmesser, dann wird seine Leuchtkraft stärker um eine (idealgedachte) Punktquelle verschmiert, als wenn er kleiner wäre. Selbst wenn also der ferne Riesenstern mehr Licht abstrahlt, als der ferne Hauptreihenstern, so trifft dennoch das meiste seines Lichts nicht in den Linsenbereich unserer Mikrogravitationslinse und wird folglich doch nicht zu uns irdischen Beobachtern umgelenkt. Das Licht, das von der Gravitationslinse zu uns hin abgelenkt werden kann, wird also eher weniger, wenn der ferne Strahler groß ist.

Eine Hoffnung ist allerdings, dass wir aufgrund der größeren Anzahl von kleinen und durchschnittlichen Sternen als von Riesen auch mehr von diesen kleineren beobachten als von den Riesensternen. Natürlich erfordert dieses Ziel sensible photometrische Messgeräte, denn die Riesen sind nunmal auch leuchtkräftiger als die Zwerge (weiter oben im HRD).

Eine andere - wenngleich sehr schwierige - Lösung dieses Dilemmas könnte sein, dass man gar nicht Sterne im Hintergrund beobachtet, sondern Quasare oder andere Objekte, die an sich Quasi-Punktquellen sind. Dann würden sich die Monde der Exoplaneten jedenfalls in den Lichtkurve zeigen. - Die Frage ist eher, ob es für ein derartiges Szenario eine sinnvolle Konstellation geben kann: Exoplaneten suchen wir bisher nur in unserer Milchstraße, der Galaxis, und wo sich die Sterne und die interstellare Materie der Galaxis befinden, können wir leider nicht ins ferne All schauen. Wo wir umgekehrt in die Ferne schauen können, da sind eben keine nahen Objekte im Weg, d.h. es ist sehr unwahrscheinlich (wenngleich nicht unmöglich), dass wir dort einem Freefloater begegnen, der vielleicht dann auch noch einen lunaren Begleiter mit sich führt.

 

Stern Ein Fusor, d.h. er generiert Energie durch Kernfusion.
Planet Ein Nichtfusor, der (unmittelbar) um einen Fusor kreist. Ein Fusor erzeugt sein Licht durch Kernfusion selbst.
Mond Ein Nichtfusor, der um einen Nichtfusor kreist.
Freefloater Ein Objekt planetarer Masse, dass nicht um einen Fusor kreist, sondern sich zwischen den Sternen frei bewegt.

 

Die charakteristische Form dieses Helligkeitsanstiegs lässt (nach unserem heutigen Wissen) eindeutig auf ein Linsenereignis schließen, auch wenn leider jedes Ereignis einzigartig und unwiederholbar ist. Jedoch verletzt diese Suchmethode daher ein ganz fundamentales Messprinzip der modernen Wissenschaften: Normalerweise fordern wir die Reproduzierbarkeit von Beobachtungen und das können wir in diesem Fall nicht garantieren: Im Gegensatz zur Transitmethode beobachten wir hier ja eine Helligkeitsänderung von einem unabhängigen Hintergrundstern und nicht eine Änderung bei der Muttersonne des Planeten. Wenn also der Mutterstern mit seinem Sonnensystem einmal den Hintergrundstern passiert hat, dann ist dieses Ereignis unwiederholbar vorbei. Man stützt also die Beobachtung eines solchen Events auf eine Mehrfachbeobachtung von unabhängigen Beobachtergruppen auf der Erde. Nur falls mehrere Gruppen gleichzeitig diese Beobachtung machen, gilt eine Lichtkurve als gesichert und wird akzeptiert. 

Hintergurndstern Effekt

Abb. 6: Je größer der Hintergrundstern ist, desto weniger von seinem Licht steht der Linse für die Verstärkung zur Verfügung. Beobachten wir also unter den Hauptreihensternen eher größere von ca 4 Sonnenradien, dann kommt Effekt in für den hier simulierten Fall eines Doppelplaneten (Uranus umkreist Jupiter) gerade noch übers Detektionslimit. Doch falls dieselbe Konstellation an einem nur wenig größeren Riesenstern vorüberzieht, geht der Effekt des Mondes bereits im Rauschen unter. Man bedenke, dass typische Messdaten - im Gegensatz zur hier dargestellten Rechnung - keine kontinuierlichen Messkurven zeichnen könnten und die Punkte obendrein einer starken Streuung unterliegen würden.

Planeten und ihre Monde können also Lichtverstärkungen an Hintergrundsternen verursachen und die gute Nachricht ist: Sie können es sogar gleichermaßen intensiv. Ein Jupiter um die Wega könnte also die gleiche Höhe der Lichtverstärkung an einem (ideal punktförmig gedachten) Hintergrundobjekt bewirken, wie sein Mond Ganymed, weil die Höhe der Lichtverstärkung nicht von der Größe oder Masse der Linse abhängt, sondern nur von der Geometrie der Konstellation und der Größe des Hintergrundobjektes.

Dauer des Effekts

Überhaupt ist der Durchmesser der Linse von geringer Bedeutung, sondern als Einflussgröße benutzen Gravitationslinsenphysiker stets die Masse. Die Masse des linsenden Himmelskörpers hat eine andere Auswirkung auf die Beobachtung: sie reguliert nämlich die Dauer des Ereignisses! Ein durchschnittlicher Stern wie die Sonne würde z.B. als Gravitationslinse eine Helligkeitssteigerung beim Hintergrund bewirken, die einige Monate oder vielleicht ein Jahr andauert. Ein Planet hingegen hellt einen Hintergrund nur für einige Wochen auf, was aber noch immer bequem beobachtbar ist, solange es keine nachhaltigen globalen atmosphärischen Veränderungen gibt. Betrachten wir nun aber typische Mondmassen in unserem Sonnensystem, so müssen wir erkennen, dass ihre Mikrogravitationslinsenlichtkurven für sie nur von wenigen Stunden Dauer sein könnten. Monde sind also nur kurzfristig erhellend.

Diese Erkenntnis ist allerdings fatal für die Abschätzung der Beobachtbarkeit, denn dann könnte z.B. ein Teleskop in Zentralasien einen Exomond-Peak beobachten und während sich die Erde weiterdreht und binnen desselben Tages später, wenn es in Europa und Afrika oder den USA Nacht wird, der Exomond-Peak schon vorbei sein. Selbst wenn die Verstärkung sogar länger als einen Tag dauert und es dann in Zentralasien bewölkt ist, würde uns der Exomond durch die Lappen gehen, weil wir mit hoher Wahrscheinlichkeit diese eine Beobachtung niemals werden bestätigen können.

Plausibilität der Entdeckungswahrscheinlichkeit

Ein dritter Effekt kommt zum Tragen, den ich nicht unerwähnt lassen möchte: Die Unwissenheit des Beobachters. - Ich habe hier aus Sicht der theoretischen Astrophysik entwickelt, welche Effekte lunare Begleiter von Exoplaneten in deren Mikrogravitationslinsenlichtkurven überhaupt verursachen würden. Das Ergebnis ist, dass die Stärke des Effekts von Monden hauptsächlich vom Massenverhältnis Mond-Planet und der geometrischen Konstellation (Enge der Mondbahn und Lage, also Inklination in Bezug auf unser Beobachterbezugssystem) abhängen. Ich habe also kurzfristig aus der Perspektive des "allwissenden Gottes" nachgeschaut, wie stark der Effekt ist und ob der irdische Beobachter ihn bemerken könnte. Bei dieser deduktiven Methode ist es natürlich leicht zu behaupten, dass das doch mit Wahrscheinlichkeiten von einigen Prozent oder Promille eigentlich klappen könnte.

ABER Der Beobachter aber weiß ja in realitas nicht, ob ein Exoplanet einen Mond hat oder nicht. Wir haben gesehen, dass der Effekt photometrisch nahe am Rauschen ist, dass er von kurzer Dauer ist und dass er später auch nicht reproduzierbar sein wird.

ACHTUNG Es wäre also leicht, für einen Beobachter, diese Datenpunkte - selbst wenn er sie messen würde - als Messfehler zu deuten und gar nicht erst auf die Idee zu kommen, hier eine weitere Mikrolinse hinein zu interpretieren.

Bitte, liebe Beobachter, sucht trotzdem! :-)

Es gibt mit dem neuen Exoplaneten-Suchprogramm auch für Amateure (SETI@home) wunderbare Möglichkeiten, sich in diesem Feld auszutoben! Lasen wir nicht kürzlich in SuW von Aufrufen zur Unterstützung der Kepler-Daten-Auswertung?

Ideen und Perspektiven

Im Grunde müssten also an jeder Beobachtungsstation auf der Erde mindestens zwei konkurrierende Gruppen stets gleichzeitig messen und sich gegenseitig bestätigen, um abzusichern, dass ein oder zwei Messpunkte, die man dann vielleicht nur hätte, tatsächlich real sind und weder technische Messfehler noch Fehlinterpretationen der Auswertung. Am besten wäre dafür sogar, die Erde mit einem feinmaschigen Netz aus (doppelten) Beobachtungsstationen zu umspannen, um eine Lichtkurve lückenlos und einwandfrei aufzuzeichnen. - Ob der einzelne Beobachter dann auf die Idee kommt, einen Ausreißer in seiner Lichtkurve tatsächlich mit einem Exomond in Verbindung zu bringen, ist trotzdem fraglich. Meine theoretischen Simulationen verschiedener Linsenszenarien und Betrachtungen, ob wir es schaffen werden, Exomonde auf diese Art zu finden, resümiere ich daher leider eher skeptisch.

Ich glaube, dass der Effekt der Monde an sich durchaus messbar wäre, wenngleich er mit einigen Prozent oder Promille recht klein erscheint: Beobachten wir aber einige hundert oder tausende von Sterne, die ein Sonnensystem mit Monden haben, dann wäre die Detektion von Monden realistisch. Die Chance jedoch, dass wir einen Mond tatsächlich als solchen erkennen, wenn er sich kurz bemerkbar macht, geht m.E. leider gegen Null. - Ich würde mich allerdings sehr freuen, wenn künftige Beobachtungen und Auswertungen diese derzeit ungünstige Abschätzung als zu pessimistisch herausstellen. Es bleibt also spannend in der Suche nach den Monden der "zweiten Erden". :-)

Good Luck!

 


 

alt Endlich aufgeschrieben, was schon seit Jahren in meiner Schublade schlummert. 



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Modelle in der Physik

14. Januar 2012, 15:56

... sind eben Modelle, also erheben gar nicht den Anspruch, die absolute Wahrheit zu sein (falls es eine solche gibt). Ein Modell taugt für einen bestimmten Bereich, für ein bestimmtes Erklärungs-Schema oder einen bestimmten Denkstil (Begriff von Ludwik Fleck). Alle unsere Methoden zur Beschreibung der Natur sind nach meiner Deutung stets ein Versuch, das (mit allen Sinnen oder Messgeräten) Beobachtete in ein Schema zu pressen. So wie jeder Messvorgang ein Vergleich der Realität mit einem bekannten Maß (grch.: metron: [μέτρον, métron]) ist, ist eben das Modell der Vergleich der (modernerweise möglicherweise unsichtbaren, mikroskopischen und teleskopischen) Realität mit etwas Bekanntem.

In meinem Beispiel (siehe unten) werden auf humorvolle Art die verschiedenen Modelle für Elektronen dargestellt. Ein fingierter Streit von Professoren um "die Wahrheit" stellt wieder einmal unter Beweis, dass beim Streit um Wahrheit der Streit die einzige Wahrheit bleibt. Jedes der Modelle ist irgendwie, irgendwo richtig ... manch eines genauer als ein anderes, aber für manche Zwecke taugt eben schon das ungenauere Modell.

Das ist nun einmal der Denkstil der modernen Naturwissenschaft. Man soll (wie seit der Antike nach Sparsamkeitsprinzip) die Modelle stets so einfach wie möglich gestalten. Wenn aber das einfachste Modell, z.B. die Hypothese der Thermodynamik und statistischen Physik, das Elektron sei ein Kügelchen, nicht mehr taugt, weil das Elektron am Doppelspalt Interferenzmuster zeigt, dann muss man halt das Modell wechseln. Wir verlassen also für diesen Versuch den Gültigkeitsbereich des ersten Bildes.

Weiters wünscht sich die Festkörperphysik ein Modell fürs Elektron nicht als einsames Teilchen, sondern als verschmiertes Etwas in einem Leitungs- oder Valenzband, wenn sie die Leiter-, Halbleiter- oder Nichtleitereigenschaften bestimmter Stoffe "erklären" will.

Mit diesem Modell würde hingegen wiederum die statistische Physik, die ja eigentlich nur wissen will, wieviele Teilchen sich wie schnell bewegen, ziemlich kompliziert aussehen. In deren Anwendungsbereich sind Teilchen oder Quanten (Pakete) sehr viel praktischer als ein "Elektronensee".

So gibt es in der Anschauung stets mehrere Modelle nebeneinander, die alle gleichzeitig ihre Daseinsberechtigung haben und von denen keins als "absolute Wahrheit" betrachtet wird. Jedes Modell, also "Bild" taugt für einen bestimmten Gültigkeitsbereich und für einen anderen nicht. So, wie auch jede mathematische Formel einen bestimmten Gültigkeitsbereich hat, manche Reihen oder Funktionen vielleicht im Bereich von \N (natürliche Zahlen) und andere im Bereich der reellen Zahlen \R...

Die Wahrheit lässt sich also vllt augenblicklich reduzieren auf den Satz, dass es Elementarteilchen namens Elektronen gibt. Wie genau man die sich vorstellen soll, das hängt davon ab, was man gerade damit erklären möchte ... und provoziert mithin die Frage, ob man sie sich überhaupt "vorstellen" soll und muss.

Ich kenne kein Naturgesetz, dass besagt, dass der liebe Gott die Natur bis ins Allerkleinste und Allergrößte so geschaffen hat, dass sie in die Alltagsanschauung aller Menschen passt. Also: Was ist daran schlimm, wenn man sich ein unsichtbares Detail wie das Elektron eben nicht eindeutig "vorstellen" kann?

chap:tDas Elektron

             (oder)

Rumpelstilzchen für Physiker

Sagt, was ist ein Elektron
fragt ein Student und will es lernen.
Professor A in wicht'gem Ton
belehrt, es sei leicht zu entfernen.

Zumindest gelt' das im Metall,
dort gibt's 'nen Elektronensee.
Professor B lacht los mit Schall:
"Erzählen Sie nicht solchen Schnee!

Richtig ist, es gibt ein Gas
aus Elektron' der Atomhüllen."
Professor C berichtigt das:
"Viel' Elektronen braucht's zum füllen.

Doch eins allein ist eine Welle."
Student bereut schon seine Frage
Professor D antwortet schnelle:
"Meine Herr'n, welch eine Plage!

Das Elektron ein Teilchen ist:
'ne kleine Kugel ist's Elektron!"
Student verwirrt, wird Germanist,
Prof's fahr'n fort mit Diskussion.

Und unser kleines Elektron?
Saust um den Kern, kichernd vor Hohn.

(Machmut Agathe Dalena)



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Hilmar Duerbeck verstorben

06. Januar 2012, 23:09

gestern, am 5. Januar 2012, ist der in Hobby- und professionellen Astronomiehistorikerkreisen bekannte Hilmar Duerbeck überraschend in seinem Haus in der Eifel verstorben (*1948, CV).

Astronomiehistoriker kannten ihn als Redakteur der Reihe, der Acta Historica Astronomiae. Sehr populär waren auch eigene Forschungsberichte und Bücher von ihm (z.B. Hubble-Universum (in dt.)).

Diese traurige Meldung trifft auch die Sternfreunde-Szene wie ein Schlag.

Nachrufe erscheinen gewiss in nächster Zeit von berufenerer Stelle oder von beruferer Person...

[diese Info z.B. auch hier in engl.]

 

Wer genauso betroffen ist wie wir Sternfreunde darf gerne auch hierunter kommentieren.

 


 

(hier nur sein jüngstes Bild, aufgenommen in Hammerfest)

 

 

 

 


 

Nachtrag - Feburar 2012

Eine Trauerfeier für Hilmar Duerbeck fand am 4. Februar in Schalkenmehren in der Eifel statt. Sie ist durch seine Freunde organisiert worden.

Foto: Gudrun Wolfschmidt

Herr Prof Duerbeck war zuletzt insbesondere an der Sternwarte Hoher List in Bonn engagiert: Er war dabei, die dort zu Hauf lagernden historischen Dokumente systematisch historisch zu sichern. Mit seinem Ableben sieht sich die Gemeinde deutschen Astronomie-Historiker mit Sorge auf die zahlreichen historischen Quellen, die auf dem Hohen List lagern und hofft - ja, lauert regelrecht - , auf die Möglichkeit zu ihrer fachgerechte Bearbeitung! 

Abb.: Prof. Dr. Gudrun Wolfschmidt und Ansgar Korte Anfang Februar auf dem Hohen List.



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"Wir haben einen Stern gesehen"

25. Dezember 2011, 11:00

ein künstlicher Super-Meteor gestern Abend über Zentral-Deutschland - pünktlich zur Zeit der Bescherung bzw zum Ende der Vorabendmesse gegen 17:30, so dass sehr viele Menschen in den Genuss kamen. Das Objekt konnte es an Helligkeit durchaus mit einer Straßenlaterne aufnehmen, wie dieses Amateurvideo von YouTube eindrucksvoll zeigt:

Was das genau war, das da verglühte, sei noch unklar, hieß es noch den ganzen Sonntagvormittag (sagen viele Radio-Nachrichten, vorerst ... z.B. auch wetterOnline, oder Blick.ch): ob es Weltraumschrott war [Link zu Daniel Fischers Blog, NACHTRÄGL. ergänzt] oder ein natürlicher (hier wohl "höchstens faustgroßer", Zitat DLR - angesichts der Videos wäre ich da schon skeptisch) Meteoroid, also eins von den zahllosen Teilchen, die im Sonnensystem herumschwirren und als Meteor in der Erdatmosphäre verglühen können... 

Jedenfalls gibt's KEINEN KRATER, kein Impakt, sondern Verglühen in der Atmosphäre, also KEIN Komet, wie in diesem Video geschrieben ... Der diesjährige Weihnachtskomet "Lovejoy", der von der Erdsüdhalbkugel und der ISS sichtbar ist, wurde bereits von Jan Hattenbach beschrieben.

Der Titel dieses Videos ist allerdings nur ungeschickt gewählt, hört man vom Sprecher auf russisch: künstlicher Weltraumschrott wird hier spekuliert. Nicht ein ganzer Satellit, nur ein Teil Weltraumschrott (die Sojus-Stufe), meinen die Astro-Journalisten. N24 schrieb dazu gestern nach Anfrage beim DLR (Meteor = Sternschnuppe).

Ein Kollege weiß es: zu Florian Freistetter (verglühende Sojus-Stufe)

NACHTRAG 2: und hier noch ein hausinterner Link (doch Sojus, sagt SuW).

NACHTRAG 3 ... und jetzt auch beim Tagesspiegel

... und inzwischen sogar mit Berufung auf die ESA statt "belgische Forscher". (Nachtrag 4)

Wegen Weihnachtsstern - die drei Weisen sind schon lange unterwegs:

Dieses Foto hat ein Freund & Kollege von mir 2005 in der südwestlichen Sahara gemacht, während ich selbst im Bild bin. Ich hab's dieses Jahr an Freunde als Weihnachtsgruß verschickt ... und siehe prompt erscheint uns ein "Weihnachtsstern" ;-) , also zumindest eine auffällige Leuchtspur am Himmel (keine Nova).

Der WEIHNACHTSSTERN zu Jesu Geburt soll übrigens nach gängiger Lehrmeinung ebenfalls KEIN KOMET gewesen sein (was möglich wäre, aber unwahrscheinlich, weil es nicht zur astrologischen Deutung der drei Weisen passt). Vielmehr wird der Weihnachtsstern als Große Konjunktion (nahes Zusammenstehen am Himmel) der hellen Planeten Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische gedeutet (... und es gibt natürlich noch andere Theorien, es wird sicher noch lange darüber spekuliert, vermute ich). Das passt zur damaligen Himmelsdeutung, denn Jupiter war der Königsplanet, Saturn wurde wohl in Persien vor allem mit den Juden in Verbindung gebracht und das Sternbild der Fische stand für eine sich ankündigende Geburt. Schließlich zeichnen wir es noch heute so am Himmel: zwei Baby-"Fische", die - noch verbunden mit einer Nabelschnur - aus dem Wal"fisch" (Cetus) schlüpfen. Die Deutung, dass der "König der Juden (I.N.R.I.) geboren" werde/ sei, liegt also nahe. "Große Konjunktion" heißt, dass - im Gegensatz zu einer normalen Konjunktion - die Planeten nicht nur einmal kurz zusammentreffen, sondern drei Mal im Abstand von nur einem Jahr, d.h. der schnellere Jupiter überholt Saturn nicht nur mal eben am Himmel, sondern die Oppositionsschleifen liegen derart übereinander, dass sich die beiden dreimal sehr eng begegnen. Die Abstände der drei Begegnungen (exakt errechenbar) passen wohl auch ganz gut zu den damaligen Reisezeiten und Standort überm lokalen Horizont, wenn die Perser bei einer Begegnung loszogen, ihre Richtung in Jerusalem änderten und bei der letzten Konjunktion in Bethlehem ankamen.

Zauber der Weihnacht (?!)

Die Deutungen dieses Phänomens (sowohl das damalige, als auch das gestrige) auf der Meta-Ebene möchte ich jedem Menschen selbst überlassen, aber ich spendiere Ihnen noch ein paar weitere Bilder, die mir in letzter Zeit beim Zusammenschreiben einer Monografie über meine Zeit in der Wüste unterkamen ... und die, wie ich finde, fabelhaft zur aktuellen Woche zwischen den Jahren passen.

Damals, bevor man in den USA den Luftraum freigeben musste für eine CocaCola-Ikone, die am Nordpol wohnt ... damals, als der Grund von Weihnachten war, dass man die Geburt eines erlösenden Propheten feierte, wurden Güter (wie z.B. Weihnachtsgeschenke) noch transportiert, indem man sie auf Lasttiere verlud. So habe ich das oft gesehen, als ich durch die Sahara ging:

Karawanen handelten klassisch mit Salz und Gold. Heute transportieren sie Touristen, die einen sehr ökologisch nachhaltigen Tourismus pflegen, naturnah leben, unterm freien Sternhimmel schlafen und sich für urbi et orbi (die Stadt und den Weltkreis) interessieren... und ich habe solche oft begleitet. :-)

... eine unbeschreiblich schöne und erkenntnisreiche Zeit meines Lebens ...

Bei meinen letzten Karawanen, nach dem ich eine Woche lang mit einem afrikanischen Freund allein über Land unterwegs war (mir egal, was die Leute dachten - er hat mir nur sein Land gezeigt) und schon unzählige Touristen durch die Sahara und die islamische Kultur geführt hatte, entstanden folgende Fotos:

Ruhe und Besinnlichkeit

Jesus ist (natürlich lange nach seiner Geburt) auch in die Wüste gegangen und hat sich von Johannes taufen lassen. Viele große Propheten fanden ihre Erleuchtung in der Wüste.

Jedenfalls ist das gegenseitige menschliche Miteinander, das gelebte "egal, welche Hautfarbe du hast" und egal, wie du aussiehst, egal, wieviele Drachmen-Konten du hast und welche Beträge da drauf sind, sogar egal, von welcher Sprache deine Worte sind ... sondern wichtig ist, dass du hier und jetzt dein Wasser mit mir teilst oder mir eine halbe Stunde deiner Zeit bei drei Gläschen Tee schenkst. 

Wichtig ist, was du für eine Seele und was du für ein Herz hast ...  ganz im Sinne der großen Weltreligionen.

 

 

 


Herzliche Grüße an unsere Leser, 

frohe Feiertage - egal, was Sie feiern ...

[ein Lichterfest, vorgezogen die Geburt Jesu oder einfach nur ein paar Urlaubstage]

 

Ihr Weihnachtsengel vom Dienst ;-)

 

Arabische Nächte

Voyage extraordinaire

Sahara-Tour 2007

Bücher der Sahara

Literatur:

  • Antoine de Saint-Exupéry: Le petit prince, Der Kleine Prinz, erstmalig 1943
  • Antoine de Saint-Exupéry: Dans le Désert (in der Wüste) und Les camerades (die Kameraden) in: Terres des Hommes (Erde der Menschen, dt. Titel: "Wind, Sand und Sterne"), erstmalig 1939 


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Sonne 2011 - Polarlichter in Deutschland sehen und hören

26. November 2011, 19:51

Zunahme der Sonnenaktivität - Polarlichter möglich, sogar schon in Norddeutschland sichtbar. Im August wurden hier welche gesehen - jetzt ist noch viel mehr los auf der Sonne! Wer die Polarlichter (z.B. wegen Wolken) nicht sehen kann, kann sie auch hören! Mit einem einfachen Radioempfänger, den jeder bauen darf - auch ohne Amateurfunk-Lizenz - kann man die Veränderungen in der Reflexionseigenschaften der Ionosphäre für Funkwellen durch den solaren Teilchenstrom hörbar machen!

Bei CONRAD gibt's einen lustig eingepackten Bastelsatz für ein Kurzwellenradio: Link. Man kann aber mit ein paar einfachen Bauelementen auch ein Mittelwellenradio bauen:

simpler Mittelwellenempfänger - Der Kondensator sollte im Bereich von 0 bis 500 pF regelbar sein, als Antenne genügt ein langer Draht und als Spule ca 100 Windungen Kupferdraht auf einer Klopapierrolle (man kann ja immernoch einen Eisenkern reintun - weitere Infos & Bild).

 

Zwar ist das Jahr noch nicht vorüber, aber ich habe gerade die wolkigen Tage für eine Bilderauswertung genutzt. Seitdem ich mein Solarscope hier wieder bei mir habe, wurde so oft wie möglich damit die Sonne fotografiert: Entweder früh morgens vorm Losgehen oder im Laufe des Tages in der Uni. Man erkennt leicht die Randverdunkelung der Sonne, Wolken der Erde, Sonnenflecken und manchmal auch Fleckengruppen - und bei genauer Betrachtung (nicht auf den Fotos, aber im Original) sogar helle Flares am Rand.

Hier das Ergebnis von diesem Jahr:

Deutlich sieht man hier die Wolken vor der Sonne, aber auch einen Sonnefleck.

Man sieht, die Sonnenaktivität entwickelt sich gen Maximum: ein dicker Fleck mit klar trennbarer Umbra und Penumbra.

Schwer was los auf der Sonne! :-)

Im August gab's ja schon mal Polarlichter hier in Mitteldeutschland (Freunde von mir haben sie gesehen), also jetzt wird's bestimmt wieder munter - und im Winter vllt sogar zu abendlichen Uhrzeiten, wo's mehr Menschen sehen. :-)

 

Und hier das Instrument:

Ein Solarscope ist sozusagen die moderne, zusammenklappbare Papp-Variante einer Camera Obscura (Was das ist: CameraObscura_superkurz.pdf): Eine einzelne Linse wirft ein Bild, das lediglich durch einen kleinen Spiegel umgelenkt wird auf die Rückseite der Pappe, die das direkte Licht abschirmt.

Es ist leicht transportierbar (im kompakten Pappkarton) und damit überaus reisetauglich.

Außerdem hat sich dieses Gerät bei mir als äußerst langlebig herausgestellt: Ich habe es ca. 2004 bekommen (nachdem ich die Bedienungsanleitung ins Deutsche übersetzt hatte) und es seither in zahlreichen Sommerlagern, Kursen und auf Reisen verwendet. Zwar leiern allmählich die haltenden Laschen ein wenig aus, aber dennoch sieht es noch überraschend gut aus.

 

Für den Venustransit nächstes Jahr also unbedingt empfehlenswert!

 

 


 

Links zur Vereinigung der Sternfreunde e.V.

Fachgruppe Sonne

Fachgruppe Meteore/ Atmosphäre

Polarlicht-Warnung


 

Mach es wie die Sonnenuhr:

Zähl die schönen Stunden nur! :-)



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Achromasie - Antwort auf Leserbriefe

12. November 2011, 22:42

Im Heft 5/2009 erschienen zwei Leserbriefkommentare zu meinem Artikel in 1/2009. Leider war es der Redaktion bis heute nicht möglich, meine Antwort auf Papier zu drucken: Der Platz ist ja strikt limitiert. Damit sie aber nicht in den unendlichen Weiten meiner Festplatten und der Festplatten der SuW-Redaktion verschwindet, stelle ich sie hiermit online. 

Wer nahm die Farbe aus dem Teleskop

In meiner sehr knappen historischen Skizze zur Einordnung des von mir studierten Rolfschen Medials in Rathenow von 1953 hatte ich aufzuzeigen versucht, dass Linsen- und Spiegeloptiken sich gleichzeitig entwickelten und über einige Jahrhunderte ein Wettrennen lieferten: Alexander von Humboldt stellt es in seinem Kosmos dar: "Auf eine lange Herrschaft der Reflectoren folgte wieder in dem ersten Fünftel des 19ten Jahrhunderts ein Wetteifer in Anfertigung von achromatischen Reflectoren und Heliometern [...] Zu den Objectiven von außerordentlichen Größen lieferten in Deutschland das Münchener Institut von Utzschneider und Fraunhofer, später Merz und Mahler; [...]" (S. 79 f.) Wie Gerhard Schmitt in seinem Leserbrief konstatiert, wurden also erst mit Fraunhofers Arbeiten große Achromate für Riesenfernrohre wie das Rolfsche 70-cm-Medial in Rathenow und das Vergleichsteleskop von F.S. Archenhold in Berlin-Treptow - übrigens ein traditioneller Achromat - möglich.

Achromasie

Richtig ist der Einwand, dass Fraunhofer die Achromasie nicht erfunden hat (herzlichen Dank fürs Bemerken dieser Ungenauigkeit an Herrn Witt), sondern dass er sie von einem Einzelhandwerk zur mathematisch verstandenen und entwickelbaren Serienfabrikation in großem Stile ausbaute. Seine Arbeiten sowie die von Ernst Abbe und Otto Schott (Jena) waren also grundlegend für Ludwig Schupmann in seiner Schrift über Medialfernrohre von 1899 (siehe insbes.: Vorwort Schupmanns).

Zur Priorität: Das Patent für den Achromaten hatte John Dollond 14 Jahre lang ab 1758, weil sein Sohn als gewitzter Geschäftsmann dies erwirkt hatte. Geschichtsforschung hat jedoch nachgewiesen, dass er nicht der Erfinder der achromatischen Optik war. Stattdessen wird diese Idee dem Optikmeister Chester Moore Hall zugeschrieben, von dessen Vorerfindung um 1729 Dollond gewusst hat. (lt. Riekher, S. 110 und Einsporn, S. 34 ff.)

Reflektor

Diskussionswürdig hingegen ist der Protest von Volker Witt bezüglich des Datums des ersten Spiegelfernrohrs. Ich schlage vor, dies hier in den kosmologs zu diskutieren und warte auf viele konstruktive Beiträge. Die Priorität ist allerdings wahrlich nicht der wichtigste Aspekt in der Geschichtsforschung, sondern vielmehr die Wege der Erkenntnis.

In meinem Artikel nannte ich "Niccólo Zucchi 1608" und berufe mich dabei auf das Handbuch zur Gechichte der Optik, Erg.Bd. 1, S. 387. Dort wird der Wiener Sternwartendirektor Johann J Littrow in Gehlers Wörterbuch (1825-1845), S. 164 zitiert. Womöglich gibt es alternative Datierungen.

Fakt ist jedenfalls, dass die Idee zum Spiegelfernrohr mindestens gleichzeitig mit dem Linsenfernrohr auf dem Markt war und nicht erst später hinzukam, wie oft in Schulbüchern dargestellt. So schreibt Sven Dupré in SuW 1/09, S. 46 "Es gab in der Tat eine lange und ausufernde Tradition im Studium sphärischer und parabolischer Brennspiegel ..., die bis in die Antike zurückreicht." und S. 45 zitiert er della Porta (von manchen als "Erfinder" oder zumindest Vorbote der Teleskope deklariert, obgleich er in seiner Magia Naturalis nur einige zwiedeutige Andeutungen macht): "... Leuchtturms Pharos im alten Alexandria. An dessen Spitze soll König Ptolemaios angeblich einen Hohlspiegel montiert haben, um 'um damit feindliche Schiffe sehen zu können (...)' ... Interessanterweise wurden ... die teleskopischen Eigenschaften Hohlspiegeln zugeschrieben, nicht Linsen."

wann

wer

was

1608

Niccolo Zucchi

lt. Littrow (1845) erstes Spiegelfernrohr (zitiert nach Schmitz, 1982)

1616

Niccolo Zucchi

Veröffentlichung über Konstruktion und Beobachtung mit einem Reflektor

1626

Cesar Caravaggi

Reflektor konstruiert

1639

Marin Mersenne

Publikation über Reflektor

1661

James Gregory

experimentiert mit Reflektor

1663

James Gregory

Publikation über seine Arbeiten

1668

Isaac Newton

experimentiert mit Reflektoren

1669

Isaac Newton

präsentiert Isaac Barrow seine Arbeiten

1672

Isaac Newton

Präsentation des Newton-Reflektors in der Royal Society

1672

Laurent Cassegrain

erfindet sein Spiegelsystem (lt. Riekher)

 

Referenzen 

Leserbriefe in SuW 05/ 2009 S. 8 von Volker Witt und Gerhard Schmitt. 

Sven Dupré: Die Ursprünge des Teleskops, in SuW 1/09, S. 44 ff.

Herbert Einsporn: Vom Brillenglas zum Riesenspiegelteleskop, in: Susanne Hoffmann [Hrsg]: Augen des Astronomen, Archenhold-Sternwarte, 2003, S. 34-43

Alexander von Humboldt: Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, 1845, Bd 3

Rolf Riekher: Fernrohre und ihre Meister, Verlag Technik GmbH Berlin, 1990

Emil-Heinz Schmitz: Handbuch zur Geschichte der Optik, Bonn 1982

Ludwig Schupmann: Die Medialfernrohre - Eine neue Konstruktion für große astronomische Instrumente, Druck und Verlag Teubner, Leipzig 1899

 

Nota Bene

Leider ist Volker Witt einem Trugschluss aufgesessen, wenn er meint, "Sicher hätte dann auch Galilei ... diesen Instrumenttyp ausprobiert", wenn es bereits erfunden gewesen wäre. Allein die Tatsache, dass eine Person im 17. Jh. etwas erfunden hat, sagt überhaupt nichts aus über die Verbreitung dieser Erfindung zu jener Zeit. In einer Zeit ohne die flächendeckende Verbreitung von schnellen Internetzugängen, ist man hinsichtlich Publikationen auf langsamere Medien angewiesen (z.B. Brief per Bote). Zudem ist es sehr stark von Zufällen abhängig, ob ein bestimmter Gelehrter von einem bestimmten anderen Nachricht erhält. Dieser Schluss ist also nicht zulässig.

 


Historische Wissenschaften sind eine knifflige Angelegenheit, mindestens so knifflig wie Physik, nur auf andere Art - nicht zuletzt deshalb, weil die Leute oft von einander abschreiben (zitierend oder früher manchmal auch nicht) und man nicht immer alle Quellen nachvollziehen kann, so dass sich auch Falsches tradiert. Ich danke daher meinen Lesern für die Hinweise auf andere Literatur, womit ich manche (nach bestem Gewissen zitierten) Lexikoneinträge ad absurdum führen kann. Ich bitte aber im Gegenzug auch um Ihrerseits kritisches Hinterfragen von vermeintlichen Zitaten, bevor Sie mir Leserbriefe schreiben: Nicht alles, das irgendwer in einem Museum gehört oder gesagt hat, ist korrekt und wissenschaftlich wertvoll. Der Wissenschaft wäre jedoch sehr geholfen, wenn wir dies hier im Blog online diskutieren können, um miteinander gemeinsam der Wahrheit auf die Spur zu kommen... bevor es im Print-Medium SuW ins Reine geschrieben (gedruckt) wird. Danke!  :-)



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VdS-Astro-Historiker in Nürnberg

07. November 2011, 21:28

In einer der Hochburgen der Wissenschaften in der Renaissance, in Nürnberg, fand letztes Wochenende die 8. Jahrestagung der wissenschaftshistorisch Interessierten der VdS statt.

alt

Niveau und Inhalte der Vorträge streuten sehr breit und reichten von zahlreichen Infos zur Astronomie im historischen Nürnberg über kleine Recherche-Projekte zur Wissenschaftsgeschichte: Von Thony Christie bekam man eine Einführung über Astrolabien, mit der überraschenden Info, dass schon in der Frühen Neuzeit Papier als preiswertere Alternative zu Metall-Instrumenten gehandelt wurden. Wie so oft ist also gar nicht so modern, was heute als Innovation verkauft wird - auch Menschen in den Generationen vor uns hatten schon gute Ideen. :-) Außerdem wurde Keplers so genannter ScienceFiction Roman Somnium thematisiert: In Somnium beschreibt Kepler in einer Erzählung eines "Traums" seine - erstaunlich modern anmutende - Weltsicht, denn er erkennt die unterschiedlichen Perspektiven des Relativitätsprinzips und beschreibt sie visualisierend auf einer Reise zum Mond. Man kann daraus sehr viel lernen über das Denken des Autors, über sein Wissen und Nichtwissen. Man könnte auch - als DidaktikerIn - herausfinden, was denn mögliche Trugschlüsse oder Fallen im Denken sein könnten... also, auf welche Hürden die Lernenden stoßen werden, wenn sie auf dem Erkenntnisweg zum Relativitätsprinzip sind.

altalt

Lieblingsthema Uranometria (1603)

Eines der spannendsten Themen ist sicher die Suche nach Quellen für die Uranometria: In diesem Punkte wurden auf dieser Tagung sogar von zwei Referenten schon Ergebnisse präsentiert, die deutlich vom amateurischen Niveau abheben und ins Professionelle reichen. Man sollte eben die Amateure nicht unterschätzen, was von manchen Forscherkollegen oft getan wird. Wo auch sonst könnte man besser über die Geschichte der Sternkarten philosophieren als an dem Ort, an dem einst Albrecht Dürer lebte und neue Maßstäbe hinsichtlich des Duktus setzte: nicht nur zur Schreibweise der arabischen Zahlen, sondern auch der Himmelskarten. Es ist schließlich nicht trivial, eine Kugel vom Globus in die Ebene zu projizieren, d.h. mathematisch gibt es dafür schon seit der Antike mehrere Methoden und daher auch mehrere verschiedene Stile zur Darstellung der Sternbildfiguren. Winfried Berberich setzte auch nach Neuerscheinen seines Druckwerkes im Kunstschätzeverlag seine Arbeiten dazu fort und Arndt Latußeck springt auf diesen Zug auf im Kontext seine Geschichte der Milchstraßendarstellungen.

altErster Erdglobus aus Nürnberg

Aus Nürnberg stammte auch der portugiesische Ritter Martin Behaim, der als Autor des ältesten bekannten Erdglobus gilt. Ihm ist das nebenstehende Denkmal in der Stadt gewidmet: oben stützt er sich auf seinen Globus, während zu seinen Füßen andere Gelehrte sitzen.

Ironie des Schicksals ist, dass der Behaim-Globus ausgerechnet im Jahre 1492 erschien, also wenige Monate bevor Christopher Columbus von seiner Expedition der Suche des Westweges nach Indien zurück kehrte und dabei die Kunde brachte, dabei das Bild der Welt veränderte. Auf dem Behaim-Globus ist also noch die alte Welt abgebildet: Eurasien und Afrika.

Erst lange nach Columbus fanden andere heraus, dass das "neue Land" gar nicht der Ostrand Asiens war, sondern ein weiterer Kontinent - Amerika (benannt nach Amerigo Vespuci, der dort 1502/3 Entdeckugnsreisen vornahm und erstmalig dargestellt in den Karten von Martin Waldseemüller 1507). Ich habe das in meinem Überblicksartikel zu Weihnachten 2009 erwähnt.alt

Nürnberger Astronomie

Die erste Nürnberger Sternwarte war eine Beobachtungsstation auf einer der Bastionen der Burg. Weithin sichtbar standen dort bereits in Zeit riesige astrometrische Instrumente (Teilkreise), aufgestellt von Georg Ch. Eimmart 1678 und wegen erosionsbedingter Funktionsuntüchtigkeit abgebaut 1751. Also, quasi eine riesige "Balkon-Sternwarte". Inzwischen erinnert seit vier Jahren ein Denkmal an diese einstigen Glanzzeit, das von Freunden der Astronomie von der Regiomontanus-Sternwarte aufgestellt worden ist. 

Benannt ist die heutige Sternwarte nach dem Astronomen Johannes Müller (1436-1476), der im fränkischen Königsberg geboren worden war und damit seinen Allerweltsnamen latinisierte. Würde er noch leben, könnte er sich sehr freuen, da er nächstes Jahr einen Venustransit zum Geburtstag bekommen wird. Also ... die Nürnberger haben dann also tüchtig was zu feiern. :-)

Die Astronomie ist eine sehr interdisziplinäre Kunst und Wissenschaft, für die man mehr braucht als nur eine Hochschuldisziplin. das hat sich hier mal wieder gezeigt, denn an dieser Stelle fließen Kunst, Physik, Mathematik/ Informatik unmittelbar zusammen. :-) Sie ist eine "herrlich erhabene, weil erhebende Wissenschaft" (Diesterweg) und sollte deshalb auch niemandem vorenthalten werden. :-)

altalt
Der schöne Brunnen auf dem Nürnberger Marktplatz enthält nicht nur in seinem Gitter einen sagenumwobenen "nahtlosen Ring", sondern ist auch mit Allegorien der gotischen christlichen Wissenschaft umrahmt: Für die Septem Artes Liberales aus dem Bildungskanon des Mittelalters (Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Astronomie, Musik, Geometrie) und die Philosophie sitzen acht Gelehrte der Antike (z.B. Cicero, Aristoteles, Ptolemaios - hier im Bild). Hinter ihnen stehen die vier Evangelisten und vier Kirchenväter.


Danke an Dr Wolfgang Steinicke und Hans Gaab für die Organisation der Tagung und danke an alle Teilnehmenden für das schöne Programm und die entspannte Atmosphäre! :-)alt

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next week, Berlin: ISS "live"

22. Oktober 2011, 19:32

Nach dem Cliffhanger im Juni geht's jetzt weiter mit einer spacigen & lustigen Show monochrom's ISS im Ballhaus Ost in Berlin. Erstklassige Darsteller & -innen spielen eine illustre Besatzung der internationalen Raumstation ISS. Für die Kulisse und das Verhalten der Jungs und Mädels wurde sehr gründlich recherchiert: Sei es das "How-to" für den Konsum von Lebensmitteln in Schwerelosigkeit oder die entlang-hangelnde Bewegung entlang von Griffen an den Wänden: alles wurde so gut nachgestellt bzw nachgespielt wie unter Schwerkraft möglich.

Hier ein Foto vom Juni:

Ich hatte im Sommer ausführlich davon berichtet und eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen! :-) Bei dem Impro-Theater wird auf der Bühne etwas live dargestellt, das als Reaktion auf Eingaben der deutschen Mission Control (wie bei jedem Theater: hinterm Publikum) folgt. Die Bühne wird allerdings permanent gefilmt und die Filme sind anschließend auf der Seite von monochrom.at erhältlich und abonierbar. 

Am Donnerstag, dem 27.10. gibt's einen Glückskeks, am Freitag (28.) geht's um Hagelfrequenzen und der Samstag steht unter der philosophischen Überschrift "Die entsetzliche Kühnheit der Preisgabe eines Moments" (oder so ähnlich ... ): 

#8: "Fortune Cookie" (will be recorded October 27, 2011 at Ballhaus Ost, Berlin)

#9: "Hail Frequency!" (will be recorded October 28, 2011 at Ballhaus Ost, Berlin)

#10: "The awful daring of a moment's surrender" (will be recorded October 29, 2011 at Ballhaus Ost, Berlin)

Go ISS!

Hier können Sie also live zuschauen, wie es sich in einer hypothetischen ISS zutragen könnte - und wie es sich im Theater bzw am Filmset zuträgt. Nur, dass im echten Film vieles weggeschnitten würde, was beim Impro-Theater live zu sehen ist. :-)

more info - see: http://www.monochrom.at/iss/  


Nächstes Wochenende ist viel los für Astros: In Stuttgart gibt's 'nen Astrofotografie-Kurs, in Nürnberg treffen sich die Astronomie-Historiker (m/w) der VdS und in Berlin gibt's eine Fortsetzung von monochrom's ISS. Es ist leider ein physikalisches Gesetz, dass ein makroskopischer Körper nicht an mehreren Orten gleichzeitig sein kann - manchmal wäre ich gern ein mikroskopisches Elementarteilchen mit sehr, sehr großer Wellenlänge - hinreichend groß, dass ich gleichzeitig in Stuttgart, Nürnberg und Berlin sein kann. 



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Auge Gottes - Buch & lustige E-Mails

08. Oktober 2011, 15:47

"Als Galilei sein Fernrohr zum erstenmal auf den Mond richtete, in einem Garten zu Padua an einem klaren Herbstabend des Jahres 1609, mag die Frage, ob sich das Weltall verändert, auch schon existiert haben, aber sie war nicht drängend."

An einem Herbstabend wie heute (nur mit besserem Wetter und weiter südlich in Europa) war es also und in einem kleinen Garten. Weiters lernen wir: Galilei hat sich niemals als "Erster Erfinder" des Teleskops bezeichnet, was damals der gängige Begriff war für jemanden, der ein Patent anmelden könnte. Vielmehr hat er sich nur als "Erfinder" bezeichnet, also als jemand, der ein Gerücht durch eigene Experimente in eigener Werkstatt vom Hörensagen in eine anfassbare Realität performierte.


In seinem Buch mit dem Untertitel "Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit" erzählt der renomierte Wissenschaftsjournalist Richard Panek die Geschichte der Astronomie und mithin unseres Weltbildes als eine Geschichte von verbessertem Instrumentarium. Offensichtlich hat sich der Autor mit der Geschichte der Kartografie oberflächlich, aber zumindest tiefgründiger als ein durchschnittlích allgemeingebildeter Geograph oder Geographielehrer beschäftigt. Er zitiert die Karten und Weltbilder von Ptolemaios und dem großen römischen Geographen Strabon, aber er beschreibt deren Weltkarten nur mit Worten. 

Überhaupt enthält Paneks Buch kein einziges Bild, keine Skizze und kein Foto. Dies zeigt bereits sehr deutlich, dass es weit entfernt ist davon, ein Lehrbuch zu sein. Allerdings hat der Autor sehr breit recherchiert, zitiert Aristoteles "de caelo" mit dem Blick durch lange Rohre als Beobachtungshilfe, um tags die Sterne zu beobachten, genauso wie auch die Sternenbotschaft (Sidereus Nuncius) des Galilei im Original, Briefe der Fugger an die Medici in dieser causa und vieles mehr.

 
"Stattdessen [statt der Antwort auf die Frage nach der Veränderlichkeit des Alls] lernte Galilei, welche Fragen er aus den gefundenen Antworten ableiten konnte. Schon bald darauf schien das Fernrohr selbst die Antwort zu sein ... " meint Richard Panek. Also... ich denke, wenn man gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen, hat man schon viel gelernt auf dem Weg zum Forscher des 21. Jahrhunderts. Und auf diesen Weg begibt er sich, quasi rückwärts, denn er konstatiert die sprunghaft angestiegene Anzahl der bekannten Galaxien durch das Hubble-Weltraumteleskop und betrachtet davon ausgehend die faszinierende Geschichte von Individuen der Menschheit, die seit mindestens zweitausend Jahren versuchen, immer mehr von der Welt dem Auge zugänglich zu machen: sei es in Gestalt von besseren Instrumenten des Sehens (Seh-Rohre ohne Linsen, Brillen, Teleskope) oder durch Karten und andere Abbildungen zur Visualisierung.

Der metaphorische deutsche Buchtitel "Auge Gottes" ist zwar gewiss eine zügellose Übertreibung, denn wessen Auge das Teleskop ist oder erweitert, sollte wohl jedem klar sein: Das Instrument erweitert als Lichteimer das Auge des Astronomen (m/w) und in Kombination mit anderen Medien als Messinstrument ggf. die Zeitauflösung unseres Gehirns. Nun, muss man vllt nicht mit jeder Metapher anderer einverstanden sein - aber wer diesen blumigen Stil eines Geschichtenerzählers mag, ist hier sicher gut bedient. Der englische Originaltitel war ja auch treffender "Seeing and Believing - How the Telescope Opened Our Eyes and Minds to the Heavens". Auch hier lässt sich die Doppeldeutigkeit von "heaven" nicht verhehlen, aber es sind immerhin "unsere" Augen und Hirne, die geöffnet werden. Wie ein roter Faden durchzieht Paneks Text der Leitgedanke: Je besser das Instrument, desto mehr lernen wir über unsere Welt, über das Universum. Daher beginnt er auch keineswegs mit Lipperhey, Galilei oder Aristoteles - sondern der Start seiner Geschichte ist der 15. Januar 1996, dem Tag der Veröffentlichung des Hubble Deep Fields.

Sein Resümee zum Thema ist auf Seite 189: "Das Teleskop als ein Mittel zur Erforschung des Weltbilds in unseren Köpfen, der Annahmen, durch die wir uns ständig beschränken, der Zwänge, denen wir unterliegen, kurz: zur Erkenntnis unserer eigenen Grenzen, des Welt-Ozeans, der uns
für immer umschließt."  und er schließt ab mit den Worten "Die Antwort ... war, was wir nicht wissen, die Frage war das Teleskop, und der Rest war Geschichte."

Auch wenn der Inhalt aus Sicht der Geschichtsforschung an manchen Stellen hinterfragbar oder nicht (mehr) der letzte Stand der Diskussion ist, so ist es Panek gelungen, hier eine lebhafte Geschichte zu erzählen - ausgeschmückt mit zahlreichen Details, die aus eigener Lebenserfahrung stammen müssen, wie wenn er Galileis zitternde Hände und das Beschlagen der Objektive bei der Beobachtung des Mondes durchs Teleskop in einer klaren Herbstnacht schildert. 

Fazit:

Ein nettes Buch der Unterhaltungsliteratur, bei dessen Lektüre man sicher noch einiges lernen oder wieder auffrischen kann. 

 


 

Data

Richard Panek: Das Auge Gottes - Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit,

Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2001 - engl. Ori 1998

 


gimmick of the post:

Kürzlich erreichte mich eine Anfrage, ob ich etwas über "The Eye of God" wisse, denn es kursiert gerade eine lustige E-Mail:

 "This photo is a very rare one, taken by NASA. This kind of event occurs once in 3000 years. This photo has done miracles in many lives. Make a wish .... you have looked at the eye of God. Surely you will see the changes in your life within a day. " (attached ein Foto von M57 wie rechts. d.i. der bekannte Ringnebel in der Leier, ein Standard-Beispiel-Objekt für die Klasse "Planetarischer Nebel", Fotos wie dieses waren schon vor Erfindung der NASA in Standardlehrbüchern der Astronomie - wenn auch nicht so schön bunt, was wiederum an der oben diskutierten Entwicklung der Teleskope und Kameras liegt)

Alle Hobby-Astros dürfen sich also riesig freuen: Nicht nur bei Sternschnuppen dürft Ihr Euch was wünschen, sondern auch, wenn Ihr Planetarische Nebel beobachtet! Toll, ne!?! :-D 

Tipp: "Eye of God" bei Google-Bildersuche eingeben ;-)))

 

PS: "Yesterday I saw god, she was black."


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"Himmel" von Tübingen

26. September 2011, 19:15

verlängert ... nur noch bis 3. Oktober! ... Ein bißchen surreal wirkt sie schon, die Ausstellung "Himmel" im Schloss Hohentübingen, mitten in der Universitätsstadt Tübingen am Neckar. Gerade haben meine Freundin und ich den Berg erklommen und stehen (als Flachländerinnen solche Touren kaum gewohnt) im Innenhof des Schlosses genießen wir die Aussicht: in die Weite des Landes, in die näckische Altstadt, in den Innenhof und Rittersaal, der mit einem spitzen Glasdach versehen gewiss auch schmunzelnd den Kosenamen "Tübinger Louvre" verdient hätte. Die Ausstellung zum Himmel erzählt von "Wunschbildern" und "Weltverständnissen" von "da oben"  - es beginnt mit einer Höhlennachbildung, deren Decke voller Jagd-Vieh ist und endet noch lange nicht mit dem Wettlauf zum Mond und der modernen Astrophysik.  

Buntes

Da stehen antike Statuen neben Museumsinformationstafeln über den Urknall, moderne Mond-Infos neben einem griechischen Relief, der Urknall ist durch eine 3D-Skulptur symbolisiert, die aussieht wie ein aufgewölbter Scherenschnitt mit Laub aus dem Tübinger Stadtpark. Hinter einer anderen Stellwand stehen antike Büsten, über deren Köpfen moderne Astrofotografien schweben und über den Porträt-Skulpturen von römischen Gefangenen thront ein goldgerahmtes Gemälde des Erdmondes.   

 

Bizarres

Eine bizarre Zusammenschau präsentiert hier das MUT, das Museum der Universität Tübingen. Ein Fernrohr als Symbol für die Erkundung des Himmels "neben" einem Gyroskop, das laut Ausstellungsbegleitheft in Tübingen erfinden worden ist und Filmsequenzen, die zeitgenössische Dokumentationen des Wettlaufs zum Mond zeigen. An sich ganz nett gemacht, aber man wünscht sich die Info, welche Sequenz/ Nachrichtenreportage von woher kommt, einen Quellennachweis, eine historische Kontextuierung. Außerdem MUTet es wiederum ein wenig bizarr an, dass ausgerechnet neben der Maus am Computer ein Schildchen liegt "bitte nicht berühren". Vielleicht hätte man auch besser neben den Plastiken schreiben sollen "bitte nicht füttern"? ;-)

 

Dazu fällt mir noch ein:

"Der Horizont vieler Menschen ist ein Kreis

mit dem Radius null,

das nennen sie dann ihren

Standpunkt."

Dieser weise Mathematiker-Satz wird lt. wiki-quote z.B. Leonhard Euler und David Hilbert zugeschrieben ... und natürlich auch Albert Einstein, wobei ich letzteres für am wenigsten glaubwürdig halte, sondern eher, dass die beiden jüngeren Euler zitierend  diesen nicht namentlich genannt haben (z.B. weil man schlichtweg vergisst, wer's zuerst gesagt hat, wenn man den Satz treffend formuliert findet und zitierend "unterschreiben" möchte). :-)

Kopflos, zahllos und der älteste Smilie der Welt

Etwas kopflos flattert die Siegesgöttin Nike übergroß in Richtung Saalmitte und würde (wenn sie nicht aus Stein wäre) sicher über einen der zahlreichen Computer stolpern. Fahl beleuchtet in einer Vitrine grünt die Himmelsscheibe von Nebra (dem "ältesten Zwinker-Smilie der Welt" ;-) ) und gegenüber der Nike rollt ihr der kleine Sonnenwagen von Trundholm entgegen, als wollte er sie zum Ausrutschen bringen (ohne Kopf, kann sie ihn eh nicht sehen). 

An der Seite findet man ein Faksimile des Buchs von as-Sufi aufgeschlagen, wo der Zentaur Chiron als Schütze abgebildet ist und neben ihm eine Sternliste. Neben dem aufgeschlagenen Buch liegen alte persische Münzen (hier als Inlay-Bild), auf denen eine männliche Figur abgebildet ist. Sie wird als Sternbild Perseus gedeutet, da sie analog zu as-Sufis Sternkarten auf der einen Seite "linkshändig", auf der anderen "rechtshändig" abgebildet ist. Also: Wo bei uns gefragt würde "Kopf oder Zahl", müsste man bei diesen Münzen fragen: Himmelskugel von außen oder von innen angeguckt?

 

 

Nicht Grimms Märchen, sondern Grimms Astrophysik findet man hier in dem Tübinger Wunderkabinett... gleich neben Büchern, Karten und Himmelsgloben aus den letzten paar Jahrhunderten seit etwa der frühen Neuzeit. Da liegen die Karten von Johann E Bode (1782), Karl F. V. Hoffmann (1835), Johann G Doppelmayer (1742) und Christian Goldbach (1799) für Laiensterngucker und Forschende friedlich nebeneinander und es darf natürlich auch die Bayersche Uranometria (1603) nicht fehlen.

Weiters ein paar Weltbilder und natürlich der Verweis auf einen der berühmtesten Schüler Tübingens, Johannes Kepler, der - in Weil der Stadt (bei Stuttgart) geboren - hier bei Mästlin studierte. 

 Tübingen ist außerdem stolz auf seine astronomische Uhr am Rathaus und schon am Bahnhof sieht man neben dem groß aufgehängten Stadtplan ein "Foto" vom Tübinger Marktplatz: So würde ein Myon ihn sehen, wenn es mit fast-lichtgeschwindigkeit sich auf den zentralen Brunnen zu bewegen würde.

Man sieht: Wo schon einst Kepler studierte, sind (Astro)physiker auch noch am Beginn des 21. Jahrhundert am werkeln an einem neuen Weltbild. Das alles in eine einzige Ausstellung zu packen, ist schon eine MUTige Idee. 

 


nota bene

Vielleicht waren wir beide an diesem Tag besonders albern drauf, aber vielleicht war es auch wirklich die Ausstellung, die dies triggerte... who knows ... ? Es ist in jedem Fall eine sehr ungewöhnliche Zusammenschau.



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Besuch in Stuttgart

22. September 2011, 23:41

wiedermal Donnerstag, Volkssternwarte offen, zwei Sternwärtler da, Himmel wechselhaft bewölkt, keine Besucher... nichts Spektakuläres. Doch da - es läutet. "Oh nein! Besucher..." ;-) ... nur zwei, aber dafür ein ganz besonderer unter ihnen: ein Wissenschaftler, der Volkssternwarten erforscht: Ben Mirwald aus Regenburg. Aufgrund einer Nachwuchswissenschaftler-Tagung ist die Stadt mit Neugierigen bereichert und es haben sich zwei Nachwuchs-Wissenschaftshistoriker auf die Warte "verirrt"... naja eigentlich sind sie schnurstraks hingelaufen. Der eine schreibt seine Diss über die Gründung von Volkssternwarten ab ca 1900 und nutzt den Besuch für Recherchen. Volltreffer! Da haben sich doch mal die richtigen gefunden: stundenlanges Fachsimpeln über die Gründung der wohl aktivsten süddeutschen Volkssternwarte, die übrigens rein ehrenamtlich betrieben wird.

Ein Steinturm statt Einsteinturm

Der Vereinsvorsitzende Andreas Eberle führt alle Instrumente vor, zeigt die raffinierte komplett wegschiebbare Blechhütte der großen Fernrohre auf dem Dach der Sternwarte und kein geringerer als der europaweit bei Sternbedeckungsbeobachtern bekannte Ottó Faragó assistiert ihm beim Einstellen der Geräte. Es ist doch immer wieder dasselbe mit den Astronomen: erstzuckt man zusammen, wenn Besucher kommen, doch dann kann man kaum aufhören am Fernrohr zu fummeln und taut regelrecht auf, wenn man kluge Fragen gestellt bekommt. Ich weiß das nur zu gut, weil ich dies ja selbst jahrelang gemacht habe. 

Das Prachtstück dieser Sternwarte ist ein 100jähriger Refraktor, wunderschön zum Anschauen und gewiss bei gutem Wetter auch praktisch beim Durchschauen und fürs Publikum... Heute sehen wir Jupiter mit Wolkenbändern - nur leider sind einige der Wolkenbänder auf der Erde und vernebeln den Planeten bisweilen. :-(

Trotzdem ein netter Besuch auf der Sternwarte Stuttgart und ich bedaure mal wieder, auf der Durchreise so wenig Zeit zu haben. Natürlich war ich auch früher schon mal hier und auch im Stuttgarter Plantarium (das derzeit von Stuttgart21-Gegnern auf der grünen Wiese umlagert wird), aber es ist jedesmal wieder schön. 

 

  Es ist natürlich eine Spur ungerecht, wenn ich hier mal wieder nur einen Exzerpt der Stuttgarter Astro-Landschaft antippe. Ich müsste noch erwähnen,

  • dass es natürlich neben den zwei genannten auch noch um die 20 weitere aktive Hobby-Astros gibt,
  • dass es eine weitere Sternwarte an der Uni gibt, die (angebl.) das Fauth-Fernrohr - ein Schupmann-Medial Smile - besitzt, mit dem der berühmte Mondbeobachter Philipp Fauth in den 1930er Jahren seine höchstgenaue Karte beobachtend gezeichnet haben soll
  • dass es im Umkreis noch viele aktive Hobby-Astros gibt
  • u.v.a.m.

Ich möchte mich hier aber als schnelle Impression darauf beschränken, den drei genannten Sternfreunden für den schönen Abend zu danken! Immerhin haben wir kurz den Jupiter gesehen und immerhin fühlt man sich unter Sternfreunden stets willkommen ... auch wenn das Wetter nicht perfekt polierten Himmel präsentiert. :-)

 


"Urlaub" nennt man das Laub im Ur-wald, nicht wahr?!

 

... oder das Laub, aus dem eine neue Pflanze wird (z.B. Zyperngras-Ableger, die ich kurz vor meiner Abreise von einer Kollegin-Nachbarin dankend "erbte")?

Wenn ich zumindest bei meiner Chefin "Urlaub" einreiche, fragt sie mich am Tag vor meiner Abreise "schönen Urlaub ... oder ist es wieder gar kein richtiger Urlaub?". Innocent Ich fühl mich durchschaut... O:-) denn sie hat natürlich Recht: Die Woche, die ich an der einen Uni als "Urlaub" einreichte, bin ich im Auftrag einer anderen Uni auf vier Tagungen (wenn auch auf manchen nur teilzeit). Der Tagungsmarathon von Astronomiehistorikern, Astrophysikern, Wissenschafts- und Technikhistorikern und deren Nachwuchsgruppe war zwar ganz schön anstrengend, deckt aber ziemlich genau mein Interessenspektrum ab. Inzwischen habe ich das Gefühl, in jedem dieser Kreise zu einer großen Familie zu gehören - und das ist schön! 

Smile

Da das ganz sicher nicht nur mir so geht, sondern ich im Namen vieler spreche, wollte ich es an dieser Stelle nicht unerwähnt lassen und freue mich aufs nächste Jahr in Hamburg und(?) Mainz. Ganz vielen lieben Dank jedenfalls auch an die Freundinnen, bei denen ich während der Tagungen in Heidelberg, Mannheim und Stuttgart kostenfrei Unterkunft fand! Und wenn man dann sogar in der Herberge bei zufällig zusammengewürfelten Mehrbett-Zimmern das Zimmer mit einer anderen Tagungsteilnehmerin teilt, muss sich doch auch das Gefühl sozialer Verbundenheit einstellen

- oder? :-)

"die aus dem Tubus Geborene" O:-) 

 

 



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Rätsel

11. September 2011, 22:28

Please help me: Die abgebildete Seite ist aus einem Manuskript über Astronomie, wahrscheinlich 14./15. Jh. (J) und liegt in der Bibliothek Habut in Mauretanien. Die Sprache ist nicht arabisch, sondern Varici oder Machreq (persisch) ... lt. verschiedenen "Beipackzettel".

 Was steht hier geschrieben? 

 

Wichtig ist mir vor allem die Bildbeschriftung:

  1. was steht in dem zentralen Kreis? 
  2. was steht in den kleinen Kreisen (a) oben, (b) links, (c) unten, (d) rechts

Danke im voraus für alle konstruktiven Beiträge!

BTW: Leider habe ich das Bild nicht größer und in besserer Auflösung.  

 

 


Als Dank und Ansporn für alle konstruktiven Antworten auf meine Frage, erzählte ich bereits früher Antworten und Geschichten in diesem Kontext:

 

  Mein Aufenthalt in Mauretanien 2008

 Zum Thema maurische Bücher 2007

 Astronomiekurs in der Sahara 2005 bis '07

 Über den Sand



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