Auge Gottes - Buch & lustige E-Mails
"Als Galilei sein Fernrohr zum erstenmal auf den Mond richtete, in
einem Garten zu Padua an einem klaren Herbstabend des Jahres 1609, mag
die Frage, ob sich das Weltall verändert, auch schon existiert haben,
aber sie war nicht drängend."
An einem Herbstabend wie heute (nur mit besserem Wetter und weiter südlich in Europa) war es also und in einem kleinen Garten. Weiters lernen wir: Galilei hat sich niemals als "Erster Erfinder" des Teleskops bezeichnet, was damals der gängige Begriff war für jemanden, der ein Patent anmelden könnte. Vielmehr hat er sich nur als "Erfinder" bezeichnet, also als jemand, der ein Gerücht durch eigene Experimente in eigener Werkstatt vom Hörensagen in eine anfassbare Realität performierte.
In seinem Buch mit dem Untertitel "Das Teleskop und die lange Entdeckung
der Unendlichkeit" erzählt der renomierte Wissenschaftsjournalist
Richard Panek die Geschichte der Astronomie und mithin unseres
Weltbildes als eine Geschichte von verbessertem Instrumentarium.
Offensichtlich hat sich der Autor mit der Geschichte der Kartografie
oberflächlich, aber zumindest tiefgründiger als ein durchschnittlích
allgemeingebildeter Geograph oder Geographielehrer beschäftigt. Er
zitiert die Karten und Weltbilder von Ptolemaios und dem großen
römischen Geographen
Strabon, aber er beschreibt deren Weltkarten nur mit Worten.
Überhaupt
enthält Paneks Buch kein einziges Bild, keine Skizze und kein Foto.
Dies zeigt bereits sehr deutlich, dass es weit entfernt ist davon, ein
Lehrbuch zu sein. Allerdings hat der Autor sehr breit recherchiert,
zitiert Aristoteles "de caelo" mit dem Blick durch lange Rohre als
Beobachtungshilfe, um tags die Sterne zu beobachten, genauso wie auch
die Sternenbotschaft (Sidereus Nuncius) des Galilei im Original, Briefe
der Fugger an die Medici in dieser causa und vieles mehr.
"Stattdessen [statt der Antwort auf die Frage nach der Veränderlichkeit des Alls] lernte Galilei, welche Fragen er aus den gefundenen Antworten ableiten konnte. Schon bald darauf schien das Fernrohr selbst die Antwort zu sein ... " meint Richard Panek. Also... ich denke, wenn man gelernt hat, die richtigen Fragen zu stellen, hat man schon viel gelernt auf dem Weg zum Forscher des 21. Jahrhunderts. Und auf diesen Weg begibt er sich, quasi rückwärts, denn er konstatiert die sprunghaft angestiegene Anzahl der bekannten Galaxien durch das Hubble-Weltraumteleskop und betrachtet davon ausgehend die faszinierende Geschichte von Individuen der Menschheit, die seit mindestens zweitausend Jahren versuchen, immer mehr von der Welt dem Auge zugänglich zu machen: sei es in Gestalt von besseren Instrumenten des Sehens (Seh-Rohre ohne Linsen, Brillen, Teleskope) oder durch Karten und andere Abbildungen zur Visualisierung.
Der metaphorische deutsche Buchtitel "Auge Gottes" ist zwar gewiss eine zügellose Übertreibung, denn wessen Auge das Teleskop ist oder erweitert, sollte wohl jedem klar sein: Das Instrument erweitert als Lichteimer das Auge des Astronomen (m/w) und in Kombination mit anderen Medien als Messinstrument ggf. die Zeitauflösung unseres Gehirns. Nun, muss man vllt nicht mit jeder Metapher anderer einverstanden sein - aber wer diesen blumigen Stil eines Geschichtenerzählers mag, ist hier sicher gut bedient. Der englische Originaltitel war ja auch treffender "Seeing and Believing - How the Telescope Opened Our Eyes and Minds to the Heavens". Auch hier lässt sich die Doppeldeutigkeit von "heaven" nicht verhehlen, aber es sind immerhin "unsere" Augen und Hirne, die geöffnet werden. Wie ein roter Faden durchzieht Paneks Text der Leitgedanke: Je besser das Instrument, desto mehr lernen wir über unsere Welt, über das Universum. Daher beginnt er auch keineswegs mit Lipperhey, Galilei oder Aristoteles - sondern der Start seiner Geschichte ist der 15. Januar 1996, dem Tag der Veröffentlichung des Hubble Deep Fields.
Sein Resümee zum Thema ist auf Seite 189: "Das Teleskop als ein
Mittel zur Erforschung des Weltbilds in unseren Köpfen, der Annahmen,
durch die wir uns ständig beschränken, der Zwänge, denen wir
unterliegen, kurz: zur Erkenntnis unserer eigenen Grenzen, des
Welt-Ozeans, der uns
für immer umschließt." und er schließt ab mit den Worten "Die Antwort
... war, was wir nicht wissen, die Frage war das Teleskop, und der Rest
war Geschichte."
Auch wenn der Inhalt aus Sicht der Geschichtsforschung an manchen Stellen hinterfragbar oder nicht (mehr) der letzte Stand der Diskussion ist, so ist es Panek gelungen, hier eine lebhafte Geschichte zu erzählen - ausgeschmückt mit zahlreichen Details, die aus eigener Lebenserfahrung stammen müssen, wie wenn er Galileis zitternde Hände und das Beschlagen der Objektive bei der Beobachtung des Mondes durchs Teleskop in einer klaren Herbstnacht schildert.
Fazit:
Ein nettes Buch der Unterhaltungsliteratur, bei dessen Lektüre man sicher noch einiges lernen oder wieder auffrischen kann.
Data
Richard Panek: Das Auge Gottes - Das Teleskop und die lange Entdeckung der Unendlichkeit,
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 2001 - engl. Ori 1998
gimmick of the post:
Kürzlich erreichte mich eine Anfrage, ob ich etwas über "The Eye of God" wisse, denn es kursiert gerade eine lustige E-Mail:
"This photo is a very rare one, taken by NASA. This kind of event occurs once in 3000 years. This photo has done miracles in many lives. Make a wish .... you have looked at the eye of God. Surely you will see the changes in your life within a day. " (attached ein Foto von M57 wie rechts. d.i. der bekannte Ringnebel in der Leier, ein Standard-Beispiel-Objekt für die Klasse "Planetarischer Nebel", Fotos wie dieses waren schon vor Erfindung der NASA in Standardlehrbüchern der Astronomie - wenn auch nicht so schön bunt, was wiederum an der oben diskutierten Entwicklung der Teleskope und Kameras liegt)
Alle Hobby-Astros dürfen sich also riesig freuen: Nicht nur bei Sternschnuppen dürft Ihr Euch was wünschen, sondern auch, wenn Ihr Planetarische Nebel beobachtet! Toll, ne!?! :-D
Tipp: "Eye of God" bei Google-Bildersuche eingeben ;-)))
PS: "Yesterday I saw god, she was black."
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Der Autor
des heutigen Begleitbüchleins zur Uranometria, Jürgen Hamel, rühmt
daher das alte Standardwerk als "gelungene Verbindung zwischen
Wissenschaft und Kunst, ... allein Bayers Verdienst", bezieht aber im
nächsten Satz den ausführenden Kupferstecher mit ein: "Das
Gemeinschaftswerk von Johannes Bayer und Alexander Mair steht in
seiner konkreten Ausführung als vollkommen eigenständige Schöpfung
da." (S.38)
sozusagen das "Standard-Schmökerbuch" aller Physiker, die sich nebenbei ein wenig geistig bereichern wollen. Das Buch erzählt die Geschichte der Physik von der frühen Antike bis quasi-heute. Gigantisch ist der Anspruch, großartig das Konzept: Neben dem Haupttext gibt es nicht nur zahlreiche Farbbilder, sondern auch ausführliche Marginalien. In den Randtexten zitiert der Autor oft auszugsweise historische Dokumente oder Texte. Dort kommt also mal Platons Timaios zum Einsatz, mal auch ein Gedicht von Einstein oder ein Zitat von Feynman, mal ein Minnesang des Walther von der Vogelweide und mal eine Newton-Biographie.

Es ist gerade zwei Jahre her, dass die Max-Planck-Biographie von Dieter Hoffmann (MPIWG) mit dem gleichen Untertitel erschien. Prompt war dieses Büchlein in der Beck'schen Reihe erschienen und vom
verkaufte sie sich als Bestseller auf dem populären Büchermarkt. Wen wundert's: Es waren die "goldenen 20er", in denen Max Valier Raketenschlittschuhe für Winterabenteuer auf dem Chiemsee ersann und Raketen-Fritz von Opel mit einem Raketenauto über die Berliner Avus düste.
Fritz Lang hat mit Blick auf die Dramaturgie für die Zuschauer seines Films den CountDown erfunden, Oberth hat alle seine Modelle und Ideen vorgeführt und Thea von Harbou das ganze mit einer Prise Phantasie gewürzt (sie dichtet der Mondrückseite eine Atmosphäre an, den dortigen Bergen große Goldvorkommen und spinnt eine Liebesgeschichte als Rahmenhandlung).
Diese Woche habe ich meinen Studierenden mal wieder ein Buch empfohlen, das ich hier auch kurz vorstellen möchte, obgleich es nichts mit Astronomie zu tun hat. Aber mit Physik! Und wer an der Kulturgeschichte unserer Wissenschaft(en) interessiert ist, wird es vermutlich genauso lieben wie ich:
Relativ frisch auf dem Büchermarkt ist ein sehr gutes Buch zur Raumfahrt-Kulturgeschichte. Die Herausgeber Igor J. Polianski und Matthias Schwartz: der erste Akademischer Rat am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der Universität Ulm; der zweite wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut für Allg. und Vergleichende Literaturwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
2009 - wir schreiben das Internationale
Jahr der Astronomie. Warum? ... "weil vor genau 2222 Jahren
Eratosthenes von Kyrene seine Catasterismen veröffentlicht hat."
Das ist zumindest die Begründung, die sich der Althistoriker Klaus
Geus von der IAU gewünscht hätte. Professor Geus, Freie Universität
Berlin, ist spätestens seit seiner Habilitationsschrift als
versierter Kenner des antiken Universalgelehrten bekannt. Zusammen
mit Pamias veröffentlichte er eine kommentierte Übersetzung des
genannten eratosthenischen Werks, in dem der antike Dichter, Mathematiker, Astronom, Geograph und
Bibliothekar (von Alexandria) die "Gestirnungen" verbal vorträgt und also
sternbilderweise die Mythen und Anzahl der zugehörigen Sterne nennt.
Rolf Riekhers Buch "Fernrohre und ihre
Meister" liest sich wunderschön! Als hätte jemand im Stil der
Scheherazade ein Tor aufgestoßen, um nun die Lesenden mitzunehmen auf
einen Gang durch alle Gärten der Optikgeschichte. Ein Spaziergang
kommentiert durch einen wahren Kenner des Sujets! Herr Riekher ist
selbst als Augenoptiker und Ingenieur ausgebildet worden und hatte so
das Glück, während und nach dem 2. Weltkrieg einer der gefragtesten
Handwerker zu sein. (hoher Brillenbedarf)
Der Optikmeister Rolf Riekher (nebenstehendes Foto habe ich 2007 aufgenommen)
beschäftigt sich seit den 1950er Jahren als Hobby mit der Geschichte
seines Berufes und dessen Verbindung zur Astronomie. Daher sind der alte Herr und sein Buch eine
faszinierende Fundgrube für alle Fragen zum Thema, da er die
Geschichte und sein Fach im Detail beherrscht! Deshalb wird der
liebenswürdige - heute auf den Tag genau 87jährige - von Wissenschaftshistorikern und Kuratoren
gerne konsultiert. Sein einziges Buch zum Thema ist die
leidenschaftlich erzählte und wegen ihrer Langwierigkeit (50 Jahre
Recherche für 424 Seiten!) überaus gut recherchierte Geschichte
eines Liebhabers, der in seinem Fach aufgeht.
