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Weltraumausrüstungen in Ost und West, in Science & Fiction

19. Mai 2012, 19:27

Im März war ich im historischen Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan und im April dokumentierte ich eine marsianische Eishöhlenmission des österreichischen Raumanzugs Aouda. Jetzt habe ich diese beiden Ereignisse noch einmal doku-filmisch aufbereitet und verschiedene Vergleiche von Raumanzügen, Raketen und Kapseln, von Science und Fiction angestellt:

Sehen Sie hier eine etwa zehnminütige Doku über den Anzug "Aouda" als Interview mit FlightDirector Alex und SuitTester Daniel beim Pressetermin am Sa, dem 28.4.: 

Plötzlich Prinzessin

Also, von den Amis weiß man, dass sie Astronautenanzüge machen können und Menschen darin überleben - und von den Russen weiß man das auch. Aber die Österreicher??? Können die das wirklich? Ok, klar, man fliegt ja hier noch nicht in den Weltraum, sondern stapft "nur" durch Eishöhlen, aber auch das ist gefährlich. So ein Anzug,

  • der den Insassen quasinach außen hin durch den Krach von Lüfterventilatoren und anderem taub macht; 
  • der seinen Insassen künstlich mit sauerstoffreicher Zuluft versorgen muss und dafür die CO_2-reiche Abluft künstlich abführen muss
  • der sein Gesichtsfeld durch seine riesigen Ausmaße sehr einschränkt [ich meine, ich kann durchaus noch als schlank durchgehen - zumindest sehe ich normalerweise meine Füße, ohne mich bücken zu müssen ... im Anzug sehe ich sie gar nicht, denn ich kann mich nicht hinreichend weit bücken]
  • der 45 kg wiegt und die motorischen Fähigkeiten durch Gewichte und Gummibänder weiterhin einschränkt
  • der auch alle anderen lebenserhaltenden Bedürfnisse während der Arbeit im Anzug befriedigen muss: der Insasse muss essen, trinken und auf Klo gehen können ... 

Derartige Zweifel treiben natürlich auch die Entwickler ständig um und so wurde die Münchener Firma Techcos damit beauftragt, den Raumanzug auf menschensicher zu überprüfen. Dabei wurde weniger die Weltraumtauglichkeit geprüft, denn so weit ist es noch nicht. Aber es wurde geprüft, ob man in dieses hermetisch fast abgeschlossene System einen Menschen hineinschnüren darf und ob man es auch unter den abwechselnden Klimaten von Eishöhlen in Mitteleuropa und der marokkanischen Sahara tun darf. Die Entwickler loben die Tester sehr, da sie sogar Dinge geprüft haben, auf die man selbst gar nicht gekommen sei, sagt Gernot Grömer (ÖWF). Abschließend wurde der Aouda aber ein Sicherheitszertifikat ausgestellt. Sie hatte alle Tests mit Bravur bestanden!

Die Aouda nun quasi "TÜV"-geprüft.

Trotzdem verlässt man sich nicht einfach auf diesen Erfolg, sondern arbeitet und forscht zielstrebig weiter. Ein medizinisches Team von Forschern experimentiert mit dem Insassen des Anzugs und überwacht Daniel während seiner Arbeiten in der Höhle. Natürlich - wir haben's im Film gehört - sind auch stets Sanitäter dabei und die Lage wird stets gesichert: "Safety muss bleiben".

Sogar an die Schneeketten wurde gedacht! Man kann sich, wie gesagt, nicht leichtfüßig auf unbekanntem Mars-Terrain so bewegen wie auf der Erde. Der Tester bekommt deshalb Schneeketten an die Stiefel - ihre sagenhaft harten Metallspitzen hört man auf dem steinigen Boden vor der Höhle silberhell scheppern. "Klingklking, der Anzug kommt" ... als wenn man es nicht schon durch das Heulen der Lüfter bemerkt hätte. Es ist schon ein komisches Geräusch von diesem 100 kg-Koloss (Anzug pus Mensch).

Also, nun nochmal langsam, zum mitlesen:

Der Anzugtester zieht zuerst einen Unterwäsche an. Richtige Unterwäsche von Kosmonauten ist ein Korsette aus Schläuchen, die für die Versorgung des Menschen im Anzug dienen und zur Entsorgung seiner Abfälle. So einen Anzug habe ich in Baikonur an der International Space School an der Wand hängen sehen (Foto: F. Dreithaler).

Die Unterwäsche unserer österreichischen Kollegen ist schwarz, aber nicht minder mit Schläuchen durchzogen und mit zahlreichen Haken bestückt, um diverse Teile der Oberbekleidung daran zu befestigen (siehe Foto links von Frank Dreithaler). Außerdem enthält sie zahlreiche Gummizüge, die die Bewegung erschweren.

Ich trug dabei ein "Ersatzhemd" der Unterwäsche, als ich mich darauf vorbereite, den Anzug nun selbst übergestülpt zu bekommen.

Die Handschuhe sind ebenfalls dreilagig: Erst zieht man einen weißen Stoffhandschuh an (den ich hier aus Zeitgründen weggelassen haben). Darüber kommt ein "Borg"handschuh mit zahlreichen Drähten für die Sensoren an den Fingerspitzen und Anschlüssen. Der sieht ungefähr aus wie meine Fahrradhandschuhe daheim.

Darüber schließlich kommen dann die Silberlinge, die vorher schon neben Schneehügeln im Schatten auf ihren Gebrauch warten. Die zwei oberen Lagen der Handschuhe können aber erst angzogen werden, nachdem der eigentliche Oberanzug sitzt. Dazu erforderte es bei mir allein drei Anläufe ... natürlich, ... es musste ja schnell gehen.

Also, zuerst einmal hinknien und Arme hoch! Dann heben zwei Helferlinge den schweren Anzug von seinem Podest, auf dem er auf seinen Träger wartet.

Es ist gar nicht so einfach, den richtigen Eingang für jeden Arm zu finden. Schließlich gibt's da ein Kunststoff-Schulterpolster wie bei einem Rucksack und einen Arme-Abspreizer in den Achselhöhlen. Begleitet werden die Arme von zahlreichen Kabeln und Schläuchen ... Da muss sich die Prinzessin öfter mal von einer Kammerzofe unter den "Rock" fassen lassen, damit die zahlreichen Utensilien in dem Anzug auch richtig sortiert sind.

Ein echter Raumfahrer müsste sich in einem solchen Anzug in eine Raumkapsel quetschen. In Baikonur haben wir eine solche (ausgediente) Kapsel in der Schule stehen sehen und von innen fotografiert. Leider war natürlich ausgerechnet an jenem Nachmittag meine Speicherkarte irgendwann voll und ich greife hier auf Fotos von Kollegen zurück:

[Fotos von Arndt Latußeck]

Die Hartschale unten links, die hier gerade noch im Bild ist, wird von dem Raumfahrenden besetzt. Man kriegt auf dem Bild, das von der Luke aus aufgenommen wurde, einen Eindruck von der Enge in diesem echten Raumschiff, in dem zwei bis drei Insassen Platz finden. Unten ist nochmal zu sehen, wie das mit einem Insassen aussehen würde:

Nach einem sehr langen Flug wäre man dann vllt irgendwann beim Mars angekommen. Dann würde man dort aussteigen, herumspazieren und vielleicht tatsächlich auf Eishöhlen stoßen und dann Bilder wie diese hier sehen: Die Prinzessin (Aouda mit Daniel) steigt die Stufen herab und kommt auf die Kamera zu. Zum Vergleich setze ich hier mal das Bild eines russischen Kosmonautenanzugs aus Baikonur daneben:

Bis auf die Farbe erkennt man auf den ersten Blick wenige Unterschiede. Dieser (alte) sowjetische (oder schon russische?) Kosmonautenanzug erinnert ein bißchen an frühe Taucheranzüge, wie sie z.B. in der frühen Neuzeit bereits an Bord des schwedischen Schiffes Vasa historisch belegt werden können. Er ist allerdings wirklich ein in sich geschlossenes Lebenserhaltungssystem. Bei genauerer Betrachtung stellt sich Aouda noch nicht ganz so fertig heraus: Die silberfarbene Außenhaut ist quasi nur "drübergelegt" über die HighTec innen, also eine "Tapete". Sie wird mit Klettverschlüssen z.B. am Tornister befestigt und in sich zusammengehalten. Es ist also wie ein Kleid, das noch nicht fertig zusammengenäht ist, sondern vorerst während der Anprobe beim Schneider nur mit Stecknadeln gehalten wird. Das ist eines der zahlreichen Details, die Flight Director Alex im obigen Video meinte, wenn er sagt, dass der Analogforschungs-Raumanzug noch "nicht dafür gedacht" ist, in den Weltraum zu fliegen.

Also, ...

Aouda wird noch nicht gleich das nächste Mal zum Mars fliegen, sondern erst in ferner Zukunft... hofft man. Aber wer weiß: manchmal gehen Träume ja auch in Erfüllugn und manchmal sogar schneller als gedacht. Als Hermann Oberth in den 1920ern am Set den Fritz Lang-Film "Frau im Mond" beriet, hat er sich wohl auch kaum träumen lassen, das schon vierzig Jahr später tatsächlich Menschen zum Mond fliegen würden. :-)

 

Zur Erinnerung noch einmal unser Raketenstart im März im kasachischen Weltraumbahnhof:

Über den ewigen Tango von Science und Fiction ...

... der zu Entwicklungsprozessen dazu gehört wie das Atmen und soziale Kontakte zum Menschsein. Wissenschaft braucht die Inspiration der Phantasie und die Phantasie wird stets beflügelt von neuen Erkenntnissen der Wissenschaft und Technik. Man kann nicht sagen, dass das eine stets voraus geht und das andere hinterher hinkt. Vielmehr befinden sich beide in einem innigen Tango, einem Tanz umeinander und miteinander, bei der mal die eine und mal der andere die Oberhand hat, aber das Wechselspiel sich stets fortsetzt und keiner je siegt oder verliert.

Der Raketenstart, wie Hermann Oberth ihn sich in den 1920ern vorstellte (Fritz-Lang-Film "Frau im Mond", 1929):

Wie es in den 60ern wirklich aussah (hier der Start zur ersten Mondumkreisung, Apollo 8):

Und der Start des ersten Menschen ins All erfolgte mit einer Soyuz-Rakete. So wie in diesem movielet hob Yuri Gagarin, der erste Mensch, 1961 vom kasachischen Kosmodrom ab: 

Und wenn man sich das mal historisch anschaut, wird man feststellen, dass das mit der "Mars-Analogforschung" gar nicht so dumm ist. Vielleicht werden in hundert Jahren die Menschen auch über uns schmunzeln, was wir uns alles vorgestellt haben - so, wie wir heute retrospektiv über die Vorstellungen einer Mondlandung von 1929 schmunzeln:

H. Oberth dachte damals, dass der Mond auf der erd-zugewandten Seite (wie auch immer das gehen mag) eine Atmosphäre habe und dass man aufgrund der freilich vorhandenen Gravitation durchaus dort normal laufen können müsse. ... Er hat das sicher nie genau nachgerechnet, denn er dachte auch, dass Schwerelosigkeit auf dem Weg zum Mond in der Rakete nur im Lagrange-Punkt zwischen Mond und Erde herrsche, also dort, wo sich die Anziehungskräfte von Mond und Erde gerade die Waage halten. Von der Mikrograviation sonst auf dem Weg hat er nichts gewusst.

[verfilmt bei Fritz Lang: man sehe sich den von der Murnau-Stiftung sehr gut rekonstruierten Film an]

... und der Vollständigkeit halber nochmals hier das bekannte Originalvideo der tatsächlichen Mondlandung von 1969:

Ist doch gar nicht so weit weg von der Fiction der 1920er, diese Science der 1960er. :-)

Als Historikerin denke ich vorausschauend, dass es mit dem Mars so ähnlich gehen wird. Vielleicht nicht ganz so schnell wie im 20. Jahrhundert, weil das von der Politik und der Wirtschaft abhängt und von den menschlichen Vertretern, die diese bestimmen, abhängt und diese sich nicht vorhersagen lassen. Dass es aber "ungefähr so" kommen wird, ist aus historischer Sicht auf die Zukunft absolut logisch und nahezu unausweichlich. Wir Menschen sind einfach so. :-)

 


Das Team vom ÖWF am Dachstein ...

tolle Truppe! :-)

Schöne Zeit mit Euch und vielen Dank!

 


 

PS: Ja, dieses Wochenende war ITV ... und ich war wiedermal nicht dabei. Sorry, aber derzeit hab ich leider echt keine Nerven dafür: zwei Wochen vor dem Venustransit (zu dem ich ein großes eigenes Projekt habe). Wünscht mir viel Erfolg dabei ... bzw nur sekundär mir, sondern meinen Jugendgruppen und ihren Betreuern

 

 



Geschrieben in Susanne M Hoffmanns Kosmos | 0 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


Österreichische Marsmission ... live!

30. April 2012, 11:30

Aktuell (seit letztem Freitag und noch bis übermorgen) erfolgt die erste Marsexpedition Österreichs - spektakuläre Bilder zeigen den Alponauten "Daniel" in einem nagelneuen silbern glänzenden Raumanzug, wie er durch Eishöhlen "spaziert", Gesteins- und Eisproben sammelt und begleitet von Rovern und Fluggeräten ein spannendes, tatsächlich noch nicht ganz zu Ende erkundetes Höhlensystem erforscht. Ziele der Mission sind in erster Linie Test mit dem Raumanzug, dessen Name übrigens von einer Prinzessin aus Jules Vernes "In 80 Tagen um die Welt" stammt.

Österreich arbeitet tatsächlich daran, einen Raumanzug zu entwickeln, der quasi ein eigenes Raumschiff ist - ein Raumschiff zum Anziehen mit einer Masse von ca. 45 kg. Im "Rucksack" dieses Anzugs ist die Elektronik versteckt und unterliegt natürlich der Geheimhaltung. Echte Raumanzüge müssen später ein Atemluft-Aufbereitungssystem haben und sie müssen außerdem unter Druck stehen, da die Marsatosphäre sehr viel dünner ist als die Atmsphäre der Erde. So weit ist aber diese Simulation hier noch nicht ... jetzt liegt der Fokus erstmal auf der Erprobung der Telemetrie und anderer interner Technologien. Der österreichische Raumanzug Aouda soll es seinem Insassen ermöglichen, nicht nur mit der Bodenstation auf der Erde (hier: in Innsbruck) zu kommunizieren, sondern auch mit verschiedenen unbemannten Rovern, die gleichzeitig auf dem Mars landen könnten.

Außerdem denkt man für echte Marsmissionen über Parallellandungen nach, also zwei gleichzeitige Missionen zum roten Planeten, die an verschiedenen Orten landen. In Havariefällen würde dies die Sicherheit der Raumfahrenden erhöhen.

Überhaupt, erklärt Gernot Grömer vom ÖWF, sei in Europa noch niemals ein Raumanzug zu Ende gebaut worden. Der frisch gebackene Herr Doktor hat sich dies aber zu tun in den Kopf gesetzt. Er will einen voll funktionstüchtigen Raumanzug fertigen, der besser ist als alle bisher dagewesenen. Natürlich gibt's schon Anzüge für Außenbordeinsätze an der ISS oder auch für eine Mondlandung. Aber Mars! Das ist ein völlig anderes Terrain! Man ist viel weiter von der heimatlichen Erde entfernt, viel länger auf sich gestellt mit längeren Signallaufzeiten usw. Außerdem hat der Mars - im Gegensatz zu Mond und freiem Weltraum - eine Atmosphäre und mithin z.B. auch andere Außendrücke, keine Mikrometeorite, aber dafür wechselhaftes Wetter: Es gibt Sandstürme in seinen Wüsten und Eisgletscher an den Polen ... also ... "On to Mars!", wie Gernot immer so schön sagt.

Am Eingang der Höhle

Der Raumfahrer Daniel steht nun bereit zum Eintritt in die Höhlen. Ein kurzes Shooting für die Presse (z.B. auch auf spiegel-online.de, Der Standard (Wien), der es via APA auch weiter verteilte...) muss natürlich sein - wie bei jeder anständigen Weltraum(anzug)mission. ;-) Die Presse ist übrigens ebenso international wie das Team der verantwortlichen Wissenschaftler, Ingenieure und Experimentatoren. Es ist ein wahres Großereignis hier an den Eishöhlen, deren Gestein eine anwesende Geologin als "boring lime stone" (langweiligen Kalkstein) bezeichnet.

Die derzeitige österreichische "Mars"mission findet in dem Welterbe-Höhlensystem am Dachstein bei Obertraun statt. Das Österreichische Weltraumforum (ÖWF) testet hier einen gerade neu entwickelten Raumanzug namens "Aouda.X". In der Bergstation der Seilbahn wurde in einem abgetrennten Nebenraum mit dem bezeichnenden Namen "Dachsteinwarte" die OPS, also das hiesige Kontrollzentrum eingerichtet. Die Mitarbeitenden im Team der OPS, der Organisation allgemein und auch die Erbauer und Tester von Rovern und Fluggeräten sind ein wahrlich kunterbunt gemischtes internationales Team aus Frankreich, Polen, Spanien, Italien, Deutschland, den USA, Indien, den Niederlanden, Dänemark ... In der Tat arbeitet das ÖWF mit namhaften Instituten der Weltraumforschung zusammen, z.B. JPL, NASA u.a. Die Sprache auf dem Gelände ist daher also Englisch, das Protokoll wird strikt eingehalten wie zu Sissis Zeiten am Wiener Hof: Jeder Check ist ist verpflichtend und jede Antwort verbindlich, die Menschen, die in der Raumfahrt arbeiten, sind freundlich und offen, wie auch heute überall bei Weltraum-Programmen, wo viele unterschiedliche Charaktere zusammen kommen.

Kurz: es geht zu wie überall auf der Welt bei Raumfahrtprogrammen. Der einzige Unterschied hier in der Alpenrepublik ist, dass mich in Österreich der Flight Director nicht nur mit einem freundlichen "oah, Susanne, loang nimmer gseen" begrüßt, sondern auch mit Handkuss. :-)

Nun soll unser Alponaut einen Kristallblock bearbeiten. Dieser rein mechanische Arbeitsschritt ist zwar eher für Pressefotos eingeflochten worden, aber es wurden tatsächlich wissenschaftliche Experimente durchgeführt. Der Probant war mit zahlreichen Elektroden für medizinische Untersuchungen beklebt. Weiters zog er beispielsweise den "Cliffbot" des Präsidenten der französischen Mars-Gesellschaft, Alain Souchier, über steile Abhänge. Der Cliffbot, so erklärte mir Alain morgens im Auto, sei ein Gerät, das die Abhänge heruntergeworfen wird und sie untersucht, ohne dass ein Mensch dabei gefährdet werden muss. Manche Abhänge - gerade hier in der Eishöhle will oder kann man ja auch gar nicht beklettern. Das gilt schon für normale Menschen und dann also erst Recht für Menschen in 45 kg schweren Raumanzügen.

Das gebückte Gehen in der Höhle erweist sich für die Anzugtester als sehr anstrengend!

Der "suit", also der Raumanzug, ist stets begleitet von mindestens einem Mitarbeiter des "suit teams" und einem vom "security"-team. Wie auch bei echten Raumflügen steht natürlich die Sicherheit des Anzug-Insassen wie auch der Experimentatoren immer an erster Stelle. Schließlich sind es Menschen, mit denen man hier arbeitet und für die diese Technologien entwickelt werden - echte lebende Menschen zu deren Lebenserhaltung insbesondere der Anzug ja dienen soll. Daher wird natürlich auch auf die Versuchspersonen sehr genau geachtet.

 

Man will allerdings auch die Situation auf dem Mars so realistisch wie (derzeit) möglich nachstellen. Dass man auf dem Mars natürlich ganz sicher nicht bloße Klettverschlüsse zum Festhalten der einzelnen Anzugteile verwenden kann, ist wahrscheinlich jedem klar. Allerdings erschwert der Anzug auf dem Mars unter Druck und mit noch mehr Last durchaus die Bewegung - auch wenn die Schwerkraft auf dem kleinen Nachbarplaneten der Erde nur ein Drittel so groß ist wie hier.

Der Raumanzug-Tester (im Bild: Daniel Föger) bekommt daher ein Exoskelett, also eine über die schwarze Unterwäsche werden diverse Expander gezogen. Hier sieht man den rechten Ellbogen eines Testers, an dem ein zusätzliches Gewicht befestigt wird. Diese Vorrichtung erschwert die Bewegung derart, dass es den tatsächlichen Marsbedingungen sehr nahe kommt.

 

Über Menschen (nicht Übermenschen) im All ...

Am dritten Versuchstag konnte ich dieses Bild erhaschen: Ja, die Tester sind durchaus sehr sportlich, d.h. es ist wirklich mühsam, stundenlang in der Kälte und Dunkelheit der Höhle unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Es ist auch sicher kein "Spaziergang", den die echten Astronauten zur Reparatur des Weltraumteleskops vor ca. 20 Jahren unternommen haben...

Aber: Es sind noch immer halbwegs "gewöhnliche" Menschen (Kryptonit im Anzug lämt sie nicht), d.h. man kann so etwas lernen! Wenn man nur hart genug trainiert, dann kann jeder halbwegs gesunde Mensch diese körperliche Leistung vollbringen.

Daher kann ich an dieser Stelle ruhigen Gewissens sagen, dass das, was die Jungs da machen, wirklich eine schwere körperliche Arbeit ist - aber schaffbar bzw. lernbar für Menschen: Man muss kein Übermensch oder Halbgott dafür sein. Ich persönlich finde das eine beruhigende Feststellung.

Wie fühlt man sich in dem Anzug?

Ich selbst habe auch die Ehre gehabt, dies einmal auszuprobieren. (dickes super-Danke-schön nach Österreich!) Im Augenblick sind die beiden bisherigen Tester (beide "Daniel") Männer, aber der Anzug soll auch für Frauen adaptiert werden. Zwei Kenngrößen sind entscheidend, sagt der Entwickler bei der Pressekonferenz: "Wenn mir jemand sagt, er will Tester werden, sind meine beiden ersten Rückfragen nach Schuhgröße und Brustumfang". Prinzipiell sei der Anzug aber für Personen beiderlei Geschlechts von 160 bis 195 cm Körperhöhe anpassbar.

Man braucht nur körperlich sehr gute Konditionen, um das Gewicht des Suits lange auszuhalten. Glücklicherweise hat mich Mutter Natur mit einem soliden Knochenbau ausgestattet und ich scheine (im Vergleich zu anderen) auch einigermaßen fit zu sein. Schließlich wohne ich derzeit im Harzvorland und muss mangels Auto stets mit dem Fahrrad die Berge und Hügel erklimmen. Außerdem haben die Jahre mit zahlreichen Wüstenwanderungen und auch die schweren Rucksäcke voll mit Büchern und Laptop während des Studiums, mit denen ich früher zwischen den Berliner Bibliotheken und Unis pendelte, einiges zu meiner körperlichen Kondition beigetragen. Um im Anzug aber länger zu arbeiten, braucht der Durchschnittseuropäer gewiss einiges an Training: 45 kg (die der Anzug wiegt) sind schließlich ungefähr doppelt so viel, wie man in einem normalen Linienflugzeug als Gepäck mitnehmen darf - und da finden die meisten Leute schon ihren Koffer schwer.

Außerdem hält ein Stützapparat in den Axeln die Arme stets ein wenig vom Körper weg, damit die Luft im Anzug gut zirkulieren kann. Das finde ich persönlich ein bißchen anstrengend auf die Dauer. Ich würde es vergleichen mit der Haltung beim Standard-Tanz (z.B. Wiener Walzer): Als Dame habe ich meinen Arm angewinkelt auf der Schulter des Herrn, wo sie allerdings locker aufliegt. Man (bzw frau) stützt sich ja nicht auf dem Tanzpartner ab, sondern man muss schon stark genug sein, den eigenen Arm selbst zu tragen. So ähnlich ist es hier auch im Anzug - nur, dass die Arme eben durch eine Kunststoffstütze direkt abgespreizt werden.

Checkliste der Kammerzofen: 

Astronaut in Unterwäsche (das "Kettenhemd" des 21. Jahrhunderts, aus schwarzer Funktionsfaser, sehr interessantes Material) kriegt erstmal ein Exoskelett, das die Bewegungen erschwert. Dann muss man sich mit Hilfe von zwei bis drei Mitarbeitern des Suit Teams ins Anzug-Oberteil manöverieren, dann kommt die Hose, die Handschuhe und die Stiefel. Die Handschuhe sind übrigens dreilagig: erst ein dünner weißer Stoffhandschuh - wie sie vornehme Damen des 19. Jh. trugen. Er soll es nur für den Tester angenehmer machen. Darüber ist ein Handschuh, der eher an ein Borg-Wesen aus StarTrek erinnert, weil er statt Fingernägeln Elektroden hat und zum Schluss kommt über alles ein silberheller Schutzhandschuh, der mit einem Metallring an den Anzugärmel angeschlossen wird und mithin das System unter ihm in sich abschließt. Zu guter Letzt wird dem Tester der Helm aufgesetzt - und wenn das passiert, hat man typischerweise etwa zwei Stunden Anzieh-Prozesdur hinter sich. wie gesagt: das Wiener Hofprotokoll zu Sissis Zeiten war gewiss ähnlich - und die aufmüpfige, eigensinnige Doppelmonarchin wäre gewiss überglücklich und überaus einsichtig ob der Notwendigkeit dessen hier, wenn sie sehen könnte, was Austria Felix heutzutage am Dachstein treibt.

Wie in jedem richtigen Raumanzug kann man natürlich auch in der Aouda essen, trinken, aufs Klo gehen ... Es gibt vier starke Ventilatoren, deren Geheul nicht nur schon aus der Ferne den "suit" ankommend hörbar macht, sondern deren Funktionstüchtigkeit auch unten im Kontrollzentrum auf einem großen Screen neben den Bildern aus der OPS, von der Helmkamera und neben sonstigen Funktionsanzeigen wie Temperatur-, CO2-Gehalt und Luftfeuchtigkeit im Helm angezeigt wird.

"Noch nie zuvor hat in Europa ein Entwicklerteam einen Raumanzug zu Ende gebaut" konstatiert Dr. Gernot Grömer, der Entwicklungsleiter und plant dabei schon den nächsten Test der Aouda nächsten Februar in Marokko. Dann wird Prinzessin Aouda durch die Sahara schreiten und wahrscheinlich schon die Erfahrungen der hiesigen Tests eingebaut haben.

Ich hoffe, dass ich dann auch wieder mit darf. Schließlich kann man sich auch mit eigenen Experimenten beteiligen. Derzeit läuft noch bis Juli das Announcement, mit dem man sich mit eigenen Projekten bewerben kann.

Weißes Eis, rote Steine

... die Farben Österreichs und des Mars. :-) Man gucke und staune: die Alpenrepublik hat die Nase vorn auf dem Mars und darum wird auch jede Versammlung schonmal probehalbe mit "Hello Marsians" eröffnet.

Eishöhlen könnte es auch auf dem Mars und anderen Körpern des Sonnensystems geben. Daher ist es wichtig, alle Fernerkundungsgeräte dafür auszustatten und zunächst unter irdischen Bedingungen ausgiebig zu testen. Einem "Testastronauten" auf der Erde kann man ja den Helm noch abnehmen, wenn man merkt, dass innen irgendwas verrutscht ist - würde man das erst auf dem Mars merken, wäre es wahrlich zu spät.

Rover Parade

Neben einem Raumanzug wurden auch zahlreiche Rover und Fluggeräte in den Höhlen getestet. Die "Part time Scientists" freuten sich über die zahlreichen verschiedenen Bodenstrukturen, die sie in dieser Höhle vorfanden: von Schnee und Eis, über Schotterpisten, von der Schmelze aufgeweichten Sandböden bis hin zu vielen verschiedenen Härtegraden des Untergrunds aus Kalkstein ...

Der französische Cliffbot zur Erforschung von Klippen wurde bereits oben erwähnt und soll an dieser Stelle noch durch den Hinweis auf verschiedene Fluggeräte ergänzt werden, die ebenfalls von Hobby-Ingenieuren und -Wissenschaftlern gebaut werden. Mit von der Partie von Gerhards Helikopter und Christians Hexacopter - beide vom ÖWF. Der polnische Rover MAGMA fährt in der Höhle sehr erfolgreich; er ist ein Transporter, der von der privaten Firma ABM-Space in der Kopernikus-Stadt Thorn (Torún) entwickelt wird. Das Test-Team ist sehr zufrieden mit den Ergebnissen und wir haben sofort eine Kooperation zu didaktischen Aufbereitung der Ergebnisse.

Ein amerikanisch-französisches Profi-Team von Geoerkundern baute das Instrument WISDOM - ein Radargerät, das den Boden bis zu 2 oder 3 Metern Tiefe ausloten kann. Hier wird es noch von dem Entwicklerteam auf einer Schubkarre geschoben: Stück für Stück rückt es die 5 m lange Bahn jeweils in Schritten von einem Dezimeter voran. Der Laptop auf der Karre zeigt hier das Frequenzspektrum, das gesendet und empfangen wird. Die Sprache in diesem illustren Team, zu dem sich auch eine ungarische und eine österreichische Studentingesellt haben, switched dauernd zwischen englisch und französisch hin und her. :-)

Nach erfüllter Mission

Man kann sich leicht vorstellen, dass man nach langem Arbeiten in der Höhle stark geblendet ist. Auch durch den Austritt aus der 0 °C kühlen Eishöhle ins 20 bis 30 °C warme Gelände auf dem Westhang des Dachsteins wird der Helm schlagartig stark beschlagen und der Tester hat entsprechend mehr Mühe, die Treppen von der Höhle herunter zu steigen.

Hinzu kommt natürlich stets eine leichte Einschränkung des Gesichtsfeldes, denn man kann sich ja nicht ohne Weiteres umdrehen. So lange man nur geradeaus schaut, ist das Gesichtsfeld normal. Durch den dicken Anzug kann man aber nicht auf die eigenen Füße schauen und rückwärts wenden kann man sich eben auch nur durch Drehung des gesamten Körpers.

Beim Ausziehen wird nach dem Helm zuerst das Oberteil abgenommen. Es erfordert zwei bis drei Assistenten, das schwere Gerät von der Versuchsperson zu entfernen. Der Kandidat kniet dazu ritterlich auf einem (spacig-silberfarbenen) Kissen. Man sieht dabei auch die stark profilierten Schuhe des Kandidaten. In der Eishöhle wurden auch darauf auch verschiedene Spikes getestet, die das Gehen auf den massiven Eisplateaus stark erleichterten.

nota bene: Selbstverständlich wurde in der Welterbe-Höhle auf Reinlichkeit geachtet! Jeder, der die spiegelglatten Eisflächen aus Gründen der Wissenschaft betreten musste, hat sich vorher gut die Schuhe abgeputzt. Wirklich!

Wo ist das?

Im Salzkammergut, da kamma guat lustig sein...

Der Dachstein ist im wunderschönen Salzkammergut gelegen, einer der schönsten und romantischsten Gegenden Österreichs. Die nächstgrößere Stadt ist Hallstatt, ein Dorf, das sehr idyllisch am See gelegen ist. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde freut sich, mit der derzeitigen Saison auch das größte Viersterne-Etablissement zu eröffnen. Ganz in der Nähe von dem berühmten Bad Ischl, wo sich dereinst Kaiser Franz Joseph von Österreich mit der bayrischen Prinzessin Sissi verlobte, turnt also heute Prinzessin Aouda durch Eishöhlen. Der Tourismus boomt in dieser Region - besonders an einem so wunderschönen Wochenende wie diesem zum Saisonstart. Skifahren, Bergwandern oder Höhlenbesichtigungen gehören hier ins Repertoir der typischen Urlauber.

Die Veranstalter - das ÖWF

Das Österreichische Weltraumforum ist ein unabhängiger Zusammenschluss von Enthusiasten, HobbyBastlern und Forschern. Gernot Grömer bezeichnet es sogar als "european way", dass die Hobby-Leute und die so genannten Professionellen hier in friedlicher Eintracht zusammenarbeiten und zusammen forschen. Es ist eine Besonderheit hier im "alten Europa", da in Amerika typischerweise eine breite Kluft klafft zwischen denjenigen, die mit der Forschung ihr Geld verdienen und denen, die sie nach Feierabend je nach Lust und Laune betreiben. In Europa sei das anders, betont er stolz, denn hier arbeiten "Amateure" und "Profis" in sehr regem Austausch miteinander zusammen. So akzeptiert man hier gängig, dass ein Häuslebauer durchaus mit einem bestimmten, praktischen Handgriff mehr Erfahrung haben kann als ein junger Ingenieur. Umgekehrt kann der junge Ing vielleicht frisch von der Uni einige bereichernde Ideen und Methoden besteuern. So arbeiten hier Alt und Jung, Frau und Mann, Ausgebildete und Autodidakten kuschelig zusammen und bereichern einander gegenseitig.

Das ÖWF ist besonders stolz auf dieses friedliche und gemütliche Miteinander. Und ehrlich - ich als hier Außenstehende genieße das! Genau so wünscht man sich das.

Das ÖWF (gegr. 1997) hat seit 2009 mehrfach die Aouda und andere Geräte auf Plätzen der Erde getestet und auf diese Art systematisch weiter entwickelt. Chef-Entwickler Gernot Grömer hat dafür kürzlich seinen akademischen "Ritterschlag" zum Doktor verliehen bekommen: Herzlichen Glückwunsch!!!

Ein Journalist, den ich als Zaungast am Platz antreffe, diagnostiziert messerscharf, was all diese Menschen verbindet: Es ist eine gehörige Portion Idealismus! Man baut hier Geräte, die einmal zum Mars fliegen sollen. Bemannte Marsmissionen sind aber frühestens in 20 bis 30 Jahren denkbar und zu diesem Zeitpunkt werden die meisten der hier anwensenden nicht mehr leben oder zumindest beruflich bereits im Ruhestand sein. Es ist also, also würde man ein Haus zu bauen anfangen mit der ziemlichen Gewissheit, dass man es selbst nie bewohnen wird und wahrscheinlich auch nicht die Leute erlebt, die es bewohnen werden.

So sind wohl nun einaml die Ingenieure... oder Forscher (m/w) schlechthin - sie wollen die Welt ein kleines bißchen besser machen, für alle & jeden und dabei zählt jeder kleine Schritt. Ein Ziel (z.B. der Flug zum Mars) ist nicht immer dazu gesteckt, tatsächlich erreicht zu werden. Es dient vielmehr lediglich zur Orientierung. Es ist für den einzelnen von uns wohl relativ nebensächlich, ob der bemannte Marsflug tatsächlich mit Aouda erfolgt - aber Entwicklungen sind nun einmal immer iterative Prozesse und bei jedem Test lernt man etwas. z.B. kann auch die Erkenntnis "dieses Material ist für jenen Zweck nicht geeignet" eine Erkenntnis sein ... und vllt. als solche ein Ansporn für einen anderen Wissenschaftler (m/w), ein adäquates Material zu entwickeln...

Forschung ist ein faszinierendes weites Feld!

... und eine faszinierende andere Welt ...  weit weg vom Elfenbeinturm und doch so befremdlich für viele Laien ... nicht zuletzt aufgrund der Person der Wissenschaftler, Bastler und Tüftler, die an so ungewöhnlichen Fragestellungen wachsen.

Darum ist das österreichische Weltraumforum (ÖWF) sehr wohl zu Recht stolz darauf, seine Grundlagenforschung unabhängig betreiben zu können.

 


 

Auf Twitter wird seit Samstag ganz massiv über die Aktionen und Experimente gezwitschert. Das ÖWF hat zu einem Tweetup eingeladen! Hashtag: marstweetup

Einen eigenen Live-Blog haben sie natürlich auch, die Österreicherlinge.

Geförderte Scientific Outreach-Programme vom österreichischen Bundesministerium für Bildung (Schulen): Sparkling Science.

Schülerpraktikant/Innen gesucht beim ÖWF: Lust auf ein Weltraumabenteuer in den Sommerferien? Hier findest Du den Anschluss!

Experimente für Marokko 2013 jetzt anmelden! (ÖWF, Kontakt)

 


 

Gimmick

Marsmenschen sind nicht grün ... sonst wären's Orioner ;)

tja, das haben wir nebenbei auch gelernt: "hello Marsians" wurde jeder Versammlung eröffnet. Alle fühlten sich angesprochen, da sie augenblicklich ruhig wurden. Aber niemand im Raum hat einen anderen Taint als man es von typischen Erdlingen gewohnt ist.

Fazit: Mars-Menschen sind - entgegen der landläufigen Meinung - bestimmt nicht grün. Trekies haben das ja aber eh schon längst gewusst: Grün sind schließlich Orioner - hier die Orionerin Vina in "The Cage" - und vor denen sollte man(n) sich in Acht nehmen. :)

 



Geschrieben in Susanne M Hoffmanns Kosmos | 2 Kommentare | 0 Trackbacks | Permalink


I launched a rocket in Baykonur

21. März 2012, 10:11

... yes, I did! Vor wenigen Tagen durfte ich viermal Countdown zählen und vorher selbst einmal den Startknopf drücken Danach ernannte mich Direktor Dmitry Shatanov in Baikonur zur "jungen Kosmonautin" ... obgleich ich leider noch gar nicht im Weltraum gewesen bin. Aber das kommt noch ... vielleicht beim nächsten Mal. :-) Diesmal wurden nur viele technische Details der Vehikel begutachtet, technische Zeichnungen der Raketen studiert und Kosmonauten-Utensilien ausprobiert.

Mini-Film-Doku vom YouTube-Kanal der FNJ:

 

 

Die Chance zu diesem Besuch im Cosmodrom von Baikonur hatte sich zum Jahreswechsel recht kurzfristig ergeben. Baikonur ist heute ein kreisrundes militärisches Sperrgebiet in Kasachstan, das von Russland gepachtet wird. Die Kleinstadt mitten in der kasachischen Steppe ist nicht besonders ansehnlich: sie besteht aus Plattenbauten in sozialistischem Einheitsgrau, von denen viele halb verfallen sind. Das Haus gegenüber unserer Herberge, das ich sehe, wenn ich auf dem Balkon stehe und in den Innenhof blicke, steht offenbar leer, denn da, wo Fenster hingehören, befindet sich kein Glas, sondern Stein - augenscheinlich zugemauerte Fenster. Dahinter ragen ein paar Schornsteine in die Landschaft und Kühltürme einer Fabrik. Der Rauch der Schornsteine ist nicht etwa weiß oder hellgrau wie bei uns, sondern dunkelgrau bis schwarz. An einem Morgen hatte der Wind gedreht und der unangenehme Geruch zog zu uns herüber.

In dieser kleinen Stadt leben Menschen mit ihren Familien, sie schicken ihre Kinder zu Schule und junge Erwachsene besuchen die Universität, welche ein Zweig der Moskauer Lomonossov-Universität ist. Wer hier studiert, muss einen ans Studium anschließenden Arbeitsvertrag in der Stadt vorweisen. Für Angehörige anderer als der russischen Staatsbürgerschaft ist es jedoch sehr schwieirg, eine alternative oder auch nur eine angemessene Arbeit in dieser Stadt zu finden, sagt ein junger Absolvent der Universität Baikonur, der mich mit meiner Gruppe führt. Er kommt aus Turkmenistan, eine andere ehemalige Sowjetrepublik, die sich südlich von Kasachstan befindet.

Checkpoint: Passkontrolle, ein russischer Offizier prüft, ob auch wirklich alle Insassen des Busses auf der Einladungsliste stehen. Fotografieren natürlich streng verboten. Der Checkpoint befindet sich erst unmittelbar an der Stadtgrenze, obgleich der Zirkel um die kasachische Stadt-mit-Sonderstatus deutlich größer ist. Schließlich "regnet" es bei jedem Start ein paar Raketenteile vom Himmel - und das ist im Allgemeinen nicht gut für die Landwirte und Datschen-Inhaber mit ihren Gärten. Auch Kasachstan, außerhalb des russisch gepachteten Landes, wird von den Teilen getroffen.

Die zottigen Steppenkamele, Eselkarren und mausoleenartigen islamischen Friedhöfe, die wir am Wegrand passierten, wirken bizarr, wenn wir uns bewusst machen, dass wir hier in einem der großen Weltraumbahnöfe dieser Erde stehen. Kurz nach der Einfahrt in die Stadt sehen wir bereits einige Monumente: da liegt - leicht aufwärts geneigt - eine echte Sojus-Rakete auf einem steinernen Sockel. Weiters gibt's noch ein paar militärische Raketen, aber ich bin ja eher Weltraum-Freak.

Das 1:1-Sputnik-Modell habe ich im Stadtmuseum fotografiert, das übrigens beeindruckend gut kuratiert ist. Hier werden nicht nur die Geschichte der Stadt, sondern auch die Geschichte der sowjetischen und russischen Raumfahrt behandelt. Die Ausstellung ist wirklich sehr hübsch gestaltet und eine sehr kompetente und freundliche Dame, die entfernt an Tamara Jagellovsk aus Raumpatrouille Orion erinnert, führt uns englisch-sprachig durchs Raumfahrtmuseum.

Das staatliche Lyzeum hier in der Stadt hat selbstverständlich einen Ausbildungsschwerpunkt in technisch-naturwissenschaftlicher Richtung. Bei den Raketenbau-Wettbewerben, die sie veranstalten, geht's darum, Modelle echter Raketen möglichst originalgetreu nachzubauen und dabei dann auch noch funktionstüchtig zu machen: Ein Lehrer dieser Schule wurde 1987 (also vor dem Fall des Eisernen Vorhangs!) beim Austragungswettbewerb in Florida mit seiner funktionstüchtigen dreistufigen 30 cm hohen Sojus-Rakete Weltmeister in dieser Kunst.

Da ich im Rahmen der außerschulischen Jugendarbeit (leider immernoch ein Ehrenamt) bereits seit 2008 mit seiner Novosibirsker Partnerschule zusammenarbeite, freut es mich ganz besonders, dass ich nun auch diese Partner in ihrer Heimatstadt besuchen lann. Ich bin mit Fachkräften der Jugendarbeit mit einer Delegation von 7 weiteren Jugendleitern unterwegs und unsere Mission ist es, hierher unsere Kontakte zu ergänzen. Die Mission ist geglückt: Wir haben diesen Kontakt erfolgreich geknüpft. Nächstes Jahr wollen wir wiederkehren und mit unseren Partnern SpaceCamps hier veranstalten.

Die Allee der Kosmonauten führt von dem Hotel, in dem die Raumfahrenden vor ihren Flügen nächtigen zu einem Aussichtspunkt, an dem ein verkleinertes Modell einer Proton-Rakete steht. Die Allee wird von Bäumen gesäumt, die von Kosmonauten gepflanzt wurde: vorne links steht der Baum von Juri Gagarin, ebenfalls links folgen später die Bäume von Valentina Tereschkova und Alexej Leonov... auf der rechten Seite lesen wir auch Namen von amerikanischen Kosmonauten.

 

"Baikonur" heißt das russische Kosmodrom tatsächlich erst seit 1995 - und zwar nach einem kasachischen Dorf ähnlichen Namens nördlich von hier, in dessen Nähe nach dem Zweiten Weltkrieg ein "Fake"-Kosmodrome errichtet worden war.Die Sowjets wollten das echte Kosmodrome natürlich streng geheim halten und versuchten mit der Fake-Variante das kapitalistische Ausland zu täuschen. Tatsächlich wurde das Kosmodrome jedoch 1955 an seiner heutigen Stelle östlich des Aralsees am SyrDarja-Fluss gegründet.

 

In dem Kosmonauten-Hotel gibt es vier Zimmer, in denen die Kosmonauten typischerweise untergebracht werden. Sie signieren nach ihrem Aufenthalt die Türen, so dass man weiß, wer wo gewohnt hat. (Die Türen wurden zwischenzeitlich auch schon einmal gewechselt, so dass z.B. Sigmund Jähns Unterschrift hier nicht mehr zu finden ist: Die Tür mit seiner Signatur steht inzwischen in einem Museum.) Ich habe eines der Betten auch mal zum Probeliegen genutzt ...  man kann ja nie wissen: :-) Im Konferenzraum unten im Hotel haben meine reizende kasachisch-stämmige Assistentin und ich auch schon mal posiert. Vielleicht bahnt sich ja eine Kooperation an:

Ab nächstem Jahr wollen wir unsere deutsch-russischen SpaceCamps für Jugendliche (die ich 2007 mit Werner Bachmann im FEZ-orbitall in Berlin erfunden habe) hier in Baikonur veranstalten!

Dem Direktor der International Space School überreichten wir Gastgeschenke: einen Himmelsatlas, einen kleinen Sternglobus und diverse didaktische Spielzeuge sowie deutsche Marzipan-Pralinen. Er freute sich sehr darüber mich durchströmte das gute Gefühl, hier etwas wirklich Wichtiges und Nützliches zu tun!

Jugendbegegnungen direkt am Herzen der Raumfahrtgeschichte!

Pech hatten wir insofern, als dass es einerseits trübes Wetter war, teilweise Schnee fiel und uns andererseits leider - unverständlicherweise - die Permits verweigert wurden für einen Besuch der Montagehallen von Buran und Energija, die wir eigentlich besichtigen sollten. Buran war ein sehr erfolgreiches Programm, nur leider zu Zeit des Sowjet-Zusammenbruchs Mitte/ Ende der 1980er Jahre zu teuer, um ernsthaft betrieben zu werden. Im Stadtmuseum von Baikonur steht aber das Modell vor einem seiner Fallschirme als Wandvorhang. Den 1:1 großen Buran hatte ich ja bereits vor vier Jahren in Moskau am Ufer der Moskwa gesehen.

 

 

Wie kommt man eigentlich nach Baikonur?

Mit dem Bus: Zirka vier Stunden Busfahrt über holprige Sand-Schlamm-Eis-Pisten vom nächstgelegenen kasachischen Flughafen in Kyzyl Orda. Diesen wiederum erreichten wir mit der täglich pendelnden Maschine von der Hauptstadt Kasachstans, Astana.

 

 

 

 

 

 

Ich bin von ganzem Herzen glücklich, dass meine handverlesene deutsche Jugendleiter-Delegation in Baikonur nach den ersten Startschwierigkeiten dennoch mit so offenen Armen herzlich empfangen wurden!

Ich freue mich schon auf die nun anberaumten schulischen und außerschulischen Jugend-Austauschprojekte, von denen auch meine Lehramt-Studierenden profitieren sollen!

 


Astana als Hauptstadt wurde erst in der letzten Dekade aufgebaut, vorher gab es an dieser Stelle nur ein unscheinbares Dorf. Die Architektur dieser Stadt wirkt entsprechend futuristisch. Wir waren uns einig: Man kommt sich vor, wie live-haftig in einem ScienceFiction-Film. Von da aus flogen wir jedoch wieder über Moskau nach Hause in die relative Vergangenheit: Unser Flug startet in Moskau um 9:20 und landete in Berlin um 8:55 ... also, die deutsche Gegenwart hat uns wieder! :-)

faszinierende atmosphärische Erscheinungen in Astana: 22°-Halo, Nebensonnen, teilweise 46°-Halo, Zirkumzenitalbogen (zumindestens ansatzweise) ...

BTW: Die Rückreise über Kyzyl Orda, Astana und Moskau dauerte etwa 29 Stunden.

 

 

 

 

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Schwarze Löcher sind nicht immer "kompakt"

02. Mai 2010, 23:10

... sonst würden sie wahrscheinlich "Kompakte Löcher" heißen, eine in sich ziemlich widersprüchliche Bezeichnung (entweder kompakt oder Loch=Nixdrinsein). Sie sind "schwarz", d.h. es kann von ihnen kein Licht nach außen dringen. Die Schwarzloch-Bedingung ist also: betrachte einen Körper (ideal kugelförmig, wie sich das für ein Objekt im Weltall gehört), an dessen "Oberfläche" die Fluchtgeschwindigkeit v = c der Vakuumlichtgeschwindigkeit ist. » weiter

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Sand - Sonne - Sahara

30. April 2010, 08:49

Sahara ... das arabische Wort für die trockene Sandwüste. Aus dem Weltraum sieht man eine große beigefarbene Fläche im Norden des Kontinents, den wir Afrika nennen. Doch bei genauerer Betrachtung sieht man Details: Sand ist nicht gleich Sand. Die aktuelle Mars- und andere Planetenforschung weiß nur zu gut, was es alles für verschiedene mineralogische Kompositionen gibt. Meine muslimischen Kollegen und ich haben hier mal eine kleine Sammlung zusammengestellt: » weiter

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O-Stern!

31. März 2010, 19:30

Wann feiern wir eigentlich Ostern? - AstronomInnen sollten die Antwort kennen. Trotzdem geht in Deutschland das Gerücht um, dass man Ostern in Russland zeitversetzt zu uns feiert, also später. Warum das Quatsch ist, will ich hier kurz notieren.

Argument I: Schließlich feiern die orthodoxen Christen auch das Weihnachtsfest später als wir. Der Trugschluss ist daraus, dass der russisch-orthodoxe Kalender gegenüber unserem verschoben sei. - Das ist nicht der Fall! Weihnachten feiern die Russen am 7. Januar, nämlich sinngemäß nach der Ankunft der drei Weisen (persischen Priesterastrologen), was wir am Vortrag das Fest der Hl. drei Könige nennen. Eigentlich ist also völlig bibelkonform, die Geburt Christi Anfang Januar zu feiern und das wirkt sich auf Ostern überhaupt nicht aus. » weiter

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Der Kosmos als Programm

11. Februar 2010, 00:26

Danke für die Nachfrage meines Lesers "Peter" nach Literatur zum Thema. Die Frage nehme ich als Anlass für zweierlei Maßnahmen:

Erstens würde ich selbst gerne so eine "Kulturgeschichte der Astronomie" schreiben (aber das wäre ein Lebenswerk, wenn man es gründlich tun will) und habe mir daher vorgenommen, dies jetzt tatsächlich hier in diesem Blog zu tun. Ich probiere mittelfristig eine Reihe zu dem Thema durchzuhalten, nehme mir aber das Recht heraus, diese unregelmäßig zu gestalten.

Ich bin dabei auch gespannt auf das Feedback von Ihnen, meinen Lesern, denn man kann schließlich nicht für alles gleichermaßen kompetent sein: Jeder Historiker und jede Historikerin hat Steckenpferde in bestimmten Epochen und andere Epochen, in denen er/ sie weniger versiert ist. So habe auch ich "nur" einen gewissen Überblick. - Immerhin, denn diesen versuche ich konsequent zu vertiefen. Vielleicht helfen Sie mir dabei. :-)

Bisher wagte ich es nicht (*), und zwar aus folgendem Grund: Bei den klassischen Größen auf diesem Gebiet der umfassenden Zusammenschauen sieht man immer wieder, dass ein wunderschönes großes Bild gezeichnet wird, jedoch im Detail Ungenauigkeiten blühen. Ich meine hier die wirklich großen Leute, die sich den "Kosmos", also die große "Ordnung & Schönheit" als Programm gesetzt haben: zum einen ist das Alexander von Humboldt mit seinen Kosmos-Vorlesungen (erhältlich als Buch) an der Berliner Singakademie. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem preußischen Ministers und Hochschulreformators Wilhelm von Humboldt gründete er eine Universität. Die Humboldt-Universität wird übrigens dieses Jahr ihren 200sten Geburtstag feiern. Zum Zweiten ist da das "20. Jh-Revival" der Humboldtschen Kosmos-Vorlesung: der US-amerikanische "Cosmos" (Buch und TV-Serie) von Carl Sagan

Beide Autoren sind gewiss bewundernswert für ihr jeweils umfassendes Programm und Lebenswerk. - Gewiss haben sie viele Menschen von Astronomie und unserem schönen Universum als Ganzem begeistert. Ich selbst bin zwar nicht durch sie zur Astronomie gekommen, weiß das aber von vielen und war stets hingerissen von beider Bestreben, die Welt als Ganzes zu sehen und zu verstehen.

 

Zweitens möchte ich beginnen, hier einige gute Bücher zum Thema vorzustellen. Man wird schließlich auf dem Markt überschwemmt von Literatur, doch nicht alles ist von wissenschaftlicher Sicht haltbar.

Wie schwierig das ist, zeige ich gleich an dem ersten Beispiel, das ich noch heute online stellen werde: Es beleuchtet nur einen winzigen Teil des gewaltigen Programms von kulturgeschichtlichen Darstellungen und zeigt doch anhand des breiten Autorenspektrums die Unermeßlichkeit des Programms.  

 


 

(*) Eines meiner Lieblingszitate wird Seneca zugeschrieben:

"Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht, sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig."

Diesen Rat gebe ich an dieser Stelle wohl am besten auch mir selbst.  



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