23. Dezember 2010, 01:37
Es wird Weihnachten und überall geht's um Kugeln. Die Kugeln, die mich interessieren, habe ich ja bereits letztes Jahr zu dieser Zeit vorgestellt: Globen! Aus aktuellem Anlass, weil ich in meinem jüngsten Rezensionsexemplar diesen Fehler fand und dasselbe auch schon anderswo hörte, möchte ich hier nun eine kleine Zusammenschau von den bis dato bekannten Fakten im Stile einer Wissenschaftshistorikerin erzählen. Es geht um eine große Kugel, die nichts mit Weihnachten zu tun hat und die manche Leute als das weltweite erste Planetarium bezeichnen. Ich unterschreibe diese Meinung nicht: Für mich ist der Gottorfer Globus ein besonders außergewöhnlicher Globus, den ich natürlich auch gerne in meinen (nicht vorhandenen) Schlosspark stellen würde, aber es ist eben kein Planetarium. Warum ich das so sehe, lege ich hier dar:
[Übrigens, das erste Planetarium der Welt ist für mich das Eisa Eisinger-Planetarium in Franecker, Friesland (NL). Wer mir ein älteres aufzeigt, kriegt eine Tüte Gummibärchen.]
1. Thema: der Gottorfer Globus
Im Barock-Garten von Schloss Gottorf
bei Schleswig steht (heute wieder) [guratzsch] ein Riesenglobus mit
einem Durchmesser von 3.11 m. Es handelt sich um eine originalgetreue
Rekonstruktion des Globus von Herzog Friedrich III. von
Schleswig-Holstein-Gottorf aus dem 17. Jahrhundert. Erste Pläne zu
dem Globus gab es vermutlich um 1650, seine Fertigstellung lässt
sich sehr sicher auf 1664 datieren.
Das besondere an dem Globus ist nicht
nur seine Größe, sondern auch seine mechanisch ausgeklügelte
Aufhängung, die in der zeitgenössischen Architektur zunächst
einzigartig war und zahlreiche Nachahmungen fand. Darüber hinaus ist
der Globus auch begehbar gewesen: sein Interieur enthält eine
Sitzbank, auf der ca. zehn Personen Platz finden konnten. Sein
Verwendungszweck war die Visualisierung des damaligen Weltbildes:
Außen war ein Erd-Atlas aufgetragen, innen eine Sternkarte aus
üppigen Gemälden, an denen die Sternpositionen durch mehrzackige
vergoldete Silbersterne markiert waren. Der Globus wurde im 18.
Jahrhundert aus Gottorf abtransportiert und wechselte dann binnen St.
Petersburg mehrfach den Standort.
Diskussion der Literatur.
Im Jahre 1997 erschien im Rahmen des
Ausstellungskataloges der Schleswiger Stiftung die Arbeit des
Architekten Felix Lühning, der durch intensives Quellenstudium der
zeitgenössischen Literatur sehr genaue Konstruktionszeichnungen des
mittlerweile verfallenen Globushauses und des Globus selbst
anfertigte. [luehning] Darauf aufbauend, beschreibt Engel Karpeev
sechs Jahre später in einem deutsch-russischen Forschungsprojekt vor
allem die russische Epoche des Globus, ordnet ihn also in den
historischen Kontext des 18. Jahrhunderts ein. [karpeev] Eine weitere
Aufarbeitung des Themas erfolgte vor allem parallel zur tatsächlichen
Umsetzung der Pläne Lühnings, also den Neubau des Globus in Gottorf
um 2005 begleitend. In diesem Zusammenhang ist [guratzsch] zu lesen,
der vor allem durch die Gegenüberstellung von Neuem und Altem, also
durch das Aufzeigen und Begründen der Abweichungen der
Rekonstruktion vom Original brilliert.
2. Inwieweit ist der Gottorfer
Globus das erste Planetarium?
Technische Beschreibung
Bei dem Gerät handelt es sich um einen
Kupferglobus, auf dessen Außenwand eine Erdkarte aufgeklebt ist,
während die Innenwand eine Darstellung des Sternhimmels schmückt.
Die Kugel ist also begehbar und im Inneren befindet sich eine
kreisrunde Sitzbank für ca. zehn Zuschauende. Von dort aus sieht man
die Sternbilder als prunkvolles Barock-Gemälde vorüberziehen, da
sich der Globus ("automatisch" (s. u.) oder mit einer
Handkurbel) drehen lässt. Im Kerzenschein verblassen die Gemälde
und "`leuchten"' die metallischen Sterne. Sie hatten sechs
verschiedene Größen und möglicherweise auch Zackenanzahl: In der
heutigen Rekonstruktion haben sie vier bis zehn Zacken, [Luehning,
S.84] sagt aber, dass sie historisch alle sechszackig gewesen seien.
Die Größen der Metallsterne symbolisieren ihre verschiedenen
Helligkeiten. Die Neigung der Rotationsachse liegt parallel zur
Erdachse, so dass der Anblick des Sternhimmels im Globus dem
tatsächlichen Anblick des Firmaments an seinem Aufstellungsort,
Gottorf, entspricht. Zur Demonstration dieser Natursimulation
befindet sich in der Mitte der Sitzbank ein Tischchen mit einem
halben Erdglobus, auf dessen Zenit das Schloss Gottorf durch ein
Figürchen dargestellt ist. [Lühning, S. 85 (Abb.) und S. 82 ff.]
Dieser Globus im Globus bleibt unverändert; d. h. er verändert
seine Position nicht mit der Drehung des großen Geräts.
Antrieb des Globus
Der Globus sollte durch einen
Wasserantrieb in ständiger Rotation gehalten werden. Ob dieser
Wasserantrieb je funktioniert hat, ist umstritten. Vorgesehen war er
jedenfalls. Er war gewiss das letzte Detail, das seine Funktion
aufnahm und auch das erste, das sie wieder einstellte. Es existieren
Berichte des interessierten Hamburgers Eberhard Werner Happel, der
den Globus mehrfach besuchte und doch resümieren musste, keine
Bewegung zu erkennen: "Ich kan nicht wissen/ was an dieser
weltberühmeten machina anitzo mangelt/ daß sie nicht umläufft/
dann/ so lange und offt ich sie gesehen, ist sie stille gestanden."
[Happelii, E. G.: Grössester
Denkwürdigkeiten der Welt (...), Hamburg, 1683 bis 1691, Bd. 2, S.
196, zitiert nach [Lühning, S. 74]
Dennoch behauptet der Baumeister Adam
Olearius, dass der Globusantrieb, einschließlich der
wassergetriebene Uhrgan funktioniert haben soll. Es gibt dafür m. E.
drei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder hat der Antrieb
tatsächlich nie funktioniert und der alternde Bauherr behauptete es
nur gegenüber seinem (eigentlich desinteressierten) Dienstherrn, dem
jungen Herzog. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war der Auftraggeber,
Herzog Friedrich III, bereits verstorben. Sein Sohn Christian
Albrecht hatte andere Interessen und beauftragte die Fertigstellung
des fast fertigen Werkes nur aus Liebe zum Vater.
Alternativ kann sich auch der Hamburger
Autor Happel getäuscht haben. Könnte es sein, dass er nicht lange
genug gewartet hat und die Bewegung einfach zu langsam ist?
Die Bewegung einer Kugel in 24 Stunden
um die eigene Achse bewirkt schließlich einen Vortrieb von 15° pro
Stunde. Das entspricht bei 3,11 m Durchmesser 81,41 cm am Äquator,
in höheren nördlichen und südlichen Breiten phi ungleich 0
wäre es entsprechend weniger, skalierend mit dem Kosinus der Breite:
81,41 cm * cos phi . Wenn man also eine ganze Stunde in dem
unbelüfteten Raum ausharrte, müsste man diese Bewegung eigentlich
sehen können. Die Frage ist, ob das je jemand tat, denn das
Raumklima dürfte nicht das Beste gewesen sein.
Vielleicht war es aber auch gar nicht
nötig, denn: Erstens müsste man die Ausstiegsluke an die richtige
Stelle drehen, falls sich der Globus während eines Aufenthalts in
seinem Innern bewegt hätte. Zweitens könnte man den Globus
schließlich auch von außen betrachten und müsste diesselbe Drehung
ebenfalls bemerken. Insofern ist die Möglichkeit zur Beobachtung der
Drehung durchaus gegeben: Man muss den Globus nur unangetastet
lassen, einmal morgens und einmal abends anschauen. Die Frage ist, ob
man so vorgegangen ist, denn dokumentiert ist es nicht.
Die dritte und aus meiner Sicht
wahrscheinlichste Theorie ist, dass der Wasserantrieb kurzzeitig
funktioniert hat, als der Globus 1664 in Betrieb genommen wurde.
Aufgrund der aufwändigen Wartung und des nicht vorhandenen
Interesses nach Tod des alten Herzogs (1659) und schließlich auch
seines Hofmathematikers (1671) könnte er aber schon nach etwa zwei
Dekaden bei den Besuchen Happels (vermutlich um 1680 oder später)
wieder außer Betrieb gewesen sein.
Darstellungen
Der Globus zeigt von außen eine
Erdkarte auf dem neuesten Stand des Wissens seiner Zeit. Beim Neubau
in St. Petersburg wurde diese Erdkarte den neuesten Erkenntnissen
angepasst. Der Sternhimmel innen ist wesentlich leichter korrekt
darstellbar, da er innerhalb von einem Jahr anschaulich an uns
vorüberzieht und nicht mittels mühsamer Reisen erkundet werden
muss. Da sich die Lage der Sternbilder zueinander nicht verändert,
konnten sie einfach auf die Leinwand aufgemalt werden und die
Silbersterne an entsprechender Position angebracht werden.
Fraglich ist allerdings, ob und
inwieweit die Wandelsterne dargestellt wurden. Berichten zufolge sind
Sonne und Mond mit Kristallkugeln modelliert gewesen. Die Sonne hatte
ein eigenes Zahnradgetriebe, da sie sich laut Olearius um ein eigenes
"Centro in motu secundo" bewege und nicht um das
Weltzentrum. [Olearius: Kurtzer Begiff einer Holsteinischen Chronik
(...), S. 136 zitiert nach [Lühning, S. 84]]; technische
Rekonstruktion und Detailbeschreibung ebenda, S. 84 ff.
Der Mond musste wohl von Hand an die
richtige Stelle gesetzt werden. Jedenfalls zeigten unterschiedliche
Skalen auf dem Horizontring verschiedene Kalender mit Tagesnamen und
Kirchenfesten an: den päpstlich gregorianischen und den
julianischen. Der Sternhimmel ist für Epoche 1700 berechnet, die
Kalender für die Epoche 1650.
Die Präzessionsbewegung der Erde führt
folglich zu einer zunehmenden Ungenauigkeit der Darstellung mit
wachsendem Alter des Globus. Mit Hinblick auf die Standort-Änderung
und mithin die Änderung der geographischen Breite wurde allerdings
mittlerweile sowieso von der gewünschten genauen Abstimmung auf den
Standort abgewichen. [Lühning, S. 80 und S. 83]
Mit Sicherheit wurden die Planeten
Merkur bis Saturn nicht dargestellt. Zeitgenössische Berichte
schwelgen pathetisch: z. B. taucht bei Eberhard W. Happel in seinem
Gottorfbericht von 1683/91 die Formulierung auf "Innwaendig sind
alle Astra (...) verzeichnet, (...) sampt aller Sterne und
Planeten... ", s. u. zitiert nach [Karpeev, S. 26]
Entgegen dieser zeitgenössischen
Schwärmereien, die sie in ihre euphorischen Berichte einschließen,
findet auch [Lühning] bei der Rekonstruktion keine Hinweise auf ein
Planetengetriebe. Zeitgenössische Berichte sind an dieser Stelle
wahrscheinlich falsch, weil die betreffenden Autoren möglicherweise
nicht so scharfe Begriffe verwendeten wie wir heute, weil sie den
semantischen Unterschied einfach nicht kannten und/oder auf
Missverständnissen beruhen, wie z. B. den technischen Begriff
"`Planetengetriebe"' versus ein Getriebe, das
Planetenmodelle antreibt.
Es handelt sich also bei dem Gottorfer
Globus um ein Modell von Erde und Sternhimmel, nicht aber um ein
"echtes" Planetarium, da es eben die Planeten (was wir
heute darunter verstehen) gar nicht darstellen konnte. Dennoch ist
allein schon die Demonstration der einfachsten Himmelsbewegung, sowie
von Sonne und Mond ein großer Schritt auf dem Weg zu dem, was wir
heute unter Planetarium verstehen. Zu einer solchen Schöpfung
scheint die Frühe Neuzeit gerade den richtigen Zeitgeist geboten zu
haben.
Historische
Kontextuierung
Der Globus ordnet sich in die
Zwischenkriegszeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg (Ende 1648)
und den Nordischen Kriegen (1700 bis 1721) ein. Von dem erstgenannten
blieb das kleine Herzogtum einigermaßen verschont, denn seine
Regenten waren bestrebt Wissenschaften und Künste zu fördern,
anstatt Kriege zu führen. [Jensen] So erklärt sich auch ohne
weitere Worte, dass einer der Herzöge, der genannte Friedrich III.,
den Plan fasste, sich ein prachtvolles und zugleich lehrreiches
Riesengerät in seinen Neuen Garten stellen zu lassen. [Lühning, S.
15] formuliert etwas moderater, dass der Gottorfer Herzog erst nach
Ratifizierung des Friedens von Nürnberg im Jahre 1650 die Muße dazu
gefunden haben könnte, sich der Schaffung eines solchen Gerätes zu
widmen.
Die Nordischen Kriege um die
Vorherrschaft im Ostseeraum betrafen den verwahrlosenden Globus
insofern, dass er 1713 in die Hände von dänischen und russischen
Eroberern fiel. Als der dänische König und der russische Zar als
Alliierte in Gottorf eintrafen, wurde der Riesenglobus auf ungeklärte
Weise [Karpeev, S. 29] an Russland übergeben. Peter I. war von dem
Gerät fasziniert und sein Land in diesen Wissenschaften hinter dem
restlichen Europa zurück. Daher wollte er den Globus nach St.
Petersburg mitnehmen. Da der dänische Hof bereits seit 15 Jahren
über einen ähnlichen Globus namens "Pankosmos (...)"
verfügte, der zusätzlich zur Erdrotation sogar noch Vulkanausbrüche
und Wettererscheinungen wie Regen, Hagel, Donner [Meier, S. 36]
erlebbar machte, war der Gottorfer Globus für den Dänen Friedrich
IV. keine große Entbehrung. Dreieinhalb Jahre dauerte der mühsame
Transport des Globus in die gerade zehnjährige Stadt von Peter I.
Dort zog er abermals mehrfach um, bis er schließlich bei einem
ungeklärten Brand zerstört wurde. Ein prompter Neubau geschah
"voller Eifer" [Lühning, S. 41] und zwar wiederum im
Dienste der Wissenschaft -- diesmal unter Leitung des
Universitätsgründers Michail W. Lomonossov.
Politischer Kontext
Das Herzogtum Gottorf, am nördlichen
Rand des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, befand sich
seit dem 15. Jahrhundert in Personalunion mit der dänischen Krone.
Im Jahre 1544 musste der dänische König seine zwei Stiefbrüder
entschädigen und schuf für das Herzogtum einen eigenständigen
Souverän, der jedoch durch die Aufspaltung seines Territoriums in
einen Flickenteppich aus eigenem, dänischem und gemeinsam regierten
Land an Dänemark gebunden werden sollte. Wenngleich dieses Konzept
anfangs aufging, so erstrebten doch über Generationen die
Schleswiger Herzöge teilweise nähere Kontakte zu Schweden und
insbesondere die Politik Friedrichs III. suchte nach mehr
Souveränität durch eine wohldurchdachte Wirtschaftspolitik. Zu
diesem Zweck sollte eine neue Handelsrouten erschlossen werden und es
wurde eine Expedition von Unterhändlern für den Transit nach Moskau
und Isfahan entsannt. Wirtschaftlich war sie zwar ein Misserfolg,
aber vermutlich eine wichtige Inspiration für den Bau des
Riesenglobus. [Karpeev, S. 11]
Wissenschaftshistorischer Kontext
Kenntnishistorisch müssen wir die
frühe Neuzeit als Zeitalter des Umbruchs sehen: Um 1500 wird die
Erdkarte um einen neuen Kontinent erweitert: 1492 landet Christopher
Columbus in der Karibik, 1512 stirbt Amerigo Vespucci, der das neue
Land zuerst als eigenen Kontinent identifizierte, Mitte des 16.
Jahrhunderts entwickelt der Kartograph Mercator neue mathematische
Projektionsverfahren für die Herstellung seiner Globen, 1606 betritt
der Niederländer Willem Jansz erstmalig den australischen Kontinent,
nachdem vorher bereits zahlreiche Entdecker verschiedene Inseln
Ozeaniens kartiert haben. Die legendären Fahrten des grandiosen
Kartographen James Cook fanden jedoch erst im 18. Jahrhundert statt.
Zwar wird in antiken Quellen von Krates
von Mallos (150 v. Chr.) behauptet, dass er einen steinernen
Erdglobus besessen habe. Die Quelle muss ich in diesem Aufsatz
vorläufig schuldig bleiben, der Fakt wird ohne Quelle aber auch in
[Guratzsch, S. 60] genannt. Durch weitere Quellen oder gar Fundstücke
gesichert ist diese Aussage jedoch nicht. Daher wird meist der
Erdapfel des portugiesischen Ritters Martin Behaim aus Nürnberg als
erster Erdglobus angegeben. Dieser trägt die Jahreszahl 1492 als
Datum der Fertigstellung und wurde in den folgenden zwei Jahren noch
weiter überarbeitet. Es ist also nicht sicher, seit wann es
Erdgloben gibt, aber sicher ist, dass sie im 16. bis 18. Jahrhundert
gründlich überarbeitet wurden.
Die antiken Sternbilder haben sich kaum
verändert, sie waren allerdings auch nicht so genau festgelegt.
Sternbilder sind schließlich menschliche Phantasiegebilde. Insofern
kann man sie mit einer gewissen künstlerischen Freiheit notieren. Es
gibt zwei Hauptdarstellungssysteme: Entweder schaut man aus
"göttlicher" Perspektive von außen auf den Globus, so
dass die Bilder seitenverkehrt zur gewohnten Sehrichtung erscheinen.
Alternativ bildet man die konkave Kugelinnenfläche (seitenrichtig,
wie am Himmel) auf die konvexe Außenwand des Globus ab. (Spätestens)
im islamischen "Mittelalter" stellte sich die Konvention
ein, dass die Gestalt der Gemälde die Konvention verrät: Wenn wir
eine Innenkugel betrachten, schauen uns die Figuren frontal an; wenn
wir eine Außenkugel betrachten, kehren sie uns den Rücken zu. Diese
Konvention wird offenbar in der frühen Neuzeit gebrochen: Die
Darstellungen sind gemischt.
Laut [karpeev] sind die Darstellungen
durch Dürers Himmelskarte von 1515 quasi kanonisiert, d. h. man
weicht in Größe und Gestalt von Dürers Interpretationen nicht ab.
[karpeev] zählt mehrere spätere Himmelsatlanten auf, deren
Anlehnung an Dürer er für unverkennbar hält, wenngleich die
Perspektive von innen nach außen wechselt. Dürer selbst wählte
eine Außenansicht für seine Karten, doch die Darstellung im
Gottorfer Globus ist eine Innenansicht. Zu diesem Zeitpunkt die
genaueste Vorlage für diesen Zweck hätte die Uranometria von Johann
[Bayer] geliefert. Daher erscheint die Annahme sinnvoll, dass dieses
Werk verwendet wurde, zumal es sich in der Gottorfer
Schlossbibliothek befunden hat.
Idee zum Globus
Unisono meinen [Lühning] und
[Karpeev], dass es sich heute nicht mehr feststellen lasse, wer genau
die Idee dazu hatte und wieviel Anteile der gebildete und
interessierte Herzog an der tatsächlichen Entwicklung des Geräts
hatte. Es ist jedenfalls ein Prestige-Objekt und verfolgt weder
wirtschaftliche oder politische Zwecke, noch rein-edukative Ziele.
Folglich lässt sein Bau auf ein starkes eigenes Interesse des
Financiers am Thema schließen. Ich denke, man kann die Inschrift,
die sich am originalen Globus befunden haben soll, ruhig wörtlich
nehmen, wenn sie behauptet: "(...) Dux Holsatiae Fridericus aus
Liebe zu den mathematischen Wissenschaften diese Kugel habe fertigen
lassen (...)" [von Bergholz, Friedrich Wilhelm: großfürstlichen
Kammerhern Tagebuch, welches er in Rußland von 1721 bis 1725 als
holsteinischer Kammerjunker geführet hat, Teil 1, in: Anton
Friedrich Büschings Magazin für die neue Historie und Geographie,
Band XIX, Halle 1785, S.121 f. -- zitiert nach [Karpeev, S. 28]],
wenngleich die folgenden Jahreszahlen sicher begründet, aber mit
einem Körnchen Salz zu nehmen sind (ebenso wie manche anderen
Details des Berichts).
Es gibt auch die Theorie, dass der
Globus die alleinige Idee von Olearius war. Dieser hatte nämlich die
Moskau-Persien-Expedition als Sekretär seines Fürsten begleitet. In
seinem Reisebericht hält er eine Begegnung mit arabischen Gelehrten
fest, die sich sehr für seinen mitgeführten Globus interessierten.
Olearius behauptet, dass sie etwas derartiges noch nie gesehen hatten
[Karpeev, S. 25], jedoch ihrerseits von einem sagenumwobenen
gläsernen Globus erzählten. Dieses Gerät soll vor dem Türkenkrieg
im 3. Jh. in Persien existiert haben. Er habe den Sternhimmel gezeigt
und es habe sich eine Person in die Mitte setzen können, um die
Gestirnrotation zu verfolgen. "Er [Olearius, Anm SMH] schreibt:
In Unterweisung der Astronomia hatten sie weder Sphaeram armillarem
noch Globum. (...) Vor alten Zeiten wäre ein großer und künstlicher
Felek (...) in Persien gewesen, (...) König Sapor sol gehabt haben,
so von Glaß ist bereitet gewesen, in dessen Centro man hat sitzen
können." [ebenda]}
In der hier zitierten zweiten Auflage
seines Reiseberichts, die 1656 erschien, beschreibt der
Hofmathematikus auch bereits den Bau des Gottorfer begehbaren Globus:
"Aber daß ich hierbey eines andern und viel köstlichern Globi
gedencke: Ihr[o] Fürstl[iche] D[urchlaucht] Hertzog Friedrich zu
Schleswig, mein gnädigster Herr, hat jetzund allhier bey der
Residentz einen doppelten Globum von Kupffer-Blech hat fertigen
lassen, dessen Diameter eilfftehalb Fuß. und können im Concavo
zehen Personen geraum umb einen runden Tisch (...) sitzen und die
Gestirne wie auch die Sonne aus ihrem Eigen Centro lauffend \dots
Desselbigen Globi Bewegung geschiehet nach der Bewegung des Himmels
durch künstlich große Räder, welche von einer vom Berg lauffenden
Wassrquelle nach gewisser Maß getrieben werden." [Olearius,
Adam: Vermehrte Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung,
Schleswig 1656, S. 726, zitiert nach [Karpeev]].
Mystische Motivationen?
In der Zeitschrift Globusfreund der
Internationalen Coronelli-Gesellschaft erschien letztes Jahr
(Dezember 2009) ein Artikel [Schneider, 2009], der als Inspiration (auf fragliche und
zu untersuchende Weise) für den Bau des Gottorfer Globus den
alchimistischen Roman "Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz
Anno 1459" von 1616 (Der allegorische Traumerzählung erschien
anonym und kursierte ab ca. 1605 als Handschrift. Sie wurde 1616 in
Straßburg gedruckt.) ins Spiel bringt.
Ich kann derzeit nicht beurteilen, ob
dieses Buch am Schleswiger Hof kursierte und ob vielleicht sogar
Herzog Friedrich III. diesen Roman gekannt hat. Aufgrund der oben
zitierten Inschrift am Globus und auch dem Gesamtszenario möchte ich
jedoch okkulte Hintergründe für den Bau dieser Maschine eher in den
Hintergrund stellen. Betrachtet man die ungefähre Koinzidenz der
Globusfertigstellung mit der Eröffnung der Kieler Universität und
die gemeinsamen Feierlichkeiten, sowie auch den gleichzeitigen Bau
einer Sphaera Copernicana mit dem Globus, so würde ich dies als
klaren Hinweis auf eine edukative Funktion werten: Der Riesenglobus
zeigt seinem inneren Betrachter den Lauf der Gestirne, wie wir sie
tatsächlich beobachten -- also geozentrisch. Ein gutes
Jahrhundert nach dem Erscheinen des Buches Copernicus' mit einem
heliozentrischen Weltbild, sowie nach einige Dekaden nach
Galileis (Dialogo, 1632) über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme,
erscheint mir die These plausibel, dass sich die Gottorfer Monarchen
als moderne Gelehrte präsentieren wollten. Hinzu kommt, dass der
Globus per se nicht die Bewegung aller Planeten darstellen
konnte. Insofern wird das gesamte Weltbild nur anhand von zwei
Modellen erklärbar: dem Globus und seiner separaten
"kopernikanischen Armillarsphäre".
Mir erscheint daher das Zweigestirn
Riesenglobus und Sphaera als eine in Metall geschmiedete und von
Uhrwerken angetriebene dreidimensionale Visualisierung des
zeitgenössischen Weltbildes.
3. Ausblick und Wertung
Der Gottorfer Globus fand
verschiedenerorts in Europa Nachahmungen. Genannt werden von dem
Erfinder des modernen Glasfaserplanetariums [meier] in seinem
Büchlein über die Geschichte seines Instruments die Weigel-Globen
in Jena (1661) und Kopenhagen (1695/7) sowie der Globus in Cambridge
1758. Gewiss handelte es sich bei diesen auch um große, begehbare
Globen, aber ob der Jenenser Mathematik-Professor von Gottorf
inspiriert wurde oder von selbst auf die Idee kam, überliefert
[Meier] nicht. Der Jenaer Globus ist schließlich bereits drei Jahre
vor dem Gottorfer fertiggestellt worden, wenngleich auch der
unfertige Gottorfer Globus gewiss sogar schon in der Bauphase
internationales Aufsehen erregte. Friedrich, der große Kurfürst von
Preußen pausierte im verlassenen Schloss Gottorf 1658 bei seinem
Schwedenfeldzug und bewunderte den Globus, der noch kein Außengemälde
hatte, bereits als grandioses Kunstwerk. [Jensen]
Unter den zeitgenössische Riesengloben
dürfen die Coronelli (ein italienischer Handwerker, dessen Name
französisiert auch "Coroneille" geschrieben wird)-Globen
für den Sonnenkönig Louis XIV. nicht unerwähnt bleiben. Es handelt
sich um zwei Globen für Erde bzw. Himmel, jeweils 3.85 m im
Durchmesser. Sie waren jedoch nicht begehbar und die Weltkarte auch
nicht auf dem neuesten Stand der Zeit. Der Himmelsglobus zeigt die
Konstellation eines bestimmten Datums (dem Geburtstag des Königs
1638); lässt also auf astrologische und nicht edukative Zwecke
schließen. Es handelt sich also um reine Schmuck- und
Repräsentationselemente des Absolutismus.
Die Globen wuchsen spätestens im 19.
Jahrhundert ins Gigantische, insbesondere als im Zeitalter der
Weltausstellungen 1851-1862 in London das Wylt-Georama mit einem
Durchmesser von 22 m zu begehen und bestaunen war und in Paris
kleinere Varianten auf den Champs Elysées und neben dem Eiffelturm
(1900) folgten. Sie meisten fungierten als künstliche Himmelszelte,
mal in der Außen- und mal in der Innendarstellung, mal mit und mal
ohne Erdglobus auf der anderen Seite.
All diese Globen sind allerdings nur
statische Modelle. Das erste Mal eine Planetenbewegung simultan
vorzuführen, gelang dem friesischen Wollkämmer Eisa Eisinger aus
Franeker im 18. Jahrhundert. Im Schlafzimmer seiner Frau installierte
der handwerklich talentierte, interessierte Autodidakt an der Decke
ein Sonnensystem-Orrery. Alle damals bekannten Planeten ziehen hier
in der ihnen eigenen Geschwindigkeit auf Kepler-Ellipsen um die
Sonne. Die Darstellung musste exakt naturgetreu sein, da er den
Menschen seines Umfeldes die Angst vor einer bestimmten
Planetenkonstellation nehmen wollte, von der man Unheil orakelte. Das
Nachstellen der natürlichen Bewegung und das Aufzeigen ihrer
Regelmäßigkeit sollte der einschüchternden Astrologie den
Nährboden nehmen. Die Zahnräder des Getriebes sind oberhalb des
Zimmers unterm Dachboden angebracht, die Gewichte im Bettkasten der
Dame verborgen.
Es sollten noch fast anderthalb
Jahrhunderte ins Land gehen, bis Jenaer Ingenieure der Firma Carl
Zeiß den Auftrag erhielten, fürs Deutsche Museum in München
endlich einmal alle Himmelsbewegungen in einem einzigen großen
Modell zu visualisieren. Das Ergebnis dieses Entwicklungsauftrags ist
das bekannte Projektionsplanetarium von Bauersfeld aus dem Jahre
1923.[Lühning, S. 122] schreibt, dass das Projektionsplanetarium von
der Firma Zeiß lediglich verbessert worden sei, dass die Erfindung
jedoch dem Bremer Physiker und Pädagogen Karl Friedrich Finke (1884
-- 1950) gebührt. Er soll bereits 1919 ein solches Gerät
konzipiert, aber nicht realisiert haben. Hier wird das Getriebe
schlagartig miniaturisiert, da sich nur noch "Taschenlampen"
in kleinen Ellipsen um die Projektorachse bewegen müssen anstatt
riesige, zimmerfüllende Planetenbahnen zu bewirtschaften.
Ich denke, man kann auf jeden Fall
sagen, dass der Gottorfer Globus in Konzept und Größe keine
Vorlagen hatte [Lühning, S. 15] und mithin prototypischen Charakter
hat. Da er als Einzelstück geplant und ausgeführt wurde, hatte er
jedenfalls einen großen Lehrwert, zuerst in Gottorf und Kiel, dann
in St. Petersburg. Allein durch seine physische Existenz fungiert er
auch quasi als "Meilenstein" in der Technikgeschichte.
Literatur und Quellen
[Bayer, 1603] Johann Bayer:
Uranometria, Augsburg, 1603 – z. B. a reproduction of the copy in
the British Library, Alburgh, Archival Facs., 1987=1603
[Guratzsch, 2005] Guratzsch, Herwig:
Der neue Gottorfer Globus, Koehler & Amelang, Schleswig, 2005
[Jensen, 2008] Jensen, Marlies: Das
Weltwunder von Gottorf, Hede Haddeby Verl., Schleswig, 2008
[Karpeev, 2003] Karpeev, Engel P.: Der
große Gottorfer Globus, übersetzt von Peter Hoffmann, Halle, 2003
[Lühning, 1997] Lühning, Felix:
Gottorf im Glanz des Barock -- Der Gottorfer Globus und das
Globushaus im "Newen Werck", Schleswig, 1997
[Meier, 1992] Meier, Ludwig: Der
Himmel auf Erden, Verlag J.A. Barth, Leipzig, Heidelberg, 1992
[Schneider, 2009] Schneider, Ulrich: Die Verwirklichung literarischer Utopie; zur Genese des Gottorfer Globus; in: Globusfreund 55/56 (2009), S.\,85
dies als PDF (ordentlich gesetzt):
gottorf_smh2010.pdf
Die eine Welt ist nicht genug... (Dez. 2009)
Geschrieben in
Wissenschafts- und Technikgeschichte
|
1 Kommentare |
0 Trackbacks |
Permalink