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Achromasie - Antwort auf Leserbriefe

12. November 2011, 22:42

Im Heft 5/2009 erschienen zwei Leserbriefkommentare zu meinem Artikel in 1/2009. Leider war es der Redaktion bis heute nicht möglich, meine Antwort auf Papier zu drucken: Der Platz ist ja strikt limitiert. Damit sie aber nicht in den unendlichen Weiten meiner Festplatten und der Festplatten der SuW-Redaktion verschwindet, stelle ich sie hiermit online. 

Wer nahm die Farbe aus dem Teleskop

In meiner sehr knappen historischen Skizze zur Einordnung des von mir studierten Rolfschen Medials in Rathenow von 1953 hatte ich aufzuzeigen versucht, dass Linsen- und Spiegeloptiken sich gleichzeitig entwickelten und über einige Jahrhunderte ein Wettrennen lieferten: Alexander von Humboldt stellt es in seinem Kosmos dar: "Auf eine lange Herrschaft der Reflectoren folgte wieder in dem ersten Fünftel des 19ten Jahrhunderts ein Wetteifer in Anfertigung von achromatischen Reflectoren und Heliometern [...] Zu den Objectiven von außerordentlichen Größen lieferten in Deutschland das Münchener Institut von Utzschneider und Fraunhofer, später Merz und Mahler; [...]" (S. 79 f.) Wie Gerhard Schmitt in seinem Leserbrief konstatiert, wurden also erst mit Fraunhofers Arbeiten große Achromate für Riesenfernrohre wie das Rolfsche 70-cm-Medial in Rathenow und das Vergleichsteleskop von F.S. Archenhold in Berlin-Treptow - übrigens ein traditioneller Achromat - möglich.

Achromasie

Richtig ist der Einwand, dass Fraunhofer die Achromasie nicht erfunden hat (herzlichen Dank fürs Bemerken dieser Ungenauigkeit an Herrn Witt), sondern dass er sie von einem Einzelhandwerk zur mathematisch verstandenen und entwickelbaren Serienfabrikation in großem Stile ausbaute. Seine Arbeiten sowie die von Ernst Abbe und Otto Schott (Jena) waren also grundlegend für Ludwig Schupmann in seiner Schrift über Medialfernrohre von 1899 (siehe insbes.: Vorwort Schupmanns).

Zur Priorität: Das Patent für den Achromaten hatte John Dollond 14 Jahre lang ab 1758, weil sein Sohn als gewitzter Geschäftsmann dies erwirkt hatte. Geschichtsforschung hat jedoch nachgewiesen, dass er nicht der Erfinder der achromatischen Optik war. Stattdessen wird diese Idee dem Optikmeister Chester Moore Hall zugeschrieben, von dessen Vorerfindung um 1729 Dollond gewusst hat. (lt. Riekher, S. 110 und Einsporn, S. 34 ff.)

Reflektor

Diskussionswürdig hingegen ist der Protest von Volker Witt bezüglich des Datums des ersten Spiegelfernrohrs. Ich schlage vor, dies hier in den kosmologs zu diskutieren und warte auf viele konstruktive Beiträge. Die Priorität ist allerdings wahrlich nicht der wichtigste Aspekt in der Geschichtsforschung, sondern vielmehr die Wege der Erkenntnis.

In meinem Artikel nannte ich "Niccólo Zucchi 1608" und berufe mich dabei auf das Handbuch zur Gechichte der Optik, Erg.Bd. 1, S. 387. Dort wird der Wiener Sternwartendirektor Johann J Littrow in Gehlers Wörterbuch (1825-1845), S. 164 zitiert. Womöglich gibt es alternative Datierungen.

Fakt ist jedenfalls, dass die Idee zum Spiegelfernrohr mindestens gleichzeitig mit dem Linsenfernrohr auf dem Markt war und nicht erst später hinzukam, wie oft in Schulbüchern dargestellt. So schreibt Sven Dupré in SuW 1/09, S. 46 "Es gab in der Tat eine lange und ausufernde Tradition im Studium sphärischer und parabolischer Brennspiegel ..., die bis in die Antike zurückreicht." und S. 45 zitiert er della Porta (von manchen als "Erfinder" oder zumindest Vorbote der Teleskope deklariert, obgleich er in seiner Magia Naturalis nur einige zwiedeutige Andeutungen macht): "... Leuchtturms Pharos im alten Alexandria. An dessen Spitze soll König Ptolemaios angeblich einen Hohlspiegel montiert haben, um 'um damit feindliche Schiffe sehen zu können (...)' ... Interessanterweise wurden ... die teleskopischen Eigenschaften Hohlspiegeln zugeschrieben, nicht Linsen."

wann

wer

was

1608

Niccolo Zucchi

lt. Littrow (1845) erstes Spiegelfernrohr (zitiert nach Schmitz, 1982)

1616

Niccolo Zucchi

Veröffentlichung über Konstruktion und Beobachtung mit einem Reflektor

1626

Cesar Caravaggi

Reflektor konstruiert

1639

Marin Mersenne

Publikation über Reflektor

1661

James Gregory

experimentiert mit Reflektor

1663

James Gregory

Publikation über seine Arbeiten

1668

Isaac Newton

experimentiert mit Reflektoren

1669

Isaac Newton

präsentiert Isaac Barrow seine Arbeiten

1672

Isaac Newton

Präsentation des Newton-Reflektors in der Royal Society

1672

Laurent Cassegrain

erfindet sein Spiegelsystem (lt. Riekher)

 

Referenzen 

Leserbriefe in SuW 05/ 2009 S. 8 von Volker Witt und Gerhard Schmitt. 

Sven Dupré: Die Ursprünge des Teleskops, in SuW 1/09, S. 44 ff.

Herbert Einsporn: Vom Brillenglas zum Riesenspiegelteleskop, in: Susanne Hoffmann [Hrsg]: Augen des Astronomen, Archenhold-Sternwarte, 2003, S. 34-43

Alexander von Humboldt: Kosmos, Entwurf einer physischen Weltbeschreibung, 1845, Bd 3

Rolf Riekher: Fernrohre und ihre Meister, Verlag Technik GmbH Berlin, 1990

Emil-Heinz Schmitz: Handbuch zur Geschichte der Optik, Bonn 1982

Ludwig Schupmann: Die Medialfernrohre - Eine neue Konstruktion für große astronomische Instrumente, Druck und Verlag Teubner, Leipzig 1899

 

Nota Bene

Leider ist Volker Witt einem Trugschluss aufgesessen, wenn er meint, "Sicher hätte dann auch Galilei ... diesen Instrumenttyp ausprobiert", wenn es bereits erfunden gewesen wäre. Allein die Tatsache, dass eine Person im 17. Jh. etwas erfunden hat, sagt überhaupt nichts aus über die Verbreitung dieser Erfindung zu jener Zeit. In einer Zeit ohne die flächendeckende Verbreitung von schnellen Internetzugängen, ist man hinsichtlich Publikationen auf langsamere Medien angewiesen (z.B. Brief per Bote). Zudem ist es sehr stark von Zufällen abhängig, ob ein bestimmter Gelehrter von einem bestimmten anderen Nachricht erhält. Dieser Schluss ist also nicht zulässig.

 


Historische Wissenschaften sind eine knifflige Angelegenheit, mindestens so knifflig wie Physik, nur auf andere Art - nicht zuletzt deshalb, weil die Leute oft von einander abschreiben (zitierend oder früher manchmal auch nicht) und man nicht immer alle Quellen nachvollziehen kann, so dass sich auch Falsches tradiert. Ich danke daher meinen Lesern für die Hinweise auf andere Literatur, womit ich manche (nach bestem Gewissen zitierten) Lexikoneinträge ad absurdum führen kann. Ich bitte aber im Gegenzug auch um Ihrerseits kritisches Hinterfragen von vermeintlichen Zitaten, bevor Sie mir Leserbriefe schreiben: Nicht alles, das irgendwer in einem Museum gehört oder gesagt hat, ist korrekt und wissenschaftlich wertvoll. Der Wissenschaft wäre jedoch sehr geholfen, wenn wir dies hier im Blog online diskutieren können, um miteinander gemeinsam der Wahrheit auf die Spur zu kommen... bevor es im Print-Medium SuW ins Reine geschrieben (gedruckt) wird. Danke!  :-)



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Bahnbrechende Entdeckung am Orionnebel?

15. Februar 2011, 22:50

Aufgrund des Beitrags von Harald Siebert in SuW 11/2010 diskutieren wir seit drei Monaten teilw. ziemlich heiß die Sichtbarkeit des Orionnebels. Was sehen wir am Himmel (wirklich)? Was kann man aus früheren Astro-Zeichnungen über die Nebel-Physik schlussfolgern? m.E. gibt's für solche Diskussionen kein besseres Forum als die kosmologs! Ich bitte um Ihre rege Beteiligung und wünsche dem Kollegen Siebert, dass er (wunschgemäß) daraus einen Gewinn für seine Arbeiten ziehen kann.

also: Sieht man den Orionnebel mit bloßem Auge?

Hier zuerst eine Abstimmung - bitte sagen Sie auch denjenigen, die die lange wissenschaftshistorische Debatte hiernach evtl. nicht weiterlesen mögen: Ihre Stimme ist forschungsrelevant. :-)

Ist im Orionschwert ein Nebel naked-eye sichtbar?
Ja Nein
  
 free polls

Und hier noch zwei Fragen für mich zur Auswertung:

Woher wissen Sie das?
Ich habe geraten.
Ich selbst nachgeguckt. (direkte Beobachtungserfahrung)
Ich habe Helligkeit und Winkeldurchmesser rausgesucht und mit der Beobachtungserfahrung verglichen.
  
pollcode.com
Sind Sie SternguckerIn mit Beobachtungserfahrung?
nein mehr als 3 Jahre mehr als 10 Jahre
  
pollcode.com
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Das "Weltwunder" von Gottorf -- Der Gottorfer Globus als erstes Planetarium?

23. Dezember 2010, 01:37

Es wird Weihnachten und überall geht's um Kugeln. Die Kugeln, die mich interessieren, habe ich ja bereits letztes Jahr zu dieser Zeit vorgestellt: Globen! Aus aktuellem Anlass, weil ich in meinem jüngsten Rezensionsexemplar diesen Fehler fand und dasselbe auch schon anderswo hörte, möchte ich hier nun eine kleine Zusammenschau von den bis dato bekannten Fakten im Stile einer Wissenschaftshistorikerin erzählen. Es geht um eine große Kugel, die nichts mit Weihnachten zu tun hat und die manche Leute als das weltweite erste Planetarium bezeichnen. Ich unterschreibe diese Meinung nicht: Für mich ist der Gottorfer Globus ein besonders außergewöhnlicher Globus, den ich natürlich auch gerne in meinen (nicht vorhandenen) Schlosspark stellen würde, aber es ist eben kein Planetarium. Warum ich das so sehe, lege ich hier dar: 

[Übrigens, das erste Planetarium der Welt ist für mich das Eisa Eisinger-Planetarium in Franecker, Friesland (NL). Wer mir ein älteres aufzeigt, kriegt eine Tüte Gummibärchen.]

1. Thema: der Gottorfer Globus

Im Barock-Garten von Schloss Gottorf bei Schleswig steht (heute wieder) [guratzsch] ein Riesenglobus mit einem Durchmesser von 3.11 m. Es handelt sich um eine originalgetreue Rekonstruktion des Globus von Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf aus dem 17. Jahrhundert. Erste Pläne zu dem Globus gab es vermutlich um 1650, seine Fertigstellung lässt sich sehr sicher auf 1664 datieren.


Das besondere an dem Globus ist nicht nur seine Größe, sondern auch seine mechanisch ausgeklügelte Aufhängung, die in der zeitgenössischen Architektur zunächst einzigartig war und zahlreiche Nachahmungen fand. Darüber hinaus ist der Globus auch begehbar gewesen: sein Interieur enthält eine Sitzbank, auf der ca. zehn Personen Platz finden konnten. Sein Verwendungszweck war die Visualisierung des damaligen Weltbildes: Außen war ein Erd-Atlas aufgetragen, innen eine Sternkarte aus üppigen Gemälden, an denen die Sternpositionen durch mehrzackige vergoldete Silbersterne markiert waren. Der Globus wurde im 18. Jahrhundert aus Gottorf abtransportiert und wechselte dann binnen St. Petersburg mehrfach den Standort.


Diskussion der Literatur.

Im Jahre 1997 erschien im Rahmen des Ausstellungskataloges der Schleswiger Stiftung die Arbeit des Architekten Felix Lühning, der durch intensives Quellenstudium der zeitgenössischen Literatur sehr genaue Konstruktionszeichnungen des mittlerweile verfallenen Globushauses und des Globus selbst anfertigte. [luehning] Darauf aufbauend, beschreibt Engel Karpeev sechs Jahre später in einem deutsch-russischen Forschungsprojekt vor allem die russische Epoche des Globus, ordnet ihn also in den historischen Kontext des 18. Jahrhunderts ein. [karpeev] Eine weitere Aufarbeitung des Themas erfolgte vor allem parallel zur tatsächlichen Umsetzung der Pläne Lühnings, also den Neubau des Globus in Gottorf um 2005 begleitend. In diesem Zusammenhang ist [guratzsch] zu lesen, der vor allem durch die Gegenüberstellung von Neuem und Altem, also durch das Aufzeigen und Begründen der Abweichungen der Rekonstruktion vom Original brilliert.


2. Inwieweit ist der Gottorfer Globus das erste Planetarium?


Technische Beschreibung

Bei dem Gerät handelt es sich um einen Kupferglobus, auf dessen Außenwand eine Erdkarte aufgeklebt ist, während die Innenwand eine Darstellung des Sternhimmels schmückt. Die Kugel ist also begehbar und im Inneren befindet sich eine kreisrunde Sitzbank für ca. zehn Zuschauende. Von dort aus sieht man die Sternbilder als prunkvolles Barock-Gemälde vorüberziehen, da sich der Globus ("automatisch" (s. u.) oder mit einer Handkurbel) drehen lässt. Im Kerzenschein verblassen die Gemälde und "`leuchten"' die metallischen Sterne. Sie hatten sechs verschiedene Größen und möglicherweise auch Zackenanzahl: In der heutigen Rekonstruktion haben sie vier bis zehn Zacken, [Luehning, S.84] sagt aber, dass sie historisch alle sechszackig gewesen seien. Die Größen der Metallsterne symbolisieren ihre verschiedenen Helligkeiten. Die Neigung der Rotationsachse liegt parallel zur Erdachse, so dass der Anblick des Sternhimmels im Globus dem tatsächlichen Anblick des Firmaments an seinem Aufstellungsort, Gottorf, entspricht. Zur Demonstration dieser Natursimulation befindet sich in der Mitte der Sitzbank ein Tischchen mit einem halben Erdglobus, auf dessen Zenit das Schloss Gottorf durch ein Figürchen dargestellt ist. [Lühning, S. 85 (Abb.) und S. 82 ff.] Dieser Globus im Globus bleibt unverändert; d. h. er verändert seine Position nicht mit der Drehung des großen Geräts.


Antrieb des Globus

Der Globus sollte durch einen Wasserantrieb in ständiger Rotation gehalten werden. Ob dieser Wasserantrieb je funktioniert hat, ist umstritten. Vorgesehen war er jedenfalls. Er war gewiss das letzte Detail, das seine Funktion aufnahm und auch das erste, das sie wieder einstellte. Es existieren Berichte des interessierten Hamburgers Eberhard Werner Happel, der den Globus mehrfach besuchte und doch resümieren musste, keine Bewegung zu erkennen: "Ich kan nicht wissen/ was an dieser weltberühmeten machina anitzo mangelt/ daß sie nicht umläufft/ dann/ so lange und offt ich sie gesehen, ist sie stille gestanden."

[Happelii, E. G.: Grössester Denkwürdigkeiten der Welt (...), Hamburg, 1683 bis 1691, Bd. 2, S. 196, zitiert nach [Lühning, S. 74]


Dennoch behauptet der Baumeister Adam Olearius, dass der Globusantrieb, einschließlich der wassergetriebene Uhrgan funktioniert haben soll. Es gibt dafür m. E. drei Interpretationsmöglichkeiten: Entweder hat der Antrieb tatsächlich nie funktioniert und der alternde Bauherr behauptete es nur gegenüber seinem (eigentlich desinteressierten) Dienstherrn, dem jungen Herzog. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war der Auftraggeber, Herzog Friedrich III, bereits verstorben. Sein Sohn Christian Albrecht hatte andere Interessen und beauftragte die Fertigstellung des fast fertigen Werkes nur aus Liebe zum Vater.

Alternativ kann sich auch der Hamburger Autor Happel getäuscht haben. Könnte es sein, dass er nicht lange genug gewartet hat und die Bewegung einfach zu langsam ist?


Die Bewegung einer Kugel in 24 Stunden um die eigene Achse bewirkt schließlich einen Vortrieb von 15° pro Stunde. Das entspricht bei 3,11 m Durchmesser 81,41 cm am Äquator, in höheren nördlichen und südlichen Breiten phi ungleich 0 wäre es entsprechend weniger, skalierend mit dem Kosinus der Breite: 81,41 cm * cos phi . Wenn man also eine ganze Stunde in dem unbelüfteten Raum ausharrte, müsste man diese Bewegung eigentlich sehen können. Die Frage ist, ob das je jemand tat, denn das Raumklima dürfte nicht das Beste gewesen sein.


Vielleicht war es aber auch gar nicht nötig, denn: Erstens müsste man die Ausstiegsluke an die richtige Stelle drehen, falls sich der Globus während eines Aufenthalts in seinem Innern bewegt hätte. Zweitens könnte man den Globus schließlich auch von außen betrachten und müsste diesselbe Drehung ebenfalls bemerken. Insofern ist die Möglichkeit zur Beobachtung der Drehung durchaus gegeben: Man muss den Globus nur unangetastet lassen, einmal morgens und einmal abends anschauen. Die Frage ist, ob man so vorgegangen ist, denn dokumentiert ist es nicht.


Die dritte und aus meiner Sicht wahrscheinlichste Theorie ist, dass der Wasserantrieb kurzzeitig funktioniert hat, als der Globus 1664 in Betrieb genommen wurde. Aufgrund der aufwändigen Wartung und des nicht vorhandenen Interesses nach Tod des alten Herzogs (1659) und schließlich auch seines Hofmathematikers (1671) könnte er aber schon nach etwa zwei Dekaden bei den Besuchen Happels (vermutlich um 1680 oder später) wieder außer Betrieb gewesen sein.


Darstellungen

Der Globus zeigt von außen eine Erdkarte auf dem neuesten Stand des Wissens seiner Zeit. Beim Neubau in St. Petersburg wurde diese Erdkarte den neuesten Erkenntnissen angepasst. Der Sternhimmel innen ist wesentlich leichter korrekt darstellbar, da er innerhalb von einem Jahr anschaulich an uns vorüberzieht und nicht mittels mühsamer Reisen erkundet werden muss. Da sich die Lage der Sternbilder zueinander nicht verändert, konnten sie einfach auf die Leinwand aufgemalt werden und die Silbersterne an entsprechender Position angebracht werden.

 

Fraglich ist allerdings, ob und inwieweit die Wandelsterne dargestellt wurden. Berichten zufolge sind Sonne und Mond mit Kristallkugeln modelliert gewesen. Die Sonne hatte ein eigenes Zahnradgetriebe, da sie sich laut Olearius um ein eigenes "Centro in motu secundo" bewege und nicht um das Weltzentrum. [Olearius: Kurtzer Begiff einer Holsteinischen Chronik (...), S. 136 zitiert nach [Lühning, S. 84]]; technische Rekonstruktion und Detailbeschreibung ebenda, S. 84 ff.

Der Mond musste wohl von Hand an die richtige Stelle gesetzt werden. Jedenfalls zeigten unterschiedliche Skalen auf dem Horizontring verschiedene Kalender mit Tagesnamen und Kirchenfesten an: den päpstlich gregorianischen und den julianischen. Der Sternhimmel ist für Epoche 1700 berechnet, die Kalender für die Epoche 1650.


Die Präzessionsbewegung der Erde führt folglich zu einer zunehmenden Ungenauigkeit der Darstellung mit wachsendem Alter des Globus. Mit Hinblick auf die Standort-Änderung und mithin die Änderung der geographischen Breite wurde allerdings mittlerweile sowieso von der gewünschten genauen Abstimmung auf den Standort abgewichen. [Lühning, S. 80 und S. 83]


Mit Sicherheit wurden die Planeten Merkur bis Saturn nicht dargestellt. Zeitgenössische Berichte schwelgen pathetisch: z. B. taucht bei Eberhard W. Happel in seinem Gottorfbericht von 1683/91 die Formulierung auf "Innwaendig sind alle Astra (...) verzeichnet, (...) sampt aller Sterne und Planeten... ", s. u. zitiert nach [Karpeev, S. 26]

Entgegen dieser zeitgenössischen Schwärmereien, die sie in ihre euphorischen Berichte einschließen, findet auch [Lühning] bei der Rekonstruktion keine Hinweise auf ein Planetengetriebe. Zeitgenössische Berichte sind an dieser Stelle wahrscheinlich falsch, weil die betreffenden Autoren möglicherweise nicht so scharfe Begriffe verwendeten wie wir heute, weil sie den semantischen Unterschied einfach nicht kannten und/oder auf Missverständnissen beruhen, wie z. B. den technischen Begriff "`Planetengetriebe"' versus ein Getriebe, das Planetenmodelle antreibt.


Es handelt sich also bei dem Gottorfer Globus um ein Modell von Erde und Sternhimmel, nicht aber um ein "echtes" Planetarium, da es eben die Planeten (was wir heute darunter verstehen) gar nicht darstellen konnte. Dennoch ist allein schon die Demonstration der einfachsten Himmelsbewegung, sowie von Sonne und Mond ein großer Schritt auf dem Weg zu dem, was wir heute unter Planetarium verstehen. Zu einer solchen Schöpfung scheint die Frühe Neuzeit gerade den richtigen Zeitgeist geboten zu haben.


Historische Kontextuierung

Der Globus ordnet sich in die Zwischenkriegszeit zwischen dem Dreißigjährigen Krieg (Ende 1648) und den Nordischen Kriegen (1700 bis 1721) ein. Von dem erstgenannten blieb das kleine Herzogtum einigermaßen verschont, denn seine Regenten waren bestrebt Wissenschaften und Künste zu fördern, anstatt Kriege zu führen. [Jensen] So erklärt sich auch ohne weitere Worte, dass einer der Herzöge, der genannte Friedrich III., den Plan fasste, sich ein prachtvolles und zugleich lehrreiches Riesengerät in seinen Neuen Garten stellen zu lassen. [Lühning, S. 15] formuliert etwas moderater, dass der Gottorfer Herzog erst nach Ratifizierung des Friedens von Nürnberg im Jahre 1650 die Muße dazu gefunden haben könnte, sich der Schaffung eines solchen Gerätes zu widmen.


Die Nordischen Kriege um die Vorherrschaft im Ostseeraum betrafen den verwahrlosenden Globus insofern, dass er 1713 in die Hände von dänischen und russischen Eroberern fiel. Als der dänische König und der russische Zar als Alliierte in Gottorf eintrafen, wurde der Riesenglobus auf ungeklärte Weise [Karpeev, S. 29] an Russland übergeben. Peter I. war von dem Gerät fasziniert und sein Land in diesen Wissenschaften hinter dem restlichen Europa zurück. Daher wollte er den Globus nach St. Petersburg mitnehmen. Da der dänische Hof bereits seit 15 Jahren über einen ähnlichen Globus namens "Pankosmos (...)" verfügte, der zusätzlich zur Erdrotation sogar noch Vulkanausbrüche und Wettererscheinungen wie Regen, Hagel, Donner [Meier, S. 36] erlebbar machte, war der Gottorfer Globus für den Dänen Friedrich IV. keine große Entbehrung. Dreieinhalb Jahre dauerte der mühsame Transport des Globus in die gerade zehnjährige Stadt von Peter I. Dort zog er abermals mehrfach um, bis er schließlich bei einem ungeklärten Brand zerstört wurde. Ein prompter Neubau geschah "voller Eifer" [Lühning, S. 41] und zwar wiederum im Dienste der Wissenschaft -- diesmal unter Leitung des Universitätsgründers Michail W. Lomonossov.


Politischer Kontext

Das Herzogtum Gottorf, am nördlichen Rand des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, befand sich seit dem 15. Jahrhundert in Personalunion mit der dänischen Krone. Im Jahre 1544 musste der dänische König seine zwei Stiefbrüder entschädigen und schuf für das Herzogtum einen eigenständigen Souverän, der jedoch durch die Aufspaltung seines Territoriums in einen Flickenteppich aus eigenem, dänischem und gemeinsam regierten Land an Dänemark gebunden werden sollte. Wenngleich dieses Konzept anfangs aufging, so erstrebten doch über Generationen die Schleswiger Herzöge teilweise nähere Kontakte zu Schweden und insbesondere die Politik Friedrichs III. suchte nach mehr Souveränität durch eine wohldurchdachte Wirtschaftspolitik. Zu diesem Zweck sollte eine neue Handelsrouten erschlossen werden und es wurde eine Expedition von Unterhändlern für den Transit nach Moskau und Isfahan entsannt. Wirtschaftlich war sie zwar ein Misserfolg, aber vermutlich eine wichtige Inspiration für den Bau des Riesenglobus. [Karpeev, S. 11]


Wissenschaftshistorischer Kontext

Kenntnishistorisch müssen wir die frühe Neuzeit als Zeitalter des Umbruchs sehen: Um 1500 wird die Erdkarte um einen neuen Kontinent erweitert: 1492 landet Christopher Columbus in der Karibik, 1512 stirbt Amerigo Vespucci, der das neue Land zuerst als eigenen Kontinent identifizierte, Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelt der Kartograph Mercator neue mathematische Projektionsverfahren für die Herstellung seiner Globen, 1606 betritt der Niederländer Willem Jansz erstmalig den australischen Kontinent, nachdem vorher bereits zahlreiche Entdecker verschiedene Inseln Ozeaniens kartiert haben. Die legendären Fahrten des grandiosen Kartographen James Cook fanden jedoch erst im 18. Jahrhundert statt.


Zwar wird in antiken Quellen von Krates von Mallos (150 v. Chr.) behauptet, dass er einen steinernen Erdglobus besessen habe. Die Quelle muss ich in diesem Aufsatz vorläufig schuldig bleiben, der Fakt wird ohne Quelle aber auch in [Guratzsch, S. 60] genannt. Durch weitere Quellen oder gar Fundstücke gesichert ist diese Aussage jedoch nicht. Daher wird meist der Erdapfel des portugiesischen Ritters Martin Behaim aus Nürnberg als erster Erdglobus angegeben. Dieser trägt die Jahreszahl 1492 als Datum der Fertigstellung und wurde in den folgenden zwei Jahren noch weiter überarbeitet. Es ist also nicht sicher, seit wann es Erdgloben gibt, aber sicher ist, dass sie im 16. bis 18. Jahrhundert gründlich überarbeitet wurden.


Die antiken Sternbilder haben sich kaum verändert, sie waren allerdings auch nicht so genau festgelegt. Sternbilder sind schließlich menschliche Phantasiegebilde. Insofern kann man sie mit einer gewissen künstlerischen Freiheit notieren. Es gibt zwei Hauptdarstellungssysteme: Entweder schaut man aus "göttlicher" Perspektive von außen auf den Globus, so dass die Bilder seitenverkehrt zur gewohnten Sehrichtung erscheinen. Alternativ bildet man die konkave Kugelinnenfläche (seitenrichtig, wie am Himmel) auf die konvexe Außenwand des Globus ab. (Spätestens) im islamischen "Mittelalter" stellte sich die Konvention ein, dass die Gestalt der Gemälde die Konvention verrät: Wenn wir eine Innenkugel betrachten, schauen uns die Figuren frontal an; wenn wir eine Außenkugel betrachten, kehren sie uns den Rücken zu. Diese Konvention wird offenbar in der frühen Neuzeit gebrochen: Die Darstellungen sind gemischt.


Laut [karpeev] sind die Darstellungen durch Dürers Himmelskarte von 1515 quasi kanonisiert, d. h. man weicht in Größe und Gestalt von Dürers Interpretationen nicht ab. [karpeev] zählt mehrere spätere Himmelsatlanten auf, deren Anlehnung an Dürer er für unverkennbar hält, wenngleich die Perspektive von innen nach außen wechselt. Dürer selbst wählte eine Außenansicht für seine Karten, doch die Darstellung im Gottorfer Globus ist eine Innenansicht. Zu diesem Zeitpunkt die genaueste Vorlage für diesen Zweck hätte die Uranometria von Johann [Bayer] geliefert. Daher erscheint die Annahme sinnvoll, dass dieses Werk verwendet wurde, zumal es sich in der Gottorfer Schlossbibliothek befunden hat.


Idee zum Globus

Unisono meinen [Lühning] und [Karpeev], dass es sich heute nicht mehr feststellen lasse, wer genau die Idee dazu hatte und wieviel Anteile der gebildete und interessierte Herzog an der tatsächlichen Entwicklung des Geräts hatte. Es ist jedenfalls ein Prestige-Objekt und verfolgt weder wirtschaftliche oder politische Zwecke, noch rein-edukative Ziele. Folglich lässt sein Bau auf ein starkes eigenes Interesse des Financiers am Thema schließen. Ich denke, man kann die Inschrift, die sich am originalen Globus befunden haben soll, ruhig wörtlich nehmen, wenn sie behauptet: "(...) Dux Holsatiae Fridericus aus Liebe zu den mathematischen Wissenschaften diese Kugel habe fertigen lassen (...)" [von Bergholz, Friedrich Wilhelm: großfürstlichen Kammerhern Tagebuch, welches er in Rußland von 1721 bis 1725 als holsteinischer Kammerjunker geführet hat, Teil 1, in: Anton Friedrich Büschings Magazin für die neue Historie und Geographie, Band XIX, Halle 1785, S.121 f. -- zitiert nach [Karpeev, S. 28]], wenngleich die folgenden Jahreszahlen sicher begründet, aber mit einem Körnchen Salz zu nehmen sind (ebenso wie manche anderen Details des Berichts).


Es gibt auch die Theorie, dass der Globus die alleinige Idee von Olearius war. Dieser hatte nämlich die Moskau-Persien-Expedition als Sekretär seines Fürsten begleitet. In seinem Reisebericht hält er eine Begegnung mit arabischen Gelehrten fest, die sich sehr für seinen mitgeführten Globus interessierten. Olearius behauptet, dass sie etwas derartiges noch nie gesehen hatten [Karpeev, S. 25], jedoch ihrerseits von einem sagenumwobenen gläsernen Globus erzählten. Dieses Gerät soll vor dem Türkenkrieg im 3. Jh. in Persien existiert haben. Er habe den Sternhimmel gezeigt und es habe sich eine Person in die Mitte setzen können, um die Gestirnrotation zu verfolgen. "Er [Olearius, Anm SMH] schreibt: In Unterweisung der Astronomia hatten sie weder Sphaeram armillarem noch Globum. (...) Vor alten Zeiten wäre ein großer und künstlicher Felek (...) in Persien gewesen, (...) König Sapor sol gehabt haben, so von Glaß ist bereitet gewesen, in dessen Centro man hat sitzen können." [ebenda]}


In der hier zitierten zweiten Auflage seines Reiseberichts, die 1656 erschien, beschreibt der Hofmathematikus auch bereits den Bau des Gottorfer begehbaren Globus: "Aber daß ich hierbey eines andern und viel köstlichern Globi gedencke: Ihr[o] Fürstl[iche] D[urchlaucht] Hertzog Friedrich zu Schleswig, mein gnädigster Herr, hat jetzund allhier bey der Residentz einen doppelten Globum von Kupffer-Blech hat fertigen lassen, dessen Diameter eilfftehalb Fuß. und können im Concavo zehen Personen geraum umb einen runden Tisch (...) sitzen und die Gestirne wie auch die Sonne aus ihrem Eigen Centro lauffend \dots Desselbigen Globi Bewegung geschiehet nach der Bewegung des Himmels durch künstlich große Räder, welche von einer vom Berg lauffenden Wassrquelle nach gewisser Maß getrieben werden." [Olearius, Adam: Vermehrte Moscowitische und Persianische Reisebeschreibung, Schleswig 1656, S. 726, zitiert nach [Karpeev]].


Mystische Motivationen?

In der Zeitschrift Globusfreund der Internationalen Coronelli-Gesellschaft erschien letztes Jahr (Dezember 2009) ein Artikel [Schneider, 2009], der als Inspiration (auf fragliche und zu untersuchende Weise) für den Bau des Gottorfer Globus den alchimistischen Roman "Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz Anno 1459" von 1616 (Der allegorische Traumerzählung erschien anonym und kursierte ab ca. 1605 als Handschrift. Sie wurde 1616 in Straßburg gedruckt.) ins Spiel bringt.


Ich kann derzeit nicht beurteilen, ob dieses Buch am Schleswiger Hof kursierte und ob vielleicht sogar Herzog Friedrich III. diesen Roman gekannt hat. Aufgrund der oben zitierten Inschrift am Globus und auch dem Gesamtszenario möchte ich jedoch okkulte Hintergründe für den Bau dieser Maschine eher in den Hintergrund stellen. Betrachtet man die ungefähre Koinzidenz der Globusfertigstellung mit der Eröffnung der Kieler Universität und die gemeinsamen Feierlichkeiten, sowie auch den gleichzeitigen Bau einer Sphaera Copernicana mit dem Globus, so würde ich dies als klaren Hinweis auf eine edukative Funktion werten: Der Riesenglobus zeigt seinem inneren Betrachter den Lauf der Gestirne, wie wir sie tatsächlich beobachten -- also geozentrisch. Ein gutes Jahrhundert nach dem Erscheinen des Buches Copernicus' mit einem heliozentrischen Weltbild, sowie nach einige Dekaden nach Galileis (Dialogo, 1632) über die zwei hauptsächlichen Weltsysteme, erscheint mir die These plausibel, dass sich die Gottorfer Monarchen als moderne Gelehrte präsentieren wollten. Hinzu kommt, dass der Globus per se nicht die Bewegung aller Planeten darstellen konnte. Insofern wird das gesamte Weltbild nur anhand von zwei Modellen erklärbar: dem Globus und seiner separaten "kopernikanischen Armillarsphäre".


Mir erscheint daher das Zweigestirn Riesenglobus und Sphaera als eine in Metall geschmiedete und von Uhrwerken angetriebene dreidimensionale Visualisierung des zeitgenössischen Weltbildes.

 

3. Ausblick und Wertung

Der Gottorfer Globus fand verschiedenerorts in Europa Nachahmungen. Genannt werden von dem Erfinder des modernen Glasfaserplanetariums [meier] in seinem Büchlein über die Geschichte seines Instruments die Weigel-Globen in Jena (1661) und Kopenhagen (1695/7) sowie der Globus in Cambridge 1758. Gewiss handelte es sich bei diesen auch um große, begehbare Globen, aber ob der Jenenser Mathematik-Professor von Gottorf inspiriert wurde oder von selbst auf die Idee kam, überliefert [Meier] nicht. Der Jenaer Globus ist schließlich bereits drei Jahre vor dem Gottorfer fertiggestellt worden, wenngleich auch der unfertige Gottorfer Globus gewiss sogar schon in der Bauphase internationales Aufsehen erregte. Friedrich, der große Kurfürst von Preußen pausierte im verlassenen Schloss Gottorf 1658 bei seinem Schwedenfeldzug und bewunderte den Globus, der noch kein Außengemälde hatte, bereits als grandioses Kunstwerk. [Jensen]

Unter den zeitgenössische Riesengloben dürfen die Coronelli (ein italienischer Handwerker, dessen Name französisiert auch "Coroneille" geschrieben wird)-Globen für den Sonnenkönig Louis XIV. nicht unerwähnt bleiben. Es handelt sich um zwei Globen für Erde bzw. Himmel, jeweils 3.85 m im Durchmesser. Sie waren jedoch nicht begehbar und die Weltkarte auch nicht auf dem neuesten Stand der Zeit. Der Himmelsglobus zeigt die Konstellation eines bestimmten Datums (dem Geburtstag des Königs 1638); lässt also auf astrologische und nicht edukative Zwecke schließen. Es handelt sich also um reine Schmuck- und Repräsentationselemente des Absolutismus.

Die Globen wuchsen spätestens im 19. Jahrhundert ins Gigantische, insbesondere als im Zeitalter der Weltausstellungen 1851-1862 in London das Wylt-Georama mit einem Durchmesser von 22 m zu begehen und bestaunen war und in Paris kleinere Varianten auf den Champs Elysées und neben dem Eiffelturm (1900) folgten. Sie meisten fungierten als künstliche Himmelszelte, mal in der Außen- und mal in der Innendarstellung, mal mit und mal ohne Erdglobus auf der anderen Seite.

All diese Globen sind allerdings nur statische Modelle. Das erste Mal eine Planetenbewegung simultan vorzuführen, gelang dem friesischen Wollkämmer Eisa Eisinger aus Franeker im 18. Jahrhundert. Im Schlafzimmer seiner Frau installierte der handwerklich talentierte, interessierte Autodidakt an der Decke ein Sonnensystem-Orrery. Alle damals bekannten Planeten ziehen hier in der ihnen eigenen Geschwindigkeit auf Kepler-Ellipsen um die Sonne. Die Darstellung musste exakt naturgetreu sein, da er den Menschen seines Umfeldes die Angst vor einer bestimmten Planetenkonstellation nehmen wollte, von der man Unheil orakelte. Das Nachstellen der natürlichen Bewegung und das Aufzeigen ihrer Regelmäßigkeit sollte der einschüchternden Astrologie den Nährboden nehmen. Die Zahnräder des Getriebes sind oberhalb des Zimmers unterm Dachboden angebracht, die Gewichte im Bettkasten der Dame verborgen.

Es sollten noch fast anderthalb Jahrhunderte ins Land gehen, bis Jenaer Ingenieure der Firma Carl Zeiß den Auftrag erhielten, fürs Deutsche Museum in München endlich einmal alle Himmelsbewegungen in einem einzigen großen Modell zu visualisieren. Das Ergebnis dieses Entwicklungsauftrags ist das bekannte Projektionsplanetarium von Bauersfeld aus dem Jahre 1923.[Lühning, S. 122] schreibt, dass das Projektionsplanetarium von der Firma Zeiß lediglich verbessert worden sei, dass die Erfindung jedoch dem Bremer Physiker und Pädagogen Karl Friedrich Finke (1884 -- 1950) gebührt. Er soll bereits 1919 ein solches Gerät konzipiert, aber nicht realisiert haben. Hier wird das Getriebe schlagartig miniaturisiert, da sich nur noch "Taschenlampen" in kleinen Ellipsen um die Projektorachse bewegen müssen anstatt riesige, zimmerfüllende Planetenbahnen zu bewirtschaften.

Ich denke, man kann auf jeden Fall sagen, dass der Gottorfer Globus in Konzept und Größe keine Vorlagen hatte [Lühning, S. 15] und mithin prototypischen Charakter hat. Da er als Einzelstück geplant und ausgeführt wurde, hatte er jedenfalls einen großen Lehrwert, zuerst in Gottorf und Kiel, dann in St. Petersburg. Allein durch seine physische Existenz fungiert er auch quasi als "Meilenstein" in der Technikgeschichte.

 

Literatur und Quellen 

[Bayer, 1603] Johann Bayer: Uranometria, Augsburg, 1603 – z. B. a reproduction of the copy in the British Library, Alburgh, Archival Facs., 1987=1603

[Guratzsch, 2005] Guratzsch, Herwig: Der neue Gottorfer Globus, Koehler & Amelang, Schleswig, 2005

[Jensen, 2008] Jensen, Marlies: Das Weltwunder von Gottorf, Hede Haddeby Verl., Schleswig, 2008

[Karpeev, 2003] Karpeev, Engel P.: Der große Gottorfer Globus, übersetzt von Peter Hoffmann, Halle, 2003

[Lühning, 1997] Lühning, Felix: Gottorf im Glanz des Barock -- Der Gottorfer Globus und das Globushaus im "Newen Werck", Schleswig, 1997

[Meier, 1992] Meier, Ludwig: Der Himmel auf Erden, Verlag J.A. Barth, Leipzig, Heidelberg, 1992

[Schneider, 2009] Schneider, Ulrich: Die Verwirklichung literarischer Utopie; zur Genese des Gottorfer Globus; in: Globusfreund 55/56 (2009), S.\,85

 


dies als PDF (ordentlich gesetzt): gottorf_smh2010.pdf

 

 

Die eine Welt ist nicht genug...  (Dez. 2009)




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Visualisierungen - eine Nachwuchswissenschaftler-Tagung

10. Oktober 2010, 13:24

NachwuchsforscherInnen unter den Wissenschaftshistorikern treffen sich seit Jahrzehnten im Vorfeld dergrößten Jahrestagung zu einer eigenen Tagung. In dieser sozusagen "professorenfreien" Tagung können sich Aufstrebende erproben, Kontakte knüpfen und mit anderen kompetenten Jungforschern austauschen: eine großartige Chance, einer Tagung beizuwohnen und Redebeiträge zu üben, ohne dass gleich alles perfekt sein muss und "ohne dass man fürchten muss, einen möglichen künftigen Arbeitgeber oder Förderer verprellen könnte" (so die Organisatoren bei der Eröffnung).

Dieser so genannte Driburger Kreis tagte dieses Jahr im September in Maastricht; die Teilnehmenden kamen aus Deutschland, den Niederlanden und der Schweiz. Bereits letztes Jahr in Hannover hatte ich auf mein Namensschild als Herkunftsort "Planet Erde" geschrieben – so muss ich wohl nicht erwähnen, dass ich mich in diesem Klima sehr wohl fühle: Die "Großen", also etablierteren WissenschaftlerInnen auf der anschließenden Tagung der langnamigen Gesellschaft DGGMNT kommen auch aus anderen Ländern Europas. Maastricht, die Geburtstadt des Euro, liegt in einem dreisprachigen niederländischen Landzipfel, der von Belgien und Deutschland eng umsäumt wird. Wenn man in den Zug steigt, ist man binnen zwei Zugstunden in Brüssel, Antwerpen oder Aachen. Maastricht ist auch eine Stadt, in der Wissenschaftshistoriker der größten deutschsprachigen Gesellschaft von ForscherInnen dieses Faches im Rathaus empfangen werden.

Auf der Tagung sprach ich mal wieder – und vielleicht das vorerst letzte Mal – über das Rathenower Fernrohr, dessen Erforschung in Geschichte und Technik ich derzeit vorerst abzuschließen dabei bin. Tagungsthema waren aber – besonders treffend für mich – im Driburger Kreis "Visualisierungen" und was mich daran besonders faszinierend fand, war, dass ohne mein Zutun die Organisatoren die gleichen Assoziationen mit diesem umfassenden Thema hatten wie ich: Der eingeschränkte Blick auf das Thema, den nur-KunstwissenschaftlerInnen oder nur-Philosophen oder nur-Historiker hätten, wurde durch die Transdisziplinarität der Teilnehmenden aufgelöst und kulminierte fast von selbst in einem umfassenden Bildbegriff, den ich mit Blick auf Kommunikationsstrategien des Wissens seit Jahren zu vertreten versuche: Es ging bspw. um die Lesbarkeit von Bildern, um Auswertung von Bildern aus Mikroskopen, Teleskopen, Röntgenapparaten, um die Nutzung von Modellen im Matheunterricht und epistemische Fragen, was Astronomen, Mediziner oder Archäologen aus Bildern (in 2D, 3D oder 4D) lernen. Persönlich finde ich diese Vielfalt eigentlich nicht sonderlich überraschend, aber sehr beruhigend, dass andere junge WissenschaftlerInnen diese Vielfalt von Bildern und ihre Aussagen genauso sehen wie ich.

Thema: "Visualisierungen"

Resümieren würde ich die Tagungsdiskussionen zur Frage, wozu wir Visualisierungen nutzen und brauchen mit einer der Kernthesen meiner medienwissenschaftlich-philosophischen Promotion:

Sie ermöglichen uns eine Weltanschauung durch Weltanschaulichkeit.

Visualisierungen sind ein Werkzeug, das einerseits einer Sprache gleich kommt, wenn wir es im didaktischen Sinne einsetzen. Man könnte in diesem Zusammenhang sogar eine "Sprache der Bilder" aus den Bildsprachen der Visualisierungen definieren und sie analog zur klassischen Aussagenlogik mathematisch konstruieren. Andererseits sind Visualisierungen aber neben einem didaktischen Werkzeug auch ein Forschungs-"tool": Zu den fernen Sternen können wir nicht hinfliegen, sondern werten Himmels(abb)bilder aus, um Erkenntnisse zu produzieren. Analog kann man nicht die ferne Vergangenheit wahrhaftig bereisen und erleben, sondern erforscht sie mit Ausgrabungen, also "Bildern", d.h. Abdrücke früherer Menschenkulturen in verschiedenen Schichten der Erdkruste.

Visualisierungen sind also wichtig und nötig zum Lernen-was-andere-schon-wissen, also zur Lehre und didaktischen Aufbereitung, wenn sie einerseits Modellcharakter haben. Sie sind außerdem wichtig und nötig zum Lernen-was-die-Menschheit-noch-nicht-wusste, also zum Forschen – insbesondere da, wo wir keine anderen Beobachtungsmethoden haben.

In diesem doppelten Sinne erzielen wir auf unterschiedlichen Stufen -- als SchülerInnen genauso wie als Forschende -- unsere Weltanschauung aus der Anschauung der Welt, die wiederum die Anschaulichkeit der Welt voraussetzt. 



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... et Orbi - Die (eine) Welt ist nicht genug*

29. Dezember 2009, 13:44

Astronomie ist (u.a.) eine Wissenschaft von Weltbildern. Weltbilder sind zu jeder Zeit und in jeder Kultur von Menschen geschaffen worden, damit wir uns als Menschheit in den Kosmos einordnen können. Sie sind also von Menschen und für Menschen geschaffen und in jedem Fall sind sie vereinfachende Modelle, wie die Welt funktionieren und aussehen könnte. Modelle reduzieren jedoch zur Übersichtlichkeit die Realität auf etwas Anschaubares: "Wichtige Eigenschaften von Modellen sind Miniaturisierung, Abstraktion, Symbolisierung und intellektuelle Effektivität. Modelle ermöglichen es, ein Niveau der Realität zu erfassen, das for die Sinne nicht erreichbar ist. Modelle erlauben dem Betrachter, auf eine ihm unerreichbare Realität einzuwirken, diese zu studieren oder zu verstehen, auch zu kommentieren, indem er sich einer Vermittlung bedient. Ein Modell kann ein dreidimensionales Objekt, eine Zeichnung, eine Aussage oder ein Begriff sein." S. 13 weiter: "Ein Erdglobus ist eine Aussage und ein Begriff, wenn man z. B. sagt "Die Erde hat Kugelgestalt". Sowohl die Karte als auch der Globus sind materielle Modelle, aber sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Reichweite und Wirkung."' ... "... Netzwerk kultureller Bezüge, gesellschaftlicher Verhaltensweisen und wissenschaftlicher Verfahren ... " schrieb Christian Jacob 2002 in der Zeitschrift Globusfreund. [1a]  » weiter

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Teleskopfahndung

14. August 2009, 10:29

Die Arbeit einer (Wissenschafts)historikerin hat viel gemein mit der eines Detektivs. Das macht sie gerade so spannend, finde ich! Ich bin hauptsächlich Zeithistorikerin, d.h. mein Hauptinteresse ist nicht (mehr) die Antike, das Mittelalter oder die Renaissance - das habe ich hinter mir gelassen. Vielmehr liegen meine Forschungsschwerpunkte im 20. Jahrhundert, bzw im ausgehenden 19.Jh. » weiter

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Kennen Sie eigentlich Herschel?

16. Mai 2009, 23:43

Herschel heißt das neueste Satellitenteleskop, das die Astroszene in Aufruhr versetzt und worüber Sie natürlich bereits in den kosmologs lesen konnten. Hier ein historischer Exkurs:

Bei den Herschels sind insbesondere drei der Geschwister aus dem 18. Jahrhundert und einer deren Söhne relevant: Am berühmtesten ist wohl der Uranus-Entdecker Wilhelm Herschel (1738–1822) mit seiner Schwester Caroline (1750–1848), die seine Assistentin war - und später sogar gemeinsam mit ihrem Bruder vom König ein Gehalt bekam. Die erste Frau, die für ihre wissenschaftliche Arbeit bezahlt wurde, heißt es. Nur wenige wissen, dass auch das sechste der zehn Kinder des Hannoveraner Musikerhaushalts, Alexander Herschel (1745-1841), seit 1770 bei seinem Bruder in Bath lebte.

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Luftpumpe killt die "Schwarzen Löcher der Antike"

26. April 2009, 14:34

Über Jahrhunderte fürchteten Philosophen die Leere wie das Nichts aus Michael Endes Unendlicher Geschichte. Diese Angst ging als "horror vacui", "Schrecken der Leere" in die Geschichte ein. Es war die gleiche Angst wie heute viele Menschen die Schwarzen Löcher fürchten: Man glaubte damals, das Vakuum sauge aus dem Umgebungsraum alles ab. (lt. Simonyi) In Weltbildern der Antike durfte z.B. kein leerer Raum entstehen, so dass kristalline Sphären oder was immer man sich sonst vorstellte, einander stets berühren mussten. Damit das Weltgebäude funktoniert und mit den Beobachtungsergebnisse übereinstimmende Vorhersagen liefert, musste man in den alten Weltbildern die Himmelsphysik anders gestalten als die irdische Physik (nach Aristoteles). - Dieses Dogma hielt sich bis zur Newtonischen Revolution, da der englische Naturphilosoph erklärte, dass überall im Universum die gleiche Physik zu gelten habe: "Wie im Himmel so auf Erden" (heißt es sogar im 'Vater unser' der Christenheit) » weiter

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Riesenfernrohr in Rathenow demontiert

03. Dezember 2008, 15:51

Diese Woche begannen mit dem Advent die Demontage-Arbeiten am bisherigen Standort des Riesenmedials. Die Objektivlinse befinde sich derzeit zur Wartung in den Hallen von Zeiss, sagt man, während die Montierung noch vor Weihnachten am neuen Platz stehen soll - falls das Wetter mitspielt. » weiter

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Funktion der Wissenschaft in China und im Abendland

09. Mai 2008, 00:56

"Astronomie ist eine der Wurzeln der Wissenschaft", liest man viel. Das gilt zumindest im Zweistromland und allen Kulturen, die mit ihm unmittelbar zusammenhängen. Im Reich der Mitte nahm jedoch die Evolution einen anderen Weg als bei uns: » weiter

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