Timbuktu: Brandaktuelle Weltpolitik und uralter Mythos

28. Januar 2013 von Jürgen vom Scheidt in Schreiben

Man macht sich das meistens nicht klar, wenn man die Fernsehnachrichten anschaut, die ja nur jeweils ein paar Sekunden, allenfalls Minuten dauern. Aber auch die müssen von Journalisten recherchiert, überprüft und schriftlich formuliert werden. Sogar die Sprecher haben eine journalistische Ausbildung. 

Natürlich wird das in der Schlussfassung drastisch auf ein paar Augenblicke eingedampft, die uns dann von 20:00 -20:15 Uhr in der Tagesschau der ARD freundlich lächelnd präsentiert werden (oder eine Stunde vorher im ZDF oder wann und wo auch immer). Aber davor stehen Stunden und Tage intensiver journalistischer Arbeit. Und die ist immer mit Schreiben verbunden. Auch wenn die Bilder dann meistens übergewichtig daherkommen: Die paar Sätze, welche die Sprecherin oder der Sprecher von ihrer Textvorlage ablesen (oder vom Teleprompter) - diese Vorlage enthält die Quintessenz der Meldung. Im Internet kann man dies übrigens tagesaktuell abrufen, wenn man mal etwas verpasst hat oder nachrecherchieren möchte.

Doch jetzt erst einmal zu mir, getreu der Idee des Bloggings, dass es sich dabei um ein "Öffentliches Tagebuch im Internet handelt". Hinter mir liegt eine Wahnsinnswoche, vollgepackt mit Seminarleitertätigkeit und eigenem Schreiben. Erst drei Tage in Mannheim, wo ich im Rahmen eines Ferien-Blockseminars 19 Studentinnen und Studenten der Universität in die Denkweise und die Methoden des Creative Writing einführte und das mit ihnen praktisch übte. Dann, zurück in München, ein Tag Pause (die aber aus Buchführung, Rechnung schreiben und ähnlichen schreibdominierten Sachzwängen gefüllt war).

Anschließend, von Freitagabend bis Sonntagnachmittag, das erste Wochenende eines Drei-Jahres-Kurses Minotauros-Projekt. Insgesamt sind wir derzeit 14, die sich da auf den Weg machen, ins Abenteuer des Romanschreibens. Wir beginnen damit, unsere Projekte zu suchen und einen passenden interessanten Plot. Wir formulieren erste Sätze, erste Kapitel, arbeiten am Entwurf eines Exposees. Dazu gibt es Informationen zur Heldenreise (mein Job als verantwortlicher Leiter) und darüber, dass wir sowohl als einzelne Autoren wie auch als ganze Schreibgruppe so eine Heldenreise machen: Die Writer´s Journey, wie Christopher Vogler das in seinem sehr lesenswerten Buch gleichen Titels nennt. Ich habe dafür den Begriff der HyperReise (des Autors) geprägt, der auch die Gruppenerfahrung mit einbezieht und den damit verbundenen kreativen Prozess der gegenseitigen Anregungen.

Dieses aktuelle Seminar hatte einen Vorläufer über Sylvester: Den roten Faden finden. Nun ging es weiter mit Folge Ariadnes Faden. Anfang März befinden sich die Teilnehmer dann Vor dem Labyrinth wieder. So hangeln wir uns weiter durch dieses erste Kursjahr. Das Leitmotiv liefert dabei jeweils das Konzept der Heldenreise mit ihrem typischen Verlaufsmuster und ihren Stationen. Jede Menge Bezüge also zum Labyrinth-Mythos. Da brauche ich das in meiner Freizeit nicht unbedingt auch noch. Dachte ich.

Hier geht´s zum BloXikon am Anfang dieses Blogs. Ein Experiment, um diesen Blog über die Kategorien-Leiste (am rechten Rand dieses Blogs) hinaus thematisch noch besser zu erschließen. Bisher finden Sie dort, alphabetisch eingeordnet, Einträge zu diesen Begriffen:
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° MindCatcher

 

Allgegenwart des Labyrinth-Mythos

Aber es gibt kein Entkommen. John Le Carrés Roman Die Libelle von 1982 hatte ich zuhause aus dem Regal mit den "Ungelesenenen Büchern" gezogen. Den las ich während der Zugfahrt nach Mannheim und an den Abenden dort im Hotel nach dem Seminar. Darin stoße ich prompt auf Labyrinthisches. So rein zufällig, absolut ungeplant, an gleich vier Stellen (darüber demnächst mehr).

Als ich gestern Abend (Sonntag, 27. Januar) den Fernseher anschaltete, um die Tagesschau zu sehen, also weit weg vom Schreiben und noch weiter weg von den Labyrinthen, traute ich meinen Ohren nicht. In der zweiten Meldung, welche die Nachrichtensprecherin um 20:03 Uhr aus der Weltpolitik verlas, ging es um die "Offensive im Norden Malis". Gemeint war der aktuelle kriegerische Konflikt im nördlichen Zentralafrika. Timbuktu, so wichtig als historischer Ort und für die Archäologie Afrikas, diese Stadt aus der Welt von "Tausendundeiner Nacht" (wo sie meines Wissens allerdings nicht direkt erwähnt wird), deren Baudenkmäler und Heiligtümer von den glaubenseifernden Islamisten so schändlich zerstört wurden! Die Regierungsarmee des Landes, unterstützt von französischen und anderen afrikanischen Truppen, bewegte sich durch die Wüste auf dieses bedrohte und maltraitierte Timbuktu zu. Und als was präsentiert sich diese Stadt? Die Nachrichtensprecherin sagte es wörtlich: Es handelt sich bei Timbuktu um ein gefährliches

Labyrinth von Moscheen [und Häusern und Straßen]

Hermann Kern hätte seine Freude gehabt! (Und er hätte sich wohl gedacht: Wieder mal hat man da ein echtes Labyrinth mit einem Irrgarten verwechselt.)

Ein Offizier des Konvois schilderte im Interview-Schnipsel die Schwierigkeiten, unter den vielen möglichen Pisten durch das Sandmeer der Wüste den richtigen Weg nach Timbuktu zu finden. Ohne die Unterstützung aus der Luft mit Hubschraubern und dem satellitengestützten Navigationssystem GPS wäre das Militär da mächtig überfordert. Der Offizier benützte den Begriff Labyrinth für diese Situation nicht. Mir aber ist er schon eingefallen, respektive das passendere Yrrinthos - noch dazu, wo am Ende der Straße (s. das Zitat oben) das "Labyrinth von Timbuktu" und jede Menge gefährlicher Minotauren in Gestalt der schwer bewaffenten und hochmotivierten islamistischen Rebellen lauern.

Timbuktu: das ist in dieser Meldung also die Mischung von brandaktueller Weltpolitik und uraltem Mythos - eine Mixtur, die uns nicht selten begegnet, wenn wir dafür sensibilisiert sind. Genau diese Sensibilisierung für solche Zusammenhänge ist ja mein zentrales Motiv für diesen Blog Labyrinth des Schreibens.

Nachtrag: Inzwischen (30. Januar) haben die regierungstreuen Truppen Timbuktu eingenommen. Ob das aber viel bringen wird, bezweifeln die Kommentatoren, die nur von einem "Zwischenstopp" schreiben (Kornelius 2013).

Quellen
Anon: "Offensive im Norden Malis". IN: Tagesschau der ARD vom Sonntag, den 27. Januar 2013, 20:03 Uhr
Kornelius, Stefan: "Zwischenstopp Timbuktu". In: Südd. Zeitung Nr. 23 vom 28. Jan 2013, S. 04
Vogler, Christopher: Die Odyssee des Drehbuchschreibers (The Writers Journey). (1998) Frankfurt am Main 1998, Überarbeitete Neuausgabe = 6. Auflage Okt 2010 (Zweitausendeins)

Schauen Sie bitte gelegentlich auch mal in die früheren Beiträge dieses Blogs rein! Hilfreich sein könnten vor allem Willkommen im Labyrinth des Schreibens und die Zeittafel. Die wichtigsten Personen und Begriffe werden erläutert in Fünf Kreise von Figuren sowie im Register dieses Blogs. 

235 / #858 JvS /1524 SciLogs / BloXikon: Blogging _ Heldenreise _ HyperReise des Autors _ Nachrichten _ Politik _ Yrrinthos / Begonnen in der Virtuellen Schreib-Werkstatt #324 vom 26. Jan 2013 / v05-2

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