Aus einer anderen Welt, Teil I: Karriere


Es ist keine Parallelwelt und leider auch keine zukünftige wie das sozialistische Paradies oder die zweite Welt, in die wir dereinst verklärten Leibes eingehen werden, sondern eine wohl endgültig vergangene.

Aus einem Artikel des „Bloggewitters“ „Bloggen und Karriere“:

„Dort hat ein Nobelpreisträger den jungen Leuten die Empfehlung gegeben, tatsächlich quasi jede freie Minute mit der Wissenschaft zu verbringen, inklusive Abenden und Wochenenden. ... Wenn man also zu der Überzeugung gekommen ist, dass auch Wissenschaftler ein normales Leben leben dürfen ....“[1]

Zu diesem Thema Adorno:

„Weniges unterscheidet die Lebensweise, die dem Intellektuellen anstünde, so tief von der des Bürgers, wie daß jener die Alternative von Arbeit und Vergnügen nicht anerkennt.“ (Minima moralia)

Der Autorin des obigen Blog-Zitats ist es offenbar selbstverständlich, daß das, was der Nobelpreisträger von den „jungen Leuten“ fordert, eine Zumutung ist; „tatsächlich jede freie Minute“ schreibt sie, als ob sie es gar nicht recht begreifen könnte, daß einer sich so etwas zu verlangen traut. Und es ist für sie selbstverständlich, daß das Ansinnen sich einem äußeren Zwang verdankt. Dieser Zwang hat den Namen Karriere.Bloggen und Karriere - Unvereinbar?

Aber nicht doch: Das ist kein äußerer Zwang, ja es ist überhaupt kein Zwang, denn die wollen die jungen Leute ja machen, und sie stellen auf keinen Fall die Behauptung in Frage, die seit mindestens 20 Jahren aus allen Lautsprechern dröhnt: daß die Karriere das Allerwichtigste im Leben ist. Allerdings möchte man, und darauf meint man ein Recht zu haben, doch nicht auf das verzichten müssen, was die Freuden des „normalen Lebens“ sind. „Wissenschaftler sind Menschen und Menschen haben Hobbies“, und denen sollen sie auch nachgehen dürfen, meint ein anderer Blogger.[2]

Die Freuden des normalen Lebens sind die des „Bürgers“ bei Adorno. Der war allerdings der Auffassung, daß diese Freuden gar keine sind und daß Wissenschaftler keineswegs deshalb Hobbys haben, weil sie Menschen sind, daß Hobbys also etwas Allgemein-Menschliches wären.

Mit letzterem hatte er selbstverständlich recht. Meine Großeltern, Urgroßeltern usw. waren zweifellos Menschen, aber Hobbys hatten sie nicht. Sie hätten sich wohl gar nicht vorstellen können, was das sein soll. Sie waren nämlich keine Bürger. Die Vorstellung kam ihnen entweder deshalb nicht, weil es in ihrer Welt allzu fern lag, die Zeit mit Tätigkeiten zu verbringen, die nicht von der Lebensnot diktiert sind. Oder sie kam ihnen deshalb nicht, weil sie in vormodernen Verhältnissen lebten. In der Zeit, in der man nicht arbeitete oder anderen Verpflichtungen nachging, besuchte man z. B. Verwandte oder saß im Wirtshaus; man widmete sich nicht seiner Briefmarkensammlung und züchtete auch nicht Kakteen. Meine Großeltern, Urgroßeltern usw. waren also nicht gerade Intellektuelle. Denen ist jene Vorstellung typischerweise aber nicht weniger fremd:

„Ich habe kein hobby. Nicht daß ich eine Arbeitstier wäre, was nichts anderes mit sich anzufangen wüßte, als sich anzustrengen und zu tun, was es tun muß. Aber mit dem, womit ich mich außerhalb meines offiziellen Berufs abgebe, ist es mir, ohne alle Ausnahme, so ernst, dass mich die Vorstellung, es handele sich um hobbies, also um Beschäftigungen, in die ich mich sinnlos vernarrt habe, nur um Zeit totzuschlagen, schockierte, hätte nicht meine Erfahrung gegen Manifestationen von Barbarei, die zur Selbstverständlichkeit geworden sind, mich abgehärtet.“ (Adorno, Freizeit)

 

An der zuerst zitierten Adorno-Stelle geht es so weiter:

„Arbeit, die nicht, um der Realität gerecht werden zu können, erst ihrem Subjekt all das Böse antun muβ, das sie nachher den andern antun soll, ist Lust noch in der verzweifelten Anstrengung. Die Freiheit, die sie meint, ist dieselbe, welche die bürgerliche Gesellschaft einzig der Erholung vorbehält und durch solche Reglementierung zugleich zurücknimmt. Umgekehrt ist dem, der von Freiheit weiβ, alles von dieser Gesellschaft tolerierte Vergnügen unerträglich, und auβerhalb seiner Arbeit, die freilich einschlieβt, was die Bürger als ‚Kultur’ auf den Feierabend verlegen, mag er auf keine Ersatzlust sich einlassen. Work while you work, play while you play – das zählt zu den Grundregeln der repressiven Selbstdisziplin.“

Arbeit, die den „Grundregeln der repressiven Selbstdisziplin“ untersteht, ist vor allem jene, die man der Karriere wegen macht.

 

Nun die Nachrichten aus einer anderen Welt. Als ich in dem Alter war wie heute die meisten derer, die sich um die Karriereschädlichkeit des Bloggens Gedanken manchen, wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, daß Wissenschaft sich überhaupt mit Karriere in Verbindung bringen läßt. In meiner Umgebung stellte man diese Verbindung nicht her. Karriere war ein Begriff, der sich auf Tätigkeiten in den höheren Rängen der Wirtschaft oder der Verwaltung, auch der Politik anwenden ließ, aber nicht auf die Wissenschaft. Sicher gab es unter den Wissenschaftlern und Studenten Kreise, bei denen das anders war, deren Angehörige den Begriff benutzten und ihm auch gerecht werden wollten und die es sicher zu etwas gebracht haben. Aber derartige Leute kannte man nicht, man war nicht so. Das waren vielleicht Burschenschaftler, RCDS-Mitglieder oder ähnliche Figuren, mit denen man nicht gesehen werden wollte – solche, von denen es hieß, daß sie in der Schule dem Lehrer die Aktentasche getragen haben.

Man wollte nicht Karriere machen, sondern etwas Sinnvolles tun im Leben, und daß die eigene wissenschaftliche Tätigkeit sinnvoll, „gesellschaftlich“ sinnvoll sein sollte, gehörte zu den Selbstverständlichkeiten. Der Gedanke, sie könnte dies vielleicht nicht sein, die Forschungsergebnisse könnten vielleicht nur von „akademischem Interesse“ sein oder gar auf irgendwelchen Umwegen der Rüstungsindustrie nützen, brachte so manchen um den Schlaf. Natürlich wollten viele gern auch eine sichere Stelle haben, aber „Berufsziel Hochschullehrer“ oder „Führungskraft in einer Großforschungseinrichtung“ kam nicht vor. Es war wie im Vaterunser. Da betet man zwar ums tägliche Brot, doch nicht um Hummer und Kaviar. Auszeichnungen gab es noch kaum, und eine zu bekommen hätte eher etwas Peinliches gehabt. Man gab ungern zu, auf so etwas scharf zu sein. „Karrierist“ zu sein war etwas Schlimmes, aber, wie gesagt, Karriere war ohnehin nichts, das man mit Wissenschaft in Verbindung brachte. Wer Karriere machen wollte, konnte geradezu definitionsgemäß kein Wissenschaftler werden.

Das mag alles verlogen gewesen sein. Vielleicht träumten viele insgeheim wenn auch nicht von einer institutionellen Karriere, so doch von Ruhm. Doch auch das gehörte sich nicht.

 

Man kann mir vorwerfen, zwei sehr verschiedenartige Dinge durcheinanderzuwerfen. Ein Wissenschaftler ist etwas anderes als ein Intellektueller. Für diesen mag gelten, was Adorno geschrieben hat, oder richtiger: Selbstverständlich gilt es für ihn. Aber ein Wissenschaftler ist einer, der im Labor steht und sich nicht Gedanken über die Welt und das richtige Leben im falschen macht, sondern vielleicht über die Struktur eines organischen Moleküls, und wie soll der die Verbindung herstellen können zwischen seiner Tätigkeit und „Kultur“, wie sie Adorno herstellte, der Philosoph und Musiktheoretiker war? Man kann froh sein, wenn unser Wissenschaftler nicht wegen der Karriere arbeitet, sondern zum Spaß, d. h. weil er, wie es so schön heißt, das Glück hatte, sein Hobby zum Beruf machen zu können; sein Hobby, d. h. eine Beschäftigung, in die man sich mich sinnlos vernarrt hat, nur um Zeit totzuschlagen.

Ganz früher war sicher zwischen einem Wissenschaftler und dem, was man später einen Intellektuellen nannte, kein Unterschied. Aber das ist lange her und der Unterschied ist ein wohl irreversibles Ergebnis der Ausdifferenzierung der Wissenschaft in Spezialgebiete, von denen in vielen Fällen niemand mehr sagen kann, sie hätten irgendeinen Sinn – es sei denn, man möchte es einen Sinn nennen, daß jemand daran Geld verdient; dies deshalb, weil die Resultate für irgend jemanden nützlich sind und deshalb gekauft werden, auch wenn das anderen schadet und oft auch dem Käufer selbst.

Aber auch dieser Nutzen interessiert den Wissenschaftler, der sein Hobby zum Beruf machen konnte, nicht, weder im Positiven noch im Negativen, denn er ist kein Intellektueller. Wissenschaft zu betreiben ist in den normal sciences ein Spiel, ist sinnlose Rätsellöserei, in die die Wissenschaftler vernarrt sind. Das hat Thomas Kuhn in den 60er Jahren herausgearbeitet, mit gewaltiger Wirkung auf das Selbstverständnis der Wissenschaftler, jedenfalls soweit sie davon gehört haben. Aber immerhin, weit besser als Wissenschaft aus Karrieregründen zu betreiben ist diese Rätsellöserei zum Spaß ist immer noch. Eine bestimmte Gruppe von Wissenschaftlern meinte damals, genau das sei es, worauf es in der Wissenschaft ankomme, wenn auch die Begriffe „Rätsellösen“ und „Spaß“ als Diffamierung zurückgewiesen worden wären, hätte man sie als Charakterisierung wissenschaftlicher Tätigkeit überhaupt gekannt:

Als wir der Meinung waren, Wissenschaft habe sinnvoll zu sein und Wissenschaftler hatten nach dem Sinn ihres Tuns zu fragen, wurde uns von der älteren Generation vorgehalten, daß das auf staatliche Gängelung hinauslaufe. Wissenschaft habe völlig frei von jedem Gedanken an Nutzen wie an Sinn betrieben zu werden – beides garantiert der Gesamtbetrieb der Wissenschaften von selber. Dieser Betrieb bringt gerade dann am wirksamsten die Erkenntnis voran, wenn er völlig frei ist von allem, was von außen an die Wissenschaft als Anspruch herangetragen wird. Man habe allein seinen Forschungsinteressen, seiner wissenschaftlichen Neugier zu folgen. „Schreiben kostet Mühe und Zeit – wäre der Aufwand, den ein Blog erfordert, nicht besser in die wissenschaftliche Karriere investiert?“ (Eingangstext des „Bloggewitters“): Das hätte Empörung unter den damaligen älteren Wissenschaftlern ausgelöst. Nicht in die Karriere, sondern in die Wissenschaft hat der Wissenschaftler seine Zeit zu investieren, sonst verdient er diesen Namen nicht.[3]

Die älteren Wissenschaftler hatten von der Kuhn’schen Entdeckung, daß der edle Drang nach Wahrheit in Wirklichkeit nur eine Spielerei ist, noch nichts gehört und auch die Wissenschafts- und Technikkritik, die mit dem Bau der Atombombe einsetzte und dann unter der Überschrift Ökologie essentieller Bestandteil einer mächtigen Bewegung wurde, die Auffassung, wissenschaftliche Erkenntnis habe grundsätzlich zwei Seiten und die negative überwiege immer mehr, je weiter die Wissenschaft voranschreitet, war bei ihnen nicht angekommen. Das Forschen um des Forschens willen hatte für sie noch das Ansehen, das es bei Max Weber in „Wissenschaft als Beruf“ hatte.[4] (Fortsetzung folgt)

 

Blogartikel mit Bezug zum Thema: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9

 

Literatur:

Adorno, Theodor W. 1951: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Suhrkamp, Frankfut/M.:

Ders. 1969: Freizeit. In: GS Band 10.2; Seite 645-655.

Kuhn, Thomas S. 1967: Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Weber, Max 1995: Wissenschaft als Beruf. Reclam, Stuttgart; Erstveröffentlichung: Duncker und Humblot, München, Leipzig, 1919.


[3] In der Folge dieses Streits ist übrigens, wenn ich mich richtig erinnere, damals die von Habermas geleitete Abteilung im Starnberger Max-Planck-Institut geschlossen worden und Habermas ist nach Frankfurt zurückgekehrt.

[4] Geradezu idealtypisch kann man diese Haltung nachlesen in den damaligen Jahrgängen der Zeitschrift des Hochschullehrerverbandes.

 


11 Kommentare zu “Aus einer anderen Welt, Teil I: Karriere”

  1. Stephan Schleim Antworten | Permalink

    Karrieredenken

    Interessant und ein schönes Beispiel dafür, dass es wichtig ist, hier ein paar "Senioren" dabei zu haben. :-)

    Tja – aber woher kommt denn das Karrieredenken? Wird uns nicht die ganze Zeit eingebläut, dass wir produktiv sein müssen, flexibel, ein Leben lang lernen, dass wir gesellschaftlich Wirtschaftswachstum brauchen, um unseren Wohlstand zu erhalten, und dass wir sofort ein Kostenproblem für andere werden, wenn wir nicht produktiv genug sind, krank, zu lange studieren?

    Das sind jedenfalls Ideen, mit denen man heutzutage aufwächst.

  2. Mierk Schwabe Antworten | Permalink

    "Karriere in der Wissenschaft"

    Ich denke nicht, dass die Wissenschaftler heutzutage "karrieregeil" sind - das Problem ist es eher, dass man keine Wissenschaft betreiben kann, ohne daraus eine Karriere zu machen. Viele würden sehr gerne ihr Leben lang vor sich hin forschen - aber das ist nicht oder nur kaum möglich. Entweder man macht Karriere am einem Institut/einer Universität oder man verlässt die Wissenschaft.

    Die Forscher heutzutage sind zum Großteil noch immer sehr idealistisch und lieben ihren Beruf. Ansonsten würde nämlich niemand die geringe Bezahlung und unsicheren Verhältnisse auf sich nehmen. Und es ist durchaus so, dass es ein Privileg ist, einen Bereich des Lebens zum Beruf zu machen, für den man sich leidenschaftlich interessiert und mit dem man enorm gerne seine Zeit verbringt.

    Aber: Ja, ich halte es für eine Zumutung, jungen Wissenschaftler zu erzählen, dass sie in ihrem Leben nur das Ziel Forschung kennen dürfen oder sich wünschen sollten. Daraus folgert nicht nur, dass man keine Zeit für Hobbys, Sport, Urlaub hat, man hat konsequenterweise auch keine Zeit für Hausarbeit und Kindererziehung (also: man braucht einen Ehepartner, der sich vollzeit darum kümmert, oder man kann keine Familie haben). Und das macht selbst der schönste Beruf nicht wett.

  3. Michael Blume Antworten | Permalink

    @Mierk

    Da will ich nicht nur zustimmen, sondern ergänzen: Ich glaube, dass Wissenschaft nur dann im Dienst der Menschen stehen kann, wenn Wissenschaftler auch an der Gesellschaft teilhaben können - Zeit und Geld für Kultur, Familie, Liebe, zivilgesellschaftliches Engagement etc. haben. Klar kann und wird es auch immer fanatische Sonderlinge geben - aber wer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler per se von der Vielfalt des Lebens ausschließt handelt m.E. doch kurzsichtig. Ich finde es z.B. einen Skandal, dass viele keine Familie gründen können - und denke, das schadet allen.

  4. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Mierk Schwabe

    „das Problem ist es eher, dass man keine Wissenschaft betreiben kann, ohne daraus eine Karriere zu machen“.

    Das war aber früher auch schon so. Außer der Hochschullehrerlaufbahn gab es kaum etwas, und ein Professor stand ja früher auf der Karriereleiter (Geld, Macht und vor allem öffentliches Ansehen) bei weitem höher als heute.

    Natürlich haben Sie recht, daß heute sehr viele Wissenschaftler froh wären mit einem bescheidenen, sicheren Auskommen, so daß sie sich dann ihrer Forschung widmen könnten. Der Unterschied zu früher ist, daß in dem, was öffentlich geäußert wird, ob in einer Rektoratsrede oder in den Gesprächen der Doktoranden am Biertisch, kaum mehr etwas anderes als „Karriere“ als Antrieb vorkommt. Insgeheim mögen viele anders denken – so wie früher insgeheim auch; das habe ich ja geschrieben.

    „Ansonsten [wenn nicht aus Idealismus und Liebe zum Beruf] würde nämlich niemand die geringe Bezahlung und unsicheren Verhältnisse auf sich nehmen.“ Das scheint mir ein übereilter Schluß. Ganz unabhängig von der Art der Tätigkeit vereint ja eine Professorenstelle auch heute noch Vorteile (nämlich Sicherheit und Freiheit, Ansehen), die sich in keiner anderen Stelle verbinden. Kaum ein Professor, selbst wenn ihn die Wissenschaft gar nicht interessiert, würde deswegen seine Stelle zugunsten einer fünf17 mal so hoch bezahlten Managerstelle aufgeben.

  5. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Schwabe @ Blume

    @ Blume: „Ich glaube, dass Wissenschaft nur dann im Dienst der Menschen stehen kann, wenn Wissenschaftler auch an der Gesellschaft teilhaben können - Zeit und Geld für Kultur, Familie, Liebe, zivilgesellschaftliches Engagement etc. haben“

    Da sagen Sie recht genau das, was Adorno auch sagt und gemacht und von den Intellektuellen gefordert hat (nur „Familie“ müßte man etwas differenzierter betrachten, s. u.).

    @ Schwabe: „.... keine Zeit für Hausarbeit und Kindererziehung (also: man braucht einen Ehepartner, der sich vollzeit darum kümmert, oder man kann keine Familie haben).“

    Das ist ein wichtiger Gedanke, gut daß Sie das schreiben. Denn da sieht man, daß die Zeiten damals so rosig doch nicht waren wie sie nach meinem Artikel erscheinen mögen. Für die älteren Wissenschaftler, die ich (zu einem Typ zugespitzt) beschrieben habe, war es völlig selbstverständlich, daß sich um Hausarbeit und Kindererziehung zwar nicht der Ehepartner, aber doch die Ehefrau zu kümmern hat.

    Mit dem „oder man kann keine Familie haben“ aber war es etwas komplizierter. In der Welt der Intellektuellen (im Unterschied zu der der Wissenschaftler), von der es ja einen breiten Übergang zur Welt der Künstler, der Bohème gab, galt es eher nicht als Opfer, keine Familie zu haben. Denn die galt als Zwangsanstalt.

  6. Mierk Schwabe Antworten | Permalink

    Familie und Karriere

    Das Bild der Zwangsanstalt Familie finde ich sehr bedauerlich. Aber ich denke, auch unter Wissenschaftlern wird diese Einstellung nur von einer Minderheit vertreten. Zu Intellektuellen in Abgrenzung zu Wissenschaftlern kann ich nicht viel sagen. Aber es soll ruhig jeder nach seiner Façon glücklich werden, aber dann bitte nicht diese Einstellung anderen aufdrängen.

    "Kaum ein Professor, selbst wenn ihn die Wissenschaft gar nicht interessiert, würde deswegen seine Stelle zugunsten einer fünf mal so hoch bezahlten Managerstelle aufgeben." Ja, aber wer erst einmal Professor ist, hat doch schon Karriere in der Wissenschaft gemacht. Es ging mir um die Postdocs und wissenschaftlichen Assistenten, die trotz geringer Aussichten auf Erfolg versuchen, diesen Status zu erreichen. Natürlich lockt das Prestige des Professorenstatus, aber ohne Idealismus und Begeisterung für die Wissenschaft geht es trotzdem nicht.

  7. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Mierk Schwabe

    „Das Bild der Zwangsanstalt Familie finde ich sehr bedauerlich.“

    Schon, aber es ist ja nicht ohne Grund entstanden. Ein Großteil der Literatur des 18. Und 19. Jahrhunderts handelt genau davon, und das sind ja nicht alles Phantasien. Für Millionen von Menschen war die Familie die Hölle. Heute sind es wohl weniger, aber man muß nur in die Zeitung sehen, dann weiß man, daß das nicht vorbei ist.

    „Zu Intellektuellen in Abgrenzung zu Wissenschaftlern kann ich nicht viel sagen. Aber es soll ruhig jeder nach seiner Façon glücklich werden, aber dann bitte nicht diese Einstellung anderen aufdrängen.“

    Wer will denn „aufdrängen“? Wenn einer die Lebensweise des anderen kritisiert, dann ist das doch nicht Aufdrängen. Wenn einen die Argumente nicht überzeugen, muß er sich danach nicht richten. „Aufdrängen“ paßt für das, was typischerweise in den Familien geschah. Der Sohn wollte Musiker werden, bekam aber vom Vater die Lebensweise des Rechtsanwalts aufgedrängt und war sein leben lang unglücklich. – In der Wissenschaft handelt es sich heute auch um ein Aufdrängen. Da will einer Wissenschaft machen und ist die meiste Zeit mit Management und Außendarstellung beschäftigt. Oder einer will erforschen, was er für richtig und wichtig hält, doch die Art der Schwerpunksetzung in der Forschungsfinanzierung drängt ihn dazu, Dinge zu tun, die ihn nicht interessieren und die er für falsch hält.

    „Natürlich lockt das Prestige des Professorenstatus, aber ohne Idealismus und Begeisterung für die Wissenschaft geht es trotzdem nicht.“

    Oh doch. Da sind Sie wohl schon lange keinem Professor mehr begegnet.

  8. Georg Hausladen Antworten | Permalink

    Idealismus

    Mierke Schwabe schreibt: "Die Forscher heutzutage sind zum Großteil noch immer sehr idealistisch und lieben ihren Beruf. Ansonsten würde nämlich niemand die geringe Bezahlung und unsicheren Verhältnisse auf sich nehmen."

    Ich meine, das stimmt nur bedingt. (im Folgenden geht es aber nicht nur darum.) Meiner Ansicht nach ist es eher so, dass man sich unter jungen Wissenschaftlern (und das gilt wohl auch für alle andere Berufsgruppen) keine anderen Weg vorstellen kann, als den konventionellen, den man meint gehen zu müssen, weil man das halt so macht - Studium, Doktorarbeit, Assistentenstelle, Professor. Die Karriere an der Universität scheint der einzig mögliche Weg zu sein, um Wissenschaft zu betreiben, und deshalb unterwirft man sich den Gepflogenheiten (Zwängen) der Institution, gibt die eigenen Interessen zugunsten fremder auf. Meist passiert das wohl im Rahmen der Dissertation, wenn einem der Doktorvater (der diesen Namen meist eh nicht verdient, weil das Verhältnis oft eher dem zwischen Kapitalist und Arbeiter ähnelt als dem zwischen Vater und Sohn) sagt, was gemacht werden muss, wenn man "weiter" kommen will. Ihren Idealismus geben die meisten genau an dieser Stelle auf, denn ansonsten würden sie wohl versuchen, es anders zu machen. (Natürlich mag es einige geben, die den Chef gekonnt um den Finger wickeln, um die eigenen Interessen weiter verfolgen zu können). Die letzten Reste der eigenen Ideen versucht man dann noch irgendwie unterzubringen, man versucht sich zu arrangieren, aber mit Idealismus hat das meist nichts mehr zu tun.

    Dabei gäbe es doch so viele andere Wege, Wissenschaft zu betreiben. Ludwig Trepl hat einen dieser Wege in einem seiner letzten Beiträge skizziert: der Blog wäre so ein Weg - aber sicher nicht der einzige. Was hindert einen den daran, unabhängig von den Institutionen und der universitären Landschaft zu forschen? Dass man kein Geld dafür bekommt? Wenn das der Grund sein sollte, ist es mit dem Idealismus eh nicht weit her. Warum nicht am Abend, nach getaner "Arbeit" noch ein paar Stunden investieren, sozusagen als "Hobby" - mehr Zeit haben die meisten Doktoranden, die an Institutionen angestellt sind ja meist auch nicht - die Zeit geht für andere Dinge (Lehre usw.) drauf. Mir ist das zu einfach, sich auf die gesellschaftlichen und institutionellen Zwänge zu berufen, um zu begründen, warum das mit den eigenen Ideen nicht hingehauen hat. Das ist eine Ausrede und nicht viel mehr. Es gäbe so viele Wege, die man gehen könnte und jeder einzelne wäre wohl spannender als der konventionelle, aber vielleicht schwerer und unsicherer. Ja, unisicher ist der konventionelle Weg in meinen Augen nicht. Er ist vielmehr der sicherere. Unsicher sind, wenn dann, die anderen Wege und selbst die sind in unserem Land ja nicht wirklich unsicher. Was fehlt, um diese Wege zu gehen ist eizig Kreativität und Mut. Das scheint all jenen zu fehlen, die sich über die Zwänge beklagen, denen sie zu unterliegen meinen.

  9. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Georg Hausladen

    Die idealistische Haltung finde sehr löblich, aber ein paar realistische Anmerkungen möchte ich doch machen.

    1. Es gibt viele Fächer, da ist man auf den Forschungsbetrieb angewiesen (die meisten Naturwissenschaften gehören dazu). Man hat es sonst nicht nur schwerer und die Arbeiten werden schlechter, sondern man kann einfach gar nichts tun.
    2. Man braucht den ständigen Austausch mit der Gemeinde, und das geht bei weitem am besten, wenn man in einem Institut arbeitet. Mit einiger Erfahrung kann man diesen Austausch allerdings auch hinbekommen, wenn man außerhalb arbeitet.
    3. Die Erfahrung muß man aber erst mal haben. D. h. man kann nicht als freier Wissenschaftler anfangen. Mindestens bis zur Promotion muß man im Normalbetrieb gewesen sein, und meist ist das noch zu wenig. Wer aber länger als nur bis zur Promotion an der Uni ist (also es z. B. schafft, ein Postdoc-Stipendium zu bekommen), kann sich im allgemeinen auch Chancen auf einen dauerhaften Verbleib ausrechnen, und das sollte er dann auch versuchen – trotz der Risiken, sich selbst zu verbiegen, die du beschrieben hast.
    4. Das Modell freier Wissenschaftler funktioniert nur, wenn man entweder gut abgesichert ist (Erbschaft oder einigermaßen verdienender und verständnisvoller Partner) oder wenn man keine Kinder hat und wenn einem der sog. Lebensstandard egal ist.

    Interessant ist dein Hinweis, daß man auch im Uni-Betrieb nicht mehr Zeit zum wissenschaftlichen Arbeiten hat als wenn man das neben irgendeiner anderen Tätigkeit macht. Das stimmt, unter einer Bedingung: Die andere Tätigkeit darf nicht anspruchsvoll sein, sie darf einen vor allem nicht über den Feierabend hinaus im Kopf beschäftigen. Und das Beispiel „Lehre“ ist falsch: Die ist nicht etwas, was von der wissenschaftlichen Arbeit abhält, sondern ihr wesentlicher Teil. Daß freie Wissenschaftler in aller Regel keine Lehre machen können, ist ein erheblicher Nachteil. Was im Uni-Betrieb von der wissenschaftlichen Arbeit abhält, sind die Management- und Verwaltungsaufgaben, und es ist richtig, daß viele, vor allem Professoren, weniger Zeit zur Forschung haben als freie Wissenschaftler. Die Professoren (nicht die Mittelbau-Leute, denen es so geht) sind aber selber schuld.

  10. Georg Hausladen Antworten | Permalink

    @ Ludwig Trepl

    Danke für das Lob. Es mag schon richtig sein, dass das, was ich geschrieben habe sehr naiv klingt, wenn man den Unterschied zwischen Realismus und idealismus so überhaupt machen kann, was ich bezweifele. Es geht doch darum, den Idealismus in der Welt, wie sie nun mal ist, in der „Realität“ zu behalten, ihn zu leben (das klingt sehr pathetisch, aber schlussendlich geht es doch darum) und darum, wie das gehen könnte. Zu Deinen Anmerkungen:

    Zu 1.: Ja, in vielen Fächer ist man auf den Forschungsbetrieb angewiesen, weil man für bestimmte Fragestellungen die Labore mit all ihren teueren technischen Geräten braucht. Dass man gar nichts tun kann, ist falsch. Man kann mit sehr einfachen Mitteln sehr viel tun. Das Problem liegt eher darin, dass man meint, nur mit den modernsten technischen Ausrüstungen und Methoden die wichtigen Frage beantworten zu können und übersieht dabei, dass viele wichtige Fragen mit ganz einfachen Mittel beantwortet werden können (auch in den Naturwissenschaften). Schlecht werden viele Arbeiten (zumindest solche von Studenten, bei anderen mag es anders sein) mitunter deshalb, weil Methoden (statistische Programme usw.) verwendet werden, die nicht verstanden werden. Mit einfacheren Methoden (Fragen), wäre einem da vielleicht oft besser geholfen. Es würde die Sache einfacher machen. Dass man sich außerhalb von Institutionen schwerer tut, hängt wohl eher mit Punkt 2 zusammen.

    Zu 2.: Ja, man braucht den Austausch mit der Gemeinde. Aber muss man dafür in einem Institut sitzen? Heute gibt es doch ganz andere Möglichkeiten. Hier scheint mir das Problem zu sein, dass man meint, an einem bestimmten Ort arbeiten zu müssen. Du hast natürlich recht, die Gespräche, die nebenbei, beim Mittagessen, Kaffeetrinken oder beim Feierabendbier stattfinden (das meinst Du doch, oder?) sind die wichtigen. Wenn die fehlen geht es schlechter. Das ist in meinen Augen der entscheidende Punkt all Deiner Anmerkungen. Aber wie steht es mit der Erfahrung aus?

    Zu 3.: Ja, Du magst recht haben, die Erfahrung, dass man als freier Wissenschaftler arbeiten kann, braucht man wohl. Aber kann man diese Erfahrung anders gar nicht bekommen. Es geht doch um den Austausch. Kann man den nicht anders gewährleisten. Oder geht es allein darum, dass man erfährt wie es normalerweise so zugeht im Betrieb. Das kommt mir ein bisschen so vor wie bei Handwerkern. Da kann man ja auch erst was, wenn man drei Jahre Geselle war. Und doch gibt es Handwerker, die nie Geselle waren, womöglich nie eine Lehre gemacht haben und sich doch auf ihr Handwerk verstehen, möglicherweise sogar besser als die Gesellen und Meister. Klar sind die äußerst selten und im Normalfall hast Du sicher recht.

    Zu 4.: Nein, dass Modell funktioniert nicht nur, wenn man abgesichert ist oder keine Kinder hat. Man muss halt soviel verdienen, dass es reicht und zwar in einer Zeit, die es einem erlaubt, noch etwas anderes zu tun. Dafür muss mach sich halt ein Modell schaffen. Wenn man z. B. in einer Großfamilie lebt, in der sich auch die Großeltern um die Kinder kümmern, schafft man sich Zeit anderes zu tun. Hier ist die, wie Du sie so schön nennst, neoliberalistische Gesinnung das Problem, aber selbst da würde es wohl Wege geben.

    Zum letzten Punkt: Das mit der Lehre, war natürlich das falsche Beispiel, da hast Du Recht. Aber warum sollten freie Wissenschaftler keine Lehre machen können? Sie können doch z. B. als Lehrbeauftragte arbeiten. Klar, der Status ist natürlich nicht der eines gestandenen Wissenschaftlers, aber der entscheidende Punkt ist, dass man es nicht machen muss, sondern macht, weil man es will. Und das mit der „anspruchslosen“ Tätigkeit ist auch nicht ganz richtig. Welche Arbeit birgt denn nicht das Potential, einen über den Feierabend hinaus zu beschäftigt. Ich könnte mir vorstellen, dass es Straßenkehrer oder Verkäufer gibt, denen ihre Arbeit derart am Herzen liegt, dass sie sich ständig Gedanken darüber machen, wie sie es noch besser machen können, wie sie mit ihren Kollegen umgehen sollen usw. Wissenschaftliche Arbeit per se als anspruchsvoller zu bezeichnen scheint mir recht überheblich. Vielen Leuten, die hauptsächlich mit dem Kopf arbeiten, würde es wohl ganz gut tun, mal etwas Kies zu schaufeln, da wird der Kopf nämlich frei. Auch das ist anspruchsvolle Arbeit – halt körperliche. Die meisten Wissenschaftler würde nach kürzester Zeit das Handtuch werfen.

    Aber vielleicht weiß ich von diesem ganzen Wissenschaftsbetrieb einfach zu wenig.

  11. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Georg Hausladen

    Deinen Idealismus will ich dir auf keinen Fall ausreden. Es kommt darauf an, die in den letzten Jahren übliche Haltung (wieder) umzudrehen: Wer Wissenschaftler oder Intellektueller ist – und das heißt vor allem: wer den Unterschied zwischen dieser Art von Arbeit und Vergnügen nicht kennt –, der sollte von vornherein nicht fragen, OB er denn in der Wissenschaft auch Karriere machen kann oder ob er in dem Betrieb einen Platz findet, sondern nur noch, WIE er denn bei allen Widrigkeiten das tun kann, was er tun muß, wenn er nicht unglücklich werden will.

    Zu (1): Wenn man zwischen verschiedenen Fragen wählen kann und nicht etwa eine einen gepackt hat, die man nun einmal nur mit großem apparativen Aufwand angehen kann (was aber gegen Ende der Doktorarbeit aber oft schon entschieden ist), ist das gar kein Problem, auch in manchen Naturwissenschaften nicht: Man braucht höchstens einen Computer, mehr nicht. Im Bereich der systematischen Biologie z. B. wird hochwertige Arbeit von nicht-hauptberuflichen Wissenschaftlern gemacht, weil „das System“ die entsprechenden Einrichtungen immer mehr durch prestigeträchtigere ersetzt. Überhaupt ist das Prestige das Problem. Wer sich einen großen Namen machen will, kann das außerhalb des Betriebes nicht, wer interessante und wichtige Dinge machen will, schon. Allerdings sind da die Unterschied zwischen den Fächern riesig.

    Zu (2): Ja, das Entscheidende ist der Austausch, der ständige Kontakt. Außerhalb der Uni kann man schon Wissenschaft machen, aber nicht außerhalb der Wissenschaft. Vielen dürfte es möglich sein, auch unbezahlt am Leben eines Instituts teilzunehmen. Und es ist wichtig, jede sich nur bietende Gelegenheit zur Teilnahme an Tagungen wahrzunehmen und selbst Arbeitsgruppen, workshops u. ä. zu organisieren, etwa im Rahmen von Fachverbänden. Das kann man hinbekommen, wenn man nicht zu kontaktscheu ist.

    Zu (5): Lehrbeauftragter zu werden wird immer schwieriger, seit die letzten Hochschulreformen die Freiheit der Lehre und des Lernens so gut wie abgeschafft haben. Man kann natürlich etwas anbieten, aber es kommen keine Studenten mehr, wenn die Veranstaltung nicht zum Pflichtprogramm gehört. Trotzdem sollte man es versuchen, man muß halt irgendwie ins Pflichtprogramm eingebaut werden; das kann aber nur gelingen, wenn man sehr gute Kontakte zu einem Institut hat.

    Das mit der „anspruchslosen“ Tätigkeit war in der Tat mehr oder weniger falsch. Es geht um Tätigkeiten, die einen nicht rund um die Uhr mit dem Gefühl der Verantwortung für andere oder für eine wichtige Sache belasten. Wenn die gegen die Wissenschaft stehen, wird es sehr schwer, sich nicht immerzu gegen diese zu entscheiden.

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