Braucht man für „Ökosystemdienstleistungen“ Ökosysteme?

17. Dezember 2012 von Ludwig Trepl in Ökologismus

Das Millennium Ecosystem Assessment bringt viele Beispiele für „Ökosystemdienstleistungen“. Eine Ökosystemdienstleistung ist z. B. das Bestäuben von Obstblüten durch Insekten. Wie ist das gemeint?

Offenbar so: Nicht eine von Menschen konstruierte Maschine nimmt die Bestäubung vor oder ein Mensch per Hand, so daß man sagen könnte, die „Dienstleistung“ erbringe eine Firma oder sie werde von Menschen erbracht, die man dafür bezahlen müßte. Die Bestäubung ereignet sich vielmehr von selbst, so wie die Sonne scheint oder die Schwerkraft wirkt, ohne daß man etwas dafür tun muß. So redet man aber in Texten wie denen des Millennium Ecosystem Assessments im allgemeinen nicht, vielleicht, weil es doch einige Mühe machen würde, die Dienstleistung, die die Erde dadurch erbringt, daß sie uns ermöglicht, auf ihr zu stehen, in Geld umzurechnen, und darum geht es ja. Statt „ereignet sich von selbst“ sagt man darum, „die Natur“ erbringe eine Leistung. Wenn man so spricht, kommen einem Beispiele wie das eben genannte, die einen auf den Gedanken bringen könnte, die Rede von "Dienstleistungen" in diesem Zusammenhang sei einfach Unsinn, nicht so leicht in den Sinn.

Damit es einem aber auch nicht gleich abwegig erscheint zu sagen, „die Natur“ erbringe eine Leistung, ist es außerdem gut, „die Natur“ als Ökosystem oder als aus Ökosystemen bestehend zu betrachten. Von einem Ökosystem scheint sich denken zu lassen, daß es ein „Akteur“ ist, jemand, der etwas tut. Offensichtlich ist das ein Anthropomorphismus, aber das soll uns hier nicht weiter interessieren. Jedenfalls kann man dann, wenn man aus der Natur oder dem Ökosystem einen Akteur gemacht hat, sagen: Es, oder die Natur, erbringt eine Dienstleistung. Und es ist – so die Behauptung der Ökonomen, die den Begriff der Ökosystemdienstleistungen in die Welt gesetzt oder zumindest verbreitet haben – vernünftig, sie in die ökonomischen Berechnungen einzubeziehen.

Nun ist die Bestäubung der Obstblüten, obwohl immer wieder genannt, kein gutes Beispiel, denn sie ist überwiegend eine Dienstleistung der Imker, die zu diesem Zweck ihre Haustiere einsetzen wie ein Kutscher seine Pferde, nur daß sie anders als der Kutscher diese ihre Leistung nicht vergütet bekommen (in Deutschland, anderswo schon).

„Schadstoffilterung durch Feuchtgebiete“ (Millennium Ecosystem Assessment) könnte ein besseres Beispiel sein. Angenommen, es ist überhaupt sinnvoll, von Ökosystemdienstleistungen zu sprechen, dann scheint es einen gewissen Sinn zu haben, wenn man sagt, daß das Feuchtgebiet, und zwar das Feuchtgebiet als Ökosystem betrachtet, diese Leistung der Schadstoffilterung erbringt. Ob es ökonomietheoretisch zulässig ist, von der Leistung des Ökosystems zu sprechen statt von der Leistung derjenigen, deren Arbeit sich das Feuchtgebiet verdankt – und falls keine Arbeit dafür nötig ist, es sich dann eben nicht um eine Dienstleistung handelt, sondern um die Verfügbarkeit von etwas, das ohne irgendeine Leistung da ist –, müssen wir hier nicht enscheiden. Es ist für unsere Frage unerheblich. Jedenfalls hat dieses Ökosystem unter vielen Wirkungen auch die, daß dem Wasser Schadstoffe entnommen und in der Phytomasse oder im Torf gespeichert werden.

Wer eine Wirkung dieses Ökosystems nutzt, nutzt also, solchen Sprachregelungen zufolge, eine „Ökosystemdienstleistung“. Legt man das Feuchtgebiet trocken, geht von der Fläche, auf der es sich befand, nicht mehr diese Wirkung aus, und auch keine andere Wirkung, die ein Spezifikum eines Feuchtgebiet-Ökosystems ist; es erbringt keine seiner „Dienstleistungen“ mehr.

Der Argumentationstrick liegt darin, daß die „Ökosystemdienstleistungen“ ins Feld geführt werden, um die Notwendigkeit zu zeigen, die Feuchtgebiete in ihrem derzeitigen oder einem früheren, naturnäheren Zustand – „intakt“ wird er meist genannt – zu erhalten. Die Behauptung, daß es bei vollständiger Beseitigung des Feuchtgebiets weder mehr möglich ist, auf der entsprechenden Fläche feuchtgebietsspezifische Vögel zu jagen noch Schilf zu ernten, daß auch keine Schadstoffilterung und keine CO2-Fixierung im Torf mehr stattfindet usw., trifft offensichtlich zu. Man soll aber daraus folgern, es sei wissenschaftlich erwiesen, daß ein Ökosystem, das alle diese „Dienstleistungen“ erbringt, also all die eines „intakten“ Feuchtgebiets-Ökosystems, nötig sei, um eine dieser „Dienstleistungen“, z. B. Schadstoffilterung, zu haben. Gerade bei dieser ist diese „Intaktheit“ aber überhaupt nicht nötig.

 

Man könnte den Begriff des Ökosystems anders definieren als es das Millennium Ecosystem Assessment tut und als es im Naturschutz üblich ist. Es gibt dann nicht auf der einen Fläche „das Ökosystem des Waldes“, auf einer anderen „das Ökosystem des Feuchtgebiets“, sondern ein Ökosystem ist das, was die Leistung der Schadstoffilterung erbringt, ein anderes ist das, welches für die CO2-Fixierung relevant ist, wieder ein anderes ist das, welches für die jagdbaren Tiere relevant ist, wieder ein anderes, welches dafür notwendig ist, daß alle für den Naturschutz wertvollen Arten dort leben können. Ein Ökosystem ist das System, das all die Leistungen erbringt, die für eine bestimmte Zweckerfüllung, welche wiederum mit einem bestimmten Bedürfnis oder Interesse verbunden ist, erforderlich sind. Das Interesse mag das des Menschen oder von bestimmten Menschen sein, es kann auch das „Interesse“ von bestimmten Tieren und Pflanzen sein (die natürlich von Menschen ausgewählt werden).

Aus dem Interesse an Schadstoffilterung ergibt sich ein System, das z. B. eine oder einige starkwüchsige Röhrichtpflanzenarten in großer Individuendichte enthält, aus den Interesse an der Erhaltung einer Population der Rotbauchunke ein erheblich anderes System. Das Vorgehen bei dieser Art von Abgrenzung von Ökosystemen ist nichts grundsätzlich anderes als beim „Feuchtgebiet als Ökosystem“ (als einem bestimmten Gebiet mit allen Organismen, die darin vorkommen), denn auch dieses ist aus einem bestimmten Interesse heraus – welches auch immer das gewesen sein mag – von anderen Gebieten als ein Ökosystem abgegrenzt worden, z. B. von angrenzenden trockeneren Wiesen und Wäldern oder von Gewässern, mit denen man es ja zu einem Ökosystem hätte verbinden können.

Macht man es so, d. h. definiert man das System explizit von einem bestimmten Anspruch her – in der Ökologie macht man es oft so, im Naturschutz aber kaum –, dann läßt sich mit dem Hinweis auf die Schadstoffilterung nicht mehr die Erhaltung des bestehenden Feuchtgebiets begründen, mit dem Hinweis darauf, daß bestimmte Küstenbewohner von der Fischerei leben, nicht die Erhaltung der Korallenriffe, mit dem Hinweis auf die CO2-Speicherung nicht mehr die der Wälder. Allenfalls pragmatisch könnte man unter manchen Umständen z. B. sagen: Es ist billiger oder politisch erfolgversprechender, die Wälder, so wie sie jetzt sind, zu erhalten, als sie in Eukalyptus-Forsten umzuwandeln, die die CO2-Speicherung auch erbringen. Im Prinzip aber ist die argumentative Verbindung von „intakten“ oder „naturnahen“ Ökosystemen und Ökosystemdienstleistungen nicht mehr möglich.

Man müßte statt dessen bei allen natürlichen Wirkungen, an denen ein Interesse besteht und an deren Verursachung Lebewesen beteiligt sind, deren Nutzung es also möglich macht (falls es überhaupt möglich ist, s. o.), von „Ökosystemdienstleistungen“ zu sprechen, fragen, welche Systeme es sind, die für diese Leistungen notwendig sind. Nie sind das die „intakten“ oder „naturnahen“ Ökosysteme, die der Naturschutz erhalten will – es sei denn, er definiert zirkulär gerade von seinen Interessen her, den Interessen an den „naturnahen“ Ökosystemen, die "Leistungen", von denen aus dieses Ökosystem definiert wird.

 

Hinter der hier kritisierten Argumentation steckt eine bestimmte Auffassung vom Wesen des Ökosystems: Es ist ein Organismus höherer Ordnung (Superorganismus-Theorie). Wenn man eine bestimmte Wirkung eines Organismus haben will, dann braucht man den ganzen Organismus. Um Milch zu bekommen, ist die ganze Kuh nötig, nicht nur das Euter, und anders als durch Kühe kann man Milch, jedenfalls bisher, nicht herstellen. Und eine kleine Wunde am Hals kann die ganze Kuh umbringen. Diese Superorganismus-Theorie war in der Ökologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vorherrschend, gilt aber seit mehr als einem halben Jahrhundert als veraltet und als Ausdruck einer konservativen Ideologie. Kaum einer unter denen, die mit Ökosystemdienstleistungen in der hier skizzierten Weise argumentieren, würde sich, direkt darauf angesprochen, als Anhänger dieser Theorie bekennen. Wie man sieht, ist sie aber nach wie vor hochwirksam.

 

Blogbeiträge mit Bezug zum Thema: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15,

 


5 Kommentare zu “Braucht man für „Ökosystemdienstleistungen“ Ökosysteme?”

  1. Dr. Webbaer Antworten | Permalink

    Sie

    ... wenden sich hier zum wiederholten Male gegen eine naturromantische Sicht, was gut ist.

    'Schadstofffilterung' darf aber auch mit drei F geschrieben werden.

    MFG
    Dr. W

  2. fegalo Antworten | Permalink

    Wo ist der Mensch?

    In Ihrem Beitrag lassen Sie zwei Positionen aufeinanderprallen, die Sie beide kritisieren (es wäre interessant, zu erfahren, wo Sie selbst stehen). Die eine ist eine Perspektive der Ökonomisierung der Eigenschaften und Effekte, die Ökosysteme haben, wie z.B. Schadstoffilterung. Die andere ist die „Definierung“ eines sogenannten Ökosystems zu einer Art eigenständigem Organismus (Superorganismus).
    Ihre These ist, dass der Rede (in ihrer derzeitigen Formulierung) von den Ökosystemdienstleistungen eben jene „organismische“ Auffassung von Ökosystemen zugrundelegt.

    Es fällt auf, dass in beiden Auffassung eigentümlich ungeklärt ist, was es mit dem Menschen, und zwar dem modernen, technologisch hochgerüsteten, kapitalistisch wirtschaftenden, dabei auf sich hat.
    Ein „intaktes“ Ökosystem, das durchaus Menschen beinhalten kann, hat anscheinend die Eigenschaft, dass alle Zwecke, die von den beteiligten Spezies verfolgt werden, in ihren Folgen zum Gelingen des Systems beitragen, so wie der Effekt der Bestäubung beim Nektarsammeln durch die Honigbienen oder die Regulierung der Bestandsgrößen von Populationen in Räuber- und Beuterelationen. Bemerkenswert finde ich dabei erstens die Tatsache, dass dies überhaupt so ist, und zweitens auch, dass der Mensch offensichtlich irgendwann angefangen hat, kraft der ihm gegebenen Freiheit dasjenige gebührliche Maß in der Verfolgung und auch schon in der Setzung der Zwecke zu überschreiten, welches ihm als Teil eines Ökosystems zugemessen ist. Und dies tut er mittlerweile in einem Umfang, der zu schweren Beschädigungen bis hin zur Zerstörung der Ökosysteme selbst führt, deren Teil er unaufhebbar ist.

    Aus der Sicht des betroffenen Ökosystems hat ein solcher Teilnehmer einen vergleichbaren Effekt wie ein Krebsgeschwür für einen Organismus: Er überschreitet regellos seine Grenzen und reißt dadurch das Ganze in den Abgrund, in den Untergang.

    Hier stellen sich sicherlich interessante Fragen für die ökologische Wissenschaft:

    - Ist dieses Ausscheren des Menschen aus dem Integriertsein in Ökosysteme eine bloße Folge des wissenschaftlich-technologischen Fortschritts (also der Erkenntnisfähigkeit des Menschen), der sich etwa in der Erfindung des Kunstdüngers, des Verbrennungsmotors, des Penicillins etc. manifestiert? Ist es also eine natürliche Folge der Freiheit, die dem Menschen geschenkt ist?

    - Wenn ja, wie geht die Ökologie mit diesem Phänomen um? Handelt es sich aus der Sicht der Ökologie um eine bloße Anomalie und/oder kann sie das in einer umfassenderen Theorie über Ökosysteme wieder einholen?

    - Wenn es jedoch nicht als eine natürliche, logische Folge der Freiheit und der Erkenntnisfähigkeit des Menschen betrachtet wird, folgt dann nicht, dass die Menschheit sich auf einen Irrweg befindet, also ihre Freiheit missbraucht? Hieße das nicht, dass die Zwecke, die der Mensch in Hinsicht auf seinen Umgang mit den materiellen Ressourcen verfolgt, widernatürlich sind, und bezogen auf seine Stellung in der Welt geradezu Krankheitswert haben?

  3. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ fegalo

    So ganz habe ich nicht verstanden, wie Sie das alles meinen.

    Sie schreiben: „Ein ‚intaktes’ Ökosystem, das durchaus Menschen beinhalten kann, hat anscheinend die Eigenschaft, dass alle Zwecke, die von den beteiligten Spezies verfolgt werden, in ihren Folgen zum Gelingen des Systems beitragen, so wie der Effekt der Bestäubung beim Nektarsammeln durch die Honigbienen oder die Regulierung der Bestandsgrößen von Populationen in Räuber- und Beuterelationen.“

    Wenn ich das („intakte“) Ökosystem so definiere, daß alle ur Zeit beteiligen Spezies (vielleicht auch noch in bestimmten Populationsgrößen, das vernachlässige ich jetzt) zu den Definitionsmerkmalen gehören, dann tragen alle Wirkungen, die von den einzelnen Organismen ausgehen (ob man sie nun, in welchem Sinn auch immer, als von diesen verfolgte Zwecke auffassen kann oder ob es bloß (Neben-)Wirkungen sind), die keine der beteiligten Spezies zum Verschwinden bringt, zum „Gelingen des Systems“ bei. Sie schreiben „Bemerkenswert finde ich dabei erstens die Tatsache, dass dies überhaupt so ist“. Was ist daran bemerkenswert? Das ist doch einfach eine Implikation der Definition.

    Wenn man auch nur halbwegs genau und lang genug hinschaut, gibt es nach dieser Definition aber kein einziges „intaktes“ Ökosystem auf der Erde. Ständig verschwinden Spezies, meist in enormem Ausmaß, auch und vor allem durch die Aktivität von zum Ökosystem gehörenden anderen Spezies, und neue wandern zu. - Nun wollen wir das Ökosystem nicht durch das Merkmal „alle jetzt vorhandenen Spezies“definieren, sondern z. B. das Wald-Ökosystem W durch „geschlossene Baumschicht, eine der Baumarten ist die Buche“. Dann können zum Ökosystem gehörende Arten andere ausrotten, wie sie lustig sind; solange nur die Buche übrigbleibt und eine geschlossene Baumschicht bildet, ist das Ökosystem W „intakt“.

    „Bemerkenswert finde ich ... zweitens auch, dass der Mensch offensichtlich irgendwann angefangen hat, kraft der ihm gegebenen Freiheit dasjenige gebührliche Maß in der Verfolgung und auch schon in der Setzung der Zwecke zu überschreiten, welches ihm als Teil eines Ökosystems zugemessen ist.“

    Die Freiheit braucht es dazu nicht. Jede Spezies „versucht“ das ständig, was Sie hier als Besonderheit des Menschen ansehen. Wenn die Füchse könnten, wie sie wollten, würden sie alle Gänse, Kaninchen, Mäuse usw. auffressen, bis sie selbst verhungern müßten. Zufälligerweise steht dem an vielen Stellen der Erde einiges entgegen. Z. B. daß Wölfe oder Krankheiten einen Teil der Fuchspopulation umbringen, so daß diese nicht so schnell beim Vernichten ihrer eigenen Nahrungsgrundlage ist, wie sie es ohne die Wölfe und Krankheitserreger wäre. Oder daß die Kaninchen wegen der Bejagung durch die Füchse so selten geworden sind, daß es sich für die Füchse nicht mehr lohnt, Kaninchen zu jagen; sie streichen sie dann zeitweilig aus ihrem „Suchbild“, und die Kaninchen vermehren sich wieder. Da gibt es noch so allerlei, was den Drang der Füchse, alles zu fressen, was sie brauchen, bremst, ohne daß da doch eine Zweckssetzung "wir wollen unsere Nahrungsgrundlage nicht übernutzen" der Füchse zugrunde liegt. Wo nun überhaupt Nahrung für die Füchse vorhanden ist und wo zufälligerweise genügend Hindernisse deren vollen Jagderfolg verhindern, da gibt es Ökosysteme mit Füchsen. Wo das nicht so ist und die Füchse vollen Erfolg hatten, da gibt es eben keine.

    Also: So rücksichtslos sind nicht nur die Menschen, sondern alle. Die Menschen sind, scheint es, aber im Moment gerade dabei, sich auf diese Wese den Boden unter den Füßen zu entziehen, und sie scheinen die Fähigkeit zu haben, die ihnen langfristig gesehen so nützlichen Hindernisse des Nahrungsgewinnungserfolgs überaus rasch aus dem Weg räumen zu können. Woran liegt es?

    Am technischen Fortschritt, wenn damit die moderne Technik gemeint ist, wohl nicht, bekanntlich waren die Steinzeitmenschen schon überaus erfolgreich darin, ihre eigenen Nahrungsbasis auszurotten. An der Freiheit an sich kann es auch nicht liegen, denn der freie Mensch könnte sich ja zu anderen Handlungen entscheiden, so, daß er sich durch seine ökologisch wirksamen Tätigkeiten nicht selbst schadet. Tatsächlich kann er sich aber (in der Masse) nicht so entscheiden, wie er es täte, wenn er frei wäre. Denn er ist in seinen Entscheidungen nicht frei, sondern daß wird getrieben. Was da treibt, nennt man Kapitalismus. (Heute; manche andere, ältere Wirtschaftssysteme brachten es auf andere Weisen zu ähnlichen Ergebnissen.) Die, die von ihm profitieren, nennen ihn „freie Marktwirtschaft“. Die Freiheit besteht hier darin, daß jeder nicht nur frei seinen eigenen Vorteil verfolgen darf , sondern muß und immer effektiver verfolgen muß und alles andere hinanstellen muß, auch wenn es ihm sinnvoll und wichtig ersceint. Sonst richten ihn nämlich die Konkurrenten zugrunde. Wenn alle wirtschaftlich frei sind, zu tun, was ihnen nützt, dann ist keiner mehr frei, denn jeder wird von den anderen getrieben. Am Ende kommt heraus, was keinem nützt.

    So weit verstehe ich es. Ob sich in dieses System irgendwelche Mechanismen einbauen lassen, die ihm seine Selbstzerstörungstendenz nehmen oder ob dazu das System insgesamt abgeschafft werden müßte (und was das hieße), davon verstehe ich nichts. Darüber streiten die zuständigen Experten (Ökologen sind da Laien). Ich hoffe, sie finden die richtige Antwort.

  4. Klaus Wagner Antworten | Permalink

    "Objektive" Dienstleistungen!?

    Lieber Herr Trepl,
    der Begriff der Dienstleistung tritt in dieselbe Falle, in die Wissenschaftler auch schon beim Waldfunktionenkonzept getappt sind. Es besteht implizit die Annahme, dass die Natur/der Naturhaushalt/das Ökosystem/der Wald objektive (also beobachterunabhängige) Leistungen erbringt. Dies zeigt sich z.B. in den Waldfunktionsplänen der Forstverwaltungen, in denen die Verwaltung häufig mit Hilfe von naturwissenschaftlichen Parametern erhebt, was ein Erholungs-, ein Bodenschutz, ein Lawinenschutzwald usw. ist.
    Vielmehr werden aber von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen sich teilweise widerstrebende Anforderungen an die "Natur" gestellt, die diese mehr oder minder erfüllen kann. Sie sprechen hier zu Recht davon, dass es sich nicht um Leistungen sondern um Verfügbarkeiten handelt!
    Diese von mir geschilderte Problematik ist den Autoren des Millenium Ökosystem Assessment bzw. der von Ihnen kritisierten Studien zur TEEB durchaus bewusst - die Benennung mit Dienstleistung ist daher eine klassische wissenschaftliche Fehlleistung.

    Ich finde Ihren Gedankengang, dass zur Erfüllung unterschiedlicher gesellschaftlicher Ansprüche unterschiedliche "natürliche" Systeme entstehen würden, fruchtbar, um gesellschaftliche Konflikte um Natur zu moderieren, da die unterschiedlichen Interessengruppen dann darstellen müssten, wie sie das bestehende System verändern wollten, wie der zu erstrebende Endzustand sein sollte usw.

    Zum Abschluss möchte ich aber noch eine Lanze für das Konzept der Ökosystemdienstleistungen brechen. Bei vielen Entwicklungsentscheidungen (z.B. Donauausbau) wird mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen der starken Ausbauvariante argumentiert. Hier kann es für eine Entscheidungsfindung hilfreich sind, die nicht mit einem monetären Wert versehenen öffentlichen Güter zu bewerten und somit die Effekte unterschiedlicher Ausbauvarianten monetär zu vergleichen.
    Grüße
    Klaus Wagner

  5. Ludwig Trepl Antworten | Permalink

    @ Klaus Wagner

    Lieber Herr Wagner,

    die Vorstellung, dass „die Natur/der Naturhaushalt/das Ökosystem/der Wald objektive (also beobachterunabhängige) Leistungen erbringt“ war auch in der Landschaftsplanung in den 50er und 60er Jahren allgegenwärtig, ist aber dann – wohlgemerkt fachintern – in Grund und Boden kritisiert wurden. Man sieht, daß das nichts hilft. Vor allem die Ökologen nehmen solche Arbeiten überhaupt nicht zur Kenntnis (können das zum großen Teil gar nicht), doch auch viele Planungswissenschaftler nicht. Erklären kann man das wohl mit der Paradigmentheorie ganz gut.

    Wenn Sie sagen, daß den Autoren des Millenium Ökosystem Assessment die Problematik bewußt war, dann dürfte es aber keine wissenschaftliche Fehlleistung gewesen sein, wenn sie trotzdem etwas tun, von dem sie wissen, daß man es einheitlich nicht darf, sondern politisches Kalkül – ähnlich wie bei „Biodiversität“, einem Begriff ohne wissenschaftlichen Gehalt, aber sehr gut geeignet, im umweltpolitischen Diskurs einer der beteiligten Seiten Vorteile zu verschaffen.

    Wenn Sie meinen, eine Lanze für das Konzept der Ökosystemdienstleistungen brechen zu müssen, so scheint mir das auch diesen Hintergrund zu haben. Eigentlich argumentieren Sie ja hier nicht für das Konzept der Ökosystemdienstleistungen, sondern unabhängig davon für die monetäre Bewertung auch in Fällen, wo sie zwar grundsätzlich problematisch ist, aber die politische Durchsetzungskraft erhöht.

    Herzliche Grüße aus Berlin
    Ludwig Trepl

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